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University of Toronto
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JAHRBUCH
FÜR
ROMANISCHE und ENGLISCHE
LITERATUR
UNTER BESONDERER MITWIRKUNG
VON
FERDINAND WOLF
HERAUSGEGEBEN
Dr. ADOLF EBERT,
PROFESSOK AN DER UNIVEK.SIÄÄT LEIPZIG.
VIERTER BAND.
LEIPZIG:
F. A. BROCK HAUS.
1S62.
Inhalt.
Seite
Ueber einige bei der Kriti-k der traditionellen schottischen Balladen
zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Erster
Artikel) 1
Ariost's Nachahmung der Alten; von /. B. Bolza 16
Weitere Beiträge zur Geschichte des Romans im spanischen Süd-
Amerika; von Ferdinand Wolf 35
Die Handschriften der Escorial- Bibliothek aus dem Gebiete der
romanischen Literaturen , sowie der englischen ; von Adolf
Ebert 46
Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia; von Ludwig
Lemcke 70
Fragments inedits d'un lapidaire proven^al; par Paul Meyer ... 78
Kritische Anzeigen:
Etüde sur G. Chaucer, considere comme imitateur des trouveres,
par E. G. Sandras; angezeigt von Adolf Ebert 85
Decameron von H. Steinhöwel, herausgeg. von A. v, Keller;
angezeigt von Felix Liebrecht 106
Sul vivente linguaggio della Toscana, lettere di Giamb. Giuliani,
2" ed.; angezeigt von Adolf Tobler 113
Miscellen :
Englische Redensarten; von Felix Liebrecht 118
Die „Nebulosa" von Joaquim Manuel de Macedo; von Ferd. Wolf Til
Üeber einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen
zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Zweiter
Artikel) 142
Erasmus in Spanien; von Ed. Boehmer 158
Ueber eine italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister;
von Adolf Mussafia 166
Aus einem ungedruckten Commentar zu Dantes Commedia; von
Bergmann 176
Jahresberichte :
I. Die spanische Natiunallitcratur in den Jahren 1860 und 1861 ;
von Mainii-l Mihi ij Fantunais 180
IV Inhalt.
Seite
Kritische Anzeigen :
Das Rolandslied, übersetzt von W. Hertz; angez. von Adolf Wolf 209
Marie de France, übersetzt von W. Hertz; angez. von F. Liebrecht 227
Le tresor de Pierre de Corbiac en vers proven^anx public par
Dr. Sachs; angezeigt von Karl Bartsch 229
Miscellen:
Wiederherstellung des Textes der Villon'schen Ballade de Ihon-
neur franijois; von Nagel 238
Juan de los Tiempos; von Felix Liebrecht 238
Bienenkörbe; von demselben 239
Der Satirendichter Giuseppe Giusti ; von E. Ruth 241
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes; von C \V. M. Grein. 260
Antonio degli Albizzi; von Orlandini 286
Ueber einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen ,
zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Schluss). 297
Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienne; publiee par Gaston Paris. 311
Jahresberichte:
II. Die Nationalliteratur der Vereinigten Staaten von Nord-
Amerika in den Jahren 1860 — 61; von F. A. March . . 318
Kritische Anzeigen:
De los Trovadores en Espana, por Manuel Milä y Fontanals;
angez. von K. Bartsch 331
Dante Alighieri's lyrische Gedichte und poetischer Briefwechsel,
Text, Uebersetzung und Erklärung von K. Krafft; angez.
von L. Lemcke 346
Miscellen :
Ein neues Zeugniss für den historischen Cid; von Ferd. Wolf. 350
Jahresberichte :
III. Die französische Nationalliteratur im Jahre 1861; von Gaston
Paris 353
Die waldensische Bibel; von Griizmacher 372
Komans (Elegie) sur l'emprisonnement du prince de Viane ; par
F. R. Gambouliu 403
Kritische Anzeigen:
Le bestiaire d'amour par Richard de Fournival, suivi de la re-
sponse de la dame; publies par C. Hippeau; Le bei inconnu
ou Giglain, poeme de la table ronde par Renauld de Beau-
jeu, publ. par C. Hippeau; angez. von A. Mussafia . . . 411
Le breviari d'amor de Mat-fre Ermengaud suivi de sa lettre ä sa
soeur, publ. par la Societe archeol. de Beziers; angez. von
K. Bartsch 421
Bibliographie des Jahres 1861; von Adolf Ebert 432
Register 476
Ueber einige bei der Kritik der traditionellen
schottischen Balladen zu beobachtende
Grundsätze.
Als am Schlüsse des ersten Vievtheils des vorigen Jahr-
hunderts, m den Jahren 1724 und 1725, Allan Ramsay
in seinem Teatahle Miscellany und seinem Evergreen die
ersten schüchternen und unbeholfenen Versuche machte,
den Geschmack der gebildeten Klassen seiner Nation
wieder für die so gut wie vergessene Volksdichtung zu
gewinnen, da ahnete er schwerlich, dass er damit den
ersten Hammerschlag in ein reiches Lager des edelsten poe-
tischen Elzes gethan hatte, mit dessen Ausbeutuno- vier
Generationen nach ihm beschäftigt sein würden. Die
Resultate dieser Arbeit von nahezu anderthalb Jahrhun-
derten liegen in einer langen Reihe grösserer und kleinerer,
mehr oder minder werthvoller Sammlungen der alten
epischen und lynschen Volksgesänge der britischen Inseln
vor und unter ihnen haben namentlich die ersteren, die
sogenannten Balladen^ nicht nur in ihrem Vaterlande,
sondern auch diesseits des Canals das Interesse des For-
schers wie des blossen Liebhabers vorzugsweise auf sich
gezogen. Die ihnen gewidmeten Sammlungen bilden allein
eine nicht unansehnliche Bibliothek und es lassen sich
an ihnen die Fortschritte des Geschmackes sowohl wie
Jahrb. f. roui. ii. fiiitl. l,if. IV. 1. i
9 Lemcke
der Kritik in diesem speciellcn Zweige last von .Jahr-
zelnid zu Jahrzehnd verfolgen und studiren.
Ramsay's Sammlungen selbst, sowie einige gleichzeitige,
weniger bedeutende, l)ekunden zwar im Allgemeinen den
Geschmack ihrer Herausgeber, beweisen jedoch zugleich,
dass, gegenüber dem Publikum Thce trinkender undL'Hom-
bre spielender Ladies und Gentlemen, fiir welche sie sam-
melten, nicht eben viel darauf angekommen wäre, wenn
sie wirklich etwas weniger natürlichen Geschmack beses-
sen hätten. Denn jenes Publikum, w^elches durch sie
unvorbereitet aus den Drawing-rooms von Westminster in
die Hütte des schottischen lierdsman versetzt wurde, um
anstatt des correcten blank verse eines Pope oder Addi-
son das tragische Ende einer Lady Maisry oder Fair
Janet, die Grausamkeit einer Barbara Allan, oder die
Erscheimuig Sweet Willies nach seinem Tode aus dem
Munde einer alten Elspat von Craigburnfoot vortragen
zu hören und zwar in einem Metrum, das seinem ver-
wöhnten Ohre beinahe w'ie Knittelverse klingen musste —
dieses Publikum hatte, wie überwältigend der luigewohnte
Eindruck dieser frischen Klänge auf sein Herz auch sein
mochte, doch noch zu wenig klares Verständniss von dem
Grunde dieses Eindrucks, um in allen Fällen das Wahre
vom Falschen unterscheiden und die Arbeit des Heraus-
gebers im Bezug auf das was er gab, einer strengen Prü-
fung unterziehen zu können. Noch schlimmer w^ar es,
dass, dem Geschmacke jenes Publikums gegenüber, der
Herausgeber von Volksdichtungen — auch wenn er intellec-
tuell in der Lage gewesen wäre, seine Pflicht als solcher
ebenso streng zu nehmen, wie wir es in unserer Zeit von
ihm verlangen dürften — nicht nur herccldigt^ sondern selbst
gezwungen war, die Pflicht der Treue gegen sein Original
in vielen Fällen zu verletzen. Er musste, w^enn der plötz-
liche Gegensatz gegen die bisherigen Gewohnheiten des
Publikums nicht abschreckend oder mindestens erkältend
wirken sollte, sich diesen Gewohnheiten anbequemen und
sich daher mit seinem Texte namentlich in Bezug auf
Darstellung und Ausdruck Freiheiten erlauben, die erst
der geläutertere Geschmack und die bessere Einsicht
Die traditionellen schottischen Balladen. 3
einer späteren Generation als Entstellungen erkannte.
Was Allan Kamsay in dieser Beziehung gesündigt hat,
kommt daher ausschliesslich auf Rechnung seiner Zeit.
A\ eich eine grosse, man möchte sagen weltliterarische
Bedeutung die nächste Sammlung, Percy's berühmte
Relicks of ancient English Poefri/, erlangte, welch einen
Einfluss sie auf die Entwickelung der Dichtkunst übte
und welchen gewaltigen Anstoss gerade sie der Weiter-
forschung auf dem Gebiete der Volksdichtung gab, ist
zur Genüge bekannt. Vom grossen Publikum noch im-
mer und mit Recht hochgeschätzt als eine der geschmack-
vollsten Blumenleseh, noch immer nicht entbehrlich als
Quelle, hat doch ihr literarhistorischer Werth von der
heutigen Kritik auf ein bescheideneres Mass zurückgefiihrt
werden müssen, als dasjenige war, welches ihre Zeitge-
nossen ihr zuerkannten. War Ramsay durch den Stand-
punkt des Geschmackes seiner Zeit gezwungen worden,
sich mit seinen Originalen Freiheiten zu nehmen, so
wurde es Percy auch noch durch einen andern Umstand,
durch die schlechte BeschaflPenheit des Manuscriptes, aus
welchem er schöpfte und welches durch die Zeit so be-
denklich gelitten hatte, dass ein grosser Thcil der Stücke
die .bedauerlichsten Lücken zeigte; einige waren ftist
blosse Torsos. Wollte er daher den grössten Theil seines
Schatzes dem Publikum nicht ganz vorenthalten, so musste
er die Lücken durch Nachdichtung des Verlorengegan-
genen ausfüllen, und wenn er dies in den meisten Fällen
auch mit einem Takte und einer angebornen Einsicht in
das Wesen der Volksdichtiuig that, welche ihm noch jetzt
die Bewunderung des Lesers einbringen, so wäre doch
seine Sammlung dadurch für den Literarhistoriker, ohne
die Hülfe späterer Forschungen, für alle Zeiten so gut
wie inibrauchbar geblieben. Dass ihm aber, dessen eigene
Interpolationen im Allgemeinen ein so feines Gefühl für
das Voiksthümliche vcrrathen , manche von denjenigen ent-
gingen, die schon sein Manuseript enthielt und die jetzt
jeder Anfänger in der literarhistorischen Kritik auf den
ersten Blick erkennt, ist ein schwer zu erklärender Wider-
spruch. Von wiiklich wissenschaftlichen Werthefürseinc Zeit
1*
^ Leiucke
waren die seiner iSaaiinlung vorausgesclucklen Abliaiul-
luuüen über die brittisclien Volksdichter, die Minstrels,
Vind über die alten englischen Metrical Roinanoes, in wel-
chen er zuerst tiefer in diesen Gegenstand eindrang inid
die erst in neuerer Zeit durch umfassendere Arbeiten
übertrofl'en worden sind.
Durch Beides, sowohl durch das was in seinem
Buche wissenschaftliche, wie durch das was bloss populäre
Zwecke hatte, war die Liebe für die Volksdichtung beim
Publikum und die Lust zum Weiterforschen auf diesem
Gebiete bei den dazu Befähigten aufs gewaltigste ange-
regt worden. Die bisherigen Sammler hatten fast aus-
schliesslich aus älteren Manuscripten oder Drucken ge-
schöpft. Nunmehr erkannte man es nicht nur für zweck-
mässig sondern auch für nothwendig, sich zu der ergie-
bigeren Quelle der bloss mündliciien Tradition zu wenden,
welche am reichlichsten im Norden des vereinigten König-
reiches floss. Dies geschah zuerst von Herd, der für
seine Sammlung, welche 1769 erschien und 1770 und
1791 wiederholt wurde, zum grossen Theile direct
oder indirect aus dem Munde des Volkes schöpfte und
die Balladenliteratur durch eine Anzahl werthvoller Stücke
bereicherte, leider überall ohne Angabe der Quelle im
Einzelnen, und ohne Kritik Altes und Neues, wie es ihm
vorkam, zusammenwürfelnd. Was seiner Sammlung je-
doch im Vergleich zu den vorhergegangenen zu grossem
Lobe gereicht, ist, dass er sein Material muthmasslich
ganz so wiedergab, wie er es empfangen hatte. Wenig-
stens machte er bei mehreren Balladenfragmenten, die er
in seine Sammlung aufnahm und deren fehlende Theile
erst später entdeckt wurden , keinen Versuch zur Er-
gänzung aus eigner Erfindung.
Zu den bisherigen Balladensammlungen hatte Schott-
land das überwiegend g-rösste Continoent oreliefert. Das
siidliche Schwesterland wollte ungern zurückbleiben. Ver-
suche, auch hier unmittelbar aus der Tradition zu schöpfen,
scheinen damals nicht gemacht, oder, wenn sie gemacht
wurden, nicht gelungen zu sein. Thomas Evans, der im
Jahre 1777 das n\m einmal balladendurstig gewordene
Die traditionellen schottischen Balladen. 5
Publikum mit einer reichhaltigen Sammlung englischer Bal-
laden beschenkte, schöpfte ausschliesslich aus mehreren auf
öffentlichen Bibliotheken betindlichen Sammlungen auf flie-
genden Blättern gedruckter Balladen, namentlich aus den
nach ihren Ve ranstalte i'n so genannten Pepys'schen vmd
Koxburgh'schen Sammlungen. Das Publikum nahm sein
Werk mit grossem Beifall auf. Auch gewährt dasselbe
für eine gewisse Entwickelungsphase der Balladendichtung
überhaupt ein schätzbares Material, wenig oder gar keine
Ausbeute jedoch für die acht volksthümliche ,* wie dies
bei den Quellen aus welchen der Herausgeber geschöpft
hatte, nicht anders sein konnte. Die Gründe davon zu
entwickeln liegt ausserhalb unseres gegenwärtigen Zweckes.
Schottland blieb somit vor der Hand das klassische
Land der Ballade und die mündliche Tradition wurde
die Hauptquelle der Sammler. Die stets zunehmende
Gunst, welche das Publikum dem ächten Volksgesange
schenkte, erweckte jedoch bald die Lust zu Fälschungen.
Das Beispiel dazu gab Pinkerton, der seinen im J. 1781
erschienenen Scottisk Tragic Ballads imd seinen Sehet
Scotfish Ballads (178-5) eine Anzahl von ihm selbst ver-
fasster, die er für acht ausgab, einverleibte, ein Betrug,
den er auch eingestand, nachdem das scharfe Auge des
bekannten Kritikers llitson ihn entdeckt hatte.
Ivitson's grosse Verdienste um die altenglische Li-
teratur sind zur Genüge bekannt und haben ihm selbst
von den zahlreichen Feinden, welche seine Streitsucht und
herbe Rücksichtslosigkeit ihm erweckte, nicht verkümmert
werden können. Seinen AngriiFen gegen Percy benahm
er durch Uebertreibimg und augenfällige Widerspruchs-
sucht (bekanntlich bestritt er anfangs hartnäckig sogar
die Existenz des von Percy gebrauchten Manuscriptes)
selbst den grössten Theil ihrer Wirkung und hielt da-
durch gcwissermassen die Fortschritte der Kritik aul, in-
sofern er die Sympathien des Publikums dem ar;gegritfenen
Thcile zuwandte und eine beiden Theilen gei'echt werdende
Würdigung der Streitfrage verhinderte. Die Gegenwart
kann von ihrem Standpunkte aus unmöglich verkennen,
dass seinen oft einseitigen Behauptungen ein grosser
{') Lenickc
kritischer Takt zum Grunde lag und dass sie die Keime
jener besonneneren, phantastische Conjecturen von sich
weisenden Kritik enthalten, welche seiner Zeit noch un-
willkonnnen war, heut zu Tage jedoch nach ihrem wahren
Werthe geschätzt wird. Die Zahl der in seinen verschie-
denen Sammlungen zerstreuten neuen Beiträge zur ächten
epischen Volksdichtung ist nvir klein, aber die kritische
Schärfe und Gründlichkeit seiner Untersuchungen sowie
seine vunfossende antiquarische Gelehrsamkeit haben zwei-
felsohne ifh hohen Grade läuternd 'auf die Kritik in die-
sem Gebiete gewirkt, und sind indirect und gegen seinen
Willen der von ihm geringgeschätzten ächten Volksdich-
tung, die er selbst nur als rohe Bänkelsängerei betrachtete,
zu Gute gekommen.
Abgerechnet einige o-elescentliche neue Beiträge zu
dem bisherigen schottischen Balladenschatze in verschie-
denen Sammelwerken, unter welchen besonders J. John-
son's The Scots Musical Museum genannt zu werden ver-
dient, erschien bis zum Jahre 1802 wenig für dieselbe.
In diesem und dem folgenden Jahre aber trat in Walter
Scott's Minstrelsy of the Scottish Bordcr eine Sammlung
ans Licht, welche in diesem Zweige der Literatur als
Epoche machend betrachtet werden muss, für das schot-
tische Volk ein wahres Nationalwerk und, wie ein gleich
zu erwähnender neuerer Arbeiter auf demselben Felde ^)
sagt: „ein ebenso edles wie interessantes Denkmal uner-
müdeten Sammlerfleisses, gründlicher Gelehrsamkeit und
feinen Geschmackes des berühmten Herausgebers, Avelches
seinem vollen Werthe nach erst dann wird geschätzt wer-
den können in jener noch im Schoosse der Zukunft schlum-
merden Zeit, wann die interessanten Ueberlieferungen,
die ritterlichen und romantischen Legenden, der phan-
tastische Aberglauben und der tragische Gesang Schott-
lands aus dem Gedächtnisse der Lebenden vollständig
verschwimden sein werden". Scott's Minstrelsy war die
erste grössere Sammlung, welche ausschliesslich aus der
mündlichen Tradition geschöpft war. Von den in ihr
>) Motherwell, Infrod. LXXIX.
Die traditionellen schottischen Balladen. 7
enthaltenen Balladen waren 45 ganz neu, der Kest bestand
aus bisher unbekannten, oder vollständigen Versionen
schon anderswo ganz oder nur fragmentarisch publicirter
Balladen. In Scott vereinigte sich zum ersten Male der
unermiidliche, ja leidenschaftliche Alterthumsforscher und
der hochbegabte Dichter zu dem Werke, die ächten
Volksgesänge seines Vaterlandes der Vergessenheit zu
entreissen. Seine gewissenhafte Treue im Wiedergeben
der empfangenen Tradition, welche anfjings von manchen
Seiten ungerechterweise angezweifelt wurde (denn nun-
mehr sah man bereits in jener Treue die erste Pflicht
eines Herausgebers von Volksdichtungen) ist durch spä-
tere Forschuugen hinreichend dargethan. Dass er hin
und wieder I^ücken durch Ilinzudichtung ausfüllte , darf
man, da er es stets gewissenhaft erwähnte, ungeriio;t
lassen. Dagegen gab er zuerst das gefährliche Beispiel
zu einem Missbrauche, welcher bis auf die neueste Zeit
von fast allen englischen Herausgebern traditioneller Bal-
laden o;ei\bt und von den meisten mit nicht zu besieiren-
der Hartnäckigkeit vertheidigt worden ist, obwohl sich
die strenge Kritik aufs entschiedendste dagegen ausspre-
chen niuss. Hiervon weiter unten.
Scott's nächster Nachfolger war R. Jamieson, dessen
Populär Ballads and Songs (Edinburgh, 1800) den bis-
hei'igen Balladenschatz um beinahe zwanzig ganz neue
Stücke und eine Anzahl neuer Versionen, sämmtlich di-
rect oder indirect der mündlichen Ueberlieferung entnom-
nonnnen, und zum Tlieil von bedeutendem Werth, ver-
mehrte. In der Behandkmg des Textes folgte Jamieson
dem von Scott gegeljonen Beispiele. Wie sein Balladen-
buch als Quellensanniiluug liöchst wichtig war, so hat sich
Jamieson auch um die Geschichte der Balladendichtun»-
ein bedeutendt-s Verdienst erworben durch seine in Ver-
bindung mit II. Weber und W. Scott herausgegebenen
Illustrations of Northern Antiquities (1S14), für welche er
die deutschen, dänischen, schwedischen und isländischen
Balladen, die mit bekannten schottischen einen o-leichcn
oder verwandten Stoff behandeln, übersetzte und mit einer
sehr lehrreichen Einleitung versali. Ilinniit war znni cisteu
8 Lemcke
Male die bis dahin so uut wie ausser Acht f^elasseue
Verbindung eines Theile.s der schottischen Balladen mit
denen anderer nordischen Nationen nachgewiesen und für
die Geschichte der brittischcn Volksdichtung ein ncuci-
Fingerzeig gegeben, dessen Wichtigkeit von den Eng-
ländern und Schotten bei weitem noch nicht gc1)ührend
geschätzt worden ist.
Nach mehreren kleineren Sammlungen, unter welchen
die von Sharpe, Maidmcut und Kinloch als solche genannt
werden müssen, denen die Literatur der traditionellen
Balladen neue und werthvolle Beiträge verdankt, erschien
1827 wieder ein Epoche machendes Werk in W. Mother-
well's Minstrdsy aiicicnt and mnodern^ bis jetzt die bei
weitem bedeutendste Erscheinung auf diesem Gebiete in
wissenschaftlicher Beziehung. Was ihr als Sammlung an
Reichhaltigkeit abgeht, das ersetzt sie doppelt durch die
grosse Wichtigkeit mehrerer der darin mitgetheilten
Stücke, theils bis dahin unbekannter, theils neuer Ver-
sionen schon bekannter Balladen, von welchen einige ein
üranz neues Licht auf den betreffenden Gegenstand wer-
fen. Der wichtigste Theil des Buches aber ist die Ein-
leitung, welche den ersten und bis jetzt bei weitem den
besten Versuch einer zusammenhängenden Darstellung
des Wesens und der Geschichte der schottischen Balla-
dendichtung enthält und ebenso sehr von der gründlichen
Vertrautheit des Verfassers mit seinem Gegenstande, wäe
von seinem kritischen Scharfsinn und seiner geistreichen
Auffassungsweise Zeugniss ablegt. Welch eine umfassende
Kenntniss des Materials den Verfasser zu seiner Mono-
graphie befähigte, zeigt die derselben angehängte voll-
ständige Bibliographie aller bis auf seine Zeit erschienenen
Balladensammluno;en mit zahh^eichen Anmerkunj^en über
alle einzelnen Balladen, ihre Verbindung und ihre ver-
schiedenen Versionen, w^elche die ganze Masse des Stof-
fes überschauen lassen imd die nützlichsten, nur leider
noch immer zu wenig beachteten Winke für die Kritik
enthalten. Schade nur, dass dieser Theil der Arbeit
aber auch zugleich Zeugniss davon gibt, wie manches
augenscheinlich höchst wichtijre Stück, in dessen Besitze
Die traditiuiiellen schottischen Balladen. 9
Motherwell sieh befand, er dem Publikum vorenthal-
ten hat.
Den Beschluss der selbständigen ßalladensamniler
in grösserem Umfange macht P. Buchan, welcher schon
1825 einen kleinen Band Gleanings of Scotch, English
and Irish scarce old Ballads herausgegeben hatte, im
Jahre 1828 mit seinen Ancient Ballads and Songs of the
North of Scotland, einer sehr reichhaltigen, eine bedeu-
tende Anzahl ganz neuer Balladen bietenden Sannnlung,
welche anfangs grosse Hoffnungen erregte, um so mehr
als der Sammler verschiedene bis dahin noch wenig be-
nutzte Distrikte Schottlands für seinen Zweck ausgebeu-
tet hatte. Eine genauere Priifung hat diese Hoffnungen
getäuscht und erkennen lassen, dass bei weitem die mei-
sten der von Buchan mitgetheilten Balladen bedeutend
durch Interpolationen, zum Theil der schlechtesten Art,
gelitten haben und nur in den Fällen einen gewissen
AVerth haben, wo alle anderen Quellen im Stiche lassen.
Ueberschaut man mit einem Blick die Gesammt-
masse dessen, was bis jetzt für die Sammlung imd Her-
ausgabe der schottischen Volksballaden geschehen ist, so
wird man zugeben müssen, dass die Schotten es nicht an
Fleiss und Eifer haben fehlen lassen, die alten Ueberreste
ihrer Volksdichtung der Vergessenheit zu entreissen und
vor dem immer näher drohenden gänzlichen Unteraange
zu bew^ahren. Allem Anscheine nach ist die Quelle der
directen mündlichen Tradition ihrer Erschöpfung nahe
und wenn nicht, was allerdings keineswegs unwahrschein-
lich ist, noch hie und da indirecte Quellen derselben,
d. h. handschriftliche Sammlungen schon früher aus dem
Volksmimde aufgezeichneter Balladen, im Staube von Öf-
fentlichen oder Privatbibliotheken entdeckt werden, so
diirfte der grosseste Theil der auf diesem Boden zu er-
reichenden Ernte als eingescheuert zu betrachten sein.
Schwerlich dürften auch neue Entdeckungen, die etwa
noch gemacht wei'den könnten, geeignet sein, ein völlig
neues Licht über den Gegenstand zu verbreiten und die
Ansichten, welche aus dem bisher bekannt gewordenen
Material «rcwonncn werden können, uinziistossou.
J^Q Lenickc
Es beginnt daher jetzt tVir die schottische Balhiden-
dichtung die Arbeit des Literarhistorikers, d. h. die Aul-
gabe, das gewonnene Material zu sichten, das zeitlicli,
örtlich und stofflich Zusannnengehörige zusammen zu
ordnen, und auf diese Weise einen Ueberblick über den
allniälioren Entwickeluni^siriniüi; der ei^ischen Volksdichtung
in Schottland zu ennöglichen. Es handelt sich, mit einem
Worte, um eine kritische Sammlung, denn ausser den bis-
herigen ist keine einzige, welche auch nur einigermassen
einen Anspruch auf diesen Namen hat. Zwar lässt sich,
wie wir oben gesehen haben, in den bisherigen Arbeiten
ein allmäliser Fortschritt zur richtigen Erkenntniss des-
sen, worauf es ankam, und in Folge davon eine stufen-
weise Besserung in der Behandlung des Gegenstandes
nicht verkennen. In dem Masse, wie das Material
anwuchs, lernten die Herausgeber zunächst die ächte
Volksdichtung von der unächten unterscheiden, dann die
verschiedenen Versionen selbst sichten, die achteren und
besseren mit grösserer Sicherheit bestimmen, Interpola-
tionen herausfinden, und endlich, als Folge dieser besseren
Erkenntniss, den Text in angemessenerer Weise behan-
deln als früher. Aber eine consequente Durchführung be-
stimmter und gesunder kritischer Grundsätze ist in keiner
der bisherigen Sammlungen zu finden. Versuche, denen
eine Ahnung von einer solchen Aufgabe zum Grunde
lag, sind in neuerer Zeit mehrmals gemacht werden, zuerst
im J. 1829 von R. Chambers, auf dessen Arbeit wir un-
ten zurückkommen, 1854 von Whitelaw und endlich in
den letzten Jahren von Child und von Aytouu, über deren
Werke wir uns hier der weiteren Erörterung enthalten
können, da dieselben erst im vorigen Jahre im 2. Bande
des Jahrbuches ebenso gründlich wie einsichtsvoll von
einem tüchtigen Sachkenner besprochen worden sind.
Alle diese Versuche haben, wie auch der trefiliche Refe-
rent über die beiden letzten gezeigt, wohl einen Anlauf
zu einer kritischen Behandlung genommen, sind aber weit
hinter ihrem Ziele zurückgeblieben.
lieber den Grund dieses Misslingens kann demjeni-
gen, welcher die bisherigen Arbeiten der Engländer und
Die traditionellen schottischen Balladen. IX
Schotten auf diesem Gebiete aufmerksam verfolgt hat,
kein Zweifel bleiben. Es ist eben der, dass die literar-
historische Kritik der Engländer im Allgemeinen noch
immer auf einem Standpunkte steht, von welchem aus sie
das Interesse des bloss geniessenden Lesers mehr im
Auge hat, als das Interesse der eigentlichen Wissen-
schaft. Von einer Literaturgeschichte als historischer Dis-
ciphn haben die Engländer im Grossen und Ganzen —
wenige ausgezeichnete Vertreter dieser Richtung abge-
rechnet — noch kein rechtes Verständniss. Die meisten
stehen, selbst wo sie in der Theorie wissenschaftlich zu
sein scheinen, praktisch noch immer vorzugsweise auf
dem rein üsthetisdien Standpunkte oder fallen wenigstens,
oft ohne es zu wissen, wieder auf denselben zurück. Für
den vorliegenden Fall erklärt sich dies noch ausserdem
durch den Umstand, dass mehrere und gerade die aus-
gezeichnetsten und eifrigsten Balladensammler selbst Dich-
ter waren. Die Encrläiider sind sehr ""eneioft, gerade die-
sen Umstand als eine Empfehlung mit Bezug auf den
Zweck anzusehen und wir sind weit entfernt, die grossen
Vortheile zu verkennen, welche er ganz besonders für
die Sammlung des Materials hat. Auch können wir es
in Deutschland, wo überhaupt schon der wissenschaftliche
Standpunkt das richtige Gleichgewicht mit andern hat,
nur als ein sehr glückliches Zusammentrefi'en ansehen,
wenn sich zu Zwecken wie der hier in Rede stehende,
der Dichter \uid der Forscher in einer Person vereinigen.
In England jedoch scheint uns da, wo es sich um die
wissenschaftliche Ausbeute aus dem Gewonnenen, na-
mentlich um die historische Scheidung desselben handelt,
der Dichter weniger an seinem Platze. Selbst der tüch-
tige Motherwell macht mehr als einmal einen Unterschied
zwischen dem Freunde der Dichtkunst und dem was er
den „Antiquary" nennt, in einer AVeise, welche zeigt,
dass er das Interesse des letzteren mit Bewusstsein hin-
tenansetzt. Ja er wirft einige Male (z. B. Introd. LXXXIII,
!)1) sogar einen spöttischen Seitenblick auf ihn, und liat
mehr als ein augenscheinlich höchst wichtiges Stück aus
seinen Samndungen bloss deshalb dem Leser vorenthalten.
12 Lcmcko
weil dasselbe eigentlich nur Interesse für den „Antiquary"
gehabt hätte. Er vergisst dabei ganz, oder vielmehr, er
hat auf" dem Standpunkte der englischen Kritik noch kei-
nen Begrifi' davon, dass der wissenschaftliche Literatur-
historiker ebenso gut ein ,,Antiquary" ist, wie derjenige,
welcher sein Studium alten Wafien, Münzen u. s. w.
widmet und dass er daher eine Berücksichtigung seines
Interesses zu fordern hat. Und doch nimmt Motherwell,
in Bezug auf wissenschaftlichen Geist, den ersten Platz
unter den schottischen Balladensammlern ein. Kein Wun-
der daher, wenn andere den Anforderungen der Wissen-
schaft noch weniger Rechnung getragen haben.
Einen eclatanten Beleg hierzu bietet zunächst dieje-
nige Behandlung des Textes der Balladen, welche, wie
schon oben kurz angedeutet, von W. Scott eingeführt
und von den meisten seiner Nachfolger nachgeahmt wor-
den ist. Diese Behandlung besteht in dem was die Heraus-
geber von Balladen mit einem Euphemismus „Collationi-
rung" nennen, d. h. die Aufnahme einzelner Verse oder
ganzer Strophen, ja ganzer Strophenreihen einer Balladen-
version in eine andere. Anfangs hatte dies Verfahren
nur den Zweck, schon als acht erkannte aber lückenhaft
erhaltene Balladen durch Aufnahme des Fehlenden aus
einer andern Version zu vervollständigen, und zu diesem
Zwecke angewandt, verdient es, namentlich wo es sich nur
um die Ausfüllung kleiner Lücken handelt, eine mildere
Beurtheilung. Wie aber ein Missbrauch, wenn ihm nicht
zu rechter Zeit Einhalt geschieht, sehr bald riesenhafte
Dimensionen annimmt, so ist auch dieser in neuerer Zeit
bis zu dem vermessenen Unternehmen angewachsen, durch
Zusammenstellung einzelner herausgesuchter Stücke der
verschiedensten Versionen eine angeblich ächte und u,r~
sprüngliche Version herstellen zu wollen. Dass ein sol-
ches Verfahren, zu dem nur die bodenloseste Anmassung
inspiriren kann, von einem gänzlichen Verkennen des
Wesens der traditionellen Volksdichtung zeugt inid ge-
radezu eine schwere Versündigung an derselben ist, dass
es aber auch wissenschaftlich unter allen Umständen ver-
werflich ist, weil es der historischen Sichtung die grössten
Die traditionellen schottischen Balladen. 13
Schwierigkeiten in den Weg legt, ja, dieselbe in manchen
Fällen unmöglich macht, das sind so nahe liegende Wahr-
heiten, dass sie dem deutschen Kritiker gar nicht erst zu
(xemüthe geführt zu werden brauchen; trotzdem aber
wollen sie den Engländern noch immer nicht einleuchten.
Der einzige Motherwell spricht sich mit seinem gewohnten
richtio-en kritischen Takte aufs schärfste und entschic-
denste gegen das „Collationiren" aus, ist aber freilich prak-
tisch mit seiner eigenen Ansicht in Widerspruch gerathen,
indem er selbst das Verfahren, wenngleich nur bei einer
kleinen Anzahl der von ihm publicirten Balladen und
in massvollster Weise, in Anwendung gebracht hat.
Also auch hier eine Concession des Forsc/iers cm den
Dilettanten! Bis zum Widersinn hat aber 1\. Chambers
diesen Missbrauch getrieben, der die einzelnen Balladen
seiner 1829 erschienenen Anthologie aus fast allen vor-
handenen Versionen zusammenschmolz und dadurch wahre
Missgeburten schuf, welche im Grunde den bloss ge-
niessenden Leser ebenso anwidern müssen , wie den wis-
senschaftlichen Forscher. Dennoch aber erklären die
Engländer the merits of Ins collection für well knoirfi and
generally acknowledyed. So wenigstens spricht sich Ay-
toun aus (The Ballads of Scotland, Vol. I, Introd. LI),
der seiner Balladensammlung ganz dasselbe Princip zum
Grunde legte, und wenn er es auch weit taktvoller be-
folo-te, seinem Buche doch dadurch fast allen Werth für
die Wissenschaft geraubt hat. Von dem Grade seiner Ein-
sicht in das, worauf es der letzteren ankommen muss,
zeugt die Argumentation, womit er das CoUationirungs-
verfahren gegen MotherwelFs strenges Verdammungsur-
theil vertheidigt. Ein Herausgeber, meint er u. A., der
MotherwelFs Grundsätze befolgen wolle, würde gezwun-
gen sein, entweder nur die für die beste erkannte Ver-
sion einer Ballade zu geben und in diesem Falle würde
das Balladenbuch elendiglich eingeschrumpft sein (the
ballad-book would be miserably shorn) oder er müsste Alle^
geben, was ihm unter die Hände komme und „in this
case the ballad-book would be s wollen into such dropsi-
cal diniensions, tliat few would have cared to \r>ok on
14 Lemcke
its hloated surfacc". Für das Mittel zwischen beiden
Extremen hält er das Collationiren; denn da die ver-
schiedenen Versionen einer IJallade nur die im Laufe
der Zeit durch die Tradition entstandenen Modilica-
tionen einer Urballade seien, so sei in ihnen das
Material zur Herstellung der Urform gegeben und müsse
durch ein verständiges Collationirungs verfahren (a judi-
cious attempt of collating) gefunden werden. Abgesehen
davon, dass es mindestens noch sehr zweifelhaft ist, ob
alle oder die meisten Balladen von Anfang an nur in
einer Form existirten, fällt es Aytoun nicht ein, dass es
selbst dem etwas mehr als oberflächlichen Leser sehr
daran gelegen sein kann, der Wissenschaft aber vor al-
len Dingen daran gelegen sein muss^ die verschiedenen
Veränderungen, selbst Verschlechterungen, welche eine
Ballade im Laufe der Zeit erfahren hat, an den verschie-
denen Versionen kennen zu lernen und dadurch ein Bild
des Entwickelunsrsfjansfes der Dichtuno^ zu i>ewinnen,
ebenso wie es z. B. für einen Architekten nicht weniger
interessant als belehrend ist, an einem erst im Laufe von
Jahrhunderten zur Vollendung gebrachten Gebäude, etwa
dem Dome von Mailand, die verschiedenen Stilarten und
Geschmacksrichtungen der einzelnen Bauperioden zu studi-
ren; dass ferner die Versionen einen selbständigen AVertli
haben, welchen zu bestimmen der wissenschaftlichenl^ritik
vorbehalten bleiben muss; dass diese Kritik eben in jener
literarhistorischen Werthbestimmung besteht, nicht aber
in einer noch dazu höchst precären Herstellung einer an-
geblichen Urform. Es wäre dies doch in der That nicht
anders, als wollte man vorschlagen z. B. alle Gebäude
im Renaissancestil niederzureissen, und das was etwa an
ihnen noch gothisch ist zur Restauration schadhafter go-
thischer Bauwerke zu verwenden. Denn in der That
gleicht der CoUationirungsunsinn ganz und gar einem
solchen Verfahren. Und wem sollte denn, abgesehen von
allem Anderen, bei den ausserordentlichen Schwierigkei-
ten eines solchen Unternehmens das Collationirungswerk
mit Sicherheit anvertraut werden, eine Arbeit bei welcher,
wie wir weiter unten sehen werden, das subjective Ge-
Die traditionellen schottischen Balladen. 15
fühl fast die alleinige Richtschnur sein kann, bei welcher
Missgrifie auf Schritt und Tritt beinahe unvermeidlich sind,
deren Endresultat daher in den bei weitem meisten Fällen
nur eine Verfälschung sein kann? Die Wahrheit ist,
dass die Wissenschaft ein derartiges Geschäft in Niemandes
Hände legen kann und darf. Die Volksdichtung ist etwas
historisch Geivordenes und historisch wieder ZerfaUeiies.
Ihre Producte müssen in der Gestalt, wie sie noch zu
finden sind, dargeboten und angenommen werden, das
blosse Fragment sowohl wie das vollständig erhaltene
Stück, und dem Kritiker bleibt dabei nur die mit hinrei-
chenden Schwierigkeiten verbundene Aufgabe, schon früher
stattgefundene Verfälschungen und Versetzungen heraus-
zufinden vmd bemerkbar zu machen, besonders aber von
den verschiedenen Versionen die besten und literarhistorisch
wichtigsten auszuwählen und als ebenso viele Monumente
des Entwickelungsganges der Dichtiuig neben einander
zu stellen, das werthvolle Fragment nicht minder als das
vollständige Stück. Für den blossen Kunstliebhaber, der
seinen Salon schmücken will, ist freilich der Arm einer
Statue nichts, ein Winkelmann aber wird den Finder
eines solchen reichlich dafür belohnen.
Ein auf diese Weise hergestelltes Balladenbuch wird
aber eben das von Aytoun gewtinschte Mittel zwischen
den Extremen allzu grosser Dürftigkeit und allzu grosser
Ausdehnung halten.
L u d w ig L e m c k e.
(Sclilnss im nächsten Hefte. )
K; Boizti
Ariost's Nachahmnno- der Alten.
Dom Schreiber dieser Zeilen kam unlänocst die Ab-
liandlung „Zur Geschichte der italienischen Poesie" zur
Mand, welche vor mehreren Jahren von Ranke in der
Akademie der Wissenschaften zu Berlin gelesen wurde ').
Nachdem der gelehrte Verfasser darin flüchtig die Quel-
len berührt, aus welchen Ariost die in seinem (3rlando
Furioso eingeflochtenen Fabeln schöpfte, und darauf hin-
gedeutet, in welcher sinnreichen Weise der Dichter auch
die Mythologie benutzte, schliesst er mit den Worten:
„Zwar wollen wir nicht mit einigen italienischen Gelehr-
ten den Ruggiero von dem Achill, Karl von Latinus,
Rodomont von Turnus, Melissa von der Juturna her-
leiten'-^); allein unmöglich ist es, in der Befreiung der
Angelica von dem Meerungeheuer duich den mit Flügel-
pferd und Zauberschild ausgerüsteten Helden, Perseus
und Andromeda, in der Olimpia, welche Biren auf der
Insel verlässt, Ariadne, in Medor den Nisus (soll wohl
heissen: den Euryalus), im Orco ein furchtbares Nachbild
des Polyphem, zu verkennen." Den Freunden italienischer
und lateinischer Poesie dürfte wohl die nachfolgende
Durchführung jener Stellen, in welchen Ariost dem Vir-
gil, Ovid, Statins und Anderen nachahmte, und zwar
manchmal so, dass die Nachahmung zur Uehersetzung
wird, nicht unwillkommen sein.
Die zwei bereits in Bojardo's Orlando innamorato
vorkommenden Brunnen (C. I. St. 78) di divcrso efetto^
') Berlin 1837. In den Abhandl. der Akad. der Wissensch.
') Ranke scheint die Meinung jener italienischen Gelehrten nicht
ganz richtig aufgefasst zu haben, indem er annimmt, dass dieselben
Ruggiero von Achill, Karl von Latinus u. s. f. herleiteten; während sie
lediglich bemerkten, dass in einzelnen Stellungen der eine mit dem
anderen eine gewisse Aehnlichkeit habe. Dass diess in Bezug auf
Karl und Latinus, Melissa und Juturna, Turnus und Rodomont, auch
wirklich der Fall sei, wird man im Verlauf dieses Aufsatzes sehen.
Aiiost's Nachalmiung der Alten. ]^7
wovon der eine empie il core dfamoroso disio^ der andere
aber bewirkt, dass chi ne bee senza amor rimane, erinnern
an Ovid's (Met. I. 468) duo tela diversorvm opcrum^
von welchen fugat hoc, facit illud mnorem.
IL
Indem Virgil (Aen. VI. 75G) von Anchiscn's Schat-
ten dem Aeneas seine Nachkommenschaft im Elysium
zeigen lässt, nimmt er darans Anlass seinem Gönner
Augustus zu schmeichehi. Auf gleiche Art benutzt Ariost
eine Begebenheit aus dem bekannten Heldenromane Giron
le Courtois ') um ebenfalls der Bradamante ihre und
Kuggiero's zahlreiche Nachkommenschaft vorzuftihren,
und hierbei (C. III. St. 24) das Lob seiner Gönner, des
Herzogs Alfons und des Cardinais Ippolit von Este zu
singen.
III.
Wie Aeneas am Hofe der Dido in unriihmlichem
Miissiggange seine Zeit verliert, nee proleni Ausoniam et
Lavinia respicit arva (Aen. IV. v. 2-L56), so weilt Rug-
giero, seiner Braut uneingedenk, am Hofe der Alcina
(C. VII. St. 18); und wie dort (IV. 2G6) Mercur den
1) Dem Giron le Courtois entnahm Ariost, einzelner Stellen nicht
zu gedenken, Folgendes:
1) Die ganze Geschichte der Gabrina. Im französischen Romane
erzählt der fremde Ritter dem Giron von sich und der Dame , die er
gebunden mit sich führt, ungefähr dasselbe was (Ar. C. 21. St. 11)
Ermonidc dem Zerbino von Filandro und der abscheulichen Gabrina
erzählt; nur dass die falsche Anklage, welche die Dame gegen den
unbekannten Ritter vorbringt, im Furioso, von Gabrina nicht gegen Fi-
landro, sondern später gegen Zerbino ins Werk gesetzt wird. Der böse
Streich aber, welchen die Unholde in den darauf folgenden Kapiteln
des Giron dem Brehus spielt um ihn zu verderben , wird im Furioso
(C. 2. St. 70 ff.) dem Pinabello gegen die Bradamante zugedacht.
2) Die Geschichte der Lydia und ihres Undankes gegen Alcestc,
welche jener der Tochter des Königs von Norhomberland und des
Ritters Phebus in allen l'>inzelheiten gleicht. Endlich
3) Den Kampf der Marfisa, zuerst gegen den neuen Ritter, dann
mit Guidon selvaggio (Ar. C. 19. St. 80 ff.), welchem der Kampf
(Jiron's gegen die zwanzig Ritter und den Herrn vom Thurnie zum
N'orbild diente.
Jaliil). f. roin. ii. cn'A. Lif. IV. 1.
2
J8 Bolza
Aeneas, rüttelt hier Melissa den Kuggiero aus seiner Be-
täubung auf. Auch in Tasso's Gerusalemme liberata
(C. XVI) kommt etwas Aehnliches vor, avo Ubaldo den
in den Fesseln der Zauberin Armida schmachtenden Ri-
naldo mahnt, zum christlichen Heere zurückzukehren.
Nicht ohne Interesse dürfte die Hervorhebung des Untci'-
schiedes sein, welcher die Reden der drei Boten kenn-
zeichnet. "Während Virgil und sein Nachahmer, Tasso,
bei den kurzen Ansprachen Mercurs und Ubaldo's, keinen
Augenblick die Würde vergessen, welche ihnen eigen ist,
und sich Ubaldo kaum eine leichte Ironie erlaubt; fällt
Melissa, am Anfange und am Ende ihrer, acht Stanzen
langen Rede, den Ruggiero mit bitterem Spotte an, und
lässt sich, freilich in der Gestalt seines ehemaligen Er-
ziehers, des Atlante, Ausdrücke entschlüpfen, welche zu
derb, ja fast gemein genannt werden müssten, wenn sie
nicht eben durch die von ihr angenommene Gestalt,
und durch die Eage, welcher sie Ruggiero entreissen will,
gerechtfertigt erschienen.
IV.
Wie Ranke ganz richtig bemerkt, ist die Befreiung
der Angelica durch Ruggiero (C. X. St. 96 flf.) ein Eben-
bild der Rettung der Andromeda durch Perseus (Met. IV.
663 ff.) ; selbst das Zauberschild Ruggiero^s hat in seiner
Wirkung eine grosse Aehnlichkeit mit jenem des Perseus,
dem Gorgonenhaupte. Folgende Stellen sind sogar wört-
lich übersetzt:
Vidit Abautiades , nisi quod levis aura capillos
Moverat, et tepido luanabant liimina fletu,
Marmoreum ratus esset oims.
Creduto avria che fosse statua finta —
Se non vedea la lagrima distinta —
E l'aura sventolar 1 'anrate chiome.
Manibusqiie modestos
Celasset vultus, si non religata fuisset.
E coperto con man s'avrebbe il volto.
Se uon cran legate al duro sasso.
Aiiost's Nachahmung der Alten. 19
Auch benutzte Ariost bei der Beschreibung der Orca
die zwei im Ovid vorkommenden Gleichnisse des Schiffes
(Met. IV. 706) und der Schlange, welche von einem Adler
überfallen wird (ib. 714).
Ecce velut navis praefixo eoncita i'ostro
Sulcat aquas — —
Sic fera.
Come sospinto suol da Borea od Ostru
Venir lungo navilio a prender porto,
Cosi ne viene — —
La bestia orrenda.
Utque Jüvis praepes vacuo cum vidit in arvu
Pi-aebentem Phoebo liventia terga draconem,
Occupat adversum, neu saeva retorqueat ora ,
Squamigeris avidos figit cervicibus ungues :
Sic etc.
Come d'alto venendo aquila suole
Ch'errar fra l'erbe visto abbia la biscia,
O che stia sopra un nudo sasso al sole
Dove le spoglie d'oro abbella e liscia;
Non assalir da quel lato la vuole,
Onde la velenosa e soffia e striscia,
Ma da tergo Tadugna e hatte i vanni
Accio non se le volga e non l'azzanni:
Cosi ec.
Doch nicht damit zufrieden, fügte er dem letztange-
führten klassischen Gleichnisse ein zweites in seiner
leichten Manier hinzu, indem er die von Ruggiero ge-
plagte Orca mit einem Hunde vergleicht, welcher von
einer zudringlichen Fliege bald in die Augen, bald in
die Schnauze gestochen wird.
Simil battaglia fa la mosca audace
Contra il mastin nel polveroso Agosto ■ — —
Negli occhi il piinge e nel grifo mordace
Volagli intorno e gli sta sempre accosto:
E quel sonar fa spesso il dente asciutto ,
Ma un tratto che gli arrivi appaga il tutto.
Schliesslich muss hier des allerliebsten Bildes aus
Virgil (Aen. XII. 1)1'2) Erwähnung gemacht werden, wel-
ches unser Dichter auf Angelica bezieht.
20 Bol^'i
liidum sanguineo veliiti violaverit ostro
Si quis ebtir, — fales ^il•go dabat oro coloros.
Forza e ch'a quel parlarc ella divegna
Qual e di graim iin bianco avorio asperso.
Die Lage der auf der unbewohnten Insel verlasseneu
ülimpia gleicht allerdings jener der Ariadne, doch weiter
geht die Aehnlichkeit nicht; denn üvid fertigt die letztere
mit dritthalb Versen ab (Met, VIII. 174), während Ariost
seiner Olinipia einen bedeutenden Raum in seiner Dar-
stellung gewährt, und hierzu Bruchtheile aus vier der
Ovid'schen Mährchen benutzt.
1) Die ersten sechs Verse der St. 23. C. X über-
setzte Ariost aus der Geschichte der Ino (Met. IV. ,525).
Imminet aequoribus scopulus; pars iiua cavatur
Fluctibus et tectas defendit ab imbribus iindas ;
Summa riget, frontemque in apertum porrigit aeqnor:
Ocoupat hunc (vires iiisania fecerat) Ino.
Quivi sorgea nel lifo estremo un sasso ,
Cb'aveano l'onde col picchiar frequente
Cavo c ridotto a guisa d'arcu al basso ,
E stava sopra 11 mar curvo e pendente:
Olimpia in cima vi sali a gran passo,
(Cosi la facea Tanimo possente).
2) Die Klagen Olimpia's (C. X. St. 30) sind jenen
der Tochter Niso's (Met. VIII. 113) nachgeahmt.
Quo fugis, inmitis? — —
Nam quo deserta revertar?
In patriam? superata jacet. Sed finge manere:
Proditione mea clausa est mibi. Patris ad ora,
Quae tibi donavi? cives ödere merentem.
Dove fuggi, crudel? — —
Ma presuppongo ancor ch'or ora arrivi
Noechier che per pieta di qui mi porti — —
Mi portera ferse in Gianda, s'ivi
Per te si guardan le fortezze e i porti?
Mi portera alla terra ove son nata,
Se tu con fraude gia nie l'hai levataV
Ariost's Nachahmung der Alten. 21
3) Die falschen Liebkosungen Biren's gegen die junge
Tochter Cimosco's, und die entsprechenden Betrachtungen
des Dichters (C. X. St. 15) entnahm Ariost der Ge-
schichte des Tereus (Met. VI. 472).
Proh superi , quautuni mortalia pectora caecae
Noctis habent! Ipso sceleris molimine Tereus
Creditur esse pius, laudemque a erimine sumit.
Oh soinrao Dio, come i giudicii umani
Spesso oflfuscati sou da im nembo oscuro!
I modi di Bireno, empii e profani,
Pietosi e santi ripiitati furo.
4) Endlich sind folgende, auf das Meerungeheuer
Bezug nehmende Stellen (C. XI. St. 34 und 40) aus der
Fabel der Andromeda (Met. IV. 689—690, 721—722).
Insonuit, veniensque immenso bellua ponto
Eminet, et latum sub pectore possidet aequor.
Gonfiansi l'onde, cd ecco il mostro appare ,
Che sotto il petto ha quasi ascoso il mare.
Vulnere laesa gravi modo se sublimis in auras
Attollit, modo subdit aquis.
Dal dolor vinta or sopra il mar si slancia , — —
Or dentro vi si attuffa.
Dagegen ersetzte Ariost das Ovid^sche Bild eines
von den Hunden gehetzten Ebers (Met. IV. 722)
Modo more ferocis
Versat apri, quem turba canum circumsona terret,
durch das eines wilden Stiers, welchem plötzlich eine
Schlinge um die Hörner geworfen wird (C. XI. St. 42):
Come toro selvatico , ch'al corno
Gittar si senta im improviso laccio ec.
VI.
Vergleicht man die Casa del Sonno des Ariost
(C. XIV. St. {)'>) mit ignaci domus et penetralia Somni
des Ovid (Met. XI. 592), so wird man angenehm von
der Verschiedenheit überrascht, welche, bei Behandlung
22 Bülza
desselben Gegenstandes, zwischen beiden herrscht. Folgt
auch Ariost anfangs seinem Muster, so verlässt er es
doch bald, um seinen eigenen Weg, ja einen entgegen-
gesetzten zu gehen. So ist z. B. b(ü Ovid keine Gestalt
im Hause des Schlafes zu sehen oder zu hören; kein
Wächter hütet die Schwelle, custos in limine malus ', wäh-
rend bei Ariost zu beiden Seiten des Schlafes der
Müssiggang und die Faulheit liegen, an der Thür die
Vergessenheit den Eingang wehrt, imd vor dem Hause
das Schweigen in Filzschuhen die Runde macht, und
Jedem dem es begegnet, von weitem mit der Hand winkt,
sich ja nicht zu nähern.
vn.
Die Verwüstung von Paris durch Rodomont (C. XVII.
St. 9) bietet unserem Dichter eine willkommene Gelegen-
heit, der im zweiten Buche der Aeneis (447, dann 485)
vorkommenden Schilderung des Unterganges von Troja
manches zu entlehnen.
Auratasque trabes , vcteriira decora alta parentum
Devolvunt.
E legne e pietre vanno ad iina sorte,
Lastre e colonne e le dorate travi ,
Che furo in pregio alli lor padri e agli avi.
At domus interior gemitu miseroque tiimultn
Miscetur ; i^enitusque cavae plangoribus aedes
Femineis iilulant: ferit aurea sidera clamor.
Tum pavidae tectis matres ingentibus errant,
Amplexaeque tenent postes, atque oscula figuiit.
Suonar per gli alti e spaziosi tetti
S'odono gridi e feminil lamenti.
Le afflitte donne, percuotendo i petti ,
Corron per casa pallide e dolenti ,
E abbraccian gli usci e i geniali letti.
Besondere Beachtung verdient die Gestalt, einerseits
des Pyrrhus (469), andrerseits des Rodomont (St. 11),
mit dem prachtvollen Gleichnisse einer Schlange, welche,
nach Abstreifung der alten Haut, in vollem Glänze
Ariost's Nachahmung der Alten. 23
prangt, und verjüngt und kräftiger als je, durch ihren
schrecklichen Anblick alle Thiere verscheucht.
Vestibiilum ante ipsum primoque in limine Pyrrhus
Exsultat, telis et luce coruscus ahena:
Qualis ubi in lucem coluber, mala gramina pastus,
Frigida sub terra tumidum quem bruma tegebat,
Nunc positis novus exuviis, nitidusque juventa,
Lubrica convolvit sublato pectore terga
Arduus ad solem , et unguis micat ore trisulcis.
Sta SU la porta il Re d'Algier, lucente
Di chiaro acciar, che'l capo gli arma e'l busto,
Come uscito di tenebre serpente,
Poi c'ha lasciato ogni squallor vetusto:
Del nuovo scoglio altiero, e che si sente
Ringiovenito e piü che mai robusto,
Tre liugue vibra, ed ha ne li occlii il foco :
Dovunqne passa ogni animal da loco.
Als aber Rodomont (C. 17. St. 14, dann C. 18. St. 21),
von Karl und seinen Paladinen gedrängt, sich in die
Seine stürzt, um sich ans andere Ufer zu retten, ist in
ihm Turnus nicht zu verkennen, w^ie dieser am Ende
des IX. Buches der Aeneis, ebenso sein Heil darin sucht,
dass er sich in den Tiber stürzt, der ihn ans andere
Ufer in Sicherheit bringt. Folgende Stellen sind fast
wörtlich aus dem Virgil übersetzt:
Quo deiude fugam? quo tenditis? inquit.
Quos alios muros , quse jam ultra moenia habetis?
Unus homo, et vestris, o cives, undique septus
Aggeribus, tantas strages impune per urbem
Ediderit?
Dove fuggite, turba spaventata?
Non e tra voi chi '1 danno suo contempli?
Che citta, che refugio piu vi resta,
Quando si perda si vilmente questa?
Dunque un uom solo, in vostra terra preso,
Cinto di mura ende non puo fuggire,
Si partira che non l'avrete ofleso,
Quando tutti v'avr'a fatto morire ?
— — Turnus paulatim excederc pugna ,
Et fluvium petere nc partem qua? cingitur uu'la.
24 Bolza
Ma tutta vi)lta cul peii.sicr disiorre,
Dove sia per iiscir via piu siciira.
Capita al fin tlüve la Senna corre
Sotto all'isola, e va fiior dv, le niura.
Ceu sPevuni tiuba leoiK'iu
Quiini telis premit iufensis: at territus ille,
Asper, acerba tuens, retro redit; et neque terga
Ira dare aut vii*tus patitur; nee tendere contra
Ille quidem, hoc cupiens, potis est per tela viros»HK'.
Haud aliter etc.
Qual per le sehe nomadi o massile
Cacciata va la generosa belva ,
Che ancor fuggendo niostra 11 cor gentile,
E minacciosa e lenta si rinselva;
Tal ecc.
VIII.
Dem ürco, wie er im Bojardo und Ariost (C. 17.
St. 29) erscheint, diente zweifelsohne der Homerische
Polyphem (Odyss. IX. 2]()) zum Vorbilde, doch nicht
so, dass man den ersteren unbedingt als eine Kopie des
letzteren anzusehen habe. Polyphem hat, bis auf das ein-
zige Auge, eine menschliche Gestalt; er ist der Sohn
des Poseidon; lebt mit den anderen Kyklopen in einer
Art Gemeinschaft. Der Orco ist, obwohl mit der Sprache
begabt, durch und durch ein Unthier. Die Blendung des
Polyphem, eine Hauptbege1)enheit in der Homer'schen
Geschichte, fällt beim Ariost weg; der Orco ist von
!Natur blind. Auch die List, durch welche die Bettung
herbeigeführt wird, ist bei den zwei Dichtern nicht ganz
gleich. Der Ilauptunterschied zwischen den beiden Fa-
beln besteht aber in den Motiven, aus welchen Odysseus
und Norandin in die Höhle des Ungeheuers eindringen;
und hierin ist die moderne Sage offenbar im Vortheile.
Indem nämlich Odysseus lediglich aus V^^issbegierde, und
die Gefahr nicht ahnend, der er sich aussetzt, hinein-
geräth, geht Norandin, statt sich auf dem Schifte zu ret-
ten, welches ihm die Seinigen senden, rein aus Liebe
zu seiner Frau, einem beinahe sicheren gräulichen Tode
entgegen.
Ariost's Nachahmung der Alten. 25
IX.
Der junge Dardinello, welcher im Kampfe die Sei-
nigen ermuthigt (C. XVIII. St. 50), ist dem Virgil'schen
Pallas (Aen. X. 369) nachgebUdet.
Quo fugitis , socii? per vos et fortia facta,
Per ducis Evandri nomen, devictaque bella,
Spemque meam, patriae quae nunc subit aeniula laiidi ,
Fidite ne pedibus. — —
Mortali urgemur ab hoste
Mortales : totidem nobis animaeque manusque.
State, vi prego per mia verde etade,
In eui solete avef si larga speme.
Deh ! non vogliate andar per fil di spade. — —
Se Almonte merito ch' in voi si serbe
, Di lui memoria , or ne vedro l'efietto ,
lo vedrö (dicea lor) se me, suo figlio,
Lasciar vorrete in cosi gran periglio. — — -
Non han di noi piii vita grinimici ,
Pill d'un' alma non han, piü di due mani.
Hierauf tödten die beiden jungen Helden mehrere
Feinde; doch dauert es nicht lange, dass dem einen
Turnus, dem andern Rinald den Todesstoss gibt. Auch
hier tritt die bereits angedeutete eigene Art der beiden
Dichter hervor. Im Begriffe seinen Spiess gegen Pallas
zu schleudern, welcher ihn mit dem seinigen früher ge-
troJÖPen, aber nicht einmal verwundet hatte, ruft Turnus
ihm, nach langem Zielen, im feierlichen Tone zu:
Adspice nuni raage sit nostrnm penetrabile tclum.
üenau dasselbe ruft Rinald dem Dardinello zu, aber im
leichten Tone, nicht ohne Lächeln:
Rise Rinaldo, e disse: lo vo' tu senta
S'io so mcglio di te trovar la vena.
Den Vers Virgil's, welcher den Schrecken schildert,
der die Krieger des Pallas iiberfällt, als Turnus gegen
ihn vorriickt:
Frigidus Arcudibus coit in praccordia sanguis ,
["ibersctzt Ariost (C. XVIII. St. 151) sicherlich mit iliu-
blick auf die Stelle (Aen. III. 29):
26 Bol/a
Mihi frigidiis hoiror
Mcmbra quatit, gelidusque coit furmidine sanguis,
wie folgt:
Un timor freddo tutto '1 sangue oppresse ,
Che gli Africani aveano intorno al core.
Zum Schlüsse versetzte er hierher (St. 153) das schöne
Gleichniss einer vom Pfluge geknickten Blume, welches
Virgil auf Kuryalus bezieht (Aen. IX. 435):
Purpureus veluti quum flos succisus ai'atro
Languescit rngriens; lassove papavera coUo
Demisere caput, pluvia quum forte gravantur.
Come purpureo fior languendo more
Che '1 vomere al passar troncato lassa,
0 come, carco dl soverchio umore,
II papaver nell'orto 11 capo abbassa.
Man pflegt die schöne Episode von Cloridan und
Medor (C XVIII. St. 1G5, dann C. XIX. 1—15) als
eine Nachahmung jener von Euryalus und Nisus (Aen. IX.
176) zu betrachten, was auch seine Richtigkeit hat. Doch
darf man nicht übersehen, dass Ariost beinahe ebenso
viel als von Virgil, von Statins^) entlehnte, dessen Ge-
schichte des Hopleus und Dymas (Theb. X. 348) aller-
dino-s auch an Virgil erinnert, aber sowohl in der Anlage,
als in den Einzelheiten auf eine gewisse Originalität An-
spruch machen darf, und grosse Schönheiten enthält.
Meister Lodovico nahm aus beiden das Beste, und passte
es so geschickt und glücklich seinen Zwecken an, dass
ich nicht anstehen würde zu behaupten, der Episode von
Cloridan und Medor gebühre vor den zwei älteren
Schwestern die Palme, wollte man von dem Verdienste
der Originalität absehen. Es wird sich die Mühe lohnen.
') Wollte man hier von allen Stellen aus den bekanntesten Heiden-
gedichten Erwähnung machen, welche mit der Episode von Cloridan
und Medor eine Aehnlichkeit haben , so dürften nicht aus der Ilias der
nächtliche Streifzug des Odysseus und des Diomedes , und aus der
Gernsalemrae liberata jener der Clorinda und des Argante vergessen
werden.
Ariost's Nachahmung der Alten. 27
etwas näher nachzusehen, wie sich die drei Erzählungen
zu einander verhalten.
Hopleus vmd Dymas sind durch keine besondere
Charakterisirungr von einander unterschieden:
dilecti regibus ambo ,
Regum ambo comites , qnorum post fiinera raoesti
Vitam indignantur.
Ihre Freundschaft ist kaum durch ein care Dyma
angedeutet: beiden liegt gleich am Herzen, den Leich-
nam des Tydeus,
teneant quem jam fortasse volucres
Thebanique canes ,
nicht auf dem Schlachtfelde unbegraben zu lassen.
Cloridan und Medor sind ebenfalls von dem frommen
Wunsche getrieben, ihres Herrn und Königs, Dardinello,
Leichnam ,
rimaso al piano,
Per liipi e corbi, ohime! troppo degna esca,
ZU bestatten: allein jeder von ihnen hat eine bestimmte
Persönlichkeit, und zwar so, dass der eine mit dem
Virgil'schen Euryalus, der andere mit Nisus eine unver-
kennbare Aehnlichkeit hat.
iSisus erat portae custos , acerrimus armis ,
Hyrtacides, comitem Aeneae quem miserat Ida
Venatrix, jaculo celerem levibusque sagittis:
Et juxta comes Euryalus , quo pulchrior alter
Non fuit Aeneadura , Trojana neque induit arnia ,
Ora puer prima signans intonsa juventa.
Cloridan, cacciator tutta sua vita,
Di robusta persona era cd isnella.
Medoro avea la guancia colorita,
E bianca e grata ne la eta novella;
E fra la gente a quclla inipresa uscita
Non era faccia piü gioconda e bella.
Hat also Ariost das schöne Motiv des Abenteuers
von Statins entlehnt, so folgte er, was die Persönlichkeit
der beiden Freunde betrifft, dem Virgil, jedoch so, dass
er am Anfange d(>r Geschichte ihre Rollen wechselt.
Indem nämlich Cloridan, wie gesagt, dem Nisus, und
Medor dem Euryalus entspricht, gelit bei Virgil von
28 Bolza
Nisus, bei Ariost aber von Medor der Vorschlag aus,
sich ins feindliche Lager zu begeben, was den zarten,
beinahe inädchenhaft geschilderten Jiingling um so in-
teressanter macht. — Dass der blonde weiss- und roth-
wangige Medor keinem Mauren ähnlich sieht, darauf
ninnnt unser Dichter keine Rücksieht.
In der Thebais hat, wie die Episode eingeführt
wird, das Gemetzel der Feinde bereits stattgehabt.
Hopleus und Dymas befinden sich auf dem Schlachtfelde;
der letztere wendet sich an die Cynthia mit der Bitte, sie
möge ihnen zeigen wo der erschlagene König liegt.
Sic ait: Arcanae moderatrix Cynthia noctis,
Si te tergeminis perhibent variare figuris
Numen, et in silvas alio dcscendere vultu ,
nie comes nuper, neraorumque insignis alumnus ,
Ute tuus, Diana, puer (nunc respice saltem)
Quaeritur. Incendit pronis dea curribus almum
Sidus, et adnioto monstravit fiinera cornu:
Apparent campi, Thebaeque , altusque Citheron.
Nicht so bei Virgil und Ariost. In der Aeneis be-
geben sich Nisus und Euryalus zu den Ersten des Heeres,
um sich die Erlaubniss zu dem gefährlichen Unternehmen
auszubitten, welche ihnen mit vielen Aufmunterungs-
worten und Geschenken zu Theil wird. Im Furioso bleibt
dieser Zwischenfall aus; und nun geht's in beiden Ge-
dichten ans Schlachten, wobei Ariost seinem Muster
Schritt für Schritt folgt. Das erste Opfer ist einerseits
Rhamnes
Rex idem , et regi Turno gratis^imus aiigiir,
Sed non augurio potuit depellere pe.stem;
anderseits der gelehrte Alfeo
Medico e mago e pien d'astrologia:
Ma poco a questa volta gli sovvenne.
Aus dem Virgirschen Serranus
illa qiii plurima nocte
Luserat, insignis facie , multoque jacebat
Membra deo viotus: felix si proteniis illuni
Aequasset nocti ludum, in lucemque tulisset!
Ariost's Nachahmung der Alten. 29
macht Ariost
un Grecü ed un Tedosco — —
Che de la notte avean goduto al fresco
Gran parte, or con la tazza, ora eol dadu.
Felici se vegghiar sapeano a desco
Fin che dell' Indo il sol passasse il guado !
Der furchtsame Rhoetus
Pectore in adverso totiim cui comminus ensem
Coudidit assurgenti , et multa morte recepit.
Purpuream vomit ille animam, et cum sanguine niixta
Vina refert moriens;
hat sein Ebenbild in dem miser Grillo.
Troncogli il capö il Saracino audace;
Esce col sangue il vin per uno spillo.
Nun folgt das Gleichniss des hungrigen Löwen im
gefüllten Stalle^):
Impastus ceu plena leo per ovilia turbans,
Suadet enim vesana fames, mauditque, trahitque
Molle pecus mutumqiie metn; fremit ore crueiito.
Nee minor Eiiryali caedes.
Come impasto leone in stalla piena ,
Che lunga fame abbia smacrato e asciutto ,
Uccide, scanna, niangia , e a strazio mena
L'infermo gregge in sua balia condutto. — —
La spada di Medoro anco non ebe.
Bis hierher gehen die zwei Dichter, wie man ge-
sehen hat, Hand in Hand; nun verlässt aber Ariost den
Virgil um zu Statius zuriickzukehren. Euryalus und
Nisus, des Würgens müde, suchen das Weite: Medor,
kaum hofiend, auf dem grossen Schlachtfelde, imter den
vielen Leichen die des Dardinell finden zu können, wen-
det sich zur Luna mit der, der oben angeführten Stelle
des Statius entnommenen Bitte, ihm zu zeigen wo der
Gesuchte liegt. — Auch hier kann ich nicht umhin zu
^) Bei Statius ist es ein Tiger
Caspia non aliter niagnoriim in strage juvencnm
Tigris, ubi immenso rabies placata cruore,
Lassavitque genas, et crasso sordida tabc»
Confudit maculas, spectat stta facta, <l(>lotque
15efeeis.se famcm.
30 ß^i'-^
bemerken dass der Umstand, dass die Worte des grie-
chischen Dyraas über die drei Gestalten der Göttin im
Munde (Jes afrikanischen Medor seltsam klingen müssen,
unseren Dichter wenig künunert.
0 Santa dea, che dagli antichi no.-;tri
Debitamente sei detta triforme,
Ch' in cielo, in terra, e ne l'inferno mostri
L'alta bellezza tua sotto piü forme,
E ne le selve dl fere e di mostri
Vai cacciatrice, seguitando l'orme,
Mostrami ove '1 mio re giaccia fra tanti,
Che vivendo imito tuoi studii santi.
La luna, a quel pregar, la nube aperse
(0 fosse caso , o pur la tanta fede)
Bella come fu allor ch'ella s'offerse
E nuda in braccio a Endimion si diede.
Con Parigi a quel lume si scoperse
L'un campo e l'altro , e '1 monte e '1 plan si vede.
Si videro i due colli di lontano ,
Martire a destra, e Leri all'altra mano.
Auch bei Virgil fleht Nisus, als er seinen Euryalus
von Feinden umringt sieht, die Luna an, doch mit an-
deren Worten, und zu einem anderen Ende:
Tu, dea, tu praesens nostro succurre labon,
Astrorum decus, et nemorum Latonia custos.
Si qua tuis umquam pro me pater Hyrtacus aris
Dona tulit; si qua ipse meis venatibus auxi,
Suspendive tholo , aiit sacra ad fastigia fixi ;
Hunc sine me turbare globum, et rege tela per auras.
Was hierauf bei Ariost folgt ist theils dem einen,
theils dem anderen der zwei lateinischen Dichter entnom-
men. Bei allen dreien werden die Abenteurer von feind-
lichen Reitern überfallen: bei Virgil und Ariost suchen
sie in einem alten Walde der Verfolgung zu entgehen,
was auch dem einen (Nisus und Cloridan) gelingt; doch
kaum wird, bei allen drei Dichtern, der schon in Sicher-
heit Befindliche gewahr , dass der Freund zurückgeblie-
ben ist, so kehrt er um, und greift wie ein Verzweifelter
die Feinde an, bis er der Ueberzahl erliegt. Zum Schlüsse
übersetzt Ariost aus Statins das herrliche Gleichniss der
in ihrer Höhle von Jägern angegriffenen Löwin, welche
Ariost s Nachahmung der Alten. 31
Ariost aber zu einer Bärin macht, — während Virgil
mit dem lieblichen bereits angeführten Bilde der vom
Pfluge geknickten Blume schliesst.
Ut lea quam saevo foetam pressere cubili
Venantes Numidae, natos erecta superstat
Mente sub incerta, torvum ac miserabile frendens.
lila quidem turbare globos, et frangere morsu
Tela queat, sed prolis amor crudelia vincit
Pectora, et a media catulos circumspicit ira.
Come orsa, che Talpestre cacciatore
Ne la pietrosa tana assalito abbia,
Sta sopra i figli con incerto core,
E freme in suonö di pieta e di rabbia :
Ira la invita e natural furore
A spiegar l'ugne e a insanguinar le labbia,
Amor la intenerisee, e la ritira
A riguardare ai figli in mezzo all'ira.
Zuletzt will ich nicht unterlassen auf den befriedi-
genden Ausgang hinzudeuten, den die Geschichte bei
Ariost in Bezug auf Medor nimmt. In den beiden latei-
nischen Heldengedichten finden beide Freunde den Tod :
im Furioso stirbt nur der muthige aber rohe Cloridan,
welcher um sich zu retten die dem Medor so theure
Bürde, den Leichnam Dardinello's, abwirft, indem er
bemerkt:
Che sarebbe pensier non troppo accorto
Perder duo vivi per salvare uu morto;
Medoro aber,
fedele e grato
Ch'in vita e in niorte ha '1 suo signore amato ,
wild nur verwundet, und findet später für seine Liebe
und Treue in den Armen der schönen Angelica den ver-
dienten Ivohn.
XL
Der Schrecken erregende Ruf der Zwietracht (C 27.
St. 101) ist jenem der Alecto (Aen. VII. 515) nach-
oeahmt :
Contreuiuit nemus, et silvae intonuere profund;ic.
Audiit et Triviae longa lacus; audiit amnis
Sulfurea Nar albus aqua, fontesque Velini ;
Kt trepidae inatres jirossere ad pectora natos.
32 Bt>lza
Tiemu Tarigi e torbidossi Sennn
AU'alta voce, a quell' orribil grido;
llimborabo il suon fin alla selva Ardeniia ,
Si clie lasriar tutte le fere il nido.
Udiron FAlpi e il nionte di Gebeiina ,
Di Blaja e d'Arli e di Roano il lido:
liodano e Sonna udi , Garonna e il Rcno;
Si strinsero le madri i ligli al seiio.
XII.
Der Senapo oder Pretejanni (C. XXXIII. St. 106)
ist eine Kopie des thrakisclien Königs Phineus, dessen
Geschichte im Apollonius und noch ausführlicher im
4. Buche der Argonautica des Valerius Flaccus zu lesen
ist. In Bezug auf die Harpyen sind noch die entspre-
chenden Stellen aus Homer mid Ovid, namentlich aber
jene aus Virgil (Aen. III. 215) und Dante (Inf. C. XTII)
zu A^erffleichen.
xiir.
Der Schlauch, in welchem Astolf den ,,fiero Noto"
längt (C. XXXVIII. 50), erinnert au jenen, welchen
Aeolus dem Odysseus mit auf die Reise gibt (Odyss. IL 19),
xmd die Steine, welche sich in Pferde verwandeln
(ib. 33), sind eine Kopie der von Deucalion und Pyrrha
geworfenen Steine, die zu Menschen werden (Met. I. 400).
Sasa (quis hoc credat, nisi sit pro teste vetustas)
Ponere duritiem coepere, suumque rigoi-era,
I^Iollirique mora, mollitaque ducere formam.
I sassi , fuor di natural ragione
Crescendo, si vedean venire in giuso ,
E formar ventre e ganibe e collo e niuso.
XIV.
Wie Aeneas und Latinus (Aen. Xll. St. 112), gelo-
ben Kaiser Karl und Agramant (C. XXXVIII. St. 51)
ihrem Streite durch einen Zweikampf ein Ende zu machen;
und wie bei Virgil Juturna in der Gestalt des Camertes,
bewirkt bei Ariost Melissa in der Gestalt des Eodomont,
dass der Vertrag gebrochen wird, nur mit dem Unter-
schiede, dass bei dem ersteren die Störung noch vor
Ariost's Nachahniinig der Alten. 33
dem Anbeginn des Kampfes stattfindet, während derselbe
im Furioso bereits begonnen hat. — Auch in der Geru-
salemme liberata findet sich eine ähnliche Lage. Als
Argant im Kampfe gegen den vom Himmel beschützten
Raimund sich offenbar im NachtHeile befindet, kommt
ihm die Hölle zu Hülfe, indem Oradiu von der Schein-
gestalt der Clorinda irre geführt, meuchlerisch einen
Pfeil gegen Kaimund schleudert, und so den Zweikampf
unterbricht
XV.
Die feierliche Bestattung Brandimarte's und Orlando's
Trauerrede am Sarge des Freundes (C. 43- St. ITo) sind
ein Seitenstück zu der Todtenfeier des Pallas und der
Trauerrede des Aeneas (Aen. XI. 36). Auch der Schmerz
und das Weheklagen Evander's (ib. 147) finden ein Ent-
sprechendes in dem alten Bardino.
XVI.
Ist Ariost an mehreren Stellen seines Gedichtes dem
Virgil gefolgt, so nimmt er keinen Anstand, auch den
Schluss desselben von ihm zu entlehnen. Die Aeneis
schliesst mit dem Kampfe des bonus Aeneas (Aen. XII.
697 ff.) mit Turnus, und des letzteren Tode. Ebenso
macht dem Furioso der Kampf des buon Kuggiero mit
Rodomont, und dessen Tod ein Ende. Die Schlussverse
Ariost's sind eine Umschreibung der von Virgil.
Ast illi solvuntur frigore raenibra ,
Vitaque cum gemitu fugit indignata .';ub umbras.
Alle sqnallide ripe d'AcheroiUe ,
Sciolta dal corpo piii freddo che ghiaccio,
Bestemmiando fuggi Talma sdegnosa
Che fu si altera al mondo e s\ orgogliosa.
Beachtenswerth ist auch hier der Unterschied, wel-
cher sich zwischen den zwei Dichtern zeigt. Virgil
bereitet von weitem den Leser auf die Katastrophe vor.
Ein Spuk schüchtert, als böses Omen, den dem Tode
Geweihten ein. Juturna, des Turnus Schwester und gu-
ter Genius, muss ihn, dem Winke Jupiter's gehorchend,
.lalirb. f. ruiii. u. engl. \At. IV. 1 Q
;-^4 Bolza. Ariost's Nafliahmung der Altoii
verlassen. Nach Art der llomcr'sclicn Helden, fordert
Aeneas mit Scheltworten den Gegner zum Kampfe heraus,
worauf Turnus beinahe mit den Worten des sterbenden
Patroklos antwortet. Nun folgt die, ebenfalls dem Homer
entnommene Geschichte des schweren Steines; die tödt-
liche Verwundung des Turnus; sein Flehen, wodurch
Aeneas auf dem Punkte ist sich erweichen zu lassen;
der plötzlich aufflammende Zorn des Siegers beim An-
blicke des von Turnus dem Pallas geraubten Schmuckes,
endlich des Turnus Tod. Hier ist Alles dem griechischen
Muster nachgebildet: wie anders im Ariost! Weder dem
Ruggiero, noch dem Rodomont steht irgend eine höhere
Macht zur Seite. Nachdem Bradamante, Ruggiero's
tapfere Frau, und die ersten unter den Paladinen sich
umsonst bemüht haben, den Ruggiero dahin zu bringen,
dass er einem von ihnen die Zfichtioruno; des übermii-
thigen Barbars überlasse, beginnt, ohne viele Umstände,
und ohne dass die Gegner auch nur ein Wort mit ein-
ander wechseln, der Kampf; und nun erhält der Leser
eine Beschreibung desselben, die nicht weniger als sechs-
undzwanzig Stanzen einnimmt, und ein in allen Einzel-
heiten vollständiges Bild der im Mittelalter üblichen
Zweikämpfe gibt, welche zu Ariost's Zeit öfters in Tur-
niren nachgeahmt wurden, bei denen die Gewandtheit in
der Fechtkunst fast mehr als Körperkraft galt. Das
Stechen, Pariren, Schlagen, Stossen, Angreifen, Aus-
weichen, Ringen der beiden Gegner, und die mannich-
faltigen Stellungen, in welche sie im Kampfe zu einander
gerathen, sind so genau und umständlich dargestellt,
dass letztere bei ritterlichen Uebungen, zur Belustigung
der Zuschauer, im Scheinkampfe wirklich ausgeführt
wurden.
Wien. T-w T T> D 1
Dr. J. B. Bolza.
Ferd. Wolf. Zur Geschichte des Komans im span. .Süd-Amerika. 35
Weitere Beiträge zur Geschichte des Romans
im spanischen Süd- Amerika.
Wir haben im zweiten Jahrgang dieses „Jahrbuchs"
(S. 104 fF.) die Einführung des Romans in die spanisch-
südamerikanische Literatur besprochen und gezeigt, dass
diese Kunstofattuno: damals nur noch ihrer äusseren Form
nach zur Erscheinung gekommen sei, indem die Geschichte
der jüngsten Vergangenheit in all ihrer ruhelos unabge-
schlossenen Beweounff und in der noch unabo-eklärten
Erregung der Parteileidenschaft von einem Betlieiligten
halb -memoiren- halb romanartig dargestellt wurde. Dieser
mehr zufällig oder willkürlich gewählten Form fehlte es
daher noch an der eigentlich künstlerischen Weihe, an
der inneren Nothwendigkeit der Gestaltung, an der Be-
herrschung des Stoßes, an der epischen Ruhe imd Ab-
klärung, kurz an alle dem, was den Roman zum Kunst-
werk, zur freien, poetischen Schöpfung, zum von jeder
äusseren Tendenz unabhängigen Selbstzweck und Pro-
ducte der Dichtkunst macht.
Wir haben diese Erscheinung eben als ein Spiegel-
bild der damaligen politischen Zustände von Buenos-
Ayres, als eine Aufwallung der noch so heftig bewegten
Zeitströmung erklärt und sie hauptsächlich als cultur-
historisches Moment gewürdigt. Zugleich sprachen wir
die Hoffnung- aus, dass mit dem Eintritt einer ruhigeren
Entwickeluug der dortigen politischen und geselligen
Zustände auch eine objective künstlerischere Gestaltung
dieser Diclitgattung stattfinden dürfte, für die durch jenen
ersten Versuch weniffstens Bahn gebrochen und das In-
es o
teresse erregt worden war.
Diese Hoffnung ist seitdem zum Theile realisirt wor-
den und zwar von einem Gliede derselben Familie, welche
in MärmoFs ,,Ainalia" die Hauptrolle spielt, nämlich von
der Schwestcrtochter des berüchtigten Dictators Juan
Manoel de Rosas, der Frau Eduarda Gcaxia., geborcMieu
Mancilla^ die unter dem Namen Daniel die beiden nach-
3*
36 Feld. Wolf
stehenden Romane zu Buenos-Ayres im Jahre IBGO heraus-
o-eo-eben hat: Lucia. Novela sacada de la historia ur-
gentina. Imprenta de la Tribuna, 4". 100 S. zweispaltig
gedruckt; und: El Medico de San Luis. Novela original.
Imprenta de la Paz. 8^. 307 S.')-
Den ersteren bezeichnet schon der Titel als einen
vaterländisch -historischen Koman. Er besteht aus einer
kurzen Einleitung (Esposicion) und zwei Abtheilungen
(Partes).
Die Einleitung führt die Hauptpersonen vor: D. Nuno
de Lara, dessen Ziehtochter Lucia, ihren Gatten D. Se-
bastian de Hurtado und Marangore, den Kaziken des
Indianerstammes der Timbües, wie sie sich von Sebastian
Gaboto, dem Entdecker von Paraguay, beurlauben, als
er im J. IfjoO nach Europa zurückkehrte, um Ver-
stärkungen zu holen, während er einen kleinen Trupp
Spanier unter der Anführung der beiden Erstgenannten
zurückliess, um das von ihm erbaute Fort ,,del Espiritu
Santo" zu behaupten, nachdem Marangore feierlich an-
gelobt hatte, mit den Spaniern Freundschaft zu halten
und sie gegen andere Indianerstämme zu schützen.
Aber auch die ganze erste, und zwar die grössere
der beiden Abtheilungen enthält nur Vorgeschichte, die,
in so weit sie auf die eigentliche Handlung sich bezieht,
in einem kurzen Capitel abgethan werden konnte. Hin-
gegen werden mit ermüdender Breite die Kriegs- und
Liebesabenteuer des D. ISuno de Lara in Italien erzählt,
wovon es in Bezug auf die Haupthandlung genügt hätte,
zu erwähnen, dass er in Folge des Versprechens, das er
seinem sterbenden Freunde und Waffengefährten D. Al-
fonso de Miranda gethan, bei seiner Rückkehr nach
Spanien dessen natürliche Tochter Lucia aufgesucht und
bei dem nun gänzlich verwaisten Kinde Vaterstelle ver-
treten habe. Nicht minder breit und mit noch grösserem
1) Wir verdanken der Güte des Herrn vun Gülicli, k. preuss. Ge-
schäftsträgers für die Plata-Staaten, und der k. Bibliothek von Berlin
die Benutzung der in Europa wohl einzigen Exemplare davon, die er-
sterer von der Verfasserin zum Geschenk erhalten und der k. Biblio-
thek mit der Bitte eingesandt hatte, sie uns niitzutheilen.
Zur Geschichte des Romans iin span. Süd-Amerika. 37
Aufwände von Sentimentalität werden die Kinder- und
Mädchenjahre Lucia's, von der Cartilla an bis zu ihrer,
nach vielen unnöthigen Abenteuern endlich erfolgten
Verlobung mit D. Sebastian de Hurtado erzählt.
Erst in der zweiten Abtheilung (von p. G9 an) ge-
langen wir endlich zu dem eigentlichen Anfange des Ro-
mans, zu der Einschiflung D. Nuno's, D. Sebastian's und
Lucia's nach Süd-Amerika; denn der abenteuersüchtige
Sebastian hatte sich von seinem Freunde, dem bekannten
venetianischen Seefahrer Gaboto anwerben lassen, ihn
auf seinen, im Interesse der spanischen Regierung zu
untei'nehmenden Entdeckungsreisen zu begleiten; Lucia
aber und ihr Ziehvater wollten sich nicht von ihm trennen.
Diese Expedition und, anknüpfend an die Exposition, die
Schicksale der von Gaboto an den Ufern von La Plata
unter den Befehlen Nuno's und Sebastian's zurückgelas-
senen Mannschaft bilden den historischen Hintergrund
des Romans; die künstlerische Ver- und Entwickelung
aber die Liebe des Kaziken Marangore zu Lucia, der in
Leidenschaft für sie entbrannt und von seinem, ebenfalls
nach ihrem Besitze strebenden Bruder Siripo , dem bösen
Princii^e des Romans, angetrieben, nach langen Kämpfen
mit seiner edleren Natur den Spaniern die angelobte
Treue bricht und das Fort überfällt, um die Geliebte zu
rauben. In diesem Kampfe fallen aber nicht nur sämmt-
liche Spanier, sondern auch Marangore wird von seinem
Bruder erschlagen, der, nachdem die Heldin all seinen
Schmeicheleien und Anerbietungen widerstanden, sie
zwingt, dem Tode ihres gefangenen Gemahls zuzusehen
und sie selbst endlich den Flammen übergibt.
Diese letztere Partie ist nicht ohne künstlerisches
Interesse und rechtfertigt durch die Charakter- und Sit-
tenschilderungen der Indianer, denen Guevara's bekanntes
Werk^) grossentheils zu Grunde liegt, in der That den
Anspruch auf ein historisch-vatei^ländisches Gemälde. Zu-
>) Giiemra, Historia del Paraguay, Rio de la Plata y Tucumaii.
Buenos-Avres, 1836. fol. (Tome II de la Coleccion do dooumonost
rel. 8 la hist. do las provincia.') del Rio de la Plata").
38 I"'«rd. Wulf
gleich ersieht man aber schon aus der vorstehenden Skizze,
dass die Verfasserin noch keine grosse Meisterschaft in
der künstlerischen Composition und Oekononiie erlangt,
und durch unnöthiges Beiwerk , lange Einleitungen, breite
und oft sehr sentimental gehaltene Dialoge, u. s. w. das
Interesse von vorn herein abgeschwächt und die Geduld
des Lesers oft auf eine zu harte Probe gesetzt hat.
Mit mehr Geschick gemacht, weil auch dem Ge-
schlechte des Autors angemessener, ist der andere Roman,
das Tagebuch eines Arztes von San Luis, worin das Fa-
milienleben der Geixenwart in einer kleinen argentinischen
Landstadt in seinen eigenthümlichen Zügen geschildert
wird.
Die Verf., die schon in ihrem historischen Romane
wohl englischen Mustern gefolgt ist, hat in diesem un-
verkennbar den „Vicar of Wakefield" sich zum Vorbild
genommen. Sie lässt den Helden luid angeblichen Au-
tobiographen selbst einen Schotten, Namens James Wilson,
sein, der mit seiner Schwester Jane nach Siid-Amerika
ausgewandert ist, sich in San Luis mit einer Eingebornen
vermählt und dort niedergelassen hat.
Die Fabel des Romans ist nicht sehr verwickelt, aber
fesselnd und von steigendem Interesse, besonders durch
die treffliche Schilderung und Entwicklung der Charak-
tere, worunter mehrere acht indigene und gewiss nach
der Natur gezeichnete. Ein solcher ist z. B. der blinde
Ziegenhirte und Volkssänger No (für Senor) Miguel, zu«
gleich der Musiklehrer der beiden sehr anmuthig geschil-
derten Töchter des Arztes; ferner der Sergeant Pascual
Benitez, jener wilde Sohn der Pampas (gaucho), der, ein
dreifacher Mörder, doch nur durch den edlen Kern seiner
rauhen Natur dazu hingerissen ward; nicht minder der
von ihm ermordete Stadtrichter (juez de primera in-
stancia) Robledo, alias el Tuerto, der Einäugige, weil
einst ein politischer Gegner bei einer lebhaften parla-
mentarischen Discussion ihm seine Argumente augenfällig
machte, dessen Willkürherrschaft ein schlagendes Beispiel
ist, dass, wo der republikanische Geist fehlt, man durch
die Form gegen den grellsten Despotismus ebenso wenig
Zur Gescliielite des Romans im span. Süd-Amerika. 39
geschützt wird, wie unter dem schrankenlosesten Absolu-
tismus^); denn wie ein ächter tiirkischer Kadi lässt die-
ser freistaatliche Magistrat seinen Secretär in den Kerker
werfen, weil derselbe, von seinen Schlechtigkeiten em-
pört, ihm den Dienst gekündet, der Richter aber ihn
weder entlassen will, noch entbehren kann, da er eben
sein gesetzwidriges willkürliches Gebahren nur zu genau
kennen gelernt hat und im eigentlichen Sinne die rechte
Hand des Einäugigen ist, dessen Ignoranz so weit geht,
dass er kaum seinen Namen unterschreiben kann. Ja die
rohe Gewaltthätigkeit dieses Mannes kann sich erfrechen,
selbst den Arzt, der dem Secretär ein väterlicher Freund
geworden ist, ebenfalls mit gemeinen Verbrechern zusam-
men einzusj)erren , bloss weil er sich erlaubt hatte, für die
Freilassung seines jungen Freundes sich zu verwenden, und,
als der Richter seinen Vorstellungen nur Hohn entgegen-
setzte, sich nicht enthalten konnte, seiner Entrüstung
über ein so schamloses Benehmen Worte zu geben. All
dies war freilich nur dadurch möglich, dass der Richter
an dem Gouverneur (Gobernador) eine Stütze hatte, der
aus Unwissenheit, Feigheit und Schwäche seine Unter-
beamten völlig nach ihrem Belieben schalten und walten
Hess. Auch diese Figur ist sehr ergötzlich und gewiss
nach der Natur gezeichnet.
Dass die weiblichen Charaktere nicht minder gelungen
sind, lässt sich schon von dem Geschlechte des Autors
erwarten; so die Frau des Arztes, eine naiv -kindliche
Natur, dabei eine fromm-gläubige Katholikin und grosse
Verehrerin der Mutter Gottes, von der sie eine beson-
ders hochgehaltene Abbildung besitzt, aber leider nur
Ein Exemplar, und daher untröstlich ist, dass sie nur
Eine ihrer Töchter damit ausstatten kann, bis es denn
ihrem Manne gelingt, auch für die andere Tochter ein
Excujplar davon aufztilinden ; daneben die Schwester des
Arztes, eine schottische, streng bibelgläubige Puritanerin,
1) So sagt die Verfasserin in einer Apostrophe an die jugendliclieii
Volksbeglücicer (p. 263) von dieser Justiz: „porque para un gatieiio la
jvsticia es el alcalde, el Juez de paz, on una palabra, lioiubns i|iie
representan la violacion <le esa misnia justicia".
40 Ferd. Wolf
deren angeborene Herbe noch dadurch gesteigert vvird.
dass ihr Erimtigam und Landsmann Mr. Gifford, ein
Jugendfreund ihres I)ruders, sie verlassen hat, um eine
vortheilhaftere Verbindung im Vaterlande einzugehen; die
aber auch praktisches Christenthnui und Hochherzigkeit
in reichem Masse besitzt, denn nicht nur nimmt sie
Gifford's Sohn v/ohlwollend auf und lässt ihm die Treu-
losigkeit seines Vaters nicht entgelten, als er nacli des-
sen Verarmung von ihm nach Amerika gesandt wurde,
einige Trümmer seines Vermögens mit Hülfe des Arztes
zu retten, worauf Gifford bei der ihm wohlbekannten
Grossmuth seines Jugendfreundes rechnen konnte, son-
dern sie hat auch eine nngeheuchelte Frevide darüber,
dass durch die Vermählung des jungen Mannes mit einer
ihrer Nichten des Vaters Verrath an ihr gesühnt wurde.
Besonders anmuthig sind die Zwillingsschwestern Sara
und Lia , die Töchter des Arztes, und die Wirkungen
der Liebe auf diese reinen Kinder der Natur mit acht
weiblicher Zartheit geschildert; der Roman schliesst näm-
lich mit dem Verraählungsfeste Sara's und des jungen
Gifford und der in nahe Aussicht gestellten Wiederho-
lung dieser Feier durch das andere Paar, Lia und Amancio,
den erwähnten Secretär des Richters, der nach des letz-
teren Ermordung nicht nur frei, sondern auch zu dessen
Nachfolger im Amte ernannt wird.
Der Arzt hatte es sich aber auch zum Grundsatz
gemacht, seine Töchter möglichst einfach und naturgemäss
zu erziehen und sie vor allem zu tüchtigen Hausfrauen
nach der Mutter Muster zu bilden. Bei dieser Gelegen-
heit lässt die Verf. ihn seine, oder vielmehr ihre An-
sichten von dem Charakter der Erziehung und der ge-
sellschaftlichen Stellung des Weibes in diesem Theile von
Amerika aussprechen, und da dies aus solchem Munde
doppelt interessant ist, so wollen wir diese Stelle (p. 43 — 49)
(ranz hierhersetzen :
,,In der argentinischen Republik ist das Weib im allge-
meinen dem Manne weit überlegen; mit Ausnahme einer oder
zweier Provinzen besitzen die Frauen eine bemerkenswerth
schnelle Auffassungsgabe und vor Allen eine ausserordentlich«?
Zur Geschichte des Romans im span. Süd-Amerika. 41
Leichtigkeit, sich, so zu sagen, alles Gute, alles Neue
anzueignen (asimilarse) , das sie sehen oder hören. Daher
rührt der eigenthümliche (singular) Einfluss des Weibes bei
allen Gelegenheiten und Veranlassungen. Demungeachtet muss
man bemerken, dass das Weib, das als Gattin, Geliebte und
Tochter eine unumschränkte Herrscherin (soberana y dueiia
absoluta) ist, als Mutter din-ch eine unbegreifliche Verirrung
seine Macht und seinen Einfluss verliert. Die europäische
Mutter ist die Stütze, die Triebfeder, die Achse, worauf die
Familie, die Gesellschaft beruht. Bei uns stellt im Gegen-
theile die Mutter das Zurückgebliebene, Stillstehende, Ver-
altete dar, wovor die Amerikanerinnen den meisten Abscheu
haben; und je mehr die Söhne auf Bildung Anspruch machen,
an die doch auch die Reihe kommen wird, von ihren Wei-
bern und Töchtern despotisirt zu werden, um desto weniger
halten sie auf die alte Mutter, die ihnen nur von anderen
Zeiten, anderen Sitten spricht. Oftmals hat es mir Schmerz
gemacht, eine so intelligente, kräftige Race eine falsche Fährte
einschlagen zu sehen, die sie zur völligsten socialen Anarchie
führen muss; und indem ich über ein Uebel ernsthaft nach-
dachte, das mit jedem Tage wächst, lernte ich einsehen, dass
das einzige Mittel dem abzuhelfen wäre, die mütterliche Au-
torität als Ausgangspunkt zu stärken, indem man den Kindern
Achtung vor der Vergangenheit einflösst und dahin wirkt,
dass die Eltern nicht, einer thörichten Eitelkeitsregung folgend,
ihre theuersten Prärogativen aufopfern."
,, Der Geist der Unabhängigkeit, welcher diese Völker auf-
regte und ihnen die Idee eingab, sich von Spanien zu eman-
cipiren , gährt noch fort und ist ihr grösstes Uebel. Der
Hass gegen die Autorität einer veralteten und unvernünftigen
Herrschaft, durch «die Alten des Landes (viejos de la tierra)»
repräsentirt, — denn im J. 1810 konnte man fast ohne
Ausnahme die Patrioten an der Fa^be ihrer Haare erkennen
— hat gemacht, dass sie sich einem völlig entgegengesetzten
Extreme hingaben. Krieg gegen Spanien, Krieg gegen diese
Autorität und gegen jede Autorität I So hat die Logik ihrer
Ansprüche diese Völker dahin gebracht, alles Alte, alles Ver-
gangene zu hassen, indem sie diesem Hasse selbst ihre eigenen
Vorfahren, ja ihre Eltern (ä sus majores, ä sus padres), kurz
alles was nicht jung und neu war, zum Opfer brachten. Sie
wandten ihre Blicko nach Frankreich; die Revolution mit
42 Fertl. Wolf
ihrem lorbeergekrönten Haupte, ihren eisernen Füssen und
ihrer bluttriefenden Armee schien ihnen das Höchste der
Vollkommenheit; und jenen erhabenen Wahnsinnigen nachstre-
bend suchten sie das neue sociale Gebäude auf den Trümmern
der alten Colonie aufzubauen. Ein erhabener Irrthum der
Naivetät und des Vertrauens (Error sublime de candor y
buena fe)!"
„Das hiess den Glauben durch den Zweifel lehren, das
Ende ohne den Anfang. Die Söhne Terachteten, was die Vä-
ter gelernt hatten, und wurden, als an sie die Reihe kam,
ebenfalls verachtet, und so pflanzt sich von Generation zu
Generation ein Uebel fort, das mit jedem Tage drückender
wird. Die Erziehung, die man hier den Kindern gibt, und
wenn ich sage hier, so meine ich die ganze Republik, gleicht
dem Aufputze der Bewohner der Pampas von Paraguay (al
atavio del guazo paraguayo) : er hat einen Hut, um zu
grüssen, aber kein Hemde, um seine Nacktheit zu bedecken.
Die Bürschchen (los muchachos) füllen sich die Köpfe mit
Theorien an, die auf das Land in welchem sie leben, unan-
wendbar sind, und bilden sich ein, dass, wie sie aus dem
Collegium treten, sie in London oder Paris sich befinden, und
dass die Maschine des socialen Gebäudes nur auf den Fuss-
tritt wartet, den sie ihr geben werden, um in Thätigkeit zu
kommen; und der Irrthum ist um so grösser, als das was
für den Europäer hindernd, hier erleichternd ist, und umge-
kehrt; so entsteht nur Verwirrung aus der Sucht, ein Mittel
anzuwenden, das das Uebel, woran sie leiden, nur vermehrt."
,,Die Mädchen, ihrerseits zu ZierpupjDen (munecas) erzogen,
kommen bald dahinter, dass Mama und Papa weder französisch
sprechen können noch verstehen; aber es gelingt ihnen nicht
zu entdecken, dass ihre arme Mutter doch vielleicht eine ehren-
werthe Frau ist, die sich für sie, für ihr Piano und für ihr
Englisch und Französisch aufopfert, so zwar, dass sie sich
selbst ihre Strümpfe flickt, um in aller Früh auf den Markt
zu gehen und das für das Mittagsmahl Nöthige einzukaufen,
während die Mädchen ruhig und sorglos die Stunden ihrer
Jugend vei'schlafen. Was den Vater anbelangt, so darf er
von Glück sagen, wenn er eine tüchtige Frau bekommen hat,
die ihm das Vergnügen mit Geduld ertragen hilft, Tag und
Nacht, unausgesetzt arbeitend, in einem Kaufladen oder hinter
Waarenkisten zuzubringen, um seine geliebten Töchter, die so
Zur Geschichte des Romans im span. Süd-Amerika. 43
frisch und üppig wie weisser Kohl (repollos) am Fenster
sitzen, sprechen zu hören: «Der jetzt vorübergeht, ist ein
Dummkopf, ein Krämer!» — als wenn sie sagen wollten,
ein unreines Thier, das nicht beanspruchen darf, angesehen
zu werden; und der arme Vater schämt sich seiner Profession,
durch die er auf eine ehrenhafte Weise sein kleines Vermögen
erworben hat, und es dünkt ihn — seltsame Erscheinung I —
dass seine Töchter Recht haben. Und wie sollten sie es nicht?
Haben sie etwa nicht mehr gelernt als er? Hat er etwa sein
Geld deshalb auf sie verwendet, damit sie so seien , wie er
war? Nein, sie haben Recht, und ach! wie schön, wie lebens-
friech sie sind! Da muss man in der That das Geschäft ab-
schliessen und den Laden verkaufen! — Nicht doch! welch
ein Einfall! Sein ältester Sohn könnte doch . . . Warum nicht
gar; er ist ja so unterrichtet, im Begriff Doctor zu werden,
man könnte sagen ein Gelehrter; wer wird ihn da erniedrigen
wollen; man kann ja nicht wissen, mit der Zeit schreibt er
gar noch ein Journal, wird Mitglied des Convents (convencio-
nal), und dann Minister. — Oh! das ist ja eine ausgemachte
Sache! — Und der arme Alte calculirt und berechnet und
zum erstenmal in seinem Leben hat er eine falsche Bilanz
gezogen; denn die Mädchen werden mit jedem Tage anspruchs-
voller, und freuen sich, dass der Papa nicht mehr hinter dem
Ladentische steht, sondern immer bereit ist, sie hierhin und
dorthin zu führen, während die Mama das Haus besorgt,
scheuert, näht und meist selbst das Essen bereitet . . . und
das alles , damit sie glücklich seien , Aufsehen machten und
Liebhaber fänden. Wie miserabel sind doch die Menschen !
ihre Töchter beachten das alles nicht einmal, sie halten es
für Schuldigkeit, für ganz naturgemäss, Der Jugend gehört
ja das Glück. Wird ihnen etwa Jemand das Recht absprechen,
glücklich zu sein, da sie doch jung und hübsch sind? AVas
liegt daran, wenn die Mutter aus Erschöpfung stirbt, und der
Vater, weil er sich in seiner Rechnung geirrt hat? Sie ver-
heiratlien sich, und dann geht alles nach Wunsch , oder wenn
sie sich nicht verheirathen, nun dann kommt die Enttäuschung
früher oder später, und in ihrerBegleitung Elend und Jammer!" ')
') Bekanntlich findet man ganz ähnliche Zustände auch in Nord-
Amerika; und wenn man heachtet, dass es auch in Europa gerade da
an derartigen Beispielen nicht fehlt, wo die Iridvstrielle)i »ind Commerz
44 Ferd. Wolf "^
Diese Stelle mag zugleich als Probe des Stils dienen,
der im Ganzen einfach und im schlichten Erzählungston,
sich oft zu dramatischer Lebendigkeit oder energischer
Beredtsamkeit erhebt, besonders wenn die Indignation
über die faulen Zustände und sittlichen Gebrechen der
Gesellschaft die Verf. zur bitteren Ironie oder zur ein-
schneidenden Satire hinreisst; in den Dialogen ist er im-
mer den Charakteren der Sprechenden gemäss gehalten,
bis zur localen Färbung.
Noch besonders müssen wir hervorheben, dass jene
sich breit machende Sentimentalität, die wir an dem hi-
storischen Romane der Verf. rügten, in diesem nur sehr
selten belästiget ; auch der Predigerton wird nur sehr
selten angeschlagen, trotzdem dass dieser Roman die
ausgesprochene Tendenz hat, die Sitten zu verbessern,
aber nicht bloss durch pathetische Ermahnungen, son-
dern hauptsächlich durch das viel drastischere Mittel, ein
treues Spiegelbild der Gesellschaft vorzuhalten').
ciellen die vorherrschenden Classen sind, dass auch hier die Empor-
kömmlinge dieser Kreise oft die Bildung die ihnen fehlt, weil sie keine
Zeit hatten sie zu erwerben, durch eine sogenannte glänzende Er-
ziehung ihrer Kinder zu ersetzen und sich selbst dadurch zu heben
suchen, während in der That das oft auch hier nur dazu führt, dass
die Kinder auf ihre Eltern und Wohlthäter mitleidig oder gar verächt-
lich herabsehen, wenn man bedenkt, dass in den nord- und südameri-
kanischen Republiken eben dieselben Classen die bei weitem vorherr-
schenden sind, dass dieselben Verhältnisse hier noch bei weitem häufiger
eintreten, wo für die Meisten Geld erwerben und Aufwand machen die
höchsten Lebensziele und Genüsse sind, so wird man jene Erscheinung
eben nicht unerklärlich finden.
1) Die Treue und Wahrheit der Sitten- und Naturschilderungen
der Verf. wird auch von ihrem Landsmanne-, unserm geehrten Mitar-
beiter, Herrn Juan Maria Gutierrez in einer Beurtheilung dieses Ro-
mans, welche in Form eines Schreibens an die Verf. selbst in der
Tribuna von Buenos-Ayres v. 23 — 24 April 1860 erschien, ganz be-
sonders gerühmt. Der Verf. sagt da u. A.: ,,Sobre todo me llama la
atencion la verdad con que ha descrito la provincia en que pasa la
escena, y la originalidad y exactitnd de algunos de los tipos de su no-
vela" etc. Und an einer andern Stelle: „La novela de vd. es conso-
ladora en su conjunto, muy triste en algunos de sus pormenores. ; Que
ausencia del sentimiento de lo justo, cuanto acto bärbaro cometido por
ignorancia ! cuanto crimen sangriento nos hace vd. presenciav '■» «jue//'/'
Zur Gescliichte des Romans im span. Süd-Amerika. 45
Wir glauben überhaupt, dass die Verf. in diesem
der Gattung des realistischen Sitten- Romans angehörigen
Werke, nicht nur für ihr Geschlecht und ihre Individua-
lität den besten, sondern auch für die Zustände ihres
Landes und den Bildungsgrad seiner Bewohner passend-
sten Weg eingeschlagen hat; denn für ein Volk, das, wie
sie selbst sagt, mit der Vergangenheit völlig gebrochen
hat, ja sie verachtet, das daher weder historischen Sinn,
noch ein eigentlich historisches Selbstbewusstsein hat, wird
der historische Roman noch eine verfrühte Erscheinung,
eine exoterische Curiosität sein.
Wir können nur wünschen, dass die begabte Verl.
auf diesem Wege fortschreite, dass sie ihrer berühmten
Geistesverwandtin in Spanien nachstrebe, damit wie dieses
seinen „Fernan Caballero", die argentinische Republik
einst ihren „Daniel" von der ganzen gebildeten Welt
gefeiert sehe.
Uebrigens verdient schon dieser Roman durch üeber-
setzung unter uns bekannter zu werden ebenso gut, wie
Dutzende von französischen und englischen Producten,
denen diese Ehre (?) mehrfach zu theil geworden ist und
die nicht einmal dessen Reiz haben, in eine neue Welt
uns einzuführen.
copias del natural que hace vd. del juez de San Luis, del gobernador,
del carcelero y del indomable sarjento ! ys?n embargo esa es la verdad;
ese es el estado de la sociedad en la mayoria de la Repüblica, y asi
continuarä siendolo mientras que las escuelas y los templos, la cultura
ä la razon y los sentimientos, no se estienda per las campaflas y las
aldeas.-' Aian. des Herausg.
Ferdinand Wolf.
4(') Kbert
Die Handschriften der Escorial-Bibliothek
aus dem Gebiete der romanisclien Literaturen, sowie
der englischen.
Zu den neusten Erwerbungen der Ilof- und Staatsbiblio-
tbek in München gehört der Codex hispanicus 7G. in kl. fol.,
der auf dem Rücken den Titel führt: Indice (alfabetico) de
los manuscritos castelJanos (y latinos) de la real biblioteea de
San Lorenzo (Escorial).
Dieser Cod. zählt 320 numerirte Blätter, welche alle, die
Seiten zu 34 Zeilen, liniirt sind. Die Handschrift zerfällt in
2 Abtheilungen; der Titel der ersten, auf fol. 1 r°, lautet:
Indice de los Manuscritos Castellanos, por Materias, de la
R^ Biblioteea de S" Lorenzo. Diese Abtheilung umfasst 140 BU.
Der letzte Manuscripttitel, den sie aufführt, ist (fol. 140 v"):
Zarzaparilla, memoria de [1 como debe tomarse u. s. w. , die
einzige Handschrift, nebenher gesagt, welche unter Z ange-
zeigt wird. (Der erste dagegen ist [fol. 2 r°]: Abecedario
virtuoso dirigido al Principe D. Carlos hijo de Felipe IP por
Alonso de Sta Cruz cosmografo mayor de S. M. u. s. w.)
Die zweite Abtheilung beginnt auf fol. 141 r° und ist
betitelt (ebendas.): Indice de los Manuscritos Latinos, por Ma-
terias, de esta R^ Biblioteea de S. Lorenzo. Der erste auf-
geführte Manuscripttitel ist: Abdicatione hereticorum et usibus
eorum, liber nonus de || continet titulos novem u. s. w.
Der letzte (fol. 320 v°): Uxore non ducenda liber de || Va-
lerii Epi ad Rufinum u. s. w.
Dieser Catalog, im J. 1858 durch den berühmten Orien-
talisten M. J. Müller in Spanien gekauft, rührt von einem
Beamten der Bibliothek selbst her, und ist, wie sich schon
hiernach erwarten lässt, wovon sich aber Herr Prof. Müller
durch eine Vergleichung mit dem Originale auch selbst über-
zeugte, eine getreue Kopie des auf der Bibliothek gegenwärtig
gebrauchten. (Uebrigens stimmen die Signaturen mit den von
Bayer in seiner Ausgabe des Nie. Antonio angegebenen voll-
kommen überein.)
Die erste Abtheilung des Catalogs, die ich zum Ge-
genstand eines sehr eingehenden Studiums gemacht habe, um-
Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 47
fasst nun nicht bloss, wie der Titel besagt, die in castilischer
Sprache geschriebenen Manuscripte, sondern auch alle in den
anderen romanischen, sowie die in den germanischen Sprachen
verfassten, welche die Bibliothek des Escorial besitzt. Der
Inhalt der Manuscripte ist der mannichfachste. Die grösste
Zahl gehört ohne Zweifel dem Gebiet der Geschichtswissen-
schaft an, theils als Bearbeitungen, theils als Quellen. Poesie
und Beredtsamkeit nehmen darnach einen hervorragenden Platz'
ein. Geographie, Statistik, Astronomie, Medicin, Bibliogra-
phie ^) u. s. w. sind auch mehr oder weniger vertreten. Die
Handschriften sind nach dem Hauptwort des Titels alphabe-
tisch geordnet^ keineswegs aber nach den Materien geschie-
den — wie man leicht nach der unvollständigen Ueberschrift
dieser Abtheilung des Catalogs denken könnte. Vielmehr sind
alle Manuscripte der Abtheilung ohne Rücksicht auf Inhalt
oder Sprache bloss nach jenem eii?en Princip geordnet. Ist
das Schlagwort bei mehreren dasselbe, so findet innerhalb einer
solchen ganzen Kategorie gar keine weitere Anordnung statt.
So sind z. B. die vielen Handschriften, die unter dem Haupt-
worte Carta oder dem Historia aufgeführt sind, unter sich
weiter gar nicht geordnet. Diese so unvollkommene Einrich-
tung des Catalogs ist bei seiner Benutzung begreiflicher Weise
sehr hinderlich. Wer die Manuscripte einer gewissen wissen-
schaftlichen Kategorie kennen lernen will, muss den ganzen
Catalog durchgehen, und zwar mit Sorgfalt, da die Haupt-
wörter allein oft keine genügende Auskunft geben. — Nicht
selten sind bei den einzelnen Buchstaben Nachträge, „Apendices",
gegeben, in welchen indessen wohl kaum neu erworbene Manu-
scripte verzeichnet worden sind, vielmehr allem Anscheine nach
bloss theils solche, die man aus den dem Catalog zu Grunde
liegenden Verzeichnissen aufzuführen vergessen, theils in Col-
lectivcodices übersehene Manuscripte. Den einzelnen Buch-
staben folgen auch stets ein oder mehrere weisse Blätter. Für
eine Abschätzung der Zahl der Handschriften ist dies nament-
lich beachtenswerth. Die Art der Catalogisirung der einzel-
nen Manuscripte geht aus den folgenden Mittheilungen zur Ge-
') U. a. findet sich ein Catalog deutscher Bücher v. J. 1580 (Cat.
31 v"), und eine „Noticia de la libreria de Cujacio" (Cat. 94 r"). Der
auf die Gründung und Erweiterung der Escorial - Bibliothek selbst
sich beziehenden Handschriften sind nicht weniffo.
48 ' K^^''"'
nüge hervor, denn ich gebe die Titel, wo ich sie voll-
ständig niittheile, buchstäblich genau wieder i); rücksichtlich
der Signaturen sei bemerkt, dass der lateinische Buchstab
sowie das Zeichen & (nicht der griechische Buchstab a,
den fälschlich Hänel an der Stelle des Zeichens, der Abkür-
zung von et, stets gegeben hat) den Schrank, die römische
Zahl das Gefach, die arabische die Nummer des Codex be-
zeichnet; ist überdeni fol. mit einer folgenden Ziffer ange-
führt, so weist dies auf das Blatt des Codex hin, da in ein-
em solchen Falle das Manuscript in einem Collectivcodex sich
findet. In sehr vielen Fällen habe ich neben der Signatur
mit: Cai. . . . auf die Münchener Abschrift hingewiesen'^).
In der folgenden Arbeit habe ich mich, wie schon der
Titel besagt, auf die in den romanischen und der englischen
Sprache verfassten Manuscripte, und zwar im Allgemeinen nur
auf solche die dem Gebiete der Nationalliteratur angehören,
oder doch dasselbe be-treffen — und zu letzteren sind für
jene Zeiten die Uebersetzungen zu rechnen — beschrankt.
Von den germanischen Sprachen ist ausser der englischen nur
noch die deutsche im Cataloge vertreten; das einzige Werk
in letzterer aber, das der Nationalliteratur angehörte, der
Teuerdank ist, nach Knust's Behauptung, keine Handschrift,
sondern ein alter Druck. Die Arbeiten von Plüer'^), HäneF),
Knust '*), Hoffmann^) und Valentinelli ^) , sowie namentlich die
Anmerkungen Bayer's zu seiner Ausgabe des Nicol. Antonio ')
habe ich vornehmlich studirt, und berücksichtigt soweit sie das
von mir in Betracht gezogene Gebiet berührten. Aber von
Bayer abgesehen, der indessen selbstverständlich nur die ca-
stilische und catalanische Literatur ins Auge fasst, waren die
anderen für mein Feld von sehr geringem Belang. Hoifmann's
') Nur die in Cursiv den Titeln vorausgesetzten Namen der Auto-
ren sind selbstverständlich von mir hinzugefügt, um spätere Nach-
suchungen zu erleichtern. ^^) Nur r° habe ich besonders angezeigt,
die Ziffer allein vi^eist stets auf fol. r" des Cat.
2) Catalogus Mss. Bibliothecae Seoraliensis. In Büschiiufa Maga-
zin T. V. (Hamb. 1771) p. 107 ff.
*) Catalogi libror. Mss. qui in bibliothecis Galliae etc. etc. asser-
vantur. ■*) In Pertz, Archiv VIII, p. 809 ff.
*) In: Serapeum 1854, p. 296 ff.
«) Delle biblioteche della Spagna in Sitzungsber. der philos.-hist.
Classe der (Wiener) Akad. der Wissensch. T. XXXIII, p. Q>Q ff. (1860).
^ Madrid 1787.
Die Handschriften der Bibliothek des Eseoinal. 41)
Arbeit ist sehr gründlich, kam aber materiell nicht in Be-
tracht, die anderen ausser Plüer auch nur wenig. Bei Hänel
sind zugleich die Titel sehr unvollkommen gegeben und
manche geradezu fehlerhaft. Plü^r gibt die Titel nach einem
lateinischen Catalog. fast bloss andeutungsweise ohne Signa-
turen, und durch eine Unzahl der stärksten Druckfehler ent-
stellt. So habe ich diesen Vorgängern ausser dem über die
Einrichtung und die Geschichte der Bibliothek von ihnen Dar-
gebotenen wenig zu verdanken, lieber diese gibt Valentinelli
die beste Auskunft, auf den ich hiermit verweise.
Meines Wissens sind viele Titel zum ersten Male von mir
hier mitgetheilt, namentlich der französischen, provenzalischen
und englischen Literatur. Es befinden sich darunter interes-
sante, vielleicht selbst sehr wichtige Handschriften: möchten
dieselben recht bald der Gegenstand einer genauem Unter-
suchung und Beschreibung werden!
Italienische Literatur.
Dante. — Esplicacion 6 comentario para que los Espano-
les puedan leer y comprender la Comedia del Dante Allighieri,
escrita sin nombre de autor ä fines del s. XV. S - II - 13 -
fol - 35. (Cat. 59 v»).
Dies Manuscript scheint das bei Hänel als ,, Dante, la di-
vina commedia; saec. XV. fol." bezeichnete, da die Signatur
auch fast vollständig stimmt, sie ist dort S - III - 13 (III wird
wol ein Schreibfehler für II sein) ; die andere von Hänel
aufgeführte Handschrift der Divina commedia ist vielmehr die
catalanische Uebersetzung Febrer's (s. unten).
Dante. — Monarchia de Dante Allighieri, traducida del
latin en lengua italiana por Marsilio Ficino , escrita en vitelas,
adornada la primera hoja con pinturas y oro, en Florencia
ä 21 de Marzo de 1462. Pertenecio ä D. Diego de Mendoza,
Un cod. en vitelas en 4°. Pasta. & - III - 25. (Cat. 91).
Bei Jlänel nur als „Monarchia" Dante's aufgeführt, nicht
als Uebersetzung Ficino's.
Petrarca. - ~ Triunfo de la fama del Petrarca por Jacopo
di Messer Poggo [wol: por Messer Jac. Poggio] escrito en
italiano, en finisimas vitelas, adornadas sus primeras hojas
con oro y pinturas, häcia mediado del s. XV. En 4" mayor.
Pasta labrada. y - III - 23. (Cat. 132).
.Inliil.. f. r..ni. ii. ''ii-I. Lit. IV. 1. J.
50 Ebert
Die bei H'dnel aufgeführten Sonelti ed altre pocsie Pe-
trarca's (h - I - 10) fehlen in unserm Catalog.
Boccaccio. — Arte de amar de Ovidio explicado por
Juan Bochatio, escr. de muy buena letra por Antonio de
Roma, ano 1388. AI fin estä el texte seguido, y la traduccion
en verso italiano. En pap. en fol. P - II - 10. (Cat. Tjv").
Boccaccio. — Novelas de Juan Boccaccio de Certaldo,
escr. en papel ä med. del s. XV. En fol. Pasta. J - II - 21.
(Cat. 94 v°).
Nach Hänel und Valentinelli eine Uebersetzung ins Ca-
stilische, der Catalog besagt darüber nichts; doch ist es wahr-
scheinlich, weil sonst das ,,e8cr. en italiano" nicht fehlen würde.
(Uebersetzungen der Fiammetta und des Buchs De casibus
princijmm ins Castilische s. weiter unten.)
Libro del Anticristo escr. en verso italiano, en pergam.
a med. d. s. XIV. d - IV - 32. (Cat. 83).
Quexas de un enamorado, y al fin un soneto, escr. en
pergam. en ital. s. n. d. a. ä fin. d. s. XV. S- III -21.
(Cat. 109 v°).
Das Soneto ist: „alla fortuna", wie Cat. 126 v" zeigt.
Alejandro, comedia escr. en lengua etrusca, en prosa,
en pap. d. s. XVI. En 4° menor. b-IV-12. (Cat. 2v").
(Canzoni s. unten in Französ. Lit. unter Canciones.)
Clara, Hipolita. — Los seis primeros libros de la Enelda
de Virgilio, traducidos en verso italiano por Hipolita Clara,
escr. por su misma mano, en pap., en el ano de 1533. 4° men.
f-IV-17. (Cat. 62 v°).
Clara, Hipolita. — Rimas de Hip. Clara, escr. p. mano
de la autora , en ital., algunos sonetos en frances, y uno
solo en castellano, ä princ. d. s. XVI. 4*^ men. b - IV - 24.
(Cat. 123).
Guicciardini. — Advertencias civiles por Guicciardini,
escr. en ital., en pap,, häcia f. d. s. XVI. X - III - 6 -
fol. 327. (Cat. 2).
Spinello da Giovenazzo. — Anales de Messere Mattheo
Spinello da Giovenazzo, copiados de los que estan en poder
del Sr. Miguel Gesualdo; comienzan desde el a. 1247 hasta
1268; escr. en lengua ital., en pap., ä m. d. s. XVI. L - I - 25-
fol. 95. (Cat. 2v°).
Nardi. — Discurso de Jacobo Nardi, por el quäl trata
de persuadir al Emperador Carlos V. la justicia con que los
Die Handschriften der Bibliotliek des Escorial. 51
Florentinos piden su libertad etc., cscr. en lengua ital., en pap.,
häcia m. d. s. XVI. L - I - 9 - fol. 1°. (Cat. 52 v«).
Xardi. — Discurso de Jacobo Nardi, hecho en Venecia
despues de la niuerte de Papa demente VII. el afio 1534
ä instancia de algunos nobles Venecianos para informacion
de las novedades oecorridas en Florenzia desde el a. 1494
hasta el de 1534, escr. en leng. ital., en pap., häcia m. d.
s. XVI. L- 1-9 -fol. 10. (Cat. 52 v°).
Giannotti. — Historia de la republica Florenlina, com-
puesta p, Donato Giannotti, escr. en ital., en pajD. , a pr. d.
s. XVI. Fue concliiida 1534. O - I - 17 - fol. 396. (Cat. 73 v«).
Erste Ausgabe 1721, s. Gamba p. 422.
Fedeli. — Historia de la guerra del Turco contra los
Venecianos desde el a. d. 1563 hasta el 1573, por Fedel Fedeli,
escr. en leng. ital., en pap., a pr. d. s. XVI. En fol. max.
0-1-17 -fol. 1. (Cat. 73 V«).
Historia de Roma desde 320 — 1350, escr. en ital. s. n.
d. a., en pap., ä pr. d. s. XVI. Estä falta al principio.
0-1-17 -fol. 516. (Cat. 73 v°).
Tratado del tirano y tirania y del rey y reino por
Augustino Nipho 6 de Viconovo, escr. en pap., en ital., ä med.
d. s. XV. &-IV-10. (Cat. 130).
Landi, GiiiUo. — Libro de la Grandeza de änimo, escr.
en it. por el conde Giulio Landi que le intitula: „Delle morali
e costumate azioni", consagrado ä la memoria del Emper.
Carlos V, escr. en it., en pap., ä fin. d. s. XVI. 4". d - III - 26.
(Cat. 69 V«).
Corsa, Giacomo. — Diälogo de la confusion de las cien-
cias, por Giacomo Corso, escr. en leng. it., en pap., ä pr. d.
s. XVI. Ä - III - 28 - fol. .38. (Cat. 50).
Corso, Giacomo. — Diälogo de la creacion del mundo,
comp, por Giacomo Corso, dirigido al Cardinale de Monte,
escr. en pap., en leng. it., ä pr. d. s. XVI. 4". & - III - 28-
fol. 1". (ibid.)
Ueborsetzungen aus den Alten.
Ausser den oben erwähnten metrischen Uebersetzungeu :
Vitruvius^ der Uebersetzer nicht genannt, Ende XIV. sehr
schön geschrieben. Perg. fol. (J-II-l. Cat. 5). — Ciirtius,
übersetzt von dem P. Candido Decembre 1438, sehr
schön geschrieben, aber der Anfang fehlt. Cod. en perg.
4*
52 Ebert
fol. (N - III - 3. Cat. 74). — Ferner drei llandsclniften einer
ital. üebersetzung der Hist. nat. des Plinius, von denen zwei
wenigstens durch die Erwähnung der an den König Ferdinand von
Aragonien gerichteten Widmung als das Werk des Crist. Landino
sich kundgeben. Die Titel lauten vollständig nach dem Catalog:
Historia natural de C. Plinio 2° en leng. ital., escr. con
raucho lujo y elegantes pinturas en vitehts, häcia fin. d. s. XV.
Contiene los XI primeros libros y una dedicatoria al rey
D. Fernando de Aragon y de Sicilia. En fol. mayor. h - I - U.
(Cat. 75 v").
Hist. nat. de C. Plinio 2", contiene los diez y ocho pri-
meros libros preeedidos de un prologo dirigido al rey D. Fer-
nando de Aragon. Escr. en vitelas con adornos, en leng. it.,
häc. f. d. s. XV. Fol. mayor. h - I - 3. (Cat. ibid.)
Hist. nat. de C. Plinio 2'\ comprende desde el libro ly
hasta el 37, escr. en ital. adorn. de letras iniciales, häc.
f. d. s. XV. Fol. mayor. h - 1 - 2. (Cat. 77). (Ist wohl die
zweite Hälfte der vorigen Handschrift).
Noch sei erwähnt: Educacion de un Principe, 6 tratado
de como un Rey no puede gobernar sin ciencia, de Plutarcho,
escr. en it., en pap., ä m. d. s. XV. Perg. 4". & - IV - 10-
fol. 1". (Cat. 58).
Eransösische Literatur.
Canciones amorosas en frances, puestas en milsica para
cuatro voces (segun parece), escritas con mucha lirapieza las
notas musicales, en pergam. ä pr. d. s. XV. 4°. V - III - 24.
(Cat. 12).
Canciones francesas e italianas, puestas en mdsica, escritas
en papel, ä pr. d. s. XVI. (Pertenecio ä D. de Mendoza).
4° menor. a - IV - 24. (Cat. 12 v°).
Chartier, Alain. — Diälogo entre quatro, l'acteur, France,
le Peuple, le Chevalier, por Alain Chartier. Escr. en frances,
en pap., ä pr. d. s. XV. X - HI - 2 - fol. 197. (Cat. 50).
Ist offenbar das Q,uadriloge. invectif Chartier's.
Chartier, Alain. — Romance frances por Alain Chartier,
escrito en vitelas ä med. d. s. XV, en prosa. O - I - 14 - fol. 35.
(Cat. 123 v°).
Ob die Esperancel
(Chartier, Alain. — ' Breviario de Nobles, poesia 6 ro-
Die Haudscliriften der Bibliothek des Escorial. 53
niance frances, s. n. d. a. , escr. en vitelas ä med. d. s. XV.
O - 1 - 14 - fol. 22 V. (Cat. 10).
Dass das Manuscript das bekannte Werk Chartiefs ist,
ist um so sicherer, als es mit dem vorhergehenden zusammen-
gebunden.
(Chartier, Alain, — ' Espejo de damas, romance 6 poesia,
en fr., en vitelas ä m. d. s. XV. (Ohne Angabe des Verfassers).
0-1-14 -fol. 27. (Cat. 59 v°).
Dies mit den beiden vorhergehenden zusammengebundene
Manuscript ist offenbar: „Le Mirouer des dames" von Alain
Chartier, vgl. P. Paris, Manuscr. fran^. VII, p- 254, wo dies
Gedicht in einer Sammelhandschrift Chartier's aufgeführt und
als ,,inedit et curieux" bezeichnet ist.
MaroU — Seine Uebersetzung der Metamorphosen , aber
nur das zv^^eite Buch enthaltend, Papierhandschrift in kl. 4°,
nach der Mitte des XVI. Jahrhunderts („en parte negro, bas-
tante mal tratado por el fuego"). f-IV-6. (Cat. 90).
Romance frances, sin nombre de autor, escr. en pergam.,
muy adelantado al siglo XIII. Fol. Pasta encarnada. P-II-22.
(Cat. 123 v°).
Historia de Pontus. Parece como una novela 6 libro de
caballeria, anonimo, escr. en frances ä pr. d. s. XV. X-III-2-
fol. 137. (Cat. 75).
Offenbar der Roman von König Ponthus und der schönen
Sidonie.
Leon coronado, parecen ser romances franceses en prosa
y en verso escritos en dicho idioma, en pap., ä pr. d. s. XV.
Fol. Terciopelo azul. L - II - 23. (Cat. 82 v«).
Ob etwa der Roman von L//o« de Bonrges, welchen
Paris Manuscr. fran^. III, p. 1 ff. aufführt, und der eine
Nachahmung einer Chanson de geste ist? Ueber die Form
des Romans sagt Paris: „il est vrai qu'en general ces vers
sont octosyllabiques; mais souvent l'arrangeur s'est contente
de copier les vers anciens, et nouvent ausui il na pris aucun
Nijin de donner ä ses lignes wie mesure et des consonnances
regulierest'. Es wäre nicht unmöglich, dass dergleichen Verse,
wie die letztgenannten , von dem Verfasser des Catalogs für
Prosa angesehen worden wären. Paris fährt dann fort: ,,Le
plus grand effort de son Imagination semble avoir ete de
couper le recil cn chapitres dont les rubriques sont tres cir-
constanciees". Auch diese Angabe bestärkt unsere Vernui-
54
Kljcrt
thung, und würde zugleicli die Bezeichnung: „romances"
erklären. Auch die von Paris mitgetheilte Inhaltsangabe stimmt
zu unserm Titel. Der Sohn eines vertriebenen Herzogs von
Bourges wird von einer Löwin gesäugt und deshalb Lyon
genannt , nach mannichfachen Abenteuern erobert er sein
Herzogthuni wieder. Eine Episode spielt selbst in Spanien.
Der Roman gehört dem Kreis der Karlsage an. Da die Hand-
schriften von der Chanson de geste sowie von dem Roman
sehr selten zu sein scheinen, hat dies Manuscript vielleicht
besondere Bedeutung.
Le Roman du Jotweneel. — Escr. en vitelas finisimas,
adorn. de vinetas de muy buen gusto, ä pr. d. s. XV. Fol.
S-n-16. (Cat. 80).
S. über dieses Werk Jean de BueiVs Paris, 1. 1. H, p. 130 fl^.
Tratado del Gobierno de Reyes, anonimo, escr. en frances,
en pap., ä pr. d. s. XV. X - HI - 2 - fol. 224 v°. (Cat. 69).
Ist vielleicht das „Gouvernement des Rois et des Princes",
aus dem lateinischen des Gilles de Rome ins Französische
übersetzt von Henri de Gauchy, bei Paris, 1. 1. II, p. 211.
Espejo de ricos y particularmente de los de corte, eom-
puesto por Fr. Miguel Frangois, y fue concluido en Agosto
de 1500, escr. en fr. en vitelas con una hermosa vineta al
principio. Fue hecho para el Archiduque d'Austria y Duque
de Borgona D. Felipe, de quien era confesor el autor. En
fol. max. Z-I-1. (Cat. 59 v«).
Arbol de Batallas dividido en quatro partes; la primera
habla de las tribulaciones de la Yglesia ya pasadas , la segund»
de la destruccion de quatro grandes reynos antiguos , la tercera
de las batallas en general, la quarta de las batallas en parti-
cular; compuesto por Honorato Bonnet Prior de Sallon, escr.
en frances en pap., no muy adelantado el siglo XV. Dirigido
ä Carlos VI , rey de Francia. En fol. Pasta. X - III - 2-
fol. 1°. (Cat. 4 v»).
Vielleicht dieselbe Handschrift, deren Paris 1. 1. V, p. 101
gedenkt (Nr. 7077) als „transcrit en Espagne".
Provenzalische Literatur.
Arbol 6 Breviario d'Amor, en que trata de la esplicacion
del dicho ärbol y sus propiedades, de la esencia de Dios,
Die Handschriften der Bibliuthek des Escorial. 55
de los ängelos buenos y malos, del cielo, de los signos etc.,
escr. en rimas lemosinas por Messer Matfre en el ano del
iiascimiento de J. C. de 1288, en vitelas, adorn. de vinetas
y oro. En fol. en pasta encarnada. S - I - 3. (Cat. 5).
Poesias anonimas, escritas en lenguage gälico provenzal,
en pergam., a princ. del siglo XIII. Esta falte al fin. Cod. en 4"
de figura niuy prolongada, en pasta. M - III - 21. (Cat, 105 v°).
Catalanische Literatur.
Der catalanischen Handschriften, welche durchweg mit
dem Ausdruck ,,lemosinische" bezeichnet werden, sind ver-
hältnissmässig nicht wenige, über 40 nämlich ^). Die meisten
hat auch bereits Bayer in seiner neuen Ausgabe des Nie. An-
tonio, wie ich mich grösstentheils selbst überzeugt habe, auf-
geführt; ich will die wichtigsten kurz namhaft macheu, und
dann einiger, und zwar solcher, die ich bei Bayer nicht
entdeckt habe, ausführlicher gedenken. So finden sich die
Chronik und das Libre de la Saviesa von König Jacob I,
die Chronik Muntaner's und Desclot's, Turmeda's Letrillas
de las cosas qua han de suceder etc. (s. Bayer II, p. 363),
der Crestia des Ximenez und andere Werke desselben (s.
Bayer II, p. 183), sowie die religiösen Schriften des Erz-
bischofs von Valencia, Pedro Pasqual (s. Bayer 1. 1. p. 101,
Anm. 1); ferner der Torcimany des Luis de Aver90, die Poe-
sien des Ausias March.
Nicht angeführt fand ich bei Bayer die Handschrift der
seltenen Chronik von Tomich, welches Werk nach Cambouliu,
Essai p. 66, in Barcelona 1495 gedruckt erschien. Die Hand-
schrift ist unter folgendem Titel aufgeführt: Historia de Espana
y particularmente de la Corona de Aragon hasta el rey
D. Alonso el V., compuesta por Pedro Tomich, en lengua
lemosina, escrita en papel por Luis Rivellas, ano 1493. En
fol. X - II - 10. (Cat. 75).
Ferner: Leyes de Caballeria, de paz y de guerra, por
Berenguer de Puiy , escr. en lemosin en papel, a tines d. s. XV.
Y-III-4-fol. 58. (Cat. 82 v«).
') Sell)t;tver.stäiidlich .sind hierbei die Manuseripte, die zu der
,, Literatur" nicht gehören, als Gesetzsammlungen ete. nicht mit gerechnet.
56 J-'^*^^'-'
Von demselben Verfasser findet sich auch ein ,,Stimaria
de Espana" (wohl: de la historia). (Cat. 127 v°).
Coplas lemosinas y castellanas amorosas, s. n. d. a..
en pap., ä fin, d. s. XV. (Valen poco\ d -II - 10 - ultima hoja.
(Cat. 39).
Propiedades de las yerbas rosemarino, salvia y coriandro,
escr. cn pap., en lemosin, a med. d. s. XIV. G - III - 18-
fol. 12. (Cat. l()6v^')-
Flos Sanctorum, escrito en lengua lemosina, s. n. d. a..
en Vit., ä med. d. s. XIV. En fol. N - II - 5. (Cat. G.5).
Da wohl trotz der nachlässigen Abfassung des Catalogs
sich nicht annehmen lässt, dass dieses Wort die weiter unten
angeführte Uebersetzung sei, ist es vielleicht das Buch, das
Ximenez, der Verf. des Crestia, unter diesem Titel verfasst
haben soll. S. Nie. Ant. II, p. 181, Nr. 366.
Von U eher Setzungen in das Catalanische finden sich die
der göttlichen Komödie von Febrer (escr. en pap. , en Barce-
lona 1428. En fol. L-II-18. Cat. 34 v°); die von Frag-
menten aus Seneca, deren auch Helfferich, Raym. Lull p. 54
Anm., gedenkt (Cat. 39 v°); ferner:
Obras de Valerio Moximo , traducidas en lengua lemosina
por mandado del Cardenal de Valencia, quien las envia (sie)
al concejo de Barcelona, por mano de Bartolome de Canals,
escritor del dicho libro, elegantemente escrito en vitelas ano
de 1395. En fol. max. R-I-11. (Cat. 96 v°).
Von dieser Uebersetzung findet sich hier noch eine andere
Handschrift (h - I - 10. Cat. ibid.), in deren Titel richtiger der
Uebersetzer Antonio Canals und der Schreiber Bartolome ^Ja-
valls genannt wird. (Vgl. auch Bayer, 1. 1. II, p 178.) Der
Titel der zweiten Handschrift enthält noch einiges Bemerkens-
werthe, nämlich: — — „traduc. por Fr. Ant. Canals, ord.
Pred'"._, por mandado del rey D. Juan 1°. Frecede una carta
que el Cardenal de Sabina envio ä Barcelona con este libro,
fecha Valencia 1° de Decienibre de 1395, la respuesta, y otra
carta del traductor al Cardenal". Ausserdem finden sich zwei
Handschriften einer Uebersetzung desselben Buchs ins Castilische
von demselben Ant. de Canals vor, die eine aus dem Jahr 1427,
die andere — defecte — vom Jahr 1430 (h - 1 - 11 und 12.
Cat. 50 v°).
Flos Sanctorum, en el que se contienen las principales
festividades del ano, dividido en quatro partes, traducido del
Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 57
latin al catalan 6 lemosin, anönimo, escr. en pergamino,
ä princ. d. s. XV. En fol. men. N - III - 5. (Cat. 65).
Ob etwa eine auszugsweise gemachte Uebersetzung der
Legenda aurea? Die castilische Uebersetzung derselben führt
auch den Titel Flor es 6 vidas de santos.
Noch sind zu erwähnen eine Uebersetzung, oder dem Titel
nach genauer: „Erklärung" des bekannten Werks des Aegidius
Romanus:
Regimiento de Principes , hecho y compil. p. Fr. Eg. Rom.,
declarado por Fr. Andres Stanyol, carmelita, escr. en lengua
lemosina, ä pr. d. s. XV, en pap. En fol. max. R - 1 - 8.
(Cat. 111b).
Und eine Uebersetzung der Chronik des Martinus Polonus
aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, also sehr bald nach dem
Erscheinen des Originals. (P - II - 18. Fol. Cat. 40).
Sowie eine Uebersetzung der Dialoge der heil. Katharina
von Siena vom Jahr 1546. (Cat. 50).
Endlich ein aus dem Hebräischen wahrscheinlich über
tragenes Werk des bekannten Philosophen und Mathematikers,
Aben Esra:
Juicios de Jas estrellas 6 Astrologia judiciaria, que com-
puso Abraham ha venazera (Ben-ezra) ano 1148, en lengua
lemosina, escr. en pap., ä med. d. s. XV. En fol. N - I - 19.
(Cat. 80).
Ausserdem eine Anzahl erbaulicher Schriften und ein paar
Moraltractate, sämmtlich anonym, zum Theil aus späterer Zeit.
Spanische Literatur.
Dass die Bibliothek des Escurials auf diesem Gebiete
sehr bedeutende Schätze besitzt, ist allgemein bekannt. Der
wichtigsten ist schon öfters gedacht worden , und auch die
minder wichtigen sind zum grössten Theil von Bayer, Rodriguez
de Castro u. A. aufgeführt. Ich werde daher auch hier so
verfahren, dass ich von allen den Handschriften die mir über-
haupt wichtig erscheinen, diejenigen, von denen ich theils weiss
theils wenigstens mit Sicherheit vermuthen darf, dass sie be-
reits als der Escurialbibliothek angehörig genannt worden sind,
nur kurz und andeutungsweise namhaft mache, die dagegen,
von welchen ich in jener Beziehung einen Zweifel hege, mit
ihrem vollen Titel hervorhebe.
58 Kbert
I. Erste Periode, bis zum Anfang des XV. Jahrhunderts.
Besonders reich ist die Bibliothek an Werken Alfons' X.,
s. dieselben bei Bayer, II, p. 78ff.; sie besitzt ferner bekannt-
lich die Castigos seines Sohnes Sancho, sowie die Monteria
Alfons' XI. (s. Bayer II, p. 165); das Gedicht des Juden von
Carrion, die Danza general de la muerte, das Gedicht vom
Conde Fern. Gonzalez, sowie ein paar andere kleinere Ge-
dichte derselben Handschrift (vgl. Wolf, Stud. p. 153 ff.); in-
gleichen die älteren, erst unlängst herausgegebenen Gedichte
vom König Apollonius, der Maria Egypciaca und der Anbe-
tung der Könige (s. darüber Wolf, 1. 1. p. 50); ferner das
Libro del Palacio Ayala's, und zwar in folgender, in mancher
Rücksicht bemerkenswerthen Weise verzeichnet:
Poesias anönimas, pero que se cree sei de Pedro Lopez
de Ayala, segun Bayer. AI principio se leen las notas si-
guientes:
1''^. El autor de estas poesias es Pedro Lopez de Ayala
segun la confrontacion hecha por D. Manuel Abella con otro
exeraplar que tiene la Academia espanola.
2^. NB. Es el famoso libro que Ilaman rbnado de Pa-
lacio, puede suplirse la hoja que falta por otra copia del
siglo XV en 4° que pertenecio ä la casa de Campo Alange
B. J. G.
Estän escritas en pap. , ä fin. d. s. XIV. Diöle ä S. M. D.
Jorge Beteta. En foh h- III -19. (Cat. 105 v°).
Dass diese Handschrift auch die Paraphrase des Hiob
nach dem heil. Gregor enthält, zeigt eine Note Bayer's zu
Nie. Ant. II, 194, Anm. 2. Bemerkenswerth ist die ur-
sprüngliche Bezeichnung der Handschrift als Poesias, die auf
den auch äusserlich losen Zusammenhang der einzelnen Theile
jenes Werks hinweist. Vgl. hierüber vornehmlich Wolf, 1. 1.
139 ff.
Dem Ende dieser Periode scheint ein Gedicht anzugehören,
dem ich sonst nicht begegnet bin:
Las siete edades del mundo escritas en verso y prece-
didas de una dedicatoria dirigida ä una reyna de Castilla que
no nombra: la ultima edad concluye en el tiempo del papa
Gregorio XL No se halla el nombre del autor, el caräcter
de la letra es de mediados del siglo XV, estä adornado de
vinetas de mal gusto. En 4° may. h - II - 22 - fol. 1"^. (Cat. 57).
Die Handschriften der Bibliothek des Esoorial. 59
Welchen Schatz an Chroniken aus dieser ersten Epoche
der spanischen Nationalliteratur die Bibliothek besitzt, ist in
den weitesten Kreisen bekannt worden, indem vornehmlich
ihrer gerade Hänel und Andere gedenken. Um so mehr über-
gehe ich sie hier; dagegen sind die folgenden Prosawerke
wenig bekannt:
Disputa entre un judio y un cristiano, sobre estar ya
abolida la ley de Moyses, escr. en castellano, a fin. d. s. XIII.
en pergam. g - IV - 30 al fin. (Cat. 54).
Schon durch das Alter merkwürdig. Nur Knust hat,
doch ohne genauere Titelangabe, dieses Manuscript angeführt,
1. 1. p. 814 u. 816.
Einer Erzählung vom Kaiser Otas und der Infantin Flo-
rencia, sowie einer andern von Carlos Maynes und der Kai-
serin Sevilla (Sibille), welche ein Collectivcodex des 14. Jahr-
hunderts (h-I-13) enthält, hat kürzlich Wolf zuerst in den
Zusätzen seiner Studien (p. 741) gedacht. Eine andere Er-
zählung desselben Codex finde ich aber dort nicht aufgeführt,
und lasse deshalb ihren Titel folgen:
Cuento muy fermoso de una santa Emperatriz, que ovo
en Roma, et de su castidad, s. n. d. a. , escr. en pergam.,
ci med. d. s. XIV. Fol. h-I-13. (Cat. 43).
Noch ein Cuento findet sich in einer Handschrift späterer
Zeit, er sei hier sogleich angemerkt:
CueHto de las Estrellas, escr. en pap. , s. n. d. a. , des-
pues de med. el s. XVI. En fol. max. h - 1 - 3. (Cat. 43).
II. Das XV. Jahrhundert.
Auch von den Dichtern der Regierungszeit Johann's II.
finden sich, wie bekannt, hier nicht wenige und auch bedeu-
tende Handschriften: so die Arte Cisoria des Marques von
Villena; ferner von Juan de Mena die Coplas contra los siete
pecados mortales, welche Handschrift Bayer nicht aufgefunden
hat (s. II, p. 268, Anm. 2), wahrscheinlich weil sie in einem
Collectivcodex (K - III - 7 - fol. 157) sich befindet; ferner von
demselben die Coronacion, und Coplas in dem folgenden Codex,
auf den Bayer a. a. 0. wohl hinweist , ohne jedoch den Titel
desselben genauer zu geben :
Coplas de Juan de Duenas; pregunta de Jua7i de Mena;
respuesta de Villalpando, y pregunta del mismo al Bachiller
60
Kbert
Altbnso de la Torre, coii la respuesla del Bachiller con olras
coplas, escr. en pap., cn castellano, häcia fin. d. s. XV. Fol.
N-I-13-fol. 1°. (Cat. 38 v°).
Verschiedenes ferner von dein Marques von Santillana
(worunter auch seine Proverbios). Nicht minder finden sich
Alonso de Cartagena (Doctrin. de cab.), Jorge Manrique und
Fern. Perez de Guzman (Gedicht auf Alonso de Cartagena)
vertreten.
Noch weit reichlicher und bedeutender ist der Schatz
prosaischer Werke dieses Zeitraums; rücksichtlich der Histo-
riker verweise ich auch hier ganz auf meine Vorgänger, indem
ich nur die Namen Guzman, Pulgar und Almela hervorhebe,
von welchem letztern namentlich viel sich findet. Auch vom
Faso honroso ist eine Handschrift da; ingleichen Diego de Va-
lera's ,,Libro de la Nobleza e fidalgufa" (N - I - 13. fol.) sowie
die Vision deleitable des Alf. de la Torre. Auch der Corbacho
des erst durch Wolf zu Ehren gebrachten Erzpriesters von
Talavera befindet sich auf der Bibliothek, und die Art wie
er in unserm Catalog aufgeführt ist gibt neue und nicht unin-
teressante Aufschlüsse :
Avisos para precaver ä los jövenes incautos contra los
lazos y artes de las prostitutas. El titulo del libro es el
siguiente: Libro compuesto por Alfonso Martinez de Toledo,
ArcipreKte de Tedaver a, en hedat smja de qtmrenia anos aca-
bado ä 16 de Marzo ano del nascimiento del nuestro senor
J. C. 1438. Sin bautismo sea por nombre llamado Arcipreste
de Talavera donde quier que fuere levado , escrito por Alfonso
de Contreras, en papel, ano 1466. En fol. Pasta negra.
h-HI- 10 -fol. 1«. (Cat. 6).
Hieraus geht also die Zeit der Abfassung des Werks sowohl
als das Geburtsjahr des Verfassers (1398), welches letztere
wenigstens bisher ganz unbekannt war, hervor. Bayer hat
bei dem Namen des Erzpriesters (H, 249) den vorstehenden
Titel nicht, dagegen einen andern aus dem Cataloge aufgeführt.
Es findet sich nämlich auch in unserer Copie unter F das
folgende Werk aufgeführt:
Fados, fortuna, signos y planetas, Tratado contra la
comun fabla de los = compuesto por Alfonso Martinez de
Toledo, Arcediano (sie) de Talavera, escrito en papel por
Alonso de Contreras ano 1466. h-HI-lO-fol. 72. (Cat. 64 v°).
Schon eine Vergleichung der Signatur des letzten Titels
Die Handschriften der Bibliothek des Escorials. Gl
mit der des vorhergehenden liefei-t den offenbaren Beweis für
die Behauptung "Wolfs, dass das von Bayer a. a. 0. aufge-
führte Werk nur der vierte Theil des Corbacho sei. Bayer
fügt seiner Titelangabe die auch von Wolf citirten Worte
bei: „anno, ut ibidem legitur, 1432 ab auctore editus.'-
Entweder liegt nun hier von Seiten Bayer's ein Schreibfehler
vor, oder oben von Seiten des Copisten unseres Catalogs;
denn offenbar bezieht sich Bayer auf die in dem ersteren
Titel gemachte Zeitangabe. —
Ich hebe noch folgende Handschriften von Werken unge-
wissen Alters hervor, von denen ich ausserdem nicht weiss,
dass sie Bayer aufgeführt habe:
Castigos y doctrinas que un sabio daba ä sus hijas ins-
truyendolas para cuando contrajesen matrimonio, en castellano,
escr. al fin. d. s. XV. Esta con el Tostado desde la pagina 85
hasta la 103. a - IV - 5 - fol. 85 v°. (Cat. 31 V ).
Der Tostado ist Alfonso de Madrigal; s. Nie. Ant. ed.
Bayer II, p. 255.
Flores de la filosofia, porque los hombres ricos y men-
guados estudiasen, sacados de los dichos de los filosofos,
anonimo, escr. en pap., ä fin. d. s. XV. & - II - 8 - fol. 27.
(Cat. 65).
Auf den Collectivcodex weist Bayer, die gegebene Sig-
natur desselben anführend , an der Stelle hin , w^o Nie. Ant.
(II, 28) eines Werks: Flores de ßlosoßa gedenkt, welches
unter Alfons VIII. in castilischer Sprache verfasst sein soll. (?)
Libro de flores que es tomado de los dichos de los sabios,
s. n. d. a., escr. en pap., ä fin. d. s. XV. X - II - 12 - fol. 87.
(Cat. 65).
m. Spätere Zeit.
Von den Handschriften des folgenden Jahrhunderts hebe
ich zunächst drei hervor, die möglicherweise nicht bekannt
sind, wenigstens nicht edirt scheinen:
Poesias sagradas , obras pöstumas , que trabajaron el
P. Fr. Jose de Siyueiiza y otros hijos del r. monast. dol
Escorial 1586. En pap. 4". Z-IV-11. (Cat. 105 v").
Jose de Siguenza ist der bekannte Kirchenhistoriker,
welcher als Prior des Escurials 1606 starb. Noch eine andere
Handschrift (f-IV-33) bewahrt solche Dichtungen von ihm.
Historia Laurentina. comp, en verso por Taus Cabrera
62 I'^bert
de Cordoba, en octavas castellanas, escr. ä tin. d. s. XVI.
(Maltratado por las Ilamas), e - IV - 6. (Cat. 77).
Dies Gedicht scheint mir die Gründung des Escurial und
damit die Schlacht von St. Quintin zu besingen, bei welcher
Vater und Grossvator des Verfassers zuerst auf der Mauer der
erstürmten Festung erschienen, wie der Verfasser in seiner
Geschichte Philipp's II. selbst erzählt.
Las obras satiricas del conde de Villamediana a los pre-
lados y ministros del rey Don Felipe 3'', y su confesor, ä
otras personas y objetos, escritas en verso en un cod. en 4"
pap. pergam. J - III - 15. (Cat. 101).
Villamediana war bekanntlich einer der ersten und bedeu-
tendsten Nachfolger Gongora's. Einer der beliebtesten Hof-
leflte, soll er ein Opfer der Eifersucht Philipp's III. geworden
sein. Seine Gedichte erschienen im Druck erst nach seinem
Tode unter dem Titel „Obras" Zaragoza 1629 und 1G34,
und Madrid 1035. Spätere Ausgaben sind mir nicht bekannt;
dass in jenen aber die oben aufgeführten Satiren auf Minister,
Prälaten und den Beichtvater des Königs enthalten gewesen,
erscheint sehr unwahrscheinlich.
Noch sei erwähnt, dass der Catalog auch ein paar Werke
der heil. Theresa, darunter den Camino de 'perfeccion , und
von Luis de Granada: Meditacion sobre las 7 palabras de J. C.
aufführt, so^^^e einiger „Obras" des Arias Montano gedenkt.
Ob die folgende Handschrift eines handschriftlich so sel-
tenen Werks bekannt ist, weiss ich nicht:
Diälogo de las lenguas, anönimo, escr. en pap., ä princ.
d. s. XVL En 4°. K - III - 8 - fol. 1°. (Cat. 50).
Es ist offenbar das 1737 zuerst nach einer Madrider Hand-
schrift veröffentlichte Werk von Juan Valdes. (Vgl. Ticknor I,
425 f.) Von demselben merkwürdigen Gelehrten findet sich :
Dialogo llamado de Mercurio y Charon en que se mani-
ßesta la justicia del Emperador Carlos V. y la iniquidad de los
que le desfiaron, escrito s. n. d. a. i^talvez de Juan de Valdes
en pap. äntes de med. el s. XVI. En fol. N - II - 24.
(Cat. 49 v°).
Ueber diese 1850 von neuem herausgegebene berühmte
Schrift, welche auch Juan's Bruder, Alfonso beigelegt wird,
s. Boehmer in der neuen Ausgabe von Valdessi, Considerazioni
(Halle, 1861) p. 488 ff'., Anm, 20.
Die folgende Schrift, welche offenbar für Gongora gegen
Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 03
Jauregui's Discurso 2}o^ii(^(^ contra el hablar culto y obscuro
verfasst ist, finde ich weder bei Nie. Antonio noch bei Ticknor
oder sonstwo erwähnt:
Anti-Xauregui del Licenciado Don Luis de la Carrera al
reforraador de los poetas castellanos, escr. en pap,, en ca-
stellano, ä pr. d. s. XVII. L - I - 15 - fol. 225. (Cat. 3 v'^).
Von besonderem literarhistorischem Interesse muss die
folgende Handschrift sein:
Diälogo de tres religiosos sobre la historia del Predicador
Fr. Gerundio , con otros muchos papeles, en prosa y en verso,
en pro y contra de dicha obra, anonimos, escr. en pap., ä fin.
d. s. XVII. (offenbar S.chreibfehler für XVIII). J - III - 34-
fol. 107. (Cat. 49 v°).
Auch eine Sprichwörtersanimlung findet sich a. d. E. XVI. :
Refranes castellanos y algunos traducidos al latin, s. n. d. a.
d- IV- 3 -fol. 161. — Ferner:
Lecciones varias del Cancionero general, impreso en
Amberes por Martin Nucio , ano de 1557 en 8° cotejado con
la impresion de Cromberger en Sevilla, ano 1540 en fol.,
anonimo, escrito en pap., siglo XVII. L-I-15 fol. 207.
(Cat. 82).
In literargeschichtlicher Beziehung ist vielleicht beachtens-
werth ein Briefwechsel zwischen D. Gregorio Galindo und
dem Marques de la Mina ,, sobre representacion de comedias".
Copien aus d. Anf. XVII. N - 1 - 12 - fol. 266. (Cat. 28 v°).
Und in Betreff der Aussprache ein andrer zwischen Fr. de Fi-
gueroa und Ambr. de Morales:
Carta de Franc, de Figueroa sobre la verdadera pro-
nunciacion de la lengua castellana, fecha en Chartres ä 20
de Agosto de 1520, escr. en cast. L -1-13 -fol. 184.
Carta de Ambr. de Morales contestando ä la de Fr. de
Figueroa sobre la verd. pron. etc. Zum grössten Theil von
der Hand des Verfassers, aber wie es scheint nicht beendigt.
L-I- 13 -fol. 234.
Uebersetzungen ins Castilischc.
Eine nicht geringe Zahl von Uebersetzungen ins Casti-
liscbe findet sich auch vor, namentlich aus dem Lateinischen;
ich will in der Kürze sämmtliche Uebersetzungen namhaft
machen , die ich mir notirt habe , und ich glaube nur sehr
wenige und solche die ohne alles Interesse mir erschienen (so
(54 Ebert
Uebersetzungen des IG. Jahrhunderts die im Drucke sogleich
herausgekommen sind), übergangen zu haben. Mag auch Bayer
schon manche hier und dort in seiner Ausgabe des Nie. An-
tonio aufgeführt haben, ihre Zusammenstelhing allein dünkt
mir schon lehrreieli. Nicht bloss sehr interessant, sondern
ungemein wichtig für die Literaturgeschichte des Mittelalters
wäre es , wenn Jemand eine statistische Uebersicht der ge-
sammten Uebersetzungsliteratur desselben verfasste, chronolo-
gisch geordnet, und gegliedert nach den einzelnen Sprachen,
denen die Uebersetzer angehörten. Hierzu mag das Folgende
einen kleinen Beitrag liefern. Die beigefügten römischen
Ziffern geben das Alter der Handschrift an.
a) Aus dem Lateinische?!.
Aegidius Romanus. Ich lasse diesen Titel genauer folgen :
Gobernamiento de los Pi-incii^es, compuesto por F. Agidio
Roma (sie), y traducido al castellano por Pedro Garcia de
Castroxeriz, a ruego de Bernabe Obispo de Osma, para la
educacion del Infante D. Pedro, hijo de Alfonso XI, escr. en
pap. häcia el ano 1400. En fol. max. h - 1 - 8. (Cat. 69.)
Dasselbe Werk findet sich noch einmal in einem Cod.
in 4" vom Ende des XIV. Jahrhunderts. Von dem Werke
des Tbomas von Aquino: ,,De regimine principum" finden
sich zwei Uebersetzungen Ende XIV und Anfang XV. Die
Legenda aurea, zwei Uebersetzungen XV. Dialoge des
heil. Gregor XV. Vegecius Mitte XV, Livius (v. Ayala)
Mitte XV. Salust (Catil. u. Jug.) XV. Curtius (Dichos
[sie] de Quinto Curtio) Mitte XV. Val. Maximus (siebe
oben pag. 56) Anfang XV. Cicero, Offic. et De senect.
Mitte XV; Rhetorica (?) (der Titel der Uebersetzung ist:
Retorica de Ciceron, traslad. por Alf. de Cartagena, a inst,
de Eduarte rey de Portogal, escr. ä f. d. s. XV. Das Beto-
rica als spanisches Wort genommen könnte auch auf das be-
rühmtere Werk: De oratore gehen). Seneca, Werke ,,Obras"
zwei mal, v. Alf. de Cartagena und ohne Namen des Ueber-
setzers „auf Befehl Juan II. von Castilien", wohl dieselbe
Uebersetzung, beide XV; De vita beata (con notas al märgen
de Alf. de Cartagena); De ira (Tratado de Sen. contra la
ira y sana, trasl. d. lat. p. Fr. Gonzalo, y corregido p. Nuno
de Guzman escr. en pap. 1415); Epist. ad Lucil. durch Ver-
mittelung einer italienischen Uebersetzung (,.hechas trasladar
Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 65
de latin en lengua florentina por Ricardo Pedro, e liiego las
fizo trasladar de ling. tose, en castell. Fern. Perez de Guzman.")
Anfang XV; Tragoediae, Uebers. anon., Mitte XV; Proverbia
(übersetzt und glossirt v. Alf. de Cartagena) Ende XV. Boe-
thius, Consol. phil. (con la glosa de Fr. Nie. Trebet), Mitte
XV. Lull, Arb, pbil. Ende XVI. Boccaccio, de casibus vir.
(„Caida de principes", zum grössten Theil dem Ayala zuge-
schrieben, s. Nie. Ant. II, p. 195) in 2 Manuscripten Mitte und
Ende XV. — (Das von Hänel p. 961 citirte Manuscript:
Lucano en prosa castell. antiquiss. membr. 4°, habe ich nicht
gefunden. Beachtenswerth in der Beziehung ist, dass „Phar-
salia" im Cat. 104 ausgestrichen ist.)
b) Aus dem Italienischen.
Boccaccio, Fiammetta, 2 Manuscripte , Uebers. anon., P - I-
22 in fol. max. (defect im Anf.) und e - III - 9 in 4'', beide
Mitte XV. Vielleicht auch das Decameron, siehe oben p. 50.
c) Aus dem Französischen.
Historia de la guerra y ruina de Troya de Daretys Fri-
gio et Dyctis Cretense, traducida del frances al castellano por
mandado del rey D. Alfonso XI. de Castella, e fue concluido
el postrero dia de Deciembre era de 1388, del nascim. de J.
C. 1350. Tiene pintadas algunas märgenes de los heroes de
dicha guerra, escr. en vitelas. En fol. max. h - I - 6. (Cat. 75 v°.)
Flor de las ystorias de Orient , en que se habla de su
situacion , reyes , costumbres etc. , compuesto en frances por
Fr. Ayton, hermano del rey de Armenia, por mandado del
papa demente V, mandado escribir por D. Fr. Joan Fer-
randez de Redia, maestre de S. Juan de Jerusalem, traducida
al castellano por Nicolau Falcon de Coli, escr. en vitelas
adornadas de oro y pinturas en el principio de los libros, acia
med. d. s. XIV. Comprende tambien el pasage a la tierra
Santa. En fol. max. Z - I - 2 - fol. 1". (Cat. 65.) Darin ist
auch das Werk des Marco Polo enthalten (s. Cat. 48 v°).
Ferner Hon. Bonnet's Arbre des batailles um 1420 über-
setzt (vgl. Bayer p. 210) von Antonio Zorita, gerichtet an den
Marques V. Santillana ,,con notasmuy curiosas" wie der Cat. (4 v°)
sagt; endlich eine Uebers. des Commiiies 1622 verf. (Cat. 88).
d) Aus dem Catalanisclten.
Die Chronik Muntancr's übersetzt von Miguel Montade
Jahrti. f. roni. ii. ctn(l. I.it, IV. J. T^
ßß Ebert
(J - in - 25. Cat. 40 v°). Der Name eines früheren Besitzers
ist mit dem Datum 1593 Zaragoza angemerkt. Wahrschein-
lich ist dies die Handschrift der 1595 in Barcelona erschie-
nenen castilischen Uebersetzung, deren Verfasser dem Nie
Antonio unbekannt geblieben (s. II, p. 145). Ferner das fol-
gende Manuscript, daseiner genaueren Titelangabe würdig ist:
Dichos de Sabios y Filosofos, y de otros exemplos y doc-
trinas, traducido del catalan al castellano por Jacob Cadigue
de Vcles hebreo, medico espaiiol, por mandado de D. Lorenzo
Xuarez de Figueroa, Maestre de Santiago. AI fin se lee:
Cumpliose de romanzar (NB.) e screbir en 28 de Julio, ano
del nasc. de J. C. de 1402 en la villa de Vcles, lugar del
dicho seiior Maestre. b - II - 19 - fol. 127. (Cat. 50 v^)
e) Aus dem Portugiesischen.
Die Chronik des Resende. (Cat. 40.)
f) Aus anderen Sprachen oder Literaturen.
Von der noch nicht genauer untersuchten Apologen-
Sammlung, auf welche der Marques v. Pidal in seiner Einlei-
tung des Cancion. de Baena zuerst wieder aufmerksam ge-
macht hat — welche Notiz Wolf in seinen ,, Studien" p. 92
abgedruckt — finden sich 3 Manuscripte hier, deren Titel
mir merkwürdig genug scheinen, um sie in extenso zu geben,
zumal Pidal nur der alten Drucke gedenkt und als vollstün-
digen Titel bloss anführt: El libro llamado Bocados d''oro el
quäl hizo el Boniiim Rey de Persia. Unsere 3 Titel lauten:
Bocados de oro , d los dichos del Profeta Sset, et sus
castigos 6 avisos , s. n. d. a., escr. en pap. ä pr. d. s. XV.
En 4°. h - III - 6. (Cat. 9 v°.)
Bocados de oro, version castellana del libro que anda
con este titulo atribuido ä Bonimi (sie) Rey de Persia, que
con deseo de aprender paso ä la India, y refiere dichos y
hechos de los sabios indios y griegos (!) etc., s. n. del trad.,
escr. en pap. häcia 1430. En 4°. e- III -10. TCat. ibd.)
Bocados de oro, 6 sentencias morales colegidas de 34
sabios, cuyos nombres no se notan, y de Sulpicio y Justino
Filösofo, escr. en pap. a med. d. s. XV. en castell. En 4°.
a - IV - 9 al princ. fCat. ibd.)
Allerdings ist es fraglich, ob das erste und dritte Manu-
script mit dem zweiten dem Inhalt nach identisch sind. Mög-
Die Handschriften der Bibliotliek des Escorial. 67
lieh aber ist es; beachtenswerth ist auch in der Beziehung,
dass der Titel des zweiten Manuscripts nicht bloss von sabios
indios, sondern auch von griegos redet, und etc. beifügt; und
dass der Uebersetzer nach Pidal ein Christ ist.
Kalilah xmd Dimnah. — Calila y Dina (sie), que contiene
una coleccion de fäbulas morales, con vinetas de pluma regu-
läres. En el ultimo fol. se lee: Aqui se acaba el libro de
Calila e Digna, e fue sacado jie aräbigo en latin, e roman-
zado por mandado del infante D. Alfonso, hijo del muy noble
rey D. Fernando, en la era de 1299 aüos; escr. en pap. ä
pr. d. s. XV. En fol. Pasta, h - III - 9. fCat. 12.)
Calila y Dina, 6 coleccion de fäbulas morales, tomadas
de varios filösofos, anonimo, escr. en pap. ä fin. d. s. XV.
Parece que no estä completo. AI fin del codice se lee: Aca-
bose jueves postrimero de Abril ario de 67 por Garcia de
Medina, en Valladolid. En fol. menor. Pasta. X - III - 4-
fol. P. (Cat. ibd.)
Ob die zweite Handschrift eine Copie der ersten ist,
oder vielmehr die 1498 in Burgos erschienene Uebersetzung,
welche auf der spateren lateinischen des Johann von Capua
beruht, der bekanntlich wieder eine hebräische Uebersetzung
übertrug, vermag ich nicht zu unterscheiden. Der Titel des
genannten Druckes lautet freilich anders, nämlich : Exemplario
contra los enganos y peligros del mundo. — Die Ueber-
setzung, welche die erste Handschrift enthält, auf Grund der
'älteren lateinischen, findet sich so\^el man weiss sonst nirgends,
und ist bei dem Verlust ihres lateinischen Originals von be-
sonderer "Wichtigkeit. Siehe über das Verhältniss der Ueber-
setzungen zum indischen Grundwerk Benfey in Orient unti
Occid. I, 1.
Proverbios buenos que dixeron filösofos y sabios anti-
guos, traducido del griego al ärabe por Joannicio, y del drabe
al latin y al castellano por incierto autor, escr. en pap. a pr.
d. s. XV (Schluss fehlt). h-HI-1-fol. 116. (Cat. 108.)
Secreto Secretorum que compuso Aristoteles por mandado
de Alexandro magno, traducido al castellano, dirigido ä Guido
varon noble de la ciudat de Valencia, anonimo, escr. en vi-
telas adornadas de oro y pinturas ä mediados d. s. XIV.
Z - 1 - 2 - fol. 254. (Cat. 124 v.)
Von diesem Werk finden sich noch zwei Handschriften,
die eine unter dem Titel „Poridad de las poridades , el quäl
ß8 Ebert
libro fizo Arist. trad. al cast." (L - III - 2. Cat. 106) aus
dem Anfang des XIV. Jahrhunderts, Pergara. Fol.; die andere
unter dem Titel „ Enseiiamientos y castigos que Arist. envio
a Alex, llamado Porid. d. 1. por.", welche nicht als Ueber-
setzung bezeichnet ist, aus dem Anfang des XV. Jahrhunderts
(h - III - 1 - fol. 75. Cat. 62 v°.). Ob diese drei Manuscripte
ein und dieselbe Uebersetzung enthalten, lässt sich nicht sagen,
ist jedoch sehr wahrscheinlich. Uebrigens findet sich dasselbe
Werk auch in einer catalanischen Uebersetzung auf der Ma-
drider Nationalbibliothek, siehe Helfferich, R. Lull. p. 54
Anm. — Das Original der oben vorangestellten Handschrift
mindestens, ist das aus dem Arabischen übertragene lateinische
Werk eines gewissen Philipp, eines Franzosen ohne Zweifel,
der die Arbeit auf Befehl des Bischofs von Tripolis, Guion
de Valence, unternahm; eine Handschrift aus dem XIII. Jahr-
hundert befindet sich davon auf der Pariser Bibliothek (Nt.
6586); auch eine arabische Version findet sich dort; nach
der Einleitung der lateinischen soll die arabische wieder aus
dem Chaldäischen übertragen, das Grundwerk selbst griechisch
gewesen sein. Das Buch Philipp's wurde auch ins Französische
übersetzt, Ende des XIII. und des XV. Jahrhunderts. Dass
aber die obige Handschrift unmittelbar aus dem Lateinischen
übertragen sei, dafür scheinen mir die im Titel vorkommen-
den lateinischen Worte zu sprechen. Uebrigens sind die la-
teinische und französische Uebersetzung auch im Drucke er-
schienen. Vgl. Paris, 1. 1. IV, p. 344 ff. und p. 407 f.
Von wirklichen Uebersetzungen aus dem Griechischen findet
sich nur eine, nämlich die von Aristoteles' M"ir])(^av'.xa von D. Hurt,
de Mendoza, in zwei Manuscripten (Cat. 91 v'^). — Merkwürdig
würde das folgende Manuscript sein, wenn es noch nicht be-
kannt sein sollte:
Disciplina de los varones, libro 1" de los que commun-
mente se dicen cn la China los quatro libros. Hb. II etc.
traducido por örden de Felipe 2" de la lingua china ä la cas-
tellana, por Miguel Rogerio, escr. en pap. häcia fin, d. s, XVI.
En 4". G- III -27. (Cat. 51 v«.)
Aus dem Arabischen:
Refranes aräbigos, trad. al cast. por Patricio de la Torre,
ä fin. d. s. XVIII. h - IV - 10.
Endlich aus dem Englischen:
Discurso intitulado Junius sobre la declaracion del rey
Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. ß9
de Espana y discurso del de Inglaterra, trad. del ingles al
cast. escr. ä fin. d. s. XVIII. J - II - 3 - fol. 153. (Cat. 52.)
Schliesslich sei erinnert, dass von Uebersetzungen der Bibel,
jedoch nur von Theilen derselben , sieben Manuscripte sich
finden, drei vom XIV., vier vom XV. Jahrhundert.
Portugiesische Literatur.
Ein Manuscript v. J. 1598 enthält Gedichte verschie-
dener Verfasser und grösstentheils in portugiesischer Sprache
(G- III -22); ferner findet sich eine Uebersetzung des Sueton
und Sallust ins Portugiesische aus dem Anfang des XV.
(Cat. 128 vO.)
Englische Literatur.
Gower's Confessio Amantis, Papierhandschrift des XIV.
G-H-19. (Cat. 43.)
A. Ebert.
IQ Leiucke
Zur Textkritik und Erklärung der Divina
Commedia.
Im ersten Hefte des dritten Bandes (S. 114) des
Jahrbuches ist Blanc's im vorigen Jahre erschienener
werthvoller Versuch einer philologischen Erklärung
dunkler und streitiger Stellen der göttlichen Komödie
(1. Heft die Hölle, Ges. I— XVII, Halle, 1860) von Ruth
eingehend gewürdigt worden. Nachdem, wie der Herr
Referent sehr richtig bemerkt, über den Bestrebungen
zum Verstäudniss der herrlichen Dichtung im Ganzen zu
gelangen, ihre allegorischen und historischen Beziehimgen
zu enträthseln und ihre literarhistorische und ästhetische
Bedeutung festzustellen, die Erklärung des Einzelnen in
derselben , namentlich die kritische Feststellung der rich-
tigen Lesarten luid des Wortsinnes lange Zeit hindurch
viel zu sehr vernachlässigt und gerade von. deutschen
Forschern in dieser Beziehung auffallend wenig geschehen
ist, wird gewiss jeder Frevmd der Literatur das Blanc'sche
Buch freudig begrüssen imd mit dem Herrn Referenten
übereinstimmen, wenn er dasselbe bahnbrechend für die
kritische Behandlung: des Textes der Divina Commedia
betrachtet.
Gerade deshalb aber fordern die von Blanc gefun-
denen Resultate zur genauesten Prüfung auf, damit durch
möglichst vielseitige Betrachtung der nur zu zahlreichen
streitigen Stellen im Texte der Divina Commedia verbun-
den mit immer wiederholtem Recurs auf die Handschrif-
ten die Wahrheit gefunden werde. Die Wichtigkeit des
Gegenstandes mag es daher entschiddigen, wenn ich , an
ein bereits in diesen Blättern besprochenes Buch wieder
anknüpfend, zu den von dem Herrn Referenten vorge-
brachten Bedenken gegen einzelne von Blanc's Ausle-
gungen hier noch eine kleine Nachlese halte und einige
von ihm gar nicht oder nur kurz berührte Punkte zur
Sprache bringe.
Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia. 71
1) II, 56 — 57 sind wohl die Worte in sua favella
für nichts weiter als einen Pleonasmus zu halten, den Trou-
badours nachgeahmt bei welchen der Ausdruck me dis
en so latt und ähnliche sehr häutig vorkommen.
2) III, 42 alcuna gloria i rei avrehher tVelli. Herr
Blanc widmet dieser Stelle eine ausfiihrliche Erörterung
(p. 34), lediglich zu dem Zwecke, Monti's und einiger
anderen Commentatoren Meinung, wonach alcuna hier ne-
gativ zu fassen sei, zu widerlegen. Ich beabsichtige zwar
keineswegs, für diese Ansicht euschieden Partei zu er-
greifen, wie ich denn überhaupt diese Stelle für eine von
denjenigen halte, welche wegen der Unbestimmtheit des
Ausdrucks ganz geeignet sind, noch lange ein Gegenstand
des Streites zu bleiben. Ich möchte hier nur die Gründe
anführen, welche mir stark lür Monti's Ansicht zu spre-
chen scheinen, besonders M^enn man zu den von Herrn
Blanc in Betracht gezogenen philologischen und psycholo-
gischen Momenten noch ein drittes, nämlich das logisch-
rhetorische^ hinzunimmt. Betrachten wir letzteres zuerst.
Es ist die Rede von denjenigen Engeln, welche im
Kampfe der abtrünnigen Engel gegen Gott neutral ge-
blieben und deshalb, der göttlichen Gerechtigkeit gemäss,
in den limbo versetzt worden sind. Der Himmel, sagt
der Dichter, verstösst sie, weil sie seiner Schönheit Ein-
trag gethan haben würden, mit anderen Worten, weil sie
für den Himmel zu schlecht sind. In dem nun folgenden
Grunde, weshalb auch die Hölle sie nicht aufnimmt, er-
wartet das natürliche Gefiihl des Lesers den geraden
Gegensatz des vorigen zu finden, nämlich: dass sie für
die Hölle zu gut sind. Nimmt man nun alcuna in dem
gewöhnlichen, positiven Sinne und versteht mit Boccac-
cio und den meisten anderen Auslegern, denen sich Herr
Blanc entschieden anschliesst: „die Hölle ninnnt sie nicht
auf, weil die grossen Verbrecher sonst einigeii Ruhm von
ihnen haben, eine Freude darüber empfinden würden, solche
Elende ebenso gestraft zu sehen, wie sie selbst", so ist der
natürliche Gegensatz gestört, es ist etwas ganz Anderes da-
mit gesagt, als der Leser nach dem Vorhergehenden zu
erwarten berechtigt war. Dagegen stellt sich der erwartete
72 Lemuke
Sinn sofort heraus, wenn es möglich ist, dem alcuna ne-
gative Bedeutung zu vindiciren. Alsdann muss natürlich
das Wort gloria im Sinne der Hölle gefasst werden, als
welche ihren Ruhm im Bösen sucht, wie der Himmel
den seinigen im Guten und die Stelle wäre dann einfach
dahin zu verstehen: „die Hölle verwirft sie, weil sie kei-
nen Ruhm von ihnen hat, keine Ehre (in ihrem Sinne)
mit ihnen einlegt", mit andern Worten: „weil sie für die
Hölle nicht schlecht genug sind." Damit ist den Anfor-
derungen der Lofjik und Rhetorik vollständig Genüge
geleistet, zugleich aber auch der psychologischen Wahrheit.
Herrn Blanc's Einwand bezüglich der letzteren, ,,dass
der Hölle ein solches selbständiges ürtheil nicht zukom-
men könne, weil hier nur die Gerechtigkeit Gottes walte ",
erscheint einigermassen punctiliös und auch schon darum
nicht stichhaltig, weil der Dichter ja ausdrücklich sagt,
„dass die Hölle sie verwirft". Mit diesem Rechte der
Verwerfung wird ihr doch auch ein selbständiges Ur-
theil beigelegt. — Nun aber entsteht die philologische
Frage: Kann denn überhaupt alcuna auch negative Be-
deutung haben, wie Monti behauptet? Herr Blanc scheint
dies entschieden zu bezweifeln, aber, wie ich glaube, mit
Unrecht, ganz abgesehen natürlich von der Unpasslich-
keit der von Monti angezogenen Beweisstellen. Dass die
in Verbindung mit der Negation zur Negirung gebrauch-
ten positiven Pronomina und Adverbia eine Neigung ha-
ben, auch für sich allein zu negiren^), ist ein gemein-
samer Zug der romanischen Sjirachen, wenn er auch in
der Schriftsprache nicht immer entschieden hervortritt.
Dass jene Pronomina z. B. im Neuprovenzalischen ge-
radezu in negativen Sinn übergetreten sind, ist auch von
Diez (HI, 407 der neuen Ausgabe) angemerkt worden.
Dass die französische Volkssprache sie mit Vorliebe ohne
Negation gebraucht (j'ai pas =■ je n'ai pas) ist eine be-
^) Es ist natürlich hier die Rede vom vollständigen Satze; bezüg-
lich des unvolktnnd'gen oder elliptischen bedarf der Sache nicht erst der
Erwähnnnff.
Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia. 73
kannte Sache i). Dass dies auch im Italienischen wenig-
stens dem Sprachgefühle nicht entgegen ist, beweist ja
schon einigermassen das Vorkommen solcher Lesarten
wie alcuno für nullo oder niuno, wie in den beiden von
Monti citirten Stellen des Convito, wo der negative Sinn
ganz klar ist und die späteren Ausgaben das negative
Pronomen wohl nur als dem correcten Sprachgebrauche
entsprechender substituirt haben. Es dürfte nicht schwer
sein, noch andere Beispiele dieses Gebrauches, namentlich
aus der älteren Sprache, nachzuweisen. Somit wäre denn
auch vom philologischen Gesichtspunkte aus nicht eben
viel gegen die Auffassung Monti's einzuwenden. Gewiss
war es in diesem Falle nicht, wie Herr Blanc meint, ein
Gelüst sich an der Crusca zu reiben, sondern ein durch- ,
aus natürliches Gefühl, was Monti zu der negativen Auf-
fassung von alcuna drängte, und dass er nicht der erste
war, welcher die Stelle so verstand, geht daraus hervor,
dass der Cod. Stuard. auch hier, wie in der von Herrn
Blanc weiter unten citirten Stelle (da freilich entschieden
unrichtig) liest: che alcuna gloria non avrebber d'elli,
was Herr Blanc zu bemerken vergessen hat.
3) V, 58 — 59. ElV e Semiramis, di cui si legge^ che sug-
ger dette a Nina. Hier nimmt der Herr Referent die von
Blanc (p. 57) für Unsinn erklärte Lesart sugger dette für
succedette mit Recht in Schutz. Die inneren Gründe fiir
dieselbe sind von ihm so vortrefflich und vollständig aus-
einander gesetzt worden, dass wohl nichts mehr hinzuzu-
fügen sein möchte. Ich will daher hier nur bemerken, was
vom Herrn Referenten nicht geschehen ist, dass die Lesart
sugger dette wohl jetzt als gesichert zu betrachten sein
dürfte, nachdem Bianchi dieselbe in seiner neuesten, unter
seinem Namen erschienenen Ausgabe (Firenze, 1857) in den
Text aufgenommen hat und zwar auf Grund zweier nicht zu
verachtenden handschriftlichen Autoritäten, nämlich eines
Codex der Laurenziana, in welcher sich über dem Worte
succedette von derselben Hand geschrieben findet: al
'} Zu vergleichen .«ind hier auch spanische Fälle wie: en mi vida
hf visto , nif in nieinfni Leben habe ich gesehen.
74 Lenicke
(alias) sugger dette., und eines anderen im Brittischen Mu-
seum, welcher suge dette hat und dasselbe in einer latei-
nischen Randglosse durch: id est mammas vel ubera de-
dit filio, cum quo deinde concubuit, erklärt, alsdann auch
die Lesart „succedette" anführt und hinzufügt: sed prior
seusus praevaluit. Hinreichende Beweise, dass die Les-
art nicht erst, wie Blanc annimmt, aus einer Predigt des
15. Jahrhunderts aufgegriffen ist. Man kann nur wün-
schen, das unsinnige succedette von nun an für immer
aus dem Texte der Divina Commedia verbannt zu sehen.
4) V, 102. -£"/ modo ancor m^ofende. Zur Unter-
stützung der unzweifelhaft richtigen Lesart ojiodo statt
mondo wäre noch hinzuzufügen gewesen, v/as Ugo Fos-
colo zu ihrer Erklärung sagt.
5) V, 123. E cid sa il tuo dottore. Herr Blanc (p. 59)
schliesst sich entschieden denjenigen Commentatoren an,
welche vuiter dem dott07'e den Virgil und nicht den Boe-
thius verstehen. Seine Gründe sind im wesentlichen die
schon von Lombardi vorgebrachten und scheinen mir
nichts weniger als überzeugend. In Boethius' Bviche de
consol. philos. findet sich eine Stelle, von welcher die
Worte, mit denen Francesca die Erzählung ihres Unglücks
beginnt, nessun maggior dolore etc., eine so genaue poe-
tische Paraphrase sind, wie man sie sich nur irgend
wünschen kann. Sie fügt hinzvi: ciö sa il tuo dottore.
Wir wissen, wie hoch Dante das Buch des Boethius
schätzte, und dass er aus demselben Trost für den Ver-
lust Beatricens schöpfte. Und dennoch soll der dottore,
dessen Ausspruch Francesca soeben paraphrasirt hat, nicht
Boethius sein, sondern der den Dichter begleitende Virgil,
und lediglich aus dem Grunde (denn das ist der einzige,
einigermassen haltbare Einwand gegen die erstere An-
nahme) weil Virgil vom Dichter häufig suo dottore, nie-
mals aber ein Anderer so genannt wird. Dagegen lässt
sich nun wohl einwenden, dass ein Dichter, zumal ein
grosser Dichter und eben weil er dies ist, bei aller son-
stigen Genauigkeit und Consequenz, nie so genau Buch
über die von ihm gebrauchten Ausdrücke führt, dass er
nicht ein Mal einen derselben in einem andern Sinne ge-
Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commcdia. 75
brauchte und gebrauchen dürfte, als er zu thun gewohnt ist.
Einen Dichter einer so kleinlichen Aufmerksamkeit auf
seine Worte für fähig halten, heisst in der Dichtkunst nur
Meistersängerei sehen und kann, als Grundlage zur Inter-
pretation gerbaucht, gar leicht auf grosse Abwege führen.
Zudem verliert der Gebrauch in Francesca's Munde viel
von seiner Auffälligkeit. Befremdender wäre es schon,
wenn Dante selbst plötzlich einen Andern als den Virgil
seinen dottore nannte. Dass er aber diesen allgemeinen
Ausdruck der Fraucesca in den Mund legt, wo von einem
Andern die Rede ist, kann unmöglich so abnorm erschei-
nen. Bei Virgil findet- sich keine, den Gedanken Fran-
cesca's auch nur annäherungSAveise ausdrückende Stelle.
Aber, meint Lombardi und nach ihm Herr Blanc , Fran-
cesca beruft sich auch gar nicht auf ein Citat, sondern
auf die Erfahrung „die ja auch Virgil gemacht habe, in-
dem er in seiner jetzigen Lage mit Schmerz auf sein
früheres glückliches Erdenleben zurückblicke". Wer
fühlt nicht das Gezwungene dieser Erklärung? Am aller-
unhaltbarsten aber erscheinen mir die folgenden von Blanc
vorgebrachten Gründe. Es lasse sich, meint er, schwer
annehmen, dass Fraucesca so mit Boethius vertraut ge-
wesen sei, um die Stelle zu kenneti, noch weniger aber
so vertraut mit den Studien des ihr noch ganz unbekann-
ten Dante, um zu wissen, dass er den Boethius gelesen.
Blanc vergisst dabei, dass das Buch des Boethius de consol.
philos. während des Mittelalters, namentlich der früheren
Jahrhunderte desselben, eins der allerb ekanntesten und be-
liebtesten Bücher war, die Bekanntschaft mit welchem nicht
nur bei jedem nach damaligen Begriflfen wissenschaftlich ge-
bildeten Manne stillschweigend vorausgesetzt wurde, son-
dern welches auch durch Uebersetzungen schon früh in wei-
tere Kreise drang. Zeugniss für seine Popularität bietet ja
schon das provenzalische Gedicht, von welchem ein Frag-
ment gegenwärtig unter den ältesten romanischen Sprach-
denkmälern figurirt, und welches die Schicksale des Ver-
fassers zur Einkleidunec hat und wahrscheinlich seinem
Buche einen Theil des Inhalts entlehnte! Fraucesca konnte
also sehr woiil mit demsclbon bekannt sein, wenn sie
7^ Lemcke
auch, wie der Pater Lombaidi ganz genau weiss, keine
„donna di lettere" war. Auch brauchte sie nicht erst
den Convito gelesen zu haben oder sonst mit Dante's
Studien vertraut zu sein, sondern nur zu vermuthen, dass
sie einen Mann der Wissenschaft vor sich habe, um sicher
zu sein, dass er den Boethius gelesen, so gut wie Je-
mand in unseren Tagen einem ihm sonst unbekannten
gebildeten Manne unbedenklich irgend einen bekannten
Ausspruch eines alten oder neueren Schriftstellers citiren
würde, in der Voraussetzung, dass er ihn verstehe').
Alles dies erwogen, kann man sich der Vermuthung, dass
Dante bei den Worten, welche er der Francesca in den
Mund legt, die Stelle des Boethius und keine andere vor
Augen gehabt hat, unmöglich erwehren. Damit Hesse
sich alsdann das tuo dottore, wenn man den Ausdruck
durchaus vom Virgil verstehen zu müssen glaubt, nur
durch eine Annahme in Einklang bringen, nämlich durch
die, vielleicht nicht eben sehr gewagte, dass der Dich-
ter die Francesca einen Irrthum begehen und einen
Ausspruch des Boethius dem Virgil zuschreiben lässt.
6) VII, 30. Perche tieni e perche burli. Hier scheint
Blanc (p. 77) und mehreren anderen Erklärern die wahre
Absicht des Dichters entgangen zu sein. Dass burlare im
Lombardischen soviel wie rotolare bedeutet, dürfen wir
demVellutelloundLombardi wohl glauben. Gerade dadurch
aber erhält die Stelle erst ihren feinen Sinn. Offenbar
spielt der Dichter hier mit den Worten. Indem die
Geizigen und die Verschwender mit den fortgerollten
Steinen zusammenstossen und nun die einen (die Ver-
schwender) fragen: perche tieni? (warum hältst du mich
auf), die anderen (die Geizigen) perche burli (warum
rollst du?) werfen sie sich zugleich, in Folge des dop-
pelten Sinnes der Worte, gegenseitig ihre Laster vor:
') Wenn Dante dagegen im Convito einmal das Buch des Boethius
ein ,,libro non conosciuto da molti" nennt, so will er damit wohl nur
sagen, dass es nicht so viel gelesen werde, als es seiner Ansicht nach
rerdiente. Dass es übrigens zu seiner Zeit schon etwas aus der Mode
gekommen war. soll damit nicht geläugnet werden.
Zur Textkritik iiml Erklärung der Divina Cominedia. 77
„warum hältst du" (dein Geld fest), und: „warum ver-
schwendest du das deine?"
7) X, 39. Le tue parole sien conte. Hier möchte
ich mit Biagioli und Cesari das Wort conte doch lieber
im Sinne von contate^ tiumerate anstatt in dem von mani-
feste, chiare nehmen. Weshalb Virgil dem Dante gerade
hier Klarheit und Offenheit in seinen Worten empfehlen
sollte, lässt sich nur einigermassen gezwungen erklären,
während viel leichter ersichtlich ist, weshalb er ihm Kürze
empfiehlt. Gewiss würde auch Herr ßlanc (p. 96) sich in
diesem Falle nicht, wie gewöhnlich, so entschieden auf
die Seite der alten Erklärer gestellt haben, wenn er auf
V. 115 geachtet hätte, wo es heisst: e giä '1 maestro mio
mi richiamava. Er sprach ihm also schon zu lange.
8) X, 52 — 54. Die Worte infino al mento dürften
doch vielleicht besser so zu verstehen sein: „Cavalcante
erhob sich so weit aus dem Sarge, dass er dem Farinata
mit dem Kopfe bis ans Kinn reichte." Denn die Grund-
bedeutung von lungo ist doch längs und setzt eine paral-
lele Stellung voraus, die nicht stattgefunden hätte, wenn
er" nur den Kopf bis zum Kinn aus dem Sarge gehoben.
Auch lässt sich mit letzterer Annahme Dante's Vermu-
thung: che s'era inginocchion levata, nicht so gut in Ein-
klang bringen.
Ludwig Lemcke.
78 Meyer
Fragments inedits d'im lapidaire j)rovencal.
Monsieur le Kedacteiir!
Dans le deuxieme volume de votre estimable Recueil
(p. 335 — 357) Mr. le Dr. Sachs publiant d'apres le ma-
nuscrit B. I. 7619 ^) quelques extraits du Breviari cVamor^
mentionne en ces termes un fragment provenpal conserve
a la Bibl. Imp. ,,Ein unserem Gedichte nahestehendes
Fragment in provenpalischer Sprache findet sich im Ma-
1) Maintenant Fonds fran^ais 1601. C'est de ce manuscrit
que Mr. Sachs s'est servi pour publier tous les extraits qu'il a
donnes du Breviari d'amor et non pas du manuscrit 7227 (maintenant
F. fr. 858) comme il le pretend a tort. Je prepare actuellement une
edition critique du Breviari d'amor que doit publier la Societe Archeo-
logique de Beziers, et j'ai sous les yeux, au moment oü j'ecris, les
quatre manuscrits du Breviari que possede la Bibl. Imp., je suis donc
parfaitement sür de ne pas me tromper dans ce que j'avance. Du reste
il est bien facile de verifier mon assertion. Dans les fragments qu'a
publies Mr. Sachs Va bref est toujours muet ä la fin des vers; les deux
Premiers vers publies par Mr. Sachs dans le Jahrbuch (II, 336) peu-
vent servir d'exemple:
Si tot la terra per natura
Es laia pezans e escurn. (fol. 14 r" col. II).
Or Mr. K. Bartsch a deja remarque {Lesebuch, Anmerk. zu 151, 36) que
dans tous les manuscrits du Breviari, sauf le 7619, Va final compte
pour une syllabe, et en effet ces deux vers sont dans le manuscrit fr.
857 (ancien 7226 — 3.3), le meilleur des quatre que possede la Bibl.
Imp.:
Si tot terra per natura
Es laia pezans escura. (fol. 39 v^ col. I).
Ce n''. 1601 est des onze manuscrits connus du Breviari le seul
qui porte de nombreuses traces du dialecte catalan. Je remarque en
passant que le texte donne par Mr. Sachs contient plusieurs fautes de
lecture; V. 6414 elemens, lisez: helemens; 6417 er, 1. es; 6421 ajoutez e
au commencement du vers; — 6428 jet , 1. ret; — 6433 sertament, 1.
certament; — ■ 6437 Mr. Sachs imprime dona poder et ecrit en note
„Besser M. Brit. : non a", mais c'est aussi la le^on du manuscrit de
Paris; Mr. Sachs a pris TN majusc. pour un D; — 6439 garda caval
de s'envigar, 1. d'eservigar; manuscrit 857 (ancien 7227 — 3.3): d'isser-
vegar , la ICQon du manuscrit 858 (ancien 7227) que Mr. Sachs pretend
avoir suivi, est tres corrompue: Garda quaval d'esser iier ne ihar\ etc.
Fragments iuedits d'ini lapidaire proven^al. 79
nuscript Supplement franpais 98.19^ klein 4*^, vier sehr
zerrissene Papierblätter, beginnend: e so las VII prin-
cipals segon las VII planetas. Der unbekannte Autor
spricht von den folgenden Steinen: largonci (/. jargonci),
sergons (Z. jergons), Jaspis vert (l. vertz), cornelina, gagates,
dyadeto, saphiers, calcedoynes, maragdes, orites, negres
Q. orites negres sans virgule), hyene, anio (/. unio), ab-
situs, calcofons, melachites (l. melochites), cedolitus (/. ce-
colitus), perites."
Permettez-moi , Monsieur le Redacteur, de rectifier
et de completer tout ä la fois la notice de Mr. le Dr.
Sachs. Ce fragment se compose bien en effet de quatre
feuillets rognes de quelques centiraetres par le haut et
sur Tun des cötes, et il est en parchemin et non en
papier. Chaque feuillet est a deux colonnes, soit en tout
seize colonnes, et de ce que je viens de dire il re-
sulte que les premieres lignes de chacune d'elles nous
manquent, et qu'une partie de la deuxieme colonne du
recto de chaque feuillet, ainsi que de la premiere du verso,
a ete enlevee. De plus le v^ du deuxieme feuillet est
tres tache.
Mr. Sachs sera peut-etre etonne d'apprendre que ce
texte provenpal est Tun des premiers qui aient ete signales
a l'attention^du monde savant, mais, il y a soixante ans de
cela, et alors on se souciait peu du moyen-äge en general
et du provenpal en particulier; il n'est donc point eton-
nant que notre fragment ait ete oublie depuis Fan VII,
epoque a laquelle La Porte du Theil le fit connaitre par
une notice inseree au tome V des Notices et e.rtraits des
Manuscrits (p. 689—708). Ces quatre feuillets servaient
alors de garde au manuscrit latin 3934 - A; depuis ils en
ont ete detaches et relies ä part.
La Porte du Theil, croyant reconnaltre qu'une por-
tion de ce texte etait assujettie „a une espece de me-
sure poetique, et meme a une sorte de rimes cntrelacees",
exprime d'abord cette opinion que le fragment pourrait
bien appartcnir a un pocme sur la vertu des pierres pre-
cieuses de TOrieut dont un certain Petrus de Bonifaciis
aurait ete l'auteur au dire de Jean de Nostredame; il
30 - Meyer
part de Iti pour reconstituer autant que possible Fhistoire
de ce troubadour, en se servant de Jean de Nostredame
et d'un „memoire manuscrit curievix en son genre et qui
m'a passe sous les yeux, dit-il, memoire qui evidemment
n'avoit pu etre dresse que d'apres les pieces les plus
authentiques " (p. 093); malheureusement il ne dit pas oü
il s'est procure ce „memoire manuscrit".
Bien evidemment La Porte du Tlieil voulait trouver un
placement pour ses recherches sur Pierre des Bonifaces,
car il a bien vu que ce troubadour, mort vers 1384, ne pou-
vait etre l'auteur d'un ouvrage qu'il convient de rapporter,
d'apres La Porte du Theillui-meme, au plus tard au XIII®
siecle. „Des lors, ajoute-t-il, que Ton düt ou non recon-
naitre ici un rhythme poetique, on ne pourrait y chercher
un fragment du poeme attribue ä notre troubadour." Le
fait est que ce fragment est en prose, en vile prose, et
qu'on n'y saurait reconnaitre rien qui ressemble a un
„rhythme poetique". C'est ce qui resultera des morceaux
que je vais en citer. Mais d'abord il faut dire que ces
quatre feuillets contiennent, autant qu'il me semble, deux
fragments appartenant a deux ouvrages diflferents quoique
traitant de matieres analogues. L'ecriture, partout la
raeme, semble ajDpartenir a la premiere moitie du XIV®
siecle et comme ces quatre feuillets sont composes de deux
feuillets doubles places Tun dans l'autre, il est indubi-
table qu'ils ont toujours fait partie du meme quaternio^
mais il parait manquer une ou plusieurs feuilles inter-
mediaires. Les deux premiers feuillets contiennent un cer-
tain nombre de recettes dont je ne saurais dire la'source,
mais qui se rencontrent aiUeurs encore que dans ce ms.
Voici la transcription de la premiere colonne de ce texte:
E so las vij- principals segon las -vij- planetas, so
es assaber le solelhs, la luna, Mars, Mercuris, Jupiter,
Venus, Saturnus; e so ne -hij- principals segon les -iiij-
elemens, so es assaber: le foctz, aer, ayga, terra.
Sal sacerdotalis de la quäl uzavan li preveire el
temps d'Elias le propheta per la dolor del cap e per la
oscursitad dels olhs e per la dolor de les dens e per la
flegma del cap e de l'estomach , quant toissia e per
Fragments iiiedit* d'un lapidaire pröven^al. 31
emendamen de Tale e per redre bona odor e per mielh
digerir pren de la sal comunal nncias • xvj • scina-
momi uncias •inj'?'', cumini uncias -nj-, gingiberis,
amoni, aneti, piperis, sileris, satnrege, hysdjai, origani, jdu-
legii, ouinium ■ viiij • ana dragmas • v • , omnia in pulvereni
redige et in omni cibo utere; ad ultimnm ponatur de
pulvere eufrasie quantum de omnibus aliis et de semine
feniculi et rut ... a 7-ij').
Pren les ous del com -ix- dias avan las kalendas
d"Abril e cois les en Taiga entro que sian diir, e quant o
auras fach, torna les el ni don les presist en las kalen-
das d'Abril qiü son a- venir. E quan le coru volra les
ous cobar, sentira los durs- e cridara e fugira s'en volan
e aportara »-i- peira resplanden ab roja color e tendra
(?) ne totz les ous, e li ou coch se tornaran tuch cru
e tu aias tan fach, enginhat e procurat e . . . . at que tu
conoscas on pausara aquela peira, e quan s'en sera vo-
latz, tu poia lassus al ni e pren aquela peira e tuch li
ou cohc (sie) se tornaran cru per lo tocamen d'aquela
peira; es acreis riquesas e la favor e la gracia de tot
pöble e fai entendre las votz dels coruz e manhtas cau-
sas que son aveiiir, etc.
Les deux derniers feuillets contiennent la traduction
d'une partie du liber de gemmis de Marbode (f 1123)^);
cette traduction est comme ce qui precede, en prose, ce
qui me fait croire qu'elle n'est pas anterieure a la fin du
X1II° siecle^). Les traductions en vers etaient si fort ä la
mode auxXII* et XIII^ siecles qu'on traduisait ainsi meme
des ouvrages en prose. Un grand nombre de vies de
') Cette recette existe dans un graud nombre de mss., la voici
en latin d'apres un ms. de Turin (K V 13): Sal sacerdotale quo ute-
bantur sacerdotes in tempore Hclie prophete dolorem capitis et caligi-
nem oculorum et dentium dolorem, flegma capitis et stomachi, thiissis
et hanelitus emendat, os odoratum reddit et corpus in colume(n) ser-
vat -K- Salus communis 7 -xvj-, cinamoni 7 -iiiJ-, ciiminus ) -iij-, 53-,
amoni, piperis, sileris, satureie, ysopi origanus pulegus, omnium -ix* 'i -i-
Quo omnia tere et in pulverem redige.
-) Publie en dernier lieu par Beaugendre Si la suite des opuvres
d'Hildebert. Paris 1708, in fol.
■') II y a meme un fait qui sembb'rait iiidii|uer que ce texte est
Jnlirlj. i. rc)in. u. ciij;!. Lit. IV. 1. ß
82 ^^eyer
saints, Ic roman de Barlaam et Josaphat, les Psaumes
trabord et ensuite la Bible entiere ont t'tc mis en riines, et
le lapidaire memo de Marbode est, dans Tedition de Beau-
gendre, accompagnc d'une ancienne traduction en vers
octosyllabiques. Les parties du liher lapichim traduitcs
dans notre fragment sont les suivantes, je donne les n°^
des chapitres d'apres Beaugendre:
Le Prologue,
les chapitres I (De Adamante), — II (De Achate)^ —
III (de AUectorio), — XXX (De ClerarcJdte^)^ — IV
(de Jaspide)^ — V (De Saphiro)^ — VI (De Calcedonio)^
— VII (de Smaragdo), — XLIII (De Orite'^J, — XLIIIl
(De Iliena), — XLV (De Lyparea)^ — XLVI (de Etiidro)^
— XLVII (De Tri), — XL VIII (De Androdragma) , —
XLIX (De Optallio)^ — L (De Margaritis)^ — LI (De
Panthero), — LII (De Absicto), — LIII (De Calcofano),
— LIV (De Melochita), — LV (De Gegolito), — LVI
(De Pyrite).
Pour donner une idee de cette traduction, je vais
en transcrire le commencement — qui est si efface que sans
le secours du texte latin on ne pourrait gueres le de-
chiffrer, — et la fin:
Evax (?) reis dels Arabiis escrious aquest libre a
Nero eniperayre (sie) de Roma qui apres August fo reis
segous in (?) la ciovitat de Roma. Quantas semblansas de
peyras, quals noras, quals colors, quals regios, quals po-
ders sia donatz a cadauna, ay volgut descarpir es aor-
denar en la plus breu forma qu'ieu ay pogut; jasiaiso
le manuscrit original d'une traduction de Marbode, c'est que presque
partout, sauf au commencement, on parait s'etre attache a traduire
chaque vers du liber lapidum par uner ligne; mais il serait possible
que cette disposition eüt existe deja dans un manuscrit anterieur.
1) On voit que ce chapitre n'occupe pas dans la traduction pro-
ven<;ale la meme place que dans l'edition de Beaugendre, mais celui-ci
avertit en note (col. 1641 et 1661) que l'edition d' A. Gorlajus place
le chap. de Gerarchite entre ceux qui traitent de Allectorio et de Jasjnde.
-) II n'y a point ici de lacune, les chapitres de maragde et de
Orite se trouvant a la suita Tun de l'autre sur le verso du quatrieme
feuillet, il faut donc croire que I'ordre des chapitres n'etait pas le meme
dans le manuscrit qui a servi h cette traduction que dans les editions.
Fragments inedits d'un lapidaire provcngal. §3
(ja si'aiso) que a paucz de mos amicz ^) o agues fach as-
saber, aquest sanch compte ay volgut sanlitamen mani-
festar a lor qui engardan los secretz de Dieu honoren,
aisi cos tanli aquestas sanhtas paraulas es aquest sanhs
secretz aquili^) que so de sen madur e de honesta vita,
quar nos as aquels volem manifestar las forsas de las
peyras qui an estat rescostas e que ili conescan tan no-
bla causa e que a tart la mostro quar li metge discret
s'amdo en lor cura ab aquestas es encausso soven per
Tamda d'aquestas las malautias; es aquestas, qui non las
conois, quant o a vist es manifest, e si tot li mege s'en
aiudo no rema que no valhen en totas causas, quar lor
vertut lor fo donada per volontat de Dieu
Fin:
Fol. IV ^», col. n, Vener. Hild. op. col. 1673.
E cove c'om la veia avant de solelh levant
que le venceire posca esser et issir aparelhatz,
quar aquel dia negus hom no lo porra vencer,
e cuiara que sia pantera de diversa color, la quäl pantera
India engendra, ä la votz de laqual li leo s'en fuio de paor
e tota bestia tremola et aquesta peira es per aquo
aisi apelada.
Absitus es peira de negra color entremesclada de
roias venas ab agradabla semblansa ,
e es del gran d\ui equat e de maier pes,
e si una vegada de long sia calfada al foc ela te
pois sa calor per -vij- dias.
') Le texte porte:
Hiinc tribus, ut multiim, dandiim sancimus amicis
Qui numerus sacer est . . .
Lc tradueteur en rendant triöiis parjMucz a rendu inintelligibles les
mots aquest sanch compte; du reste, pour peu que Ton compare l'ori-
ginal a la traduction on s'apercevra que celle-ci est tres defectueuse.
^ Dans aquili comme plus bas dans ili Vi final a sans doute pour
objet de mottiller la lettre l, aquili, ili seraient donc cquivalents de
aquilh , ilh. Cette conservation etymologique de la voyelle finale pour-
rait bien ctre un caractere du dialocte, car plus ioiii nuns rencontre-
rons nogalho, pour nogalh.
6*
84 Meyer Fragments inedits d'un lapidaire proveiKjal.
Calcofons tocada a la cara
Si leveremen ab caste cors sia portada ela dona
as aquel qui la porta dos tant de votz, e que ja
no rouquitgera^); e es de negra color.
Melochites per sa vertut deffent c garda, quant es
pauzada el bretz de reflfan, que neguua mala aventura
110 posca venir a l'effan ni si membre no poden esser
tocat de neguna mala re, es es bela peira e vertuosa,
e gressus^) verdejans es semblans a Smaragde.
Ell Arabia trobero aquesta premieramen.
Cecolitus es semblans al nogallio de la oliva,
E es lacliz per regardar e preeios per forsa de natura,
quar quant es soutz en aiga e pres per aquel a cui a
mestier
ela fa solver las peiras en la colha^)
e purga l'arena de la vezica as aquel qui s'en dol
Perites es de flava color e no vol estre mes e foc . . .
Le reste manque.
') Et ne raucescant liquidas deffendere fauces. Lib. de gem.
col. 1(573.
-) Praxum quippe virens similis solet esse Smaragdo. Lib. de gem.
col. 1G75. — Au lieu de praxum deux manucrits portent Crassiim dont
se rapproche davantage la traduction proveiKjale.
*) Dicitur esse potens lapidosos solvere renes. Ibid.
Paris, Octobre 1861.
Paul Meyer.
Kritische Anzeigen: Sandras, Etüde sur G. Cliaucer. §5
Kritische Anzeigen.
Etüde sur G. Chaucer considere comme imitateur des trouveres, par
E. G. Sandras. Paris, Durand. 1S59. 298 p. 8«.
Der Schwerpunkt dieser interessanten „Studie" über den
Vater der englischen Dichtung, der noch immer einer voll-
kommenen , allseitigen und durchaus begründeten , literarhisto-
rischen Würdigung ermangelt, ruht in der Untersuchung der
Quellen seiner kleineren, allegorischen Dichtungen, in der
Erforschung des Einflusses, welchen die zeitgenössischen fran-
zösischen Dichter auf seine künstlerische Thätigkeit ausgeübt
haben. Auf diesem bisher sehr vernachlässigten Gebiet der
weiten und mannichfaltigen Kunstschöpfung Chaucer's ist es
dem Verfasser gelungen manche neue Entdeckungen zu machen,
die namentlich durch die Fernsichten, welche sie eröffnen,
von nicht geringem literargeschichtlichem Interesse sind. So
rechtfertigt oder erklärt sich auch der Zusatz des Titels.
Schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichniss nämlich zeist,
dass der Verfasser auf jenes Gebiet sich keineswegs beschränkt,
vielmehr die gesammte poetische Production Chaucer's in Be-
trachtung gezogen hat, also auch diejenigen Gedichte wo
Chaucer zwar den Stoff" aus französischer Quelle schöpfte,
ohne doch darum nachzuahmen, seine Quelle auch nicht ein
„trouvere" d. h. ein französischer Kunsfdichter war. sowie
nicht minder diejenigen wo Frankreich weder das Material
noch das Vorbild geliefert. Freilich scheint der Verfasser
niclit bloss den Begriff" des ., imitateur" wie des ,. trouvere"
etwas weit zu fassen , sondern auch aus patriotisclier Gesin-
nung, die aber in der weltbürgerlichen Wissenschaft nimmer
am Platze ist, dem Bereiche des französischen Einflusses, so
gross derselbe auch in Wahrheit schon ist, mehr als sich ge-
hört zu vindiciren. Wir werden hierauf im Einzelnen zurück-
kommen. Denn wir wollen den Verfasser durch seine ganze
Schrift von Beginn au begleiten, hier länger, dort kürzer ver-
weilend, um die bemerkenswerthesten Resultate seiner Beob-
achtungen und Forschungen in aller Kürze aufzuweisen, unsere
Bedenken und Einwendungen einzuschalten, und einen oder
den andern eigenen Excurs hinzuzufügen. Denn bei einer
gß Kritische Anzeigen :
„ Studie " und einer von verhültnissmässig so geringem Um-
fange, lässt sich von vornherein eine erschöpfende Behandlung
des Gegenstandes gar nicht erwarten: der Verfasser berührt
meist mehr und deutet nur an, als dass er umfassend aus-
führte oder vollkommen begründete; anderes beabsichtigt er
auch nicht, am wenigsten da wo er auf seine Vorgänger sich
zu beziehen hat; aber, obschon wir die Kürze und Skizzen-
haftigkeit der Behandlung an solchen Stellen, wo der Ver-
fasser neue Forschungen oder Ansichten bietet, bedauern,
müssen wir doch bezeugen, dass seine Urtheile in der Regel
auf einem gründlichen Studium der Werke Chaucer's selbst
beruhen und seine wohlgeordnete, präcise Darstellung nicht
bloss eine gute Uebersicht, sondern überall auch eine mannich-
fache Anregung zu weitern Untersuchungen gewährt.
Der Betrachtung seiner Werke schickt der Verfasser mit
Recht die Biographie des Dichters voraus. Man weiss wie
gering da die Zahl der beglaubigten Thatsachen ist: und mit
Recht hat auch unser Verfasser alles bloss Hypothetische und
Sagenhafte fern gehalten. Doch genügt auch das Wenige,
das wir sicher wissen, unseres Bedünkens, vollkommen um
in Verein mit seinen Werken das Bild des grossen Dichters
uns in festen Umrissen so zu vergegenwärtigen , dass der
innere Zusammenhang der oft contrastirenden Züge seiner
Dichtungen sich daraus erkennen lässt und erklärt. Als das
wichtigste Moment erscheint uns hier, dass Chaucer's Lebens-
stellung von Haus aus keine exclusive war, nicht gebannt in
die Schranken eines bestimmten Standes, und dass das Glück
die volle Entfaltung seiner reichen Individualität in ihrem
Streben nach freister Entwickelung begünstigte. So gehörte
Chaucer weder dem Adel, noch dem Bürgerthum allein an;
ein Gelehrter seiner Zeit im vollsten Sinne des Worts, trat
er doch auch nicht in den geistlichen Stand ein; zum Juristen
gebildet, warf er die Feder weg und griff zu dem Degen,
die männliche Thatkraft zu erproben; in die höchsten Hof-
kreise gezogen , ganz im Besitze der ihnen eigenthümlichen
Bildung, ja diese selber als Dichter pflegend, liess er sich
doch dort keineswegs fesseln; auf einer politischen Sendung
zieht er nach Italien , um an der Quelle selbst diese neue
literarische Kultur kennen zu lernen , welche die Poesie der
Welt verjüngen sollte — eine Bekanntschaft von unberechen-
barer und bei weitem noch nicht genug geschätzter Wichtigkeit
Sandras , Etüde .siir ü. Chauccr. ^7
für seine poetische Entwickelung ^); während der Verkehr mit
fremden Nationen — denn auch in Frankreich und den Nieder-
landen verweilte er länger — seiner Bildung überhaupt einen
universelleren Chai-akter verleiht, bringt ihn andererseits später
seine politische Stellung im Vaterlande als Parlamentsmitglied,
sein Amt als Zollinspector in die innigste Beziehung und in
den regsten Verkehr mit seinem Volke. Fassen wir nur diese
Momente aus Chaucer's Leben ins Auge : so nimmt es uns
nicht mehr Wunder, in ihm einerseits den mit Gelehrsamkeit
wohl ausgerüsteten ritterlichen Hofdichter und andererseits den
bürgerlich volksthümlichen, praktische Lebensweisheit so gern
verkündenden Sänger zu finden; nicht selten in jener Eigen-
schaft einem wahrhaft abstracten Idealismus, in dieser dem
derbsten Naturalismus huldigend: diese verschiedenen Elemente
durchkreuzen sich auch oft in seinen Dichtungen in wunder-
licher Weise, nicht selten verfällt er unwillkürlich aus dem
ideal gehobenen und zugleich vornehmen Ton in den realistisch
niedrigen, prosaisch bürgerlichen, ebenso wie die ganze Treu-
herzigkeit und naive Ursprünglichkeit des sächsischen Sprach-
elements mit dem unter künstlerischen, gelehrten und höfischen
Händen bereits feingeschliflfenen und polirten romanischen in
seinem Ausdruck sich beständig mischt; andererseits ruht in
jener Doppelnatur des Dichters aber auch jener ironische Zug,
einer der reizendsten und eigenthümlichsten seines poetischen
Charakters! Nur in seinem bedeutendsten und zugleich im
Grossen und Ganzen acht oi-iginellen Werke, einem der schön-
sten poetischen Denkmäler aller Zeiten, sind jene disparaten
Elemente zu einer höliern Einheit verbunden , welche denn
gewissermassen als das Resultat seiner ganzen Lebens- und
Kunstbildung zu betrachten ist. Jenes Werk, wahrhaft aus
dem Kerne der Nationalität des Dichters entsprossen, erhebt
sich doch weit über seine Nation zu jener Zeit, ja es ragt
überhaupt aus dem Luftkreis der mittelalterlichen Dichtung
empor, eine höhere Kunststufe ankündigend gleich den Werken
der grossen italienischen Zeitgenossen. Diesen selbst verdankt
') rauli in seinen Bildern aus Altcngland p. 195 ff. macht eine
rühmliche Ausnahme: nur ist er im Irrthumc wenn er Chaucer's sie-
benzeilige Strophe von der Ottave ableitet, und zwar als eigene
Schöpfung des englischen Dichters ; die altfranzösische Lyrik besitzt
die Strophe schon (ein Beispiel gibt auch Herr Sandras p. 288).
33 Kiili&clu' An/eigen :
Chaucer seine höhere künstlerische Ausbildung, und mit und in
ihr zugleich die volle Entfaltung seiner dichterischen Indivi-
dualität: während er bei den nüttelalterlichen französischen
Diclitern, seinen Zeitgenossen, nur seine Schule machte, aus
deren Schranken ihn erst das Vorljild der italienischen Dich-
tung befreit.
Der Verfasser deutet diesen Entwickelungsgang des poeti-
schen Genies Chaucer's nicht an, wie er denn des grossen
ästhetischen Unterschieds der Dichtung eines Boccaccio und eines
Guillaume de Lorris sich nicht durchaus bewusst zu sein scheint:
da es ihm gerade auf die Beziehung Chaucer's zu der fran-
zösischen Dichtung ankommt, so fasst er vornehmlich und
zunächst die Stoffe seiner Werke ins Auge, indem er die
Quellen aufzuweisen sucht, woraus Chaucer sie schöpfte, denn
diese Stoflfquellen sind allerdings vorwiegend französische. Er
hebt im zweiten Kapitel mit dem Roman von der Rose an,
dessen theilweise üebei'setzung sicher zu den frühesten Ver-
suchen der Chaucer'schen Muse gehört, eine Ansicht die auch
Pauli theilt (Bilder aus Altengl. S. 194). Die Entstehung des
allegorischen Geschmacks, der Charakter des merkwürdigen,
literai'historisch so äusserst wichtigen Werkes, sowie das Ver-
hältniss der Uebersetzung zu dem Original wird in aller Kürze,
doch treffend gezeichnet. Mit Recht tritt der Verfasser gegen
die namentlich von Warton vertretene Ansicht, die nur eine
Nationaleitelkeit eingegeben haben konnte, auf, als habe die
Uebersetzung sich über das Original erhoben oder dasselbe
verbessert. Im Allgemeinen ist die Uebersetzung vielmehr
bewundernswerth geti-eu, und in der That vortrefflich, da sie
trotz ihrer Treue wie ein Original sich liest. Man weiss,
dass das über 22,000 Verse • umfassende französische Werk
nur bis zum Vers 13,105 von Chaucer übersetzt worden ist;
der Guillaume de Lorris angehörige Theil, der ebenso sehr
im Geiste des Ritterthums als der andere, von Jean de Meun
verfasste, in dem des Büi'gerthums gedichtet ist, enthält nun
4068 Verse, diesen entsprechen bei Chaucer 4432; die 0O37
Verse umfassende Partie Jean de Meuu's dagegen ist von
Chaucer in 3267 Versen wiedergegeben: während andere 9000
Verse desselben französischen Dichters, der Rest des Romans,
ganz unbei-ücksichtigt blieben. Diese kleine Statistik, die wir
selbst aufstellten, ist lehrreich genug und verdiente eine wei-
tere Ausführung, die uns im Augenblick nicht möglich ist.
Sandras, Etüde siir G. Chauccr. 39
Es kiime uämlich darauf an nachzuweisen . welche Partien
der zweiten Abtheilung Chaucer weggelassen, welche davon
er verkürzt, welche er erweitert hat. Uns ist wenigstens keine
in dieses Detail eingehende Untersuchung der Üebersetzung
bekannt: und doch könnte sie von vielfachem Interesse werden.
Mail sieht indessen schon aus dem von uns Gegebenen, welchen
ganz andern Reiz die rtttcrUche Allegorie, die Allegorie der
Minne könnte man sagen, für Chaucer hatte, als die satirisch-
didactische, und trotzdem dass er eine so reiche satirische
Ader besass und eine solche Neigung zum Lehren. Aber nur
Guillaume's Schöpfung ist in jenen Schmelz der Poesie ge-
kleidet, der den an sich.raarmorkalten allegorischen Gestalten
ein fast individuelles Leben in wahrhaft bewundernswerther
Weise verleiht, wie Statuen in den Gebüschen eines blühen-
den Gartens unter einem südlichen Himmel die sie umgebende
Natur belebt, denn die landschaftlichen Schilderungen Guillau-
me's sind Meisterstücke von reizender Naturwahrheit : während
seinem Fortsetzer dagegen bei allem Reichthum der Ideen, der
Zauber poetischer Darstellung mangelt. Es ist auch ein Zeug-
niss für den dichterischen Genius Chaucer's, dass er wol jenen,
aber nicht diesen sich zum Vorbild nahm, und trotz der be-
sondern Vorliebe seiner Nation für die satirische Allegorie,
wie sie dieselbe schon damals und weit mehr noch später be-
kundete. Wie gross aber der Einfluss Guillaume's von Lorris
auf Chaucer gewesen, bezeugen allein schon die vielen Remi-
niscenzen aus seiner Dichtung, die sich in den verschiedensten
Werken Chaucer's vorfinden, wie namentlich Herr Sandras hier
nachgewiesen hat.
Im dritten Kapitel betrachtet der Verfasser die Gedichte,
die seiner Ansicht nach aus italienischer und französischer
Quelle zugleich entsprangen {poemes de source italienne et
frangaise). Troiliis and Creselde eröffnet die Reihe. Dieses
aus dem Filostrato des Boccaccio, obschon mit Aenderungen
und Zusätzen, übertragene Gedicht wird deshalb vom Verfasser
hierher gerechnet, weil in Benoit's von Ste More Dichtung
vom Trojanischen Krieg zuerst diese romantische Liebe des
Sohnes des Priamus zu der Tochter des Calchas erzählt wird,
von welchem Handel Dictys und Dares, im übrigen bekanntlich
Benoit's Quelle, noch nichts berichten. Deshalb, meint der
Verfasser, sei Benoit auch der Erfinder der Fabel und also
indirect wenigstens Chaucer's Quelle. Ausserdem triftt Chaucer
90 Kritische Anzeigen-.
auch — worauf der Verfasser selbst indess gar nicht auf-
merksam macht — an einigen Stellen, wo er in der Anord-
nung der ITandhmg von dem Filostrato abweicht, offenbar mit
Benoit zusammen. Dies zeigen nämlich ein paar von den schon
an und für sicli sehr interessanten Auszügen aus dem noch
unedirten Werke Benoit's, die der Verfasser, in der Absicht
das letztere überhaupt zu charakterisiren, am Schlüsse unter
den Pieces justificatives mittheilt '). Nun weiss man aber,
dass Guido de Colonna (1287) als Erster nach Benoit, jene
Liebesgeschichte und in ganz denselben Zügen als dieser be-
handelt hat. Der Verfasser ist allerdings kurz damit fertig,
Guido zum Nachahmer Benoit's zu machen. Aber unser ge-
ehrter Mitarbeiter, Herr Pey hat in diesem Jahrbuche, Bd. I,
p. 228, bei Gelegenheit einer Kritik der Einleitung zu den
Nouvelles franyaises du XIV*' siecle, publ. p. Moland et d'Heri-
cault (in welcher Einleitung die Geschichte dieser Fabel ge-
geben wird, da eine der Novellen eine Uebersetzung des Filo-
strato ist), den wichtigen Beweis geliefert, dass Guido das
heute verlorene Original des Dares vor Augen gehabt und
dass dasselbe, weit ausführlicher als die lateinische Ueber-
tragung des Cornelius, aller Wahrscheinlichkeit nach auch jene
Liebesgeschichte enthalten hat: wohingegen, fügen wir hinzu,
eine Erfindung dieser Fabel von Seiten Benoit's, bei der Art
wie sie seinem W^erke eingewebt ■■^) ist, im höchsten Grade
unwahrscheinlich ist. Ob aber die Stellen, wo Chaucer vom
J) Bei Chaucer (V, v. 113 ff.) macht Diomedes wie bei Benoit
seine Liebeserklärung der Chryseis unterwegs, während er sie von Troja
zum griechischen Lager geleitet, alsbald nachdem sie von Troilus Ab-
schied genommen hat. Boccaccio mochte das, zumal Diomedes schliess-
lich Erhörung findet, für unschicklich halten; bei ihm eröfi'net erst
am vierten Tage nach ihrer Ankunft im Lager (Fil. VI, 9) Diomedes
bei einem Besuche Chryseis sein Herz. — Der Herr Verfasser hat, wie
gesagt, sich nicht bemüht dies festzustellen, obwohl er selbst das Ma-
terial dazu liefert.
2) Der von Benoit selbst seinem Werke vorausgeschickte Inhalt,
nicht weniger als 545 Verse, ist, ausser vielen andern Auszügen, von
Frommann in seinem Aufsatze: Herbort v. Fritzlar und Benoit de Ste
More, in der Germania II, p. 53 ff. mitgetheilt. Dort mag man sehen,
wie sich diese Liebesgeschichte durch die' lange Dichtung hinzieht, hier
verschwindet, dort wieder auftaucht, weder Hauptfabel, noch eine ein-
zelne Episode ist: wäre eins von diesen beiden der Fall, so wäre,
wenn man von allem Andern absähe, eher Benoit als Erfinder denkbar.
Sandras, Etiide sur G. Chaucer. 91
Filostvato abweichend, mit Benoit, wie wir salien, zusammen-
trifft, sich auch bei Guido vorfinden, vermag ich nicht zu sagen,
da mir leider sein Werk hier nicht zur Hand ist; der Verfasser
aber lässt das ganze Verhältniss überhaupt völlig im Dunkeln,
indem er darauf sich beschränkt zu bemerken: Le poete anglais,
outre le texte Italien, a eu sous les yeux, sinon Benoit de
Sainte-Maure, certainement Guido auquel il emprunte des de-
tails negliges par Boccace. Man sieht, der Verfasser ist hier
wenig gründlich verfahren und hat es sich etwas zu bequem
gemacht; wie er denn auch von jener ,, Einleitung" der Herren
Moland und d'Hericault gar keine Notiz genommen hat. Und
doch musste es ihm gerade darauf ankommen, die source fran-
gaise hier zu rechtfertigen. Ueber die Chaucer selbst eigen-
thümlichen Zusätze, d, h. die ganz sicher seiner eigenen Er-
findung, welche einen gar nicht geringen Raum bei ihm ein-
nehmen, gibt der Verfasser noch weniger genauere Auskunft,
wenn auch die andeutungsweise von ihm ausgeführte, und in
ihren Resultaten nicht unrichtige Vergleichung der beiden Ge-
dichte, des Filostrato und des Troilus, die Bedeutung jener
Zusätze ahnen lässt. ' Obwol ich selbst beide Gedichte zu einem
grossen Theile selbst genau verglichen habe, kann es um so
weniger meine Absicht sein, diese Lücke hier ausfüllen zu
wollen, dies als vielleicht schon von anderer Seite früher
geschehen ist, z. B. von Douce, dessen Arbeit mir hier nicht
zu Gebot steht. Nur über das Wesen und die Bedeutung jener
Zusätze will ich kurz was ich beobachtete mittheilen. Sie be-
stehen, find' ich, in der Regel in Erweiterungen oder Excursen
der Reden, die im Original schon einen so grossen Raum ein-
nehmen, und zwar treffen- sie zumeist die Rolle des Pandarus;
ferner sind sie es gerade und nicht die aus andern Quellen
entlehnten Zusätze, w^elche die Charaktere verändern, sodass
eben deshalb diese Aenderung in der That Chaucer eigen-
thüralich zugehört: es ist dies ganz natürlich, da die „Rede"
am eindringlichsten charakterisirt ; hiernach ist es ferner schon
leicht begreiflich, dass der Charakter des Pandarus die {/rössie
Aenderung erfahren konnte. Die andern Hauptcharaktere sind
bei Chaucer wohl modificirt, der des Pandarus aber ganz um-
gewandelt, und diese Umwandlung ist es eben, welche vor-
zugsweise dem Gedicht Chaucer's, obschon es zum grösseren
Theil eine fast wörtliche Uebersetzung ist, doch überall eine
ganz andere Färbung, einen andern Totalausdruck gibt. Dass
92 Kritisclii' Anzeigen:
auch Auslassungen, sowie kleine Aenderungcn in üev Erzä/ilanj,
tlieils auch selbst erfunden, theils aber entlehnt, zu der ange-
zeigten Umwandlung der ]3ic]itung mitgewirkt haben, wenn
auch in viel geringerm Grade, soll nicht geleugnet werden.
Die Hauptsache aber bleiben jene Einschaltungen in den Reden
und von Reden. Aber indem Chaucer nach solchen Einschal-
tungen mit einer fast wörtlichen Uebersetzung fortfährt —
denn mit den erwähnten Auslassungen sowie Aenderungen wird
von ihm ganz und gar nicht systematisch, sondern durchaus
willkürlich verfahren — entstehen, wie sich leicht denken lässt,
die sonderbarsten Widersprüche in den Reden selbst, und noch
mehr in den Charakteren. So bleibt Pandarus, obwohl vom
Vetter zum Onkel der Chryseis geworden, obwohl aus dem innig-
sten Jugendfreunde, der bei ruhigerem Temperament eine kleine
Erfahrung im Leben und in der Liebe vor dem lange Zeit so
spröden Troilus voraus hat, nunmehr ein prosaischer, in Sprich-
■wörtern und Gleichnissen unerschöpflich docirender, humori-
stisch polternder und im Vollgefühl seiner Ueberlegenheit
neckender Mentor des Troilus — nichts desto weniger ein un-
glücklicher, schmachtender Liebhaber, wie bei Boccaccio! Ist
schon die Rolle des Kupplers, wie er sie bei letzterem spielt,
keine würdige, die nur in der innigen Freundschaft und der
eigenen Jugendlichkeit eine Entschuldigung findet, so muss sie
bei Chaucer's Pandar einen geradezu widerwärtigen Eindruck
machen. Derselbe wird nur dadurch gemildert, dass diese
von Chaucer so umgestaltete Figur zu dem Träger der Ironie
des Dichters der phantastischen Liebe des Ritterthums gegen-
über wird, der originellste, durchgreifendste und bedeutendste Zug
in seinem Werke. Der Pandarus Chaucer's steht in seiner Art
dem Troilus gegenüber wie Sancho Pansa dem Don Quijote —
und merkwürdig, obschon leicht erklärlich, theilt er mit jenem
auch die Leidenschaft der Anführung von SprichAvörtern ! ^)
Um wenigstens an Einem Beispiel jene Ironie, und damit den
grossen Unterschied beider Gedichte zu veranschaulichen, erin-
nere ich daran, wie Pandarus um seine Nichte für die Bewer-
bungen des Troilus zu gewinnen, nachdem er wie bei Boccaccio
zu deren Unterstützung gesagt dass Troilus sonst vor Liebe
1) Selbst Troihis spottet darüber (I, v. 755 ff.):
But suffir nie my fortune to bewailen ,
For thy proverbis may nouglit me availen.
Sandras. Etüde sur G. Cliaucer. 93
Sterben werde, nun hier hinzufügt: ..dann will ich auch sterben,
mein Wort darauf, Nichte, ich lüge nicht, mit diesem Messer
werde ich mir den Hals rein abschneiden (al should I with
this knife my throte kervin) — und wenn Ihr uns beide so
schuldlos habt sterben lassen, dann habt Ihr fürwahr hübsch
gefischt! (than have ye fishid faire)" ^). — Dass Chaucer's
Gedicht im Ganzen in ästhetischer Beziehung weit hinter dem
Filostrato zui-ückbleibt . wird schon nach dem Gesagten nicht
zweifelhaft erscheinen; es fehlt ihm in jeder Beziehung die
Einheit, die der Composition, der Charakterzeichnung und des
Stiles, an deren Stelle vielmehr ein seltsames Quodlibet tritt.
Dem Filostrato hingegen gereicht gerade die Einheit der Com-
position und des Stiles mindestens , zur besondern Zierde.
Dies Gedicht ist ebenso wie die Teseide, auf die wir alsbald
genauer zu reden kommen, von der ästhetischen Kritik wie
nicht minder von der Literaturgeschichte bei weitem nicht genug
gewürdigt, vielmehr in der Regel geradezu vernachlässigt worden
(wie viel sagen z. B. Ginguene und Ruth darüber!). Wie es aus
der Liebe des Dichters selbst entsprungen ist, von der es ja
selber offen Zeugniss ablegt, so zeichnet es sich durch eine
Wahrheit der Empfindung und durch eine Kraft der Leiden-
schaft aus, \vie sie uns selten in einem Kunstwerke entgegen-
tritt, und dargestellt mit einer pittoresken Kunst, die einen
Reichthum der Phantasie und eine Lebendigkeit der Anschauung
bekundet, wie sie nur ein grosser Dichter besitzt. Im beson-
dern möchte ich einen Punkt noch hervorheben, der soviel
ich weiss niemals bemerkt worden ist. Wenn Chaucer be-
kanntlich ein Sonett des Peti-arca einem der Monologe des
Troilus einverleibt hat, so ist ihm auch in dieser Beziehung,
mindestens in einem allgemeinen Sinne, Boccaccio Vorbild ge-
wesen. Auch bei ihm nämlich finden sich, und zwar nament-
lich in den Briefen des Troilus, Strophen von demselben
lyrischen Charakter, die wenn sie nicht bestimmten Sonetten
entlehnt sind, doch gar leicht in solche verwandelt werden
') 11, V. 322 ff. Alan vgl. dainit noch v. Ö51 ff.:
And also tliinke wel that this is no gaude,
For me were levir thou and I and he
Were hongid, than that I shonld bcn Ins bände,
As high as nien might on ns al isc ...
94 Kritische Anzeif^eii:
können '). — Schon Emiliano-Giudici hat sehr richtig auf-
merksam darauf gemacht, wie eben dieses, ästhetisch bedeu-
tendste Epos Boccaccio's den grossen Einfluss Dante's auf
unsern Dichter auch besonders oifenbarc. Dagegen ist meines
Wissens noch nicht darauf hingewiesen, wie gerade der Filo-
strato, der die in der Teseide zuerst auftretende Ottave bereits
in einer weit höhern, ja oft schon recht bedeutenden Vollen-
dung zeigt, nicht bloss den nächstfolgenden Epikern in dieser
formellen Beziehung specielles Muster wurde, sondern auch
einem der bedeutendsten, dem Poliziano, zugleich bei der Aus-
führung der Charakterzeichnung seines Helden vorleuchtete, der
an Troilus iir manchen Zügen auf das lebhafteste erinnert ^).
Doch kehren wir nach dieser längern Abschweifung zu
dem Etüde des Herrn Sandras zurück. Unter dem Titel
„Arcite et Palamon" lässt er dem eben besprochenen Gedicht
The knighies fa/e' folgen. Obgleich den Canterbury-Erzählungen
später ein besonderer Abschnitt, die zweite Hälfte des Buchs
selbst gewidmet ist, rechtfertigt sich doch die Herauslösung
des Gedichts aus diesem Krdse dadurch, dass Chaucer, wie
bekannt, desselben unter dem Titel: „The Love of Palamon
and Arcite" als eines besondern Werks in The Legende of
good women gedenkt, sodass es demnach erst später mit den
nöthigen Modificationen dem Cyclus der Canterbury tales ein-
verleibt worden ist. Ueber die Frage worin jene bestanden
') Nur erinnern solche Stellen eher an Dantci^ als an Petrarca'«
Lyrik. — S. ein Beispiel P. II, st. 99:
E che ch'io faccia, l'imagine bella
Di te sempre nel cor reca un pensiero,
Che ogn'altro caccia che l'altro favella
Che sol di te, benche d'altro nel vero
Airanima non caglia, fatta ancella
Del tuo valor, nel quäle io solo spero
etc. etc.
2) Ich kann hier begreiflicher Weise in eine Begründung nicht ein-
treten; auch bedarf deren es für den Kenner beider Gedichte schwerlich.
Doch will ich mir nicht versagen, eine besonders auffallende Parallel-
stelle hier aufzuführen. Troilus im Filostr. P. I, st. 22: Che e a
porre in donna alcuno amore? — Che come al vento si volge la foglia,
— Cosi in un di ben mille votte il core — Di lor si volge etc. Giii-
liano, in Poliz. Stanze, L. I, st. 14: Quanto e meschin colui che cangia
voglia — Per donna — — — Che sempre e i}iu leggier ch'al vento
foglia, — E mille rolte il d) ruole e disvuole etc.
Sandras, Etüde siir G. Chaucer. 95
haben mögen, namentlich ob Chaucer die Teseide erst voll-
ständig übersetzt hatte in The Love of Pal. and Are.-: darüber
geht der Verfasser sehr kurz hinweg mit der Bemerkung: Les
changements qu'a subis la fable elle-meme, permettent de sup-
poser que tout d'abord Chaucer n'a pas ete plus esclave de
la forme, et que le recit du Chevalier, debarrasse d'incidents
qui n'allaient pas au but, est ä peu pres la redaction primitive.
Mit den Vordersätzen mag man sich wohl einverstanden erklären,
ohne darum dem a j^eit, -pres beizupflichten. Die ganze Anlage
der Teseide, die, wenn man die Hauptfabel ins Auge fasst,
so viele hors d'oeuvres aufweist, forderte allerdings zu Kür-
zungen geradezu hei-aus; dass aber Chaucer's erste Bearbeitung
sich enger an das Original anschloss, mehr den Charakter
einer Uebersetzung hatte, also auch ausführlicher war, scheint
mir gewiss. Darauf weisen nämlich die zerstreut vorkommen-
den wörtlich übersetzten Stellen hin, die mir als Reste der
ersten Redaction, die von der Ueberarbeitung unberührt ge-
blieben waren, erscheinen. Tyrwhitt hat schon viele, wohl
die meisten dieser Stellen, in seinen Anmerkungen angezeigt,
einige kürzere, man möchte sagen ganz versprengte, durchaus
bruchstückartige aber nicht, und eben diese dienen vielleicht
noch besonders zur Beglaubigung jener Ansicht ^). — Dass
unser Verfasser dieses Gedicht aber gerade an dieser Stelle
abhandelt, d. h. zu den. Werken Chaucer's zählt, die aus ita-
lienischer und französischer Quelle zugleich entsprangen, wird
von ihm noch weit weniger gerechtfertigt, als solches, wie
wir sahen, beim Troilus geschah. Sehen wir wie der Herr
Verfasser verfährt, um zu dem Original Boccaccio's aufzu-
steigen! Zuerst weist er die Ansicht zurück, dass die Teseide
eine Uebersetzung des in Venedig 1529 im Druck erschienenen
Gedichts ^rfth^ xat. '^6.]i.oi r-ric, ' EfxifjX^a^ sei, wie zuerst von
Granucci behauptet worden, indem im Gegentheil letzteres
Gedicht eine Uebertragung der Teseide sei. Darin hat der
Verfasser ganz recht; aber er hat sich hier unnöthig be-
müht, denn dasselbe hat und mit ganz denselben Gründen
') Man vgl. z. B. Canterb. tales ed. Tyrwhitt v. 1665. The
destinee ministre generale und Teseide VI, st. 1. L'alta ministra del
mondo Fortuna; und dabei ist zu beachten, dass der Ausdruck ministre
yenerctl keinen rechten Sinn gibt, nicht im Zusannuenliang mit dem
Folgenden und noch weniger an sich.
gg Kiititsclii- Anzeigen:
der von dem Verfasser so oft citirte Warten schon vor
langer Zeit bewiesen. Allerdings ist der Irrtlium Granucci's
in neuester Zeit selbst noch wiederholt worden, und sogar,
doch offenbar nur als lapsus calami, von einem bedeutenden
Gelehrten. Es hätte also genügt , bloss an Warton's Unter-
suchung zu erinnern. (Der Herr Verfasser fügt übrigens dem
Beispiel das VVarton aus dem griechischen Gedicht gegeben,
ein neues hinzu). — Soweit also wird Jedermann mit dem
Verfasser einverstanden sein. Aber wie weiter? Einen altern
griechischen Text anzunehmen, erklärt er für eine Hypothese
ohne Grundlage (hypothese sans fondement), zumal dieselbe
noch eine neue, die einer lateinischen Uebersetzung, verlangte,
da Boccaccio zur Zeit der Abfassung jenes Gedichts sehr wenig
Griechisch verstanden habe. Kein Beweis sei dafür da, dass
Boccaccio das Sujet aus dem Griechischen genommen habe;
andererseits sei er auch nicht der Erfinder, nach seinem eigenen
Geständniss ^). — — „Mais qui a imagine la fable? Teile
qu'elle se presente, avec les couleurs que Boccace parait lui
avoir en partie conservees, je la rattacherais au cycle greco-
romain; je lui ferais une place entre le Roman de Thebes et
celui de Troie. Au Heu de nous laisser aller aux conjectures,
il est plus sage de former des voeux j^our la decouverte d'itn
texte qui nous dise que cette charmante fiction est nee de notre
fiol''- {^. 55). Und hat auf diesen frommen Wunsch hin der
Herr Verfasser gewagt, das der Teseide nachgebildete Gedicht
Chaucer's unter die seiner Werke zu setzen, die theil weise
aus französischer Quelle entsprungen sind? Freilich 80 Seiten
später w^agt er bereits schon mehr, indem er sagt: ,,Chaucer
a imite le Filostrato et la Theseide, poemes qui sont, Vun
rertainement (?!), Vautre vraisemblablement d'origine f7'angaise."
Das ist ein lehrreiches Beispiel, zu sehen wie die Irrthümer
auf dem Felde der Literaturgeschichte zu entstehen, und —
1) Ich will die betreffende Stelle des Briefs Boecaccio's an Fiam-
metta, in welchem er die Teseide ihr dedicirt, hierher setzen, weil sie
zu wichtig für die folgende Untersuchung ist: trovata iina anti.
ehissima storia, e al piu delle genti non manifesta, bella s\ per la ma-
teria, della quäle parla, che e d'amore, e si per coloro, de'quali dice
che nobili giovani furono e di real sangue discesi , in latino voh/are
e in rima acciocche pih dilettasse , e massimamente a voi — — desi-
derando di piacervi, ho ridoffa. (Ausg. Firenze 1831.)
Sandras, Etüde Mir G. Chaucer. 97
zu wachsen pflegen. Und nicht wenige gerade sind aus sol-
chen patriotischen Wünschen entsprungen! So weit wir aber
selbst die Grenzen des Gebietes des französischen Einflusses
im Mittelalter stecken, indem wir anerkennen, dass die fran-
zösische Literatur die Weltherrschaft damals besass, so wenig
können wir doch auch nur die Hoffnung des Verfassers in
dem vorliegenden Falle theilen. Vielmehr kann es unseres
Erachtens bei einer genauem Betrachtung auch nicht dem ge-
ringsten Zweifel unterliegen , dass Boccaccio's Gedicht aus
einer griechischen Quelle geflossen ist. Schon der ganze Cha-
rakter der Fabel in seinen allgemeinen wie in seinen beson-
dern Zügen bekundet die griechische Herkunft. Die Scene
ist nicht bloss in Griechenland, die Fabel ist zugleich in die
innigste Beziehung zu der Heroensage dieses Landes gesetzt,
ja durch die Erinnerung an sie offenbar selbst hervorgerufen :
die Haupthelden — von denen der eine, Palemon, ohne
Zweifel auch nach einem Nachkommen des Cadmus, dem
Sohne der Ino , genannt worden ist — sind Vettern , und
,,die letzten des Thebanischen Blutes" (Tes. V, st. 59), zu-
gleich die innigsten Freunde, die sich wie Brüder lieben, ihr
Kampf, der auf Palemon's Verlangen ja ursprünglich auf Leben
und Tod sein sollte, erinnert ganz von selbst an den Kampf
der Brüder Eteokles und Poljnikes, sowie an den der Vettern
Laodamas und Thersander; Theseus Zug nach Theben wird
in dem zweiten der beiden Eingangsbücher des Gedichtes ge-
schildert, bei Thebens Eroberung werden die beiden Freunde
seine Gefangenen. An die beständigen und so zahlreichen
Anspielungen auf die Sagen von Theben und Troja, welche
die genauste Kenntniss derselben in allen Einzelheiten voraus-
setzen und zwar, was wohl zu beachten, nichtallein bei dem
Dichter, sondern auch bei dem Leser, will ich hier bloss erin-
nern: ich lege darauf hier weniger Gewicht, zumal es Jeman-
dem beikommen könnte, sie alle auf Rechnung des Boccaccio
zu setzen — ein Einwand, den im Einzelnen zurückzuweisen
mir hier der Raum fehlen würde *). Auch die griechische
Götterlehre ist nicht bloss auf das breiteste eingemischt, son-
dern, was für unsern Beweis weit wichtiger ist, mit der Fabel
auf das engste verknüpft; die Katastrophe selbst ist ein Werk
') Um wenigstens ein Beispiel solcher Anspielungen zu geben :
Emilie schenkt dem Palemon unter andern eine Kette: sie wird ganz
Jahrb. f. ruiii. u. tiigl. Lit. IV, l. 7
98 Kritisclie Anzeigen :
der Götter. Die Furie „Erinnis" erscheint auf den Bclelil
der Venus, und vor ihrem furchtb.Tren Anblick scheut das
Pferd des Arcita, das sich überschlagend seinen Reiter tödt-
lich verletzt. Venus und Mars, jene des Palemon, dieser des
Arcita Schutzgottheit, hatten sich ja, v.ie dargelegt wird, nach
Art der Homerischen Götter, über den Ausgang des Kampfes
verglichen. Noch belangreicher aber ist, dass das Gedicht
überhaupt auch nicht eine Spur des Christenthums zeigt, viel-
mehr das religiöse Bewusstsein , das sich in ihm kundgibt,
durchaus das des griechischen Heidenthums ist. Die höchste
Weltmacht ist Fortuna, das Schicksal. Diese Beobachtung,
die keines Beweises hier bedarf, da die Leetüre des Gedichts
sie einem Jeden von selbst bestätigt (man sehe nur z. B. VI, 1 ;
VII, 1 ; auch V, 80 u. s. w.) , führt nothwendig zu dem wich-
tigen Schluss, dass die Abfassung des Originals in eine ältere
Zeit hinaufragt, indem der Dichter desselben offenbar kein
Christ war. — Auch die Sitten und Gebräuche sind ja grie-
chisch durchaus: die Opfer in den Tempeln, die Orakelsprüche,
die Todtenfeier mit ihren Kampfspielen, und diese Verehrung
der Götter und der Verstorbenen nimmt ganze Gesänge ein
und wird in allen kleinsten Einzelheiten dargestellt, und der
entscheidende Zweikampf selbst mit seinem folgenden Triumph-
zug ist kein abendländisches Turnier, sondern ein Kampf in
dem Circus (teatro), der nicht von den beiden Gegnern allein,
die hier vielmehr persönlich gar nicht aufeinander treffen; son-
dern von ganzen Schaaren , die ihnen folgen, durchgefochten
wird ^). Dieser letzte Umstand kann vielleicht auch zur ge-
nauem Zeitbestimmung der Abfassung des Originals dienen.
allein dadurch eharakterisirt , dass sie mit der des Anipliiaraus ver-
glichen wird. Tes. IX, st. 70.
Appresso iina collana simigliante
A quella, per la quäl si seppe il loco
U Anfiarao si stava latitaiite ,
Lieta gli die, dicendo etc. etc.
Diese Anspielung z. B. kann nicht das AVerk Boccaccio's sein , man
müsste denn wieder annehmen, die ganze betreffende Stelle sei von seiner
Erfindung — was aus mehreren Gründen äusserst unwahrscheinlich wäre.
1) Arcita erlangt den Sieg, indem Palemon von einem Boss des
Cronis, eines seiner Gegner, welches sich des Menschenfrasses er-
innerte (che si ricordava gli uomini mangiar), gebissen und niederge-
worfen wird. Tes. VIII, st. 120.
Sandras, Etüde sur (i. Chaucer. 99
Sollte er nicht etwa auf die Kämpfe der Circusfactionen Coii-
stantinopels hinweisen? Nur um so mehr möchten wir dann
das Ende des V. Jahrhunderts als die Zeit der Abfassung
ansehen. Auf ein höheres Alter, sowie zugleich indirect auf
eine griechische Quelle deutet Boccaccio auch selbst in der
zweiten Strophe seines Gedichts hin i). — Meines Erachtens
war, um es kurz zu sagen, ein griechischer Roman in Prosa
Boccaccio's Quelle. Auf die prosaische Abfassung des Ori-
ginals weist der Ausdruck ,,storia" schon hin, dessen sich
Boccaccio auch in dem einleitenden Brief an Fiammetta zur
Bezeichnung des Originals bedient, ingleichen wohl das e in
rima eben jener Einleitung-); noch sicherer jedoch die Com-
position des Ganzen , sowie auch die Ausführung einzelner
Partien ^). Zugleich finden sich die meisten der eigenthüm-
lichen Merkzeichen des griechischen Romans , über die Herr
Du Meril mit ebenso viel Gelehrsamkeit als Scharfsinn in
der Einleitung seiner Ausgabe von Floire et Blanceflore sich
verbreitet hat, und gerade solche die von ganz objectiver Natur
sind, hier wieder: so das urplötzliche Verliebtwerden (des la
premiere rencontre l'amour eclate subitenient, comme un coup
de tonnere, 1. 1. CXXIV), die Entscheidung durch einen cleus
ex machina , die Weissagung des Ausgangs, die degtdsements
(vgl. a. a. O. namentlich CXCV). Dass auch die Verfeinerung
der Bildung und die Nützlichkeitsrücksichten hier bei den Helden
sich zeigen (man sehe namentlich die Reden der beiden Freunde
IV. St. 45 ff.)r ist gewiss; dergleichen aber könnte auch auf
') Dieselbe seheint der Verfasser gar nicht beachtet zu haben :
Che m'e venuta voglia con pietosa
Rima di scriver nna storia antica ,
Taiito negli anni riposta e nascosa,
Che latino autor non par ne dica.
Per quel ch'io senfa, in libro alcuna cosa.
Wenn die ,, Geschichte" also so alt ist, dass kein lateinischer Schrift-
steller von ihr redet, muss sie doch wohl ein griechischer verfasst
haben.
'^ S. oben p. 96, Anmerk. Diese Worte (e in rima) fehlen in äl-
teren Ausgaben, z. B. der des Parnaso ital. Venezia 1820. Vol. XV.
ä) I^etztere ist eben ganz prosaischer Natur. Man sehe z. B.
Tes. V, St. 20 f. Solche Stellen unterscheiden sich im Ton auffal-
lend von der übrigen Darstellung, indem sie nichts als eine versifi-
cirte Prosa sind. In Betreff der Composition aber braucht nur an die
beiden ersten Bücher und ihr Vcrhältniss zum Ganzen erinnert zu
werden.
7*
^^) Kritische Anzeigen :
Boccaccio's Rechnung gesetzt werden. Endlich sei nocli be-
merkt, dass auch die ästhetische Grundidee des Werkes, der
Conflict der Liebe mit der Freundschaft, für die griechische
Herkunft zeugen kann, in welcher Beziehung unsere Fabel
an die von „Athis und Prophilias" erinnert'). Was noch
die Frage betrifft, ob Boccaccio im Stande gewesen sei, nach
einem griechischen Original zu arbeiten: so mag man dieselbe
allerdings verneinen, denn es kann sehr wohl eine lateinische
Uebersetzung, vielleicht bloss zu diesem besondern Zwecke
gemacht, die Kenntniss des Originals ihm vermittelt haben,
ein Vorgang von dem sich ja andere, docunientirte Beispiele
finden ^).
Dass aber nach dem eben Dargelegten an einen fran-
zösischen Ursprung der Fabel der Teseide auch nicht im ent-
ferntesten gedacht werden kann, wird, hoffe ich, wol jeder
Leser zugeben; vielleicht dann auch, dass es schwer fällt mit
dem Verfasser zu glauben, Boccaccio habe bei dem Bilde der
Emilia die Dame Oyseuse des Guillaume de Lorris, diese alle-
gorische Figur des Romans von der Rose, copirt. Allerdings
ist die Aehnlichkeit auffallend: beide grün gekleidet tragen
einen Kranz, beide haben blonde Haare, eine gerade Nase,
einen kleinen Mund, ein Kinn mit einem Grübchen und ge-
wölbte Augenbrauen die durch einen grösseren Raum getrennt
sind •'). Dieser letzte Zug ist an sich und noch mehr das
1) S. über letztere Dichtung Du Meril, 1. l. CXXIII: W. Grimm,
in Abhandlungen der Berliner Akademie 1846. p. 394 ff., und in
Haupt's Zeitschrift XII, p. 185 ff. (namentlich p. 202 oben).
2) Wie Boccaccio bei seiner Behandlung der griechischen Quelle
verfahren haben mag, auf diese schwierige Frage kann ich am wenig-
sten hier eingehen. Die Frage ist um so schwieriger, als man nicht
wissen kann, welche Umgestaltung das Originalwerk in einer lateini-
schen Bearbeitung, die es Boccaccio wohl vermittelte, erfahren hatte.
Das die Schilderung der Wohnung des Mars (Buch VII) der Thebais
des Statins entlehnt ist, ist bekannt; und zwar scliliesst sich Boccaccio
in der AVahl der Worte so unmittelbar an Statins an, dass er letz-
teren selbst, oder eine Reproduction desselben, aber eine lateinische,
vor Augen gehabt haben muss.
3) sorcis votis — Son entr'oil ne fus pas petis — Ans iert assez
grans par mesure. — — — Sotto la quäle (sc. fronte) in volta tor-
tuosa — Quasi di mezzo cerchio terminata — Eran due ciglia — —
che una lata — Bianchezza si vedea lor dividendo. (Tes. XII, st. 55);
— Gewölbte Augenbrauen waren eine besondere Eigeuthümlichkeit des
l'uzantinischen Kunststils !
Saudras, Etüde sur G. Chaucer. ' |(J|
Zusammentreffen der beiden Dichter in demselben merkwürdig,
und fordert dies zu mannichfachen Betrachtungen auf, gerade
wenn man zu dem scheinbar so einfachen und doch so äusserst
unwahrscheinlichen Ausweg des Herrn Verfassers sich nicht
entschliessen mag ^).
Mit vollem Recht weist der Verfasser schliesslich die
englische Ansicht zurück , als habe Chaucer in seiner Bear-
beitung die Teseide verbessert. Das gerade Gegentheil ist
der Fall. Er hat den poetischen Gehalt wesentlich vermindert,
und nicht einmal zum Vortheil einer prosaischen Wahrschein-
lichkeit. Sein Gedicht ist unpoetischer und unwahrer zugleich.
Die Idee der Fabel selbst erscheint verkümmert; die feinsten
Züge sind weggelassen — z. B. dass Palemon, der den Arcita
zum Kampf im Walde aufsucht und ihn schlafend findet, wartet
bis er von selbst erwacht; an die Stelle poetischer Motive sind
die prosaischsten gesetzt u. s. w. Kurz es kann für einen Unbe-
fangenen von nur einiger ästhetischer Bildung gar keine Frage
sein, welcher Dichter hier den Preis verdiene. Die Frage hat
an sich auch kein Interesse, wohl aber eine andere: wie kam es,
dass Chaucer, den wir als Dichter ebenso hoch als Boccaccio
schätzen, so verfahren hat? Ich weiss niclit, ob diese Frage
schon beantwortet, oder nur aufgeworfen ist. Sie gründlich zu
beantworten wäre nicht bloss von Interesse, nein von Wichtig-
keit. Drei Momente sind es vornehmlich, welche die Art der
Bearbeitung bedingten: 1) die eigenthümliche poetische Indivi-
dualität Chaucer's im Gegensatz zu der des Boccaccio; 2) der
Unterschied seiner Bildung nicht allein von der des Boccaccio,
sondern, was mehr sagen will, von der in welcher die Teseide
wurzelt; 3) die Einschaltung des Gedichts in den Kreis der
Canterbury tales, welche nicht bloss etwa zu bedeutenden Kür-
^) Schon der Raum fehlt mir, diese Betrachtungen hier anzustel-
len, doch hoffe ich eine andere Gelegenheit dafür zu finden; und bei
dieser auch auf die andere Parallelstelle, die Beschreibung des Gartens
der Venus, bei Guill. de Lorris und Boccaccio, einzugehen. — Nur
sei hier angemerkt, dass der Einfluss der byzantinischen Literatur auf
die des Abendlandes zum grossten Theile noch gar nicht constatirt ist
und dass dieser Einfluss weit grösser, namentlich tiefer ist, als man
vermuthet. Die grosse Lücke, die unsere Kenntniss in jener Richtung
zeigt, kann aber Niemand wundern, wenn man bedenkt, wie wenig auch
die lateinische Literatur des Mittelalters schon gekannt, durchforscht
und «ewürdi^;! ist.
1Q2 Kritisclic Anzeigen:
zungeii nütliigtc, sondern zu einer Modilication der Darstellung
durch den Charakter des Erzählenden, des Ritters, und durch
den seiner Umgebung. Chaucer musste eben deshalb diese
antik-moderne Erzählung sozusagen ins Mittelalterliche über-
setzen; so wie sie Boccaccio erzählte, hätte sie keinenfalls in
den Mund seines Ritters gepasst: aber ich bezweifle zugleich
dass Chaucer , sobald er überhaupt selbständig verfuhr , in
vielen Fällen anders hätte verfahren können oder mögen, bei
dem Unterschiede seiner Bildung und seiner Individualität.
Und so möchte eine genaue Vergleichung beider Gedichte in
Rücksicht auf das zweite Moment, dessen wir gedachten, auch
ein neues Zeugniss für die griechische Herkunft der Fabel
liefern.
Noch werden The Court of Luve und T/te Assemhle oj
Foules unter den Gedichten, die aus italienischer und fran-
zösischer Quelle zugleich entsprungen sind, aufgeführt. In
dem ersteren soll das Porträt der Rosiall eine Copie der
Emilia der Teseide sein, an die jene allerdings ganz anders
erinnert, als Emilia selbst an Dame Oyseuse; indess zeigt
Rosiall manche besondere Züge, die, weil fel-n von einer
idealen Schönheit, mir wenigstens bekunden, dass der Dichter
das Bild einer Schönen, die seinem Herzen werth war, malte,
wenn er es auch in manchen Beziehungen, und dann vielleicht
eben nach dem Vorbild der Emilia, idealisirte. Uebrigens ist
dies zugleich ein Anzeichen mehr, dass der Held des Gedichts,
Philogenet, Chaucer selbst ist. In dem an Venus gerichteten
Gebete aber vermögen wir nicht mit dem Herrn Verfasser eine
Nachahmung einer Stelle des Filostrato (III. st. 74 ff.), kaum
nur eine Reminiscenz davon zu linden. Die französische Quelle
dieses Gedichts betreffend, so erinnert der Verfasser bei den
Statuten der Liebe an den Roman von der Rose (ed. Meon 1,
p. 83) und bei der Messe der Vögel an Conde's Debat der
Chanoinesses und Bernardines. Wir möchten aber diesmal weiter
gehen, als der Verfasser, und glauben dass Chaucer die Idee
des Gedichts selbst französischen Vorbildern verdankte, die
ihrerseits wieder dem Vorgange lateinischer allegorischer Dich-
tungen folgten. Ich erinnere beispielsweise in jener Beziehung
nur an das ,, Paradies der Liebe", von dem Le Grand d'Aussy
(3° ed. II, 25-1:) Nachricht gibt und auf das ich bei einer an-
dein Gelegenheit (Jahrb. II, 297) bereits hingewiesen, und in
dieser an den Architrenius des Johann von Hauteville, in dem
Sandras , Etüde sur Chauoer. 103
der Palast der Venus und des Cupido beschrieben wird. —
In Betreff des zweiten oben aufgeführten Gedichtes aber sei
hier nur eine interessante Entdeckung des Herrn Verfassers
hervorgehoben. Das roundel das die Vögel singen (v. 673 ff.),
dessen note ymakid was in Fraunce und dessen erster Vers
nach Chaucer: Qai bien aime a tard ouhlie lautet, hat sammt
der Musik der Verfasser in einer Handschrift Machault's auf-
gefunden. Ausser diesem Rondeau theilt der Verfasser auch
eine Balladenstrophe E. Deschamps', die fast denselben Refrain
bat, mit.
Im vierten Kapitel geht der Verfasser hierauf zu dem
Studium der Gedichte s^ns ausschliesslich französischer Quelle
über. Er eröffnet dasselbe, indem er den Dichter, welchem
hier Chaucer das meiste verdankt, den oben genannten Ma-
chault als den Hauptrepräsentanten der französischen Poesie
des XIV. Jahrhunderts, jener Epigonendichtung höfisch-allego-
rischen Stils, bezeichnet und als solchen zur Anerkennung zu
bringen versucht. Guillaume de Machault (1295 — 1377) ist
freilich bisher so wenig beachtet, dass die Literaturgeschichten
meist nicht einmal seinen Namen verzeichnet haben. Froissart
war nach dem Verfasser nicht etwa bloss ein Schüler, sondern
ein ,,copiste" Machault's — ein unseres Erachtens docli zu
strenges Urtheil ; er war es indessen , der die Poesie seines
Meisters in England und zwar an dem Hofe zu Ehren brachte.
Die Gedichte Chaucer's, in welchen sein Einfluss sich zeigt,
haben auch alle einen hötischen Charakter und eine besondere
Beziehung zu der Familie Lancaster. In Clmuccrs Dreame,
in welchem keltische Sagen, zum Theil wohl vermittelt durch
die Lais der Marie de France, den besten dichterischen Schmuck
bilden, soll der Ausgangspunkt der Composilion, wie es scheine,
dem Dit du Lyon Machault's entlehnt sein; ein Beweis wird
dafür nicht geliefert. Das „Buch der Herzogin" erscheint nach
den Untersuchungen des Verfassers als die merkwürdigste Mo-
saikarbeit, componirt vornehmlich aus Reminiscenzen aus dem
Roman von der Rose und den beiden Dichtungen Machault's :
la Fontaine amoureuse und le Rem'ede de Fortune. Hier fehlt
es nicht an interessanten und überzeugenden Belegen. Die
Idee des hübschen Gedichts: The Floure and the Leafe ver-
dankt Chaucer einem Schüler und Neffen Machault's, Eustache
Deschamps (13iO — 1110): in zwei Balladen, von denen die
eine, von Tarbe veröffentlicht, Philippa von Lancaster ge-
JQ4 Kritis<)ie Anzeigen:
widmet ist, die andere von Herrn Sandras zuerst hier publi-
cirt wird, vergleicht Deschamps die Blume mit dem Blatt,
und gibt der erstem den Preis, in einer dritten ungedruckten
jedoch, wie Chaucer, dem letztern. Der Eingang aber von
Chaucer's Gedicht ist dem DU du Vergier Machault's nach-
gebildet, sogar mit stellenweiser wörtlicher Uebertragung; der
Schluss erinnert an das Lai du Trot. Bei alledem rühmt und
mit Recht der Verfasser dieses Gedicht, indem die Hauptidee
doch mit voller Spontaneität eigenthümlich entwickelt sei. —
Rücksichtlich des Complaint of the black Icnight, welches Ge-
dicht dem Dit du bleu Chevalier Froissart's vollkommen gleicht,
enthält der Verfasser sich über die Frage der Priorität des
Urtheils. — Die französische Herkunft des Gedichts von dem
Kuckuk und der Nachtigal gibt sich durch den Ruf der letz-
tern Ocy, ocy ; und noch mehr durch die Erklärung desselben
(vers 131 f.) leicht zu erkennen. Obwohl dieselbe Herkunft der
Verfasser bei Chaucer's ABC vermuthet, vermochte er doch
nicht ein bestimmtes Original nachzuweisen, was indessen dem
Chevalier de Chatelain, dem neuesten französischen Uebersetzer
der Canterbury tales, jüngst gelungen ist (Tome III. dieser
Uebersetzung 1861): dasselbe ist ein bisher unbekanntes Ge-
dicht Guillaume's de Guilleville.
Im fünften Kapitel betrachtet der Verfasser kurz Chaucer's
Nachahmung der Alten in Annelida and Arcile , der Legende
of good Women und dem „Haus des Ruhmes". In Betreff des
ersten Gedichts, dessen Quelle zum grössten Theil dunkel ist.
vermochte der Verfasser keine neue Aufklärung zu geben; in
Betreff der andern müssen wir. da es uns ferner an Raum hier
mangelt, auf das Buch selbst verweisen.
Aus diesem Grunde können wir auch nur das Wichtigste
der zweiten Abtheilung, welche ganz den berühmten Erzäh-
lungen gewidmet ist, hier kurz andeuten; ohnehin ruht da des
Verfassers Darstellung, wie er selbst erklärt, wesentlich auf
seiner Vorgänger Studien. — Der Verfasser glaubt dass die
Idee der Composilion der Canterbury tales Chaucer nicht dem
Decameron schulde; sondern der Disciplina clericalis und dem
Roman der sieben Weisen. Ein eigentlicher Beweis wird gar
nicht gegeben; mir will die Ansicht keineswegs einleuchten:
vielmehr entdecke ich nur von neuem in ihr jene Verkennung
oder Unterschätzung der Bedeutung der italienischen Kunst im
Gegensatz zu der mittelalterlichen wie sie Frankreich in solcher
Sandras, Etüde sur G. Chaucer. 105
Macht und Fülle repräsentirt — worauf ich .schon früher hin-
gewiesen. Der Verfasser zeichnet dann zuerst die Gestalten
und Charaktere der Pilger, indem er reichliche Auszüge aus
dem Gedicht in Uebersetzung in seine elegante Darstellung
verwebt und an analoge Charakteristiken der Trouveres hier
und da erinnert. Auch hier entdeckt er noch Reminiscenzen
aus dem Roman von der Rose: schwerlich aber immer mit
Recht, obschon dergleichen Parallelstellen darum doch meist
recht interessant bleiben i). — Endlich werden noch die Quellen
der Erzählungen abgehandelt, indem drei Classen: Legenden,
bretonrsche Lais und Fabliaux, unterschieden werden, welchen
eine vierte Classe, alle, übrigen Erzählungen umfassend, er-
gänzend sich anschliesst. Ueber die Art, Avie Chaucer diese
Quellen benutzte, resumirt seine Urtheile der Verfasser am
Schlüsse (p. 255) dahin: ,,j'ai constate que, dans les legendes,
le poete suit ordinairement le texte; que, dans les lais bretons,
il mele l'erudition et la satire a l'element chevaleresque; qu'enfin,
dans les fabliaux, tout en se conformant au canevas primitif,
il devient createur, a la maniere de La Fontaine, dans l'apo-
logue, par la poesie des details, par l'eloquence si variee qu'il
prete aux differents personnages, et par la profondeur et la
verite des caracteres'-. Wie schon der letzte Satz zeigt, weiss
der Verfasser Chaucer's dichterische Verdienste sehr wohl anzu-
erkennen, wenn er auch vielleicht nicht überall dieselben zu
entdecken wusste; und es ist keineswegs seine Absicht Chaucer
in Schatten zu stellen: indem aber der besondere Vorwurf
seines Buches der ist, nachzuweisen was und wie viel Chaucer
der französischen Dichtung verdankte — was schon der Titel
in dem einseitig, oder mit Uebertreibung gewählten Zusatz :
„imitateur des trouveres" anzeigt — so lässt er sich nur zu
leicht verführen, einerseits andere Einflüsse, wo sie mit dem
Französischen coUidiren, zurückzuweisen, andererseits dem letz-
tern an sich eine andere und höhere Bedeutung zu geben, als
ihm gebührt. Dies zeigt sich auch in diesem Abschnitte des
i) So soll Chaucer bei der Kleidung des Squier das Gewand des
„Dieu d'amour.s" entlehnt haben. Denn bei Chaucer (v. 89 ff.) heisst
es: Embrouded was hc, as it were a mede — Alle füll of freshe
floures, white and rede: im Kuinan der Rose (v. 887 ff.) dagegen: Fu
la robe de toutes pars — l'ortraite, et ovree de flors — Par diverj^ete
de colors. — Flor.'^ i avait do maintes guises ete.
{{)(') Kritisclif Anzeigen:
Buches wieder. So ghiiibt der Verfasser an einer Stelle.
Chaucer werde wahrscheinlich das Decameron gar nicht ge-
kannt haben — er, der so viele Werke Boccaccio's nicht bloss
benutzte, sondern übersetzte! Stoffe, die von Fabliauxdichtern
und von Boccaz behandelt sind, werden wie eine „Erfindung-
der erstem hingestellt, die Boccaz wie Chaucer sieb angeeignet,
während nur eine Priorität in der Behandlung des Stoffes fest-
steht, der einen ganz andern Ursprung haben kann, und der
deshalb Chaucer und Boccaz auf verschiedenem Wege zuge-
flossen sein konnte. An der Stelle von Behauptungen wären
deshalb da Beweise zu geben gewesen! So heisst es z. B„
man habe fälschlich behauptet, Chaucer hätte in der Erzählung
des Franklein Boccaccio's Novelle vom bezauberten Garten,
die derselbe zuerst im Filocopo und danach abgekürzt im De-
cameron (X, 5) gegeben hat, copirt: die Wahrheit aber sei,
dass beide aus derselben Quelle geschöpft hätten. Chaucer
nenne die Quelle der Erzählung: es sei ein bretonisches Lai.
Und, fragen wir, sagt dasselbe Boccaccio? Nein. Der Schluss
ist demnach voreilig, und ohne weitern Beweis falsch. Chaucer
mag aus dem bretonischen Lai geschöpft haben, welcher Mei-
nung auch Tyrwhitt schon war, Boccaccio darum noch nicht:
er kann vielmehr den Stoff sogar aus einer Quelle genommen
haben, die selbst die Quelle jenes Lai war!
So interessant also auch Herrn Sandras Etüde ist, und
so Avenig es auch an neuen und zugleich fest begründeten
Resultaten in ihm mangelt, so sind doch seine Angaben im
Allgemeinen nur mit der nöthigen kritischen Vorsicht aufzu-
nehmen.
A. Ebert.
Decameron von Heinrich Steinhowel. Herausgegeben von Adelöt^rt
von Keller. Stuttgart. Gedruckt auf Kosten des Litterarischen
Vereins. 18G0.
Unter den mehrfachen höchst wichtigen und anziehenden
Publicationen des obengenannten Vereins, die namentlich in
letzter Zeit erschienen sind, eignet sich die vorliegende (51.)
ganz besonders deswegen zu einer Erwähnung in dieser Zeit-
schrift, Aveil der Gegenstand derselben speciell den Kreis des
Decameruii von .Stciiihöwt-I, Ausg. v. Keller. 107
romanischen Schriftenthums berührt und einen Autor betrifft,
dessen tiefe Einwirkung auf fast alle neueren Literaturen hin-
länglich bekannt ist. Dass dieselbe in Deutschland ehedem
in grossem Masse durch Steinhöwel's Uebersetzung statt-
fand, erhellt hinlänglich durch die vielfachen Ausgaben,
die davon bis ins 17. Jahrhundert erschienen; und fügt man
hinzu, dass diese Arbeit Steinhöwel's, ebenso wie seine
übrigen minder umfangreichen, trotz mancher Unvollkommen-
heiten gleichwohl von bedeutender sprachlicher Wichtigkeit
ist, so muss man dem gelehrten, um die ältere deutsche
Literatur hochverdienten Herausgeber innigen Dank wissen,
dass er die seltene erste Ausgabe des vorliegenden Buches
einem grössern Leserkreis zugänglich gemacht hat. Zu wün-
schen bleibt nur, dass er die Steinhöwel'sche Interpunktion we-
niger genau befolgt und sie durch eine andere, den Text
schneller verständlich machende ersetzt hätte , wogegen letz-
terer selbst mit der an dem Herausgeber wohlbekannten
Sorgfalt und Genauigkeit wiedergegeben ist.
Da Keller in seinen am Schluss angehängten Anmer-
kungen, in denen er alle über Steinhöwel's Leben bekannten
Nachrichten, sowie die betreffende Bibliographie mittheilt, in
Betreff der weitern Literatur des italienischen Originals des
Decameron auf meine Uebertragung von Dunlop's Geschichte
der Prosadichtungen verweist, so benutze ich diese Gelegen-
heit um zu den dort gegebenen Nachweisen über die einzelnen
Novellen hier noch einige weitere in aller Kürze hinzuzufügen,
und nur ein oder zweimal, wo der Gegenstand es erfordert,
habe ich mir erlaubt ausführlicher zu sein. Val. Schmidt's
Beiträge zur Geschichte der romantischen Poesie setze ich
übrigens als bekannt voraus.
Tag I, Nov. 5. — S. über ähnliche Geschichten meine
Bemerkung zum Conde Lucanor no. 12 (Dunlop S. 501).
T. I, Nov. 9. — Auch bei Sercambi nov. 19 (s. Dunlop
Anm. 333).
T. II, Nov. 2. — Vgl. oben Bd. HI S. 154 (zu Ben-
fey's Pantschat. S. 321, zu dessen S. 320 die Ergänzung zu
fügen in Benfey's Orient und Occident I, 373 ft".)-
T. II, Nov. i). — S. meine Anzeige von Passow's Po-
pul. Carmina Graeciae rccent. in den Gott. Gel. An/. 18G1
S. 578 zu no. 474. Füge hinzu J. Wolf, Deutsche Haus-
märchen. Göttingen 1858. S. 355 tV. (der Pfiffigste).
]08 Kritiüolie An/.eigen:
T. II, Nov. 10. — Auch bei Cintio de' Fabrizi no. 23,
s. oben Bd. I, S. 433.
T. III, Nov. 1. — S. meine ausführliche Behandlung
dieses Novellenkreises in Benfey's Or. u. ücc. I, 116 ff-
(der verstellte Narr) nebst den Nachträgen S. 136 ff. und
Heft 4.
T. III, Nov. 2. — S. oben Bd. III, S. 153 ff. (zu
Pantschat. S. 300).
T. III, Nov. 3. — S. meine Bemerkung in Pfeiffer's
Germania I, 260 zu Gesammtab. no. 14; füge hinzu Heptam.
de la reine de Navarre nouv. 50. Auch ein Theil von Cintio
de' Fabrizi's no. 36; s. oben Bd. III, S. 433.
T. III, Nov. 5. — S. Benfey's Pantschat. I, 331 f.
(^wo Z. 2 V. u. zu bessern ,,Bocc. III, 5"). In Betreff der
daselbst (S. 332) erwähnten Amazone vgl. Or. u. Occ. a. a. ü.
S. 123, Anm. 5.
T. III, Nov. 8. — S. German. a. a. 0. S. 262 zu
no. 45.
T. III, Nov. 10. — Vgl. Benfey Pantschat. I, 385;
ferner meine Bemerkung zu Gervasius v. Tilbury S. 67 f.
Anm. u. in Pfeiffer's German. I, 268 zu no. 98 sowie Ben-
fey in den Gott. Gel. Anz. 1861, S. 440.
T. IV, Nov. 1. — S. unten zu T. IV, Nov. 9.
T. IV, Nov. 2. — S. dazu Benfey Pantschat. I, 159 ff.
(In Betreff der S. 160 erwähnten Mantelfahrten s. auch oben
Bd. III, S. 147 f.)
T. IV, Nov. 7. — Findet sich auch im Simplicissimus
S. 1039 ed. Keller. (Ob nach Hans Sachs [s. Val. Schmidt's
Beiträge zur Gesch. d. romant. Poesie S. 44] oder nach
Steinhöwel's Uebers. des Decameron kann ich eben jetzt nicht
näher untersuchen.)
T. IV, Nov. 9. — S. German. a. a. O. S. 260 zu no.
11. Das altniederl. Lied steht auch in Hoffmann's v. Fal-
lersleben Hör. Belg. XI, 295 f.
T. V, Nov. 8. • — ■ Dass diese Novelle eigentlich dem
Sagenkreise vom wüthenden Heere angehört , hat bereits
Grimm D. Mythol. 895 bemerkt und ich weiter ausgeführt zu
Gervas. S. 204.
T. VI, Nov. 4. — Findet sich auch in den Contes du
sieur d'Ouville I, 505 ff.
T. VI, Nov. 10. — S. Benfey Pantschat. I, 410.
Decameron von Steinhüwel, Aii.sg. v. Keller. |09
T. VII, Nov. 2. — Auch bei Cintio de' Fabrizi s. oben
Bd. I, S. 317 no. 35 und in einer französischen Sammlung
„Les Comptes du Mode aventureux"; s. oben Bd. HI, S. 91-
T. VTI. Nov. 4. — Streiche bei Dunlop S. 240 a, Z. 4
V. o. die Worte ..noch in Hebers Dolopathos'-. S. Li Romans
de Dolopathos publ. par Brunet et Montaiglon. Paris 1856-
p. 353 if.
T. VII. Nov. 6. — S. Benfey Pantschat. §. 57. S.
163—167.
T. VII, Nov. 7. — S. German. a. a. O. 8. 261, zu
no. 27.
T. VII. Nov. 8. — S. Pantschat. S. 140—147. German.
a. a. O. S. 262 zu no. 43 u. Gott. Gel. Anz. 186 1, S. 578
zu no. 474.
T. VII, Nov. 9. — S. German. a. a. O. S. 271 zu „ Von
einem plinten^'-; u. Cintio de" Fabrizi no. 10: s. oben Bd. I.
S. 314.
T. VIII, Nov. 8. — S. German. a. a. O. S. 263 zu
no. 62.
T. VIII, Nov. 10. — Dunlop S. 247 b, Z. 30 v. o. statt
„Jugement sur les barils" lies ., De celvi qui mit en depöt sa
fortune".
T. IX, Nov. 2. — Auch Theil der Nov. 36 des Cintin
de' Fabrizi; s. oben Bd. III, S. 433.
T. IX, Nov. 3. — S. German. a. a. O. S. 261 zu no. 24
,, Der schwangere Mönch''; Mannhardt, Zeitschrift für deutsche
Mythologie III, 36 ff. (Der Fuhrmann\ wo es den ersten der
drei Theile dieses Schwankes bildet. Die männliche Schwan-
gerschaft lässt sich vielleicht wie so viele andere Schwanke
auf mythologische Vorstellungen zurückführen, wie denn Väter-
geburten nach letztern nicht selten sind ; man denke z. B. an
Zeus u. Athene, vgl. meinen Aufsatz ,, Das verlorene Huf-
eisen'-'- in Pfeiffer's German. V. 479 ff. Wenn Weber (In-
dische Studien III, 365) bei der Erzählung vom schwangern
Mönch an die Pferde- und Eselseier denkt (s. auch Kuhn
Westphäl. Sagen no. 258), so erinnere ich , dass auch Esel
und Ei in mythologischer Verbindung stehen; s. Bachofen
Gräbersymbolik S. 375. — Vorliegender Schwank hat sich,
wie bemerkt, im Märchen vom Fuhrmann mit noch zwei an-
dern verbunden, von denen der erste sich auch bei Bebel in
den Facetiae 1. II, no. 142 (Qiiidam histrio etc.) findet, wo-
■jJQ Kritisclie Aiizeii^en:
rau.s vr in die alte rranzösisclie Uebcrsetzung des Straparola
von Louveau und Larivoy übergegangen und dort an die Stelle
von N. XII, fav. 5 (Süto sommo povteßce etc., aus Morlini
nov. 5) getreten ist. Die Ueberschrift lautet: „Un basteleur
ostant les chausses h un pendii, luy couppe les pieds, lesquels
il laisse apres en hostelerie, \^i s'en va; l'hoste trouvant ces
piedz. et ignorant le depart de cet homme. pense que son
veau Tayt devore; parquoy, doubtant la fureur de ceste beste,
s'enfuit et laisse sa maison a la mercy du peuple, qui mit le
feu dedans". Derselbe Stoff liegt auch einem Fassnachtspiel
zu Grunde, s. Keller no. 123. Nachlese S. 17 ff. (46. Public,
des Litterar. Vereins in Stuttgart) und ebenso der irischen
Erzählung] Paddy the Piper in Legends and Stories of Ireland
by S. Lover. London (1855). — Ueber den dritten Theil des
„Fuhrmann"-, der dem Märchen vom Dr. Allwissend entspricht,
handelt ausführlich Benfey im Gr. u. Oec. I, 374 — 382 (wo
auch S. 381 auf den schirangerv Mönch bei Bebel hingewie-
sen wird).
T. IX, Nov. 6. — Auch bei Cintio de' Fabrizi no. 25;
s. oben Bd. I, S. 31 B und dazu Bd. III, S. 91.
T. IX, Nov. 7. — Vgl. oben Bd. III, S. 158 zu Pan-
tschat. S. 523. S. auch noch Gottfried von Strassburg Tri-
stan und Isolt V. 17949 ff. v. d. Hagen (S. 450 Massmann).
T. IX, Nov. 9. — S. German. Bd. I, S. 258 zu no. 3.
Grimm Kindermärchen III, 289 (3. Ausg.) zu Strapar. XII, 3.
Vgl. auch über den Stock als Züchtigungsmittel widerspänsti-
ger Frauen oben Bd. II S. 25 f. — Zu dem in der German.
a. a. G. angeführten span. Sprüchworte „humo gotera — ?/
muger pariere — echan al hombre fuera — de sn casa"- stimmt
Sprüche Salom. 27, 15 „Ein zänkisches Weib und stätiges
Triefen, wenn es sehr regnet, werden wohl mit einander ver-
glichen.''
T. X, Nov. 8. — S. W. Grinnn in Haupts Zeitschrift
12, 185 ff. „Die Sage von Athis und Prophilias.'-
T. X, Nov. 9. — S. oben zu T. IV, Nov. 2 (Mantel-
fahrten). Zu den in diesen Kreis gehörigen Sagen gehört
auch noch folgende englische, die sich an die Abtei Wroxhall
knüpft und in Dugdale's Baroiiage of England (Lond. 1G75)
nach einer Handschrift aus der Zeit Eduards IV. erzählt wird.
Jene Abtei liegt nämlich ungefähr drei engl. Meilen von der
Eisenbahnstation Hatton and er grossen Westbahn und nicht viel
Decameron von Steinhowel, Ausg. v. Keller. 1 j 1
weiter von Kenilworth und Warwick und soll bald nach der
Zeit Wilhelm's des Eroberers unter folgenden seltsamen Um-
ständen gegründet worden sein. Ein Ritter, Namens Hugh de
Hatton, wurde zu Anfang des 12. Jahrhunderts in Palästina
von den Sarazenen zum Gefangenen gemacht und blieb in
dieser Lage sieben Jahre; endlich erinnerte er sich^ dass der
heilige Leonhard der Patron seiner Pfarrkirche war und flehte
ihn daher um Befreiung aus der Gefangenschaft an. „Where-
upon (so fährt Dugdale fort) St. Leonard appeared to him
in his sleep in the habit of a black monk, bidding him arise
and go home, and found at his church a house of nuns of
St. Benet's Order. But the Knight awaking took this for no
other than a dream, tili the same Saint appeared to him a
second time in like manner. Howbeit, then, with much Spi-
ritual gladnesse rejoycing, he made a tow to God and
St. Leonard, that he would perform his command; which vow
was no sooner made than that he became miraculously car-
ryed thence with his fetters and set in Wroxhall woods , not
far distant from his own house; yet knew not where he
was, untill a shepherd of his own, passing througli those
thickets, accidentally found him; and after some little com-
munication (though he was at first not a little aifrighted , in
respect he saw a person so orergrown with /lair), discovered
all unto him. Whereupon his lady and children having ad-
vertisement, came forthwith to him, but she believed not that
iie was her husband tili he showed her a piece of a ring
that had been broken betwixt them, which so soon as she ap-
{)lied to the other part in her own custody, closed therewith.
And shortly after having given solemn thanks to God, our
Lady and St. Leonard, and praying for some divine revela-
tion where he should erect that monastery, as promised by
his Said vow, he had especial directions where to build it, by
certain stones picht in the ground, in tlie very place where
the altar was afterwards set."
Ueber den hier vorkommenden St. Leonhard s. Simrock
Der gute Gerhard und die dankbaren Todten. Bonn 1856,
S. 128 ff. In der Vita dieses Heiligen (Leg. Aurea p. 687
ed. Graesse) heisst es „Leonardus dicitur a Leone'-'", bedenkt
man nun, welche wichtige Rolle der Löwe in einigen Ver-
sionen dieses Sagenkreises spielt (s. Sinirock a. a. O. S. 165 ff.,
cf. 171 ff.), so wird man in dem Namen des Heiligen einen neuen
\^12 Kritisclie Auzeij^eii :
(iruiuJ dafür finden, warum gerade er an die Stelle des Thieres
geti'eten ist. — Wenn von dem aus der Gefangenschaft heim-
kehrenden Hugh de Hatton erzählt wird, dass er bis zur Un-
kenntlichkeit entstellt war und dabei namentlich hervorgeho-
ben wird, er sei „overgrown with hair" gewesen, so verweise
ich wegen dieses Zuges der Sage auf Sirarock 1. c. S. 157 ff.,
cf. 179, und erwähne daraus nur, dass auch der unter gleichen
Umständen heimkehrende und unerkannte Herzog von Braun-
schweig dasteht
^,mit langem haar mnbhangen
recht ob er wer ein icilder vtav."
Ebenso heisst es in der Romanze vom Conde Dirlos i^Wolf
u. Hofmann Primavera etc. no . 164)
„Las barbas y los cabellos
nunca los quiso afeitar;
tienelos fasta la cinta,
fasta la cinta, y aun mas:
la cara mucho quemada
del mucho sol y del aire (Bd. IL, S. 138.)
Porque con el gesto que traigo
ninguno me conocerä." (ib. S. 141.)
Der Graf, mehrmals mit einem wilden Manne (salvaje) ver-
glichen (1. c. S. 151. 152) und deshalb von seiner Gemahlin
nicht erkannt, wirft endlich das Haar zurück und sie ruft
aus (1. c. S. 155):
„Que es aquesto, mi senor?
quien vos hizo ser salvaje ? ♦
No es este aquel gesto
que vos teniades ante!"
Siehe ferner in Betreff dieses Zuges W. Müller in Pfeiifer's
Germania Bd. 1, S. 437, Anm. 2, conf. S. 440, Anm. 2, so
auch noch im Allgemeinen ausser den schon von Simrock an-
geführten Schriften Uhland in PfeifFer's Germania IV, 79 und
Svend Grundtvig Danmarks Gamle Folkeviser H, 608 ff.,
no. 114 „Henrik af Brunsvik"; auch eine tiroler Sage in
Mannhardt's Zeitschrift für deutsche Mythologie 4, 39 f.
(Ueber die bei Boccaccio vorkommende Reise Saladins nach
Europa s. Dunlop S. 511 ^)
Giuliani, Sul vivente linguaggio della Toscana. 113
T. X, Nov. 10. — S. Passow Pop. Caim. Graeciae re-
cent. no. 436—438; vgl. Gott. Gel. Anz. 1861, S. 576. Der
daselbst von mir angeführte Bäckström bemerkt: ., Sowohl
Dunlop (S. 253% Z. 33 v. o.) wie Ellis (Fabliaux or Tales
abridged from French Manuscripts etc. London 1815) und Le
Roux de Lincy (Legendes populaires de la France. Paris
1842, p. XII) führen diese Jahreszahl 1103 (nach Noguier's
Geschichte von Toulouse) unrichtig an; es muss 1003 heissen,
wie der Herausgeber sich aus dem in der königlichen Biblio-
thek zu Stockholm befindlichen Exemplar von Noguier's ange-
führtem Werk überzeugt hat." — Die von Dunlop nach Ellis
angeführte englische Ballade ,,TÄf Nnt-Broivn Maid" steht bei
Percy Series II, Book T, no. 6.
Lüttich.
Felix Liebrecht.
Sul vivente linguaggio della Toscana, lettere dl Uiambattistu Giu-
liani, seconda edizione acorretta e ampliata, Torino, Tip. Seo-
lastica di Seb. Franco e figli e comp. 1860. G". pag. 322.
(Erste Ausg. 1857.)
Der Verfasser, der Geburt nach Landsmann Alfieri'^s, ge-
genwärtig aber am Istituto superiore oder di perfezione von
Florenz als Professor der Beredsamkeit mit der Erklärung
Dante's beschäftigt, welcher der Gegenstand früherer Druck-
arbeiten von ihm ist, behandelt in dem oben genannten Bande
nicht ausschliesslich und systematisch die vielbesprochenen
Fragen über die Heimath der italienischen Sprache, den ihr
gebührenden Namen, die Grenze zwischen lingua illustre und
lingua plebea, das richtige Mass in der Zuratheziehung der leben-
den Mundarten und der testi di lingua — Dinge, über denen
so mancher tüchtige italienische Literat Zeit und Unbefangen-
heit im Schreiben verloren hat; er stellt eine besondere Ar-
beit darüber in Aussicht; in dem vorliegenden Werke aber
spricht er davon nicht zusammenhängend, sondern bloss bei
Anlass der mannichfaltigen Beobachtungen, die er in den ver-
schiedensten Ortschaften des toscanischen Tieflandes und der
Berggegenden in Bezug auf Sprache und geistige Fähigkeit
Jfiliil). f. lom. II. fiijrl. r,it. IV. 1. ^
1 14 Kritische Anzeigen:
des liebenswürdigen Volkes gemacht hat. Betrachten wir zu-
nächst das in den Briefen niedergelegte Material, auf das der
Padre Giuliani seine Urtheile und Vorschläge stützt. Mit dem
Notizbuebe in der Hand bat er, wie der Jesuit Bresciani
(Saggio di alcune voci toscane d'arti e mestieri), doch mit
mehr Sinn für das Gemüthsleben des Volkes, die Werkstätten
der "Weber, Schuster, Gerber, Hutmacher und Schreiner, die
Glashütten und Ziegelbrennereien, die Weinberge, die Meiler,
die Kastanienw' älder, die Bäckereien , die Teigwaarenfabriken
aufgesucht, hat sich die Werkzeuge, die A'erschiedenen Ver-
richtungen und Erzeugnisse jedes Berufes benennen lassen;
or hat den Bettler um die Ursache seines Unglückes und den
Landmann um den Stand der Ernte befragt; er hat mit Theil-
nahme angehört, wie ein Schäfer die Verschüttung von Liz-
zano beschrieb und wie die Bauern aus der Umgegend wie-
derholten , was die alten Chroniken von der Rache eines
Mannes von Cutigliano am Richter des Bezirkes, dem Ver-
führer seiner Schwester, und von der Bestrafung des verrätbe-
rischen Castellans von Lucchio durch zwei furchtlose Mäd-
chen von Vico erzählen ; und was all diese Leute bereitwillig
und theilweise mit Wiederholungen und Umschreibungen —
sie hörten den Fremden gleich heraus - ihm vorplauderten,
fabelten und jammerten, hat Giuliani mit ihren Worten in sei-
nen Briefen niedergelegt, so versichert er, und was er als
Rede des Volkes bezeichnet, trägt auch wirklich in Wörtern
und Satzbau unverkennbar den Stempel dieses Ursprungs.
Und das schon ist eine dankenswerthe Gabe. Auch den Freun-
den der Volkspoesie Avird mancher dieser Briefe willkommen
sein; sie finden darin mehrere Rispetti in etwas anderer Gestalt,
als Herr Tigri sie mittheilt; einen Brief in Stanzen von einem
alten Landmanne an den ehemaligen Pfarrer seines Dorfes');
•) Hier zwei Stanzen daraus:
Mi dispiace di me che vecchio sono :
Chi sa, se mai la potro rivederel
Se ho fallito, li chiedo perdono,
Se nioro , dica per me il miserere :
Infin che vivo, servo suo li sono,
Se mi comanda, faro raio dovere,
Che suo amico fedel son piu di prima
E ognor la serviro con piena stinia.
Giuliani, Sul viveute liiiguaggio della Toscana. 115
ein Lobliedchen auf die Kastanien^); einrn Liebesbrief von
der Art der aus der Tigri'schen Sammlung bekannten und
äusserst anziehende, rülirende und für die Kenntniss der ita-
lienischen Improvisation wichtige Mittheilungen über die durch
Tommaseo und Tigri mehr als sie sich wohl je träumen wird
bekannt gewordene Dichterin von Pian degli Ontani, die nun-
mehr ungefähr sechzigjährige Beatrice Bernardi. Wahrlich
die wackere Frau muss Jedem lieb werden, der sie aus diesen
grossentheils ihre eignen Worte wiedergebenden Briefen kennen
lernt. Wie wahr und tief und ewig derselbe der Schmerz um
ihren gestorbenen Sohn, wie acht dichterhaft die mit einer
Art heiliger Scheu gemischte stolze Freude beim Gedanken an
die Tage besonderer und siegreicher Begabung, wie jugend-
frisch ihre Herausforderung zum Wettstreite, wie freundlich
ihr Urtheil über ihren Kunstgenossen: non e mica che l'abbia
in memoria, gli viene in visione allora allora: se poi s'e af-
forzato con un po' di vino, chi puo tenerlo? Ma delle gior-
nate non e capace a ricavare un' ottava, come avesse la lin-
gua in un nodo. Non sa leggere sopra la poesia; dicono che
studj'nel libro di Clorinda (Tasso), ma non ci credo. Lo
veddi tante delle volte: mai che avesse un libro a mano ! E
poi si vede quando canta: come li rigonfian gli occhi! pare
stralunato e fa gran forza a componer Tottave. Tanti ci s
provano : ma dalla botte vuota non c'esce nulla di nuUa. Rado
mi son presa a contrastare con lui; l'e bravo di molto.
Di miovu la sahito di buon core;
E se lei vuol sapere cii'io mi sia ,
Stefano Agresti son, suo servitore-,*
lo sempi'e staru alla siia signoria.
Qua neir agosto senta il niio tenore;
Se lo permettera la forza mia,
Spero di riverirla a capo chino
Perche ho pensato ir a San Pellegrino.
Viva, viva la castagna!
Frutto dolce e saporito
Che da tutti h riverito ,
Conic ro della montagna.
E dovi/ia delle selve,
Fa belle/.za nei giardini,
Non la ccde ai faggi , a' piiii ,
Come re della montagna.
Viva . viva ecc.
8*
2J(3 Kritische Anzeigen:
Welche Kindlichkeit, wenn sie von dem schönen Buche erzählt,
das ihr ein freundlicher Herr geschenkt (der Herr ist H. Tigri
und das Buch seine Sammlung): sie sei ein paar Mal damit
nach Cutigliano hinauf gegangen und habe sich daraus lesen
lassen (sie selbst kann nicht lesen) und da seien nicht wenige
Lieder darin gewesen, die sie auswendig gewusst habe (sie
selbst hatte sie Herrn Tigri dictirt). Sie habe es aber ausge-
liehen und nimmer bekommen; nun schenke ihr der Herr ge-
wiss nichts mehr, wenn er's inne werde. — Wenn wir nun die
zahlreichen Sprüchwörter und Bauernregeln (dettati) noch er-
wähnen, mit denen die Landleute ihre Aussagen bekräftigen ^),
so ist ziemlich vollständig angegeben was an Material in Giu-
liani's Briefen gesammelt ist. Aberglauben, Sagen und alte
Bräuche sind leider fast gar nicht berücksichtigt; folletti und
stregoni oder armeni werden kaum genannt; hoffen wir, den
italienischen Gelehrten erwache auch für diese Seite des
Volkslebens noch der theilnehmende Sinn: dass mancherlei
derartiges zu sammeln wäre, lässt sich schon von vorn herein
kaum bezweifeln und geht auch aus dem von Dalbono (le
tradizioni popolari spiegate con la storia, Napoli 1843, 3 vol.)
Mitgetheilten hervor, so viel geschichtliche Vorgänge er auch
dem Sagenhaften beimischt, und so sehr seine Absicht, aufzu-
klären und alles auf Betrug, Verkleidung u. dgl. zurückzu-
führen, den wirklichen Inhalt des Volksglaubens zurücktreten
lässt.
Was nun Giuliani"s Betrachtungen über das betrifft, was
er auf seinen Wanderungen beobachtete, so wird Jedermann
sich mit ihm des in der toscanischeu Sprache zu Tage
') La tiumana non viene, se non e torba (unsauberer Ursprung
plötzliches Reichthums); Chi piü boschi vede e piü lupi incontra (je
mehr man in der Welt herum kommt, je schlimmere Menschen man
antrifft); Chi parla per ndita, aspetti la mentita; Chi sta a pigione
vuol far da padrone; II lupo non fa pecore; Un fiore vale un quat-
trino, ma non sta bene a tutti. — Maggie torbo e Giugno chiaro, chi
empir Tuole il granaro; Chi vuole il vino ha da potar corto ; Quel
che fa Maggio, fa Settembre (je nachdem die Kastanien im Mai
stehen, stehen sie im September); A San Vito il castagiio incardito, a
Santa Maria inanimito (d. h. in der stachlichten Hülle hat sich die
anima, die junge Frucht entwickelt); A vento Libeccio ne pane ne nec-
cio (Kastanienkuchen); Tramontana pane e vino alla Toscana; I
tenipi a tempo (günstiges Wetter jeweilen zu rechter Zeit), u. s. w.
Giuliani, Sul vivente linguaggio della Toscana. 1J7
tretenden Bilderreichthums^ der ansprechenden Uebertragungen
von Bezeichnungen menschlicher Körpertheile, Entwickelungs-
stufen, Gemüthsvorgänge u. dgl. auf ähnliche am Kastanien-
baume wahrgenommene Dinge freuen, wird mit ihm den tos-
canischen Landleuten ganz besondere Fertigkeit die Ausdrucks-
weise verschieden zu wenden, einen zarten, an schönes Mass
gewöhnten Sinn und viel dichterische Begabung zugestehen j
es wird niemand läugnen, dass ihre Sprache mehr als irgend
eine andere Mundart Italiens derjenigen der alten Schriftstel-
ler nach Wortschatz und Satzbau nahe steht, und dass grössere
Einigung auch in Hinsicht auf die Sprache für Italien sehr
wünschbar ist. Dass aber diese Bauernsprache den Ausgangs-
punkt zu bilden habe und dass Herrn Giuliani's Buch in die-
ser Beziehung verdienstlich sei, scheint denn doch mehr als
ungewiss. Die Entfernung der gröbsten Wortverdrehungen
aus der Volkssprache genügt nicht; dieselbe ist und bleibt ein
Stammeln; sie würde mit der Vieldeutigkeit ihrer Wörter, den
zahlreichen Anakoluthien, der Unsicherheit, die sich zeigt,
sowie sie sich an Definitionen und weniger geläufige Gegen-
stände wagt, der Regellosigkeit ihrer Wortbildung (spanditä =
Umfang ist ein Beispiel) nie und nimmer den Bedürfnissen
einer andern Literatur als derjenigen des einfachsten Volks-
gesanges, geschweige denn den Ansprüchen der Wissenschaft
genügen, wenn es je ernstlich versucht werden sollte, von
sich zu werfen was im Sprechen den Gebildeten vor dem
Ungebildeten auszeichnet, d, h. Klarheit, Bestimmtheit und
Befähigung auch ausserhalb des engsten Kreises zum Ver-
ständniss zu zwingen. Die Autorität der Toscaner will ich
nicht bestreiten, aber ich dächte, man brauchte für einmal
nicht toscanischer schreiben zu wollen als Vannucci, Lam-
bruschini , Niccolini und Giusti ; die Sprache der wackeren
Landleute möge fortfahren als Rüstkammer zu dienen, in der
man sich mit dem versieht, was man braucht; der beste Waf-
fenschmied ist nicht immer der beste Fechter. Toscanische
Schriftsteller und Sprachlehrer und Arbeiten wie Carena's
methodische Wörterbücher werden hoffentlich dazu gelangen
in der Ausdehnung, die allein wünschbar ist, sprachliche Ein-
heit in Italien herzustellen, in wissenschaftlichen, staatlichen
und gewerblichen Dingen, in Kirche, Schule und Gesellschaft;
eine gewisse Localfärbung der Sprache, die sich auf eine Be-
sonderheit im Realen stützt, wird nicht stören. Noch möchte
J^l^ Miscelleii:
ich heinerken, dass ich Herrn Giuliani's Art und Weise (sie
stimmt mit derjenigen Bresciaiii's ziemlich überein) teclmische
Ausdrücke bekannt zu machen nicht billige; wenn man bloss
die* Namen von einem Dutzend Werkzeugen aufzählt ohne sie
zu beschreiben und ihren Gebrauch auseinander zu setzen, oder
den Gebrauch bloss mit einem neuen technischen Worte be-
zeichnet oder mit den nur ihm verständlichen Redensarten
eines Handwerkers , so erweist man damit niemand einen
grossen Dienst; Herrn Carena's Verfahren von jedem Worte
eine möglichst klare, auch dem Laien verständliche Erklärung
zu geben, was freilich nicht leicht und ohne einige Breite und
Zuziehung abstracter Ausdrücke kaum möglich ist, scheint mir
die richtigere und nützlichere. Dass da und dort ein Hand-
werker, wenn man ihm die Carena'sche Definition von einem
seiner Geräthe vorlas, nicht merkte, wovon die Rede war, be-
weist nichts dagegen ; was man ihm da zumuthete , war eben
so leicht nicht und wäre ihm ohne Zweifel noch schwerer
geworden, wenn man ihm oder einem seiner Berufsgenossen
seine Erklärung vorgelegt hätte. Kindlicher sind freilich die
Definitionen der Landleute; kindlicher sind auch ihre Beschrei-
bungen landwirthschaftlicher Verrichtungen als die von Giu-
liani daneben gestellten Davanzati's und Vettori's; da aber
die letzteren sicher klarer und allgemeiner verständlich und
dabei so toscanisch sind, als der strengste Akademiker irgend
verlangen kann, so ziehe ich sie denn doch jenen vor. —
Und nun zum Schlüsse noch die herzlichen Abschiedsworte
der guten Beatrice, mit denen sie Giuliani einen Strauss auf
den Heimweg gab : Stia bene e felice , torni un altr'anno da
noi; pregherö Dia che possiam rivederci, a ogni modo ci ri-
vedremo in Paradiso, lä si canta davvero.
^'^oi-enz. Dr. Adolf Tobler.
Miscellen.
Englische Eedensarten.
In Swift's Polite Conversation (Works. London 1801,
vol. I) finden sich mehrere eigenthümliche Redeweisen, die
auch wohl noch jetzt gebräuchlich sind und von denen einige
hier kurz besprochen werden sollen. — So heisst es dort
1) If we had known of ijour Coming, loe should have
Englisolie Redensarten. ]]<)
streivn runhes for you^' (Dial. I, p. 280). — Der Gebrauch
an Festtagen nnd festlichen Gelegenheiten den Fussboden der
Zimmer mit Binsen oder aucli Stroh zu bestreuen war früher
in Europa und zwar besonders in den nördlichen Ländern weit
verbreitet und hat sich in einigen Orten auch jetzt noch erhal-
ten; s. Weinhold, die deutschen Frauen im Mittelalter (Wien
1851) S. 340; vgl. meine Ausgabe des Gervasius v. Tilbury
Otia Imperialia (Hannover 1856) S. 60') und eine Anfrage
in Notes and Queries 1856, no. 24, S. 471b, wo es heisst:
„Heybridge church, near Maldon, Essex, was on Whitsundav
strewn with rushes, and round the pew^s, in holes made ap-
parently for the purpose,. we placed small twigs just budding.
What is the origin or meaning of this? and does the practice
exist elsewhere?" Ob und wie diese Anfrage beantwortet
worden, weiss ich nicht; sie findet aber hier ihre Erledigung.
An der angeführten Stelle zu Gervasius habe ich die Vermu-
thung ausgesprochen, dass jene Sitte wahrscheinlich Rest eines
altheidnischen Opferbrauchs sei und Adelbert Kuhn West-
phälische Sagen u. s. w. (Leipzig 1859, Bd. U, S. HO) be-
merkt hieran anknüpfend: ,,Das alles zeigt die Heiligkeit des
alten Gebrauchs; das gestreute Stroh diente wahrscheinlich
dazu, um die Opferspeisen und Götterbilder darauf zu stellen,
ganz wie bei den Indiern ein Lager von Ku9agras für die
Opfer an die Götter bereitet wird; dadurch wurde das Stroh
geweiht und erhielt so seine Bedeutung für alle übrigen Ge-
brauche."
2) li rained and the sun shone ai tJie same time. — Whj
f/ien, the devil was beatwg kis vnfe behind the door^) with a
fhoidder of mutton" (Dial. I, p. 282). Grimm in der deut-
schen Mythologie, S. 960, bespricht ähnliche Redensarten, in-
dem er sagt: „Von schnell wechselndem Regen und Sonnen-
schein sagt man sprichwörtlich : der Teufel bleicht seine Gross-
mutter (de düvel bleket sin möm); in der Schweiz: „der
Teufel schläyt seine Mutter'- Tobler 240a (auch: die Heiden
haben Hochzeit, es ist ein heidnisches Fest), von einer bräun-
lichen Gesichtsfarbe: der ist dem Teufel aus der Bleiche ge-
') In England wurde auch bei Auffülirnng der Mysterien, und
selbst noch zu Shakespeares Zeit die Bühue mit Binsen bestreut.
S. Jahrb. Bd. I, G7. Anm. dea Ilumusy.
^) Statt door sagt man im Volke ancli l>u!tlt.
120 Miscellen: Englische Redensarten.
laufen (lic is dem düvel üt der bleke lopen); donnerts und
die Sonne scheint dazu: der Teufel schlügt seine Mutter, dass
sie Oel gibt. Nnl. de dnirel slaat zyn icyt\ und 'tis kermis
in de hei (nundinae sunt in inferno). Franzüsich: le diuhle
hat sa femvie , wenn's im Sonnenschein regnet (Tuet proverbes
no. 401). Hierzu muss die Erklärung des knisternden Feuers
(S. 222) und des Erdbebens (S. 777) gehalten werden." —
Auch die in der englischen Redensart erwähnte Hammelschulter
mag wohl eine besondere Bedeutung haben; wenigstens wur-
den Schulterblätter unter vielen Völkern zu Weissagungen
gebraucht; s. Deutsche Mythologie S. 1067 nebst Nachtrag
auf S. 1233, und zu Gervasius S. 169 ff. habe ich nach einer
Stelle des Giraldus Cambrensis angeführt, dass auch die in
Walis angesiedelten Vläminge diese Weissagungsart übten,
welche sie aus ihrer Heimat mit herüber gebracht hatten.
3) „She is as like her hushand as if she %uere spit out
of his rnouth." Dial. HI, p. 362. — Entsprechende, Aehn-
lichkeit durch Speien ausdrückende Redensarten habe ich zu
Gervas. S. 71 Anm. (wo escarrado statt esyarrado zu lesen
ist) angeführt und anf das Abstammen derselben aus mytho-
logischen Vorstellungen hingewiesen, wonach Speien =. Zeugen
ist. So bemerkt auch Grimm Haus- und Kindermärchen Bd. IH.
(3. Ausg.), S. 97 (zu no. 56 der liebste Roland): ,y.Wenn
das Mädchen nach der einen Sage speit und die Speie ant-
wortet, so muss man sich an jene Sagen erinnern, wonach
durch Speien der Götter die irdischen Gestalten geschaffen
werden." — Doch komme ich auf diese Vorstellung ein ander
Mal ausführlicher zm-ück, indem sich daran ein weitgreifender
mythologischer Ideenkreis knüpft.
4) Three icomen and a goose are enough to make a
market '•• (Dial. III, p. 369). — Genau entsprechende deutsche
und italienische Sprüchwörter habe ich in meiner Uebersetzung
von Basile's Pentamerone (Breslau 1846) II, 257, Anm. 23
angeführt; hier folge noch ein niederländisches aus dem XV.
Jahrhundert: ,,Drier tcive gherucht maket een jaermerct'"' ; s.
Hoffmann von Fallersleben Horae Belg. vol. IX, p. 19. Wie
man sieht fehlt hier die Gans, die sich in den englischen,
italienischen und deutschen Sprüchwörtern findet.
Lüttich. Felix Liebrecht.
Druck von F. A. Brockhaus iu Leipzig.
Ferd. Wolf. Macedo's Nebulosa. 121
Die „Nebulosa" von Joaquim Manoel
de Macedo.
Ein Beitrag zur Geschichte der brasilischen Literatur.')
Unter den brasilischen Dichtern der Gegenwart ist
Joaquim Manoel de Macedo einer der ausgezeichnet-
sten. Zwar hat er hauptsächlich durch seine Leistungen
im Fache des Romans und des Dramas seinen Ruf er-
langt-); doch auch als lyrischer Dichter verdient er un-
ter denen ersten Ranges in seinem Vaterlande genannt zu
werden.
Er ist den 24. Juni 1820 zu S. Joäo de Itaborahy,
einem Flecken in der Provinz Rio de Janeiro geboren.
Er nahm in der medicinischen Facultät der Residenz
den Grad eines Doctors: bekleidet an dem Collecrium
Pedro II. die Professur der vaterländischen Geschichte
und Chorographie; ist seit 1854 Abgeordneter beim Land-
tag der Provinz Rio de Janeiro {Depufado d Assemblea
provincial do Rio de Janeiro) und eines der thätigsten
Mitglieder des historisch-geographischen Instituts, in dem
er von 1851 bis 1856 die 8telle des ersten Secretärs ver-
sah; seit dem letzteren Jahre ist er dessen Redner (Oy-a-
Jor) und einer seiner Vicepräsidenten. ^)
') Aus einer „Geschichte der brasilischen Literatur" mit deren
Vollendung der Herr Verfasser beschäftigt ist. Da dieses Werk zu-
nächst nur in französischer Uebersetzung erscheinen wird (Berlin,
Asher & Comp.), so ist es uns doppelt erfreulich, diese Probe aus der
Originalhandschrift mittheilen zu können. Anm. des Herausg.
2) Unter seinen Romanen sind besonders beliebt geworden: ,,Mo-
reninha", Romance in 1 Bd., 8". (Rio de Janeiro, 3. Ausg. 1849); —
„0 Mo(;o loiro", Romance (2. Ausg., Rio de Janeiro 1854. 2 Bde. 8".),
— und „O Forasteiro", Romance (Rio de Janeiro, 1855. 2 Bde. 8".) ;
— und von seinen Dramen wurden mit grofsem Beifall aufgenommen
die Lustspiele: „O fantasma branco"; — und „0 torre em eon-
curso"; — sowie die treffliche Tragödie: ,,Cobe".
^) Siehe /. Fr. da Silvn , Diccionario bibliographico portuguez,
Tomo IV, p. 126 — 128; wo auch ein vollständiges Verzeichnifs seiner
bis zum Jahre 1860 erschienenen Werke gegeben ist.
Jahrb. f. roiD. „. engl. Lit. IV. 2. 9
122 Fcrd. Wolf
Als lyrischer Dichter — in welcher Eigenschaft er
allein hier in Betracht kommt — machte er sich zuerst
durch seine in Zeitschriften, wie in der Minerva brasi-
liense, Guanabara, u. s. w. eingerückten kleineren Ge-
dichte bekannt, die unseres Wissens noch in keiner
Sammlung von ihm herausgegeben worden sind. Sie sind
üxst alle erotischen Inhalts; bald tändelt er in ihnen ana-
kreontisch mit schalkhafter Anmuth; bald gibt er sich
jenem, dem Siidländer eigenen, siils -elegischen Schwelgen
(saudades) hin, immer aber in so leicht- und wohlgebau-
ten Versen, dafs man glauben könnte, er sei gewohnt
darin zu sprechen.
Aber ein gröl'seres Gedicht hat er unter dem Titel: „A
Nebulosa" (Rio de Janeiro, 1857. VI. u. L>9;{ p. in-8».) be-
sonders herausgegeben, welches ungemeines Aufsehen ge-
macht hat; und dieses gehört, trotz seiner theils dramati-
schen, theils epischeu Elemente, doch eigentlich der de-
scriptiven Lyrik an.
Das Gedicht besteht aus sechs Gesängen und einem
Epilog, und ist in reimlosen Hendekasyllaben abgefafst.
Der erste Gesang: „Der schwarze Fels" (a Rocha negra)
beginnt mit der Beschreibung des Schauplatzes. In einer
Meeresbucht, an deren beiden Seiten Felsreihen, wie verstei-
nerte Riesen, sich drohend gegenüberstehen, erhebt sich unter
den aus dem Meere emporragenden Felsblöcken einer über
alle übrigen, hoch, steil und von schwarzem, düsterm Aus-
sehen. Von dem geht eine Sage aus uralter Zeit. Dort soll
sich einst ein besessenes, furchtbarer Zauber kundiges Weib
{insana mulher, sabida em magicas tremevdas) aufgehalten haben.
Sie blieb stets jung und schön, wer sie gesehen, vergafs sie
nimmer und mufste sich in Liebe zu ihr verzehren. Doch der
Sonne Licht vertrug sie nicht; beim ersten Schein der Mor-
genröthe hüllte sie sich in dichte Nebel, womit ihre Zauber-
kunst den Fels umgab. Deshalb nannte man sie Nebnlosa.
Aber in Mondnächten sah man sie in blendendweifsen Ge-
wanden, wie sie auf den Wellen Zaubertränke bereitete mit
Flammen, die ihre Augen entzündeten, und mit dem Thau des
Himmels. Denn um Mitternacht wandelte sie auf dem Meere,
wie auf festem Boden, ohne die Füfse zu netzen; dann liefs
Macedo's Nebulosa. 123
sie sich auf dem schwarzen Fels nieder und kämmte ihre gol-
denen Flechten, die in den Lüften flatterten; oder sie sang
und lachte im Meere, bis es licht ward und sie in ihr Nebel-
bett sich bergen mufste. So lebte sie fort ungemessene Zeit,
immer jung und schön. Eines Nachts jedoch ging sie zum
Meere, vergessend — und dies Vergessen war eine Strafe
Gottes — eher die satanischen Zauberworte zu sprechen (as
da cabala Satanicas palahras) ; zu spät erinnert sie sich daran,
viel zu spät stammelt sie sie; — ihre Füfse netzen sich, sie
fühlt, dafs sie versinke; umsonst streckt sie die Arme wehrend
aus; der Sturm bricht heulend los, das Meer empört sich, und
schäumende Wogen schleudern sie gegen den schw^arzen Fels;
umsonst sucht sie sich anzuklammern, ihre Hände gleiten ab;
sie blickt zum Himmel, schon blinkt die Morgenröthe , vor
diesem Lichte weicht all ihr Zauber; die sonst sie davor
schützende Nebelhülle ist zerronnen; da verschlingt sie der
finstere Schlund, sie am Grunde des schwarzen Fels begrabend.
Ihre Leiche sah Niemand auf der Oberfläche des Meeres; ihr
Tod war so geheimnifsvoll wie ihr Leben. Doch wissen Viele
davon zu erzählen, wie in klaren Mondnächten auf der Spitze
des schwarzen Fels sich ein weifses Gespenst (fantasma) nie-
derläfst, das seufzt so tief wie keine Menschenbrust, und
Eiseskälte verbreitet sich um den Fels. Das ist die Nebulosa,
sie singt und weint, und mit diesen verrätherischen Gesängen
und Thränen verlockt sie die sich ihr unvorsichtig Nahenden,
die, dann von plötzlichem Wahnsinn erfafst, sich ins Meer
stürzen, oder in schwarzen Verträgen {iiegros contractos) mit
ihr sich ihrer Herrschaft unterwerfen.
Darum gilt der schwarze Fels für gefeit; weh' dem, der
in drei folgenden Mondnächten ihn besteigt; früher oder spä-
ter endet er schrecklich. Wer in dessen Nähe schifft, wagt
das Leben; denn das Meer, wenn auch weitum ruhig, dort
kocht es, darum meidet der Fischer den Ort, betet und be-
kreuzt sich und bittet Gott, ihn gegen die Macht der Nebu-
losa zu schützen.
Doch ruderten einst um die Mitte einer Mondnacht zwei
Fischer dort vorbei; da sahen sie, wie vom Ufer eine mensch-
liche Gestalt kommt, von Fels zu Fels springt, endlich den
Gipfel des schwarzen Fels besteigt, oben stehen bleibt ins
Meer hinabstarrend. — „Er ist's", rufen die Fischer, ,, wieder
er". - ■ Er, der vor einem Monate zu ihnen gekommen und
9*
124 Ferd. Wolf
gegen reichen Lohn sich bei ihnen eingemiethet hatte, stets
trägt er eine Harfe bei sich, darum heifsen sie ihn den Tro-
rador. Er steht Niemand Hede, entzieht sich Aller Augen,
verbirgt seinen Namen. Jung und schön, ist er doch immer
düster und verschlossen, sein Blick brennt, sein Lächeln ist
Hohn und Schmerz. Stets sucht er jene Bucht auf und bringt
die Nächte auf dem schwarzen Fels zu, trotzdem dafs die Fi-
scher ihn vor der Nebulosa gewarnt haben. Er scheint einen
Ungeheuern Schmerz oder ein grauses Verbrechen zu bergen,
wogegen er, sein eigener Henker, nicht Trost sucht, sondern
Vergessen und Grab in der Meerestiefe. Dann bricht er oft,
besonders wenn die Natur in Aufruhr ist, den er liebt, in
Verwünschungen und Flüche aus; aber er nennt keinen Na-
men, damit auch das Echo ihn nicht verrathe; manchmal,
aber nur selten, in stillen heiteren Mondnächten, klagt er in
wehmüthig-schmerzlichen Liedern , und die Harfe klagt mit
ihm. So hatte er auch in jener Nacht geklagt; da sieht er
einen Kahn den Fels umkreisen, darin eine weifse Gestalt,
unverwandt zu ihm aufblickend und immer näher rudernd. —
,, Fischer", singt er hinab, „was kümmert dich mein Wachen,
was kümmert dich mein Klagen? Mein Schmerz ist ein tie-
fes Geheimnifs, das Niemand erkunden soll auf dieser Welt!"
— „Dein Schmerz ist ein tiefes Geheimnifs, das nur ich er-
kunden werde auf dieser Welt!" — antwortet die Gestalt,
seine letzten Worte, wie ein Echo wiederholend. Da erkennt
der Trovador, dafs es kein Fischer, dafs es derselbe Kahn,
die Gestalt ist, die nun schon drei Nächte hintereinander sich
ihm genaht, dafs es eines Weibes Stimme ist, die ihm geant-
wortet um, wie er glaubt, seiner zu spotten. Ihr zum Trotz
beginnt er von neuem zu singen, und die Stimme wiederholt,
wie ein Echo, die letzten Worte, seine düstern Ahnungen be-
stätigend. Als der Trovador vom Fels nun niedersteigt, steht
er plötzlich der Gestalt gegenüber; er will sie fassen; sie
warnt ihn, sie zu berühren; denn sie sei gefeit, und, mit ihrem
Kristallfinger auf das Meer weisend, ruft sie: „Ich gehöre der
Nebulosa au." —
Der zweite Gesang trägt die Ueberschrift: „Die Verrückte"
(^A Douda); sie ist jene Gestalt, die in drei Nächten dem
Trovador erschienen war. Ihre Mutter kam einst, ein hilflos
Weib, von der Welt mit Schimpf ausgestofsen, in diese Ge-
gend; in einer Höhle, nicht weit von dieser Bucht, brachte sie
Macedo's Nebnlosa. 125
sie zur Welt, ein reizend Kind, aber schon in der Wiege irr-
sinnig. Am schwarzen Fels erschien ihr die Nebulosa und
versprach ihr, wenn sie sich und ihre Tochter ihr weihen
wolle, ihr Zauberkraft zu verleihen, dafs sie Künftiges vor-
hersehe und nichts ihr geheim bleibe. Da trieb sie die Noth,
den Bund mit der Nebulosa einzugehen; diese drückt ihr und
der Tochter mit einem Flammenkufs ein schwarzes Mal auf
die Stirne; sie gehören nun ihr an, die Mutter wird eine be-
rüchtigte Hexe (feiticeh-a) , die Tochter eine Fee (/ada), der
Liebling der Nebulosa. So lange sie auf der Erde weilt,
bleibt sie stets jung und schön, nur das schwarze Mal ent-
stellt sie ; aber auch das werde ihr einst abgewaschen werden
vom Meerschaum, wenn sie nach ihrem irdischen Tod eingehe
in das Reich der Nebulosa und ihrer Freundin, der Luna,
um als Undine ein Leben der Freude und des Glücks fortzu-
leben. Ihr irdisches Leben jedoch müsse sie in Trauer, Thränen
und Klagen verbringen, werde für eine Verrückte gehalten;
wiewohl sie ein richtiges Urtheil habe (Douda yyie julgäoi —
tenho bem juizo!). Ihre Mutter hat sie verloren; sie ver-
schwand plötzlich, wie einige glauben, in einer Wolke zur
Strafe den Mond umkreisend; andere wollen gesehen haben,
wie sie am schwarzen Fels sich ins Meer gestürzt. Aber
die Nebulosa hat die hinterlassene ,, Verrückte" in ihren be-
sondern Schutz genommen, überall ist sie ihr gegenwärtig,
ertheilt ihr Befehle und Rathschläge, die sie mit Mondstrahlen
auf die Wellen schi-eibt. —
Wie ein Traumbild, wie ein Wesen aus einer andern Welt
erscheint die Douda dem Trovador. Sie bittet ihn vor Al-
lem, ihr zu sagen, wer, wenn er singe, stets mit ihm singe;
das sei nicht die Stimme eines Menschen, nicht die seiner Ge-
liebten — denn sie wisse, wen er liebe — diese Stimme, so
süfs, wie die eines Engels, mache sie lusttrunken. Als sie
nun erfährt , dafs es die Harfe des Trovador sei , der diese
Stimme angehöre, i'uft sie: „nicht Harfe, nicht Weib, nicht
Engel soll sie heifsen, sondern Liehe die spricht {amor que
falla).'-'- Entzückt hört sie seinem Harfenspiel zu und be-
schwört ihn, in ihrer Todesstunde — denn sie würden zusam-
men sterben — in dieser Stunde ihres Triumphs diese ,, Liebe
sprechen" zu lassen, unter solch süfsen Harmonien wolle sie
sterben. Dem über ihr Wesen und ihre Reden Erstaunten,
erzählt sie nun ihre (leHclüclite und fordert ihn voll Tlicil-
126 I-'ercl. W'c.lf
nähme auf, ilir auch sein Geschick mitzutheilen. Da er es
nicht will, sagt sie ihm, sie wisse es grofscntheils schon, in
Ein Wort lasse es sich zusammenfassen, in das Wort: ,,i\7m-
Twer" (Jdmais). Bei diesem Worte erbebt der Trovador, und
als er in seinem Schweigen beharrt, ruft sie ihm zu: „Wider-
strebe nicht länger, deinen Liebesschmerz mitzutheilen Jeman-
den, der ilm versteht. Ja, ich liebe auch , kenne die Liebes-
sehnsucht, welche die ganze Natur erfüllt und der auch die Feen
unterthan, ja, auch ich kenne den Schmerz dieser unerwider-
ten Sehnsucht, von dieser Liebe will ich nicht geheilt werden,
so wenig wie die Mutter von der Liebe zu ihrem undankba-
ren Kinde läfst!" — Das öffnet das Herz des Trovadors;
der ihm vom Himmel gesandten Leidensgefährtin will er sein
Geschick mittheilen, die Geschichte seiner Liebe, die er aus
Scham vor aller Welt verbarg. —
,, Hinter jenem schwarz-grünen Walde ist ein schönes
Thal; dort wurde ich geboren, wuchs in Üeberflufs auf, von
den Aeltern zärtlich geliebt, fern von der Welt erzogen, gab
ich den Träumen meiner Phantasie mich hin. Da traf mich
mein erstes Unglück, ich verlor den Vater. Eines Abends —
ich hatte bereits mein zwanzigstes Jahr erreicht — überschritt
ich das gewöhnliche Ziel meiner Spaziergänge; da hörte ich
plötzlich eine Stimme, so zauberisch, dafs ihr nichts zu ver-
gleichen; die Stimme kam von einer Jungfrau, schön wie Got-
tes Lächeln; ich entbrannte in Liebe für sie. Aber all mein
Werben, all mein Bitten um Gegenliebe war umsonst, sie gab
mir nicht einmal eine Hoffnung, es stets nur mit dem ver-
hängnifsvollen : Nimmer beantwortend. Sie sah meine Ver-
zweiflung, sie sah, wie der Schmerz an meinem Leben nagte;
sie zeigte Mitleid; aber statt Erhörung, statt Hoffnung zu ge-
währen, hatte sie keine andere Antwort für mich als: Nimmer!
— Da nahm ich meine Zuflucht zu einer Hexe, die in einer
nahen Höhle hauste, sie fragend, was mir die Gegenliebe der Un-
erbittlichen erwerben könne? — Nach langem Sinnen antwor-
tete die Hexe: Lorbeeren (loiiros).'-'' — Da unterbiücht die
Douda die Erzählung des Trovadors mit der Frage, ob er
am Eingange jener Höhle nicht Jemand bemerkt habe? —
„Jawohl", antwortet der Trovador, „ein armes Mädchen von
zehn Jahren, das weinend mir zuhörte." — Dann fährt er in
seiner Erzählung fort: ,,Ich verliefs nun meine Mutter, um
Kämpfe und Schlachten aufzusuchen; errang Siege, erwarb
Macedo's Nebulosa. 127
Heldenruhm und Lorbeeren , die legte ich der Geliebten zu Füs-
sen. — Sie aber antwortet wieder: Nimmer. — Da ging ich
nochmals zur Hexe, warf ihr den fruchtlosen Rath vor und
begehrte ein wirksameres Mittel. Nach langem Nachsinnen sagt
die Hexe: Gesänge (cantos).'-'- — Und wieder unterbricht die
Douda den Trovador mit der Frage, ob er da Niemand bei
der Hexe bemerkt habe? — ,,Ja wohl", sagt der Trovador,
,,ein Mädchen von fünfzehn Jahren, die stand dabei in meinen
Anblick versunken." — „So ist's!" — ruft die Douda. —
Dann fährt der Trovador fort: ,,Nun wurde ich Trovador,
zum Preis der Geliebten ertönten meine Gesänge, sie entzück-
ten Alle, nur nicht sie, die hatte auch darauf keine andere
Antwort, als: Nimmer! — Da ging ich zum drittenmal zur
Hexe; sie lebte nicht mehr." — ,,Doch", ruft nun die Douda,
„hörtest du da eine Stimme, die sprach: F{ur dein Leid gibt
es keine Hilfe; an dieser Liebe wirst du sterben; aber nocli
Jemand stirbt mit dir zugleich. — Das war meine Stimme."
Der Trovador fleht nun die Douda an, einen Zaubertrank
(p/riltro) zu bereiten, der ihm das Herz der Geliebten ge-
winne; seit zehn Jahren habe er seine Mutter nicht gesehen,
er wisse nicht einmal, ob sie noch lebe; denn diese Liebe
habe ihn alles Andere vergessen gemacht, Helden- und Sän-
gerruhni, sein eigen Leben und Seelenheil; ja er fühle, dafs
sie für ihn eine' Schmach sei, zum Verbrechen führe; doch sei
er zu schwach, sie zu besiegen. „Höre Weib", ruft er, „Nie-
mand nenne dich eine Verrückte! Du bist keine Verrückte!
— Sei für mich ein Engel oder eine Fee; erfinde einen Zau-
bertrank; befriedige diese Liebe, und aller Reichthum, den
ich besitze, soll dafür dein sein." Umsonst wendet sie ein,
sie sei eine Fee, eine Gebrandmarkte, eine von Gott Verwor-
fene; er beharrt bei seiner Bitte. Da wirft sie vom Schmerz
überwältigt sich auf die Knie und ruft: ,,Ieh weiche dem Ge-
schick. Wol hat die Nebulosa es mir verkündet, sie schrieb
es auf die Wellen, sie, die nicht lügt, dafs es kein Mittel gebe
für dein Leid, das Feen bereiten könnten. Doch will ich
einen Versuch machen, den aber nichts mir lohnt, nicht alles
Gold der Well; was er mich kostet, kainist du nicht ermes-
sen; doch ich fühle es, und Gott weifs es! Ich will iiinge-
hen zu dem Weibe, das du anbetest, ich will mit ihm spre-
chen; — vermag ich's, es zu bewegen, desto besser für uns
beide." — Als der Trovador ihr dankend zu Füfsen fällt, er-
128 l''erd. Wolf
hebt sie ihn und sagt trauernd von ihm sich verabschiedend :
„Erniedrige dich nicht also, nicht einmal vor Feen; nur vor
Gott beuge ein Mann das Knie. Beim Einbruch der Abend-
dämmerung gehe ich nach dem Thale, das du kennst; ich
werde mit ihr sprechen. Nun mufs ich scheiden, denn der
Mond entflieht. Lebe wohl! . . . Lafs mich sie hören, die
«Liebe die spricht»." — Und unter den Harfentönen des Tro-
vadors besteigt die Douda ihren Kahn, und ihre Ruderschläge
werden von seinen Gesängen begleitet.
Der dritte Gesang: „Die Fremde" (A Peregrina; über-
sehrieben, beschreibt »den Aufenthalt dieser Geliebten des Tro-
vador — so genannt, weil sie, eine Unbekannte, plötzlich in
dieser Gegend erschienen war, allen fremd blieb und einsam
lebte (vwe so de Iiarmonia e i^erfames) — ein reizendes Thal,
von schattigen Hainen umgeben, ein von der Natur selbst er-
bauter Waldpavillon (silvestre 2)avUhao) , in dessen Mitte ein
See. Dort langt die Douda beim Untergang der Sonne an
und sieht auf einer Rasenbank am See die Peregrina ruhen,
ein so engelschönes Weib von solch bezaubei'ndem Liebreiz,
dafs die Douda trotz des Schmerzes der Eifersucht ausruft:
,, Wahrlich, die mufste er lieben!" — Bei diesem Rufe erhebt
sich die Feregina und fragt verwundert die Douda, wer sie
sei und was sie hier am See suche? — Das ruft der in ihr
Anschauen versunkenen Douda die Absicht ihres Hierherkom-
mens ins Bewufstsein, und ihres Versprechens sich erinnernd
ergreift sie wilde Verzweiflung, sie flieht, umkreist, wie eine
Rasende, den See, will sich hineinstürzen; da blickt ihr ihr
Bild daraus entgegen, sie aber glaubt die über ihr Zögern er-
zürnte Nebulosa zu sehen und untervsärft sich ihrem Geschick.
Doch vermag sie nicht unmittelbar zur Nebenbuhlerin zu spre-
chen — voll Schmerz und Eifersucht schweifen ihre Blicke
umher; da haften sie auf einer kaum entknospeten Rose; zu
dieser will sie sprechen, in der Rose Gestalt erscheint ihr die
Feregina, sie wird sie hören. (A rosa nie ouvird, e a rosa e
ella.) Zur Rose spricht sie nun — und es tönt wie ein süfs-
schmerzliches Liebeslied (in vierzeiligen Strophen) — : „Du
warst nicht immer eine Rose; du warst ein Mädchen und wie
jetzt der Blumen, so früher der Schönen Königin; aber gegen
Liebe verhärtet, erhörtest nicht den Dichter, nicht den Hel-
den, nicht den Sänger; für all sein Liebeswerben, für Lorbeer
und Gesänge hattest du keine andre Antwort, als: Nimmer;
Macedo's Nebulosa. 129
da rächte ihn die Nebulosa, du wurdest zur Rose, der Ge-
liebte zum Zephyr, der spielt nun in deinen Blättern, küfst
dich, du bist sein; und wenn du zu verdorren beginnst, eilt
er zu andern Blumen; wenn dir dann ein neues Wunder die
Sprache wieder verleiht und du um Mitleid ihn anrufst, wird
er fühllos, wie du einst, entfliehen und aus den Blüthen, durch
die er dahin säuselt, wärst du nur dein : Nimmer^ Nimmer ver-
nehmen I " — •
In der That vernahm die Peregrina diese Rede und be-
zog deren Sinn auf sich; doch fragt sie wieder, weshalb die
Douda gekommen, und wer sie gesandt? — Da antwortet ihr
diese — erst furchtsam und zögernd, dann aber den Blick zu
ihr erhebend und fest ins Auge ihr schauend — sie sei ge-
kommen, um für einen Leidenden sich zu opfern, sie sei ge-
kommen auf der Nebulosa Geheifs; vor der Macht dieser All-
gegenwärtigen möge die Peregrina zittern. Und als diese die
Verrückte bedauert, deren Geisteszustand in ihren Reden sich
ausspreche, ruft die Douda : „Nicht mich bedaure ; ich bin ge-
feit, meiner warten Freuden; dich bedaure, die du Gottes Ge-
bot verletzest, die Nebulosa zu erzürnen wagst; bereue, so-
lange es noch Zeit ist; denn eine Verbrecherin bist du, dein
Herz der Liebe verschliefsend I" — Als ihr die Peregrina hier-
auf entgegnet, sie sei ganz von Liebe durchdrungen, aber von
einer heiligen zur Natur, zu Gott, zum Göttlichen im Men-
schen, frei von aller Sinnlichkeit, zur Tugend; ruft ihr die
Douda noch drohender zu: auch die Dankbarkeit sei eine Tu-
gend, und wer ihr Beweise solch aufopfernder Liebe gegeben,
wie der Trovador, habe ein Recht auf ihren Dank. ,, Fürchte
die Rache der Nebulosa, fürchte die Verfolgungen der Sylphen,
in die sich die falschen Schwüre, die gebrochenen Betheuer-
ungen der Liebe, die Lügen flatterhafter Weiber verwandeln,
die werden dich überall umschwärmen!" — Da unterbricht
die Peregrina diese wirren Reden: — ,, Fasle nicht w^eiter",
antwortet sie ruhig und stolz, ,,sag ihm, der dich gesandt, dafs
ich bei meinem Nimmer bleibe; du aber hüte dich zu lieben;
Männerliebe bringt nur Unglück; die Liebe zu Gott allein ist
rein, bcseeligend und ewig dauernd." — Nach diesen Wor-
ten entflieht sie, wie ein verscheuchtes Reh.
Wäln-end die Douda noch überlegt, wie sio diese Ant-
wort dem Trovador beibringe, tritt dieser aus dem Gebüsch
hervor, ihr ziiindVad, er habe Allct^ mit aiigehTirt; sein Urtheil
130 i''>^''i- "^^'oi''
si'i gesprochen ; wolle sie iliii noch einmal sehen , möge sie
um Mitternacht zum schwarzen Fels kommen. Damit ver-
schwindet auch der Trovador, und die Douda wiederholt trau-
rig: ,,Um Mitternacht!"
,, Unter Gräber" (^Nos tumiilos) führt uns der vierte Ge-
sang. In einem abgelegenen, einsamen Winkel jener Gegend,
von finsteren Urwäldern und düsteren Gebirgen umschlossen,
erhebt sich ein Berg, der alle anderen beherrscht. Dort, auf
dessen Gipfel hatte einst ein frommer Mönch eine Einsiedelei
erbaut; der Mönch starb; die Einsiedelei zerfiel in Ruinen;
nur der Altar, der im Vorhof unter Reihen von Gräbern er-
richtet war, hatte sich erhalten, und die Flamme in der dort
aufgehangenen Lampe erlosch nie, das einzige Licht in dieser
Finsternifs. Niemand weifs, wer die Flamme nährt: doch geht
die Sage, dafs allnachts ein gespenstisch Weib, ganz schwarz
mit schneeweifsem Haar, den Berg erklimme, um das Licht
in der Grablampe zu unterhalten.
In der Nacht, die auf den Abend folgte, an dem die
Douda die Peregrina aufgesucht hatte, erscheint mit dem auf-
gehenden Mond hier unter den Gräbern ein Mann, er schrei-
tet auf den Altar zu, kniet nieder und betet; es ist der Tro-
vador. Dann erhebt er sich und sucht unter den Gräbern
eines auf; es ist das seines Vaters. An dessen Leichenstein
wirft er sich nieder; dessen Geist ruft er an; klagt ihm sein
Leid und nimmt Abschied von dessen irdischen Resten; denn
noch diese Nacht, wenn der Mond untergehe^ wolle er selbst
seinem Leben ein Ende machen, das, wenn er auch dadurch
ein Verbrechen begehe, er nicht länger ertragen könne. Da
gedenkt er auch seiner Mutter; von tiefstem Schmerz ergrif-
fen, mit dem Ausruf: ,,Ach! meine Mutter!" stürzt er fort
und int, wie wahnsinnig, unter deji Gräbern umher. Aber
plötzlich hört man Stimmen vom Eingang der Einsiedelei her;
eine sagt in befehlendem, aber überaus sanftem Tone: ,,Ich
will hier allein eintreten; allein will ich beten; erwartet mich
hier am Eingang." — Als der Trovador, nach langem Um-
herirren, dem schmerzlich -süfsen Andenken an seine Mutter
sich ganz überlassend, wieder den Blick auf den Altar richtet,
sieht er am Fufse des Kreuzes eine Frauengestalt inbrünstig
betend; nun richtet sie sich auf, drückt die Hände ans Herz
und schmerzlich ruft sie: ,,Ach! meine Mutter!" Der Tro-
vador stürzt auf sie zu, der klagenden Tochter will er bei-
Macedo's Nebulosa. 131
stehen ; er ergreift ihre Hände, führt sie fast mit Gewalt zum
Licht der Lampe, nun sieht er ihr ins Antlitz, er stufst einen
Schrei aus ; — es ist die Peregrina. —
Einen Augenblick ist sie wie von Schreck betäubt; doch
bald ist sie wieder gefafst und blickt zum Kreuz auf, dessen
Schutz sich empfehlend. Auch der Trovador findet vor dem
Sturm der Gefühle, der ihn durchwogt, kaum Worte; endlich
spricht er mit dem Tone des zärtlichsten Vorwurfes: ,,Sieh
nur auf zu dem heiligen Kreuze ! Weib , das mir die Sinne
raubt, siehst du nicht ein, dafs die Schranke, die du zwischen
uns gezogen , nur eine Eingebung der Hölle sein kann ?
Siehst du nicht, dafs die. Hand Gottes selbst uns zusammen-
führt? Siehst du nicht, dafs wir nun zusammen vor Gottes
Altar stehen?"
Die Peregrina entgegnet, nur die Absicht, am Todestage
ihrer Mutter an deren Grabe zu beten, habe sie hierher gts-
bracht. Und als der Trovador mit Bitten und Beschwören
immer mehr in sie dringt, diesen Altar der Liebe zu weihen,
ihn zu erhören, hat sie wieder keine andere Antwort für ihn,
als jenes schreckliche : Nimmer. Doch läfst sie sich endlich
vom Mitleid bewegen, ihm zu erklären, warum sie durch Ver-
nunftgründe und Eide gezwungen sei, bei diesem Nimmer zu
verharren. Er solle der erste das Geheimnifs ihrer Existenz
erfahren und in ihrer Geschichte die Ursache vernehmen, wa-
rum sie jede Männerliebe verschmähen müsse.
Ihre Mutter ward das Opfer der Verführung; sie und
eine Zwillingsschwester waren deren Folge. Aus Kränkung
über diese Schande starb ihrer Mutter Vater; in seiner Sterbe-
stunde Stiels er über die unglückliche Tochter den Fluch aus:
auch sie solle der Schmerz tödten, der ihm das Leben ge-
raubt, der Töchter Schmach sei der Mutter Tod. Ihre Schande
zu verbergen, den Fluch von ihren Töchtern abzuwenden, zog
die Unglückliche in die tiefste Einsamkeit sich zurück. Dort
wuchs(;n die Schwestern fern vou jedem Umgang mit Männern
auf; trotzdem verbreitete sich der Kuf ihrer Schönheit. Da-
von angelockt kommt ein vornehmer Jüngling in jene Gegend.
Erst gibt er prächtige Feste, die sie meiden; dann zieht er
sich zurück, um als Landniann verkleidet wiederzukehren. So
gelingt ('S ihm, in das arglose Herz von Percgriiia's Schwester
sich ein/usclileichen; auch sie fällt ein Opfer der Verführung
und wird von dem Tri.uU).sL'n verlassen . der sich mit einer
132 Ferd. Wolf
Ebenbürtigen vermählt. Peregrina's Schwester wird darüber
wahnsinnig; doch endet ein baldiger Tod ihre Leiden. Als
ihr in der Sterbestunde das Bewufstsein wiederkehrt, beschwört
sie die Schwester, nie dem Liebeswerben eines Mannes Gehör
zu geben. Aber auch an der Mutter geht ihres Vaters Fluch
in Erfüllung; denn auch sie tödtet bald der Schmerz über der
Tochter Schande und Unglück. Dem Tode nahe, läfst sie die
Peregrina einen heiligen Eid schwören, jeden Liebesantrag ab-
zuweisen, nie einem Manne auch nur die Hoffnung auf Er-
hörung zu geben. Die Peregrina schwört dies, und mit dem
Zurufe: Nimmer stirbt die Mutter. Nach der Mutter Tod ver-
läfst die Peregrina jene Gegend, wo so viel Leid sie getrof-
fen, und zieht in diese noch einsamere, um treu ihrem Schwur
zu leben. Diesem gemafs habe sie auch das Liebeswerben
des Trovador stets mit jener verhängnifsvollen Antwort ab-
weisen müssen und er könne auch fürder auf keine günstigere
hoffen ; ja sie dürfe solche Hoffnung ihm nimmer gewähren.
Umsonst sind alle Gegenvorstellungen des Trovador, umsonst
seine Betheuerungen der reinsten, treusten Liebe; sie beharrt
nur der Liebe zu Gott und zum Göttlichen in der Natur in
ihrem Herzen Platz geben zu dürfen, und auch darin sich ganz
glücklich zu fühlen. Da ruft der Trovador in Verzweiflung,
wenn sie sein Engel nicht sein wolle, werde sie sein Henker
sein; ihre Hartherzigkeit werde ihn zum Selbstmörder machen.
Er sage ihr denn Lebewohl; sie möge ihm nur noch die Bitte
gewähren, seine Mutter zu trösten, mit ihr ihn zu beweinen.
Als aber die Peregrina ihm sein verbrecherisches Beginnen,
seine für einen Christen unziemliche Schwäche dagegen vor-
hält, bricht er wieder in Liebesrasereien aus, denen sich die
Peregrina durch die Flucht entzieht. Der Trovador stürzt ihr
nach in blinder Raserei, fällt über einen Grabstein und bricht
blutend und betäubt zusammen.
Von der Nachtluft und dem Thau endlich aus seiner Be-
täubung erweckt, findet sich der Trovador allein unter Grä-
bern und Staub; nur der Lampe Flamme leuchtet schwach
durch die Finsternils. Alles mahnt an den Tod ; sein eigenes
Herz ist nur zu willig, dieser Mahnung zu folgen; so sich
diesen Bildern, diesem Vorsatze ganz hingebend, versinkt er
in ein finsteres Brüten. Da hört er abermals Tritte in der
Capelle; die Flamme in der Lampe flackert heller auf; er
sieht eine Frauengestalt, ganz so, wie die Sage die Nährerin
Maoedo's Nebulosa. 133
der Lampe schildert. Unwiderstehlich treibt es den Trovador
zu der Gestalt hin; auch diese bleibt stehen, ihn erwartend;
ein Schritt nur mehr trennt sie , die Lampe erleuchtet ihre
Züge; sie haben sich erkannt. — „Mein Sohn!" — „Meine
Mutter!"' — rufen sie und stürzen sich schluchzend in die
Arme. — Aber welch ein Wiedersehn nach zehnjähriger Tren-
nung, an solchem Orte, durch solche Veranlassung und mit
solcher Aussicht auf die nächste Zukunft; auf eine noch län-
gere, noch schrecklichere Trennung nach wenigen Stunden.
Denn nur kurz dauert der Mutter Freude, die Stimme des
Sohnes wieder zu hören ; sie kündet ihr nur seine Verzweif-
lung, seinen Entschlufs ein Leben zu enden, das unerträglich
geworden. Vergebens ist die so allmächtige Beredsamkeit der
Mutterliebe; vergebens ihre zärtlichen Vorwürfe, ihre erschüt-
ternde Verzweiflung; der vom Liebeswahnsinn Ergriffene kün-
det ihr als unAviderruflich an: wenn der jetzt noch glänzende
Mond dort hinter jenen dunklen Bergen sich in das Meer ver-
senken werde, werde auch er vom schwarzen Fels in den
schäumenden Meeresschlünd sich stürzen. — Da verhüllen dunkle
Wolken den Mond; die Lampe verlöscht; es ist vollkommene
Finsternifs; angstvoll suchen die Arme der Mutter den Sohn
zu umfassen; — der Rasende ist entflohen; — auf den Wehe-
ruf der Mutter antwortet nur das Echo; — mit der letzten
Kraft der Verzweiflung stürzt sie fort, in der Finsternifs ihn
suchend, einer finsteren Zukunft entgegen.
Der fünfte Gesang trägt die Ueberschrift : „Die Mutter"
(^A Mai); denn er schildert das Aufbieten aller Mittel, aller
Macht der Mutterliebe, den Sohn zu retten. Durch Nacht und
Finsternifs war sie zur Wohnung der Peregrina geeilt, in der
letzten Hoffnung, dafs einer Mutter Schmerz, einer Mutter Ver-
zweiflung das Herz eines Weibes, einer Tochter doch endlich
rühren, zum Erbarmen bewegen werde. Die Peregrina hatte
in dieser Nacht wiederholt so erschütternde , ahnungsvolle
Träume gehabt, in welchen in grausigen Bildern die Rache
der Nebulosa, die Verzweiflung der Mutter des Trovador ihr
erschienen , dass sie immer angsterfüllter davon erwachte. Da
pocht es an ihrer Thüre und eintritt diese unglückliche Mutter,
wie sie ihr im Traumbild erschienen , sie bald mit den rüh-
rendsten Bitten anflehend, bald mit den schauerlichsten Ver-
wünschungen beschwörend, den Sohn zu retten, mit ihr. un-
gesäumt zum schwarzen Fels zu eilen, bevor der Mond sich
134 ^'*'i<^- "^^'"'f
ins Meer senke und mit ihm zugleich der Trovador in den
Fluthen sich begrabe, wie im Traume ihr zurufend: „rette
ihnl" — Tief erschüttert wirft sieh die Peregrina vor dem
Bilde der Madonna nieder, eine Weisung des Himmels zu er-
flehen; wie sie das Auge erhebt, sieht sie den Mond mit sei-
nem milden Glanz das Bild der Madonna überstrahlen, das
sie anblickt, wie zur Barmherzigkeit auffordernd. — ^J'^
das ist Gottes Befehl; ich will deinen Sohn retten, eilen wir!"
— ruft sie endlich der vor Angst vergehenden Mutter zu.
Und in die Wette eilen die Beiden , eilen mit dem Auf-
bieten aller Kräfte, welche die Liebe verleiht; eilen schwei-
gend, nur schluchzend und angstvoll von Zeit zu Zeit zum
Monde aufblickend, als könnte ihr flehender Blick ihn bewe-
gen, seinen Lauf zu verzögern; — aber der Mond wandelt
in ruhiger Heitere seine Bahn ; — und doch eilt er schneller
als sie; — als sie am schwarzen Fels anlangen, ist er unter-
gegangen! —
Wie auch der Trovador untergegangen , wie sein Herz
und seine Harfe gebrochen, beschreibt der sechste und letzte
Gesang: „Gebrochene Harfe" (Harpa quebrada) überschrieben.
Um Mitternacht ist der Trovador zum schwarzen Fels
zurückgekehrt; er geht hinauf wie ein Sieger zum Triumph;
die Harfe an seiner Seite. Oben angelangt ergiefst er noch
einmal sein Herz in einem langen Monolog; erst sinnend über
den Tod, Hoffnung, Liebe und Leidenschaft; dann der Mut-
ter, der Geliebten gedenkend; da ergreifen ihn wilder und
immer wilder die peinigenden Gefühle beleidigten Stolzes und
verschmähter Liebe, bis er ausbricht in grause Verwünschungen
gegen die undankbare Hartherzige. Aber ein Blick auf seine
Harfe mildert seine Wuth; von dieser stets theilnehmenden
Freundin nimmt er Abschied, mit ihr singt er seinen Schwa-
nengesang (Hymno de Morte, in sechszeiligen gereimten Stro-
phen mit Refrain; nach jeder der fünf Strophen springt eine
der fünf Saiten der Harfe). Diese süfse Gefährtin, dieses
Echo seiner Seele soll aber keine andere Hand, keine andere
Stimme entweihen, mit ihm, von seiner Hand soll auch sie
sterben. Und mit dem Rufe: ,,lebe wohl meine Harfe!"
schwingt er sie dreimal über seinem Haupt und schleudert sie
dann gegen den Fels, dafs sie in Stücke zerschellt. Wie ein
Vater die Gebeine seines Kindes, sammelt er sie auf, die
Stücke der gebrochenen Harfe, küfst sie, drückt sie ans Herz;
Macedo's Nebulosa. 13ö
— bis sie seinen ermattenden Händen entgleiten. — ,,Ein Dich-
ter ohne Harfe ist eine Seele ohne Idee", ruft der Trovador mit
schmerzerstickter Stimme, — „gebrochene Harfe, Herz ohne
Leben; Alles habe ich denn überlebt, nun zum Tode!"^)
Doch läfst er sich noch einmal auf dem Fels nieder —
der Mond ist ja noch nicht untergegangen — schweigend, in
sich versinkend, zum letztenmal Gedanken an das Leben sich
überlassend. —
Da zeigt sich, über die mondbeleuchteten Wellen dahin-
gleitend ein Kahn; er nähert sich dem schwarzen Fels; eine
Frauengestalt entsteigt ihm, in blendend weifse Gewänder ge-
hüllt, weifs, wie der Brautschleier, weifs, wie das Leichen-
tuch. Sie erklimmt den Fels, schreitet auf den Trovador zu ;
bleibt aber vor ihm stehen, ihn schweigend mit Blicken voll
Leidenschaft betrachtend. Aber der Trovador sieht sie nicht;
sein Schmerz macht ihn blind gegen den, welchen er Anderen
verursacht, der Undank, womit seine aufopfernde Liebe abge-
wiesen wurde, erfüllt ihn so ganz , dafs er nicht ahnt , eine
gleiche Schuld begangen zu haben. 2) Eben als jene in seinen
*) „Vate sem harpa e alma sem idea;
„Harpa quebrada cora^äo sem vida,
„Tudo pois consummei, agora a morte.
^) Der Dichter apostrophirt hier den Trovador, den Egoismus
seiner Liebe und die Blindheit seiner Leidenschaft ihm vorhaltend ;
diese Stelle scheint uns für die Beurtheilung des Gedichtes, für die
Würdigung seiner Tendenz so. wichtig, dafs wir sie im Original her-
setzen wollen:
E tu, 6 Trovador, tu, que em delirio,
Do desespero escravo, a morte evocas,
E nas garras do crime a vida afogas ;
Tn, qu'impio oiisaste contre a negra rocha
Em pedacjos fazcr a harpa do genio ;
Tu, que no mundo a mäi täo carinhosa
A SOS deixaste em horridas torturas ;
Tu, quo a patria esqueceste , honra e virtude,
E o proprio Deos no suicidio ultrajas;
E tudo e tanto porque cego aos raios
De belleza cruel, em paixäo louca ,
Da ingratidäo o fei tragaste horrivel;
Trovador, Trovador, tu que experimentas
Quanto e fero esse amar sem ser amado ,
Que dirias se inesperada visses
Aos olhos teus, quäl tu, votada a morte
De teu rigor w« estremosu luctimaf . . .
j;>(; Ferd. Wolf
Anblick versenkt vor ihm sieht, hatte seine Phantasie ihm
noch einmal ausgemalt, wie glücklich er wäre, wenn die Ge-
liebte sich seiner doch noch erbarmte, jetzt vor ihn hinträte,
Erhürung und Gegenliebe verkündend. Da blickt er phitzlich
auf, sieht die weifse Frauengestalt vor sich, wähnt sein Plian-
tasiebihl verwirklicht, wähnt die Geliebte zu schauen, springt
auf und ruft: „Bist du es?" — Aber sie war es nicht; es
war die Douda, die bräutlich geschmückt vor ihm stand, ihm
die Hand reichte und sprach: ,, Siehst du nun wol , dafs ich
mein Wort hielt; es ist Mitternacht. Hattest du mich erwar-
tet?" — Sie sei gekommen, um, wie versprochen, mit ihm
zu sterben. Sie sei der Stimme ihres Herzens , dem Gebote
der Nebulosa, dem Rufe der ganzen Natur gefolgt, denn vom
Himmel, aus dem Meere, aus dem Walde habe sie es ver-
nommen, das Wort der Erlösung: „Stirb!"' Die Stunde ihres
Triumphes sei gekommen; schon ist der Mond seinem Unter-
gang nahe, bald wird der Sturm losbrechen; die Donner rol-
len, die Blitze leuchten, dann werden sie zusammen in das
Reich der Nebulosa eingehen. Doch möchte sie vor ihrem
Tode noch einmal sich ausweinen; er möge sie die süfsen
Töne der Harfe, der „Liebe die spricht" hören lassen. Trau-
rig zeigt ihr der Trovador die Trümmer der Harfe. Sie
bricht in Klagen und Vorwürfe aus ; sagt dafs sie und die
Harfe Schwestern seien, die gleiches Geschick gehabt, beide
durch dieselbe Hand getödtet zu w^erden; ,,Nur in Einem unter-
scheidet sich unser Geschick; du", spricht sie zur Harfe,
,, warst eine Liebe voll herrlicher Gesänge; ich bin eine Liebe
voll verschmähter Thränen; wir beide Harfen der Liebe; ich
nur eine viel traurigere 1 " ^) — Doch am Meeresgrund, im
Goldpalast der Nebulosa, bei den unsterblichen Feen wolle sie
auch die Harfe wiederfinden, mit ihr sich ihres gemeinschaft-
lichen Henkers erinnern ( Do nosso fero algoz nos lembrare-
mos); dahin mögen der Harfen Reste die Wellen tragen, die
wiederkehren, um auch sie bald dahinzubringen. Mit diesen
Worten wirft sie die Harfenstücke ins Meer.
Da erkennt der Trovador mit Schreck und Reue, dafs
„ N'uin ponto so nos distinguira a sorte :
Tu foste amor de espreciados oantos ,
E eu sou amor de lagriiuas perdidas,
Aiubas harpas de amoi-, eu so mais triste."
Macedu's Nebulosa. 137
Liebe zu ihm, von ihm nicht erwidert, nicht einmal beachtet,
auch ihr Herz gebrochen, dafs auch sie der Schmerz darüber
dem Tode zuführe , dafs er gegen die Aermste dieselbe Schuld
trage, deren er die Peregrina anklage. Und sie, die bis jetzt
diesen Schmerz schweigend ertragen, ihre Liebe ihm nur in
unbeachteter Aufopferung bethätigt, nie aber in Worten aus-
gesprochen hatte, nun kündet sie ihm : — „ Wisse denn, da
nichts mehr mir Schweigen auferlegt, der Zauber der Feen
ist grofs, aber gegen die Liebe , die ein Ausflufs Gottes, der
das Weltall beseelt, vermögen sie nichts; ihrer Macht müssen
auch sie huldigen; auch sie lieben, und wenn sie lieben, lie-
ben sie ewig; für sie ist die Liebe ein Feuer, das sie ver-
zehrt, ihnen bringt sie stets Unglück und Tod. O Trovador!
verstehst du mich noch nicht? Ich bin eine Fee und im Be-
griff zu sterben. Warum? — Weifst du es nicht? — Blinder,
wie hast du mich beachtet! jetzt wenigstens öffne die Augen,
betrachte die Sterbende ! Als Kind schon habe ich dich geliebt,
ohne es selbst zu wissen; als Mädchen habe ich von dir ge-
träumt; du aber, der Sklave einer anderen Liebe, hast mir
nur kalte Gleichgiltigkeit gezeigt. Und ich liebte dich nur
noch mehr, folgte dir überall hin, berauschte mich in deinen
süfsen Gesängen; wurde die Vertraute deiner Liebe, die mich
zur Märtyrerin machte ; mit meinen eigenen Händen hätte ich
deine Geliebte dir in die Arme geführt, hätte ich es vermocht.
Ich habe nichts von dir verlangt, als ein Lächeln des Danks,
wenn auch für mich voll Trauer. Ich liebte, iceinte und
reichte mich zum Opfer; und du, o Trovador, hast nicht« ge-
sehen I Und noch immer liebe ich dich, wie die Luft die
Blume liebt, die Vögel die Morgenröthe , die Sonnenblume die
Sonne, die Engel den Himmel ! Deine Stimme hat ein Echo
in meinem Busen, im Feuer deiner Augen verbrennen die
meinen. Ich liebte dich, o sehr! wie Niemand liebt. Ich gab
dir meine Seele, ich würde dir meinen Körper geben, so mich
schrecklicher Entzauberung aussetzend. Die Nebulosa und
meine Mutter wissen es, die eine im Meeresgrunde hört meine
Stimme; die andere hört mich dort oben über den Wolken.
Ich liebte dich sehr! ich liebe dich noch, o sehr!" —
Da erkennt der Trovador zu spät, was er verloren, was
blinde Leidenschaft ihm geraubt; zu spät, denn sein Herz sei
vertrocknet, eine dürre Wüste, die selbst des Hinunels Thau
nicht mehr labt. Aber sie möge leben und ihn vergessen.
Jahrb. f. roiii. u. engl. Lit. IV. 2. 1()
138 Fcnl. Wolf
Doch sie ruft in licichster Exlase, während die Donner des
Gewitters Ausbruch künden und der Mond untergeht, mit ihm
wolle sie sterben; sie sei seine Braut; er möge sie schauen
in ihrer ganzen Schöne; im Reiche der Nebulosa sei ihnen
schon das Brautbett bereitet: „Auf denn! zum Triumph, zur
Liebe, zum Glück, zur ewigen Freude!" 'Ao triiimpho! au
amor! ä vital ä gloria!^ —
Arm in Arm, sich zärtlich umschlingend, in einem Kufse
die Seelen verhauchend, stürzen sich der Trovador und die
Douda ins Meer.
Da bricht das Umvetter los. — Die Natur ist in Auf-
ruhr. — Eine schreckliche Wolke [horrenda nuvem umhüllt
den schwarzen Fels. — Ringsum Finsternifs, — Schreck, —
Sturm und Tod f Tuch e trevas . . . horror . . . borras-ca e
morte) .
Der Epilog schildert den Morgen nach dieser Nacht des
Schreckens. Das Ungewitter hat ausgetobt, das Meer ist
ruhig, der Himmel klar, die Natur beim anbrechenden Morgen-
rotti friede- und freudeathmend zu neuem Leben erweckt. —
Nur zwei LTnglückliche erscheinen da, im grellen Gegensatz zu
diesem Bilde des Friedens und der Freude, angsterschöpft, in
wilder Verzweiflung am schwarzen Fels — die Mutter und
die Geliebte des Trovador. Zu spät; — der Wehruf der er-
stem nach dem Sohne verhallt umsonst; nur das Schluchzen
der andern antwortet ihr, diese hat am Ufer die vom Meer
ausgeworfenen Trümmer der Harfe gefunden und sie küssend
ist sie darauf hingesunken; da ruft ihr die Mutter, in der
Wuth der Verzweiflung, den Fluch zu: ,, Undankbare ! sei
verdammt!" — Dann aber sinkt auch sie hin auf den ver-
hängnifsvollen Fels, vom Schmerz getödtet.
Wir haben oben gesagt, dafs wir dieses Gedicht als
ein eigentlich der descriptiven Lyrik angehöriges ansehen,
und wir glauben, daCs man es nur unter diesem Gesichts-
punkt richtig würdigen und den grofsen Erfolg, den es
gehabt^), gerechtfertigt finden werde. Denn die vor-
stehende Analyse geniigt wol, um ersichtlich zu machen,
dafs weder die Fabel im Geiste der Epik concipirt wurde,
noch Behandlung und Ton dieser entsprechen. Die Fabel
1) Siehe /. Fr. da Silca, Diccionario , Tom. IV, ji. 127.
Maoedo's Neb\ilosa. 139
ist so einfach, auf nvir vier Personen in wenig veränder-
ter Situation beschränkt, dafs sie fast nur fiir eine Bal-
lade oder Novelle ausreicht; die Behandlung nährt sich
eher der dramatischen Form; denn das Gedicht besteht
fast nur aus Monologen und Dialogen, in welche meist
auch die erzählenden Partien eingeschaltet sind, und nur
die Beschreibungen der Scenerie und die Reflexion des
Dichters nehmen manchmal dazwischen einen gröfseren
Platz ein^); der Ton aber ist ein durchaus lyrischer; die
Charaktere sind ebenfalls ganz lyrisch aufgefafst; sie
stehen fertig vor uns ohne alle Entwicklung, sie sind
eigentlich mehr nur Repräsentanten eines gegebenen See-
lenzustandes, eines domiuireuden Gefühls, so zwar, dal's
sie sich fast der Piosopopöe nähern; so erscheint die
verschmähte Liehe ^ wie sie egoistisch - leidenschaftlich,
durch beleidigten Stolz noch gereizter im Manne sich
ausspricht, im Trovador verkörpert; in der Douda hin-
ofCffen zeip't sich dasselbe Gefühl in seinen Wirkungen
auf ein acht loeibliches Herz, in aufopfernder, bis zum
Liebeswahnsinn sich steigernder Hingebung und Resigna-
tion; ja wir halten die Darstellung dieses Gegensatzes^
dieser contrastirenden Wirkung desselben Gefühls auf die
beiden Geschlechter für die Haupttendenz und den gröfs-
ten Vorzug des Gedichtes, wie denn der Dichter selbst
diese Tendenz in seiner oben angeführten Apostrophe an
den Trovador ausdrücklich betont hat.'^) Darum hätten
•) Man sieht, wie es auch hier den Dichter zu dieser seinem dra-
matischen Talente besonders zusagenden Form hindrängte; ja mit den
nöthigen Kürzungen und einigen anderen, wenig bedeutenden Aender-
ungen liefse sicli dieses Gedicht iu eine treffliche lyrische Oper umge-
stalten, in ein interessantes Gegenstück zur „Norma".
^ So hat der „Redner" des historisch -geographischen Instituts
(Revista, Tonio XX. Supplem. , p. 54 — 56.) bei Erwähnung der im
Jahre 1857 vorliegenden poetischen Erscheinungen die „Ncbulosa" al-
lerdings in einem so panegyrischen Tone gelobt, dals man viel davon
auf Rechnung der üblichen Ueberschwenglichkeit eines akademischen
Eloge setzen mufs; aber den Charakter des Gedichcs hat er treffend
bezeichnet, indem er sagt:
,,A Nebulosa e nma visäo em scis cantos , o poetna do amor , da
belleza, e do ideal; e unia inspiravii", uma üdinsea de amor'\ etc.
10*
140 Ferd. Wolf
wir es aiich fi'ir passender gehalten, wenn der Verfasser
seinem Gedichte den Titel: „Vorsehmähte Liebe" („Amar
sem ser amado"-) oder einen ähnlichen gegeben hätte,
statt es „Nebulosa" zu nennen, nach eineui in der That
sehr „nebiilos" gehaltenen Wesen, von dem und dessen
Macht wol sehr oft gesprochen wird, dessen Wirkungen
auf die Charaktere und dessen Eingreifen in die Entwick-
lung der Fabel man aber umsonst erwartet und das zu
nicht viel mehr als zum scenischen Hintergrund dient.
Ja es scheint uns der Dichter sich selbst nicht klar ge-
worden zu sein über die Natur vuid die Verbindung die-
ser Nebelgestalt mit seiner Fabel und seineu Charakteren,
die durch Weglassung dieser eigentlich nur in der Phan-
tasie der Douda bestehenden Feerie nichts verloren, viel-
leicht sogar gewonnen hätten. Denn bald erscheinen die
Nebulosa imd die ihr Huldigenden als von Gott verwor-
fene, mit einem Kainszeichen gebrandmarkte Zauberinnen;
bald als liebessehnsüchtige, verschmähte Liebe rächende
und durch ein Leben voll Freude nach dem irdischen
Tode lohnende und belohnte Feen; Zwitterwesen, wie sie
die ächte Volkspoesie in ihren scharf geschiedenen und
consequent durchgeführten guten und bösen Feen (Licht-
und Schwarz-Elfen) nicht kennt. Wol dürfte diese my-
steriös-grauenhafte, wahrhaft rembrandtische Färbung des
ganzes Gemäldes eben jener mifsverstandenen, durch die
Franzosen Mode gewordenen Auffassung des Romantismus
zuzuschreiben sein, die dessen Wesen im Ungeheuerlich-
Schrecklichen, im Nebulos-Spukhaften sucht? —
Aber in der lyrischen Auffassung und Darstellung der
Gemüthszustände hat der Dichter eine grofse Virtuosität
bewährt, die bei der Monotonie derselben um so mehr
zu bewundern ist; denn trotz dem hat er gewufst, diese
in ihrem Grundton sich gleichbleibenden Gefi'ihle in im-
mer steigernder Progression zum Ausdruck zu bringen,
bis zur Extase, die sich im sechsten Gesänge und beson-
ders am Schlüsse desselben am glühendsten ausspricht.
Nicht minder gelungen sind die descriptiven Partien, vor-
züglich die Beschreibungen der Gegenden und der Sce-
nerie, wobei natürlich dem Dichter die grofsartig-wilde
Macetlo's Nebulosa. 141
oder üppig-schöne Natur seines Vaterlandes zum Vor-
bilde diente; eben dieser an tropische Bilder gewöhnten
Phantasie mufs man es zu gute halten, wenn manche Be-
schreibungen zu überschwenglich gehalten, mit für unseren
Geschmack zu grellen Farben gegeben sind, wie» z. B.
die Beschreibung der Schönheit der Peregrina.
Aber gerade diese nationale Färbung, verbunden mit
den überall giltigen Beweisen poetischer Begabimg und
mit den Reizen einer blühenden Sprache und eines melo-
dischen Versbaues, hat diesem Gedichte einen so unge-
wöhnlichen Erfolg verschafft.
Ferd. Wolf.
242 Leiiicke
lieber einige bei der Kritik der traditionellen
scbottischen Balladen zu beobacbtende
• Grundsätze.
(Fortsetzung.)
Wenn gleich nun aber das sogenannte Collationirungs-
verfahren von dem verständio;eren Theile auch der eng-
lischen Kritiker und Balladensammler ofi'en oder still-
schweigend gemifsbilligt worden ist, so ist es doch nur
die äul'serste Consequenz eines Grundirrthums, der sich
mehr oder weniger in der ganzen bisherigen Behandlung
der schottischen Balladen bemerkbar macht und eben in
der gänzlichen Verkennung der Thatsache besteht, dafs
die Gesammtmasse der schottischen Balladen das Pro-
duct eines Entwickelungsganges der epischen Volksdich-
tung ist, dafs sich aus diesem Entwickelungsgange nicht
nur die einzelnen Erscheinungen erklären lassen, sondern
da/'s es auch die Aufgabe der Wissenschaft ist, den
inneren Zusammenhang derselben, den Faden der Ent-
wickelung aufzufinden und hierauf eine wissenschaftliche
Ordnung und Eintheilung des Materials zu gründen.
Es darf daher nicht befremden, dafs zur Lösung die-
ser Aufgabe bislang jenseit des Kanals kein in irgend
einer Weise befriedigender Versuch gemacht worden ist.
In den besseren Arbeiten, die Motherweirs an der Spitze,
ist wol ein Anlauf dazu genommen, es zeigt sich dann
und wann eine Ahnung von dem, worauf es ankommt, es
ist in einzelnen Fällen das Kichtige getroffen, aber alles
dies ist mehr Folge eines gewissen instinctmäfsigen Ge-
fühls als liesultat wissenschaftlicher Grundsätze. Viel-
mehr sieht man iiberall, dafs es den Verfassern an derje-
nigen Einsicht fehlt, welche die unerläfsliche Bedingung
einer befriedigenden Lösung der Aufgabe ist, nämlich an
der richtigen Einsicht in das Wesen der epischen Volks-
dichtung überhaupt.
Diese Bemerkung drängt sich zunächst auf, wenn
man sieht, mit welcher Scheu die bisherigen Herausge-
Die traditionellen achottischen Balladen. 14o
ber von Balladen derjenigen Operation, welche die Grund-
lage der wissenschaftlichen Behandlung des Gegenstandes
bildet, nämlich der Bestimmung des Alters der einzelnen
Stücke, aus dem Wege gegangen sind und mit wie vagen
Conjecturen sie sich in dieser Beziehung begnügen. So
z. B. scheint Aytoun sich sehr befriedigt zu fühlen durch
die gewonnene Ueberzeugung, dafs ein sehr grofser Theil
der vorhandenen Balladen aus der Zeit vor der Reforma-
tion stamme, eine Neuigkeit, die ein deutscher Kritiker
kaum anders als mit leisem Lächeln entgegennehmen
kann. Andere sind zufrieden, wenn sie einer Ballade
das Epithet of high antiquity geben können, ein Ausdruck
vor welchem man nur so lange Respect hat, bis man
sieht, dals er ihnen schon gerechtfertigt scheint, ,,wenn
eine nunmehr siebzigjährige Lady das betrefl'ende Stück
in ihrer JujTend von ihrer Grofsmutter hat sinken hören".
Motherwell ist zwar der Ansicht: ,,that part of this inter-
esting body of vernacular poetry may fairly be esteemed
equal, if not superior to the most ancient of our written
monuments" (Introd., p. II); aber er deutet auch nicht
einmal im Allgemeinen an, welchen Stücken er ein so
hohes Alter zuschreibt, spricht sich vielmehr einige Sei-
ten weiter (Introd., p. X) dahin aus: „to point out what
truly are the most ancient of these compositions , cannot
be attempted with any success".
Nun soll nicht geleugnet werden, dafs die Altersbe-
stimmung der schottischen Balladen auf den ersten An-
blick mehr Schwioigkeiten darbietet als ähnliehe Producte
der Volksdichtung anderer Nationen. Während z. B.
die liier zunächst zur Vergleichung kommenden dänischen
Kaempe- Viser zum Theil schon zu Ende des Ki. und zu
Anfang des 17. Jahrhunderts, die spanischen traditionel-
len Romanzen noch frühei- aufgezeichnet worden sind,
haben sich die schottischen i^aUaden fast sänmitlich bis
zur Mitte des vorigen Jahrhundeits, ein Theil noch tief
bis in das gegenwärtige Jahrhundert hinein, ausschliels-
lich durch mündliche Tradition fortgeptlauzt. Nur eine
äufserst kleine Anzahl hat sich in alten Manuscripten
oder Drucken erhalten. Dadurch entgeht uns nicht nur
144 Lemcke
der wichtige Anhaltspunkt zur Bestimmung ihres Alters,
■welchen die erste Aufzeichnung gewährt, sondern sie ha-
ben auch viele von den Zügen verloren, aus denen auf
eine bestimmte Abfassunerszeit beschlossen werden kann.
Namentlich hat der wichtigste dieser Züge, die Sprache,
Theil genommen an den Veränderungen des Idioms im
Volksmunde und die Balladen tragen somit, wenn nicht
ganz, doch gröl'stentheils das sprachliche ICleid der Zeit,
in welcher sie zuerst aus dem Volksnmnde aufs Papier
gebracht wurden. Aus ähnlichen Gründen kann auch die
Form, für sich allein genommen, nicht immer als ein un-
trügliches Kennzeichen für die ursprüngliche Abfassungs-
zeit einer Ballade gelten, und endlich haben verschiedene
Beispiele gelehrt, dal's selbst das Costüm kein sicheres
Kriterium eines gewissen Alters ist, indem die Tradition
nicht selten Sitten der eigenen Zeiten auf überkommene
Balladen iiberträgt.
Diese und andere Hindernisse konnten den bisheri-
gen englischen Arbeitern im Fache der Balladenliteratur,
von ihrem Standpunkte aus, allerdings grofs, ja unüber-
windlich erscheinen. Vom Standpunkte der wissenschaft-
lichen Literaturgeschichte aus betrachtet, schrumpfen sie
jedoch zu einem Minimum zusammen. Denn begreif-
licher Weise handelt es sich für die Wissenschaft nicht
um das vermessene Unternehmen, das Alter jeder einzel-
nen auch nur des kleineren Theiles der Balladen bis auf
das Jahrzehend oder Jahrzwanziar ihrer Entstehuno; er-
mittein zu wollen, was auch die genauesten Detailfor-
schungen nicht ermöglichen würden, sondern es handelt
sich einfach um die Bestimmung: des relativen Alters der
einzelnen Balladen und ihrer verschiedenen Versionen un-
ter sich, um die Periode ihrer Abfassung, um den Platz,
welchen sie in der Geschichte der Dichtung einnehmen
und um eine hierauf zu begründende Anordnung und
Eintheilung des Materials. Hierzu aber reichen die Kenn-
zeichen, welche sich an den schottischen Balladen erhal-
ten haben, nicht nur vollkommen aus, sondern unter der
Lupe der Wissenschaft werden selbst die meisten jener
Veränderungen, welche die ursprüngliche Form der Bai-
Die traditionellen schottischen Balladen. 145
laden im Laufe der Tradition erlitten hat, zu eben so
vielen Marksteinen für den Forscher.
Als Folge einer solchen sicheren wissenschaftlichen
Führung sehen wir jedoch in den bisherigen Arbeiten
selbst in Bezug auf jene relative Altersbestimmung fast
nur da das Richtige getroflen, wo gewisse äuCsere Kenn-
zeichen unmittelbar darauf hinweisen, und auf Grund der-
artiger Kennzeichen hat sich von Percy's Zeit an eine
gewisse mechanische Altersbestimmungsmethode für die
Balladen von einem Geschlechte von Kritikern auf das
andere fortgeerbt. Da man sich aber des inneren Grün-
des der Erscheinungeil niemals recht klar bewufst ist,
tritt, wo das einmal beliebte Mafs im Stiche läfst, sofort
die Rathlosigkeit wieder ein und an eine Durchführung
der historischen Anordnung auf Grund jener oder einer
ähnlichen Methode ist somit nicht zu denken.
Im Bewufstsein dieser Unmöglichkeit haben denn
auch die bisherigen Herausgeber von Balladensammlungen
immer den Stof zum Eintheilungsgrunde für ihr Material
genommen und von den verschiedenen Eintheilungswei-
sen, welche derselbe zuläfst, hat die in die drei Katego-
rien der historischen^ rotrumtischen und humoristischen Bal-
laden den meisten Beifall gefunden.
Da der Stoff, wie wir weiter unten sehen werden,
ein so bedeutendes Moment bei der Bestimmung des re-
lativen Alters von Volksdichtungen ist, so könnte es auf
den ersten Anblick erscheinen, als müfste diese stoffliche
Eintheilung einigermafsen mit der historischen zusammen-
fallen. Und wirklich, wenn man blofs auf die gebrauch-
ten Bezeichnungen sieht, ohne Rücksicht auf die Anwen-
dung, welche diejenigen die sich derselben bedienen, da-
von machen, so stehen beide Eintheilungsweisen in einem
gewissen Einklänge mit einander. Die obengenannten
Kategorien entsprochen wirklich in so fern eben so vie-
len Perioden der schottischen Volksdichtimg, als sie die
jedesmalige Hauptrichtung der letzteren in einer bestimm-
ten Periode bezeichnen. Wollte man nach dieser Haupt-
richtung die drei Perioden chaiakterisiren, so könnte man
die erste die liistorische^ die zweite die romantische^ die dritte
die hvmorintischc nennen. Factisch gehört daher ein gro-
\ 4ß Lcmcke
Iser Theil der nach der stofflichen Eintheilung in die
zweite Kategorie fallenden Stücke auch der zweiten ge-
schichtlichen Periode luid wahrscheinlich die gesannnte
dritten Kategorie der dritten Periode an, so dals nach
dieser Eintheilung wirklich ein grol'ser Tlieil der Balladen
in leidlich historischer Ordnung zu stehen kommt.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch diese
stoffliche Eintheilung, weil nicht aus wissenschaftlicher
Betrachtung hervorgegangen, auch wissenschaftlich \\n-
brauchbar. Denn einmal bezeichnen jene Ausdrücke doch
immer nur eine einzelne, wenngleich die Hauptrichtung
einer bestimmten Periode und erschöpfen daher nicht den
ganzen Umfang der ihr angehörigen Stiicke, zweitens aber
und ganz besonders, finden wir jene Bezeichnungen nicht
in dem Sinne gebraucht, in welchem sie gebraucht wer-
den müfsten, wenn sie der natürlichen Entwickelung ent-
sprechen sollen. Es gilt dies namentlich von dem Aus-
drucke romantisch, welcher insgemein von allen denjeni-
gen Balladen gebraucht wird, welche kein historisch
nachweisbares Factum erzählen (also im rein ästhetischen
Sinne) ohne doch diir(;h Inhalt und Ton den Namen einer
humoristischen zu rechtfertigen. Durch diesen Gebrauch
des Wortes wird nicht nur die ganze Eintheilung uulo-
ffisch, indem die Begriffe romantisch vmd humoristisch
sich nicht mehr vollkommen ausschliefsen, sondern es
wird auch factisch einerseits eine Schranke zwischen
Erzeugnissen verschiedener Perioden niedergerissen, an-
drerseits eine Schranke zwischen Erzeugnissen derselben
Periode aufgebaut.
Von der ganzen Eintheilung ist somit nichts zu ge-
brauchen, als höchstens die Namen, vorausgesetzt daCs
man dieselben einmal in einem bestimmten literarhistori-
schen Sinne nimmt und zweitens, als nichts weiter denn
als allgemein eharaktcrisirendc Bezeichnungen der verschie-
denen Perioden gelten läfst.
Ganz anders stellt sich die Sache, wenn wir bei der
Betrachtung des schottischen Balladenschatzes von dem
eigentlichen Wesen und den natürlichen Entwickelungs-
gesetzen der Volksdichtung überhav4)t ausgehen, die na-
türlichen Perioden derselben als Mafs für den concreten
Die traditioiK'lleii schottischen Balladen. 147
Fall annehmen und in die dadurch gegebenen Fächer das
Material einzuordnen versuchen. Alsdann lassen sich
nicht nur die meisten der jetzt dunkeln Erscheinungen
befriedigend erklären, sondern das Material ordnet sich
gleichsam von selbst, ja, es zeigt sich, dal's jene allge-
meinen Entwickelungsgesetze in der epischen Volksdich-
tung Schottlands klarer als in der anderer west- und
mitteleuropäischer Nationen (die spanische allein ausge-
nommen) ausgejjrägt sind, da(s daher die Gesammtmasse
der schottischen Balladen, weit entfernt jenes Chaos zu
sein, als welches sie in den Sammlungen erscheint, viel-
mehr ein interessantes, ich möchte sagen illustrirendes
Beispiel natürlicher Entwickelung darbietet.
Denn wenn auch nicht alle natürlichen Perioden der
Volksdichtung in den noch erhaltenen Balladen vertreten
sind, so sind es doch gerade diejenigen, welche den in-
nerlich nothwendigen, aus dem Begrifie der Volksdich-
tung und ihrem Verhältnisse zur Kunstdiehtung selbst
hervorgehenden Entwicklungsgang am unwiderlegliclisten
beurkunden, den Punkt von welchem sie aussreffanffen
und den, an welchem sie nothwendig schliefslich ankom-
men mufste, am deutlichsten bezeichnen.
Ein solches Beispiel ist aber um so willkommener,
da wir, um unsern Stammverwandten jenseits des Aer-
melkanals nicht Unrecht zu thun, gestehen müssen, dal's
auch bei uns die Begrifie von dem eigentlichen Wesen
der Volksdichtung sich seit Herder's Zeit nur sehr lang-
sam geklärt haben und dafs selbst in wissenschaftlichen
Kreisen die richtigen Ansichten erst in neuester Zeit
zum Durchbruche zu kommen anfangen.
Zu welchen falschen Schlüssen imd dem natürlichen
Gange der Entwickelung völlig widersprechenden Coiijec-
turen manche sonst tüchtige Forscher sich z. B. bezüglich
des Urspni>u/es der epischen Volksdichtungen haben verlei-
ten lassen, davon liefert die hierhergchörigc Literatur des
letzten Jahrzehends noch zahlreiche Beispiele, und der Ge-
genstand mufs daher wol zu denjenigen gerechnet werden
mit welchen die Wissenschaft noch nicht fertig ist. ')
') Unser giofser Kenner dieses Gebietes, F. Wolf. Ii;it manche
1 48 Lcuicke
Der folgende Versuch, den Entwickelungsgang der
epischen Volksdichtung Schottlands mit Rücksicht auf
das eigentliche Wesen dieser Gattung der Poesie im All-
gemeinen aus den noch vorhandenen schottischen Balla-
den herauszulesen und einzelne Erscheinungen an densel-
ben daraus zu erklären, wird daher wol auch hier nicht
am imrechten Orte sein. Ich mufs mich natiirlich alles
Einsehens in die Einzelnheiten der Kritik enthalten, kann
aber nicht umhin, zur Orientirung in dem concreten Falle
einige allgemeine Sätze voranzuschicken.
Ein Blick auf die Entwickelungsgesetze fast aller
Kulturvölker läfst eine Thätsache erkennen, welche, wie
man glauben mul's, auf einem Naturgesetze beruht, näm-
lich dafs überall wo auf historischem Boden aus der Mi-
schung verschiedener Volkselemente eine neue Nation ent-
steht, der Neubildungsprocel's selbst eine erste, unmittel-
bare Quelle der neuen nationalen Dichtung wird. Wenn
es erlaubt ist, Vorgänge in der moralischen Welt mit
solchen der physischen Welt zu parallelisiren, so möchte
man sagen : die Poesie begleitet den natürlichen Mischungs-
procefs von Völkern wie die Wärmeentwickelung den-
jenigen der chemischen Elemente.
Diese Dichtung trägt das Gepräge ihres Ursprungs.
Als erstes Zeichen der vollendeten Verschmelzung, als erste
Lebensäufserung einer neuen Individualität, hervorgegangen
aus dem Gefühle nunmehriger Zusammengehörigkeit nach
Sprache, Sitte, Glauben u. s. w., aus dem Bewufstsein der
Lebensfähigkeit, aus dem Drange nach selbstständigem na-
tionalen Dasein, ist sie Volksdichtung im ächten, im voll-
sten Sinne des Wortes, d. h. sie gehört, wenn auch von
Einzelnen geiibt, dem ganzen, annoch durch keine Son-
Seite seiner diesen Gegenstand betreffenden Schriften der Widerlegung
derartiger Ansichten widmen müssen. Siehe nnter Andern dessen Auf-
satz: „Ueber die Eomanzenpoesie der Spanier" in den „Studien
zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Nationalliteratur",
S. 30-1 ff.; dann dessen „Proben portugiesischer und catalanischer Volks-
romanzen" (Wien, 1856. 80.), besonders S. 7 f. und seine hier ganz
besonders anziehende verdienstvolle kleine Schrift: „In welchen Kreisen
sind die sogenannten Volksballaden entstanden?" (Leipzig, 1857),
Vorrede zu Eosa Warrens' schwedischen Volksliedern.
Die traditionellen schottischen Balladen. 149
derinteressen gespaltenen, sondern durch die genannten
Gefühle eng zusammengehaltenen Volke an, dessen Denk-
und Anschauungsweise sie unmittelbar und ganz ohjectiv
wiedergibt. Die Begriffe Volksdichtung und Nationaldich-
tung fallen daher in dieser Periode zusammen, wie der so-
ciale Begriff Volk mit seinem nationalen.
Wie aber alle Gefühle, wie die ganze Denk- und
Anschauungsweise des Volkes in dieser Periode bestimmt
werden durch das Streben nach einem grofsen Ziele, die
Erlangung des selbstständigen Daseins als Nation sowie
die Erhaltung und Sicherung dieses Daseins gegen alle,
gleichviel woher, drohenden Gefahren, so ist der Gegen-
stand dieser Volksdichtung zunächst das, was auf die
Erreichung des gemeinsamen Zieles Bezug hat, mithin
die Darstellung geschehener Thaten^ speciell die Wirksam-
keit derjenigen, welche in irgend einer Weise für den
gemeinsamen Zweck kämpfen, der Nationalhelden. Die
Volksdichtung ist daher in dieser ersten, aller Kunst-
dichtung vorangehenden Periode vorwaltend episch, spe-
ciell historisch oder historisch-sagenhaft.
Da aber die Producte dieser epischen Volksdichtung
hervorgehen aus dem Drange des Augenblicks, aus der
unmittelbaren Inspiration, da sie zur unmittelbaren Mit-
theilung, „zum Singen und Sagen" bestimmt sind, so
geben sie auch keine breit entfaltete Erzählung des Ge-
schehenen sondern in kurzen und lebendigen Zügen das
objective Bild einer einzelnen That, eines einzelnen Ereig-
nisses, Abenteuers u. s. w. Die ächte epische Volks-
dichtung ist rhapsodisch.
Die historisch-epische Volksdichtung in rhapsodischer
Form ist also die erste Stufe der poetischen Thätigkeit
einer jeden neuen auf historischem Boden zu selbstständi-
gem Dasein gelangenden Nation.
Das schottische, d. h. jenes germanische Volk, wel-
ches das südliche und mittlere Schottland bewohnt, macht
keine Ausnahme von der Regel. Seine Entstehung, vor-
bereitet vielleicht durch die Mischung celtischer Scoten
aus dem Norden mit den wahrscheinlich germanischen
Picten des Südens, ist wesentlich zurückzuführen auf jene
];")() Lcnicke
Einwanderungen, welche bald nach der Eroberung Englands
durch die Normannen den schottischen Tieflanden eine
zahlreiche Bevölkerung tlieils angelsächsischer, theils dä-
nischer Abstamnuuig zuführten. Der Verschmelzungs-
procels dieser verschiedenen Elemente zu einer neuen
Modification des Germanenthums , welche durch Eigen-
thiimlichkeiten des Idioms, der Sitte und des Charakters
zu den Stammverwandten jenseit des Tweed in einen
Gegensatz trat, ging im 12. und 13. Jahrhundert vor sich
und gelangte zum AbschluCs durch den Unabhängigkeits-
krieg gegen England. Gleichzeitig mit diesem Kampfe
aber fallen die ersten poetischen Lebensäuf'serungen der
neuen Nation, jene rhapsodischen Heldengesänge, welche,
wie unverwerfliche hi&torische Zeugnisse berichten, die
Thaten der Nationalhelden Bruce und Wallace feierten,
uns jedoch, wie wir gleich sehen werden, nur ihrem In-
halte, nicht ihrer urspriinglichen Form nach bekannt sind.
Denn diese ächte Volksdichtung, wie sie hervorge-
gangen ist aus der unmittelbaren Gegenwart des Ent-
wickelungskampfes der Nation, wird auch nur unter ganz
besondern Umständen sich über den Punkt hinaus erhal-
ten können, wo jener Kampf und mit ihm der Werde-
procefs der Nation beendet ist, wo diese als selbststän-
dige Individualität ins Dasein tritt. Gleich dem Volke
selbst wird auch dessen Dichtung aus ihrem rhapsodi-
schen, ephemeren, so zu sagen atomistischen Zustande
hinaus und nach fester einheitlicher Form streben; die
rhapsodischen Gesänge werden einen Mittelpunkt suchen,
gleich den atomistischen Gliedern der bisherigen Gesell-
schaft. Das Resultat dieses Strebens ist, wie für die
Nation selbst die erste staatliche Ordnung, so für seine
Dichtung die erste Kunstform. Die rhapsodischen epi-
schen Volksgesänge gehen auf in die erste epische Kunst-
dichtung, die daher annoch weiter nichts als eine Form-
gewinnung, gewissermafsen eine Krystallisation der alten
Volksgesänge, somit, gleich diesen, vorwaltend objectiv ist.
Die Verarbeitung der alten Heldenlieder zu Kunst-
epopöen oder doch Werken, die in rein literarhistorischem
Sinne dafür gelten können, beginnt in Schottland um die
Die traditionellen schottischen Balladen. 151
Mitte des 14. Jahrhunderts mit Barbour's Bruce. Ihm
folgten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Wyn-
toun mit seiner Reimchronik, Blind Harry mit seinem
Wallace; allen dreien liegen nach dem Eingeständnisse
ihrer Verfasser die alten Heldenlieder zu Grunde.
Das Aufgehen der alten ächten Nationalge sänge in
das Kunstepos ist aber überall der Anfang ihres allmäli-
gen Verschwindens aus der Tradition. Die Epigonen des
Kampfes, zufrieden den Stoff gesichert zu wissen, haben
fiir die ursprünglichen Formen, die, aus dem Drange der
Gegenwart geboren, auch der Gegenwart bedürfen, um
volles Verstäudnifs , volle Theilnahme zu finden, weder
das eine noch die andere mehr. Auch in Schottland
scheinen sie in dem Mafse wie sie in die grölseren Ge-
dichte so zu sagten einffeheimset wurden, aus dem Gedächt-
nisse des Volkes verschwunden zu sein. Das letzte der
genannten Gedichte rif's auch wol ihren letzten liest aus
der Circulation hinweg, und wie vollkommen alle drei,
mochte ihr Kunstwerth auch noch so gering sein, doch
dem neuen Geschlechte die alten Gesänge zu ersetzen
vermochten, beweist die aufserordentliche Popidarität,
deren sie sich unter allen Klassen desselben erfreuten.
Noch aus neuerer Zeit führt Motherwell es als einen ge-
wöhnlichen Spruch an: „that a collier's library consists
but of four books, the Confession of Faith, the Bible, a
bunch of ballads and 8ir William Wallace , the first for
the gudewife, the second for the gudeman, the third for
their daughter and the fourth for the son.'-''
Hieraus erklärt sich ebenso natürlich wie analoge
*V^oro:än<2:e bei andern Nationen, daCs der so reiche Schatz
epischer Volksdichtungen Schottlands gar keine Ueber-
bleibsel des alten ächten historischen Volksgesanges auf-
zuweisen hat. Keins der alten Heldenlieder ist in rhap-
sodischer Gestalt in die folgenden Perioden der Volks-
dichtung') übergegangen, ja alle Erinnerungen an den Na-
') D. Ii. der wirklich traditionellen ; denn einige wenige noch vor-
handene Stücke, in welchen Thaten von Wallace gefeiert werden, sind
augenscheinlich spätere Kunstprodiute.
J52 Lenickt'
tionalkampf sind bis auf die Namen seiner Helden aus
derselben verschwunden.
Es erklärt sich aber auch zweitens, warum iiberhaupt
der bei weitem grölsere, wichtigere und werthvollere Theil
der schottischen Balladen aus nicht historischen besteht.
Denn der ächte historische Volksgesang setzt einen Zustand
der Gesellschaft, eine Intensität und eine Ausdehnung
des Nationalgefühls voraus, wie sie nur in der ersten Pe-
riode der Volksgeschichte möglich sind. Das gröfste
und schönste Contingent zu dem historischen Volkslieder-
schatze einer Nation bilden daher immer die Ueberreste
aus der ersten Periode seiner Dichtung. Vorübergehende
analoge Zustände, etwa partielle Nachspiele des grofsen
Nationalbildungskampfes können auch wol späterhin noch
einen Aufschwung der Stimmung erzeugen, welcher ein-
zelne späte Blüthen dieser Gattung treibt, die erfreulich
an ihre längst verwelkten Schwestern aus dem Lenze
erinnern. So sehen wir z. B. auch in der spanischen
Volksdichtung, nach langer Unterbrechung durch eine
sogenannte romantische (besser: nichthistorische) Periode,
den ächten Volksgesang für einige Zeit in den sogenann-
ten Romances Fronterizos wieder aufleben und ihnen sind
in dieser Beziehung die schottischen Border Ballads zu
vergleichen, in welchen der immer dünner werdende Fa-
den des alten Nationalkampfes ausläuft. Immer aber ist
der historische Volksgesang in der späteren Zeit die
Ausnahme und das Vorherrschen des nicht historischen
charakterisirt die Richtung der späteren Perioden.
Eine genauere Betrachtung derselben erklärt dies
noch deutlicher.
Mit dem Ende des grolsen Volkskampfes um das
nationale Dasein tritt nämlich die neue Nation in eine
neue Phase ihrer staatlichen vmd gesellschaftlichen Ent-
wickelung, von welcher naturgemäfs die Schicksale ihrer
Dichtung bestimmt werden. Nach dem Entwickelungsge-
setze, welchem die westeuropäischen Nationen unterlagen,
consolidirten sich dieselben auf der Basis der feudalari-
stokratischen Institutionen. Ueberall erscheint das in der
ersten Periode durch das gewaltige Band gemeinsamen
Die traditionellen schottischen Balladen. 153
Strebens nach dem gemeinsamen Ziele selbstständiger na-
tionaler Existenz, zu einem festen, wenn auch unorganischen
Ganzen verbundene Volk nach dem Aufhören des Gäh-
rungsprocefses und nach der Klärung des neuen Productes
in zwei gesellschaftliche Schichten getheilt, die je nach
den Umständen mehr oder weniger scharf von einander
geschieden sind, in deren jeder sich daher die nationale
Gefühls-, Denk- und Anschauungsweise mehr oder weniger
verschieden reflectirt. Der nationale Begriff „ Volk" fällt
daher nicht mehr, wie in der ersten Periode, vollständig
zusammen mit dem socialen. Es fängt an neben dem Volke
im natioyialen Sinne ein Volk im socialen also im engeren
Sinne zu geben, folglich auch eine Dichtung im nationalen
und im socialen, eine Volksdichtung im weiteren und im
engeren Sinne. Es tritt mit anderen V^orten die Kunst-
dichtung der Naturdichtung gegenüber. Da nun aber diese
Trennung in der Poesie eine natürliche und unmittelbare
Folge der socialen Trennung im Innern des National-
körpers ist, so wird nunmehr das jedesmalige Verhältni/'s
beider Arten von Dichtung zu einander abhängen von
dem Verhältnisse der beiden socialen Schichten zu einan-
der, d. h. die relative Ausdehnung des Gebiets beider
principiell von einander verschiedenen Dichtungen wird
bestimmt werden von dem Grade der Trennung zwischen
beiden Schichten.
Die erste und schönste Stufe dieses neuen socialen
Verhältnisses ist nun aber die, wo das Gefiihl der na-
tionalen Zusammengehörigkeit, das Gefühl der Identität
von Volk und Nation noch so lebendig ist, dafs die eine
der beiden Gesellschaftsschichten sich nur in so fern von
der anderen getrennt betrachtet oder betrachten darf, als
sie in sich die Nation xar' ^^o^i^v sieht und von der an-
dern auch als solche anerkannt wird, wo also die Edel-
sten und Tüchtigsten der Nation, diejenigen deren Stel-
lung in derselben der Lohn ihrer eigenen Wirksamkeit
für die nationale Selbstständigkeit Aller ist oder doch
als solcher betrachtet werden kann, sich mit stillschwei-
gender Zustimmung der Gesammtheit als die Vertreter
des Nationalbewu Istseins ansehen, also stolz darauf sind,
Jahrb. f. rom. u. oiii;!. Lit. IV. 2. \\
154 Lemcke
das Volk im engem Sinne zu heifsen. In diesem Sta-
dium fällt daher der nationale Begrifl" „Volk" mit den»
socialen, folglich auch die Begriffe Nationalpoeaie luid
Volksj^oes'ie noch zum allergröfsesten Theile zusammen.
Die letztere wird daher nur einen sehr kleinen Theil ihres
Gebietes an die Kunstdichtung abtreten, oder, was dasselbe
sagt, die Poesie wird auch in den Händen der die Na-
tion rejjräsentirenden Klassen der Gesellschaft ihrem grö-
fseren Theile nach Fo//.'spoesie sein.
Die zweite natürliche Periode der Volksdichtung ist
also diejenige, in welcher dieselbe in den Händen der
höheren Klassen der Gesellschaft, also bei den westeu-
ropäischen Völkern in den Händen des Feudaladels ruht.
Ich würde diese trockene Reihe von Syllogismen
hier für überflüssig gehalten haben, wenn es nicht, meiner
Ansicht nach, von einigem Nutzen sein könnte, den Satz, dafs
die Volksdichtung in ihrem Entwickelungsgange nothwen-
dig in einer Periode in den höheren Klassen der Gesellschaft
ruhen mufs, und dals folgeweise die noch vorhandenen Pro-
ducte der Volksdichtung, die das feudal-ritterliche Costüm
tragen, auch nothwendig in den feudal-ritterlichen Kreisen
haben entstehen müssen, den noch immer hin und wieder
erhobenen Zweifeln gegenüber ganz logisch aus dem blo-
fsen Begriff der Volksdichtuno; abzuleiten.
Es lassen sich aber aus diesem Beorriöe selbst noch
weitere wichtige Folgerungen für den Charakter der
Volksdichtung in dieser zweiten Periode ziehen.
Die Geschichte der Volksdichtung bietet das Bild
eines allmäligen Verfalles, einer stufenweisen Entfernung
von ihrem ürtypus der ersten Periode dar. Wie die
Gesellschaft, aus der sie hervorgegangen, verliert sie auf
jeder Stufe dieses Verfalles eine der Eigenschaften, welche
ihr ursprüngliches Wesen ausmachten; ihr Charakter in
jeder Periode kann daher genau aus jenem Verluste er-
klärt werden. Wenn nun, wie oben bereits bemerkt wor-
den, die Grundbedingung des historischeii Volksgesanges
ein social nicht getrenntes Volk ist, also ein Zustand der
Dinge, wie er regelmäfsig nur in der ersten Periode des
Volkslebens, späterhin aber nur ausnahmsweise und vor-
übergehend vorkommen kann, so ist klar, dafs die Volks-
Die traditionellen schottischen Balladen. 155
dichtung in ihrer zweiten Periode, wo sie sich also in den
Händen eines wenn auch noch so volksthünilichen Bruch-
theiles der Nation befindet, zunächst nothwendig ihren
historischen Charakter verlieren mufs. Der Volksgesang
der zweiten Periode kann daher wol noch vorwaltend episch^
aber dieser epische Gesang kann nicht mehr historisch
sein. Während die Poesie des ganzen Volkes, also die
Volksdichtung im ächtesten Sinne, ihre Stoße unmittelbar
von den Interessen, dem Schicksale, dem Streben des gro-
fsen Ganzen empfing, vor welchen die Interessen, Schick-
sale und Bestrebunsren der Individuen verschwanden
gleich denen des einzelnen Kämpfers im Gewühl einer
Schlacht, wie jede That, jedes Schicksal des Einzelnen
nur Werth hat durch seine Beziehung zum Ganzen, als
Glied der grofsen Kette des allgemeinen Wirkens, des
allgemeinen Geschickes, also auch für die Volksdich-
tung nur durch diese Verbindung in Betracht kommt,
so drängen sich dagegen nach der Beendigung des
grofsen Kampfes, mit der Abnahme des nationalen
Gemeingefühles, von welcher das erwachende Stan-
desbewufstsein ja selbst nur ein Symptom ist, die
Thaten und Schicksale der Individuen, wie nunmehr das
innere Leben des Volkes sie reichlich darbietet zu einer
Zeit, wo das Meer desselben zwar vom Sturme nicht
mehr gewaltsam gegen seine Ufer gepeitscht wird, wo
aber seine Oberfläche sich noch abwechselnd hebt und
senkt und dann und wann noch gewaltige Wellen schlägt,
wiederum der Beachtung dar. In dem Malse wie die
Intensität des Gefühls für das Ganze, für das öfientliche
Leben nachläfst, macht sich das Gefühl für das Indivi-
duelle, für das Privatleben geltend und ringt nach poeti-
scher Darstellung. An die Stelle des Kämpfers für den
Zweck des Ganzen tritt nun in der Volksdichtung der
Kämpfer für den eigenen Zweck; das Lied, welches
früher die gewonnene Schlacht feierte, feiert nun den
Sieger im Zweikampf; die Ballade , welche den glücklich
vollbrachten Ueberfall erzählte, berichtet nun die glücklich
gelungene Entführung. Gewaltige Thaten, wunderbare,
ergreifende Schicksale der Einzelnen, Familientragödien,
11*
tPtQ Leiucke
Abenteuer jeder Art, vor allen aber die gesellschaftlichen
Conflicte, welche die Gesclilechtsliebe in ihrem Gefolge
hat, werden zu willkommenen Stoßen für den epischen
Gesang des neuen Kreises der nunmehr als Träger der
Volksdichtung erscheint, mit einem Worte, es entsteht
jenes epische i/nhistorische Volkslied, welches aus Griin-
den, die sich theils aus dem Obigen schon ergeben, theils
aus dem Folgenden noch ergeben werden, in den noch
vorhandenen Ueberresten der Volksdichtung verschiede-
ner Nationen am reichlichsten vertreten ist.
Dieser Wechsel des Stoffes der epischen Volksdich-
tung in derjenigen Periode, in welcher sie in den Hän-
den der höheren Klassen der Gesellschaft ruht, ist in
einem natürlichen Entwickelungsgesetze begründet, wel-
ches in solchem Umftinge durch die Thatsachen bestätigt
wird, dals es uns in Ermangelung aller anderen histori-
schen Zeugnisse für die Entstehungszeit und Entstehungs-
weise hierhergehöriger epischer Volksdichtungen in den
einzelnen Fällen zu einem untrüglichen Fingerzeige für
deren nähere Bestimmung wird. Immer fällt jene Ent-
stehungszeit in die zweite natürliche Periode der Volks-
dichtung, also, wo der Anfang dieser Periode durch das
Aufgehen der historischen Volkslieder der ersten Periode
in das Kunstepos bezeichnet wird, diesseits dieser ersten
Versuche. Immer ist daher auch der Ursprung dieser
Volksgesänge in den höchsten Klassen der Gesellschaft zu
suchen. Alle hierhergehörigen Producte der verschiedenen
Nationen stehen daher ihrem Ursprünge nach literar-
historisch einander gleich, und dasselbe Gesetz waltet in
den spanischen Romances de Caballeros sueltos (Wolf y
Hofmann Primavera, II, 3 ff.) wie in den entsprechenden
dänischen Kaempe- Viser und den schottischen Balladen. ^)
In den westeuropäischen Ländern trägt nun zwar
') Wolf vergleicht äufserst trefiend die hierhergehörigen spanischen
Romanzen mit der Odyssee, die historischen mit der Ilias und es steht
durchaus nichts im Wege diesen schönen Vergleich auch auf die ent-
sprechenden Dichtungeu anderer Nationen auszudehnen. — Ebenso
möchte ich Huber's Ansicht von jenen spanischen Romanzen , dafs in
denselben „viel Trümmerhaftes" vorliegt, als auf alle andern hierher-
gehörigen, namentlich auf die schottischen Balladen anwendbar betrachten.
Die traditionellen schottischen Balladen. 157
schon die Mehrzahl der hierhergehörigen Producte ein
äufseres Kennzeichen ihres Ursprungs, nämlich das feu-
dal-ritterliche Costüm und die feudal-ritterliche Denk-
und Anschauungsweise. Aus dem oben Gesagten
geht aber wol zur Genüge hervor, dafs beides etwas
rein Aeufserliches ist, das mit dem eigentlichen Wesen
dieser Dichtungen nichts zu thun hat. Eine anders
costümirte, anders gesittete Aristocratie wird in der-
selben Periode eine dem Wesen nach ganz gleiche ^ d. h.
eine ihre Stoffe aus dem inneren Leben des Volkes, aus
dem der Individuen nehmende epische Volksdichtung er-
zeugen. Es erscheint somit verkehrt, den Ursprung die-
ser Dichtungen in den feudal-aristocratischen Institutionen
iiU solchen suchen oder dies Costüm allein als Kriterium
für die Entstehungsperiode irgend einer Ballade nehmen
zu wollen, wie dies namentlich von englischen Kritikern
geschehen ist. Denn vs'ie, wenn der Inhalt ein solcher
ist, dafs jenes Costüm auch nicht in einem einzigen Zuge
hervortritt?
Aus demselben Grunde ist aber auch der bisher ge-
bräuchliche Name für diese Gattung, romantische oder Rit-
terballaden wissenschaftlich durchaus nicht befriedigend, da
er nur von einem äufseren Kennzeichen, nicht vom Wesen
der Sache hergenommen ist. Da sich indessen der Name
romantisch theils durch seine Bequemlichkeit, theils durch
den allgemeinen Gebrauch, theils durch den Umstand
empfiehlt, dafs er wenigstens die Klasse äuCserlich cha-
rakterisirt, so wollen wir uns auch in Ermangelung einer
erschöpfenden Bezeichnung seiner vorerst in dieser Unter-
suchung bedienen. *)
^) Wolf hat für die oben genannten spanischen Romanzen den
Ausdruck novellenartige gebraucht, den ich unbedingt für die ganze
Klasse dieser Periode dem Ausdrucke romantisch vorziehen würde,
wenn ich nicht mit Huber das Bedenken hätte, dafs derselbe bei Un-
kundigen lericht Mifsverständnisse erzeugen könnte.
Ltidwig Lcmcke.
(Schlus*. im nächsten IJcrte, )
^58 Boehmer
Erasmus in Spanien.
Im Diälogo de la lengua (Ausgabe von 1860, S.
176 — 178) findet Valdes unter den wenigen spanischen
Uebersetzungen aus dem Lateinischen, die er gelesen
habe, zwei zu riihmen wegen des reinen castilischen Stils
und der geschickten und treffenden Wiedergabe des Aus-
drucks des Originals, nämlich die des Buchs des Boethius
de consolatione und die des Enchiridion des Erasmus,
welche letztere, vom Archidiaconus del Alcor gemacht, was
den Stil betreffe, seiner Ansicht nach, mit dem Lateini-
schen um den Vorrang streiten könne. Ueber diesen
Uebersetzer bemerkt Mayans, der erste Herausgeber des
Diälogo de la lengua, Vita Vivis p. 92: interpres huius
operis (Enchir.) fuit Alphonsus Fernandez de Madrid,
Archidiaconus Alcorensis in Ecclesia Palentina, qui, ut
ait Hieronymus Gudiel in Compendio Historiarum Giro-
num fol. 10, fuit uno de los mui senalados varones en
historias i antiguedadas. Und p. 34: ab Historicis Hispa-
niensibus eins scripta magno in pretio habentur, etsi non-
dum edita, fortasse quia, quae ediderat, feralia experta
fuerant. Nachher, p. 192, erwähnt Mayans ihn noch ein-
mal als Generalvicar von Palenza. Vergleiche übrigens
Nie. Antonio Bibl. Hisp., wonach er 1559 fünfundachtzig-
jährig starb. (Siehe auch de Castro hist. d. 1. protestan-
tes Espan. 1851, p. 142.) Von diesem Fernandez führt
Burscher im Index et argumentum epistolarum ad D.
Erasmum Rot. autographarum, Lps. 1784. p. 74. 75. n". 26
einen ihm vorliegenden Brief folgendermafsen an: Epistola
Hispanica Archidiaconi del Alcor ad Doctorem Coronel,
scripta Palenciae, d. 10. Septembr. omisso anno. De re-
bus Erasmi, et de Monacho quodam Franciscano, Joanne
a S. Vincentio, Palenciae populum concitante contra
Erasmi Enchiridion; Compluti hispanice excusum; und
unter der folgenden n". 27 : Eiusdem Epistolae Versio
Latina. Diese beiden Manuscripte befinden sich gegen-
wärtig im Besitze der Universitätsbibliothek zu Leipzig.
Erasinus in Spanien. 1 59
Ich gebe hier den spanischen Wortlaut nach dem Auto-
graph des Archidiaconus, mit Hinzufügung einiger Stellen
aus der lateinischen Uebersetzung, welche Coronel be-
sorgt und mit dem Original an Erasmus geschickt haben
wird. Die Interpunction ist von mir, der Verfasser macht
nur Puncte; auch in der Orthographie habe ich die er-
forderliche Nachhülfe geleistet, Accente in den Verben
zu setzen u. dgl. konnte nicht wol unterlassen werden.
Muy Reverendo y muy noble Senor.
Despues que se imprimio el Enchirklion de Erasmo en
Romance , en que Vra, Md tanto favoreciö y mereciö , yo
avise al impresor de Alcalä, que enviase dos, bien encua-
dernados, y con ini carta, uno para el R"" Senor Arzo-
bispo ^) y otro para Vra Md. Yo creo que esta diligencia
se haya hecho. Agora es • bien que sepa Vra Md, que en
esta cibdad un padre fray Juan de San Vicente^), Francis-
cano, mas hablador que letrado, ha procurado alterar este
pueblo, como ya otra vez le altero en tierapo de las Comu-
nidades^); y publicamente predicando , y en dia senalado de
Sant Antolin '*), cuando concurre el clero y pueblo y provincia
a la iglesia catedral, dijo dos mil blasfemias del ^), diciendo
que contenia mil herejias. Y allende desto saco del seno una
conclusion y fijola en el pano del pdlpito con alfileres; la copia
della creo que de Alcalä la avran enviado, pero tanbien la
envio para que Vra Md la vea. El dia siguiente yo me halle
a la disputa, y ninguno salio a le arguir, asi porque son
todos frailes, como porque la conclusion no mostrava cosa
particular sobre que disputava *^). Entonces el sacö un papel
con hasta XXX articulos que avia colegido del Enchiridion
y de una epistola de Erasmo que suele andar con el y del
Paräclesi etc., y en verdad, asi Dios salve mi änima, que de
todos XXX el padre no entendiö los diez , ni dize Erasmo
lo que este le levanta, antes en algunas partes dize el con-
') von Sevilla, Grofsinquisitor.
2) monachum Joanncm a Saucto Vincentio nomine.
3) Vgl. Sandoval hist. del emperad. Carlos. 7, 2.
*) die celebri, nimirum divi Antonini. Am 2. September.
*) in Enchiridium blaspheniias. Im span. Ms.: blasfemas.
*) tum quod in ea concliisione non videretur esse c^uod ad qnem-
quam peculiariter pertineret.
160 Boclinier
tiario. Kn couclusion, que yo me deterniine ^) de resistirle
in facieni, por buenas ru/onos sin soüsmas '•^); y cuando todos
me entendicron, y oyeron lu que pasava y la diligencia que
SU S. R""* mandö hazer en examinarle ^), y vieron la facultad
que dio para imprirnirle y como el libro vino senalado de sus
armas etc., y mas con ayuda de la verdad que estava por mi
parte y de la nmla crianza y nialedicentia questava por la suya,
tandem ab oinnibus exibilatus irrisusque e theatro discessit.
Pero no ha dejado de oblatar ni lo deja, hasta penetrar las
casas de todos estos Senores de la tierra *) y concitando a
todos contra Erasmo , püblicamente et tacite , contra la auto-
ridad del Senor Arzobispo y de los Senores del Consejo , los
cuales ha osado dezir que no acertaron en aprovar y mandar
impriniir el libro. Verdad es que, como omnes nitimur in
vetita, ha aprovechado tanto el padre que las que no sabian
que cosa era Erasmo , agora no le dejan de los manos y no
se lee otra cosa sino el Enchiridion, asi condenado y des-
famado por el padre R*^". Ya este negocio, aunque estoy
presente, no nie toca a mi principalmente, toca mas que a
todos a Dios y a su iglesia a quien se haze injuria en dis-
famarse tal dotrina con que se pueden mucho aprovechar a
los Cristianos , y häzese a un varon tan docto y tan pio y
tan bene merito de la religion Cristiana y de todas buenas
letras; y toca tanbien a su S. R""* y a los Senores del Con-
sejo que se atreva un fraterculo paene idiota a condenar por
hereje en la iglesia a quien los protectores de la religion
Cristiana apruevan por bueno; y toca no menos a Vra Md
por cuya informacion y buen testimonio se aprovö y imprimiö
este libro. Y por cierto, si este caluniara la Moria o unos
Coloquios pueriles, aunque era para el grand atrevimiento,
ferendum erat utcunque, mas a ver puesto tan virulenta lengua
en el Enchiridion, nunquam usque hunc diem a aliquo laces-
sito, cosa es que no se deve disimular. Scrivolo a Vra Md
para suplicarle que informe dello al Senor Arzobispo y a esos
Senores porque su S. R""» le mande castigar o almenos que
1) Ne longum faciam, visum mihi fuit.
^ placidis tarnen verbis, citra sophisticen iiUam.
^) quo se modo res haberet, quod videlicet R. D. Archi-E. curas-
set, priusquam chalcographo traderetur, examinandum opu.s.
*) huiusce rcgionis.
Krasinus in Spanien. 161
en ei raesmo pülpito recantet palinodion, y restituya la honra
a los que ha infamado. En esto pienso que se harä mucho
servicio ^) a nro Senor porque semejantes blaterones sean
reprimidos y porque la verdadera dotrina no sea infamada y
vilipendida. Y perdone Vra Md por amor de Dios mi mala
crianza y importunidad. Nro Senor conserve su muy Reve-
renda persona como desea. De Palencia, X de setiembre.
Besä las manos de Yra Md
SU servidor El Ar'*'' del Alcor.
Eine andere Hand hat von oben nach unten darunter
geschrieben : Arcediano del Alcor al Doctor Coronel sobre
lo de Erasmo.
Ueber Luis Coronel, einen treuen und einflufsreichen
Vertheidiger des Erasmus, in dessen gedrucktem Brief-
wechsel er mehrfach vorkommt, werde ich in meiner näch-
stens in den Druck gehenden Bearbeitung eines Tole-
daner Inquisitionsprocesses jener Zeit mehr berichten.
Der Brief ist nur acht Tage nach jenem Tage San
Antolins, des Märtyrers und Patrons des Bischofthuras
Palencia, wo in der Kathedrale jener Mönch sich seine
Ausfälle erlaubte und von wo der Archidiaconus schreibt,
verfafst. Eine spätere Hand hat sowohl im Spanischen
als im Lateinischen zu dem Datum des 10. Septembers
die Jahreszahl 1535 hinzugefügt, ohne Zweifel irriger
Weise. Vielmehr mufs der Brief vor der zweiten Aus-
gabe des spanischen Uebersetzung des Enchiridion , welche
1527 erschien, geschrieben sein; sonst hätte der Verfas-
ser gewifs nicht unterlassen darauf hinzuweisen, dafs die
Unverschämtheit des Mönchs um so gröfser sei, als das
von demselben verleumdete Buch schon wiederholt unter
der Protection des Erzbischof-Grofsinquisitors sei heraus-
gegeben worden. In dem Dedicationsprolog der Ausgabe
von 1527 an diesen heilst es : V. S. Rev. mandö que este
libro, que ya se avia antes impreso en Latin, en Castilla
se imprimiese en Castellano, como se hizo, y despues
agora otra segunda vez bolviö impremir, tantos son los
' Anfan" von Seite '2.
\Q2 Boeliuier
que del sc quieren aprovechar. Und im September 1527.
nachdem zu Anfang dieses Jahres der Grofsinquisitor die
Mönche ausdrücklich ermahnt hatte ne Erasmum apud
populum seditiose incesserent neque hominis doctrinam
haereseos insimularent (Niedner's Zeitschrift 1859. S. GOl f.),
und nachdem soeben seit dem 27. Juni zwei Monate hin-
durch in Valladolid eine gleichfalls vom Grofsiuquisitor
berufene Theologenversammlung getagt hatte (Sandoval
bist. d. emperad. Carlos. 16, 14), in welcher die Mönche sich
rückhaltlos aussprechen konnten, unter solchen Verhältnis-
sen hätte der Paleucianer Archidiaconus wol nicht miterlas-
sen, auf diese erschwerenden Umstände des von ihm ange-
klagten Vergehens hinzuweisen. Andrerseits kann unser
Brief nicht vor 1525 geschrieben sein, denn dann hätte Eras-
iiius, der durch seine Correspondenten in Spanien immer gut
unterrichtet war, nicht am 15. Juni 1525 wagen dürfen, an
Natalis Bedda zu schreiben (epist. 246): neque quisquam
exortus est qui quicquam reprehenderet in eo libro (er
spricht vom Enchiridion) nisi quod nuper apud Hispa-
nos, quum quidam Hispanice versum cuperent excudere,
obstitit nescio quis Dominicanus, proferens duo loca, al-
terum in quo viderer negare ignem Purgatorii, alterum
in quo scripsissem, Monachismiun non esse pietatem. Er
fugt hinzu: Ad utrunque elegantissime respondit Lodovi-
cus Coronellus. Responsio est apud me. De praefatione
ad Voltzium abbatem audio quosdam nonuihii fuisse
questos. Dieser einleitende Brief ist der ;329. des Epi-
stolars. Er fehlt in der spanischen Uebersetzung in der
Ausgabe von 1527, wo er durch einen des Erasmus
an den Kaiser und einen andern des Kaisers an Erasmus
ersetzt ist; dies wäre ein fernerer Beweis, dafs der Pa-
leucianer Mönch , der aus der epistola de Erasmo que
suele andar con el Enchiridio d. h. ohne Zweifel aus der,
wie Erasmus selbst sagt, anstöfsig gefundenen ad Vol-
tzium, häretische Artikel auszog, die unlängst erschienene
erste Ausgabe des spanischen Enchiridion durchgehechelt
habe, wenn nicht die Worte des Archidiaconus es unbe-
stimmt 4iefsen, ob jener den Begleitbrief aus der Ueber-
setzung oder aus dem Original benutzte. So viel scheint
Erasnius in Spanien. 163
nach allem Gesagten festzustehen, dafs der von uns raitge-
theilteßrief des Fernandez nur 1525 oder 1526 geschrieben
sein kann, aller Wahrscheinlichkeit nach aber in diesem letz-
teren Jahr geschrieben ist, wo die Erasmomachie heftiger
war als im vorangegangenen. Vergleiche was Erasmus
an Juan Maldonado schreibt (epist. 942 vom 15. März
1528): scito tuam epistolam prolixam mense Septembris
anno millesimo quingentesimo vigesimo sexto scriptam,
qua rerum istic gestarum texis historiam, mihi redditam
esse, ac fuisse multis nominibus gratissimam, cui respon-
sum est a me copiose. (Diese Antwort ist die von Helf-
ferich herausgegebene vom 3. Cal. Apr. 1527, in Nied-
ner's Zeitschrift 1859. S. 605 f. Die epist. 942 selbst ist
Antwort des Briefs von Maldonado vom 29- Nov. 1527,
in Burschers Spicileg. V. 1785. p. XXIII sq.) Die erste
Ausgabe des spanischen Enchiridion wird also wol 152(5
erschienen sein. Dies erhält Bestätigung dadurch, dafs
Vives davon unter dem 18. März 1527 aus Brüofore als
von etwas Neuem, über dessen Wirkungen man aber doch
schon Erfahrungen gemacht und ins Ausland berichtet
hat, an Erasmus schreibt (epist. 851): In Hispania En-
chiridion tuum coepit loqui nostrati lingua, et quidem se-
cundo populo qui solebat esse in potestate t«v a5£Xcpc5v.
In der oben angeführten Erasmischen Briefstelle aus dem
Jahr 1525 ist nicht gesagt, dafs die Absicht, jene Aus-
gabe zu veranstalten, schon zur Ausführung gekommen sei.
Die Erasmische Briefsammlung enthält, als epist. 343
der appendix, ein Schreiben des, wie er sich unterzeich-
net, Alfonsus Fernandus, archidiaconus del Alcor, aus
Palenza vom 27. November 1527:
Binas ad te literas dedi, Erasme clarissime, cum Caesar
elapso mense Octobris Palantiae ageret, alteras Valdesio (dies
ist Alfons, der kaiserliche Secretär, der Bruder Juari's, des
Verfassers des dial. d. 1. lengua) , alteras jNIartino (Maxi-
miliano ? vergleiche meine Cenni an Valdesso Considera-
zioni p. 485) Transylvano . . . Vidi nuper liloras tuas ad
Ludov. Coronellum, Calendis Septembris scriptas. quae illi
redditae sunt qunm hie oasu apud me hospitem ageret ... est
tarnen locus quidam in illis qui ineum auimum movit : ..ijui
Jg4 Boehmer.
libros", inquis, ,,meos llispanice vertunt, an mei studio id
faciant, nescio, certe magnam mihi conflant invidiam ". (Am
2. Sept. 1527 schrieb Erasmus an Juan Vergara: qui libros meos
istic Hispanice loqui doctos excudunt, utrum studio mei faciant an
odio, parum liquet, mihi certe movent gravem invidiam. epist. 894.)
Ego hactenus nullum librum tuum Hispanum factum vidi praeter
unum Enchiridion Militis Christiani, a me, ut omnes dicunt,
non infeliciter versum. Is tanto nominis tui studio ac plausu
atque adeo tanta Christianae plebis utilitate prodiit ut nihil
hodie apud nos aeque atque ipse manibus omnium te^{itur. xn
curia Caesaris, in urbibus, in ecclesiis, in coenobiis, quin in
ipsis diversoriis et viis nemo fere est qui Erasmi Enchiridion
Hispanum non habeat. Legebatur antea Latinus a paucis
Latinae linguae peritis, sed nee ab his omnino percipiebatur,
legitur nunc Hispanus ab omnibus sine discrimine, et quibus
Erasmi nomen antehac erat inauditum, hoc uno libello inno-
tuit. Er fügt noch hinzu, er vermisse in Erasmus' Exomo-
logesis eine der Ohrenbeichte, die jetzt von guten und gelehr-
ten Leuten gebilligt werde, etwas geneigte Meinungsäufserung.
Fernandez hält hiernach sein spanisches Enchiridion
für die erste spanische Uebersetzung einer Erasmischen
Schrift. Doch sollen die Querelas de la paz bereits J52()
erschienen sein. Sie erschienen wiederum 1529. Die Aus-
gabe der Coloquios von 1532 war nicht die erste. Ferner
1531 Exposicion sobre dos psalmos (1 und 4), 1533 La
lengua. Alles in Quart, wie auch das Enchiridion von
1527. Diese Data verdanke ich Benj. B. Wiffen, welcher
mir schreibt: The above are editions I know. Eine neue
spanische Erasmusbibliothek erschien in Antwerpen. Die
kaiserliche Bibliothek zu Wien besitzt: Aparejo de bien
morir. Envers 1545. und Anvers 1555. Declaracion del
Pater noster, trad. nuevamente de Latin en Castellano.
Envers 1549. La lingua nuevam. romanzada. Anveres
1550. Silenos de Alcibiades. traduxo Bernardo Perez.
Anvers 1555. Alles Octav. Ferner die Silenos in Q. s.
1. e. a. Auch: Apophthegmata , trad. por Juan Jarava
1549. O""^. Wiffen kennt in Antwerpner Ausgaben auch
das Enchiridion. die Paraclesis, den Sermon del nino
Jesus
Erasuius in Spanien. IQq
Im December 1531 schreibt der päpstliche Nuntius
Alexander aus Brüssel nach Rom, es seien schon viele
(assai) verderbliche Bücher des Erasmus ms Spanische
übersetzt. Laemmer Monum. Vaticana. p. 94.
Die Appendix zu dem seltenen Antwerpner löTCer
Drucke des Index prohibitorius enthält im Catologo de
los libros en romance que se prohiben, p. 97 f., auch
eine Reihe von Erasmischen Schriften, die ich hier, ge-
nau excerpirt, in der dortigen alphabetischen Ordnung
züsampien stelle:
Confessionario o nianera de confessar, de Erasmo, en
Romance. — Colloquios de Erasmo, en Romance y en otra
, qualquier lengua vulgär. Enquiridion del cavallero Chri-
stiano de Erasmo, en Romance y en Latin o en otra qual-
quier lengua. — Exposicion del Pater noster de Erasmo. —
Exposition del Psalmo Beatus vir, literal y moral, de Erasmo.
— Exposicion sobre el Psalmo, Miserere raei Deus: y Cum
invocarem, del mismo Erasmo. — Lengua de Erasmo en Ro-
mance, y en Latin, y en qualquier lengua vulgär. — Manera
de orar de Erasme [sie], en Romance, y en Latin, y en otra
qualquier lengua vulgär. — Moria de Erasmo en Romance,
y en otra qualquier lengua. — Paraclesis, o exortation de
Erasmo. — Querella de la paz, de Erasmo, en Romance. —
Silenos de Erasmo. — Viuda Christiana de Erasmo. —
Halle a. S. Ed. Boehmer.
\QQ Mussafia
Ueber eine italienische Bearbeitung der
Sieben Weisen Meister.
Von italienischen Bearbeituno-en des weit verbreiteten
Werkes finde ich überall nur die „Compassionevoli avve-
niinenti del principe Erasto" verzeichnet, wovon im 16.
und 17. Jahrhunderte sehr zahlreiche, im 18. und 19. nur
je eine Ausgabe veranstaltet wurden.^) Indessen ist schon
vor ungefähr dreiisig Jahren ein 45 (eigentlich mit Aus-
schlüsse der Vorrede nur 35) Seiten starkes Büchlein
erschienen, welches bei Gelegenheit einer Hochzeit unter
dem Titel: „Novella antica scritta nel buon secolo della
lingua. Venezia, tipografia di commercio, 1832, 8^" von
Giovanni della Lucia, Erzpriester zu Castion, einem klei-
nen Orte in der Nähe von Belluno, herausgegeben wurde,
und welches nichts anderes als eine sehr kurz gehaltene
Redaction jenes bekannten Erzählungscyclus ist. In dem
Widmungsschreiben an den Vater der Braut, H. Giovanni
de' Bartoldi, sagt der Herausgeber: „ho tratta da un dei
miei codici antichi la seguente piacevole novella", ohne
aber das Geringste weiter über die benutzte Handschrift
mitzutheilen. An eine Mystification , wie deren manche
auf dem Gebiete älterer italienischer Literatur geschehen
sind, ist hier kaum zu glauben. Der nunmehr seit zehn
Jahren verstorbene Erzpriester della Lucia, sagte mir
mein verehrter Freund Joseph ValentineUi, Bibliothekar
an der Marciana, war ein sehr eifriger Sammler, aber we-
der ein gründlicher Gelehrter noch ein gewandter Schrift-
steller: es ist ihm nicht zuzutrauen, dafs er die Literatur
des Buches gekannt, und sich dadurch gereizt gefunden
habe, eine Nachahmung zu versuchen'^); auch wäre er
1) Die erste erschien in Venedig 1542; mir liegen die von Vene-
dig 1565, 1569 und 1599 vor; die jüngste ist von Luigi Carrer besorgt
worden, und findet sich in ,,Tre romanzetti di varii autori". Venezia,
tipi del gondoliere, 1841. 8". S. 81—358.
2) Wenn es in der Vorrede heifst „ei diletta l'inver)zion del rac-
conto", so darf man wol darin eher einen Beweis der Unbekannt-
Ueber eine italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister. 167
nicht im Stande gewesen, sie auszuführen; es darf ihm
also Glauben geschenkt werden, wenn er versichert, das
von ihm veröffentlichte Buch einer Handschrift entlehnt
zu haben. Dem Schicksale der Handschrift selbst nach-
zuforschen, wäre ebenso lohnend als schwer: denn schon
Herr della Lucia selbst soll mit seiner Sammlung einen
lebhaften Tauschhandel getrieben haben, und nach seinem
Tode ist dieselbe vollends zerstreut worden. Einige Ver-
suche , die ich machte, um über die hier in Frage stehende
Handschrift Kunde zu erhalten, blieben fruchtlos: viel-
leicht kommt später ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Was
nun ihr Alter betrifft, so bleibt es freilich unsicher, wie es
mit der ganz vagen Bezeichnung „antico" zu nehmen
sei; Unrecht kann man aber gewils dem Herausgeber
nicht geben, wenn er „la semplice e natia lingua di quella
prima eta", und wiederum „purita di favella" als Vor-
züge des Schriftchens hervorhebt. Nicht zu übersehen
ist auch, dafs Francesco Zambrini, einer der gründlich-
sten Kenner älterer italienischer Literatur, keinen Anstand
nahm, unser Büchlein in seinem höchst schätzenswerthen
,,Catalogo delle opere volgari a stampa dei secoli XHI.
e XIV."') aufzunehmen, ohne den geringsten Zweifel
über die Aechtheit der Schrift oder das Alter derselben
zu äufsern. Wie dem nun auch sei, es ist immerhin ge-
wiss von Interesse, auf diese andere italienische Redac-
tion der sieben weisen Meister aufmerksam zu machen,
deren, so weit mir bekannt ist, in keinem der hierher ge-
hörigen Werke Erwähnung geschieht. Man weifs nur
zu gut, wie es mit derartigen Gelegenheitspublicationen
Bchaft des Herausgebers mit dem so mannichfach bearbeiteten Stoft'e
als ein kluges Mittel, einen literarischen Kniff besser zu verdecken, er-
blicken.
') Die erste Ausgabe ist vom Jahre 1857; vor einigen Monaten
wurde eine neue veranstaltet. Beide erschienen in Bologna. Uebrigens
hatte schon Gamba in der zweiten Ausgabe seiner Bibliographie der
Italienischen Novellen (Florenz, 1835. S. 68) diese Novelle angeführt
und auf die Aehnlichkeit derselben mit ,,Erasto" und Firenzuola's Um-
ärbeitung des Kalilah und Dimnah hingewiesen. Er verlegt sie in das
15. Jahrhundert, ohne aber den Grund anzugeben, der ihn dazu be-
•stimmte.
1G8 Mussafia
geht; es wird eine sehr geringe Anzahl Exemplare ge
druckt, von welchen der grölste Theil in Hände von Leu-
ten geräth, die sie keiner Aufmerksamkeit würdigen: fast
nie aus dem engsten Kreise heraustretend, werden sie
nach kurzer Zeit zu bibliographischen Seltenheiten. Und
in der That ist das Büchlein weder auf der Marciana zu
Venedig (dem Druckorte!), noch in florentinischen Biblio-
theken zu finden; ich benutze ein Exemplar der hiesigen
k. k. Hofbibliothek. Es scheint mir daher keine über-
flüssige Arbeit, wenn ich hier mit wenig Worten über
die Beschaffenheit der vorliegenden Redaction berichte.
Zuerst über die Sprache. Sie tragt, wie gesagt, in
Wörtern und Fügungen eine alterthümliche Färbung an
sich: von Flexionen nnd Orthographie gilt dies in gerin-
gerem Mafse. Dazu mag aber auch der Herausgeber
beigetragen haben; denn erst in der neuesten Zeit hat
man in Italien angefangen, von der leidigen Gewohnheit,
Texte zu modernisiren, abzulassen. Manche Latinismen
— mentre egli fasse pervenuto und sonst häufig mentre
mit dem Conjunctive, leporario, festinatevi, longinqua —
liefsen auf ein lateinisches Vorbild schliefsen: dieses nam-
haft zu machen bin ich aber nicht im Stande. Dafs es
mit der bekannten lateinischen Redaction nicht überein-
stimmt, wird die Inhaltsangabe zeigen. Hie und da stöfst
man auf ein dialectisches Wort — sentare, harha (zio),
in presset^ moriressi für morresti — , was auf einen nicht
toscanischen, zunächst venezianischen, Schriftsteller oder
Abschreiber deuten dürfte.
Auf Form und Inhalt zugleich war die grofse Bün-
digkeit von Einflufs, welche ein besonderes Merkmal un-
serer Redaction ist. Was anderswo einen mehr oder
weniger starken Band füllt, wird hier auf wenigen Seiten
erzählt. Man möchte sagen, dafs es dem Compilator
hauptsächlich darauf ankam, sich die Geschichten so kurz
als möglich aufzuzeichnen; die verbindende Erzählung
schmilzt, besonders vom 3. Tage an, oft bis zu nur einer
Zeile zusammen. Der Gegensatz zwischen dieser dürren
Skizze und der oft so ermüdenden Breite des Erasto ist
nicht ohne Interesse.
Ueber c-iiie italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister. {Qi)
Gehen wir nun den Inhalt des Büchleins durch. Ein
römischer Kaiser hat einen Sohn, Namens Stephan (im
Uebrigen wird hier weder vom Königspaar noch von den
sieben Meistern der Name angegeben) ; mit sieben Jahren
wird dieser in die Lehre zu sieben Philosophen gegeben;
mit siebzehn ist er weiter als jeder seiner Lehrer. Mitt-
lerweile wird der König Wittwer und heirathet eine andere
sehr schöne Frau. Diese, welche den Stiefsohn so sehr
rühmen hört, verliebt sich in ihn und dringt in den Kö-
nig, er solle den Jüngling zurückkommen lassen. An
einem Samstage schickt der König Boten zu den Weisen,
dafs sie ihm den Sonntag seinen Sohn heimführen. Vor-
bereitungen am Hofe. Der Jüngling aber, der ein aus-
gezeichneter Sternkundiger (sommo astrologo) war, betrach-
tet einen Stern unverwandt, denn er sieht dafs ihm Un-
glück bevorsteht. Er theilt seine Befürchtungen den
Lehrern mit; fügt aber hinzu: wenn ihr euch getrauet,
mich sieben Tage hindurch zu beschützen, so bin ich ge-
rettet. Jeder verspricht, einen Tag über ihn wachen zu
wollen. Der Jünolinor aber stellt sich stumm. Als der
Kaiser darüber unwillig und betriibt wird, erbietet sich
die Kaiserin, den Stiefsohn zu heilen. Sie läfst ihn in
ihr Gemach kommen, worauf die Potipharscene stattfindet.
Nun folgen die einzelnen Erzählungen auf einander. Es
sind dieselben wie in allen occidentalischen Versionen,
nur in verschiedener Anordnung. Ich führe sie an, in-
dem ich natürlich die so treifend gewählten Bezeichnungen
Keller's beibehalte.
1. Meister: Der Hund und die Schlange.
Frau: J^aum und Bäumchen.
2. Meister: Hippocrates und sein Neö'e. — Der Nefte
des Königs von l'ynglund ist krank. Der Name des Nef-
fen von Hippocrates wird nicht angegeben.
Frau: Eber vmd Hirt. — In einem Walde war ein
schöner Birnbaiun, dessen Früchte einem Eber ') sehr gut
') Im Texte eigentlich nur porco. Indessen lindet sieh l)ei älteren
Schriftstellern sehr hänfig jwrco statt porco cinghiate oder schleehtweg
cinghlale. Sieh Francesco Frcdiani, Spoglio all' Ovidio maggiore. Prato,
1802, der eine Reihe von Beispielen zusammengestellt hat.
J.ilirl). f. rom. ii. oti'^l. I,il. IV. ■-'. W
J70 Mussafia
mundeten. Ein Hirt, welcher einem verlorenen Ochsen
naclijagt, geräth zu dem Baume und liest mehrere Birnen
auf, um sie seinem Herrn als Ersatz zu bringen. Wie
er später wiederkehrt und den Baum besteigt, so kommt
der Eber. Der Hirt gibt dem Tliiere zuerst viel zu fres-
sen, dann fangt er an es zu streicheln, bis es einschläft:
dann tödtet er es.
3. Meister: Probe der Männergeduld. — Die Frau
haut die Aeste des Dattelbaumes ab ; dann tödtet sie den
Windhund; zuletzt kniipft sie den Scliliissel an die Fran-
zen des Tischtuches und reifst Alles was auf dem Tische
liegt, hinunter. Der Mann läfst ihr Blut abzapfen. Da-
rauf kommt die Mutter: „Figliuo/a^ vuoi tu amante^ io te
Vho frovato." — „ Va ch'io non voglio amante. "
Frau: Könio* geblendet. — Der König wird blind,
sobald er sein Land verläfst. — Der Knabe heifst Merlin,
4. Meister: Redender Vogel. — Ich gebe den Wort-
laut dieser Geschichte als Seitenstück zu den vielen bei
Keller enthaltenen Versionen: Fu un cavaliere, il quäle
avea una sua donna, la quäl amava un giovine, ed avea
una gazza si ben dotta che ciö che vedea riferiva a suo
messere. II cavaliere avea posto la gazza su la facciata
de la casa perche la detta donna ch'era gentildonna non
osava di sortire di casa. Avvenne che un giorno essendo
lo marito a cacciare mandö per lo suo amante, il quäle
venuto, la gazza il vide e disse : Tu fai male a vituperar
tuo marito e io, madonna, glielo dirö. AUora si pensö
la detta inganuare la gazza, e fece serrar la porta de la
casa e le finestre, e fece andar una sua fantesca con ba-
cili d'acqua sul coperto, e facea buttar l'acqua in modo
ch'el piovesse. E l'altra fece stare a la porta col lume,
la quäl alcuna volta apriva la porta e faceva in modo
ch'el corruscasse. E cosi fu fatto, e la sesruente mattina
il marito venne dalla caccia e subito la grazza »li disse
quello che avea fatto la sua donna. 11 marito corrucciato
con la sua donna la volea uccidere. Disse la donna:
Domanda quando '1 fu? La quäle disse: Jeri. Disse la
donna: Che tempo era, chiaro o piovoso? Disse la gazza:
Ben so ch'el pioveva e corruscava. Ma in veritä in quel
Ueber eine italieiiiselie Bfaibeituiig der Sifbeu Weisen Meisu-r. J7I
di fu un molto bei tempo e sereno. Disse la donna : Vedi che
la gazza dice la bugia. II messere corrucciato colla gazza
Tammazzö. E andando per la casa trovo un bacile, cui
avea dimenticato l'ancilla di portar giuso. Subito si
penso della malizia della donna, chiamö la f'antesca e
disse: Perche e questo bacile qui? La quäl volendo negar
la veritä, comandö che fosse tormentata, ende confesso
lo adulterio. E udito che Febbe, dappoi fece bruciar lu
sua donna.
Frau: Das Schatzhaus. — Der König hatte zwei
Diener, einen geizigen und einen verschwenderischen.
Dem ersten vertraut" er seine Schätze an. Der zweite
verabredet mit seinem Sohne den Diebstahl. Entdeckung;
der Kessel mit Pech; der Sohn haut dem Vater den
Kopf ab. Der Schatzwächter läfst den Rumpf in der
Stadt herumschleppen. Als die Hausleute des Verstor-
benen darüber jammern, stöfst sich der Sohn das Messer
in die Hüfte. — Bemerkenswerth ist, dafs während in
der Erzählung selbst der Vater seinen Sohn auifordert,
ihm den Kopf abzuhauen, sich am Sclilufs dei- (in den
Mund der Frau gelegte) Zusatz findet, dafs nach einer an-
deren Version es der Sohn selbst war, der auf diesen
Gedanken verfiel; wodurch natiirlich dessen Schuld noch
weit gröfser erscheint.
ö. Meister: Entführung.
Frau: Rom oerettet. — Die Saracenen belagern
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Rom , welches nahe daran ist sich zu ergeben. Einer
aber unter drei Magiern, Namens (icnnaro^ „si fece fare
vesti rosse e indorate, e grandi Ale e due capi con spec-
chi. E tolse una grande spada e lucida e montö su la
cima d'una torre ove potesse essere veduto da li pagani;
e il sole facea risplendere la spada e le vesti". Darüb(M-
erschraken denn die Saracenen und zogen ab.
0. Meister: Trost der Witwe.
Frau: Der Zauberer. — Von den Werken Virgifs
werden erwähnt die eherne Statue mit dem Feuer dane-
ben, welches durch den Wurf (Mn(>s Narren erlosch, dann
der Spiegel, der einen Aul'ruhr, wenn er entstand,
zeigte. Aus Sicilien konnnon drei lirüder mit drei Geld-
\2'^
172 Mussafia
tonnen, und gewinnen durch ihre Vorspiegelungen d;is
Vertrauen des geizigen Kaisers u. s. w.
7. Meister: Hahnrei ausgesperrt.
Am 8. Tage spricht der Sohn und erzählt „die er-
füllte Weissagung", worin sich aber nichts von Amicus
und Amelius findet. SchlieCslich wird die Frau, auf An-
rathen des Jiinglings selbst, verbrannt.
Vergleicht man den Inhalt dieses Biichleins mit den
anderen Versionen, so findet man, dafs aui'ser der Erzäh-
lung „die drei Freier", welche man übrigens schon in
allen französischen Handschriften vermifst, noch „der
König und des Seneschals Frau" fehlt, so dafs die Er-
zählungen der Frau statt sieben nur sechs sind. Nach
der Anklage nämlich verurtheilt der König gleich seinen
Sohn zum Tode, ohne ihn vorher ins Gef ängnil's abführen
zu lassen. Somit entfällt für die Frau die Veranlassung,
eine besondere Geschichte zu erzählen, um ihren Mann
zur gröfsten Strenge aufzureizen. Damit stimmt, aufser
der hebräischen und griechischen Version, auch Erasto
überein.
Was dann die Anordnung der übrigen Geschichten
betrifft, so weicht unsere Redaction von allen bisher be-
kannten ab. Ich erlaube mir hier eine Tabelle mitzuthei-
len, welche das Verhältnifs der verschiedenen occidenta-
lischen Redactionen zu einander in Bezug auf Zahl und
Anordnung der Erzählungen veranschaulicht. Das id.
bedeutet, dafs die betreft'ende Erzählung dieselbe wde bei
A ist.
lieber eine italienit;che Bearbeitung der Sieben Weisen Meister. 17o
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Ueber eine italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister. 175
Die hier besprochene italienische Redaction nahm ich
mit Absicht in die Tabelle nicht auf, denn dadurch, dafs
der erste Meister den Reigen eröffnet, beruht die ganze
Anordnung auf einem anderen Princip. Hätte ich z. B.
„Baum und Bäumchen" unter Frau 1 gestellt, so wiirde
es scheinen, als ob diese Erzählung der des 1. Meisters
vorangino^e, und hätte ich sie nach der des 1. Meisters
gesetzt, so wäre sie unter Frau 2 zu stehen gekommen.
Beides aber wäre falsch. Mit Erastus verglichen, findet
man eine ganz gleiche Anordnung, nur dafs an der Stelle
einiger (etwa der schon allzusehr bekannten? S. Keller,
Diocletian's Leb. Einl.) Erzählungen andere dem Buche
sonst ganz fremde vorkommen. Es findet sich nämlich statt:
Redender Vogel — Blinder Eifer
Trost der Wittwe — Ein Mord
Hahnrei ausgesperrt — Policletus
wozu dann noch eine Erzählung der Frau, „der Findling"
kommt. Soll man etwa aus dieser Uebereinstiumiung der
zwei italienischen Redactionen den Schlufs auf ein näheres
Verhältnifs derselben unter einander ziehen? Icli will
mich hier mit der blofsen Frage begniigen.
Wien.
Adolf Mussafia.
17f) Bersmaun
Alis einem ungedrnckten Commentar
zu Dante's Coniincdia.
Inferno. Canto primo.
I. Vers 30.
S't che ü pie fermo sempre era iL piü basso.
Dante war im finstern Wald aus seinem Schlaf erwacht
oder zur Besinnung gekommen (mi ritrovai) , und fühlte dann
erst recht seine schreckliche Lage. Der finstere Wald lag in
der Ebene oder im Thal am Fufse des Moriah oder Zion,
des Berges des Lichts, der Rettung, und des Heils. Dante
schaffte sich in der Finsternifs, aufs Geradewohl, voran und
gelangte endlich dahin wo der ebene Wald aufhörte und das
Erdreich am Fufse des Berges leise aufwärts sich hob. Um
aus dem Walde wegzukommen hatte Dante keinen anderen
Ausweg, als aufzusteigen; er unternahm es um so williger,
da er am Gipfel des Berges die Morgenröthe erblickte. Es
war ihm indessen nicht vergönnt, die steile Anhöhe , vor sich
direct, zu erklimmen; er durfte nicht unmittelbar aus der Fin-
sternifs und dem Jammer des Waldes sogleich zum Licht oder
zum Heile gelangen ; er sollte nur allmählig etwas in die Höhe
kommen, indem er seitwärts am Berge aufstieg. Dieser sein
Gang aus der Finsternifs zum Lichte war als solcher ein
glücklicher zu nennen. Da nun, nach Dante's Symbolik, der
Weg recht wärts der glückliche ist, so stellt der Dichter den
glücklichen Gang stets als von der Linken zur Rechten gehend
dar. Defswegen heifst es hier, dafs Dante den Berg der rechten
Seite entlang hinaufstieg, so dafs er beständig den Berg oder
dessen Abhang nicht vor sich, sondern zu seiner Seite, das
heifst hier, zu seiner linken Seite hatte. Da er somit stets
auf einer abschüssigen Fläche voranstieg, so war natürlich
sein linker Fufs immer höher als der rechte und der rechte
Fufs, oder wie Dante sich ausdrückt der stärkere (fermo),
war hninpr der niedrigere. Der Vers drückt also einfach,
Aus einem iingedr. Comm. zu Dante's CoDiinedia. 177
in Dante'schem Style, den Gedanken aus: -so daj'f; ich an der
rechte?} Seite de.s- Bergen voranschritt.
II Vers 4(3—48.
Quesfi parea che contra me venesse
Con la tesf alta e con rcihhiosa fa m e ,
Sl che parea che Vaer ne femesse.
Dante sah den Grund der Wirren und des Unglücks seiner
Vaterstadt und Italiens nicht in dem oder jenem moralischen Feh-
ler oder Sünde, sondern in dem Mangel des wahren, politischen
und socialen Ber/imeiäs, welches die Sünde zurechtweisen oder
niederhalten sollte. Deswegen wird in seinem Lehrgedicht der mo-
ralische Gesichtspunkt in dem höher stehenden politischen ein-
geschlossen. Die Urheber der Anarchie und somit des Irr-
thums und Elends sind die selbstsüchtigen politischen Parteien,
welche Florenz und Italien ins Unglück stürzten, und Dante
ins Exil trieben. Die drei Hauptparteien sind 1) die floren-
tinischen, nämlich die Wei/sen und die Schwarzen, die wäe der
weils- und schwarzgefleckte Panther von gefälligem Ansehen,
aber nach Katzenart, falsch und tückisch ihr Wesen treiben ;
2) die französische Partei^ die gleich einem übermüthigen, ge-
waltthätigen Leuen Florenz, Italien und Dante einschüchterte,
aber einst von dem deutschen Reichsadler gedemüthigt werden
soll; 3) die römische Partei, d. h. die weltliche Macht des
Papstthums, die gefräfsige Wölfin, welcher der Veltro einstens
das Garaus machen wird. Diese Parteien weit entfernt , die-
jenigen, welche ihnen folgen, zur Wahrheit und zum Glück
zu führen, verhindern vielmehr jedermann und namentlich Dante
den Berg des Lichts und des Heils zu ersteigen. Dante stellt
den fränkischen Leuen als übermüthig und gewaltthätig, nicht
aber als eine gefrä/sige Bestie dar; heifshungrig ist nach ihm
nur die Wölfin. Deswegen kann Dante vom Leuen nicht
gesagt haben con rabbiosa fame (mit wüthigem Hunger); er
schrieb ohne Zweifel con rabbiosa frame (mit wüthigem Schnau-
ben). Frame stammt vom lateinischen fremere, mit dem auch
das altdeutsche prihnari (schnauben, brüllen) und das griechische
i5ps[J.$(,v vei'wandt sind. Frame ist, wie andere Ausdrücke bei
Dante, ein aTra^ XsYOjxevov ; tind weil es, als solches, nicht all-
gemein verständlich war, hat man ihm das gewöhnliche Wort
fatne substituirt. Dafs aber frame die richtige Lesart sei, be-
J^78 Bergmann
weist, aufser dem volleren Reime frame, hrame, grame, beson-
ders der Sinn des folgenden Verses. Das Schnauben des
Leuen aus Nase und Rachen war so gewaltig, dafs die äufsere
Luft dadurch erschüttert wurde und gleichsam erzitterte. Hin-
gegen wäre es eine wunderbare Hyperbel, zu sagen, der im
Bauche des Leuen wütliende Hunger war so schrecklich, dafs
die answendige Luft davon erbebte.
III. Vers 59—63.
Che venendomi incontro, a j^oco a poco
Mi ripingeva lä dove 'l Sol tace.
Mentre chHo rovinava in basso loco
Dinanzi agli occhi mi si fu offerto
Chi, per Lungo silenzio, parea fioco.
Die von Anbeginn falsch verstandene Stelle erklärt sich
einfach auf folgende Weise. Als Dante an den Fufs des
Moriah gekommen, trat er aus der Finsterni/s des Waldes in
die Morgendämmerung der aufgehenden Sonne. Die Wölfin
ängstigte ihn aber so sehr auf seinem Wege seitwärts dem
Berge entlang, dafs er allmählig wieder in den finstern Wald
zurückwich. Hier zeigte sich ihm aus der Ferne eine Gestalt,
die ihm durch die Entfernung undeutlich erschien. Als sie
aber näher herantrat, und nun Dante in ihr eine menschliche
Gestalt deutlich erkannte, so rief er sie alsbald um Hülfe an.
In den angeführten Versen sind nur die Ausdrücke sol tace,
per lungo süenzio und fioco zu erklären. In allen Sprachfa-
milieu sind die Ausdrücke , welche das Leuchtende und das
Tönende bezeichnen, der Bezeichnung des Hervorbrechenden.
entlehnt. Beweise hiervon liegen zu hunderten vor. Wie die
Sprachen, so hat Dante ein ähnliches Sprachgefühl bewiesen,
indem er sich die leuchtende Sonne als sfrechend (hervorbre-
chend, glänzend) denkt, und folglich auch die nicht leuchtende
Sonne als schweigend bezeichnet. Der Sonne Schweigen (si-
lenzio) ist also poetischer Ausdruck für Finsterni/s. Per lungo
silenzio bezeichnet die weite räumliche Strecke, wo Finsternifs
herrscht, und durch die hindurch Dante in der Entfernung
eine undeutliche Gestalt erblickt* Dieses undeutliche drückt
Dante passend durch ßoco aus. Fioco ist das deutsche ßaii
(schlaff, schwach), das proven^alische frauc. Von einer Zeich-
Aus einem uiigedr. Conim. zu Dante"s Commedia J79
nung gebraucht, drückt fioco die unbestimmten, undeutlichen,
nicht kräftig gezeichneten Linien aus. Auf die Stimme bezo-
gen, bezeichnet das Wort die undeutliche, nicht scharf accen-
tuirte Aussprache und folglich bedeutet dasselbe, aber nur j^er
caiachresi», auCh bisweilen Iieiaer.
Strafsburg, Februar 1862.
Prof. Bernfiuami.
\S0 Manuel Mihi y Fontaiials
Jahresberichte/)
I. Die spanische Nationalliteratur in den Jaliren
1860 und 1861.
Es würde uns schwer fallen, der ehrenvollen Einladung
zu entsprechen, den Jahresbericht der spanischen Natio-
nallitcratur fiir die beiden letzten Jahre zu liefern, wenn
wir eine Untersuchung oder nur irgend eine Anzeige von
all den Werken von grösserem oder geringerem Verdienst,
welche erschienen sind, geben niiissten; denn in Spanien
bemerkt man, wie in den iibrigen Ländern Europas, in
den Productionen des Genies eine nivellirende Tendenz,
welche mehr eine grosse Zahl von AVerken, als etliche
von unvergleichlichem Werth zur Folge hat. Deshalb
werden wir uns darauf beschränken, von denen zu reden,
welche durch eine verhältnifsmäfsige Bedeutung sich aus-
zeichnen und die genügen um eine Idee von dem herr-
schenden Charakter unserer Literatur zu geben. Es ist
auch wol möglich, dafs wider unsern Willen einmal eine
Auslassung vorgekommen ist, sei es weil unsere Notizen
nicht ganz vollständig gewesen oder wir uns einmal in
der Auswahl vergriffen hätten.
Zu den Dichtungsarten, welche am meisten in der
letzten literarischen Epoche geblüht haben, gehört die
Lyrik, sowol wegen der natürlichen Anlage des spani-
schen Genius für den poetischen Gesang (canto poetico),
wovon in unserem ganzen Lande, wie in Deutschland, der
Samen ausgestreut ist, als weil diese Dichtungsart am mei-
sten den vagen poetischen Bestrebungen und der Beweglich-
keit der Geister entspricht, die den Zeiten, in welchen
wir leben, so eigenthümlich sind. Zwar hat es, nach der
üppigen und ungeordneten Vegetation, welche die letzte
Erneuerung unserer Literatur begleitete, Zwischenzeiten
') Wir beschränken von jetzt an nicht mehr auf das letzte Heft
die Mittheilung der Jahresberichte, zumal der Raum desselben, wie die
Erfahrung gelehrt hat, dafür nicht ausreicht. Aiim. des Herausij.
Jaliresberichte. I. Spanische Literatur, 1860—61. IgJ
gröfserer Unfruchtbarkeit gegeben, aber immer sind doch
neue Dichter wieder aufgetreten, die entweder sich damit
begnügten, ihre Produetionen auf den ephemeren Seiten
der Zeitschriften auszustreuen, oder ihre losen Blätter zu
einem Buche sammelten. Von letztern hat die gröfste
Berühmtheit nicht nur in Spanien, sondern auch aufser-
halb ') zuletzt das erlangt, welches unter dem sonder-
baren Titel: Anacreönticas ä la vltima moda Jose Gon-
zalez de Tejada veröfientlichte. Es sind harmlos (inocen-
temente) satirische Dichtungen, in die schon vergessene
Form der Anacreontica des Villegas und Melendez ein-
gekleidet: Poesien, ihrer Natur nach fern von jeder Prä-
tension und in denen man keine andern Schönheiten
suchen darf, als Keinheit der Sprache, Leichtigkeit der
Ausführung und glückliche Einfälle eines muntern Geistes.
Es erschienen ferner: Las veladas poeticas von Ventura
Ruiz de Aguilera, einzelne Gedichte von verschiedenem
Inhalt und Formen, w^elche, nach den Proben zu urthei-
len, die wir gesehen haben, viel Sorgfalt in der Aus-
führung und eine ziemliche Gedrungenheit in den Ge-
danken zeigen; sowue eine Sammlung des cubanischen
Dichters Rafael Mendive, welche manche Gedichte ent-
hält, die sich durch Zartheit des Gefühls auszeichnen.
Grofse Hofinungen hatte der junge Dichter Mouroy er-
weckt, welcher im Alter von 18 Jahren starb; es ist uns
aber nicht bekannt, dafs seine sehr gefeierten Versuche
schon gesammelt worden wären.
Eine Begebenheit, wie sie seit langer Zeit Spanien
nicht erlebte, unterbrach in ruhmvoller und glänzender
Weise seinen gewohnten Wechsel glücklicher lluhe und
schrecklicher Erschütterungen: ich meine den afrikanischen
Krieg, welcher in so wirksamer Art das Nationalgefühl
erweckte und eine Begeisterung einflöfste, die zu erregen
die schönen Erinnerungen unserer Geschichte nicht we-
niger beitrugen als das Vertrauen in eine Kegieruug, von
welcher man, auCser Siegen, auch die Befestigung der
politischen Einrichtungen und einer sittlichen Verwaltung
') M. Latour liat das Werte in <ler Rcviio hritanniijuc l)i'sjirorlien.
Jg2 Miinuel Mihi y Fontaiials
erwartete. Hier fand die Poesie, sowol als Wiederscheiu
und Antrieb der allgemeinen Begeisterung wie als Schmuck
der liürgerlichen Festlichkeiten, einen fruchtbaren Gegen-
stand und eine günstige Veranlassung: es wäre lunnöglich
die Myriaden von Dichtungen aufzuzählen, die damals
ofedruckt, recitirt und ücsuno'en wurden. Doch wollen
wir eine der Sammlungen, welche am meisten Beifall fan-
den, anführen: es ist eins der Romanceros (drei bis vier
kamen heraus) vom afrikanischen Krieg, an welchem
sich viele der vorzüglichsten Dichter der Residenz be-
theiligten, die den literarischen Cirkel des Marquis von
Molins besuchen. *) Der nationale Krieg wurde besun-
gen — um mich der Worte des ersten Gedichtes, wel-
ches diesen edlen Poeten zum Verfasser hat, zu bedienen:
eu los patrios concentos
Que nuestros padres usaron
Y resisten ä los siglos
Mäs que obeliscos y estatuas . . .
Und gewifs, obwol die Romanze aus der Feder unserer
Kunstdichter weit entfernt von der ist, welche ursprüng-
lich die Thaten des Cid oder der Inftmten von Lara
feierte, so wirkt sie darum doch noch in einer magischen
Weise auf das Ohr und die Seele der Spanier. Von
den Dichtern, die dieser sehr hübschen Sammlvuig
Beiträge lieferten, nennen wir Antonio Flores, Jose
Amador de los Rios, Pedro Madrazo, Cayetano Rosell etc.
und aufserdem Breton de los Herreros und Mesonero
Romanos, deren Romanzen bekunden, dafs ihre komische
Ader noch nicht erschöpft ist. Im Allgemeinen er-
schwerte die Ausführung der Aufgabe, welche die neuen
Romanzendichter übernommen hatten, der Umstand, dafs
ein jeder von ihnen eine bestimmte und gleichsam vor-
geschriebene Partie zu behandeln hatte ; und dies um so
mehr, als die meisten durch ihre natürlichen Anlagen und
1) Vergleiche den vorigen Jahresbericht des Herrn Amador de
los Rios, Jahrbuch Bd. ITI, p. 428. Anm. des Herausg.
Jahresberichte. I. Spanistiie Literatur, 1860—61. ]83
Beschäftigungen mehr zu denken gewohnt waren, als
poetische Erzählungen zu verfassen.
Die Academia de la lengua setzte auch Preise fiir
die besten Gedichte aus, welche die jüngsten Siege der
spanischen Waöen verherrlichten. Den ersten, erlangte
Joaquin Jose Cervino, und das Accessit Antonio Arnao.
Das Gedicht des Herrn Cervino, in 3 Büchern und mit
einer Einleitung, führt den Titel: La nueva guerra pünica.
Man bemerkt sogleich das übertriebene Bestreben, im Gang,
Ton und Apparat die klassischen Epopöen der letzten Jahr-
hunderte nachzuahmen. Da der Dichter die Schwierig-
keit erkannte , die zeitgenöi'sischen Erfolge zu idealisiren,
so hat er sich nicht, wie er hätte thun sollen, damit be-
gnügt, sie von ihrer poetischsten Seite und durch Au-
knüj^fung an die geschichtlichen Erinnerungen zu zeichnen,
sondern sie auch durch eine ausgesuchte dichterische
Beredsamkeit ausschmücken wollen. So werden die
einfachsten Dinge mit den studirtesten Umschreibuno-cn
benannt; so findet sich eine U eberfülle von Epitheten,
nicht allein von wohltönenden , sondern auch von
lautschallenden, -und es mangelt nicht an neugebildeten
Wörtern (palabras compuestas) und Latinismen, so dafs
nicht blofs die, welche au einer so übertriebenen Kultur
des Stils wenig Gefallen finden, ermüdet werden, son-
dern auch viele der Leser ganz im Unklaren bleiben
müssen. Wenn es möglich wäre, dieses Gedicht seines
pomphaften Gewandes zu entkleiden, ohne ihm das Feuer
und die Bcgeistemmg, die es athmet, zu nehmen, so zwei-
feln wir nicht, dafs seine Leetüre eine bessere Wirkun«-
machen würde, und ihm die bittere, obgleich nicht unbe-
gründete Kritik eines Schriftstellei's ersjiart worden wäre,
der das Gedicht in der Absicht zerlegte , kein Glied an
ihm ganz zu lassen und das ästhetische Urtheil unserer
Akademiker in keinem sehr ehrenvollen Lichte zu zeio-en.
— Das gekrönte Werk des Herrn Arnao haben wir uns
nicht verschafl'en können, aber nach dem was aus seinen
früheren Productionen geschlossen werden kann, ist es
nicht möglich, dafs, möchte er sich auch noch so ange-
strengt haben, er in einem ähnlichen Stile geschrieben
3^34 Maiuu-l Mila y Koiitaiials
hätte. Was die Dichtungen anbelangt, welclie eine ehren-
volle Erwähnung erhielten vnid die Akademie auf ihre
Kosten druckte, die der Herren Baron de Andilla, Jose
Maria Kuiz de Soniavia, Antonio Apariei Guijarro, Ma-
nuel Agustin Principe, Julian Kornea und Ilaimundo
Miguel, so bemerkt man in den meisten auch, obgleich
nicht in so hohem Grade als bei Cervino, ein übertriebe-
nes Streben nach Redeprunk. Dies ist fürwahr die vor-
herrschende Tendenz vieler unserer Lyriker. Um die
Fehler des Pseudo-Romanticismus zu vermeiden, hat man
geglaubt, zur Nachahmung unserer alten Klassiker, na-
mentlich Herrera's, sowie zu gleicher Zeit des modernen
Quintana, seine Zuflucht nehmen zu müssen; abgesehen
davon, dafs man vor allem Lärm und Pracht (ruido y
hoato) in der Versification schätzte, wozu auch ein über-
triebenes System einer schwülstigen Declamation beitrug,
welche viele Jahre in Mode gewesen ist.
Der maroccanische Feldzug ist auch in Prosa erzählt,
vmd fast könnten wir sagen, bcsunfien worden. Die Er-
zählung, welclie den meisten Beifall fand, ist die von
Pedro Antonio de Alarcon unter dem Titel: Diario de
wi testig 0 de la guerra de Africa, herausgegebne, welche
sich durch besondere Vorzüge empfiehlt, vmter andern
durch den, dafs ihr Verfasser Augenzeuge der Thaten
und Theilnehmer der Strapatzen des Feldzugs war. Es
wäre schwierig eine vollkommene Idee von diesem Buche
zu geben, das ein Mann von vielem Talente verfafste,
dessen Anlage aber manche Analogie mit der poetischen
Schvde zeigt, die wir eben zu charakterisiren versuchten:
Begeisterung, Ideen, Gabe zu schildern, all das ist in
Fülle, ja in Ueberfülle in dieser belebten Erzählung vor-
handen, nur die Oekonomie und Einfachheit fehlen darin.
Und doch verkennt der Verfasser nicht den Zauber des
Einfachen imd des Ursprünglichen, wie er in dem KajDitel
der „ AVeihnacht " beweist, in welchem er die gute
Idee hatte einige improvisirte gefühlvolle Aeulserungen
/cxprcsioncs sveltas y sentidas) aufzuzeichnen, die er
ajifs Geradewohl in den L^nterhaltungen der Soldaten
sammelte, in einer Weise die uns an einen andern
Jalll•e^beril■ht^: I. Spanische Literatur, ISGO— 61. ISf)
Schriftsteller erinnert, der uns auch von dem afrikani-
schen Feldzug berichtet hatJ)
Dieser hat in der That eins jener Werke hervorgeru-
fen, zu welchen unsre Literatur sieh immer besonders
Gli'ick wünscht, ein Werk dessen, der auch in unsern
Zeiten einige neue Ansichten der Natur und des Lebens zu
ergreifen und zu malen verstanden, gewisse pessimistische
Theorien über die Zukunft der Poesie Lüo-en o-estraft
inid die sehr seltene Vereinigung der grölsten Seelenrein-
heit und des höchsten poetischen Fluges gezeigt hat —
Feman Caballero's meine ich, in Deutschland schon wohl
bekannt und in dieser selben Zeitschrift von einem Mei-
ster beurtheilt. Es handelt sich hier nicht um eins seiner
Werke von gröfserem Gewicht, denn Las deudas pagadas
sind in Vergleich mit andern Productionen desselben Au-
tors nichts weiter, als was die Franzosen eine hluettc
nennen, oder nach den Worten des Novellisten selbst:
„einige lose Blätter aus dem Archiv der Wahrheit ge-
nommen und ein paar Blumen aus dem immer frischen
Kranze der Tradition, um eine Sammlung zu bilden, in
welcher mir nichts gehört als der Faden, der sie ver-
bindet."-) Man sieht, dafs Fernan Caballero, wie immer,
mehr Porträtist als Maler sein will, und diesmal ohne
Zweifel um so absichtlicher, als viele der Begebenheiten
die er uns erzählt, Anekdoten aus dem zeitgenössischen
Kriege sind. Juan Jose, ein Bauer aus Bornos, „einem der
Orte, welche wie Zweige, die ihren Saum einfassen, die
Sierra von Honda trägt", ein Landmann, „welcher nie im
Leben zu einem Armen ein « wcifs Gott, ich kann nicht »
(im perdone V. por Dios) gesagt hatte", und seine gute
Frau Maria nehmen einen sterbenden Schnitter, sein
Weib und seinen Sohn Miofuel auf. Nach dem Tode der
Eltern, lebt dieser in dem Hause und wird ganz ebenso
') Herr AiariU)ii hat später ein anderes historiseh -beschreibendes
Werk veröttentlicht: De Madrid d Napoles, viaje de recreo realizaJo
iliirante la f/aerra de ISGO y et sitio de Gaetn de 1861.
^ Algunas hojas sueltas toniadas del arthivo de la verdad y al-
t^iinas rtores del sienipre freseo herbolario de la tradieion para fnrninr
nn eonjinito en qiie nada hay niio sino el liilo que las inie.
Jahrli. f. roiii. ii. i-iigl. \A\. W . •.'. 1 •.>
Jgg Manuel Mihi y Fontaiuils
als die beiden Kinder des Bauern, Gaspar und Catalina,
behandelt. Er bezahlt seine Schuld, indem er Gaspar
als Soldat vertritt, aber da ihn zugleich dasselbe Ijoos
trift't, mufs auch Gaspar in den Dienst treten. Jjeidc
zeichnen sich im afrikanischen Kriege aus. Juan Jose
selbst macht ihn mit, denn statt in Malaga oder Jerez
Aepfel zu verkaufen, zieht er mit ihnen in die Berberei.
Gaspar kehrt verwundet zuriick, aber alles endet glück-
lich, indem mit der nationalen Freude sich durch die Ver-
bindung Miguels und Catalinas die der Familie vereint.
— Diesen sehr einfachen Gegenstand behandelt der No-
vellist mit der gewohnten Treff'lichkeit : Sittenschilderun-
gen, treflende Nachahmung der Sprache des Volks
(imitaciones expresivas del habla populär), Erinnerungen
poetischer Ueberlieferungen i), glückliche Landschaftsljil-
der, kindliche Einfcälle, religiöses und nationales Gefühl,
alles das findet sich in dieser neuen Erzählung Fernan
Caballero's wieder und zwar glücklich verknüpft.
Indem wir zu den kleineren Poesien zurückkehren,
finden wir noch mit besonderer Vorliebe die naive
(inocente) Gattung der Fabel cultivirt, empfehlenswert!!
wie alles, was strebt das Gebiet der guten Poesie zu er-
weitern und sie mit gesunden praktischen Ideen zu ver-
binden, aber höchst schwierig, theils weil sie der Reize
entbehrt, welche die andern Gattungen mit sich zu führen
pflegen, theils weil sie, bei dem geringsten Fehltritt, in
das Kindische oder Pedantische gerathen kann.^) Wir
müssen hinzufügen, dafs manche von denen, welche die-
^) Der Ci/entos y j)oesias iiopuhircs de Andalucia habe ich hier
nicht zu gedenken [siehe darüber unser Jahrbuch, Bd. III, p. 20'J fl".
Anm. des Neratisg.']: nur glaube ich, dafs man heute eine übertriebene
Wichtigkeit den Coplas und Liedern (cantares) von 4 Versen beizu-
legen strebt, einer Art von Epigrammen, mitunter sehr interessant für
das Studium des Nationalcharakters durch das Geistreiche des Gedan-
kens und die Zartheit des Gefühls, die aber oft auch viel mehr nach der
Kaserne oder der Barbierstuhe schmecken, als wahrhaft volksthümlich
sind. — Bei dieser Gelgenheit sei noch erwähnt, dafs der junge Au-
gusto Ferran unter dem Titel Soledad einige dieser Lieder gesammelt
hat, die er aufserdem mit Geschick nachahmte.
") In Miguel de los Santos Alvarez , einem der Talente, welche
Jahresberichte I. Spanisclie Literatur, 18G0— Gl. ^s7
ser Dichtung sich bei uns gewidmet, ihrer Einljildungs-
kraft geringen Schwung gegeben haben, indem sie die
verschiedenen Formen des Apologs aufzusuchen unter-
lielsen und mit einer iibertriebencn Treue der Weise des
Samaniego folgten. ') Miguel Agustin Principe hat so-
eben eine Sammlung von IrX) veröffentlicht: wenn schon
sehr zu riihmcn ob der Maunichfaltigkeit des Inhalts und
der Sorgfalt der Ausfiihrung, zeigt sie dennoch im All-
gemeinen nicht jene Vortrefflichkeit, die nöthig wäre die
Dichtungsart zu verjüngen und damit eine so umfäno--
liche Sammlung auch Personen von heiklerem Geschmack
mit Vergnügen durchlesen könnten , welche andererseits
allerdings nicht die Mehrzahl der Leser bilden, für wel-
che Werke dieser Gattung bestimmt sind. Trotzdem dafs,
wie Herr Principe bemerkt:
Unos quieren la fäbula concisa
Y otros huelga le dan un tanto cuanto,
ohne den einen, oder den andern Recht zu geben, denn:
En materias de tortas como en todo
Lo bueno esta en la esencia, no en el modo,
Y en consecuencia estoy por los mejores;
trotzdem wäre eine fast ejoigrammatische Präcision der
wortreichen Weitläufigkeit vorzuziehen, die er, in der
Weise vieler Andern, sich in manchen seiner Fabeln er-
laubt. — Herr Principe begleitet seine Sammlung mit
einem gelehrten Prolog über die Dichtungsart, von wel-
cher er so viele luid so schätzbare Proben darbietet; in
demselben spricht er mit Vorliebe von der ernsten Fa-
in unserer Epoche durch Mangel der Zucht zu Grunde gegangen sind,
oder doch heinahe, finden wir auch oinen geistreiclien Parodirer die-
ser Dichtnngsart, wie man in dem folgenden Beispiel sieht, das liöf-
lifher als andere :
ün gato y un raten se eonvenieron
Y reciprocamcnte se comieron.
Efectüs de la gula, ä lo que creo ,
De que dehes huir, o Timoteo.
') Vergleiche den vorigen Jnhresherielif, Bd. III, p. 4.27.
Aitm. den HernvMj.
13*
jgg .Maimcl Mila y For.taiKils
bei, einer seines Erachtens weniger als es sein sollte,
cultivirten Species; sein Werk schliefst mit einer dialo-
gisirten Metrik, der Frucht eines gründlichen und tie-
fen Nachdenkens über diesen Gegenstand.
Juan Eugenio Hartzenbusch, der seine Liebe zu der
Fabel schon durch eine 1S48 veröftentlichte Sanunlung
bewies, hat neuerdings zwei köstliche Bändchen unter den»
Titel: Ouentos y fäbiilas^ herausgegeben, worin er die
moralische Erzählung in mannichfacher Gestalt darbietet.
Unter den Erzählungen räumen wir in Betreff des literari-
schen Verdienstes derjenigen den ersten Platz ein, welche
ihn auch materiell in der Sammlung einnimmt: sie ist be-
titelt: La hcrmosura por castigo^ eine unsrer Meinung
nach ganz originelle Conception und ein wahres Muster
der so erstrebten luid selten realisirten symbolischen
Poesie. Der Erzähler nimmt an, dafs die sehr schöne
Tochter Theodosius des Grofsen, Pulcheria, von Geburt
blind, durch Vermittlung ihrer seligen Mutter das Gesicht
später wieder erlaugte, jedoch mit der Bedingung, nicht
zu sehen, was sie am meisten liebt, welches denn als ihre
eigene Schönheit sich ergibt. Die Leiden, welche sie er-
diddet, w^eil sie diese so gefeierte Gabe nicht betrachten
kann, ihre Kämpfe und ihr Sieg, der letzte Augenblick
ihres Lebens, wo sie die Geschichte ihrer körperlichen
Schönheit Jahr für Jahr betrachtet, und das glänzende
Bild ihrer Seele die bereit ist die Palme ihres morali-
schen Märtyrerthums zu empfangen, bilden die einfachen
Verwickelungen dieser in köstlichster (deliciosisima) Prosa
geschriebenen Erzählung. — Dieselbe Sammlung enthält
aufserdem: La Reina sin nomhre^ eine westgothische
Chronik, eine wahre, obgleich nicht sehr ausgedehnte
Novelle von höchstem Interesse, welche tiefe historische
Studien voraussetzt. Sie, wie drei andere Erzählungen,
die darauf folgen: Mariquita la pelona in der S^Drache
des 15. Jahrhunderts, Miriatn la trasquilada im bibli-
schen Stile (mitgetheilt, wie angenommen wird, von einem
Israeliten Gibraltars), und Dona Maria Ja pelona^ deren
Biographie ein Brief erzählt, welcher als von einem Nach-
kommen dieser modernen Heroine geschrieben fingirt wird.
Jaliresberii-hte I. Spanische Literatur, 18G0 — Gl. 189
handeln von der Geschichte eines schönen Weibes, dem
das Haar abgeschnitten wird, durch die Volkssage von
dem neapolitanischen Mädchen ursprünglich veranlafst.
Eine andere Erzählung, welche auf eine Tradition an-
derer Art sich zu gründen scheint, ist: La carcajada
contagiosa^ worin der Dichter den guten und armen Cer-
vantes schildert, wie er durch sein einsames Gelächter
eine seiner Schwestern in Sorge versetzt, die einen Arzt,
einen Pfarrer und andere Personen herbeiruft, welche
dann einer nach dem andern von der Manie zu lachen
angesteckt werden, als sie einige Seiten des Don Quijote
lesen hören. ^) Aufser diesen und andern hübschen Er-
zählungen enthält die Sammlung des Herrn Hartzenbusch,
wie ihr Titel verhelfst, auch eine Reihe von Fabeln,
unter denen manche mehr Picantes und Neues enthält
als andere ähnliche Werke. Als geistreich sind vornehm-
lich anzuführen : La disjJuta entre el metro y la vara und
die Invencion del circido (welche man einem Esel ver-
dankt, der einen Baum umkreist an dem er angebunden ist),
sowie wegen der Zartheit des Gedankens : La lämpara.
de la torre^ worin ein in das Vaterland heimkehrender
Reisender mit Kummer an der Stelle einer ewigen Lampe
eine grofse mit Gas erleuchtete Uhr findet.^)
Zu der Klasse der moralischen Erzählungen gehören
auch die Cuentos von Antonio de Trueba. Dies ist ein
Name, schon vortheilhaft bekannt durch sein libro de los
cantarcs^ Dichtungen im Volkston, worin Trueba ein Lied
(cantar) oder eine Copla von solchen, welche im Munde
des Volkes sind, zum Estribillo nimmt. ^) Als diese Ge-
') Der junt;o draniatiscln' Dicliter Sierra hat dieser Erzähhuig den
Stoff zu einer Zarzuela entnommen: El loco de la guardilla, welche den
besten Erfolg gehabt hat; in ihr führt er Lope de Vega ein und läfst
einen äufserst höflichen und respectvollcn Dialog zwischen den beiden
grofsen Genien stattfinden, deren Beziehungen, wie bekannt ist, nicht
so cordial waren, als nian auf Grund der verehrlichen Autorität die-
ser Zarzuela denken könnte.
'-*) Seiner eigenen Samnihuig liat Herr llart/A'iilnisrh nmli einige
epigrammatische Erzählungen, entlehnt einem Manuscripte des hen'ihni-
ten klassischen Sonettisten Sevillas, Juan de Arguijo, beigefügt.
■') Vergleiehe den vorigen .laliresberieht, Bd. III, p. 43o f.
Aiim., 'les [hiau»(j.
J90 Manuel Mila y Funtanais
sänge veröil'eutJiclit wurden , entdeckte man eine mehr
oder weniger entfernte Verwandtschaft zwischen Fernan
Caballero und dem jungen Dichter. Die Aehnlichkeit ist
grölser geworden, zvnn wenigsten in der Form, seitdem
Trucba Jürzählungcn in Prosa zu verfassen unternommen
hat. Vielleicht ist es für seinen definitiven literarischen
Ruf nicht das Richtigste gewesen eine Dichtungsart auf-
zugeben, die er zu der seinigen gemacht hatte und mehr
mid mehr noch verbessern konnte, indem er sie erhob
und von allem vulgären Beigeschmack reinigte; aber sei
dem wie ihm wolle, man kann nicht umhin ihn auch auf
diesem neuen Wege zu ermuntern, den er mit so vielem
Erfolg und Beifall eingeschlagen hat und auf dem er ohne
Zweifel eine gröfserc Zahl Anhänger gewinnen wird und
so viel Gutes wirken kann. Wir wollen nicht von den
Cuentos de color de rosa reden, da sie nicht der Periode
angehören, die wir untersuchen, sondern nur von den
Cuentos campesinos ^ welche zuletzt erschienen sind. Es
ist dies eine sehr empfehlenswerthe Sammlung, welche
von allen, die die gute Leetüre lieben, mit Genufs gele-
sen werden wird. Auch in den Fällen wo man den
Schriftsteller nicht bewundert, mufs man den Menschen
achten. Trueba ist ein Dichter, welcher, um seine
Schöpfungen schöner zu machen, bemüht ist^ seine Seele
zu verschönern, und daraus entspringt in seinem AVerke
ein Geist des Wohlwollens und der Heiterkeit, welcher
bezaubert. Es finden sich aufserdem gut ausgewählte
und gut co])irte Landschaften, gut beobachtete Charak-
tere, glückliche Dialoge, formvollendete Seiten. Trotz-
dem aber fehlt in dem Ganzen (conjunto) Fülle, Kraft
und Leben; mitunter zeigt sich ein etwas willkürlicher
und schmachtender Humor, und die Digressionen wozu
der Dichter neigt, scheinen einen Mangel an Mitteln zu
bekunden. Wie dem auch sei, bei allen ihren Unvoll-
konuncnheiten und aller Anspruchslosigkeit bereichern
doch, glauben wir, Sittenstudien dieser Art die Kunst
mehr, als viele rein phantastische Constructionen, die
nicht auf dem Gefühl, noch auf der äufsern Wirklichkeit
beruhen. AuCser drei Erzählungen enthält die kleine
Jahrcsbericlite I. Spanische Literatur, 18G0 — 61. 191
Sammlung eine Art von Aesthetik in nuce im Wege
von Beispielen und eine geistreiche und vollkommen ent-
wickelte Allegorie in Betreff der Leitung der Wasser des
Lozoya nach der spanischen Residenz.
Auch der Roman (la novela de mayores dimcnsiones)
wird bei uns noch cultivirt und an die Stelle der unend-
lich langen französischen Erzählungen, mit denen wir
überschwemmt waren, treten andere von spanischen Ver-
fassern, welche jenen jedoch aufserordentlich gleichen
(se asemejan demasiadamente). Grofs ist die Zahl der
Schriftsteller auf Accord, welche mit dem Titel historischer
Romane (novelas histöricas) ihre Improvisationen schmü-
cken, zu deren Vollendung einige Auszüge aus einer
alten Chronik, welche mit profaner Hand durchblättert
wird, genügen mit einem Zusatz einiger Gemeinplätze von
unglücklichen Liebenden, einem Feudaltyrannen, Astro-
logen u. s. w. Wir wollen unter die Zahl dieser Dutzend-
Erzähler Manuel Fernandez y Gonzalez^) nicht rechneu,
einen fruchtbaren Romanschreiber (novelista), von dem wir
Ladamade nochc kennen, die neuerdings erschien. Pur
manche Leser und auch manche seiner Nebenbuhler ist
dieser Schriftsteller das Ideal dieser Dichtungsart. So sagte
eine gewisse Romanschriftstellerin in dem Prospecte eines
ihrer Werke, dafs unser „novelista historiador" Villoslada
sei (der Verfasser von Bianca de Bovboii)^ unser „nove-
lista pensador" Fernan Caballero, unser „novelista poeta"
dan-ecren Fernandez y Gonzalez. Ohne auf die Worte
dieser Classification schwören zu wollen, unterliegt es
doch keinem Zweifel, dafs Fernandez y Gonzalez keine
gemeinen Fähigkeiten für die Dichtung hat, die er culti-
virt, und dafs wenigstens alle die, für welche diese Art
von Leetüre verführerisch ist, wenn sie die ersten Seiten
der „Dame der Nacht" lesen, die folgenden verschlingen
und sich beeilen werden, die letzten zu erreichen. Zu be-
zweifeln aber ist, dals mit gleichem Interesse die Leetüre
wiederholt werde, wie es mit den Werken geschieht, in
') Vergleiche über diesen DieiUer den vorii,'en Jahresbericht, P.d. III,
1). -124, 42(; f. und ioX. Anm. (/t-s HcndiH'/.
\C)2 Manuel Mila y Funtanais
welchen, nach Befriedigung der ersten Neugier, noch
etwas zu h'rnen "oder etwas das der Leser sich anzu-
eignen wünscht, übrig bleibt. Die Duma de noche ist
nicht Fernandez y Gonzalez' Meisterstück, nach dem Ur-
theil eines Anhängers dieses Schriftstellers. Von den
ersten Seiten an sieht man, dafs er sich bemüht hat die
von ihm cultivirte Dichtungsart zu hispanisiren: dieScene ist
in Madrid, die zu Grunde liegenden Sitten sind modern und
spanisch, und die Handlung verflicht sich mit Ereignissen
die auf unsern -Antillen vorfielen. Die ersten Scenen,
worin der Erzähler und theilweise Held des Romans auf
einem Schaugerüst die geheimnifs volle Dame sieht, von
der in räthselhaften Ausdrücken sein kürzlich aus fernen
Ijändern angekommener Freund Luis zu ihm sj) rieht, ein
Stelldichein beim Mondschein, die Begegnung mit einer
ebenfalls mysteriösen Bettlerin in einer Schenke (ermita)^
.von deren Schicksal man sogleich ahnt, dafs es mit dem
der „Dame der Nacht" verknüpft ist — diese Scenen
bieten jenes anziehende Helldunkel zwischen dem Wirk-
lichen und dem Phantastischen, welches die Erzählungen
Hoffmann's auszeichnet. Später kommen die Auflösimgen,
womit man ebenso schwer, als mit der phantastischen Partie
sich abfinden wird. Da ist vor allem ein Neger (welcher bei-
läufio; ij;esagt zu einer sehr bemerkenswerthen Beschreibung;
des socialen Zustands der afrikanischen Völkerschaften
die Veranlassung gibt), ein Häuptling eines Stammes,
Verlobter und Liebhaber einer Prinzessin seiner Farbe,
dann ein civilisirter Mensch, der sich urplötzlich in eine
Schifibrüchige verliebt, die er für todt hält, welcher un-
geheuere Keichthümer, ihr ein Pantheon zu errichten,
verschwendet, hernach in den Dienst der Mutter der
vermeintlich Verstorbenen wegen ihrer Aehnlichkeit mit
dieser (por simpat'ia de jigura) tritt, und, ohne dafs sie es
ahnt, dem Rauben und Morden sich ergibt um ihr den Unter-
halt zu verschafien u. s. w. — eine Erfindung , welche die
weitesten Grenzen derRomanlicenz überschreitet. Der Stil
des Herrn Fernandez, welcher stellenweise der Kraft und
blendenden Glanzes nicht ermangelt, ist andrerseits doch
dem der französischen Schriftsteller ähnlich genug, auch
Jahresberichte I. Spanische Literatur, 18G0— Gl. 193
fehlen nicht die häufigen Alineas, welche die Speculation
der Feuilletonschreiber eingeführt hat. Nach der Ge-
wohnheit dieser Novellisten, einer Gewohnheit die man
auch bei Fernan Caballero bemerkt, ist in der Dania de
noclie ein Ueberflu/s an Schrecklichem; der Verfasser ge-
fällt sich darin, uns hören zu lassen:
orribili favelle,
Parole di dolore, accenti d'ira;
ohne jedoch den tiefen sittlichen Sinn des Autors der
„Familie von Alvareda" zu haben; gliicklicherweise erin-
nert aber nichts an die Verdorbenheit des Gefühls, welche
bei manchen Romanschriftstellern des benachbarten Kai-
serreichs so abstöfst. ^)
Unter den poetischen Werken höherer Natur ist das
Drama der Liebling unserer Genies gewesen, und hat
im Allgemeinen die bemerkenswerthesten Schöpfungen
hervorgebracht. Die geringe Schwierigkeit die Muster
zu Studiren, indem man die anziehenden Blätter unserer
alten dramatischen Sammlungen durchläuft oder den thea-
tralischen Vorstellungen beiwohnt, und die Ehre sowie
der Vortheil, welche die dramatischen Werke mehr als
irgendein anderes bieten, wenn sie von dem Publikum
einigermafsen gimstig aufgenommen werden, sind wahr-
scheinlich die Ursache der genannten Vorliebe. Das
spanische Drama unserer Epoche war in seinem Ursprung
ein zwitterhaftes Erzeugnifs des alten Nationaldramas
und des monströsen modernen französischen Theaters.
Man hat es allmählich mehr und mehr gereinigt, indem
man den spanischen Fonds bewahrte, mit welchem man
jiie leicht assimilirbaren Elemente anderer Theater com-
binirte. Sowohl wegen der Verirrungen des Gefühls und
der Einbildungskraft, als wegen ihrer Unbühnenmäfsigkeit
würden jetzt viele Dramen zurückgewiesen werden, welche
uns vor 25 Jahren begeisterten. Jetzt verfährt man bes-
') Fernandez y Gonzalez, der bieh aiieli im Drama auszeichnet,
beschenkte das Theater 18G0 mit: Deudas de la cunciencia, dianid tid-
•/ifo Oll ■') arid» 1/ en rerf-n, worin er die Wirkungen des väterlichen
Fluchs auf die Kimlcr der Schuldi^i'u darziistrlleu imtcvnininit.
194 Mumicl Mihi y ln)iitaiiuls
scr in der Anordnung der Handlung: nicht dafs man je-
nen natürlichen und innerlichen Zusammenhang erstrebte,
welcher die verschiedenen Situationen in manchen Dramen
des grol'sen englischen Tragikers verkniipt't, als viel mehr
nur das geschickte und geistreiche Gewebe, welches von
unsern alten Dramatikern geahnt, auf den Theatern der
Folgezeit sich allmählich vervollkommnet hat.
Einer der Dichter, welche am meisten zur Verbesse-
rung unseres modernen Dramas beigetragen haben, ist
ohne Zweifel Juan Eugcnio Ilartzenbuseh. Seinjiingstes
Werk: El mal apöstol y el bncn ladron^\ liefert den Be-
weis, dafs seine dramatischen Talente und vorzüglich
das jener Geschicklichkeit und Gewandtheit nicht abge-
nommen, wodurch die zu ihrer Keife gelangten Genies
die (manchmal fruchtbare) Kraft ihrer ersten Arbeiten
ergänzen. Die sittlichen und literarischen Tugenden des
verehrungswürdigen Dichters machten ihn besonders ge-
eignet das religiöse Drama oder Mysterium zu versuchen,
in einer solchen Art, wie es für unsere Epoche palst;
und der Erfolg seiner Dichtung hat seine Absicht zu
keiner vergeblichen gemacht; denn obgleich die neue
Dichtung fern davon ist das Meisterstück ihres Verfassers
zu sein, ist sie gleichwol ein sehr achtbares Drama. Mit
seiner gewohnten Bescheidenheit hat Hartzenbusch sein
Werk für eine Nachahmung des alten Theaters ausgegeben,
und in der That erinnert die gegenseitige moralische
Situation der Hauptpersonen an die des Eremiten und
Banditen in dem berühmten Condenado por desconfiado
des Tirso de Molina. Aussetzen kann man an dem Stücke
von Hartzenbusch die übertriebene Feinheit in der Com-
bination mancher dramatischen Situationen und dafs'
der Charakter des Pilatus, obgleich sehr gut ausgedacht,
mit mehr Würde hätte dargestellt werden können.
Eine ziemlich dirccte Nachahmung der Emilia Galotti
Lessing's, obgleich deshalb doch ein Werk von grofsem
') Dieses Drama wurde im Anfang des Jahres 1860 zum ersten
Mal aufgeführt und veröffentlicht. — (Vergleiche den vorigen Jahres-
bericht, Bd. III, p. -427. Aiim. den Hcrausy.)
Jahresberichte I. Spanische Liteiatur, 18G0— Gl. | 95
Verdienst, ist: Un duelo ä muerte von xVntonio Garcia
Gutierrez, dem berühmten Verfasser von El trovador und
Simon Bocanegra. Die gröfste Neuerung, welclie der
Spanische Dichter gemacht hat, ist die, die Personen des
Malers Conti, des Vaters und des Verlobten der Emilia
in eine zu verschmelzen, in der Art, dafs es nicht der
Vater, sondern der Verlobte ist, welcher auf dem Altar
der Ehre das Leben der Heldin opfert; ein wenig gliick-
lichcr Tausch, da die patriarchalische Autorität der
schrecklichen Handlung fehlt, welche aufserdem nicht von
dem Verdachte eifersi'ichtiger Leidenschaft frei bleiben
kann, um so weniger- als in dem spanischen Drama die
Nothwendigkeit des Opfers nicht vollkommen gerechtfertigt
erscheint. Vielleicht hätte, wie ein chilenischer Kritiker
bemerkt, die Katastrophe vermieden werden können, in-
dem man einige Scenen vorher in dem Herzog die mora-
lische Wandlung und Reue annahm, welche er am Ende
des Dramas zeigt. Uebrig.ens hat Herr Garcia Gutierrez
die Haudlung zusammengedrängt und die Intriguen des
Marinelli durch Liebe zur Emilia und Hafs gegen Conti
motivirt; er hat dem Charakter der Heldin mehr Festig-
keit (entereza) gegeben und den des Herzogs etwas we-
niger gehässig erscheinen lassen. Die Verbindung des
Malers mit der Patricierin hat er mit der Armuth ihres
Bruders gerechtfertigt, obwol das Mifsverhältnifs ent-
stand, daCs der Plofmann Conti, der gefällige Maler der
Maitresse des Herzogs, zugleich die Personification der
ehelichen Ehre sein mulste. Die absichtliche Vertauschung
des Bildes der schon nicht mehr geliebten Courtisane mit
dem der schönen, mit den Emblemen der Charitas beklei-
deten Braut des Malers durch Marinelli, die Scene zwischen
jener und Emilia, worin das gefallene Weib vor dem Zauber
der Tugend sich beugt, andere sehr gut ausgedachte Si-
tuationen, die Schönheit der Versification, die Kunst des
Dialogs sind Vorziige, welche trotz des Mangels der
Originalität und trotz der mehr oder weniger bedeutenden
Fehler, das Werk des Herrn (uitierrez auf eine nicht
ganz gew(')hnli('he Höhe stellen.
Das i^roCse literarische Ereiü^niCs aber dieser beiden
]()() Mamu'l i\Iila y Fuiitaual.s
letzten Jahre war: El tanto por ciento von Eduardo Lo-
pez de Ayala. Nachdem sie zum erstenmal mit aulser-
ordentlichem Krfolg in dem Theater del Principe gegeben,
sprach man von dieser Komödie nicht allein wie von
einem sehr bedeutenden Werke, sondern man sagte auch,
dal's sie in vniserer Literatur Epoche machen v/ürde, nach
dem einmal geweihten Ausdruck, welchen man, die Wahr-
heit zu gestehen, in kaum mehr als zwei Jahren schon
wenigstens viermal gebraucht hat. ^) Man erzählt, dafs eins
unserer ersten Genies, in einem Antrieb der Begeisterung,
und nicht minder der Hochherzigkeit, bei der Darstellung
einer der interessantesten Scenen des Dramas, in einem
der Augenblicke, wo vor der Lebhaftigkeit der Eindrücke
jeder Geist negativer Kritik weicht, mit lauter Stimme
auso-erufen habe: Calderon ist wieder auferstanden! Und
wenn wir zu dem entgegengesetzten Ende der literari-
schen Hierarchie übergehen, so können wir sagen, dafs
wir in einem Kreis von Handwerkern versichern hörten :
El tanto por ciento sei das beste Drama, das je geschrie-
ben worden. Der Paroxismus der Begeisterung hat seit-
dem einer ruhigeren Beurtheilung Platz gemacht, und es
haben ebenso wenig offenbar feindliche Kritiken gefehlt.
Herr Lopez de Ayala hat in seinem Drama sich vor-
gesetzt das unmäfsige Trachten nach Reichthum zu be-
kämpfen, welches unsere Zeit charakterisirt und schändet:
ein gutes und hohes Ziel das zugleich das Interesse der
Gegenwart hat. Nur in dieser allgemeinen Absicht
erinnert das spanische Drama an Ponsard's Uhonneur
et Vargent und an Dumas' La question d'argent^ welche
Stücke ihm vorausgingen. Es ist kein Zweifel, dafs
solche Stoffe, wie dieser dramatisirte mercantile Gegen-
stand, als eine Neuigkeit erscheinen miissen, aber es
fällt mehr als schwer, zu glauben, dafs von ihnen eine
') Dasselbe sagte man , udor kaum weniger von La campana de la
Almudaina, und neuerlicher von La critz del matrimonio. Dasselbe hat
man ausdrücklich versichert von Un duelo d muerte, welches Stück trotz
seines Verdienstes doch nur eine mehr oder weniger freie Nach-
ahmung ist.
Jahresbericlito I. Sjjanische Literatur, 18G0 — Gl. li*7
neue literarische Epoche entspringen sollte, denn aufser-
dem, dafs sie an sich wenig poetisch sind, können sie
nicht sehr mannichfaltio;en Combinationen Raum oeben.
Der Inhalt dieses Dramas ist, in soweit er in we-
nige Worte sich zusammenfassen läfst, der folgende. Die
Helden der Handlung sind D. Pablo und die Gräfin
Isabel, deren Vermählung nichts im Wege stand als
die Delicatesse der letzteren, welche, die Wittwe eines
verehrungswürdigen alten Mannes, die zweite Hochzeit
verschob. Um nicht den Kauf eines Landhauses, welches
der Gräfin gefallen hatte, rückgängig zu machen, sieht
sich der durch einen • plötzlichen Vermögensverlust fast
ganz ruinirte Pablo in die Nothwendigkeit versetzt, ein
von seinen Eltern geerbtes Grundstück (dehesa) auf Rück-
kauf zu verptänden. Der Wucherer Robert, die habgierige
Petra, eine Freundin der Gräfin und Frau des geachte-
ten aber schwachen Gaspar, ein Diener des Pablo, Sa-
bino und das Kammermädchen Isabellens, Ramona zetteln
eine grofse Verschwörung an, die Heirath zu verhindern,
und zwar zu dem Zweck, dafs Pablo nicht in den Stand
gesetzt werde sein Besitzthum einzulösen, an dessen beding-
ter Veräufserung alle Antheil genommen haben. Zu dem
Ende verläumden sie Pablo, indem sie sich boshaft aus-
gelegter Indicien bedienen, und dann die Gräfin, welche
unschuldigerweise in eine compromittirende Situation
durch die Frechheit eines gewissen Andres, der sich um
sie bemüht, gebracht wird. Die Verzweiflung des Pablo,
die Leiden der Gräfin, welche doch durch ein Wort auf-
hören konnten, das die luitreuen Freunde und Diener
auszusprechen sich weigern, bilden den Höhepunkt der
Handlung und beendigen den zweiten Akt mit einer Scene
von unvergleichlicher Wirkung. Ein von Andres an sei-
nen Mitschuldigen Roberto geschriebener Brief, welcher
letztere auch für seine Person die Hand der Gräfin er-
strebte, ist das Ilauptinittel der Auflösung.
Die Hauptanklagen, welche man gegen dieses Drama
erlioben hat, sind die Häfslichkeit und geringe \qy-
schicdcnheit der meisten Charaktere und die Menge
von Zufällifrkeitoii und l n\v,ihiscIiiMiilii'hkeitiiu welche
J98 MiiiHiel Mihi y Fontanal>
nöthig waren, dal's ein so teuflischer Pltin /wischen
so vielen Personen von verschiedenem Stand geschmiedet
wurde. Ebenso wenig erscheint genügend Ijegründet (und
die liegründimg wäre doch sehr leicht gewesen) der Um-
stand, dals der Verkauf nicht vollständig war, vielmehr unter
der Bedingung des Rückkaufs, was die ITauptaxe der Hand-
lung bildet. Auch verletzt es den Zuschauer, die Gräfin im
letzten Akte im eigenen Hause von ihren schändlichen
Beleidigern umgeben zu sehen, was mit ihrer angebornen
Güte und ihrer geistigen Verwirrung entschuldigt und
aufserdem mit einem Umstand von tiefer, obgleich in
der Ausführung gewagter Absicht combinirt wird, näm-
lich dem Instinkte der Gräfin, womit sie bei aller Umne-
belung ihres Verstandes die Ursache ihres Unglücks her-
ausfühlt. Bemerken wir noch, dafs die Ausgänge des ersten
und zweiten Aktes an Uebertreibung leiden: im ersten
ist Pablo der Verleumdete und die Gräfin die, welche
sich beleidigt glaubt, im zweiten ist die Grätin die Ver-
leumdete und Pablo hält sie für schuldig.
Es mag eine gewisse Spitzfindigkeit (sutileza) in der
Anordnung der Begebenheiten eines Dramas dieser Klasse
sich zeigen, es mögen viele Situationen zu motivircn sein
(nach dem technischen Ausdrucke), weil sie durch sich
selbst nicht genügend motivirt sind, und vielleicht
mehr als alles, es mag eine radicale Unwahrschein-
lichkeit sich finden, denn, es ist nicht glaublich, dafs die
Speculanten und Wucherer, so sehr sie auch zu uner-
laubten Mitteln geneigt sind, häusliche Verschwörungen
in dem Stil derjenigen anzetteln, welche das Drama dar-
bietet — — alles das wollen wir i-echt gern einräumen,
die eigentliche Frage jedoch besteht darin, zu wissen, ob
die Schönheiten des Stücks diese in Anbetracht des In-
halts und des dramatischen Systems fast unvermeidlichen
Nachtheile ausgleichen. Unsere Meinung, wie die vieler
Anderen, ist: es sei dies der Fall. Das Sujet ist geschickt
imd vollkommen entwickelt, ohne dafs eine Scene oder
fast nur ein Wort überflüssig wäre. Wir haben schon von
der grofsen Wirkung mancher Situation gesprochen. Der
Ausdruck ist gewählt (culto) und treflPend (feliz), poetisch
Jahresboiiclite I. Spaiiisclie Literatur, 1800 — Gl. 199
ohne falschen Lyrismus und natürlich ohne aliectirte Fa-
miliarität. Aufserdem findet sich etwas Ideales und Hohes
in dem Charakter der beiden Hauptpersonen, und du
ihre Liebe nicht mit den psychologisch-sentimentalen An-
sprüchen erscheint, welche so gewöhnlich sind, und sich
ihr nicht achtungswerthe Hindernisse, sondern ganz allein
die Ungerechtigkeit der Menschen entgegenstellt, so er-
regt sie ein lebhaftes und wohlberechtigtes Literesse.
Die vorherrschende Tendenz in unserer dramatischen
Poesie ist für den Augenblick die Darstellung der bür-
gerlichen Sitten, was vielleicht manche unsrer Leser
Wunder nehmen wird,, da von dem Vaterland Calderon's
die Rede ist. Es findet sich jene Tendenz im äufscrsten
Grade in El sol de invierno von Jose de Marco, welches
Stück mit vielem Beifall aufgenommen wurde, den es
hauptsächlich der Einfachheit der Mittel verdankt und
der Wirkung, welche der Ausdruck eines wahren Ge-
fühls immer hervorbx'ingt. Das ganze Drama beschränkt
sich auf zwei Paare, das eine verheirathet und das andere
verlobt, von welchen das erstere dem andern zum Muster
und Besserungsmittel dient. Um den eminent häuslichen
(casero) Charakter dieser Komödie zu zeigen, genügt es
eine der Situationen zu erwähnen: am Ende des zweiten
Akts erscheinen die beiden Paare, die Männer Garn hal-
tend, und die Frauen es aufwickelnd (hilvanändolas); es
fällt der Vorhang und bei seinem Aufgehen zum letzten
Akt trifft man die vier Helden des Stücks in derselben
interessanten Position.
Nicht allein einen guten Erfolg, sondern begeisterten
Beifall und schmeichelhafte Demonstrationen hat D. Luis
Eguilaz von seinem neuen Drama: La cruz del matrimo)iio
geerntet. Man glaubt, dafs im Gegensatz zu dem was
gew(')linlich bei Triumphen dieser Art der Fall ist, Herr
Eguilaz den seinigen mehr den Männern als den Frauen
verdankte, und es fehlt nicht an Solchen, welche arg-
wöhnen, dafs auch der Wunsch dem El tanto por ciento
üj)position zu machen, dazu beigetragen hat. Auch hat
es andrerseits nicht an erbitterten Kritiken gemangelt,
welche genug mit den schwachen Seiten des Dramas zu
200 Manuel Miln y Foiitanals
tliun hatten und nicht einmal der Kolk' der Jleldin Mer-
cedes Gnade zu theil werden liel'sen, welche in Wahrheit
die ist, welche die Dichtung empfiehlt mid trägt. Mercedes
ist der Typus der geduldigen und resignirtcn Ehefrau,
luid obgleich man, einige ihr von dem Dichter in den
Mimd gelegte Ausdrücke vnigehörig interpretirend, be-
hauptet hat, sie handle aus Berechnung und in der llofi-
nung ihren Mann auf den rechten Weg zu bringen, so
ist doch leicht zu ersehen, dafs was sie belebt, einzig die
Liebe zum Guten ist und der ihrer Seele inwohnende
Glaube an die Erfolge des Guten. Man sagt auch, dafs
ihre Entsagung bis zum Extrem geht und dafs dies Ex-
trem weder natürlich ist, noch jene Mischung von Sanft-
muth (dulzura) und schmollender Zurechtweisung ersetzt,
welche die kluge Frau charakterisiren mufs. Aber man
hat vergessen, dal's der Dichter nichts hat malen wollen,
als eine Eigenschaft der guten Ehefrau (die liebenswür-
digste und im Ganzen die wirkungsvollste), die Sanft-
mutli: und dafs er dies erreicht hat. Mit mehr Grund
hat man getadelt, dafs ihre Entsagung bis zu dem Punkt
geht, den Fehlern ihres Mannes einige Werthpapiere
(valores) zu opfern, worin sie ihren Schmuck umgesetzt
hatte, und worauf sie die Zukunft ihres Sohnes baute,
w^as mit kaltem Blute betrachtet, ohne Zweifel nicht zu-
lässig erscheint, obwol angenommen, der Impuls der Be-
wunderung eine gute W^irkung in dem Drama erzeugt.
Kurz der Charakter der Mercedes ist zwar nicht eine
bewundernswürdige Schöpfung, aber eine glückliche und
gut ausgeführte Conception. Ihre aufserordentliche Ge-
duld, vereinigt mit einem verständigen und versöhnlichen
Wesen, mit einem liebensAviirdigen Witz (discrecion),
ohne irgend einen declamatorischen Anstrich, ohne etwas
das an stoische Unempfindliehkeit oder gleichgültige Ge-
dankenlosigkeit grenzt, hat und mufste ein grolses Inter-
esse erregen. Das Uebrige was an dem Drama noch zu
loben ist, beschränkt sich auf die Kenntnils der Biihnen-
wirkungen. Das Kapitel der Ausstellungen kann leicht
vermehrt werden: zwei Ehemänner ungemein ähnlich
in ihren abstofsenden schlechten Handluns^en und zwei
Jaliresbericlite I. Spanische Literatur, 1860—61. 201
Frauen von ungemein entgegengesetzter Natur; Mangel
an Handlung in den beiden ersten Akten; eine tragische
Scene im dritten, welche zu dem in der Dichtung herr-
schenden Charakter nicht joafst, auf die dann die idyllische
Schlufsscene folgt, welche, obgleich an sich schön, sehr
schlecht unmittelbar nach der vorhergehenden kommt; eine
lächerliche französirende Tante, welche allein gefällt wenn
sie es nicht, sondern der Dichter ist, der durch ihren
Mund redet; der glückliche und viel mehr als der unglück-
liche, schuldige Ehemann, welcher Sittenprediger geworden
ist, während wir noch nicht bestimmt wissen, dafs er
sich bekehrt hat; manche stark gewürzte (asainefada)
Situation und eine bisweilen triviale Ausdrucksweise,
mit welcher der Dichter, glaubte man, den Vorwurf des
Lyrismus widerlegen wollte, der seinen früheren Dramen
gemacht war.
Wie aus den vorstehenden Analysen zu sehen ist,
hält sich unsere schöne Literatur, obwol etwas prosaisch
(pedestre) im Allgemeinen, glücklicherweise sehr fern von
dem häfslichen Realismus, welcher in vielen Schöpfungen
unserer Nachbarn herrscht, und woriiber mit so viel Hecht
hier der französische Jahresberichterstatter klagte. Auch
könnte man sagen, dafs die meisten unserer Dichter mit
moralischen Absichten geschrieben haben, und dafs letz-
tere die vom Publikum am besten aufgenommenen waren:
ein glückliches Symptom, das ohne Zweifel vmsere Li-
teratur vor Irrthümern beschützen wird, wozu sie einst
neigte und welche ihr leicht durch ansteckende Beispiele
mitgetheilt werden könnten. Ein Freund von mir warf
zwar die Frage auf, ob diese imsere Liebe zur Sittlich-
keit nicht eine Aehnlichkeit mit der haben könnte, welche
für die bukolische Poesie die kriegerischen Höflinge der
Epoche KarFs V. empfanden: auf diese geistreiche, ob-
gleich ein wenig indiscretc Frage antworten wir, dafs
die Achtung vor den guten Grundsätzen immer sehr zu
loben ist, obgleich sehr zu wünschen wäre, selbst wenn
es sich um nichts weiter als um die Interessen der Lite-
ratur handeln sollte, dafs die Frage unseres Freundes
durchaus nicht am Platze sei.
.lalirl). f. rom. u. pii!;1. Lil. IV. 1'. II
2()2 Miiiiut'I Mila y l'"üiitaiuili<
Dem Programme der Jahresberichte geinäfs reden
■wir nicht von den wichtigen Werken wissenschaftlicher
Forschnng, welche erschienen sind (wie der erste Band
der llistoria critica de la literatura espahola von J. Ania-
dor de los Rios'), die neuen Bände der Bihlioteca de
Autores espanoles-) etc.); jedoch selbst wenn es sich nur
um die schöne Literatur handelt, dürfen nicht mit Still-
schweigen Publicationen übergangen werden, wie die bei-
den letzten Bände (XXIII, 18GU; XXIV, 18G1) der His-
toria general de Espana von Modesto Lafuente.^) Diese
Bände umfassen, aulser einer allgemeinen Beurtheilung
der Reofieruno^ des Friedensfürsten und der ökonomischen
Lage von ISOü — 1807, die Geschichte Spaniens von den
Ereignissen an, die in dem letztgenannten Jahre der
fi'anzösischen Invasion vorausgingen, bis zu den Anfängen
des Jahres 1811: die Verblendung des Königspaares und
seine Bezauberung durch den Günstling, die Zwistigkeiten
in der königlichen Familie; die Demüthiguug der Partei des
Friedensfürsten und des Prinzen von Asturien vor Bona-
parte, die Abdankung Karls IV. und die Proclamation
Ferdinand's VII, den Hinterhalt von Bayonne, den zwei-
ten Mai 1808 in Madrid, die erste Manifestation gegen
die französische Herrschaft, auf welche die allgemeine
Erhebung der Nation und einige ruhmvolle Triumphe
spanischer Heere folgten, die Ernennung Josephs zum
König von Spanien, die Schöpfung und Schicksale der
Centraljunta, den heroischen Rückzug und die Heimkehr
der spanischen Division aus dem Norden, den Einzug
des Kaisers in Spanien, die Zwistigkeiten desselben mit
seinem Bruder, die unsterblichen Belagerungen von Sara-
gossa und Gerona, den allgemeinen Aufstand in Spanien
und seinem Amerika, die Guerrillas, die Hilfe Englands,
') Wir werden von diesem wiclitigcn \A'erke eine „Anzeige"
Ferd. Wolfs Feder später bringen. Anm. des Herausg.
^) In Bezug auf sie verweisen wir auf unsere Bibliographie.
Anm. des Herausq.
^) Vergleiche den vorigen Jalireslierieht, Bd. III, p. 41G f.
Am,i. dt-s I/erausi/.
Jahrei^berirhto I. .Siiaiii^^ciio J.itoratiir, ISCO — (jl. •JO'j
die Ernennung der Kegentschaf't , das Zusamnientreteu
lind die ersten Sitzungen der Cortes , ebenso merkwür-
dig durch ihre patriotische Begeisterung als durch ihre
politische Unerfahrenheit, die Pläne Napoleons in Betreff
des linken Ebroufers u. s. w. So gewinnt dies Werk
immer gröl'sere Dimensionen und einen gröCseren Keich-
thum an Daten (der Verfasser hat Gelegenheit gehabt,
den Angaben des Sf)ecialwerks von Toreno manche hin-
zuzufiigen und verschiedene von Thiers zu berichtigen)
in dem Mafsc als es sich von den Zeiten entfernt, wo
die Ergebnisse der Urkunden spärlicher, schwieriger zu
erlangen, und unsicherer sind, und in dem Mafse als di(^
Geschichte mehr mit den Ereignissen der Gegenwart
verknüpft erscheint — ein Umstand, der sie mehr in den
Stand setzt die gröfste Zahl von Lesern zu interessiren
und namentlich ein im höchsten Grade politisches Cen-
trum wie die Hauptstadt von Spanien ist: ein v»ichtiges
historisches Werk, von wohlgeordnetem Inhalt und an-
sprechender Darstellung, welches unparteiisch zu sein be-
strebt ist (denn wir wollen nicht behaupten, dafs es dies
immer auch erreiche), vmd in dem die Kräfte des Autors
auch in dem Mafse zu wachsen scheinen als die Arbeit
fortschreitet, die er in solcher Regelmälsigkeit und mit
so bewundernswerther Ausdauer ihrem Ziele schon nahe
geführt hat. AVenn auch der Inhalt dieser beiden Bände
in manchen Abschnitten einen guten Patrioten erröthen
lassen kann, ist er in andern aufs höchste geeignet, das
Nationalgcfühl zu entflammen; Herr Lafuente, der es in
hohem Grade besitzt und dessen persönliche Erinnerungen
bis in die letzten Jahre, welche er geschildert hat, noch
zurückreichen müssen, hat in die Blätter dieser Bücher
das ganze Interesse, dessen jene Ereignisse würdig sind,
zu legen gewufst, ohne in Emphase oder Declamation
zu verfallen. Demnächst warten seiner Begebenheiten,
schwieriger von einem Zeitgenossen zu beurtheilen, die
ersten Keime unserer traurigen politischen Kämpfe : p<'?'i-
culosa plenum opus alea.
Wenn auch ganz im Allgemeinen und ohne in Eiti-
14*
2(|4 Manuel Mila y Fontanals
zelheiten einzugehen, was, wenn sie vollständig sein
sollten, fast unmöglich wäre, müssen wir noch etwas von
dem Stand der Beredtsamkeit in unserem Vaterlande sa-
gen. Es ist ohne Zweifel einer der Punkte, worin un-
sere Zeitgenossen sich am meisten auszeichnen. Die
kirchliche Beredtsamkeit hat riicksichtlich des Geschmackes
eine bedeutende Verbesserung erfahren, sowol im Stil
als im Vortrag (pronunciacion), obgleich man bei man-
chen Rednern mitunter einen ganz directen Einflufs fran-
zösischer Publicationen bemerkt. In der gerichtlichen
raaen, aba;esehen von den sehr vielen Advocaten welche
als beredt geschätzt werden, einige Redner hervor die
nach der Schönheit der Diction streben, ohne in die zier-
liche (culta), jedoch etwas studirte Rhetorik der besten
Meister des verflossenen Jahrhunderts zu verfallen. Die
politische Beredtsamkeit, die der directeste Weg gewesen
ist um dahin zu gelangen, einen Einflufs auf die Ge-
schicke des Landes auszuüben, ist ohne Zweifel diejenige,
welche am meisten aufgeblüht ist und die Proben auf-
weisen kann, würdig den besten der iibrigen Völker Eu-
ropas an die Seite gesetzt zu werden, i) Die Vorliebe
^) Soeben stai'b Francisco Martinez de la Rosa, einer der vorzüg-
lichsten, wenn nicht der erste unserer Parlamentsredner. Die aufser-
ordentlichen Ehren, welche die ganze Nation, von dem Konigspaar an,
dem Präsidenten der Deputirtenkammer widmet, werden, wenn sie auch
vornehmlich an den Politiker und Privatmann sich richten, doch zum
Theil auch dem literarischen Rufe des berühmten Verstorbenen gezollt.
Martinez de la Rosa wurde in Granada 1788 geboren. Mit 20 Jahren
hatte er schon die juristische Laufbahn beendet, und bekleidete eine
Professur der Moral. 1808 nahm er an den öffentlichen Geschäften
Theil. Zum Deputirten gewählt, sobald er das nöthige Alter hatte,
wurde er 1814 als Anhänger der Constitution von 1812 nach Pefion
de la Gomera verwiesen. Seit 1820 wirkte er als Deputirter wie als
Minister, und wurde durch seine gründlich modificirten Ideen (profun-
damente modificadas) der Vater der gemäfsigten Partei (partido mode-
rado). Von 1823 bis 1833 lebte er, ohne verbannt zu sein, in Frank-
reich und hernach in Granada, seinen literarischen Beschäftignngen
sich widmend. Ende des letztgenannten Jahres wurde er zum Minister-
präsidenten ernannt und veröffentlichte bald darauf das königliche Statut.
Von da an hat er immer für einen der einflufsreichsten und geachtetsten
Jahresberichtv I. Spanische Literatur, 18G0 — 61. 205
meiner Landsleute für die Schönheit des rednerischen
Ausdrucks kann als ein unterscheidender, obgleich nicht
ausschlief'slicher Zug unseres gegenwärtigen Charakters
betrachtet werden. Selbst bei den Vorträgen (discursos)^
wo mehr eine didactische Richtung gesucht werden sollte,
verlangt man ganz vorzugsweise ein ästhetisches Vergnii-
gen zu finden; vom officiellen Unterricht abgesehen, wohnt
man den Vorlesungen eines beredten Professor mehr oder
weniger ebenso bei, wie man einen geschickten Virtuo-
Männer seiner Partei gegolten. Man hat ihm zur Leitung der Regierung
wenig Energie zugetraut, aTier niemand hat ihm administrative Uube-
scholtenheit (pureza) und Rechtlichkeit der Absichten abgesprochen. —
In seinen poetischen Werken zeigt er eine leichte und blühende Ein-
bildungskraft, ein gleichmäfsiges und heiteres Temperament, einen an-
sprechenden und zarten Geschmack, die gröJ'ste Liebe für den Anschein
des Einfachen und Natürlichen, weit weniger Kraft und Originalität.
Die Poesie liebte er vor allem, aber für die Beredtsamkcit hatte er eine
ganz besondere Befähigung: er zeichnete sich in ihr durch Ordnung des
Gedankengangs, durch Harmonie und d\xrch eine sich gleichbleibende Ele-
ganz aus. Er war höchst arbeitsam, und noch vor wenigen Wochen hielt er
einen kurzen philosophischen Vortrag bei der EroÖiiung des Ateneo in
Madrid. Seine Hauptwerke, ohne die politischen und philosophischen
Reden zu rechnen, sind die folgenden: das Gedicht Zaragoza, eine kurz
nach der Uebergabe dieses Platees geschriebene poetische Declamation;
ferner Lo que puede un empleo und La viuda de Padilla, eine Komödie
und ein Trauerspiel, in welchen die politischen Leidenschaften der
Epoche, worin sie verfalst wurden (gegen 1812), nachklingen; Morayma
eine Tragödie, in dem klassisch-französischen Geschmack wie die vo-
rige, die aber auch wie diese einen nationalen Gegenstand hat; Los
celos infundados und La hija en casa y la niadre en la mdscara Komö-
dien von der Art des Moratin; die Poetica in 6 Gesängen mit Anmer-
kungen und ausführlichen Anhängen über die Geschichte der verschie-
denen Dichtungsarten in Spanien; die Uebersetzung in Versen und
Erklärung des Briefs an die Pisonen; Edipo, die beste klassische spa-
nische Tragödie und vielleicht die beste und getreuste Nachahmung
des Oedipus rex; Poesias sue/tas, im Allgemeinen erotisch, unter denen
aber einige andrer Art .sich finden, wie die schöne elegische Epistel
an den Herzog von Frias ; Aben- Hurneya, ein zuerst französisch für
die Porte Saint -Martin geschriebenes Drama, in dem der Einflufs die-
ses Theaters sich ungemein bekundet; La conjuracion de Venecia cn
1310, ein Drama in Prosa, seine interessanteste Dichtung; Doha
Isabel de Solls, ein Roman (novela) , welcher wenig gefallen hat; end-
lich Vida de Hernan Pen.z del Pul</ar und El espiritu del siglo, ein
historisdi-politisches Werk, wovon einige Bände erschienen sind.
206 Manuel .Mila y l-'ontaiial^
SOI ZU liöieii geht. Damit will ich nicht sagen, dals
man nicht oft einen wahrhaft wissenschaftlichen Inhalt
mit einem lebendigen und belebten Vortrag zu vereinigen
wiiCste. Dies ist häutig der Fall in den bei den öffent-
lichen Receptionen der Academie gehaltenen Vorträgen
und den zur Erlangung des Doctorgrads verfafsten Dis-
sertationen (tesisj. ') Es handelt sich insbesondere darum
die musicalischen und ausdrucksvollen (expresivas) Schön-
heiten unseres reichen Idioms auszubeuten. Wenn die
Vorliebe fiir die Redekunst, der wir vorhin gedachten,
die Declamation veranlassen kann, so könnte diese sprach-
liche Richtung, wenn sie übertrieben wiirde, zu einer ganz
directen Nachahnmng unserer Alten führen, ein Fehler den
man an dem Historiker Toreno tadelte, und der ebenso
Avenifj in der etwus alterthümlichen aber sehr kräftioren
(sabrosisima) Prosa Baralt's wohl aufgenommen wurde.
Jedoch ist andererseits zu bedenken, dals wenn unsere
klassischen Prosaisten mitunter etwas rhetorisch Manierir-
tes zeigen, sie trotzdem Schätze sprachlicher Schönheit
und ächten (candorosa) Ausdruckes enthalten, deren Stu-
dium zu allen Zeiten vortheilhaft sein kann und dafs
manche von den Modernen welche sie besser kennen, un-
ter denen Hartzenbusch und Aribau zu nennen sind, den
reinen Stil zu bewahren wuCsten, ohne in das Archaistische
zu verfallen. Um diese Bemerkung-en zu vervollstäudioren
ist noch anzuführen, dafs einige durch ihr Talent und
ihre Liebe für die Wissenschaft sich emjDfehlende Jüng-
linge (deren philosophische und sociale Tendenzen wir
hier glücklicherweise nicht zu untersuchen haben) sich
') Unter den acadeniisrlien Abhandlungen nennen wir. ohne ge-
rade aut sie die obengeniachten Bemerkungen anwenden zu wollen, die
treffliche Vertheidignng der spanischen Politik im 16. Jahrhundert von
Canovas del Castillo, die gewissenhafte Arbeit von Tomas Muno/ über
die spanischen Municipien, und den Vortrag des Herrn Nocedal über
die Novelle (nnvela). Von den Doctordissertationen seien erwähnt die
des Herrn Coli y Vehi über die provenzalische Satire, die des Herrn
("atalina.über die angenommene Identität des Geistes der hebräisrhei\
und der spanischen Sprache und die des Herrn Vergara über das lite-
rarische Eigenthiim.
Jahresbericlite I. SpaniüLlie Literatur, 1860 — 151. 907
bestrebt haben, eine neue Prosa zu bilden, lebhaft und
glänzend allerdings, in der sich aber die Sprache der
Philosophie, die der Pohtik und der Poesie oder dessen
was man dafür hält, in übertriebener Weise mischen.
Trotz der Gefahr die Grenzen des Programms zu
überschreiten, wollen wir mit ein j^aar Worten über die
poetische Bewegung schliefsen, die man seit einiger Zeit
in den Ländern der Oc-Sprache diesseits und jenseits
der Pyrenäen bemerkt. Jasmin, in der Gascogne \S'2bj
vmd Roumanille, in der Provence 1835, weihten die neue
Kultur ihrer Provinzialdialecte ein, welche seitdem viele
Theilnehmer gefunden und so weit gediehen ist, ein
Werk wie Mireio hervorzubringen. ') 1833 erregte unser
Aribau, ebenso verdient um die catalanische Literatur,
als um die castilische, durch sein: A Deu statt furons,
einer schönen von einem Blatt Manzoni's inspirirten
Dichtung, von Neuem unsere Begeisterung für die
Sprache der Heimath, welche man niemals aufgehört
iiatte als eine gebildete und literarische Sprache zu be-
trachten. Die günstige Aufnahme, welche hernach die
Poesien J. Rubio's (Lo gaitev del Llohregat) und man-
ches Andere fanden, sowie der Erfolg welchen in den
letzten 3 Jahren die Blumenspiele erlangt haben, und
worin man etwas mehr als archäologische Versuche sehen
mufs, denn es haben daran Personen aller Stände Theil
genommen ■■^), lassen uns hoft'en, dafs, welches auch das
') Vergleiche Jahrbuch Bd. III, p. 440. Anm. des Ueransy.
') Das Volk (oder besser das Ex-Volk !) der Städte und Fleckeu
hat auch seine Chorgesänge (cantos corales) in welchen es der Sprache
des Landes sich bedient. Als das Werk von gröfstem Umfang wel-
ches man in dieser Sprache neu geschrieben hat, müssen wir La Or-
fnneta de Menargues nennen, ein historischer Roman (XV. Jahrh.) von
A. de Bofarull, der unter der Presse ist. — Es ist bemerkenswerth,
dafs Barcelona ziemlich beträchtliche Belohnungen für in oatalanischcr
oder in cai5tilischer Sprache verfafste Weike au-ssctzt. So mufs die
Direction (cmpresa) eines Theaters die 3 besten dramatischen Werke,
unter denen welche sich ihr am Ende des vorhergehenden Jalires dar-
boten, belohnen; so hat die Provinzial-Deputation durch Verniittclung
der Academia de buena.s letras 5000 Realen für eine Abhandlung über
den ••ingcfalleiien Paiau li.>lininit • >u das Atene«» eatalan lOOoo Uealen
208 Mau. Mihi yl'"uiUunalsJahicsb.TicliteI. Span. LitL'iatiir ISGO — CI.
endliche Schicksal sei das die Vorsehung der catalanischcn
Sprache bestimmt, ihr noch Tage des Glanzes aufgespart
sind.
für eine Monographie über irgend einen Gegenstand der spanisclien
(iesehiehte, und ein Vcrlagsbuchliändler ist bereit nieht weniger als
80000 Realen für den besten historischen oder spanischen Sitten-Roman,
der ilun geboten wird, zu gelten.
Barcelona, Februar ]S()2.
Manuel Mihi y Fontanals.
(Aus der spanischen Handschrift übersetzt von dem Herausgeber).
Kritische Anzeigen: Hertz, Das Rolandslied. 209
Kritische Anzeigen.
Uebersetzungen aus dem Altfranzösischen.
Das Rolandslied. Das älteste französische Epos. üebersetzt von
Dr. IVUh. Hertz. Stuttgart 1861, Cotta. (XIV u. 1G3 Seiten 8".)
Das älteste und volksmäfsigste und mit Recht berühmteste
aller altfranzösischen Epen des karolingischen Cyclus ist
unbezweifelt die Chanson de Roland , das Rolandslied.
Fränkische Volkslieder über die Schlacht von Roncesvalles
und den sagenhaften Grafen Roland existirten schon um die
Mitte des neunten Jahrhunderts, denn ihrer erwähnt um 837
die Vita Ludovici Pii des Anonymus Astronomus. Wol noch ein
volles Jahrhundert mochte es dauern, bevor die Franken ganz
aufhörten, sich der Sprache ihrer Väter zu bedienen und
die Sprache der unterworfenen Romanen, aus der sich das
Französische entwickelte, den vollen Sieg davon trug. Von
dieser Zeit an konnten auch die Heldenkämpfe Karls des
Grofsen und seines Gefolges nur mehr in französischer
Sprache besungen werden. Es mögen viele bald kürzere, bald
längere Volkslieder über den Zug Karls des Grofsen nach
Spanien, und die Niederlage der Nachhut seines Heeres bei
Roncesvalles gesungen worden sein; davon geben uns die
häutigen Erwähnungen der damaligen Chronisten Zeugnifs, er-
halten haben sie sich aber nur in veränderter Gestalt, zu
einem Ganzen vereinigt und abgerundet, in der Chanson de
Roland. Wenn von den Epen der Griechen und Deutschen,
nicht ohne in neuester Zeit auf vielfältigen "Widerspruch zu
stofsen, behauptet wurde, sie seien aus einzelnen VolksHedern
entstanden und erst später zu einem Ganzen umgedichtet und
vereinigt worden, so läfst sich das mit der gröfsten Wahr-
scheinlichkeit von dem in Rede stehenden Epos aussagen; die
ganze äul'sere Beschaffenheit desselben beweist es wol unwi-
derleglich. Wir wollen jetzt aber bei diesem Punkte, auf den
wir später noch zurückkonmien werden, nicht länger verwei-
len, sondern zuerst Einiges über die verschiedenen Hand-
schriften, in denen dies Gedicht enthalten ist, sowie über ihre
Auffindung und Veröffentlichung, kurz über die äufsere Ge-
schichte desselben mittheilen.
2l() Kriti.siln; Au/.i'iyoii
Es gibt in den Literaturen des Mittelalters wenig Stoffe,
die sich einer so grofsen Popularität erfreuten, als Roland's
Tod bei Roncevaux; eine ausführliche Aufzählung der diesen
Stoff bei den rerschiedensten Nationen besingenden (iedicht(!
gibt Fr. Michel in den Appendices zu seiner Ausgabe der
Chanson de Roland ; ganz abgesehen von dem uralten baski-
schen Volksliede und den spanischen Romanzen über Bernardo
del Carpio, da sie aus einer national-spanischen, der franzo-
sischen entgegengesetzten Anschauung entsprungen sind, linden
wir hier lateinische, mittelenglische, altdeutsche, dänische und
isländische Bearbeitungen in Versen und Prosa, womit aber
die Zahl derselben noch lange nicht erschöpft ist; aufser
mehreren französischen Prosai'omanen fehlen vornehmlich noch
die so wichtigen ialienischen Epopöen eines Pulci, Bojardo,
Ariosto; die Reali di Erancia, die Spagna des Sostegno de
Zanobi und Anderes. Kann es gleich nicht geläugnet werden,
dafs auf diese vielfältigen Bearbeitungen die um das Ende
des 11. Jahrhunderts entstandene Chronik des falschen Tur-
l)in , die auch hauptsächlich aus Volksliedern geschöpft hat,
von grofseni Einflufs gewesen ist, so mufs man doch anderer-
seits zugestehen , dafs die französische Chanson de Roland
einen mindestens ebenso grofsen ausübte; und, sonderbares
Geschick! während die Kenntnifs von derselben nie erloschen
war, und man schon seit Langem eifrige Nachforschungen
nach alten Handschriften, in denen man dieselbe vermuthete,
angestellt hatte, sollte es doch erst unserer Zeit vorbehalten
bleiben, sie an das Tageslicht zu ziehen, und dieses bedeu-
tendste poetische Erzeugnifs der altfranzösischen Literatur neu
bekannt zu machen. Der erste, der in neuerer Zeit Kenntnifs
von der Existenz einer alten Handschrift dieses Liedes gehabt
zu haben scheint, war der berühmte englische Gelehrte Tyr-
whitt, der in seinem Commentar zu Chaucer darüber einige
Andeutungen gab. Der durch seine Arbeiten über die alt-
französische Literatur bekannte Abbe de la Rue stellte eifrige
Nachforschungen in englischen Bibliotheken an, fand die Hand-
schrift, welche das Rolandslied in der ältesten uns zugekom-
menen Form enthält, in der Bodleiana in Oxford, und veröf-
fentlichte aus derselben — ohne sie aber, da sie keine Titel-
überschrift hat. für die so lange und eifrig gesuchte Chanson
de Roland erkannt zu haben, die er durch die bekannte, von
uns später zu erwähnende Stelle Wace's über Taillefer verführt
Hertz, Das Kulaiidslied. 211
für eine kurzi^ Cantilena hielt — einige kurze Auszüge in
seinen Essais sur les bardes et les trouveres anglo-normands,
Caen. 1834. 8". Bd. II, S. 64 ff. Im Jahre 1817 äufserte
Conybeare seine Absicht, ein Werk über Geschichte der eng-
lischen und französischen Literatur im Mittelalter zu veröffent-
lichen und theilte bei dieser Gelegenheit mit, dafs er in dem-
selben auch über ein altfranzösisches Gedicht zu berichten
gedenke, das von der Niederlage bei Roncesvalles handle und,
wie er aus Innern Gründen überzeugt sei, das älteste Denkmal
dieser Sprache sei , welches in britischen Bibliotheken existire.
Dieses Werk erschien nie. In demselben Jahre veröffent-
lichte Louis de Musset im ersten Bande der Memoires et Disser-
tations sur les antiquites nationales et etrangeres (Paris 1817)
einen Artikel unter der Ueberschrift: Legende du bienheureux
Roland, in dem die Analyse eines handschriftlichen Roman
de Roncivals gegeben wird, und Auszüge aus demselben niit-
getheilt werden. Diese Handschrift stammte aus der vormals
in Versailles befindlichen Bibliothek des Königs Ludwig XVI.
und war damals im Besitze des Grafen Garnier. Nach Mus-
set's Bemerkung beabsichtigte Guyot des Herbiers dieselbe
herauszugeben. Er verwirklichte aber diesen Plan nicht, son-
dern schenkte seine sorgfältige Abschrift der k. Bibliothek in
Paris, wo sie sich noch befindet. Die Versailler Handschrift
wurde im Jahre 1822 von dem Genfer Gelehrten , Bourdillon
erworben, der sie auch später herausgab , wie wir weiter un-
ten berichten werden. H. Monin veröffentlichte 1832 seine
bekannte Dissertation sur le Roman de Roncevaux, die aus-
führliche Inhaltsanzeigen und längere Stellen aus der Abschrift
(iuyots und aus einer andern unvollständigen Pariser Hand-
schrift des 13. Jahrhunderts enthält. Francisque Michel, des-
sen grofse Verdienste um die Herausgabe der altfranzösischen
Sprachdenkmäler allgemein bekannt sind , publicirte noch in
demselben Jahre sein Examen critique dieser Dissertation ;
im Jahre 1835 nahm er, durch die Hindeutungen Tyrwhitt's
und De la Rue's aufmerksam gemacht, in Oxford von der
dortigen Handschrift eine sorgfältige Abschrift, und zwei
Jahre später erschien die von ihm veranstaltete erste Ausgabe
dieses merkwürdigen Gedichtes in nur 200 Exemplaren (La
i'lianson de Roland ou de Roncevaux du XIP siede, publ.
pour la premiere fois d'apres le manuscrit de la bibl. bodleienne
\\ Oxford par Francisqile xMichel. Paris, Silvestre 1837. S".).
212 Krititit^hc Anzeigen:
Diese Oxl'order Handschrift, Nr. 1 der Handschriften des
Rolandsliedes, machte früher einen Theil der Bodleianischen
Bibliothek aus, wo sie die Nummer 1624 trug, unter welcher
sie Tyrwhilt anführt, jetzt steht sie unter den Digby Hand-
schriften als Nr. 23. Sie ist gegen das Ende des 12. Jahr-
hunderts auf Pergament in Octav geschrieben und enthält nocli
ein ins Lateinische übersetztes Stück Platon's. Das Rolandslied,
das keine Ueberschrift führt, nimmt 4002 zehnsilbige Verse ein,
die ohne Unterabtheilung in Lieder oder Gesänge auf einan-
der folgen. Sie sind in sogenannte Tirades monorimes abge-
theilt, d. h. eine unbestimmte Reihe von Verszeilen folgt ohne
Unterbrechung mit derselben Assonanz , die die Stelle des
Reims vertritt; hierin liegt auch mit ein Kriterium für das
hohe Alter dieser Abfassung, da hier noch Vocale mit Diph-
thongen assoniren , was die später regelmäfsigere Dichtung
nicht mehr duldete. Am Schlüsse der meisten Tiraden befin-
det sich das räthselhafte Wort Aoi, das schon viele Deutungen
veranlafst hat; am wahrscheinlichsten dünkt uns noch die An-
nahme Magnin''s in seiner Recension der Ausgabe von Genin
(Journ. des Savants, Decembre 1852), dafs es das Zeichen
für den singenden Jongleur gewesen sei, um zu pausiren und
den Ton zu ändern. Durch Versehen oder Mifsverständnifs
des Schreibers geschah es aber, dafs dieses Zeichen sehr oft
nicht am Schlufse, sondern in der Mitte einer Tirade gesetzt,
manchmal auch ganz ausgelassen wurde. ^) Am Schlufse des
Liedes nennt sich der Schreiber : „ Ci falt la geste que Turol-
dus declinet" (nach Hertzen's Uebersetzung: „Hier endet die
Mähre, welche Turold verläfst"); daraus haben die französi-
schen Gelehrten den Schlufs ziehen zu dürfen geglaubt, dafs
dieser Thurold oder Theroulde auch der Verfasser des Ge-
dichtes sei , und haben weitläufige Untersuchungen über die
Persönlichkeit, die mit diesem Namen gemeint sei, angestellt.
Doch ist es bei weitem wahrscheinlicher, dafs diessr Turold
der blofse Ab- oder Umschreiber war; denn die vielfältigen
Incorrectheiten und Wiederholungen lassen die Annahme nicht
') Auf die Ijedeiitting dieser .Stellung des Aoi haben die bisheri-
gen Herausgeber gar keine Rücksicht genommen ; uns will aber be-
dünken, dafs bei einer kritischen Ausgabe die Richtigkeit dieser Be-
hauptung Magnin's, die für die Tiradeneinthcilung und Aufeinanderfolge
von grofser Bedeutung ist, wird in Betracht gezogen werden müssen.
Hertz, Dati Holandslied. 213
glaublich erscheinen, duls dieser Text in seiner jetzigen Ge-
stalt von dem Dichter selbst herrühre; aber man wird diesen
Namen auch kaum für den aus einer altern Handschrift her-
übergenommenen des Verfassers halten dürfen, denn wie liefse
sich sonst erklären, dafs derselbe weder in den zahlreichen
andei-n Handschriften dieses Gedichts, noch in einer der frü-
hern Uebersetzungen vorkommt? Können wir daher auch mit
den Herren Michel und Genin, den französischen Herausge-
bern, über diesen Turold nicht einer Meinung sein, so wollen
wir doch gröfserer Bequemlichkeit willen die Oxforder Hand-
schrift unter Turold's Namen aufführen.
Die andern bis jetzt bekannten Handschriften der Chanson
de Roland sind: 2) eine Pergamenthandschrift aus der Mitte
des 14. Jahrhunderts in Venedig (Cod. Tiepolo, Nr. 4). Diese
Foliohandschrift enthält unter dem Titel ,,liber Roncivalis"
eine höchst merkwürdige Version des Rolandsliedes , von der
bis jetzt leider nur ein Theil bekannt gemacht worden ist.
Zuerst machte Imm. Bekker auf dieselbe aufmerksam, in den
Abhandlungen der Berliner Akademie für 1839: ,,Die altfran-
zösischen Romane der St. Marcus Bibliothek", hierauf theilte
Adalb. v. Keller in der Romvart 1844 gröfsere Auszüge aus
derselben mit, und später veröffentlichte Genin in seiner 1850
erscliienenen neuen Ausgabe der Oxforder Handschrift (La
chanson de Roland, poeme de Theroulde. Paris 1850. 8".)
ebenfalls einige Partien derselben. Diese Venetianer Hand-
schrift hat ungefähr GOOO Verse, und dürfte wahrscheinlicli
nach der Oxforder den ältesten Text bieten; sie schliefst sich
zum gröfsten Theile an den Turold'schen Text ziemlich genau
an, erst gegen den Schlufs werden die Abweichungen sehr
bedeutend und deuten darauf hin, dafs hier dem Schreiber an-
dere Vorlagen zu Gebote standen. ^) Ein grofses Interesse
hat diese Version in linguistischer Beziehung, denn die Sprache,
in der sie abgefafst ist, besteht aus einem seltsamen Gemenge
von Französischem und Italienischem mit einer ganz eigen-
thümlichen Orthographie. Aufserdem enthält die Handschrift
Nr. 7 derselben Bibliothek ebenfalls den Text der Roncevalles-
Schlacht, der auch noch in zwei andern Handschriften dieser
') Genin stellt 1. c. die Behauptung auf, dafs anfscr der Ver.-ailler
Version auch ein noch nicht aufiji^fiiiulenor Text dos Aymorisj de Nar^
linnne von Kinflufs gewesen sei.
214 Kritische Anzeij^en:
Bibliotliek sich befinden soll; - - 3) eine Handschrift der Pariser
k. Bibliothek aus dem 13. Jahrhundert, die wir. schon oben
erwähnten; sie stammt aus der Colbert'schen Sammlung und
hat jetzt die Nr. 7227. 5; der Anfang fehlt, sie beginnt mit
Tirade 77 (Hertz 79); — 4) eine ebenfalls am Anfange de-
fecte Handschrift der Lyoner Stadtbibliothek Nr. 984 aus
dem Anfange des 14. Jahrhunderts (sie beginnt mit Tirade 85
[Hertz 87]); diese beiden Handschriften niüfsten, wenn sie
vollständig erhalten wären, eine jede w'enigstens die doppelte
Zahl der Verse als die Turold'sche enthalten; statt der Asso-
nanz steht in denselben der Reim^); — 5) die schon oben
angeführte Versailler Handschrift aus dem 13. Jahrhundert,
die über 8000 Verse enthält und sich als eine Erweiterung
des Turold'schen Textes zeigt, dem sie ungefähr bis zur
Hälfte ziemlich genau folgt, dann aber bedeutend abweicht:
so nimmt z. B. die Episode von Aude, Roland's Braut, die
bei Turold nur 28 Verse füllt, hier 800 ein. Herr Bourdil-
lon, der Besitzer dieser Handschrift, hat nach derselben im
Jahre 1841 seine Ausgabe des Rolandsliedes veröffentlicht,
nachdem er schon früher eine Prosaübersetzung desselben hatte
erscheinen lassen; leider begnügte er sich aber nicht damit,
einen getreuen Abdruck des in seinem Besitze befindlichen
Textes zu veranstalten, sondern stellte aus einer Vergleich ung
desselben, den er für den ältesten und besten hielt, mit der
Oxforder und Lyoner Handschrift einen verbesserten Text her,
wobei er aber sehr willkürlich verfuhr, und z. B. einmal über
800 Verse ausliefs. Eine verläfsliche Ausgabe dieser Hand-
ßchrift, von der sich, wie früher bemerkt, auf der Pariser Bi-
bliothek eine genaue Abschrift befindet, existirt mithin noch
keineswegs; — G) eine Papierhandschrift aus dem 16. Jahr-
hundert im Trinity-College zu Cambridge; — 7) zwei Frag-
mente einer lothringischen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert,
beide sind in Genin's Ausgabe abgedruckt. Das erste Bruch-
stück von 176 Versen bezieht sich auf den Kampf Karls des
Grofsen gegen die Sarazenen; das zweite zählt 175 Verse
und handelt von der Sendung der Barone an Gerard de
Vienne, um Aude abzuholen, welche Episode bei Turold noch
') Aus diesen beiden Handsclu-iiteii, die noch nicht vcröffcntlielit
•.viirdcn, thcilt Fr. Michel längere Stellen mit.
Hertz ; Das Rolandslifd. 210
nicht vorkommt, dagegen sich in der Versailler Handschrift
befindet.
Die mehr erwähnten Ausgaben von Michel und Genin be-
schränken sich darauf, den Text der ältesten Handschrift abzu-
drucken; Bourdillon's Ausgabe kann kaum in Betracht kommen,
da sie gänzlich unkritisch und willkürlich mit dem Text um-
sprino-t; aber auch die beiden oben erwähnten Ausgaben lassen
im Punkte der Texteskritik viel zu wünschen übrig, wie dies Herr
Hertz, der Verfasser der vorliegenden Uebersetzung, schmerz-
lich empfunden hat; und vor allem vermissen wir noch immer
eine Ausgabe, die es sich zur Aufgabe gestellt hätte, aus
einer Vergleichung der verschiedenen Handschriften , wo-
bei auf die Venetianer ein besonderes Gewicht zu legen wäre,
mit Zugrundelegung der unbezweifelt ältesten und ächtesten
Oxforder Handschrift einen wahrhaft kritischen Text her-
zustellen. Mit Vergnüaen entnehmen wir der Vorrede des
deutschen Uebersetzers , dafs der als tüchtiger romanischer
Philologe sehr geschätzte Professor Conrad Hofmann in Mün-
chen, dessen Unterstützung Hei-rn Hertz bei seiner Arbeit viel-
fältig zu Theil wurde, gegenwärtig damit beschäftigt ist, eine
kritische Ausgabe des Rolandsliedes zu veranstalten. Noch
erübrigt uns aber, einer in Deutschland erschienenen Ausgabe
desselben rühmend zu erwähnen, die zu unserm Bedauern Herrn
Hertz unbekannt geblieben zu sein scheint, da er derselben
nirgends erwähnt, was um so auffälliger ist, als er sie in der
ihm gewifs nicht unbekannten Stelle der Literaturgeschichte
von Gervinus über die mittelhochdeutschen Bearbeitungen des
Rolandsliedes, Theil I, p. 235 ff. angeführt finden konnte.
Sie erschien 1851 in Göttingen: ,,La Chanson de Roland be-
richtigt und mit einem Glossar versehen nebst Beiträgen zin-
Geschichte der französischen Sprache von Dr. Th. Müller.
Erste Abtheilung.-' Leider ist nicht mehr davon erschienen'),
und dem Herausgeber standen bei seiner Arbeit nur die ge-
druckten Ausgaben zur Verfügung, so dafs also eine auf
Quellenstudium gegründete kritische Ausgabe noch immer als
ein Bedürfnifs erscheint; aber auch so hat Herr Müller einen
') Indessen heieitet Herr Professor Müller eine vollständige Aus-
gabe vor, wie er uns schon vor Jahr und Tag brieflieh niittheilte;
wir dürfen also wol ihrem Krseheinen in Halde entgegensehen.
Anm. (/'"« Ileraiisq.
2H) Kritische Anzeigen:
sehr schätzbaren Beitrag zur Herstellung eines gereinigten
Textes geleistet, und seine Verbesserungen und Conjecturen
würden Herrn Hertz mehr als einmal gut zu Statten gekom-
men sein. ^) —
Wir wollen nun auf das Gedicht selbst etwas näher ein-
gehen, und, indem wir dabei fast ausschliefslich nur auf die
älteste erhaltene Version desselben, die Turold'sche, reflectiren,
mit einigen Bemerkungen über die Zeit der Abfassung und die
Art der Entstehung desselben anheben. Wir haben schon oben
angeführt, dafs die Oxforder Handschrift ungefähr in der zweiten
Hälfte des 12. Jahrhunderts niedergeschrieben worden sei;
viel früher dürfte nach der übereinstimmenden Annahme
Wilh. Grimm's, Diez's und Michel's auch die Zeit der Abfas-
sung des Liedes in der erhaltenen Form nicht angesetzt wer-
den. Herr Genin hatte bei seiner Ausgabe desselben im Jahre
1850 noch behauptet, dafs dasselbe aus dem 11. Jahrhundert,
ja noch vor der Schlacht von Hastings stamme, und dafs der
Trouvere Taillefer vor dem Beginn derselben schon dieses
Lied gesungen habe. Diese Behauptung gab nun Herrn Magnui
in seiner schon erwähnten Besprechung von Genin's Ausgabe
im Journ. des Sav. Septembre 1852 Anlafs auf die Feststel-
lung der wahrscheinlichen Entstehungszeit etwas näher einzu-
gehen. Er untersucht zuerst die Sage von Taillefer's Singen
des Rolandsliedes vor dem Beginne der Schlacht von Hastings.
Diese gründet sich auf die berühmte, oft und neuerdings nocli
von unserm Uebersetzer mitgetheilte Stelle aus dem Roman
de Rou des normannischen Trouvere Wace. Es ist schon an
und für sich höchst unwahrscheinlich, dafs ein vor einer
Schlacht gesungenes Kriegslied ein Stück aus einem Epos ge-
wesen sei. Herr Magnin weist treffend nach, dafs alle uns
bekannten Kriegslieder, in was immer für eine Sprache sie
abgefafst sein mögen, kurze lyrische Lieder in einem lebhaften,
bewegten Mafse waren, mithin in einem, in der Natur der
Sache begründeten, vollständigen Gegensatze zur epischen Form
standen. Er fragt mit vollem Rechte, welche Pai'tie des Ro-
landsliedes, wie es uns vorliegt, wol geeignet gewesen sei.
^) Hier wollen wir noch anführen, dafs soeben eine neu-franzu-
sische Ucbersetzung in Versen erschienen ist: Roland, poeme heroique
de Theroulde, trouvere du XI. siecle, traduit en vers fran^ais par
J. Jnnain sur le texte et la versinn en prose de F, Genin. Paris 18G2. 8".
llortz. Das Rolandsliod. 217
als Kriegslied gesungen zu werden. Herr Geiiin wäre t'reilieli
nicht um eine Antwort verlegen gewesen, denn er wollte sogar
noch die Melodie des von Taillefer gesungenen Liedes in einer
noch vor wenigen Jahren in Wales gangbaren Volksmelodie
erkannt haben: l'air des marais de Ruddlanü Was verschlug
es, dafs sich das Lied, das nach dieser Melodie gesungen
wurde, auf zwei Niederlagen der britischen Kelten gegen die
Sachsen im 8. und 11. Jahrhundert bezog, deutete ja doch der
Name Ruddlan. so wie der der Grafschaft Rutland unzweifel-
haft auf Roland hin! Nicht viel fester, als bei diesen luftigen
Hypothesen, steht der historische Boden der Sage von Taillefer's
Singen. Fast alle gleichzeitigen Schriftsteller über die Hastings-
schlacht erzählen von Taillefer's Jongleurstücken, wie er dem
Normannenheere vorausreitend Lanze und Schwert mehrmals
in die Luft geschleudert und wieder aufgefangen habe, und
von seinem ruhmvollen Tode im Beginne der Schlacht; aber
keiner, weder Geoffroy Gaimar, noch Benoit de Ste More
oder Ranulph Higden weifs etwas davon , dafs er gesungen
habe. Auch AVilhelm von Malmesbury weifs nichts von Tail-
lefer, sondern erzählt, dafs Wilhelm der Eroberer selbst das
Rolandslied angestimmt habe (de gestis regum Anglorum):
,,Tunc cantilena Rolandi inchoata, ut martium viri exemphnn
accenderet, inelamatoque dei auxilio, praelium utrimque con-
certum." Ja Ranulph Higden stellt es ausdrücklich so dar,
dafs erst nach Taillefer's Tode das Rolandslied von König
Wilhelm angestimmt worden sei; worauf dann das Heer in
diesen Gesang eingefallen sei. Diese Zeugnisse lassen die
Darstellung des viel späteren Wace sehr unwahrscheinlich er-
scheinen ; selbst der Bearbeiter der Prosachronik von den
Herzogen der Normandie, der sich sonst meist treu an Wace
hielt, unterdrückte doch alles, was dieser von Taillefer er-
zählte. Welches Lied nun diese Cantilena Rolandi gewesen
sein mochte, die König Wilhelm und sein Heer sangen , wis-
sen wir zwar nicht, unzweifelhaft erscheint es uns aber, dafs
man hierbei nicht an das Rolandslied Turold's denken darf,
das früliestens der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts seine
Entstehung verdankt. Dafs das Alter desselben nicht höher
angesetzt werden dürfe, zeigt sich vor Allem aus der Sprache,
in der es gedichtet worden. Der bewährteste Kenner der ro-
nianischen Sprachen, Friedr. Diez, hat sich in seinen ,. Alt-
romanischen Sprachdenkniälern'' daliin ausgesprochen, dar>
.I;ilirb. I". r<jm. u. ciiul. Lit. IV. 2. 1,"»
213 KiitLsohc Anzeigen:
der anglonormamiisclie Diulcct , in dem dieses Litd ;iiit' uns
gokonimen, iiuf eine Zeit nach der Eroberung Englands durch
die Normannen hinweise, avo die grammatische Reinheit der
verpflanzten Sprache sicli schon ziendieh getrübt liatte. Herr
Magnin bringt in seinem mehrfach erwähnten vortrefTlichen
Aufsatze, dem wir hier gefolgt sind, auch mehrere Züge aus
dem Gedichte selbst bei, die wohl geeignet sind, uns über
die Zeit seiner Abfassung Fingerzeige zu geben. So d(niten
die Schilderung Karl's des Grofsen , die hier so ganz ver-
schieden von der verkleinernden, ihn oft geradezu verächtlich
darstellenden der weitaus meisten späteren Chansons de
geste ist, und die Feier des ,,süf'sen Frankreich" (dulce France),
die hier so oft wiederkehrt, unverkennbar auf eine Periode
hin, wo das Gefühl des gemeinsamen Vaterlands und die Macht
des Königthums gegenüber den separatistischen Tendenzen der
feudalen Barone erstarkt Avar. Ein solcher, wenn aucli keine
bleibende Nachwirkung hinterlassender, Ansatz zur Centrali-
sirung Frankreichs und Stärkung der königlichen Macht fand
aber in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts unter König
Ludwig dem Dicken und seinem Minister Abt Suger statt;
dies zeigte z. B. die Ausschreibung des Reichstages von Rheims
1125, wo alle Barone dem Könige gegen den deutschen Kai-
ser zu Hilfe eilten, der mit einem Einfalle in die Champagne
drohte. So kommt auch der Kriegsruf Movjoie (lateinisch:
mons gandii — meum gaudium), 1119 zum erstenmal beglau-
bigt vorj ebenso erscheint der Name Orißamme für die fran-
zösische Heeresfahne nicht vor 1125; diese beiden Ausdrücke
kennt und gebraucht aber das Rolandslied schon. Ebenso
wenig war es auch vor dem 12. Jahrhundert Sitte, Leib und
Herz getrennt zu bestatten, wie dies bei Turold erwähnt wird. ^)
Ueber die Art der Entstehung finden Avir in dem Werke
selbst mehrere Andeutungen von Wichtigkeit. Es unterliegt
keinem ZAA-eifel, dafs Avir das Rolandslied nicht mehr in sei-
ner ältesten Gestalt besitzen; dürfen wir dem Gedichte selbst
hierin Glauben schenken, so hatte schon eine ältere schrift-
liche Aufzeichnung existirt; Willi. Grimm führt in der treff-
lichen Einleitung zu seiner Ausgabe des ,,Ruolantes Lied-'
(Göttingen 1838) eine Stelle der Chanson an, die einer sol-
') Die Belegstellen zu diesen Anführungen linden sieh in Magnin'a
Aufsatz: Jonrnal des Savants, September und December 1852.
Hertz, Das Kolaii-]slic<l. 219
eben geschriebenen Quelle erwähnt (Tir. 272, Vors 9, Ausg.
von Michel): „II est escrit en l'ancienne geste". Zahlreich
sind aber die Stellen, die den Ursprung aus mündlichen Ueber-
lieferungen , die wir schon früher angedeutet haben, beweisen,
so Tir. 125, 15. 153, 1.3: „^'o dit la geste". Aber auch
Anführungen, die die Bestimmung des Liedes, gesungen zu
werden, bezeugen, kommen mehrfach vor, so u. A. Tir. 111,
18: ,,Male chan^un n'en deit estre cantee ". Die vielen Wieder-
holungen auch längerer Stücke, in denen dieselbe Situation
mitunter zwei- auch dreimal in verschiedener, manchmal sogar
widersprechender Fassung besungen wird, beweisen unwider-
leglich, dafs hier mehrere Versionen zu einem Ganzen vereinigt
wurden. Herr Hertz aufsert sich darüber in der seiner Ueber-
setzung vorhergehenden kui'zen P^inleitung (S. VIII) folgender-
mafseu: ,,Es ist übrigens längst ausgesprochen, dafs bei un-
serem Gedicht überhaupt von keinem einzelnen selbstslän-
digen Dichter zu reden ist. Kein Epos zeigt so deutlich wie
dieses seine Entstehung aus verschiedenen Volksgesängen und
Mllniähliclie Verschmelzung derselben durch das Entlehnen ver-
mittelnder Sänger und das Ineinanderschieben und Zusammen-
fassen ordnender Schreiber. Die Anfangsverse der meisten
Tiraden geben in wenigen Worten die Situation an und be-
zeichnen damit ebenso viele Stellen, wo der Sänger seinen
Vortrag anliob und bei der allgemeinen Verbreitung der Sage
jede weitere Einleitung sich ersparend seine Zuhörer gleich
niediam in rem fühlte. ^An besonders beliebten Stellen sind
sogar die Varianten der verschiedenen Bearbeitungen neben
einander stehen geblieben, sprechende Zeugen von der fort-
wäln-enden Fluctuation des Stoffes in freien, wechselnden
Formen. Diese Erscheinung tritt aber weiterhin besonders
bei den übrigen Handschriften und den Uebersetzungen zu
Tage, welche in den grofsen Zügen drr Sage alh'nthalben
ül)ereinstimnien, im Detail jedoch aufs niannichfaltigste ausein-
anderlaufen." — Und Paulin Paris, der mit seiner Heraus-
gabe von „Li Romans de Berte aus grans pies" (Paris 1832)
der Erste die Epen des karolingischen Cyclus in Frankreich
ihrer langen Vergessenheit entrifsen hat, äufsert sich in seiner
Kritik der Genin'schen Ausgabe (Bibliothe((ue de l'ecole des
chartes, Ser. III, toni. II, 1851) über diese Wiederholungen
also: . . . ,,Vom Standpunkte einer regelmäfsigen Ct)nipu.sition
ist es unmöglich, die meisten dieser Wiederholungen zu billigen
15*
220 Kritischo Anzeigen:
uihI zu reclitfVrtigen. Sic sind doppelt, dreifach, iniluiitcr
zeliiil'acli. und die Details der einen widersprechen häufig denen
der andern. Man darf aber auch nicht vergessen , dafs die
Chansons de geste in allen Provinzen Frankreichs verbreitet
wurden, und dafs man sie weder mit gleicher Betonung nocli
im selben Dialect sang. Diese ersten Veränderungen wurden
die Veranlassung anderer noch folgenreicherer. Die Jongleurs
fügten, wenn sie sich etwas au!' ihre Erfindungsgabe zu Gute
thaten, dem Original, das sie auswendig wufsten, neue Züge
hinzu. Erschienen diese Zusätze passend angefügt, so räum-
ten die Schreiber ihnen den geeigneten Platz im alten Gedichte
ein. Die Sänger erlangten grofse Vortheile durch diese Wie-
derholungen. War ihr Auditorium ihnen nicht zahlreich, nicht
aufmerksam genug, so konnten sie so Zeit gewinnen, und einen
gelegeneren Augenblick abwarten, um die schönen Stellen vor-
zutragen und ihr Honorar einzusammeln. Beim Studium die-
ser eigenthümlichen Composition darf man nie den Autor vom
Sänger, den Trouvere, der dichtete, vom Jongleur, der dar-
stellte, trennen." *) P. Paris führt dann ein auffallendes Bei-
spiel zweier solcher einander gerade entgegengesetzter Stellen
im Rolandsliede an; als der Verräther Ganelon (Guenes)
vorschlägt, dafs Roland die Nachhut von Karls Heere führen
solle, ist dieser hocherfreut, Tir. 58.: ,,Li quens Rollans,
quant il s'oit juger" u. s. w., die unmittelbar darauffolgende
Tir. 59 zeigt ihn eben dieses Vorschlags wegen gegen den
verrätherischen Stiefvater erbofst: ,,Quantot Rollans qu'il est
en l'arere-guarde, — Ireement parlat a sun parastre" u. s. w.
Solcher Stellen liefsen sich noch mehr anführen, wo man un-
möglich Genin beistimmen kann, dafs derlei Wiederholungen
der bewufsten künstlerischen Absicht des Dichters ihre Ent-
stehung verdanken-); wenn man ihm auch wird zugeben müssen.
1) Man vergleiche noch über diese Wiederholungen in den Chan-
sons de geste das Werk von J. Barrois, Elemens carlovingiens. Paris
1846. 4^. S. 186 ff. und insbesondere die ausgezeichnete Anzeige von
V. A. Huber über Barrois' Ausgabe der Chevalerie Ogier de Dane-
marehe in der Neuen Jenaischen Literaturzeitung, 1844. Nr. 95, 96,
98-100,
2) Huher sagt treffend in der o. a. Anzeige, S. 395 , wo er von
den Widersprüchen in den Tiraden spricht: „Alles dies und Aehnliches
aus der Ungescliicktheit der Dichter erklären zu wollen, wird Nieman-
den im Ernst einfallen, der irgend den richtigen Mafsstab auch nur
Hertz, Das Rolandsli.-d. 221
dafs zuweilen dies sich wirklich so verlialteii haben könne,
wie denn einigemal in diesen Wiederholungen geradezu ein
Hauptreiz des Gedichtes liegt, so z. B. wenn Olivier dreimal
vergeblich Roland auffordert, das Hörn Olifant zu blasen,
um Karin zur Hilfe herbeizurufen, oder die wiederholten, Un-
heil verkündenden, Träume Karls u. a. m.
Der Mittel- und Angelpunkt aber unseres Epos ist die
religiöse Begeisterung für den Sieg des Christenthums über die
Heiden: aus ihr entspringt die Siegesfreudigkeit, mit der die
Helden desselben als Streiter Gottes dem Tod entgegen gehen.
Neben diesem religiösen Enthusiasmus, wie ihn die Welt wol
nur ein einziges mal, zur Zeit der ersten Kreuzzüge gesehen
hat, kann selbst das sonst mächtigste Gefühl der Menschen-
brust, die Liebe, nur einen untergeordneten Platz behaupten.
Aber noch eine Idee ist es, für welche die Helden des Ro-
landsliedes begeistert sind, die der Liebe zum Vaterlande, zum
süfsen Frankreich. Diese beiden Ideen unterscheiden dieses
Epos auf eine charakteristische Weise von allen spateren
Chansons de geste, ja selbst von den späteren Bearbeitungen
des Rolandsliedcs. Genin hat in der Einleitung zu seiner
Ausgabe nachgewiesen, wie bedeutend in den dem 13. Jahr-
hundert angehörenden Recensionen das religiöse Element ab-
geschwächt ist; eine natürliche Erscheinung in einer Zeit, wo
gegen die römische Hierarchie, die Verkörperung der religiö-
sen Idee des Mittelalters, eine so starke Reaction eingetreten
war, wie dies aufser den Albigenserkriegen auch die Litera-
tur, namentlich in den Fabliaux, zeigt. Ebenso äufsert sich
auch das nationale Gefühl viel schwächer, so werden „les
Fran^eis" des alten Textes später regelmäfsig in „Les chres-
tiens" verwandelt. — Aus diesem Vorherrschen der Idee des
Kampfes zur Ehre Gottes erklärt es sich aber auch, dafs die
Träger dieser Idee, die einzelnen Plelden, keine scharfe In-
dividualisiruncj erlauben; sie kennen nur einen Zweck des
für die formale Tüchtigkeit dieser Dichtungen, abgesehen von solchen
Anomalien, anzulegen im Stande ist; und es bleibt in der Tbat inchts
übrig , als eine ziemlich lose und zu verscbiedenen Zeiten, ohne die
Absicht einer durchgehenden Consequenz luid strengen Einheit statt-
gctundene Rhapsodisirung — eine Zusanmientragung und V^erbindung
einzelner Lieder nnt Ausfüllung der Lücken, aber ohne Ausschliefsung
verschiedener IJehandlung desselben Momentes anzunehmen" u. s. \v.
222 Kritische Auzciycii:
Lebens, den Kampf gegen die Heiden. Der einzige Geneion
tritt schärfer und bestimmter hervor, er ist durch seinen K'i-
denschiiftlichen Egoismus, der vor Allem die Befriedigung si'i-
nes Rachedurstes sucht, zwar dem Bösen verfallen, aber er
ist doch ein tapferer, unerschrockener Mann, eine ursprüng-
lich edle Natur. Ganz anders stellen ihn aber die späteren
Versionen dar; bei ihnen ist er nicht nur ein Verräthei', son-
dern auch ein elender Feigling, auf den alle mögliche Schmach
gehäuft wird. Noch weniger, als die Christen, sind aber die
Heiden individualisirt; sie erscheinen nur als Verworfene, und
das Beste, was sich von ihnen sagen läfst, ist: ,, Welcher
Held, hätt' er nur Christenthum! •' Am günstigsten wird noch
die Königin Braimunde behandelt, gegen die sich Karl mit
grofser Schonung benimmt. Dies bringt uns auf die Rolle
zu S2)rechen, welche die Frauen in unserm Epos spielen. Es
erscheinen in demselben überhaupt nur zwei, die heidnische
Königin Braimunde, und Aide, die Verlobte Rolands, und
beide haben gar keinen Antheil an den Hauptereignissen, sind
blofse Nebenpersonen. Die Liebe zu den Frauen ist von so
untergeordneter Bedeutung im Leben der Helden unsers Epos '),
dafs Olivier vergeblich den Roland bedroht, er werde ihm seine
Schwester Aide nicht zum Weibe geben, wenn er den Olifant
blase (Tir. 128), und so denkt auch Roland sterbend wol sei-
ner Thaten, seines Kaisers und des süfsen Frankreichs, aber
seiner Braut erwähnt er mit keinem Wort. Dem Dichter
fehlte es aber dessenungeachtet nicht an einem warmen Her-
zen; beide Frauengestalten sind durchaus rein und ideal ge-
halten, und die zwei Tiraden, welche die Begegnung Aldens
mit Kaiser Karl und ihren jähen Tod beim Anhören der
Schreckenskunde vom Ende des treu Geliebten schildern,
machen gerade um ihrer Kürze und Einfachheit willen einen
desto erschütterndem Eindruck, und gehören zu den schönsten
Stellen des Gedichts. Auch hier erscheint der älteste Text
zu seinem grofsen Vortheil gegenüber den Jüngern Recensionen,
die sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen liefsen, diese
Situation möglichst auszubeuten, so aber dieselbe nur schwäch-
ten und verwässerten. Der Ton des ganzen Gedichts ist der
') Dieses geringe Hervortreten der Geschlechtsliebe ist charakte-
ristisch für die altern Epen des karolingisclien Cyclus: man vergleiche,
was V. A. Hdler in der o. c. Anzeige darüber sagt.
Hertz, (las Rolaudslied. 223
acht epische, ^vie er den Volksepen eigenthünilicli ist; rein
objectiv. so dals die Persönlichkeit des Dichters ganz und
gar nicht hervortritt, ruhig, ganz in den Stoff versenkt. Er-
müdend aber ist die eintönige Schilderung der vielen Kampf-
scenen, bei denen unser Epos mit sichtbarer Vorliebe sich
aufhält; charakteristisch ist demselben die schlichte Einfacliheit
und Rauheit der Sprache , die es verschmäht, sich in Bildern
auszudrücken; mit Recht bemerkt HeiT Hertz, dafs sich
unter den 4000 Verszeilen kaum ein einziges Bild findet
(Tir. 189; bei H. 141, V. 6):
„Und wie die Hirsche fliehen vor den Hunden."
Eine andere Eigenthümlichkeit unsei-es Gedichts ist, dals die
Anfangsverse mancher Tirade kurz die Situation angeben, die
in derselben geschildert werden soll, was sich zum Theil,
wie oben bemerkt, w^ol daraus erklären läfst, dafs sie als
Anhaltspunkte für den Sänger dienen sollten, um seine
Zuhörerschaft au fait zu setzen. Oft enthalten dieselben aber
auch kurze Schilderungen des Landschaftlichen, die eben durch
ihre Kürze und Gedrungenheit einen desto tiefern Eindruck
machen (Tir. 64, II. G6):
„Hoch sind die Berge, düster sind die Thäler,
Die Felsen braun, die Pässe wundersam." •
oder (Tir. 239, H. 241):
,,Grofs sind die Heere und die Schaaren schön.
Dazwischen war nicht Berg, noch Thal , noch Hügel ,
Nicht Holz, nicht Wald, da zeigt sich kein Versteck."
Man darf vielleicht von dem Rolandsliede mit Recht behaup-
ten, dafs sich in demselben mehr noch als bei den andern
grofsen Volksepen die reine Form des Volksgesangs erhallen
hat, dafs die umarbeitende glättende Hand des letzten Dia-
skeuasten hier am wenigsten bemerkbar ist. Die Homerischen
Gedichte nehmen freilich eine unendlich liöhere Stufe als
das Rolandslied ein durch die reiche Manniclifaltigkeit, die
Vollendung und ausgebildete Plastik der Form, sie haben
vor demselben den grofsen Vorzug einer vollkommen ent-
wickelten Sprache und ein grofscr Dichter hat diesen Epen
die letzte Vollendung und Anordnung gegeben, lauter Vor-
züge, deren sich das französische Epos nicht erfreute; und
auch die Nibelungen überragen dasselbe durch die grofsartig«-
224 Kritische Anzeigen:
Tiefe und Kühnheit der Charakterisirung, durch die fest durch-
geführte Individualisirung, durch das dramatische Leben weit;
aber keines dieser einzig dastehenden Epen ist dem Itolands-
liede in Hinsicht auf die eigentliche Coniposition, die Einheit
des Plans, das Hervortreten der dasselbe belebenden Idee
überlegen. So darf man denn dem Epos von der Schlacht
bei Roncesvalles , denn so , Chanson de Roncevaux , lautete
vielleicht der älteste Name desselben, den Platz neben diesen
grofsen epischen Gedichten anweisen; spiegelt es ja doch auch
das Leben eines Volkes und den innersten Gedanken einer
grofsen Zeit wieder.
Schon sehr frühe wurde das Rolandslied in das Mittel-
hochdeutsche übersetzt; Wilh. Grimm weist in seiner mehr-
erwähnten Ausgabe nach, dafs das Ruolantes Liet vom Pfaf-
fen Konrad auf den Wunsch der Herzogin Mathilde, Gemalin
Heinrichs des Löwen zwischen 1173 — 1177 niedergeschrieben
wurde. Im 13. Jahrhundert verfalste der unter dem Namen
der Stricker bekannte Dichter eine erweiterte Umarbeitung von
Konrad's Uebersetzung. Das Werk des Pfaffen Konrad
schliefst sich zwar im Ganzen treti an Turold's Gedicht an,
wie es sich denn auch ausdrücklich auf eine französische
Quelle beruft; im Einzelnen kommen aber doch so viele Ab-
weichungen von demselben vor, (worüber Grimm a. a. O.
nachzulesen ist), dafs es nicht unwahrscheinlich erscheint, dafs
Konrad aufser demselben noch andere Versionen dieses Epos
zu Gebote standen. Keine der beiden deutschen Bearbeitungen
erreicht aber das französische Vorbild ; sie haben nicht mehr
die concise Gedrängtheit, die kernige Kraft desselben, sie
sind eben schon mehr höfische Verwässerungen.
In neuerer Zeit wurde das französische Original zuerst
von Adalbert v. Keller in seinen ,, Altfranzösischen Sagen"
in einer prosaischen Verdeutschung wiedergegeben; Herr Hertz
aber ist der erste, der es unternommen hat, dieses bedeutendste
Epos der Franzosen in poetischer Form bei den Deutschen
wieder einzubürgern, die vielleicht vor einem Jahrtausend
schon Rolands Thaten in ihrer Sprache besungen hatten. Wir
glauben, dafs Herr Hertz sich durch seine Uebersetzung An-
spruch auf den Dank jedes Gebildeten erworben hat; es ist
ihm gelungen, in derselben den epischen Ton treu wiederzu-
geben, und dieses alte Heldenlied hat in seiner Uebertragung
nichts an Kraft und Originalität eingebüfst. Ueber sein Ver-
Hertz, Das Rulaiidslied. 225
fahren bei der Uebersetzung wolien wir Herrn Hertz selbst
sich aussprechen lassen (Einleitung S. XIV): „Die Assonanz,
welche uns überhaupt nicht ohrgerecht ist, habe ich der Treue
der Wiedergabe geopfert. Die Mühe, welche die Durchfüh-
rung gleicher Vocale in den Versendungen gekostet hätte,
wäre mir von Wenigen anerkannt, von noch Wenigeren ge-
dankt worden. So machten es mir die freien Jamben mög-
lich, dem Wortlaut des Originals, soweit diefs , ohne der
deutschen Sprache Gewalt anzuthun, geschehen kann , Schritt
für Schritt zu folgen. Was den zu Grunde gelegten Text be-
trifft, so bin ich hier Herrn Professor Conrad Hofmann in
München zu neuem Danke verpflichtet, welcher mich aufs Frei-
gebigste die Früchte seiner mühsamen Textkritik geniefsen
liefs, indem er mir an zweifelhaften Stellen seine zum Druck
bereitliegende, durch Vergleichung und Beigabe des wichtigen
Venediger Textes bereicherte Recension des Gedichtes zu be-
nutzen gestattete, ohne die es mir bei der von Unwörtern und
falschen Lesungen strotzenden bisherigen Ausgaben unmöglich
gewesen wäre, das alte ächte Rolandslied in einem treuen Ab-
bild wiederzugeben." Eingestandenermafsen hat also der Herr
Uebersetzer bei diesem Verfahren uns nicht das Turold'sche
Werk vollkommen in der Gestalt wiedergegeben , wie es die
Oxforder Handschrift uns überliefert hat, er ist auch noch
w^eiter gegangen, er hat aus andern Recensionen einzelne Verse
und auch eine volle Tirade entnommen; er hat einzelne Vei-se
ausgelassen und die Stellung der Tiraden verändert, wenn
ihm dies zur Herstellung verdorbener Stellen nothwendig er-
schien. Wir wollen mit dem Uebersetzer über diese Freiheit,
die er sich genommen, nicht rechten; er hat eben kein an-
deres Recht in Anspruch genommen, als wovon die alten Jon-
gleurs und der Schreiber der Turold'schen Version selbst,
möge er nun wie immer geheifsen haben, vollen Gebrauch ge-
macht haben; war gedenken nur an einigen Beispielen sein
Vorgehen etwas näher zu beleuchten. Zuerst bemerken wir,
dafs er das Gedicht in zwei Theile geschieden hat, deren er-
sten ( Tir. 1 — 176) er „Rolands Tod" ^ den zweiten fTir.
177 — 295) „Die Rache" benennt. Mit Rolands Ilcldentode hat
das Gedicht den Höhepunkt des Interesses erreicht und hier
war ein Abscliiiitt nothwendig und geboten; so rechtfertigt
sich diese Eiiitluilung, die in der Oxforder Handschrift nicht
viirkornuit. Eine Vergleicliung des von Fr. Mic/icl herausge-
22ß Kritisch«.- Aii/ci^an :
gcbeiieii Textes mit der vorliegenden Uebersetzung zeigt ferner,
dafs die Stellung der Tiraden zum grofsen Theile eine ganz
verschiedene ist, wie auch schon die von uns angeführten Stel-
len bewiesen haben, wobei wir zugeben müssen, dal's durch
die Anordnung des Uebersefzcrs in den meisten Fällen das
(iedicht gewonnen hat; so besteht z. ß. die Tir. 20 bei Hertz
aus den ersten 6 Versen der Tir. 2(> bei Michel, Tir. 21 H.
ist dann die Tir. 24 M., 22 H. ist gleich 23 M. und Tir. 24
H. sind die IG oben ausgelassenen Verse der Tir. 20 M.;
wer sich die Mühe nimmt, die Tiraden in der Ordnung zu
lesen, wie sie in Michel's Ausgabe stehen, und damit die
Ilertz'sche Anordnung vergleicht, wird ohne Zweifel zugeben
müssen, dafs durch letztere die natürliche Ordnung wieder
hergestellt -worden sei und dafs daher diese Veränderung voll-
kommen berechtigt war. Die gröfste Freiheit, die sich Herr
Hertz gestattete, war die Einschiebung einer ganzen Tirade,
nämlich der Tir. 111, die bei Michel gänzlich fehlt, und der
Lyoner Handschrift entnommen ist; wir glauben nicht, dafs
das Gedicht durch dieselbe viel gewonnen hat, und müssen
gestehen, dafs die Verwirrung, die in der Erzählung des gro-
fsen Kampfes des Heidenheeres mit Roland und seinen Ge-
fährten besteht, uns durch dieselbe keineswegs gehoben scheint.
Warum Herr Hertz den 3. Vers der Tir. 154 (bei M. 152):
„Li arcevesque prozdom e essaiet" ausgelassen, vermögen wir
nicht einzusehen, er schiene uns nicht fehlen zu dürfen. Die
Ausgabe von Müller würde Herrn Hertz auch Gelegenheit zu
einigen zweckmäfsigen Aenderungen gegeben haben; wir wol-
len hier nur auf die Bemerkungen desselben zu den Tiraden
96, 101 und 153 aufmerksam machen, die uns sehr richtig
dünken. Welche Verbesserungen und Aenderungen dem
Venediger Texte entnommen sind, vermögen wir nicht anzu-
geben, da dieser bis jetzt erst zum kleinsten Theile gedruckt
ist; wir sehen mit gespannter Erwartung der versprochenen
Ausgabe Hofmann's entgegen, die uns endlich einen gereinig-
ten ^und wiederhergestellten Text bringen wird. Herr Hertz
hat in seiner Uebersetzung jene Stellen durch Klammern be-
zeichnet, die sich als ganz überÜüssige, oft Sinn störende Jon-
gleurzusätze zeigten; wir glauben, es wäre hier erlaubt gewe-
wesen, dieselben, wo sie sich als geradezu mit dem Vorher-
gehenden oder Nachfolgenden unverträglich zeigten, wie z. B.
Tir. 59 (bei H. Ol), oder Tir. 108 (Vers 9 — 10 von Tir.
Ilortz, Marie de P'raiico. 227
lU9 bei H.) ganz wegzulassen. Sehr dankenswerth ist es,
dafs der Uebersetzer, der seine schöne Arbeit dem auch um
die Geschichte des altfranzösischen Epos hochverdienten Dich-
tergreis Ludwig Uliland gewidmet hat, dem Verständnisse des
Lesers mit erklärenden Anmerkungen am Schlüsse nachge-
holfen hat.
Wien. Adolf Wolf.
Marie de France. Poetisch*; Erzählungen nach altbretunischen I.iebos-
Sagen übersetzt von Wilhelm Hertz. Stuttgart 1SG2. (XXVIII,
258 Seiten.)
Zu den anziehendsten Producten der altfranzösischen Li-
teratur gehören nach des Referenten Meinung unbedingt jene
kürzeren Erzählungen, die unter dem Namen Lais, Fabliaux,
Contcs bekannt sind und zu denen auch die vorliegende
Sammlung gehört. Schon der Umstand dafs sie, in einen
kleineren Rahmen gefafst, die Lust und Aufmerksamkeit des
Lesers schneller zu erwecken und zu fesseln vermögen, ist
kein kleines Verdienst, abgesehen von mehrfachen andern,
worunter die Mannichfaltigkeit des Inhalts ganz besonders her-
vorzuheben ist. Den eigenthümlichen Werth der gröfseren erzäh-
lenden Werke des Mittelalters verkleinern zu wollen , wird
hiermit nicht im mindesten beabsichtigt, nur leuchtet es ein,
dafs jederzeit caeteris paribus besonders auch in der Litera-
tur das Gedrungenere den Vorzug verdient. Schon deshalb
also glaubt Referent, dafs Marie de France in ihrem modernen
Gewände unter uns ein willigeres Publikum finden wird als
jene längeren Epen; der lyrischen Dichtungen zu geschweigen,
deren Eintönigkeit bei aller Abwechslung und technischen
Vollendung der Form doch oft recht herzlich langweilig wird.
Dazu kommen nun noch die eigenthümlichen, preiswürdigen
Eigenschaften der normannischen Dichterin, über welche der
Uebersetzer sicli folgeiulermafsen ausspricht: „Dafs Marie ihre
Quellen nicht einfach aus dem Bi*etonischen ins Norn)annische
übersetzte, liegt in der Natur der Sache. Denn während e.s
dem Volkslied und der schlichten Volksspradie überhaui)!
charakteristisch ist mehr zu erzählen als zu rrklären, die
228 KiitLsclie Anzeigen:
Ereignisse mit wenig kecken unvermittelten Zügen vorzu-
führen, die aus dem Gemüth hervorgehenden Handlungen
schlechthin als etwas Fertiges hinzustellen, oder ihre Innern
Gründe höchstens in kurzen lyrischen Tönen anklingen zu
lassen, linden wir bei Marie eine künstlerische Durchbildung
des Stoffs, welche keine Lücken, keine Rüthsel duldet, eine
liebevolle Versenkung in die Gemüthswelt, eine feine Dialektik
der Leidenschaft, ein episches Behagen der Erzählung ohne
Geschwätzigkeit, eine Klarheit und Gewandtheit der Sprache
— alles Eigenschaften, welche ihren Werken den Werth selbst-
ständiger Schöpfungen sichern. Bei aller Kunstvollendung hat
sie aber die Frische und Wahrheit der Emptindung, die Nai-
vetät der Darstellung keineswegs eingebüfst und mit modernen
Augen angesehen wird ihre Erzählungsweise gar Manchem
mit der des Volkes in Sage und Märchen zusammenfallen".
Wer Marie de France bereits kennt oder sie durch die vor-
liegende treffliche Uebertragung erst kennen lernt, wird diesem
Urtheil unbedingt beistimmen.
Zu diesen Verdiensten der Dichterin selbst kommt nun
noch das der erwähnten anziehenden Stoffe; „denn bis auf
wenige, mit denen sie den Wunderlichkeiten des Zeitgeschmacks
ihren Tribut zollte, zeichnen sich ihre Stoffe durch einheit-
liche Handlung, durch anmuthige oder merkwürdige Begeben-
heiten, durch ein tiefer gehendes psychologisches Interesse
vortheilhaft vor der Mehrzahl der übrigen aus". Aber auch
in kulturhistorischer Beziehung sind sie nicht minder von mehr-
facher Wichtigkeit. Eine hierhergehörige Abhandlung des
Ueberset^ers „Der Werwolf. Beitrag zur Sagengeschichte",
Stuttgart 1862, hat der Referent noch nicht zu Gesicht be-
kommen. Anderes Zahlreiches der Art übergeht letzterer,
wie auch Hertz sich in seinen Anmerkungen nur auf das zum
Verständnifs des Textes Allernöthigste beschränkt hat. Nur
in Betreff dessen was „auch anderwärts spröden Rittern von
minnebegehrenden Damen vorgeworfen wird, so in einem Ge-
dicht der Berner Liederhandschrift" will Referent noch auf v.
d. Hagen's Gesammtabenteuer Bd. 1, S. CL und als in allge-
meiner Beziehung sehr bemerkenswerth auf J. G. Müller's
Geschichte der amerikanischen Ürreligionen , Basel 1855, an
ilen im Register S. 703% Z. 4 v. o. angeführten Stellen ver-
weisen.
Was die behandelten Sagen selbst betrifft, so hat der
Le tresor do P. de Corbiac, Ausg. v. Sachs. 229
Üebersetzer hinsichtlich der Berührungspunkte derselben mit
ähnlichen einige kurze Andeutungen gegeben. Hervorzuheben
ist hierbei wie im Ganzen diese Aehnlichkeit nur selten auf
einen nähern Zusammenhang hinzeigt und sich über die ur-
sprünglichen Quellen fast gar nichts weiter sagen läfst als
was Marie hin und wieder selbst bemerkt.
Da bis jetzt von den Werken dieser Dichterin nur eine
einzige Ausgabe vorhanden ist und auch diese nicht immer in
den Händen derer sich befindet, die dieselben näher kennen
zu lernen wünschen, abgesehen davon, dafs eben nicht Jedem
das Altfranzösische geläufig ist, so wird es gewifs sehr will-
kommen sein, dafs durch die vorliegende Uebersetzung jene
üebelstände nun beseitigt sind, um so mehr als sie bei gröfster
Treue sich auch noch ganz besonders fliessend und wohlklin-
gend darstellt. Sie befriedigt somit alle Ansprüche, die man
an eine derartige Arbeit machen kann, so dafs sie nach des
Referenten Ueberzeugung sich eines grofsen Leserkreises ei--
freuen und dem begabten Verfasser vielfachen Dank, der
Dichterin aber zahlreiche neue Freunde erwerben wird.
Lüttich.
Felix Liebrecht.
Le tresor de Pierre de Corbiac en vors provenpaiux public en outier
avcc une introduction et des extraits du Breviaire d'amour de
Matfre Ermengau de Beziers, de l'Image du monde de Gautier de
Metz et du Tresor de Brunetto Latini, par Dr. Sachs. Brandeu-
burg 18Ö9. 40. 34 S.
Bisher waren von diesem interessanten Gedichte, das
uns den Umfang der Wissenschaft im dreizehnten Jahrhundert
kennen lernen lässt, nur verschiedene Bruchstücke gedruckt:
zum ersten Male gibt Herr Dr. Sachs den vollständigen Text.
Die vorangeschickte Einleitung behandelt zunächst des Dich-
ters Lebensumstände und übrige Werke. Letztere reduciren
sich auf ein Marienlied, das sich ausser der vaticanischen
Handschrift 3204, die der Herausgeber mit Berufung auf
Croscimbeni und Bastero citirt (sie befindet sich aber längst
nicht mehr in Rom, sondern in der kaiserlichen Bibliotlick
230 KrilisclR' Anzeigen :
zu l^aris , suppl. IVanr. o(y.i'2 , sielie nieiiicn IVirc Vitlal
S. LXXXVIII), in den Pariser Handschriften 7220, 7225
lind La Valliere 14 findet, und zuletzt in meinem provenza-
lisclien Lesebuche S. 92 — !)ö nach k'tzterer gedruckt ist.
Auch die Modenaer, 1246 geschriebene Handschrift enthält das
Marienlied. Von den Lebensumständen des Dichters wissen
^vir nicht mehr als im ,,Thezaur" selbst angedeutet ist. Dar-
nach scheint Meister Peire von geringer, jedenfalls von bürger
lieber Herkunft, aber gelehrt gewesen zu sein. Vermuthlich
gehörte er dem geistlichen Stande an, ausserhalb dessen er
sich schwerlich Kenntniss so verschiedener Wissenschaften
erworben haben würde. Eine auf sein Leben bezügliche Stelle
hat der Herausgeber übersehen: Peire sagt, dass er seine
arithmetischen Kenntnisse sich in Orleans (ad Horlhens 585)
erworben habe. Die Lebenszeit wird von Herrn Dr. Sachs
nicht bestimmt: doch hätte sich für sie ein sicherer Anhalts-
punkt gewinnen lassen. In der provenzalischcn Lebensnach-
richt über Aimeric von Belenoi (Mahn, Biographien 14) wird
gesagt, dass dieser Dichter der Neffe Meisters Peire von Corbiac
gewesen sei (neps de maistre Peire de Corbiac). Auch Aimeric
Avar Geistlicher und dadurch gewinnt die gleiche Annahme für
Peire an Wahrscheinlichkeit. Aimeric dichtete etwa zwischen
1220 — 1245 (Diez, Leben und AVerke S. 556): wir werden
daher nicht weit abirren, wenn wir Peire's Zeit von 1200 —
1230 setzen.
Der Herausgeber spricht dann von gleichbetitelten Werken,
von denen aber kein poetisches weiter nachweisbar ist (S. 4).
Er gibt dankenswerthc Auszüge aus Brunetto Latini (S. 4 — 6)
und erinnert bei Gelegenheit des Wiesels, der durch das Ohr
empfängt und durch den Mund gebiert (vgl. Metamorph. 9, .323),
an die Stelle im Marienliede unsers Dichters (dans une chanson
d. h. in der einzigen die wir von ihm haben), wo er der
Empfängniss Maria durch das Ohr gedenkt. Von einer Ver-
gleichung mit dem Wiesel hat Peire und auch Millot, auf den
Herr Sachs sich bezieht, nichts. Die Stelle lautet (Lesebuch
92, 42 — 45):
tot l'afaire
Cjueus dis Tangels saludaire,
can receubes per Taurelha
dieu que enfantes vergina.
Auch aus dem poetischen Image du monde gibt Herr Sachs
Le tresor di' P. de Corhiae, Ausg. v. Sachs. 231
einige Auszüge (S. 0 — S) und ebenso sagt er einiges über
das Breviari d'amor.
Der Text, den Herr Sachs gibt, scheint sich am meisten
an die römische Handschrift (Vatic. 320G) anzuschliessen,
wenigstens weicht er stark von der Pariser ab, so weit ich
vergleichen konnte. Dazwischen stehen die in jener fehlenden
Verse aus der Pariser, also eine bunte Mischung beider Re-
dactionen, die dem echten Texte gewiss so fern als nur mög-
licli steht. Die Entscheidung über die Ürsprünglichkeit der
beiden Redactionen ist schwer, wie der Herausgeber riclitig
bemerkt. Im Ganzen jedoch macht die Pariser, auch viel
jüngere Handschrift den Eindruck eines später erweiterten,
interpolirten Textes. Namentlich gilt dies von den biblischen
Erzählungen , die unverliältnissmässig breit behandelt sind.
Leicht konnte gerade hier ein bibelkundiger Schreiber ganze
Stellen einschieben: die römische Handschrift hat liier in der
Regel nur ein paar Zeilen, z. 13. hier 104 — 15,3 nur zwei.
Herr Sachs hat die nur in der Pariser sich findenden Verse,
aber nicht durchgängig, durch einen Stern bezeichnet. Ich
lasse eine Reihe Bemerkungen zu dem Texte folgen.
Die Verse 3. 4 sind gewiss zu streichen , daher auch
wol 2, alle drei stehen nicht in der römischen Handschrift.
7. c'om sui de sen manens, ich halte für besser com zu
schreiben: ,,wie reich an Verstand ich bin". 15. mos
frairs e mos parens: im Singular kommt allerdings frair für
fraire vor, ob auch im Plural bezweifle ich. Raynouard liest
mos fraires, mos parens. 17. mas rendas son las paucas:
das ist auffallend. Ich vermuthe be paucas oder ein anderes
einsilbiges Adverbium. 18. vivre ,, leben" und ebenso
viv 20, vivs 2ß, deslivramens 244: dagegen steht mou .SG,
was allein richtig ist. So lange sich Herausgeber an die von
Raynouard aufgestellte, den Reimen und der Metrik wider-
streitende Orthographie halten, kann von einer wissenschaft-
lichen Beliandluiig der Texte nicht die Rede sein. Gleiche
Inconscquenz zeigt sich in der Unterscheidung von i und j:
Herr Sachs schreibt majormens 49, pojans 738, niajors 757,
enipejuramens 778, an letzteren drei Stellen nach der Ortho-
graphie in meinem Lesebuche (S. 150—151), dagegen
onvcia 52, auias Ol. 121, naveiamens 251. 22. es fehlt
eine Silbe: lies et es plus pretios oder 'quez es. 3S. lies
ieu statt jeu. :>•.». nofh innner folgt der Herausgeber der
232 Kritisrli.' An/eii(en:
von li;iyiiouard licrrülireiHlcn Annalinio eines Artikels el (vgl.
Diez, Grammatik II [2. Ausgabe], 85) und schreibt (ju'el sanz
paire für quel. Nach 41 nuiss ein Punkt stehen. 59. e ac
pueys joya non ac: der Ilalbvcrs ist überladen und ohne Sinn.
Offenbar ist e zu streichen und anc pueis zu schreiben.
79. i' vor jous ist zu streichen: auch Raynouard (lex. rom.
VI, 28) der die Stelle anführt, hat es nicht. 88. in der
Handschrift steht ohne Zweifel del latz .,von der Seite'-.
100. die zweite Vershälfte ist zu kurz: not prenga ja talens
muss gelesen werden. 105. le diables qu'es mes en la
serpens: unrichtig abgetheilt. Man lese ques mes (d. h. que-s
mes) „der sich verwandelte". 110. falsch interpungirt;
ieu no, sol respon Eva muss gelesen werden. Wie Herr Sachs
liest würde es heissen „ich bin es nicht", antwortete Eva,
denn er wird so doch nicht als „ich weiss" auffassen wollen?
Die Wiederholung des Personalpronomens in der Antwort ist
ganz gewöhnlich: gleich 115 steht o ieu be: ebenso im mhd.
nein ich. 113. auch falsch interpungirt: man lese tu sabras
tot cantes, bes e mals issamens. 121. Adam, so li dis Eva,
aujas e be m'entens. Ich habe he ergänzt, weil sonst der Vers
zu kurz ist, denn aujas (nicht auias) kann nur zwei Silben
bilden. 126. falsch interpungirt: lies mais pueis ne sabrem
pro, que be (lies ben) y so crezens. 129. vor dieser Zeile
fehlt wenigstens eine: qu'el ist wieder quel zu lesen: die oder
den ihm. 133. Um zwei Silben zu kurz: vermuthlich zwi-
schen d'aquel und senhor. 134. lies segon mos essiens.
138. el diables n'en er. 144. lies femna, per c'o fezist?
152. fehlt eine Silbe in der ersten Vershälfte. 153. lies
estet für esset. 155. lies a tos sossiguens (subsequentes) :
deinen Nachkommen. 159. der ersten Vershälfte fehlt
eine Silbe, etwa et ac filhs et ac filhas. 1*63. en los focx
ardens ist zu lesen, wie 516 steht; auch 378 steht falsch en
lor focx ardens. Die Handschrift wird wol überall das rich-
tige haben. 165. l'ac: es iet wol ac zu lesen. 168. com
al solelh gibt keinen Sinn, es mufs heifsen conial solelh: aber
auch dies widerstreitet dem Rythnius, der erfordeit aissi col
solelhs intra pel veire resplandens. Den Gedanken wiederholt
das Marienlied des Dichters, Lesebuch 92, 61:
si com, ses trencamen faire
intral bels rais, can solelha
per la fenestra veirina.
Le tresor de P. de Corbiac, Ausg. v. Sachs. 233
175. die erste Vershälfte zu kurz: vielleicht non i perdet.
178. avia ist unrichtig: die Handschrift wird wol aura haben.
180. lies apostels, auf der vorletzten Silbe betont, wie angels.
191. zu lang: man lese c'anc i*es nol fes tornar für non li
fes. 200. lo ren del cel soll die Handschrift haben: wenn
dies wahr ist, so schrieb der Schreiber, falsch lesend, ren für
reis: aber re was nur im Texte steht ist unrichtig. 201. lies
e volc so für e vo so. 203. nach negus fehlen zwei Sil-
ben, vermuthlieh ein Substantivum. 208. de dos ans totz
ver cens ist ohne Sinn. Für ver cens hat die Handschrift
jedenfalls das richtige vertens, das 312. 621 steht. 205. auch
hier offenbarer Lesefehler: jom steht für jorn, schon in der
Handschrift? 211. hat nur zehn Silben. Ich lese sol
(Handschrift so) de sum e de sum vos dirai o breumens. Das
zweite de und o füge ich hinzu: vergleiche die Lesart der rö-
mischen Handschrift zu 225 e dirai o breumens. 2 15. oc-
tans verstehe ich nicht. Wenn oc richtig gelesen ist, mufs
es doch wol heifsen oc tans. 224. lies tans lenguatges.
228. son fil ist eingeschlichene Glosse, die den Vers über-
ladet. Statt sanctificamens ist mit g sacrificamens besser zu
lesen. 231. offenbar malamens. 232. ne vec? vermuth-
lieh ne vol. 234. nach ieu fehlt eine Silbe: lies sai ieu
dir. 242. lies fetz. 274. lies pobols. 270. et ist zu
streichen. 279. besser de Gezabel. 282. Die Beziehung
auf Gideon lautet nach meinem prov. Lesebuche 93, 4:
la toizo de la lana
ques mulhet dins la sec' aire,
don Gedeons fo proaire (=esproamens).
288. Avol crenut „crinutus" mit g zu lesen. 291. vezia
damens. Was soll damens bedeuten? Lies veziadamens.
293. e sai dir oder e sai be: der Vers ist zu kurz. 295. auch
dieser Vers ist zu kui-z: man lese für drecheiramens drechu-
reiramens, wie 362 steht. 301. lies ab tres peiras, wol mir
Druckfehk'r. 304. die zweite Hälfte zu kurz. Ich denke
Tuna trais de sas dens, worauf la in 305 geht. 311. lies
que non a dergu' el mon. 318. vivassamens ist zu lesen:
vergleiche mein Lesebuch 170, 22; 172, 37. 329. die erste
Vershälfto ist um eine Silbe zu kurz. 332. en. fo für et
»Ml fo wegen des Metrums. 335. lies forma für forsa mit
g. sonhamens ist Schreibl'ohlor der Handschrift (oder des Her-
ausgebers?) für sonhadanieuis. .■]52. zu lang, bona ist zu
.Inliil). f. rniu. 11. 'Mini. [.it. IV. 2. -[(j
234 Kiiti.silii' Anzoigon:
streichen mul zu schreiben: e \a domna se tenc de bos cap-
teneniens. 358. a zu streiclien: denn Daniel ist dreisilbig
und gueri keine Participialibrni. 3G5. statt des unsinnigen
de tot dcmens issens ist wol zu lesen : de totz mos eseiens,
vergleiche ]3i. 3G6. lies con für c'on. Zu 375 bemerkt
der Herausgeber, dafs ich einen Abschnitt des Breviari d'amor
„de diversas manieiras de peccatz" in der Bibliothek des
literarischen Vereins in Stuttgart veröffentlicht. Das bedarf
einer Berichtigung. Es war allerdings meine Absicht, diesen
Abschnitt in meine „Denkmäler" aufzunehmen: aber es sollten
keine Fragmente darin enthalten sein und darum unterblieb es.
377. lies prenia für pernia: die Handschrift hat vermuthlich
pnia. 378. lies en los focx : sieh zu 163. 379. statt co-
las ist offenbar colps zu lesen. 381. lies e gitavals el foc,
383. das erste e ist zu streiclien. 384. a Arons, unrichtig
für Aarons, vergleiche 247. 398. o zu streichen : feliliM-liaft
aus 397 eingedrungen. 400. a ist zu streichen. 403. es-
tera für essera, wie oben 153. 411. lies nos für ns.
413. lies sus amon für sus anioi". 428. nach premier fehlt
ein einsilbiges Wort. 440. nach infern ein Komma und eu
say wie 464 steht. 442. lies prophetas. Die zu 451 be-
merkte Lesart aus der römischen Handschrift hat der Heraus-
geber ebensowenig als Galvani verstanden : un duous ist un
dijous ,, einen Donnerstag" zu lesen. 456. die Besserung
des handschriftlichen non in hom ist ungut; non ist das rich-
tige. 458. der Sinn scheint zu erfordern sin breu no fos
trames. 462. lies sai für soi. 471. nach de fehlt etwa
la. 476. lies er' en lui crezens; ebenso 506. 482. lies
sobra seguramens. 486. lies planh für planhi. 488. nicn
kann nicht einsilbig sein: es mufs ein anderes negatives Wort
da gestanden haben oder ieu. 491. ist vom Herausgeber
ganz entstellt: offenbar ist zu lesen et el la issoflet „und er blies
sie an": vergleiche issuflar L. Rom. V, 246, wo aber diese
Stelle auch fehlt. 498. lies li las cueychas. 501. lies
c'us peissos Ten portet. • 512. ist mit g zu streichen.
515. comjat ist unrichtig geschrieben: es mufs dreisilbig sein,
demnach comiat oder combiat. 521. die zweite Hälfte des
Verses verstehe ich nicht, ni en mens steht wol für ni vesti-
mens. 526. senher on te vim nos nut ist zu lang: ent-
weder ist nos zu streichen oder senh' on zu lesen: diese Form
begegnet zuweilen. 533. lies auretz. 542. fehlt der ei'sten
Le tresor de P. de Corbiae, Ausg. v. Sachs. 235
Hälfte eine Silbe, vielleicht ja nach sabretz. 546. on for-
met? es mufs gelesen werden que foi-niet, mit Beziehung
auf dieus. Vor cant fehlt etwa e oder tot. Von 540 an
bis G64 besitze ich zufällig ebenfalls Abschrift nach dem Pa-
riser Codex, bin also im Stande die Genauigkeit von Herrn
S. zu controlliren. 548. liest R. (so bezeichne ich die Pa-
riser Handschrift) non prezi gaire mens. 552. solcecisme
R. 553. em gar de barbarasme, wie auch Raynouard liest
und das Metrum fordert. 554. liest meine Abschrift de
dialetica say yeu tot razonablaniens, wobei nur yeu zu strei-
chen ist. 556. lies e concluire, wie Raynouard. 558. de
rethorica R. 559. R. liest wie Raynouard. 562. nach
puesc fehlt etwa ieu oder en oder be. 564. lies leys mit
R. non apres anc. R. 565. lies mais en tal cort col
nostra (Handschrift dol nra) sai de plas jutjamens. 566. e
sui pro razonatz R.: da auch g hier abweicht, so mufs ich
den Text des Herrn S. für eine willkürliche Entstellung hal-
ten. 567. que al partir R. sels qu'icu soi captenens R.
569. lies catre tos mit R. e catre R. 574. lies primai-
rana mit R. 576. lies descort mit R. 579. lies per sest'
art. nach sai fehlt ieu, auch in der Handschrift. 582. lies
dem Gui mit der Handschrift und Raynouard, 588. lies en
brevetamens. 592. lies e los grans bastimens. 596. lies
tals ses (Handschrift VI) espazis a tot lo (Handschrift los)
coi'renamens, der bekannte mathematische Satz, dafs der Ra-
dius sich sechsmal in der Peripherie herumtragen lasse.
597. lies cant a dcl ponh. 598. d'estrouomia sui com los
clergues sabens R : folgte der Herausgeber auch hier der rö-
mischen Handschrift? 602. en torn los XII. signes ab se
mescladamens R. 603. d'aquels R. los noms] los bes
R. 604. qui son d'omes, de bestias dire fablozamens R,
und Raynouard lex. ronian III, 246. 605. lur calitat, Fac-
tor eis apropriamens R. 606. ni cans gras a cascus pojans
ni dissendens R. 607. in der zweiten Halbzeile fehlt eine
Silbe. 608. quel son contracorrens R. 609. eis locx eis
cstamens U. 610. e cols savis eis homes an lur pcrfaze-
meus R. 611. tot enaisi con» son de motz desguizamens.
612. lies mit R l'us secs, l'autre humens. 613. lies l'us es
bos. 614. aquelas acordansas nils ct)ntrariamens R.
615. ab las R. Quey fan ajudamens R: fon ist unrichtig.
617. podetz R. sieus (d. h. si-us) es gratz R. (■)19. Sa-
IG =^
236 Kritische Anzeigen:
turnus es cl som mal e freg K. 621. nou acabat son cors
tro ca R. 622. nozables R. 623. lies frejuros für fre-
miros. e malautz escarsses e tenens R. 625. d'estranz]
de motz R. 626. per cstar R. 627. fa degalliiers en-
vios e metens R. 028. e cobeitos d'onors e de senhora-
mens R. 630. ergolhos de paraulas et es leu iraichens R.
631. cest fai las grans bataüias eis ricx t. R.
633. per com conten ab lautre el fer iradamens R. 636.
cui nais besser als qui nais. 638. de sotz] de jus. el fai.
639. dels freitz, qu'el es. 640. d'aquelas. 641. que son
cossebemens. 642. que pel mon son naicbens. 646. bi-
sexta. per dreg razonamens. 647. cant y es auinens :
falsch R. Das Semicolon nach venens mufs ein Komma sein.
652. cant l'es. 653. si] sos. 658. dun dels bes terre-
nals. 661. ni bos. Zum mindesten ergibt sich, dafs von
einer Collation der Pariser Handschrift durch Herrn S. nur
sehr unvollkommen die Rede sein kann. Und doch wäre eine
solche für Herstellung des Textes unerläfslich gewesen!
668. fehlt ^)/;<5 vor negra. 674. e ist zu streichen. 677. das
Komma gehört nach sols. 681. lies qu'el fai florir. Nach
issamens Komma! 683. lies eis fa. 686. jedenfalls ist
en niens zu lesen. 688. lies e non es hom. 694. wol
lo vespres. 697. der zweiten Hälfte fehlt eine Silbe.
709. lies d'amdos, besser aber d' ambedos, denn ecli'psis ist zu
betonen. 710. e ist zu streichen. 713. lies clartat.
719. der nach dieser Zeile ausgefallene Vers tot enaissi defalh
la luna plus sovens darf nicht fehlen. 721. wol enteirada-
mens, vergleiche 791. 725. lies c'aiso. 727. gut ist Gal-
vani's Vermuthung, es sei teorica für retorica zu lesen. Aber
vor dels fehlt e, das ich Lesebuch 149, 63 ergänzte.
743. anc von mir ergänzt, Lesebuch 149, 69, hätte durch
Klammern bezeichnet sein sollen. 739. lies e fai mit der
Handschrift. 743. lies XII für VII, mit der Handschrift.
Das Richtige stand schon Lesebuch 150, 10, welchen Text
ja auch Herr S. benutzt hat. 728. d'aramens steht für
d'auramens, aguramens, was Galvani hat: warum dies nicht
aufgenommen, sehe ich nicht ein. Meine Vermuthungen zu
Lesebuch 150, 12 fallen jetzt natürlich. 753. lies poiria
mit der Handschrift und wegen des Metrums. 754. lies
genealogias wie Lesebuch 150, 21 steht: sonst ist der Vers
zu kurz. 758. lies destruimens. 772. Herr S. hat die
Le tresor de P. de Curbiac, Aut^g. v. Saclis. 237
von Delius (zu meinem Lesebuche 150, 38) vorgeschlagene
Besserung d'aur bevens ohne Bemerkung aufgenommen.
779. per fols e fachamens: ich weifs nicht wie Herr S. das
übersetzt: aber unrichtig ist seine Bemerkung, dafs efachamen
(wie ich Lesebuch 151, 5 las) in meinem Glossar fehle: es
steht wie efan unter enf-. 802. warum arcivesques unrich-
tig sein soll, sehe ich nicht ein, 804. lies qu'er'. 809. in
der zweiten Hälfte fehlt eine Silbe. 838. ist unverständ-
lich: es ist zu lesen m'aondon vestimens ,,möge ich Kleider in
Ueberflufs haben".
Dem Texte hat der Herausgeber Bemerkungen beigefügt,
kritische nicht, sondern erklärende, mit Parallelstellen aus
ähnlichen Werken: das ist ganz schätzenswerth, um so mehr
als dergleichen Commentare selten gegeben werden. Herr S.
zeigt darin eine ziemliche Belesenheit in der altfranzösischen
und altenglischen Literatur, wenn auch die angeregten Punkte
keineswegs erschöpft sind. Die Sendung Seths nach dem
Paradiese (Anmerkung zu 1G2) hätte zunächst durch ein pro-
venzalisches Denkmal belegt werden können, das ich im Lese-
buche S. XIX erwähnt und von dem Fauriel I, 263 einen
Auszug gegeben. Aber schon viel früher, bereits in Lambert's
Floridas steht ein Abschnitt de Adamo et de ligno paradisi,
der denselben Inhalt hat (Serapeum III, 169). — Ich bedaure
über den Text nicht günstiger urtheilen zu können: die ein-
gehende Betrachtung desselben möge dem Herausgeber, der
sich mit Liebe den provenzalischen Studien zugewendet, zei-
gen, dafs ich mit Theilnahme sein Büchlein gelesen. Er be-
absichtigt jetzt zunächst die Auzels cassadors von Daude de
Pradas herauszugeben: eine nochmalige Collation seiner Ab-
schi-iften wäre ihm vor allen Dingen zu rathen, da dieselben
liöchst ungenau gefertigt zu sein scheinen.
Rostock, September 1859.
Karl Bartsch.
238 Misccllcn.
Miscellen.
Wiederherstellung des Textes der Villon'schen Ballade
de l'honneur fran9ois.
In der Ballade de rhonneur fi*iuif;ois von Villon (Ausgabe
von Jacob Bibliopbile, p. 228^231, welche aus drei elfzeiligen
Strophen von der Reirastellung abab cc ddede und
einem die Reime ddede wiederholenden envoi besteht,
fehlt in der ersten Strophe die zweite Zeile des Reimes d,
und J. B. bemerkt richtig (p. 229, n. 5): il manque ici un
vers masculin rimant en Ins — — — .
Nun finde ich in dem Recueil de poesics fran^oises des
XV-' et XVI° siecles par Anatole de Montaiglon, t. V, p.
320 — 322, unter der, mir sonst noch nicht vorgekommenen,
Ueberschrift „Ballade Francisque" ein Gedicht, welches, vom
Herausgeber nicht erkannt, die Ballade de l'honneur franyois
in — offenbar — etwas späterer Gestalt ist und die fehlende
Zeile mit dem vermifsten Reim enthält. Sie lautet:
Et Proserpine aux infernaulx pallus
und als Reim bietet die vorhergehende Zeile das von J. B.
statt des nicht zu verstehenden Penthalus richtig vermuthete
Tantalus. So ist das werthvolle, von kräftiger vaterländi-
scher Gesinnung eingegebene Gedicht wieder hergestellt.
Mülheim an der Ruhr.
Oberlehrer Dr. Nagel.
Juan de los Tiempos.
Val. Schmidt in seinem Buche über die Schauspiele Cal-
deron's S. 152 (Elberfeld 1857) scheint Juan de los Tiempos
für dieselbe Person gehalten zu haben wie Juan Espera en
Dios (d. i. der ewige Jude ^). Dies ist jedoch ein Irrthum,
denn jener Johann ist der bekannte Jean des Temj^s in Be-
') Vgl. über diesen Ferd. Wolf Beiträge zur üeschichte der spa-
nischen Volkspoesie S. 59 f. Simrock in Mannhardt"s Zeitschrilt für
deutsehe Mythol. I, 432 fl'.
Miscellen. 239
trcff dessen Ileiffenl)crg zu Pliil. Mouskes vol. II, p. LXXXI f.
folgendes anführt: „Dinterus, dans sa chronique de Brabant
ecrite au XV^ siecle dit que ce dernier (i. e. Jean des Temps)
avait ete ecuyer de Cliarlemagne , qu'il vecut Sil ans et
mourut en 1139 (Ms, de la bibl. de Bourgogne en 5 vol. in-
fol. mod., I, 6G4; Nouv. archiv. Iiistor. des Pays-Bas, VI,
139). Mais avant lui Guillaume de Nangis avait donne cette
longevite pour certaine (Vita Philippi. Du Chesne, V, 51G;
Hist. litt, de la France XVI, 133). De Longeville - Har-
court, auteur de Vlli-sioire des personnes qni out veciP^plu-
fiieurs siecles et qni ont rajeuni (Paris 1716, p. ItS). recule la
mort de Jean des Temps jusqu'a l'annee 1146 et lui donne
pour contemporain un c'ertain Richard, qui avait ete Soldat
sous Charlemagne et que Guy Donatus pretendait avoir connu
en 1223." S. auch J. Wolf Niederländische Sagen S. 168,
no. 113 (wo er Jan van den Tyden heisst) und Grässe Der
Tannhäuser und der ewige Jude 2. Aufl. (Dresden 1861)
S. 80 und 117. Wenn er bei letzterm auch den Bei-
namen d'Estampes und a Stampis führt, so ist derselbe oifen-
bar aus dem andern des Temps entstanden. — Der Aehnlielikeit
wegen will ich hier noch folgende zwei Sagen aus Albericus
Trium Fontium anführen: ,,A partibus Hispanorum venit hoc
tempore quidam senio valde confectns miles grandaevus, qui
se dicebat esse Ogerum de Däcia, de quo legitur in historia
Caroli Magni, et quod mater-ejus fuit filia Theodorici de Ar-
denna. Hie itaque obiit hoc anno in diocesi Nivernensi. vijla
quae ad sanctum Patritium dicitur, prout illic tam clerici quam
laici qui vidcrunt, postea retulerunt." (Ad aini. 1211. vol.
II, p. 456 ed. Leibnitz); und ferner: ,,In Apulia mortuus est
hoc tempore quidam senex dierum, qui dicebat se fiiisse ar-
migerum Rolandi Theodoriciim, qui Dux Guidonius dictus est,
et Imperator ab oo multa didicit." (Ad ann. 1234. il)id. p. 553).
Bienenkörbe.
In di^r Keimchronik Le Chevalier an Cijyne et Godefroid
de Bouillon wird erzählt wie die Stadt Acre durch die Kreuz-
fahrer vermittelst hineingeworfener Bienenkörbe erobert wird
(s. vol. III, p. 254, V. 26815 ff.). Dem Herausgeber dieses
Bandes der Chronik, Prof. Borgnet, habe ich mehrfache ent-
sprechende Sagen mitgetlieilt; s. das. Introd. p. LXXXII (wo
240 Miscellcn.
Anni. 2 statt Müllendorff zu lesen ist Miillenhuf) sowie die
letzte (unpaginirte) Seite desselben Bandes.*) Der älteste Schrift-
steller unter den dort angeführten, der diese Sage erwähnt,
ist demnach Widukind; indess findet sie sich dem wesent-
lichen Inhalte nach schon viel früher, nämlich bei llesycliius
lUustrius der wahrscheinlich im 6. Jahrhundert unter den Kai-
sern Justin und Justinian seine 'laropLa "^ Po[J.aüx7] xai TcavTO-
8a7r7] schrieb. Er erzählte darin (s. Müller Fragmenta llist.
Graec. IV, 149 f.), dass Byzas, der fabelhafte Gründer von
Byzanz, die ihn angreifenden Thrazier besiegte und darauf
verfolgte. Inzwischen belagerte in seiner Abwesenheit der
skythische König Odryses die neugebaute Stadt, wurde aber
durch die Gemahlin des Byzas, Namens 4^',5aA£!.a, vermittelst
folgender List zurückgetrieben; ,,0^ yap xo'j^ xaTa \^'fC>\ ttoX'.v
09£'-c «■'-? £'■' ~^ X"?''°''' (J'JAAaßoijaa £'9po'Jp£c, d^po«^ xolc, s'vav-
"zioic, £'[j.9avilaa 8''xt,v ßeXov xat dxovTLOv hzz]}.7:t TOt ^7jp''a xal
7tXe''c~o'jj X-j[j.Tjva[j.£VT, touto to TpoTü« 5[.£aoas T7]v tcoXiv.
'EvTSiJj'sv TO''vjv dpx,aco^ [J-uj~o^ 9£'pöTa!,, |j.7] 5elv tou^ y.a.-'x
T'Jjv TToXiv dX!.c>co,a£VO'j^ dTCoXX'jöiv 09Ü.C, «<; ca susp^sra;
auTTj;: 7£VO[J.svou^." Es ist offenbar, dass diese Sage mytho-
logischen Ursprungs ist und mit dem uralten Schlangendienst
zusammenhängt, worüber s. F. L. W. Schwartz der Ursprung
der Mythologie, Berlin 1860, S. 26 — 159: „Die Schlangen-
und Drachengottheiten",
') Füge jetzt noch hinzu A. Kuhn, Westph. Sag. 110. IGT.
Lüttich.
Felix Liebrecht.
Druck von F. A . Bi-ocUluiu'! in Loipzi;;.
Ruth. Der Satireudicbter Giuseppe Giusti. 241
Der Satirendichter Giuseppe Giusti.
Giusti zeigt sich uns in seinen Werken niclit nur als
den ersten Satiriker, sondern auch als einen der vorzüg-
lichsten Menschen die Italien hervorgebracht hat. Nie-
mand war so wie er zum Lehrer seiner Nation geeignet,
denn Niemand besafs in dem Grad die tiefe religiöse Bil-
dung, die solide Rechtlichkeit, die Uneigennützigkeit und
den scharfen Blick in die Gebrechen der Gesellschaft-
Ünd wie gut er diese Gebrechen zeichnete, bei aller phi-
losophischen Allgemeinheit der Züge, beweist, dals die
Leser auf Manche als die Modelle zu einigen Gedichten
hinwiesen und da(s Manche sich selbst aufs Haar getrof-
fen fühlten.
Die Satire war den Italienern von jeher eigen. Sie
regte sich jedesmal besonders in Zeiten, wo die mensch-
liche Gesellschaft an der Gränze einer überwundenen Pe-
riode stand, wo sie nach einem Fortschritt, nach einer
höhern Stufe dringend verlangte und in diesem Streben
durch den Eigennutz einer in Besitz und Gewalt befind-
lichen ICasse oder durch die vorherrschenden Gebrechen
der Einzelnen oder der Gesellschaft verhindert wurde.
So bezeichnen besonders die Satiriker den groisen orei-
stigen Kampf des 15. und l(s Jahrhunderts, den die
hierarchische Kaste gegen das Erwachen des Lichts und
der Freiheit führte. Wir meinen hier natürlich nicht die
gelehrten Satiriker, die Scritfori di Satire in gala, die
Giusti selbst so vortrefilich abfertigt, sondern d,ie A'olks-
dichter, die die Reaction mit den Waffen des Ernstes und
Spottes angriffen. Zwischen diesen und Giusti besteht
ein grofser Unterschied. Man kannte damals nicht eigent-
lich die Religion, die über der Hierarchie steht, man hatte
nicht die hohe Geistesgewalt, um das Pfaftenthum zu den
Gesetzen der Religion und Moral zurückzuführen oder
sich von seiner Herrschaft losziunachcn. Mit dem faulen
hierarchischen System wurde auch der Glaube mul die
Kirche niedergerissen, die Spötter stand(Mi vor der ninen
Jahrl). f. roin. u. engl. Lit. IV. 3. JJ
242 1^""'
Negation iincl wufsteii das Volk iiiclit zu crhebon. Daher
siegte die Hierarchie leicht und das Gespött wurde mit
Scheiterhaufen znm Schweioen gebrac-ht.
Ueber zweihundert Jahre verharrte der italienische
Geist unter diesem Druck, bis der gänzliche Stillstand
des Geistes , die Auflösung der moralischen imd nachher
der Umsturz der socialen und politischen Ordnung die
Nothwendigkeit eines erneuerten Kampfes dringend zeigte.
Der geistliche und weltliche Absolutismus waren nach
der Restauration mit einander verbündet um den alten
Zustand zu verewigen. Die Ideen und Principien, die im
andei'n Lager standen, hatten noch zu wenig Macht, und
ein paar verunglückte Revolutionen und Befreiungsver-
suche nutzten viele Wohldenkende ab und brachten
manche edle Männer wie Leopardi zur Verzweiflung. Dals
die Satire sich an dem ganzen nun bald funfzigjäh.rigen
Kampf nicht stärker betheiligte, beweist dals der Kampf
jetzt mehr auf dem Feld der materiellen Kräite geführt
wird, dals man nicht blofs Principien angreifen und Sy-
steme niederreifsen, sondern an die Stelle des alten einen
zeitgemäfsen Zustand aufbauen will, dafs man die Sy-
steme nach dem Leben, dessen Zweck und Bedürfnissen
Ijeurtheilt. Seit den dreifsiger Jahren hat nur Ein Sa-
tiriker, Giusti, seine Stimme erhoben, aber dieser Eine
wiegt alle friihern auf, sowol in Bezug auf die Behand-
lung des Stofies, die Art des Kampfes, als auch auf die
Tüchtigkeit der Gesinnung. Der Unterschied in der Zeit-
anschauung zwischen dem 1(3. und 19. Jahrhundert tritt
wol bei keinem Dichter so deutlich hervor als bei diesem
Satiriker. Wenn friiher der Spott der Dichter die Für-
sten und ihre Minister und Rathgeber weniger berührte,
weil diese ja als Mitleidende unter dem allgemeinen geist-
lichen Despotismus betrachtet wurden, wenn nur die Alles
beherrschende. Alles gewinnende, besitzende und störende
Priesterkaste angegrifien wurde, bei diesem Kampf aber
Relio-ion und Moral mehr als die Kirche in Gefahr «rerie-
tlien: so zeigte sich jetzt der grofse Einflufs der Bildung
und Humanität, den die geistig frei gewordenen Nationen
auf die Italiener ausübten. Man unterschied Relio-ion von
Der Satirendichter Giuseppe Giusti. 243
Pfiiffenthuni, Gesetz und Ordnung von Despotenwillkür,
man verlangte nicht Nicderreil'sen und Zerstörung, son-
dern Verbesserung und Kückkelir zu den Zwecken der
Gesellschaft. Nicht atheistischer Spott ohne Gefiihl und
Glauben an etwas Besseres, das erreicht werden könnte
und sollte, sondern moralische Entrüstung über Verküm-
merung von menschlichen und göttlichen Rechten führte
Giusti's Feder. Questo che par sorriso ed e dolore.
Giuseppe Giusti war geboren am 13. Mai 1809 in
Monsumano, einem Ort an der Stral'se zwischen Pescia
und Pistoja, und stammte aus einer Familie , die viele an-
gesehene Männer aufzuweisen hat. Er machte hauptsäch-
lich seine Schule in den Lyceen zu Pistoja und Lucca
durch. Man muCs im dritten Kapitel seiner Lebensbeschrei-
bung von Frassi seine eigne Schilderung einer solchen
Schule lesen, um die entsetzliche Vernachlässigung dieses
geist- und talentvollen Volks zu begreifen. „Man lehrte
das Lesen mit dem Abc buch in der einen und dem Och-
senziemer in der andern Hand, das Latein aus dem limen
grammaticae, d. h. einem Buch, das in der Sprache ge-
schrieben war, die man erst lernen sollte, die Poesie nach
Frugoni, die Prosa nach Roberti, die Moral nach der
zweiten Eclogc Virgils." Die Bekanntschaft mit einigen
aufgeweckten jungen Leuten führte ihn zum eigentlichen
Studiren. Bei der geringen geistigen Nahrung spielte er
denn auch gleich schon im fünfzehnten Jahr mit Reimen,
und machte unter andern ein Sonett auf Italien, dargestellt
als verhüllte Matrone, die über ihr Unglück weint. Uel>er
diesen Versuch bemerkt er selbst: „In einem Colleg,
unter gewissen Priestern, die mehr Chinesen als Italiener
waren, ohne zu wissen, ob Italien rund oder viereckig,
breit oder kurz sei, weifs ich wahrlich nicht, wie mir in
den Kopf kam ein Sonett auf Italien zu schreiben." Er
vcrliels das Golleg ohne Lateinisch, Französisch mid Ita-
lienisch viel anders als dem Namen nach zu keimen, ob-
gleich er im Lateinischen einen Preis, im Französischen
eine ehrenvolle Belobiuig erhalten halte. Es ist bei sol-
cher Erziehungsart nicht zu verwundern, dafs so viele
Geister auf dem Viertel des Wegs der Entwickhmg stehen
I7:v.
244 R"il'
bleiben, dafs so viele Männer im reifen Alter trostlos
über die mangelhafte Ausbildung vor den Werken andrer
Nationen stehen, wenn sie erkennen, dafs ihr angeborner
Kunstsinn und ihr schönes Talent sie durch diesen Man-
gel nur auf die Hälfte des Erreichbaren und des von der
Zeit Geforderten gebracht habe, dafs sie immer von an-
dern Nationen leihen mi'isseu, denen sie früher in der
Bildung vorangingen.
Auf der Universität in Pisa schlofs er eine für das
ganze Leben dauernde Freundschaft mit Montanelli,
Giorgini, Frassi und andern spätem Führern der O^ipo-
sition , wovon sein Briefwechsel viele schöne Zeugnisse
gibt. Das Studium der Jurisprudenz scheint aber seinem
Geist nicht sehr zugesagt zu haben, denn sein Vater rief
ihn nach drei Jahren von einem ziemlich lockern Leben
nach Haus und bezahlte bedeutende Schulden. Beim
zweiten Aufenthalt in Pisa brachte die unglücklich abge-
laufene Revolution in Modena und der Romagna und die
darauf folgende doppelt furchtbare Reaktion eine grofse
Umwandlung in der Stimmung der jungen Leute hervor.
„Auf die sorglose Fröhlichkeit folgten jetzt die ernstesten
Unterhaltungen über die Geschicke des Vaterlandes, an
die Stelle der fremden Romane kam vaterländische Ge-
schichte, die Gesänge Berchet's verdrängten die Novellen
des Batacchi, man studirte mit Eifer Botta's Geschichte
von Italien, man dichtete patriotische und kriegerische
Gesänge. " Dies war der Anfang von Giusti's Theil-
nahme an den politischen und socialen Zuständen seines
Vaterlandes; in die Zeit von 1832 — 47 fallen seine mei-
sten Gedichte. Die Zeit der vollständigsten Reaktion und
des scheinbaren politischen Todtliegens des Volks erlaubte
nur Beobachtung, Sammlung von Erfahrungen, Lehre und
Rüge. Die Reife hierzu erhielt er durch den Umoang
mit den bedeutendsten Männern jener Zeit in Florenz,
das nun abwechselnd mit Pescia sein bleibender Aufent-
halt wurde.
Giusti war ein politischer Satiriker und der eigent-
liche Schöpfer der politischen Satire in Italien. Was
ihn aber aufserordentlich über die Schaar der in jener
Der Satirendichter Giuseppe Giuöti. 245
Zeit so häufigen Pamphletisten , Verspotter, Wühler und
Unzufriedenen erhebt, ist die solide Grundlage ächter
Religiosität, geistiger und sittlicher Freiheit. Sie spricht
sich in vielen Stellen seiner Briefe und Gedichte aus,
und zeigt sich in seiner reinen und warmen Menschen-
liebe. „Der Glaube an Gott", schreibt er an Capponi,
„und der Glaube an den Menschen geben sich die Hand,
und der Atheist (wenn es, was ich nicht glaube, solche
geben kann) ist nothwendig der erste Feind des Men-
schengeschlechts und seiner selbst." Und an Enrico
Maier : „ Glaubst du , dafs der Sieg des Pöbels ewig wäh-
ren wird? Wenn du das glaubtest, wärst du ein Atheist,
und ich weifs , dafs du alles andere eher bist. Ich sage
dir gerade nicht, dafs du durchaus an diesen und jenen
glauben mül'stest, obgleich auch ich meine Idole habe.
Aber ich glaube an den Menschen, und um immer mehr
daran zu glauben, suche ich ihn täglich mehr von den
Engelsflügeln wie von dem Ziegenfufs des Teufels zu ent-
kleiden und in seine eigne Haut zu stecken, wobei immer
noch etwas Erträgliches herauskommt. Dabei bedenke,
dafs jeder von uns ein halbes Dutzend Ehrenmänner
kennt, und das genügt." Dieser gesunde Glaube gab
ihm auch den bewundernswerthen moralischen Muth, mit
dem er seine körperlichen Leiden standhaft ertrug, über
die er sogar oft recht anmuthig scherzen konnte. , Er
steht hierin sehr hoch über Leopardi mit seiner Philoso-
phie der Verzweiflung. In dem Briefe an einen jungen
Mann (Epistolario 1 , 3i)D.) gibt er goldne Lehren der Zu-
friedenheit und geistigen Erliebung bei körperlichen Ge-
brechen. Diese Stinuniing hielt ihn von dem nur zer-
setzenden und niederreifsenden Spott ab, in den die
Schriftsteller, selbst Geistliche des 18. Jahrhunderts ver-
fielen. Aber sie hielt ihn nicht ab, sondirn trieb ihn
gerade vielmehr an, die alles religiöse Gefühl im \'<>lke
abstumpfende Pfaft'enwirthschaft zu geiCseln und dem
mönchisch engherzigen Papst Gregor in seinem Gedicht
// Papato di prefi Pero ein Muster von einem geistlichen
Überhirten entueijenzustellen. In diesem Gediclit wird
beschrieben, wie ein einfach» r, von allei llerrschsiuht
24G l^"tli
freiei- und wahiliaf't f'ictuiiuer Priester auf den Stuhl Pe-
tii erhoben wird. Dieser schatit die Sehuldenlast inid
die Kanzlei ab, deeiniirt die Pf'aften und die Polizeidiener,
jagt die unwissenden Kardinäle w^eg, und maeht die an-
dern zu Pfarrern, läCst di(^ Gedanken frei, den Index vom
Henker verbrennen, will keinen Engel und keinen Teufel
in seiner ehristliehen lleerde, sondern Menschen. Alle
Heuchler steckt er in ein katholisches Ghetto, die Un-
gläubigen unter die Invaliden , die Devoten ins Narren-
haus. Er verbietet das sinnlose Geplapper und die Ge-
winnsucht. Dies Alles sieht der Dichter im Traum, im
Hintergrund aber eine Gruppe von Fiu'sten, die in ein
solches Treiben sehr unmuthig dreinsehen, und unter sich
einig sind, ein solcher Papst dürfe nicht aufkomnen: ,,dia-
mogli l'arsenico." Nur ein engherzin-er Ultramontane wie
Manzoni konnte ihm wegen diesen Gedichts den Vorwurf
der lieligionssjiötterei machen, den er wahrscheinlich aus
Achtung f i'ir den Dichter in seinen Briefen (Epistol. I, ,'398.
.'JIM). 415.) nicht derber abgewiesen hat. In dem schönen
Gedicht AI padre Bernardo da Siena zeigt er, welche
hohe Meinung er von einem ächten Diener Gottes hat.
Mit dieser lieligiosität und diesem festen Glauben
verband sich in Giusti ein moralischer Ernst, feste un-
wandelbare Grundsätze der Sittlichkeit, wie man sie in
diesem Grad selten bei den Schriftstellern findet und wie
sie viele Italiener gar nicht in seinen Gedichten suchten
und verlangten. Man kennt Giusti mir halb, wenn man
nicht diese Seite seines Charakters besonders im Auge
behält. Er schreibt dari'iber an Kidolti: „Ich hoöe, meine
Verse haben Sie in meiner Seele gewisse Gefühle erken-
nen lassen, welche man mit meiner gewöhnlichen Schreib-
weise für vuiverträglich hält. Einige halten mich für
einen Skeptiker, für einen Menschen, der iiber Alles
lacht, weil er nie über etwas weinen konnte. Und doch
habe ich nie die Tugend verlacht, nie gewisse Grundsätze
der Ehre, von denen der edle Mann Nahrung und Stärke
nimmt, zum Gegenstand des Spottes gemacht. Der Ske|i-
tiker hält es weder mit den Guten noch mit den Schlech-
ten; ich glaube aber eine Partei festzuhalten, und gewifs
Der Satircndicliter Giuseppe Giusti. 247
iiiclit die schlechteste. Ich hofi'te, clafs man die unter
den Augenwimpern des Lächehis verborgene Thräue ent-
deckt hätte, und Manche haben sie gesehen. Ist es meine
Schuld, dal's es nicht Allen gegeben war sie zu finden?"
Jedes seiner Gedichte hat eine moralische Grundlage,
und wenn er Fehler verlacht, so blickt immer die ernste
Entriistung über Schlechtigkeiten und Gemeinheiten her-
vor. Ja er hat sogar bei der Sammlung seiner Gedichte
diejenigen ganz iinterdriickt, welche durch den Mangel
dieser Grundlage in seinen Augen nicht den rechten
Werth hatten. In allen seinen Briefen, in welchen er
über Menschen und Ereignisse urtheilt, zeigt sich diese
feste Richtschnur der Moral, und er zieht daher am mei-
sten gegen die politischen und kirchlichen Heuchler,
Schmeichler und Egoisten zu Feld. Seine gerade und
ofiene Natur brachte ihn nun freilich auch oft genug in
die Schlingen der Heuchler, wenigstens so oft diese sei-
nen Enthusiasmus fiir das Vaterland benutzten. Aber,
wie er einmal auf die Rückseite eines Briefes geschrieben
hat, obgleich ihm die Erfahrung zurief den Menschen zu
mifstrauen, trieb ihn das Herz immer an sie aufzusuchen.
Wenn wir nun seine politischen Satiren betrachten,
so müssen wir in kurzen Umrissen die allgemeinen Zu-
stände Italiens darstellen, auf die sie sich beziehen.
Der Polizeiminister Ciantelli in Florenz kann als der
vollständigste Ausdruck der Reaktion gelten. Mit der
Polizei in Modena und Mailand eng verbunden, war er
ein ergebenes Werkzeug des Sanfedismus, der die Ver-
einigung des weltlichen inid geistlichen Despotismus in der
unvernünftigsten und drückendsten Form war. Selbst
das schlaffe und jeder (jewaltthat feindliche Toscana, das
selbst 18;>1 gegen die Revolution der R(»inagna ganz kalt
geblieben war, war dureh die verkehrte K(!gierung, durch
polizciliclie Aiifspürungen, Untersuchungen, Verhaftungen,
Verbanninigen sclion IS.'J,'} so gut bearbeitet, daCs Maz-
zini, der fiülier dort gar nichts galt, jetzt schon viele
Rekruten unter seine Fahnen erhielt, dafs die geistigen
Capacitäten sich von der Regierung ab- und zu den Un-
zufriedenen wandten , daCs schon die Ehrgeizigen sich eine
248 R"ti.
Partei zum Umsturz bilden konnten, daCs sogar Livorna,
bisher die bestgesinnte Stadt und ganz in seinen Handel
Tuid den GenuCs seiner Reiclithünier versenkt, nun der
eigentliche Herd der niazzinischen Umtriebe wurde.
Wenn wir die elenden Kegierungen in den italienischen
Staaten betrachten, die für sich allein ihre zunehmende
Schwäche gegenüber der sich bildenden öfientlichen Mei-
nung fühlten, aber im Vertrauen auf Metternich's Hülfe
auf dem Weg zur Revolution blindlings hingingen, ihr
egoistisches Sj^stem fortsetzten, jeden Widerspruch da-
gegen ärger als die Revolutionäre verfolgten und mit
Härte unterdrückten, einen gesetzlosen Willkürzustand
mit Gewalt, und zwar mit fremder Gewalt, aufrechthiel-
ten und bis zum Unerträglichen steigerten: so mufs unser
Urtheil verstummen über den ebenfalls gesetzlosen Wider-
stand, den dieses recht- und vernunftlose Verhalten über-
müthig herbeigeführt hat, wenn wir besonnen denkende
Männer so weit gebracht sehen, dafs sie mit jedem Mittel
zufrieden sind, das sie aus dem elenden Zustand befreit,
dafs sie sogar die Republik für besser halten als den ge-
setzlosen Polizeistaat unter Metternich's Befehl und Schutz;
geschweige denn wenn wir die Hitzköpfe , die Egoisten,
Heuchler und Ehro-eizigen den heimlichen und dann offenen
Kampf gegen ihre moralischen Ebenbürtigen auf der reak-
tionären Seite führen sehen.
Giusti war einer der redlichsten und besonnensten
Freunde des Vaterlandes. Er erstrebte nur das Erreich-
bare und auf dem friedlichen Wege. Aber die Schmach
des fremden Einflusses, der fremden Herrschaft, die die
kriechende Dummheit und Bosheit in die Höhe zog, und
die Verzweiflung, dafs das begabteste und lebhafteste
Volk zum ewigen Stillstand verdammt sein solle, trieb
seine wie vieler ausgezeichneter Männer Wünsche und
Hoffnungen in die Bahn der extremen Ungeduldigen. Er
fühlte schmerzlich die traurige Rolle, zu der sein Vater-
land zum Vortheil einer fremden Politik verdammt war.
In seinem Gedicht II delenda Cartago sagt er jedem ita-
lienischen Minister, der durch seine geheime Polizei doch
nichts erfährt, was das italienische Volk will, Menschen-
Der Satirtndichter Giuseppe Giusti. 249
rechte, vernünftige Regierung, gute Gesetze, aber alle
Wünsche concentrireu sich in dem Einen: wir wollen
nicht mehr Knechte der Oesterreicher sein. — Mit der
beilsendsten Lauge aber hat er in der Incoronazione
die italienischen Fiirsten überschüttet, dafs sie dem freni»
den österreichischen Herrscher Ferdinand bei seiner Krö-
nung in Mailand als ihrem Herrn huldigten, und beson-
ders die Mailänder Adligen, dals sie diese Krönung mit
so glänzenden Festen feierten.
Zu dem System der weltlichen Reaktion, verbunden
mit der geistlichen, gehörte vor Allem, dafs das Volk in
dem Kreis der nur materiellen Bedürfnisse sorgsam er-
halten, vor allem Licht der Aufklärung, der Wissenschaft
bewahrt würde. Giusti hat diese Angst vor der Aufklä-
rung ganz vortrefflich gegeifselt in den Worten , die er
dem Herzog von Modena bei dem ersten Gelehrtencon-
grefs in Pisa in den Mund legt (Per il prinio Congresso
dei Dotti). Nachdem dieser seinen Zorn gegen den Grofs-
herzog ven Toscana, der den Congrefs in sein Land ein-
geladen, ausgeschüttet hat, sagt er: Wenn das Moralische
derselben Theorie folgt wie das Physische (ich verwahre
mich gegen alle Ketzerei), so wird auch das Licht der
Vernunft durch die Kraft des Reflexes wachsen und sich
vermehren. Und da jedem, der regiert, die Laterne des
Diogenes feind ist, so habe ich beschlossen, dafs aus mei-
nem glücklichen Staat, den ich durch die Gnade des
Höchsten in der Finsternifs halte, Jeder der nach dem
Alphabet riecht abgewiesen werde , und sollen ihren Weg
nur die Esel fortsetzen, voraus<>;esetzt dafs sie das Weg-
geld bezahlen. Aber jener Grofsherzog kennt nicht das
Mittel sein Volk dunnn zu erhalten, irgend ein Schuft ist
sein Rathgeber oder das Vorwärtsgehen ist ein erbliches
Familienlaster. Er betrachte mich, der ich das Handwerk
verstehe und meine Pflicht thue indem ich die Idioten
vermehre. Als Gegengift gegen den Fortschritt habe ich
meinem Volk erlaubt nicht lesen zu können. In Unwis-
senheit erzogen diene es und bezahle es; so werde ich
mit aller Requemlichkeit n-gicren. — Noch beifsender ist
die Satire auf einen künftigen Gelehrtencongrefs (Avviso
250 i^iit,ii
2jer Uli setti'rho CongresHo)^ wo ein Verzeichnifs aller
von der Besprechung ausgeschlossenen AVissenschaftcn,
worunter natürlich die Statistik, die die Geheimnisse aus-
plaudert, die Physik und Chemie, die die Priester ärgert,
die Geologie obenanstehen, gegeben und dann die Preis-
frage aufgestellt wird, ob im Fall, dafs die gliickliehe
Zeit der Autodafes wiederkehrte, man nicht das wohlfeilere
Steinkohlenfeuer anwenden könnte.
Das allertraurigste und unzulänglichste Mittel die
Unterthanen im Gehorsam und die Throne sicher zu er-
halten, war die Ueberlassung des Haupttheils der Regie-
rung an die geheime Polizei. Dieses ungliickliche Institut
war ganz dazu geeignet die allgemeine Unzufriedenheit
zum oflfenen Hafs zu steigern. Giusti kannte die Machi-
nationen dieser Stiitze des Despotismus noch nicht ein-
mal so genau wie tuis jetzt der Blick in dieses infame
Gewebe durch die Enthüllungen aus dem Jahre 1848 er-
öffnet ist; dafs ihm aber dieses niedrige Gewerbe nicht
unbekannt war, beweist seine meisterhafte Istruzio?ie a
un'' Emissario ^ womit ein geheimer Agent nach Italien
geschickt wird , um sich die Hitzköpfe vertraut zu machen
und sie durch Verführungen und Bestechungen bis zu
einer Revolution zu hetzen, die nur bedeutend genug
wäre um eine Invasion zu rechtfertigen. In dem zu dra-
matischer Lebendigkeit sich erhebenden Gedicht // Con-
gresso dei Birri theilt er die Birren, „diese Pest der
Völker und Regierungen", in drei grofse Klassen ein, wie
die Abgeordneten in einer Kammer. Im Centrum sitzen
die Farblosen, die eigentlichen Maschinen, die jedem Re-
giment dienen, das sie bezahlt, keine Spürhunde sondern
Heuschrecken des Staats; zur Linken die wüthcnden
Handlanger des Despotismus, die die Sicherheit und das
Wohl des Staats nur auf gewaltsame Unterdrückung jedes
Fortschritts gründen: und zur Rechten die ächten Birren,
zu deren Vortheil eigentlich nur der Staat gegründet ist,
die nicht für die Sicherheit der Bürger sorgen, sondern
Volk und Fürst zu ihrem Vortheil beherrschen. Dieses
Parlament von Birren hatte der Präsident Aersamnielt.
Er sprach von den frühern glänzenden Zeiten und dem
Der Satirendichter C4iuseppe Gius^ti. 251
jetzigen Verfall der Polizei, und verlangte Rath wie dem
abzuhelfen sei. Einer der Wütlienden von der Linken
nahm das Wort, er protestirte gegen alle Concessionen;
Gesetze, Reformen, Gnaden seien auf dem Thron eitel
Narrheiten, auf dem Scharfrichter beruhe der ganze Staat,
nur die äufserste Strenge konnte ihn halten, und man
müfste alle Liberalen umbringen.
Ecco la massima
Spedita e vera:
Galera e boia,
Boia e Galera.
Einer der Farblosen sprach dagegen: die Zeiten sind
jetzt ganz verändert, das Volk ist nicht zu halten; lafst
es ruhig gehen, dann geht es auch ruhig. Was aber zu-
letzt kommen mag, Monarchie oder Republik, nehmt im-
mer das an, was euch zu leben gibt. Darauf erhob sich
einer von den ächten Birren der Rechten: die Plaiiptsache
ist nicht, dem Staat oder Fürsten zu dienen, sondern für
uns selbst Alles zu beherrschen. Man mufs verhindern,
dafs Volk und Fürst sich einigen, sonst sind wir verloren,
also oben und unten Mifstrauen säen. Wir sind nicht
für die öfi'entliche Moral und zur Verhütung der Ver-
brechen da, aber wenn der Staat gesund und in Harmonie
ist, wenn die Völker nicht in Aufruhr, die Fürsten nicht
in Angst sind, dann können wir den ewigen Schlaf schla-
fen. Einst waren wir Knechte, und wurden nur gegen
Räuber und Diebe geschickt, jetzt sind wir aber Herren
der Minister und Fürsten, und wollen es bleiben. — In
diesem Augenblick hörte der Redner den Jubel des Volks,
das sich mit seinem Fürsten geeinigt hatte, und sank vom
Schlag getroflen zu Boden.
Giusti war aber keiner von den neuern politischen
Dichtern, die sich nur in Bitterkeiten über die Fehler
der Regierungen gefallen und mit wolfeilen Schmeiehe-
leien gegen das Volk sich einen berühmten Namen machen
wollen. Er wufste, dafs despotische Regierungen und
übermütliige Reaktionsparteien ihre Macht niu' l)('i elen-
den schwachen Völkern mil'sbrauchen können, daCs sie
252 ii»t»i
nur so weit gehen als ihnen erlaubt wird , und wenn er
daher die mancherlei Auswiichse eines verkehrton Systems
mehr belachte, so zeigt sich in den Gedichten, in wel-
chen er sich an die Gebrechen im Volksleben und Volks-
charakter wendet, sehr oft eine grofse Entrüstung und
ein Schmerz, die einer c^ewissen TIoffnuni>;slosiffkeit vor
dem grol'sen Werk der moralischen Regeneration zu ent-
springen scheinen. Hierauf beziehen sich auch seine Worte
in dem Gedicht an Capponi: Questo che par sorriso cd
e dolore.
Er fand, was unter allen Nationen und zu allen Zei-
ten sehr zu beherzigen ist, den Hauptgrund der Vcrderb-
nils der Menschen darin, daCs bei der Erziehung nur der
Verstand zum materiellen Nutzen gebildet, oft nur abge-
richtet wird, das Herz aber ganz vernachlässigt, ohne
Grundsätze bleibt, und theils von den Begierden, theils
von dem nach Vortheil spekulirenden Verstand zu allen
Roheiten und Gemeinheiten hingezogen wird. Es ist die
aufserordentliche Bedeutung Giusti's, dafs er auf diese
Flecken in der Geschichte des Menschen mit allem Nach-
druck hingewiesen hat. Die meisten Handlungen des
Eigennutzes, der Ungerechtigkeit, Roheit, Schamlosigkeit
kommen von dieser Vernachlässigung des Herzens und
der Gefiihle. Es ist nicht genug vor diesem Versinken
in den Materialismus zu warnen, denn die Kraftlosigkeit,
Verdumpfung und Knechtschaft der Völker hat darin
ihren Grund. Aber leider versteht die ganze Erziehung
der sogenannten bessern Gesellschaft von den Kinder-
jahren durch unsere Schulen und durch die Universitäten
nichts mehr von der wahren Bildung, die in der harmo-
nischen Entwicklung des Verstandes und Herzens besteht.
Wir sehen diese Disharmonie recht schroft an vielen
unsrer Gelehrten, denen, wie Giusti sagt, ein paar Al-
phabete mehr als andern Menschen im Hirn hängen ge-
blieben sind, die aber bei jeder Gelegenheit, wo die
Tugenden des Herzens, wahre Ehre, Billigkeit, Wol-
wollen ins Spiel kommen, zeigen, dafs sie sich nur mit
Unrecht und nur vor einer einfältigen Menge unter die
Gebildeten zählen können, und dafs sie ihr ganzes
Der Satirendicliter Giuseppe Giusfi. 253
Leben nur Schein machen. Diesen Menschen von Namen
und Credit durch ihren Verstand ruft der Dichter zu,
sie sollten vor Allem dafür sorgen, daf's sie beides nicht
durch ihr Herz verlieren. In diesem Sinne schreibt er
an einen jungen Mann, der sich zum Studiren vorberei-
tete: „Ein Anderer würde Dir zuerst das Studium em-
pfehlen, aber ich empfehle Dir vor Allem die Herzens-
güte, imd bitte Dich sie wie ein unschätzbares Gut zu
bewahren. Die Gelehrsamkeit ist oft nur ein eitles Ge-
räth, das zum Gebrauch des Lebens wenig nutzt vmd
womit man höchstens an Galatagen Pomp macht wie mit
Teppichen und silbernen Gefäfsen. Aber die Herzens-
güte ist ein höchst wesentliches Werkzeug, das wir immer
unter den Händen haben sollten. Glaube mir, ohne ge-
lehrte Menschen könnte die Welt vortrefflich vorwärts
gehen, ohne gute Menschen würde Alles zerrüttet."
Giusti wufste wol, dafs aus dieser elenden Halb-
bildung sowohl die Kraftlosigkeit, Kriecherei und Träg-
heit der Nationen als auch die ganze Schaar der gemei-
nen Heuchler und Egoisten hervorgeht, die er die Pest
der menschlichen Gesellschaft nennt, und gegen Beides
zieht er hauptsächlich im Hinblick auf die politische Ent-
wicklung seines Vaterlands zu Felde. Was er wol zu-
nächst beklagte, war die Verweichlichung, Energielosig-
keit, Charakterschwäche des Volks im Allgemeinen, die
es nicht befähigte seine Regierungen auf die Bahn des
Fortschritts zu zwingen, sondern nur immer über sie zu
klagen, weil es von ihnen allen Anstol's zur Thätigkeit,
alles Denken, Einrichten und Anordnen erwartete, und
selbst zu keiner Initiative die Kraft hatte. Dies hat er
in seinem Re Travicello ausgedriickt, wo er die Fabel
von den Fröschen benutzt, die einen König verlangten
und denen Jupiter zuerst einen Klotz hinabwarf. Er ruft
seinen Landsleuten zu, mit einem solchen Fürsten zu-
frieden zu sein, so lange sie selbst so verweichlicht wären:
Ihr impotenten Thiere, wer keine Zähne hat, der kann
nur einen träj^en Klotz zum Könii:; brauchen. Hierher
gehört seine vortreÜliehe Apoloyia del Lotto ^ worin er
das Lottospiel als ein Mittel preist, womit die Regierungen
254 lii'tJ'
das energielose Volk sich in niedrer Thätigkeit und klein-
li(;licn Leidenschaften bewegen und die höhern Interessen
möglichst vergessen lassen : „Die weisen Gesetzgeber (Grie-
chenlands und Roms erzogen mit harten Gesetzen ein
starkes Volk, aber ein noch weiserer Rath füttert jetzt
den zehrenden Sklaven mit dem Kaninchenherzen die Ner-
ven mit Wolle aus. Es ist eine Freude, dal's die ver-
dorbene Zeit, die allen Glauben verloren hat, doch noch
an das Lotto glaubt. Ein so schönes Spiel hält dem
Evangelium die Wage, und bringt die Hölle mit dem
Himmel in Wettstreit. Denn wenn der Teufel zerstreut
ist, so erfleht eine fromme Seele mit einem Ave Maria
den Gewinn im Lotto. Tod, Ungliick, Strafe dient nicht
mehr zur Warnung oder Besserung, sondern aus allen
Vorfällen werden in den Traumbüchern die gewinnenden
Nummern gesucht."
Aus dieser Energielosigkeit erzeugte sich zu Giusti's
Zeit l)esonders bei der reichen Jugend eine grämliche LTn-
zufriedenheit mit dem Schicksal, die sich in mfifsigen
Klagen über die Zustände in Italien, über Unterdrückung
des Geistes, über Vereitelung der grofsartigsten Pläne in
Prosa und Versen Luft macht, während diese reichen
Müfsiggänger in sinnlichem Leben ihre letzte Thatkraft
verschwenden und im Augenblick der wirklichen That
nicht zu finden sind. Diese Manie des wolfeilen und
bequemen Unmuths, die mit der Verzweiflung kokettirt,
hat Giusti als eine der traurigsten Erscheinunoren der all-
gemeinen Charakterschwäche erkannt und in dem Giovi-
tietto gebrandniarkt. Seht da den traurigen Jüngling, ruft
er aus. Mit achtzehn Jahren wälzt er sich im Schmerz
der Täuschungen und verzieht unwillig die Lippe, die
immer feine Cigarren raucht; weifs nichts und wiegt sich
in einem anmaisenden Müfsiggang ohne Ruhe. Impotent
in der Gesellschaft verdächtiger Weiber, macht er Reime
ohne Saft und Kraft. Krämpfig matt, ein falscher Freund,
schreibt er Hymnen und stottert den Namen Gottes,
während das Licht des Glaubens in ihm knistert wie ein
nasser Docht. Er besingt Italien, den Fortschritt, das
Volk und ist in schwelgerische Nachtessen und Bälle
Der Satirendicliter Giuseppe Gitisti. 255
versunken, ein Märtyrer in glacirten Handschuhen. Um
seinen verstümmelten Geist zu verbergen klagt er über
die gestutzten Flügel des Genius, vergleicht sich mit der
früh von der Ungunst getödteten Blume, und hat nicht
den Muth zu sagen: ich bin impotent. Reich von Zukunft
fällt er bei den ersten Schritten hin. Kraftloser Ehrgeiz,
verwirrte Wünsche, Fehlgeburten unmännlicher Gedanken
halten ihn in trüber Anarchie gefesselt und mit grofsem
Eifer sich ins Leben zu drängen quält er sich in dem
Limbus todtgeborner Kinder ab.
Dieser Mangel an Thatkraft verbindet sich in Italien
gern mit dem bequemen selbstzufriedenen Wiegen in der
Erinnerung an die vergangene Gröfse und Weltherrschaft,
welche Giusti in den Grilli energisch abweist, indem er
die Nachkommen der alten Helden daran erinnert, dals
sie an der Halfter festgebunden sind, und das souveräne
Volk ermahnt vor allen Dingen Herr über sich selbst
zu werden. Ebenso kräftig hält er einer andern Er-
scheinung dieser Verweichlichung, dem philosophischen
Kosmopolitismus, der alle Völker zu Einer grol'sen ein-
trächtigen Familie vereinigen möchte, den Feinden zu ver-
zeihen ermahnt, Zorn und Hafs für Sünden erklärt, die
Vaterlandsliebe entgegen, die ein Volk seine Eigenthüm-
lichkeit und seine Tugenden entwickeln und den Feind
aus dem Lande jagen lehrt, der es aussaugt und unter-
drückt. (Umanitari und Rassegnazione.) In der beilsen-
den Beschreibung eines Ballfestes {il Ballo) schildert er
den traurigsten Auswuchs dieses Kosmopolitismus, die
Schmeichelei und Wegwerfung gegen andre Nationen, die
Kriecherei vor den Fremden mit ihrem Hochmuth und
ihrer Roheit. Er schämt sich, dafs sein Vaterland das
Stelldichein aller Lumpe von Europa ist, daCs seine Lands-
leute sich vor Jedem erniedrigen, der seine auf verdäcli-
tige Art gesammelten Rcichthümer verschwendet und die
Schande, die iim aus seinem Ijand trieb, im Ausland mit
seinem Geld zudeckt. Das Gegenstück hierzu ist in dem
Gedicht La Vcstizioiie die; scharfe Satii'c gegen die Auf-
nahuH- von gemeinen Geklbrot/.en in den Stepliansorden,
256 ruiti.
welche ans dem niedrigsten Stand entsprungen durch
Wucher und Betrug reich geworden sind.
Was aber Giusti am meisten mit Bitterkeit erfüUte,
was seine Iloffinungcu auf ein glückliches Gedeihen der
Pläne seiner Freunde am meisten trübte, was selbst seine
Freunde bei der Erhebung von 1H4>< mit bangen Ahnungen
niederschlug, war der Egoismus, den er als zweites
Grundübel unter dem ganzen Volk verbreitet fand und in
dessen Gefolge er hauptsächlich die Lüge und Heuchelei
erblickte. Auch in seinen Briefen kommt er bei jeder
Gelegenheit auf die egoistischen Heuchler zu reden, die
für ihren Vortheil Alles verderben, die Menge bethören,
alle Moral und alles Vertrauen untergraben. Unsre Ver-
einigung, schreibt er in dem Gedicht La Republica^ ist ein
babylonischer Thurmbau, der die Sprachen verwirrt und
die Völker aus einander treibt. Jedes Ländchen hält
sich für die Welt, Jeder zieht das Wasser nach seiner
Mühle. Eintracht, Gleichheit, Brüderlichkeit sind schöne
Redensarten, aber: tre fratelli tre castelli, das ist unser
Italien. Zwei Arten dieses Erbübels, die politischen und
socialen Heuchler hat Giusti meisterhaft in den Satiren
Brindisi di Girella und Gingülino gezeichnet. Die erste
ist gegen die Schurken gerichtet, die mit Leichtigkeit
die Fahne wechseln, sobald es ihr Vortheil verlangt, die
Apostaten, die mit den Republikanern und dann wieder
mit den Monarchen gehen, die mit jedem Wechsel ver-
rathen und unter jeder Maske für sich rauben. Als der
Papst fiel, war Herr Girella ein Atheist vmd bestahl
Kirchen und Klöster. Wenn der Zopf oben war, errich-
tete er als guter Christ Galgen, ohne das Geraubte her-
auszugeben. In der Kriegszeit lobte er die Revolution,
die Freiheitsbäume, Robespierre, Napoleon, Fra Diavolo,
Moskau und Marengo. Dann in der Restaurationszeit
zündete er Freudenfeuer an, veränderte die Statuen und
wufste sich durch doppelte Kriecherei ans Uter zu retten.
Später war er Carbonaro, dann lobte er die französische
Revolution, den Muth in Modena, beweinte Italien und
schimpfte darauf „Wie viele Umstürze hat man gesehen,
der Eine verlor den Hals, der Andere den Staat. Aber
Der Satireudichter Giuseppe Giusti. 257
auf den Kopf fallen nur die Esel, wir Kluge stehen
immer aufi-echt und verzehren die Früchte des allgemeinen
Unglücks."
Das zweite unstreitig beste unter allen Gedichten
Giusti's gibt uns die Lebensbeschreibung Eines aus dem
grofsen Haufen von Schurken, denen für ihren Yortheil
kein Mittel zu schmutzig ist und die unter der Maske
der Heuchelei zu Ehren und Aemtern gelangen. Der
Gingillino soll, nach seinem eigenen Anspruch, mit all
ihrer Schmach und Niedrigkeit diejenigen malen, welche
durch Koth und Schlechtigkeit zu Aemtern aufsteio-en,
um nachher Staat und Fürst zu bestehlen imd zu ver-
rathen. „Wenn die Censur nicht so einfältig wäre,
schreibt er darüber an Vannucci, so müfste dieses Gedicht
öffentlich ausgegeben werden. Es könnte die Fürsten be-
lehren über den Unrath von Menschen, den sie lun sich
sammeln. " Wir versuchen hier nur kurz den Inhalt an-
zudeuten, was freilich kaum eine Idee von diesem klassi-
schen Gedicht geben kann: Alle Laster der Jämmerlich-
keit stehen an der Wiege des Gingillino , und geben ihm
goldene Lehren auf seinen Lebensweg: beuge dich unter
jedes Joch, sei nie kühn, fliehe die Gefahren und Mühen
des Ruhms und der Ehre; die Dummheit zu rechter Zeit
gefällt besser als die bestausgeführte Pertidie. P^in offen
eingestandener Fehler des ehrlichen Mannes ist immer
ein Zeichen des Einfältigen; ahme den Schmutzigen nach,
der von Aufsen immer rein scheint. Studire die Kunst
zu heucheln und zu täuschen; läugne Gott und den Teu-
fel, wenn du willst, aber schmeichle dem Priester. Wirf
deinen ganzen Haufen Laster unter den Ballast, aber öf-
fentlich zeige dich zerknirscht. Bleibe immer im Realen;
wer Lumpen anhat, den halte nie für ehrlich; beräuchere
das Einmaleins, die Fabel der Vernunft weiche immer der
wahren Geschichte des Thalers, und plage dich nie mit
Skrupehi. Zwanzig Jahre später wird Gingillino zum
Doktor creirt. Der Rektor lobt in schwülstiger Rede
seine Gelehrigkeit, Stille, Enthaltsamkeit von allen lär-
menden Vergnügungen , dafs er nie etwas ohne Erlaub-
nifs der Obern gethan, dafs er sich nie erlaubt habe an-
Jalirb. f. roiii. ii. engl. Lit. IV. 3. IQ
258 Ruth
ders zu denken als seine Lehrer, dafs er sich von den
Gottlosen nie anstecken lassen. Er ermahnt ihn schliel's-
lich mit der Rechten den Altar, mit der Linken den
Thron zu vertheidigen. Junge Studenten dagegen ver-
folgen ihn bei der Rückkehr von der Universität, und
singen Sf>ottlieder auf seine Unwissenheit, Dieberei, Krie-
cherei, ehrlose Gewinnsucht und Heuchelei. Nvm folgt
("ine geharnischte Ajjostrophe an Florenz mit seinen mat-
ten Lastern und matten Tugenden, das sich verkauft, ein
Grab einer glänzenden Vorzeit, deren Monumente um-
sonst ein träges und weichliches Volk ermahnen. — Um
vorwärts zu kommen, gewinnt Gingillino eine Wittwe für
sich, „früher die Köchin und die Speise eines Hochge-
stellten, die also die Welt kennt vmd ein verdächtiges
Haus für Vornehme hält. Sic weiht ihn in den Schatz
ihrer Erfahrungen und in die Kunst zu steijien ein : ver-
meide die Liberalen, rede nie von Zeitungen und Büchern,
gehe immer gebückt, personificire in dir die Reverenz.
Kleide dich schlicht und nimm zum Muster irgend 'eine
Excellenz, denn das Kleid macht den Mönch. Gewöhne
dir das Gesicht an, das sieht und nicht sieht, das ja und
nein sagt, das glaubt und nicht glaubt. Kein Bart, das
versteht sich; je mehr ein Beamter das Aussehen eines
Castrirten hat, desto mehr kommt er in Gunst bei seinem
übern. Versäume nie die Messe und gehe mit Geräusch
in die Kirche und immer auf die Bank des Präsidenten;
ja stelle dich Schildwache an die Kirchenthür, und reiche
ihm das Weihwasser. Lals dich einführen bei irgend
einem Minister, unterhalte ihn beim Spiel, verliere stand-
haft; denn was er dir rupft, ersetzt er dir wieder auf Kosten
des Staats. Sammle ihm täglich Stadtneuigkeiten, sei sein
Krankenwärter; wenn er stirbt, mache dich gleich davon
und zu einem andern. Mit den Ministerfrauen sei vor-
sichtig, gegen die jungen zeige Respekt, aber den Alten
diene wie ein Sklave, denn sie tragen den, der sie trägt.
Mit dem Diener des Ministers sei vertraut. Fällt im
Haus ein Skandal vor, so plaudre nichts aus, sondern
lobe immer. Dafür aber fordre, fordre beharrlich, und
lals dich nicht abweisen. — Gin<2rillino befolgte getreulich
Der Satirendichter Giuseppe Giusti. 259
die Lehren, und stieg in die Höhe. Er betete morgens
und abends sein ganz besonderes Credo, das den Inhalt
seines verruchten Lebens bezeichnet.
Wir haben versucht Giusti unsern Lesern als Dichter
vorzuführen, und hoffen dafs es uns gelungen ist, die
grofse Bedeutung desselben wenigstens annähernd aus
dem Inhalt seiner Gedichte erkennen zu lassen und zum
Lesen derselben aufzumuntern. Diese Bedeutung erstreckt
sich nicht allein auf Italien, denn er rügt die politischen
und socialen Gebrechen, die allen Nationen ihre gesunde
Entwicklung verderben, und thut dies bei aller Energie
in so allgemeinen Zügen, dafs es kein Volk gibt, das
nicht mit dieser Diogenesleuchte den wahren Werth oder
Unwerth seiner Belehrer, Redner und Leiter erkennen
könnte, die es meist so einfältiger Weise beräuchert.
Man kann mit Recht sagen, dafs Giusti auch für uns
Deutsche gedichtet hat, da unsre Zustände leider mit den
italienischen in vieler Hinsicht grofse Aehnlichkeit haben.
Die Italiener haben, was bei ihren Restaurationen wohl
erklärlich ist, nur die regierungsfeindlichen Satiren mit
besonderm Eifer erfafst, von den andern aber eio-entlich
noch nichts gelernt. Sollten wir es nicht besser macheu
und vor Allem unsere Legion von Gingillini und Girella
kennen lernen und sie zur Warnung brandmarken?
Schliefslich sei noch bemerkt, dafs einige von Giusti's
Gedichten, von Krafft und Heyse sehr gut übersetzt, in
den „Blumen aus der Fremde" (Stuttgart 1862) aufge-
nommen sind.
E. Ruth.
18=
260 Grein
Die historischen Verhältnisse des
Beownlfh'edes. *)
Das älteste zusammenhängende Epos, das wir in deutscher
Zunge besitzen, ist das angelsächsische Bcowulfliod, dessen
Abfassungszeit wol spätestens in den Anfang des 8. Jahrhun-
derts zu setzen ist. Nach drei Seiten hin bietet das Lied
reichen Stoff für die Betrachtung, je nachdem wir entweder
die ihm zu Grunde liegenden geschichtlichen Ereignisse oder
die daran geknüpften mythischen Traditionen oder endlich die
ästhetisch-poetische Seite des Liedes selbst ins Auge fafsen.
Ich beschränke mich auf den ersten dieser drei Gesichtspunkte,
dem man bisher am wenigsten hat Gerechtigkeit widerfahren las-
sen, und beabsichtige also die wichtigsten historischen Ver-
hältnisse des Beowulfliedes in ihrem Zusammenhange vorzu-
führen.
Wenn auch grade die Hauptthaten Beowulfs, deren Ver-
herlicbung die Aufgabe des Liedes bildet, unbestreitbar rein
mythischer Natur sind, so sind dies eben Züge aus der alten
Göttersage, welche die sagenbildende Tradition an einen hi-
storischen Helden angeknüpft hat: denn dafs wir den Beowulf
als einen solchen müssen gelten lassen, das geht unvei-kenn-
bar hervor aus allen Beziehungen, in denen wir ihn aufser-
dem werden auftreten sehen. Nach Abzug dieser und sonst
noch einer wenigen offenbar mythischen Anlehnungen bleibt
uns in unserem Liede noch eine reiche Fülle von Ueberliefe-
rungen aus der wirklichen Geschichte übrig und zwar, wie
wir sehen werden, aus der Geschichte einer Zeit, die kaum
mehr als 200 Jahre hinter der Abfassungszeit des Gedichtes
selber liegt. Einigen dieser Punkte haben selbst die eifrigsten
Mythenforscher, bei denen sich sonst mitunter nur zu leicht
Alles in mythischen Nebel zu verflüchtigen droht , die rein
historische Natur nicht abzusprechen gewagt. Aber der Kreis
der geschichtlichen Ueberlieferungen ist in unserem Liede noch
viel gröfser, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Frei-
1) Habilitationsvorlesung gehalten zu Marburg am 20. Merz
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 261
lieh sind die historischen Data abgesehen von denen , welche
den eigentlichen Rahmen des Ganzen bilden, sehr zersplittert
und vereinzelt durch das Lied hin zerstreut und werden bei
verschiedenen Veranlassungen nur gelegentlich erwähnt, oft
sogar nur kurz angedeutet: bald singt ein Sänger in der
Trinkhalle von den Thaten der Väter; bald werden Ereignisse,
die erst nach den eigentlichen Scenen des Liedes eintraten,
als wahrscheinlich vorausgesagt; bald ist es ein Kleinod oder
eine Waffe, von denen erzählt wird, bei welcher Gelegenheit
ein früherer Besitzer sie getragen; bald wird bei Erwähnung
einer Person oder einer That ein damit in Beziehung stehen-
des früheres Ereignifs eingeschaltet; bald endlich wird auf
Jemand übelen Andenkens hingedeutet, um durch seinen Ge-
gensatz die ruhmvollen Thaten oder herlichen Eigenschaften
eines Andern um so glänzender hervorti'eten zu lassen. Ver-
suchen wir aber diese zerstreuten Nachrichten zusammenzu-
stellen und chronologisch zu ordnen, so erhalten wir ein zu-
sammenhängendes geschichtliches Bild, das über einen ziem-
lich beträchtlichen Zeitraum sich erstreckt; und bei dem höheren
Alter des Liedes trage ich kein Bedenken, demselben als Ge-
schichtsquelle einen gröfseren Werth beizulegen als den spä-
teren nordischen Sagen und namentlich als den verworrenen
Berichten und oft willkürlichen Combinationen des gelehrten
Saxo Grammaticus.
Zwei Völkerschaften sind es, die vor allen in den Vorder-
grund treten, die Dänen und die Geäten: die übrigen werden
nur erwähnt, sofern sie mit einem dieser beiden in Berührung
kommen.
Die Dünen heifsen iui Liede bald einfach Deii(\ Denigea
leöde (Dänenleute), bald Scedene (Seedänen), bald nach den
vier Himnielsgegendeu Eäst-, Vest-, Süd- und Norddene, ohne
dafs damit eine Unterscheidung verschiedener Dänenstämme
bezweckt wäre: ursprünglich aber haben diese Namen gewifs
auf einer entsprechenden Eintheilung beruht; d(M- Name Seedäneu
dürfte vielleicht die Inseldänen bezeichnet haben gegenüber
den Bewohnern von Schonen., dem südlichsten Theile der
scandinavischen Halbinsel. Denn dafs Schonen damals schon
wie auch noch später zum Dänenreiche g('h<"»rt habe, scheint
aus zwei Stellen des Liedes mit ziemlicher Sicherheit liervor-
zugehen; von einem Dänenkönige heifsl es nämlich an der
262 fi'ein
einen Stelle (v. 1*)): „er war gewaltig, sein Glück delmte
sich weit ans in den Skedelanden'-'' ^ and an der andern Stelle
(v. 1686): ,,er war der beste der Könige, die in Skeden-i()ge
Schätze austheilten." Wenn nun auch gleich der Dichter diese
Namen hier für das Dänenreich überhaupt gebraucht, so unter-
liegt es doch keinem Zweifel , dal's wenigstens Sceden-ig wirklich
der Name für Schonen ist und dafs dieses also mit zum Dä-
nenreiche gehört haben muls : denn Sceden-u/ ist wörtlich das
ahn. Skdn-ei/ {Sc6n-eg in Aelfreds Orosius) und die Scandi-
navia der alten Geographen. Der eigentliche Königssitz der
Dänen aber war auf Seeland. Aufserdem werden sie von
ihrer Waflfenrüstung noch Hrivgdene , Gdrdene und Beorhtdene
d. h. Ring-, Speer- und Glanzdänen , und nach ihrem Königs-
geschlechte Skildinge (altn. Skiöldungar) genannt. Zweimal
kommt auch der Name Ingvine (Freunde des Ing) als Bezeich-
nung der Dänen vor (v. 1044, 1319) was an die proximi
oceano Tngccvones des Tacitus erinnert sowie an deren Epo-
nymus Ing, von dem es im ags. Runenliede heifst: „Tng ward
zuerst bei den Ostdünen gesehen von Menschen, bis er später
wieder über die Wogen davoneilte. "
Der Name der Geäten entspricht genau dem altn. Gmitar,
altschwed. Götar, und wir dürfen sie daher nirgends anders
suchen als in dem Landstriche Scandinaviens, der noch heute
den Namen Götaland oder Götarike führt, nicht aber, wie
noch Grundtvig annimmt, auf der Insel Gothland: denn deren
Name war Gutaland, woraus schwed. Gotland und dänisch
Gulland ward. Am allerwenigsten aber sind sie mit den Ju-
ten (Eötan) zu vermengen. Ihren Königssitz (v. 1924) haben
wir wol an der Westküste zu suchen in der Gegend vom
Ausflusse der Göta-Elf, und wenn sie auch noch Vederas und
Vedergedtas genannt werden, so erkennen wir diesen Namen
wieder in der zur Provinz Halland gehörigen Insel Väderöe
oder Veiröe (altn. Vedrey) nordöstlich von Seeland, sowie
auch in der weiter nördlich gelegenen und zu Vestergötaland
gehörigen Inselgruppe Vüderöarne.
Nachdem wir uns so vorläufig über die geographischen
Verhältnisse der beiden Hauptvölker im allgemeinen orientirt
haben , wenden wir uns nunmehr zu deren Geschichte , und
zwar zunächst zu der der Dünen.
Nach einem preisenden Ausrufe des Dichters über den
Die liistorischen Veihältuissc des Beowulfliedes. 263
Thatenruhm der alten Dänenkönige beginnt das Lied mit einei-
kurzen Vorgeschichte der dänischen Dynastie aus dem Ge-
schlechte der Skildinge bis auf den König Hröögär^ dessen
Burg der Schauplatz des ersten Haupttheils ist. Gleich diesen
Eingang hat man verdächtigen und einem jüngeren ungeschick-
ten Ueberarbeiter zuschreiben wollen i), der sich noch nicht
tief in das Gedieht hineingedacht habe , weil ja Beowulf, des-
sen Verherlichung doch den Hauptinhalt des Liedes bilde,
nicht zum Volke der Dänen, sondern zu dem der Geaten ge-
höre und weil überdies an mehr als einer Stelle ungünstig
von den Dänen gesprochen werde. Allein dieser Einwand
scheint mir völlig nichtig und unbegründet: ihn kann nur er-
heben, wer sich selbst «och nicht gehörig in das Lied hinein-
gedacht hat. Denn es tritt ja nicht zuerst der Hauptheld Beo-
wulf auf dem Schauplatze seiner Thaten auf, sondern vielmehr
der Dänenkönig Hrö6gär, indem erzählt wird, wie dieser eine
Hallenburg erbaute und dort von der Grendelplage heimge-
sucht ward, von der ihn dann erst der aus der Ferne kom-
mende Geatenheld befreite. Und was ist da wol natürlicher,
als dafs dieser Dänenkönig eingeführt werde durch einen kur-
zen Ueberblick über die Geschichte seiner Ahnen! Jener Ein-
gang bildet somit grade einen wesentlichen Bestandtheil des
Liedes, das ich überhaupt, sowie es uns vorliegt, nur für das
zusammenhängende Werk eines einzigen Dichters halten kann.
Als Gründer der Skildingdynastie erscheint Scyld Scejhuj
d. h. Skild der Sohn des Skef oder Skeäf. An ihn sehen wir
hier einen Mythus angeknüpft, den spätere Chronisten von
seinem Vater Sceäf berichten und dessen unverkennbare Ver-
wandtschaft mit der Schwanrittersage schon oft hervorgehoben
wurde. Einsam auf einem steuerlosen aber reich mit Waffen
und Schätzen beladenen Schiffe wird er von den Wellen des
Meeres als kleines Kind (aber keineswegs noch ungeboreii,
wie Simrock wunderlich genug erklärt) an die Küste der Dä-
nen getrieben, die damals gerade sich in grofser Bodrängnifs
befanden'^), iiin daher als einen (iottgesandten aufnahmen und
später zu ihrem Könige erhüben. Und als er nach einer
') So Ettniiiller und Simrock.
'•') V. 15: pät hi a-r dnigon aliior . .asc MS. Das letzte Wort war scLoii
zu Thorkelins Zeiten nicht mehr vollständig zu lesen, dürfte aber wol
ahlorceare gewesen sein (vgl. v. 906)-, aldorlcdsc ii<t Rasks Conjcctiu'.
264 Orein
langen segensreichen Regierung, während der er manche der
umwohnenden Völker unterjochte und die Dänenherrschaft
weithin befestigte, gestorben war, da legten die Seinen, wie
er es selbst zuvor angeordnet hatte, seinen Leichnam auf ein
mit reichen Waffen und Schätzen beladenes Schiff und über-
gaben ihn so einsam wieder, wie er gekommen war, den
Wellen des Meeres: Niemand weifs zu sagen, in wessen Ge-
walt diese Schiffsladung kam!
Versuchen wir diese Erzählung ihres unbezweifelt mythi-
schen Gehaltes zu entkleiden, so läfst sie uns unschwer ahnen,
welche historischen Verhältnisse ihr zu Grunde liegen mögen.
Zu den unter dem Drucke grofser Bedrängnifs seufzenden Dä-
nen kommt aus der Ferne Skild als Helfer in der Noth und
zum Dank für die gebrachte Rettung erheben sie ihn auf ihren
erledigten Königsthron. Und wenn nach dem Vidsiüliede Scedfa
über die Longobarden herrschte, während unser Lied selbst
den Skild einen Skefing nennt, so dürfte wol die Annahme
nicht allzu gewagt erscheinen, dafs unser Skild ein auf Aben-
teuer ausziehender jüngerer Sohn eben jenes Longobarden-
königs gewesen sei : gerade der Name des Vaters mag mit
Veranlassung gegeben haben zur Anknüpfung der Sage von
einem mythischen Skedf. Aber auch über die Art der Hülfe,
welche Skild bei seiner ersten Ankunft den Dänen leistete,
scheint uns unser Lied nicht im Zweifel zu lassen. An zwei
Stellen nemlich (y. 901—13 und 1709 — 22) wird ein älterer
Dänenkönig Heremöd übelen Andenkens erwähnt, der nicht
zur Dynastie der Skildinge gehörte, mithin derselben voraus-
gegangen sein mufs. Durch seine unerhörte Grausamkeit, mit
welcher er die Seinen tyrannisirte , machte er sich ihnen so
verhafst, dafs sie zuletzt des Druckes müde sein Joch ab-
schüttelten und ihn vertrieben. ') Dieser Heremöd nun scheint
der unmittelbare Vorgänger des Skild auf dem Dänenthrone
gewesen zu sein und bei seiner Vertreibung dürfte eben Skild
den Dänen wesentliche Hülfe geleistet haben. Denn wenn
Stammtafeln der altn. Sverris Saga (Fornm. VIH, 2) und in
der Sachsenchronik (a. 855) den Skild (Skialdi, Sceldva)
') V. 901 wird er keineswegs, wie man gewöhnlich ivnnimmt, aber
nicht weiter erklären zu können bekennt, in Verbindung mit Sigemund,
sondern vielmehr nur im Gegensatz zu dessen Ruhme vom Dichter ein-
geführt (s. unten liei der Episode von Offa iintl seiner Gemahlin).
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 265
zum Sohne des Heremud machen, so kann dies leicht ein Irr-
tum sein, welcher dadurch veranlafst wurde, dafs Skild dem
Hereniöd unmittelbar in der Regierung nachfolgte. Der Grün-
der der älteren mit Heremod erlöschenden Dynastie aber dürfte
Ecgvela gewesen sein, da v. 1709 die Dänen eoforan Ecgve-
tan (Nachkommen des Ecgvela) genannt werden.
Nach dem Tode des Skild bestieg sein Sohn Beowulf den
Dänenthron, ebenso wie in jener Stammtafel der Sverris Saga
Biarr als Sohn des Skialdi und in der der Sachsenchronik
Beäv als Sohn des Sceldva erscheint. Nicht zu verwechseln
ist dieser Skilding Beowulf mit dem gleichnamigen Geaten, dem
Helden des Liedes.
Auf Beowulf folgte- sein Sohn Healfdene. Dieser hatte
drei Söhne Heorogär oder Heregär, Hruögär und Halga^ so-
wie eine Tochter , die an einen Headoskijlfing d. h. an einen
Helden aus dem schwedischen Geschlechte der Skylfinge ver-
mählt war: doch über diese Königstochter bleiben wir ziem-
lich im Dunkel; denn wenn es im Texte von ihr blofs heifst
hyrde ic, pät Elan cven Heaöoscyljlnges healsgebedda, so zeigt
das Fehlen der Alliteration und des Verbums , dafs durch die
Schuld des Schreibers ein Halbvers ausgefallen sein niufs, und
wir können nicht einmal mit voller Sicherheit bestimmen, ob
wir Elan cven als Königin Elan oder als königliche Gemah-
lin eines Ela nehmen sollen; jedenfalls aber fehlt ein Name,
entweder der der Königin oder der ihres Gemahls. Wahr-
scheinlicher dünkt mir das letztere , und wenn wir die im
Beowulfliede auftretenden Glieder des Skylfinggeschlechtes so-
wie deren Zusammenstellung mit den übrigen Ereignissen be-
rücksichtigen , so begegnen wir als ungefährem Zeit- und
Altersgenossen der Kinder Healfdenes dem Schwedenkönig
Ovgcntheov. *) Wir könnten daher das Fehlende etwa so er-
gänzen: hijrde ic ^ Jjüt Elan cven [Ongenpeöves rüs] Ileaöo-
scylfinges healsgebedda „ich hörte, dafs Königin Elan des Kampf-
skylfings Ongentheov Bettgenossin war." In der nordischen
Ilrolfs Kraka Saga heifst zwar Signy die Tochter des Ilalf-
dan, Schwester des Hroar und Helgi , und sie war an den
') Auch (Jrundtvig liält den Ongentheov l'iir den Schwiegersohn
dos Healfdene, nimmt aber ohne Noth eine viel zu grol'sc Lücke an,
wenn er sehreibt hijrde iv päl [ühthercs moihr and <h)]cl<tii
f( >n<je>ipc('ivesj cven Hcadosci/lfingcf hcalsi/ebedda.
266 Grein
'Jarl Saivil vermählt: aber bei den vielen sonstigen Abweichungen
der nordischen von den angelsächsischen Ueberlieferungen ist
darauf kein besonderes Gewicht zu legen.
Der älteste Sohn Ileoroydr^ der zunächst seinem Vater
Healfdene in der Regierung folgte, scheint diese nicht gar
lange geführt zu haben und sein Sohn Heoroveard scheint gar
nicht zur Regierung gekommen, sondern frühzeitig gestorben
zu sein. Denn auf den Heorogär folgte unmittelbar dessen
zweiter Bruder Hröögdr: dieser aber hatte, wo er im Liede
zuerst auftritt, bereits 50 Jahre (100 Halbjahre) regiert und
erzählt selbst, er sei noch jung gewesen, als er beim Tode
seines Bruders zur Regierung kam. Daher mag es denn auch
gekommen sein, dafs die nordischen Sagen den Heorogär gar
nicht kennen , sondern nur die beiden Brüder Hrougar und
Halga oder, wie sie dort heifsen , Hroar und Helgi.
In den späteren Jahren seiner Regierung erbaute Hröö-
(jär in der Nähe der Meeresküste und eines unheimlichen Land-
sees eine Trinkhalle oder eine Burg, die er von ihren Zinnen
Heorot zu deutsch Hirsch nannte. Diese Burg ist schwerlich
mit Roeskilde zusammenzustellen, welches nach Saxo Gram-
maticus HröCigär gleich in den ersten Jahren seiner Regierung
erbaute , sondern wir haben sie wol eher in dem heutigen
Hjortholm oder Hirschholm auf Seeland in der Nähe des Sia?l-
sees zu suchen , südlich von Helsingör der Insel Hveen gegen-
über. — Königliche Gabenspenden und festliche Trinkgelage
wechselten nun ab in der neuen Burg und lautschallender Ju-
bel der Helden erfüllte weithin die Gegend. Das ärgerte den
Riesen Grendel^ der mit seiner Mutter auf dem Grunde des
benachbarten Sees hauste. Eine Zeit lang sah er noch das
ihm ungewohnte Treiben der Menschen ruhig mit an; doch
nur zu bald war seine Geduld zu Ende: im Dunkel der Mit-
ternacht, während die sorglosen Helden im tiefen Schlafe lie-
gen, bricht er ein in die Halle, frifst 15 der Mannen und
schleppt noch 15 andere in seinem riesigen Handschuh mit
von dannen in seine unterseeische Wohnung. Allnächtlich
wiederholt er nun seine feindlichen Besuche, und wiewohl die
Dänen anfangs mehr denn einmal versuchten ihm mit bewaffne-
ter Hand zu widerstehen, so sahen sie doch bald, dafs sie
nichts vermochten gegen den riesigen Unhold, den kein Eisen
verwundete, und es wagte fortaji Niemand nach Untergang der
Sonne in der Büro zu bleiben. Zwölf lange Jahre stund so in
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 2(37
den Nächten der Häuser bestes eitel und unnutz, nur am hellen
Tage bewohnbar. Da vernahm in der Ferne am Hofe des
Geatenkönigs Hijgeläc der jugendliche Beoiculf von Seefahrern
diese Kunde und selbfunfzehnter machte er sich auf, den greisen
Dänenkönig von der Plage zu befreien. In der ersten Nacht
bleibt er mit den Seinen in der Halle, kämpft ohne Waffen
blofs auf die gewaltige Kraft seiner Arme vertrauend siegreich
mit Grendel und reifst diesem, der nur durch die Flucht dem
unmittelbaren Tode entgeht, den Arm von der Achsel. In
der folgenden Nacht wird den Geaten eine andere Ruhestätte
angewiesen und die Dänen , welche alle Gefahr vorüber wäh-
nen, bleiben nun selbst wieder in der Halle. Doch um Mit-
ternacht kommt GrendeFs Mutter, ihren Sohn zu rächen, reifst
Hrot^gärs geheimen Rath i) Äschere vom Lager und eilt mit
ihm von dannen. Am Morgen reiten alle, Beowulf in ihrer
Mitte, hin zum Grendelsee und der Geatenheld stürzt sich in
die Fluten, kämpft dort mit dem Riesenweibe in ihrer eigenen
Wohnung und erschlägt sie zuletzt mit einem alten Riesen-
schwerte , das er an der Wand hängen sieht und mit welchem
er dann auch noch dem auf dem Lager liegenden Grendel das
Haupt abschlägt. Noch eine Nacht weilt er nun in Heorot
und kehrt am nächsten Tage reichbeschenkt in die Heimath
zurück.
Diese ganze Grendelgeschichte, die hier nur kurz ange-
deutet werden konnte, hat mit den geschichtlichen Ereignissen
natürlich nichts zu schaffen : sie ist ein alter Mythus , welchen
erst die sagenbildende Tradition an die Burg Heorot und den
Geatenhelden Beowulf anknüpfte. Fragen wir uns aber, wel-
ches geschichtliche Factum eine solche Anlehnung veranlafst
haben mag, so werden wir wol nicht fehl gehen, wenn wir
annehmen, dafs es wiederholte nächtliche Ueberfälle von
Seeräubern waren, welche die Dänen in Heorot beunruhigten
und denen der Geate Beowulf ein Ende machte.
König Hrö^gurs Gemahlin war Vealh])eöv aus dem Ge-
schlechte der Helm'mrje: die Helminge aber sind identisch mit
den Vylfingen (altn. Ylfingar), da nach dem Vidsi()liede Helm
über die Vylfmge herrschte. Von dieser Gemahlin hatte er
zwei Sühne Ilreörtc und Ilröömund^ und aufsor diesen noch
eine Tochter Fredrare, die an fiii/eld den jungen König der
') runrilan and rwdbvran.
0
268 f-rcin
Heaöobearden vermählt ward : diese Heaöobearden d. h. die
ki-iegerischen Barden, sind aber keine andern als die Longo-
barden, die Bewohner des alten Bardengaues im Lüneburgi-
schen in der Gegend von Bardewik. Ingeld's Vater Froda war
in einem Kampfe mit den Dänen gefallen und Ilröögär hoffte
durch jene Heirath mit dem Sohne die Fehde beizulegen : doch
diese Hoffnung täuschte ihn. Unter dem Hofgesinde der jun-
gen Königin, das ihr aus der Heimat folgte, war auch einer,
an dessen Seite die Heaöobearden das Schwert blinken sahen,
welches ihr König Froda in seinem letzten Kampfe mit den
Dänen getragen. Wenn nun auch Ingeld selbst in der Liebe
zu seiner jungen Gemahlin alle Rachegedanken vergessen
mochte, so war dies doch keineswegs bei seinen Getreuen der
Fall. Namentlich war es ein alter Krieger, der ihn unab-
lässig an die Blutrache mahnte: „Kannst du das Schwert er-
kennen, das dein Vater zum Gefechte trug zum letztenmale,
da ihn die Dänen erschlugen? Nun geht hier der Sohn von
einem der Mörder umher, der sich mit dem Morde brüstet
und der den Kampfschmuck trägt, den du nach Recht besitzen
solltest!" Mit solchen Worten reizt der Alte immer und im-
mer wieder seinen jungen König, bis in diesem endlich die
Frauenliebe kühler wird und Rachegedanken weichen mufs:
die Eide werden gebrochen uud alle Dänen an Ingeld's Hofe
(wie es scheint) werden erschlagen , unter diesen vielleichl
seine eigne Gemahlin. Er aber zieht, wie wir aus dem Vid-
siöliede lernen, mit einem Heere vor i/eoro^, um seines Vaters
Tod an Hroögdr selbst zu rächen. Doch dieser mit seinem
Neffen Hroöridf oder ITroduIf schlägt die Heaöobearden, und
zwar wie es scheint bis zur völligen Vernichtung ihres Heeres.
Diese Erzählung ist offenbar identisch mit der Sage von In-
gellus Frotho's Sohn und seinem Erzieher Starcatltei ., welche
Saxo Grammaticus berichtet und nur durch Misverstäudnifs
unter falschen Beziehungen in seinen Geschichtsrahmen einge-
reiht hat.
Am Hofe Hioögärs treffen wir seinen soeben erwähnten
Brudersohn i) Hrodulf, den Hrolfi' Kraki der nordischen Sage,
die ihn als des Helgi Sohn bezeichnet: dieser Helgi aber ist,
wie wir bereits sahen, der Ilalga unseres Liedes, Hroögars
Bruder, wiewohl das Lied aufserdem von ihm nichts berichtet.
') ccvrü/i suhtoiycfäderan.
Die liistüiischen Verhältnisse des Beowiielfieds. 2G9
Hrddulf war als kleines Kind, wahrscheinlich nach dem Tode
seines Vaters, von seinem Oheim Hro^gär aufgenommen und
erzogen worden (v. 1181 — 87) und so lebte er fortan an des-
sen Hofe. Sonst aber lassen uns über ihn sowie über die
ganze spätere Dänengeschichte die angelsächsischen Ueberlie-
ferungen fast völlig im Dunkel. Wenn es jedoch in unserem
Liede (v. 1164 — 65) bei der Anwesenheit Beowulfs in Heo-
rot von Hröögdr und Hrddulf ausdrücklich heifst, dafs da-
mals ihre Freundschaft noch ungebrochen und jeder dem an-
dern treu war, so müssen wir hieraus schliefsen, dafs später
sich dies Verhältnifs geändert und einer von beiden die Treue
gebrochen habe: wahrscheinlich stürzte Hroöulf seinen greisen
Oheim vom Throne oder- er vertrieb erst nach Hröögärs Tode
dessen Söhne HreÖrIc und Hröömimd ^ sich selbst des Thrones
bemächtigend.
Ehe wir jedoch die Geschichte der Dänen verlassen und
zu den Geäten übergehen, bleibt uns noch eine Episode in der
Dänengeschichte aus den Zeiten des Königs HeaJfdene zu be-
trachten übrig (v. 1063 — 1159), die Erzählung von den
Kämpfen 'des Hnäf und Hengest mit dem Friesenkönige Fiim.^)
Es gehört diese Erzählung mit zu den dunkelsten und schwie-
rigsten Theilen des ganzen Beowulfliedes, da uns der Dichter
nicht das ganze Ereignifs in seinem vollen Zusammenhange
mittheilt. Zum Glück hilft uns zwar das unter dem Namen
,, Ueberfall in Finnsburg'-' bekannte Fragment eines beson-
deren ags. Gedichtes hier eine wesentliche Lücke ausfüllen,
reicht aber gleichwol nicht aus den vollen Zusammenhang her-
zustellen , da es leider zu früh abbricht. Indem ich beide Ei--
zählungen mit einander combinire, denke ich mir nach sorg-
fältiger Prüfung aller Einzelheiten die Sache in folgender
Weise.
Nach dem Vidsiöliede herrschte Finn^ des Folcvalda
Sohn, über die Friesev , während im Reowulf liede seine Un-
') V. 1063 steht /ore in der Bedeutung von de (wie Pa. 34: pe ic
w.r fore sägde de quo antca dixi) und Heal/dencs hildevisan geht auf
Hnäf. — in Fresväle v. 1070 ist unsicher, da nach Grundtvigs Text
MS. in Fr.. es rwAe zu stellen scheint. Wenn derselbe aber das Frag-
ment vom Ueberfall in Finnsburg nach v. IIOG einfügt, so kann ich
ihm nicht beistimmen, son<lern setze die Ereignisse des Fragments vor
V. 10G8.
270 Grein
terthanen bald Friesen bald Enten heifsen; letzteres sind ohne
Zweifel die Jtiti, die Bcwoliiior Jülhinds, und unter den Frie-
sen haben wir uns hier die benachbarten Nordfriesen zu den-
ken: über beide herrschte also Finn. In Jütland^) hatte er
eine Burg, Finnsbiirg genannt, und hier weilte bei ihm als
Gast Hnüf aus dem Geschlechte der Hokinge, ein Dienstraann
des Dänenkönigs Healfdene, mit 60 Mannen und unter diesen
namentlich Mengest^ der auf keinen Fall, wie uns Grundtvig
mit aller Macht einreden will, ein Friesenhäuptling war, und
ebensowenig dürfen wir ihn mit dem freilich ungefähr gleich-
zeitigen Angelfürsten Hengest verw^echseln, der mit seinem Bruder
Horsa nach England übersiedelte, da unser Hengest, wie wir
sehen werden, in einem Kampfe mit Finn erschlagen ward.
Treulos wurden die Gäste, die sich keiner Arglist ver-
sahen, im Dunkel der Nacht von den Mannen Finns über-
fallen und es entspann sich ein heftiger Kampf. Fünf Tage
lang vertheidigten sich heldenmüthig die Dänen im Innern der
Burg, ohne dafs auch nur einer von ihnen fiel, während die
Angreifenden bis auf wenige erschlagen wurden. Am Ende
des fünften Tages fiel Ilnäf^ und Hengest übernahm nun an
seiner Stelle die Führung der Dänenschaar. Doch Finn, der
sich fast aller seiner Mannen beraubt sah, konnte den Kampf
gegen Hengest nicht länger fortsetzen und bot daher die Hand
zum Vergleiche. Er versprach, dafs er eine andere Wohnung
mit Halle und Hochsitz den Dänen einräumen und sie bei
den Gabenspenden völlig seinen eignen Leuten, den Eoten
und den Friesen, gleich halten wollte. Die Versöhnung ward
auf beiden Seiten mit Eiden beschworen und Sühngold von
Finn gegeben. Am Morgen aber ward ein Scheiterhaufen er-
richtet für Hnijf und alle Gefallenen, auf den die jammernde
Hildeburg ^ die im Kampfe ihre Söhne und Brüder verloren
hatte, auch ihre eignen Söhne legen liefs, und hoch loderten
die Flammen zum Himmel empor. Diese Hildeburg , Huke.s
Tochter, scheint die Schwester des Hökings Hnäf und die
Gemahlin des Fimi gewesen zu sein, so sehr sich auch Grundt-
vig gegen diese letztere Annahme sträubt. Nun begeben sich
Alle, die der Kampf noch übrig gelassen, zusammen nach
Friesland, dem eigentlichen Wohnsitze des Finn, und hier
bleibt Hengest den Winter über , durch Eis und Avinterliche Stürme
') Dies scliliefse ich aus v. 1125 — 27.
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 271
an der Heimfahrt verhindert. „Doch im Frühjahr strebte der
Gast von dannen, mehr an Rache als an die Seefahrt den-
kend, ob er feindliche Begegnung wider die Eotensöhne voll-
bringen möchte. So entging er nicht dem Weltschicksal (voruld-
rsedenne) , als Hiinldfmg ihm die Kampfesflamme, der Schwer-
ter bestes, in den Busen senkte (on bearm dyde): des waren
wolbekannt bei den Boten die Schneiden der Schwerter!"
Das kann doch nichts anders heifsen, als dafs er von der
Hand des Hünläfing fiel, und wir können unmöglich in Hün-
läfing den Namen eines Schwertes sehen, das ihm geschenkt
worden sei. Dunkel bleibt dabei nur, ob Hengest erst wirk-
lich die Heimfahrt vollbrachte und dann mit neuer Hülfe zu-
rückkehrte, oder ob er noch vor der Abfahrt den unglückli-
chen Racheversuch wagte, der ihm das Leben kostete, sodafs
dann erst nach seinem Falle seine Gefährten Güöhif und Os-
hif aus der Heimat Hülfe holten: eher scheint jedoch das letz-
tere der Fall gewesen zu sein. Güölcif und Osldf rächten nach
der Seefahrt die Wehethaten und in dem Kampfe ward die
Halle gefüllt mit den Leichen der Feinde, Flnn selbst ward
erschlagen und die Königin genommen. Die Schützen der
Skildinge führten auf den Schiffen all die Schätze, die sie in
Finns Wohnsitze fanden, sowie auch die edle Königin heim
zu den Dänen.
Wir wenden uns nun zum zweiten Hauptvolke, zu den
Gedten. Auch von ihrem Königsgeschlechte überschauen wir
in unserem Liede ein beträchtliches Stück Geschichte, und
gerade hier werden wir sogar einen sicheren Anhaltspunkt für
die Zeitbestimmung der Ereignisse finden.
König Ilreöel, der Enkel Sveriings^ hatte drei Söhne
Jlerebeald, Hoeökynn und Ilggeldc sowie eine Tochter, die an
Ecgtheöv aus dem Gcschlechte der Wa?gmundinge, den Vater
Beowulfs, des Haupthclden unseres Liedes, vermählt war. Der
älteste jener drei Söhne Herebeald war noch bei Lebzeiten des
Vaters durch einen unglücklichen das Ziel missenden Schufs
von der Hand seines Bruders Ilceökipni gefallen , und aufge-
rieben vom Kununer über diese That, für die er am eignen
Sohne keine Blutrache üben konnte, sank der Vater ins Grab
(v. 2435 — 69). Ihm folgte auf dem Throne sein zweiter
Sohn Ilcndicynn. Doch nur kurze Zeit war es diesem beschie-
den der Herrschaft zu walten. Denn bald nach seines Vaters
Tode ward er in einon liir ihn vci liängnisvollen Krieg vor-
272 Grein
wickelt mit den Schweden (Sveön), den Bewohnern der heuti-
gen scandiiiavischen Provinz Srearike , die im Liede Sreönci'
heifst. Onela und O/itere , die Söiine des greisen Schwodenk(")-
nigs Ongentheöv, machten nämlich wiederholt seeräuberische
Einfälle in das Land der Geäten bei dem Vorgebirge Ifreo.'i-
nabeorg (v. 2472 — 78). Um dies zu rächen, unternahm Hwö-
kynn einen Kriegszug nach Srieörike^ während die beiden Kc")
nigssöhne noch abwesend waren, und nahm deren Mutter ge-
fangen , die Avir bereits für des Dänenkönigs Ilealfdene Tochter
Elan zu erklären suchten. Doch der greise Ongentlieoii ver
folgte die Feinde, erschlug im Kampfe beim Rabengehölze
(Hrefnavudu) mit eigner Hand den Ilcedkynn^ befreite seine
Gemahlin wieder aus der Gefangenschaft (^bryd äheordc) und
bedrängte die nun herrenlosen Geäten dergestalt, dafs sie nur
mit Mühe in jenes Gehölz entkamen. Hier belagerte er sie
die ganze Nacht durch , auf den Morgen ihnen völlige Ver-
nichtung drohend (v. 2470—83 und 2924-41). Doch mit
Tagesanbruch nahte zum Entsatz Hseökynns Bruder Ili/geläk
mit einem neuen Geätenheere und es folgte nun ein blutiger
Kampf. Ongentheöv floh in die Veste, ihm nach drangen die
Geäten und der Kampf entbrannte innerhalb der Veste von
Neuem. Der Geäte Vulf^ Vonreds Sohn, schlug dem Ongen-
theöv eine Wunde: doch ohne zu wanken erwidert der greise
Schwedenkönig den Schlag und Vulf wälzt sich im Blute un-
fähig zu fernerem Kampfe, wenn auch nicht zum Tode ge-
troffen. Da gab, den Fall seines Bruders zu rächen, Hygeläks
Dienstraann Eofor dem Schwedenkönige den Todesstreich und
der Kampf war entschieden: die Geäten walteten der Wahl-
statt und brachten ihrem Herrn Hygeläk Ongentheoves Eisen-
brünne. Hygeläk lohnte dem Bruderpaare Eofor und Vnlf
mit reichen Schätzen und gab überdies dem Ersteren seine
einzige Tochter zur Gemahlin zum Unterpfande seiner Huld :
denn so werden wir doch vvol am einfachsten lujldo to vedde
aufzufafsen und nicht mit Grundtvig in hyldo den Namen der
Tochter zu suchen haben (v. 2484—89 und 2942—98).
Hygeläk^ der dritte Sohn Hreöels, war nun nach dem
Falle seines Bruders H£eökynn König der Geäten und an sei-
nem Hofe lebte, wie wir schon in der Geschichte des Dänen-
königs Hröt^gär sahen, als Dienstmann sein Schwestersohn
Beoivulf. Uebrigens scheint Hygeläk zweimal vermählt gewe-
sen zu sein, da er schon bei seiner Thronbesteigung eine
Die historischen Verhältnisse des Beowult'liedes. 273
heiratsfähige Tochter hatte, wahrend seine Gemahlin Hygd
Haereöes Tochter zu der Zeit, als Beowulf von Heorot heim-
kehrt, ausdrücklich als noch sehr jung bezeichnet wird: sie
hatte noch nicht viele Winter erlebt (v. 1926 — 28). Wir müs-
sen also wol annehmen , dafs jene Tochter aus einer früheren
Ehe stammte, während aus seiner Ehe mit Hijgd ein Sohn
Heardred entsprofste , der beim Tode des Vaters noch unmün-
dig war. Wenn übrigens dieser Heardred ein Neffe oder En-
kel des Hereric (nefa Hererices) genannt Avird, so weifs ich
nicht zu sagen, wer dieser Hereric war: Grundtvig bemüht
sich vergeblich zu beweisen, dafs Hereric der eigentliche Name
Beowulfs, dagegen Beotvulf nur sein Beiname gewesen sei.
In der Geschichte, des Geätenkönigs Hijgeldc kommen
wir nun an den schon angedeuteten Punkt, wo wir ein völlig
gesichertes Factum vor uns haben, von dem aus wir daher
auch auf die Zeit der übrigen Ereignisse schliefsen können.
An vier verschiedenen Stellen des Liedes (v. 1202 — 14,
2354—68, 2501-8 und 2912 — 21) ist nemlich die Rede von
einem Plünderungszuge, welchen Hygeldk begleitet von seinem
Neffen Beoifulf zu Schiffe in das Land der Friesen unternahm.
Doch stellte sich ihm das vereinte Heer der Friesen, der Hu-
gen und der Hätvare entgegen und in einem blutigen Kampfe
wurden die Gedten völlig geschlagen, Hijgeldk selbst fiel und
BeowidJ\ von dessen Hand der Hugenkempe Düghrüfen (Tag-
rabe) gefallen war, entkam nur mit Mühe schwimmend zu
den Schiffen mit dem Reste der Geäten: denn so müssen wir
die sagenmäfsige Erzählung des Dichters, dafs Beowulf allein
schwimmend die Heimat erreicht habe, doch wol geschicht-
lich deuten. Die Identität dieses Ereignisses mit dem Plüu-
dorungszuge des Clwchilaicus oder Chochilagus in den Gau
der fränkischen Hattuarier am Niederrhein im zweiten Decen-
nium des 6. Jahrhunderts, welchen Gregor von Tours und die
Gesta regum Francorum berichten, ist längst aiifser allen
Zweifel gesetzt. Denn ChocJnlaicus entspricht nach fränkischen
Lautgesetzen genau dem ags. Hygeldc altn. Hugleikr, wenn
wir auch nicht, wie EttmüUer und Haupt thun, unsern Hy-
gelae mit dem Schwedenkönige Ilugleikr der Ynglinga Saga
verwechseln dürfen. Die Hütvare^ die in unserm Liede auch
Franken und Mererioingas d. h. Merowinge genannt werden,
sind nichts anders als die Hattuarier und die hier in Verbin-
dung mit ihnen genannten Friesen sind die Bewolinor West-
Jahrl). r. rom. ii. 011«!. Lit. IV. 3. 1 ( j
274 ^^''^'f"
frieslands, das südwärts sich bis an die Mündung der Maas
erstreckte. Die Htu/en dagegen sind schwer nachzuweisen,
wenn man dabei nicht etwa an den älteren Namen der (Graf-
schaft Iloi/a an der Weser denken will, welcher Ifaof/a oder
ITofjen lautete. Oder sind es etwa die Hünen (Hünar) der
Thidrekssaga, die dort gleichfalls in Verbindung mit den Fran-
ken und Friesen vorkommen und die ihren Hauptsitz in Susat
dem heutigen Soest hatten? I/i'/nar würde dann aus /fvf/nar
zu deuten sein. Dafs aber der Kampf selbst an der Mündung
des Rheines vorfiel, geht wol mit ziemlicher Sicherheit aus
einer im 10. Jahrhundert aufgezeichneten Sage (II. Z. V, 10)
hervor, nach welcher auf einer Insel des Rheines an dessen
Mündung die ungeheuren Knochen des dort von den Franken
erschlagenen Getenk'önlgs Ihilglaucus den Fremden gezeigt wur-
den (rex Huiglaucus, qui imperavit Getis et a Francis occi-
sus est). Diese Geti sind eben unsere Gedten, und wenn die
fränkischen Chronisten dagegen den Chochilaicus zu einem
Dänen machen, so ist dies durchaus von keinem Gewichte,
da sie die nordischen Seeräuber ganz nach Gutdünken bald
Dani, bald Marcomanni^ bald Nordmanni nennen.
Als nun Beowulf nach dem Falle seines Oheims Ilygeläk
von diesem Kriegszuge heimkehrte, bot ihm die königliche
Wittwe Hijgd Schatz und Herschaft an , da sie nicht glaubte,
dafs ihr unmündiger Sohn Heardred das Reich gegen die
Feinde schützen könnte. Doch Beowulf schlug das Anerbieten
aus und führte die Regierung nur als Vormund seines jungen
Vetters , bis dieser herangewachsen war und sie selbst über-
nehmen konnte.
,,Zu Heai'dred kamen über die See als Verbannte die
Söhne Ohteres; sie hatten sich empört^) gegen den Schirm-
herrn der Skylfinge, den besten der Seekönige, die im Sveö-
rike den Schatz verwalteten. Ihm (dem Heardred) ward dies
zum Ziele (d. h. zum Lebensende, to mearce). Er emptieng
da beim Gastmahl (?) die Todeswunde durch Schwertes Schläge,
der Sohn des Hygeläk, und Ongentheöv kehrte heim, als
Heardred todt lag, liefs den Beowulf den Königsstuhl halten
und über die Geäten herschen. Der gedachte des Falles der
Leute in späteren Tagen: dem Eädgils ward er dem freundlo-
sen ein Freund, unterstützte mit einem Heere über die weite
') häfdon hy forlieulden heim Seylfinya v. 2381.
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 21 ö
See den Sohn des Öhtere, mit Kriegern und Waffen. Er
rächte darauf die kalten Kummerfahrten, nahm dem König
das Leben.'-
So lautet eine ziemlich dunkle Erzählung des Dichters,
(v. 2379 — 96), bei der wir mehr denn irgendwo genötigt
sind zwischen den Zeilen zu lesen. Unter Berücksichtigung
einzelner Andeutungen an andern Stellen des Liedes (v. 2202 — 7
und 2611 — 19) denke ich mir den Zusammenhang so:
Auf dem Sehwedenthrone war nach dem Falle Ongen-
theövs dessen älterer Sohn Onela gefolgt und dieser regierte
noch, als Heardred den Geatenthron bestiegen hatte. Gegen
ihn empörten sich nun um diese Zeit seines jüngeren Bruders
Ohtere Söhne Ednmund und Eddgils ^ musten aber fliehen und
kamen als Verbannte an Heardred' s Hof, der sie gastfrei auf-
nahm, wiewol ihm dies zum Tode gereichte. Denn König
Onela überfiel die Geätenburg und im Kampfe empfieng dei'
junge Geatenkönig den Todesstreich. Onela aber, Ongen-
theövs Sohn, kehrte darauf wieder heim und liefs den Beo-
wulf des Geätenthrones walten. Dafs übrigens der Ueberfall
wirklich bei einem Gastmahle stattgefunden habe, beruht nur
auf einer noch dazu ziemlich unsicheren Conjectur, da in
V. 2385 die Lesart nicht fest steht. ^) Wenn aber an einer
andern Stelle (v. 2611 — 19) erzählt wird, Ednmund sei als
freundloser Verbannter durch die Hand des Yihstdn Vaegmun-
ding gefallen und Onela habe diesem seines Neifen Helm,
Schwert und Brünne gegeben statt Blutrache für die That zu
üben, so können wir wol nicht umhin anzunehmen, dafs dies
eben bei jenem Ueberfall in der Geätenburg geschehen und
Vihstän im Gefolge des Onela gewesen sei, zumal da an un-
serer Stelle nach dem Falle Heardreds und nach der Heim-
kehr des Oni'la nur von Eädgils erzählt wird, er sei am
Hofe Beowulfs zurückgeblieben, während seines mit ihm dort-
hin gekommenen Bruders Ednmund weiter keine Erwähnung
mehr geschieht. Beoivulf aber ward des Eädgils Freund und
unterstützte ihn später, um zugleich den Tod seines Vetters
1) Da V. 2385 das jetzt gar nicht mehr lesbare pa-r schon zu Tlior-
kelin's Zeiten unsicher gewesen scheint, indem die erste seiner heiden
Abschriften Jner , die andere fxer bietet, so möchte icli fast /irr als
die ursprüngliche richtige Lesart vermuten und daher unter Beibclial-
tung des adj. oder adv. orfeorme lesen: he fcer orfeorme feorh-viinde
hledt.
19*
27G Grein
Heardred zu rächen, mit einem Heere gegen den König Onela.
Mit diesem Hülfsheer der Geäten rächte Eädgils seine Ver-
bannung und nahm seinem Oheim 07iela das Leben.
Beovmlf war also nunmehr, nachdem der letzte Spröfs-
ling aus dem Mannesstamme der IlreMinge gefallen war, Kö-
nig der Geäten. Er selbst war, wie wir bereits gesehen ha-
ben, nur mütterlicher Seits ein Geäte als Tochtersohn des
Geätcnkönigs Ilredel; von Seilen seines Vaters Ee[/tfieöv da-
gegen gehörte er dem Geschlechtc der Wcßfjmund'mfje an, aus
welchem aufserdem in unsreni Licde nur noch Vihstän oder
Veohstän und dessen Sohn Vigläf vorkommen: denn wenn
letzterer ein mce{/ Alf Ji eres , ein Verwandter des sonst unbe-
kannten Älfhere genannt wird, so können wir hieraus die
Art der verwandtschaftlichen Beziehungen dieses Älfhere zu
den Wjegmundingen durchaus nicht näher bestimmen, da er
ebenso gut auch ein mütterlicher Verwandter Viglafs gewesen
sein kann. Aber auch über die Stellung der Wa'g7nundi7i(/f
selbst läfst sich nicht mit Sicherheit entscheiden; doch scheinen
sie in naher Beziehung zur schwedischen Königsfamilie gestau
den zu haben: denn nicht blofs sahen wir den Vihstdn im
Gefolge des Königs Onela ^ sondern sein Sohn Vi(/lä/\ wel-
chem Beowulf die Besitzungen der Wsegmundinge überliefs,
auf die er selbst nähere Ansprüche gehabt zu haben scheint,
wird einmal auch geradezu ein Fürst der Skylfinge (leöd Sci/l-
Jinga) genannt; Skylfinge aber ist sonst im Liede der Name
für die Schweden und deren Königsgeschlecht. Auf ein
näheres Eindringen in diese dunkelen Verhältnisse verzichte
ich, und ebenso deute ich nur kurz an, wie Beowulfs Vater
Ecgtheöv einst bei den Wylßngen den Heaöoläf erschlug und
sich von da zum Dänenkönig Hi-ödgär begab, der für ihn die
Fehde mit Gold sühnte , ein Ereignifs , das in die ersten Re-
gierungsjahre Hroögärs fällt (v. 459 — 67). Ich kehre viel-
mehr zu unsrem Beowidf selbst zurück.
Als siebenjährigen Knaben hatte ihn sein Grofsvater Hre-
Oel aus dem elterlichen Hause an seinen Hof genommen und
ihn fortan seinen eigenen Söhnen völlig gleich gehalten. Hier
blieb Beowulf auch nach dem Tode des Grofsvaters, bis er
zuletzt selbst den Geatenthron bestieg. Daher kommt es, dafs
er selbst in unserm Liede durchweg als Geäte bezeichnet wird.
In seiner Jugend erschien er als unbeholfner Dümmling und war
wenig geachtet ; wie ähnliches auch sonst von der ersten Jugend
Die historischen Verhältnisse des Beovvulfliedes. 277
grolser Heiden erzählt wird: doch Wendung kam dem ruhm-
reichen Manne jeglicher Kränkung! und die Feier seines glän-
zenden Heldenlebens bildet eben den Hauptinhalt unseres Lie-
des. In seinen Armen hatte er die Kraft von 30 Männern.
Als kaum herangewachsener Jüngling unternahm er ein Wett-
schwimmen mit Breca durch die Fluten des Oceans und auf
dieser Schwimmfahrt, welche ununterbrochen 7 Tage dauerte,
kämpfte »er zugleich siegreich mit den Ungeheuern der Tiefe.
Dann kommt sein Kampf mit Grendel und dessen Mutter, von
dem schon in der Dänengeschichte die Rede war. Ebenso
haben wir bereits gesehen, wie er seinen Oheim Hygeläc auf dem
unglücklichen Friesenzuge begleitete und wie er selbst später, als
auch Heardred todt war, den Geatenthron bestieg. Seine
50jährige ruhmreiche Regierung aber beschlofs der greise Held
im Kampfe mit einem Feuerdrachen, der sein Land verwüstete.
In diesem Kampfe, bei dem ihn alle seine Gefährten aufser
dem jungen Vigläf feige verliefsen , erschlug er den Drachen,
gab aber selbst in Folge einer giftigen Wunde, die er vom
Drachen empfangen , bald nachher den Geist auf, nachdem er
zuvor noch seine eigne Bestattung angeordnet und seinen
Vetter Vigläf, den Letzten aus dem Geschlechte der Wseg-
mundinge , zu seinem Nachfolger auf dem Geatenthrone er-
nannt hatte. Die königliche Leiche ward auf einem Scheiter-
haufen verbrannt und zur Aufnahme der Asche sowie des
ganzen unermefslichen Drachenhortes ward auf dem Vorge-
birge Hronefi nüs.s ein ungeheurer weithin sichtbarer Grabhügel
errichtet, sodafs Seefahrer fortan es Beoioulfes Berg nannten.
Freilich müssen wir, wenn es sich um den historischen
Beowulf handelt, gerade die gefeiertsten dieser Thaten, das
ganze Wettschwimmen mit Breca, den Kampf mit Grendel
und dessen Mutter und den Drachenkampf, sowie nicht minder
auch die 30 Männerstärke als mythische Anwüchse bezeich-
nen. Alles dies reicht weit über die Zeit des Geatenkönigs
Beowulf hinaus: es sind Züge, die von einem rein mythischen
Beöv oder Beäv (lat. Bous), dem Sohne des Gottes Wöden oder
OMtni , durch die Tradition wegen Aehnliehkeit der Namen
auf den Beowulf übertragen wurden. Doch die Aehnlichkeit der
Namen kann es niciil allein gewesen sein , was eine solche
Anlehnung veranlafste, sondern zum Theil wenigstens müssen
auch entsprechende Thaten aus dem Leben Beowulfs dabei
mitgewirkt haben. Wie wir daher schon bei der Grcndelplagc
278 Grein
Ueberfälle von Seeräubern als geschichtlichen Hintergrund ver
mutheten, so liegt es nahe ein Gleiches auch bei der Verwü-
stung des Landes durch den Drachen anzunehmen, sodais
also der hochbejahrte Geatenkönig Seeräuber, welche sein
Land sengend und plündernd überfielen, zwar siegreich zurück-
schlug, selbst aber an einer dabei empfangenen Wunde starb.
Beachtung verdient hierbei, was Saxo Grammaticus von des
Ööinn und der Rinda Sohn Bous und dessen berühmtem Grab-
hügel erzählt.
Den Grabhügel unseres Beowulf aber dürften wir wol an
der Westküste von Götaland bei der Mündung der Göta-Elf
zu suchen haben. Auf einem Felsen in diesem Flusse, da
wo er sich vor seiner Mündung in zwei Arme theilt, erbaute
im Jahr 1308 der norwegische König Haken IV. das noch
in Ruinen vorhandene Schlofs Böhtis, von welchem die ganze
Statthalterschaft den Namen Bohushen führt. Bulms bedeutet
wol domus Boi und die Annahme liegt nahe, dafs dieser Name
sich an die damals in jener Gegend wol noch lebendige Tra-
dition vom Tode Beowulfs anknüpfte und dafs also |der Beo-
ivulfes Berg unseres Liedes in der Nähe auf einem Vorgebirge
der Küste zu suchen sei. Vielleicht dürften Nachforschungen
in jener Gegend noch heute Reste der alten Sage im Munde
des Volkes und in Ortsbezeichnungen auffinden lassen. Bei
den Norwegern hiefs jenes Schlofs Baggahüs oder Bagle-hüs
(Erich Tuneid Geogr. von Schweden S. 279): sollte hier etwa
gar in der Silbe U das goth. hlaiv ags. hlcev Grabhügel stecken
und also BagU geradezu tumulus Bagii oder Bagvii bedeuten?
Bagvius (altn. Bögl) würde gerade der für Bedv zu erwar-
tenden Grundform entsprechen. Nicht unerwähnt bleibe übri-
gens, dafs in der Nähe der Meeresküste auf der von den bei-
den Armen der Göta-Elf gebildeten Insel auch ein Biörlanda
liegt, welches an die altn. Namensform Biarr erinnern könnte,
der wir bei dem Skilding Beowulf begegneten.
Dies ist der PLiuptsache nach alles, was wir in unserem
Liede über die Geäteii und deren Verhältnisse erfahren. Man-
cher vielleicht wird es mir zum schweren Vorwurf machen,
dafs ich dabei gar nicht erwähnt habe, wie Hygeläks jugend-
liche Wittwe Hygd nachmals die Gemahlin des Königs Offn
und die Mutter des Eomcer geworden sei. Allein die ganze
Episode von König Offa und seiner Gemahlin (v. 1931—62),
deren Zusammenhang meiner Ueberzeugung nach unter allen
Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes. 270
Tlieileu des Liedes bisher am meisten misverstanden worden
ist, habe ich mit wolbedachter Absicht bei der Darstellung
der Geatengeschichte mit Stillschweigen übergangen, um ihr
jetzt am Schlüsse eine besondere Betrachtung zu widmen.
Bei Beowulf s Heimkehr von seinem Grendelkampfe heiftt
es in unserem Liede also : ,, Hygeläk wohnte dort dem Seewalle
nahe. Der Bau war trefflich, der Gebieter ein thatkräftiger
König, hoch die Hallen, i/?/f/rf sehr jung, weise, wolgediegen,
obgleich sie wenige Winter erlebt hatte, die Tochter HaereCs :
sie war doch nicht niedriger Gesinnung noch zu gabenkarg
den Geatenleuten. Mudpri/do vär/ fremu folces cren ßren on-
drysne (d. h. nach der bisherigen Auffassung: « Gemütsstolz
oder Grausamkeit hegte die treffliche Volkskönigin, furcht-
baren Frevel"). Keiner der trauten Gefährten wenn nicht der
Eheherr (nefne sinfred) war so kühn (cleör) , dafs er es wagte
sie bei Tage mit den Augen anzustarren, da er wul'ste dafs
solches Wagnis sofort mit dem Tode durchs Schwert bestraft
ward. Solches ist keine weibliche Sitte , die einer Frau zu
üben anstünde , wenn sie auch einzig sei an Schönheit, dafs
die Friedensweberin aus grundlosem Zorne einem lieben Manne
nach dem Leben trachte! wol vertrieb (oder tadelte, verach-
tete) das Hemings Verwandter: Aletrinkende sagten anders,
dafs sie Leuteverderben weniger anstiftete, seit zuerst sie gold-
geschmückt, die adeltheuere, dem jungen Kempen vermählt
ward, nachdem sie auf ihres Vaters Rath über die fahle Fluth
zu Offa's Wohnung gekommen, wo sie seitdem wol auf
dem Throne hehr an Güte ihre Lebensgeschicke zeitlebens
(lißgende) brauchte und Hochliebe hielt wider den Heldenkönig,
den besten alles Männervolkes zwischen den Seen; denn Offa
war durch Gabenmilde und durch Kämpfe, der speerkühne
Mann, weitliin berühmt und hielt sein Erbland mit Weisheit:
davon entsprang Eomor den Helden zur Hülfe , Hemings
Verwandter, der Enkel Garmunds (nefa Gärmundes) kampfes-
kräftig."
Die Hauptschwierigkeit, welche bisher dem richtigen Ver-
ständnis dieser Stelle im Woge stand, liegt meines Bedün-
kens darin, dafs man allgemein annahm, sie beziehe sich durch-
weg auf Ilygd, llygeläk.s Gemahlin, sodafs diese also früher
oder später auch dem König Offa vermählt gewesen sei. Diese
Schwierigkeit und damit alles, was man auf jene Annahme
280 (^'«"i
gebaut hat, fällt, sobald es darzutbun gelingt, dafs hier von
zwei ganz verschiedenen Frauen die Rede sein müsse.
Offa war nach dem Vidsidliede König der Angeln und
ist identisch mit dem älteren der beiden Offa, deren Leben
der englische Mönch Matthjeus Parisiensis im 13. Jahrhundert
beschreibt: bei diesem erscheint OJf'a als der Sohn Warmunds^
des Königs der Westangeln; wenn aber dieser Warmund von
dem Autor nach England versetzt und der Gründer von War-
wick genannt wird, so können wir dies als ein Misverständ-
nis oder als eine willkührliche Fiction füglich auf sich beruhen
lassen, da wir den Warmund und seinen Sohn Offa uothwen-
dig noch im alten Stammlande der Angeln auf der cymbri-
schen Halbinsel zu suchen haben. Was dagegen Matthseus
von der Jugend des Offa Warmunds Sohn erzählt, stimmt
überein mit dem Berichte des Saxo Grammaticus von der Ju-
gend des Uffo Wermunds Sohn , und wenn das VidsiOS'lied
meldet, Offa habe in seiner frühen Jugend mit seinem Schwerte
allein bei Fifeldor ein grofses Reich erkämpft und die Grenze
der Angeln gegen die Myrginge erweitert, so ist dies nichts
anders als was Saxo von den beiden Zweikämpfen des Uffo
auf einer Insel der Egidora berichtet: denn Fifeldor und Egi-
dora bezeichnen beide den Eiderflufs. Des Matthseus Pari-
siensis zweiter Offa aber, Sohn des Grafen Tuwfredus , ist
jener Off'a Thingferö's Sohn, welcher im Jahre 755 den Kö-
nigsthron von Mercia usurpierte und dessen Ahnentafel die
Sachsenchronik unter diesem Jahre anführt. Unter diesen
Ahnen erscheint als der zwölfte von Thingferc) an aufwärts
eben jener ältere Off'a Wärmunds Sohn und zwar als Vater
des Angelfheöv und als Grofsvater des Eomcer, sodafs die
Identität dieses Offa Wärmunds Sohn mit unserm Offa des
Beowulfliedes dort wohl aufser allem Zweifel steht; denn dafs
in unserm Liede Offa's Vater nicht Wärmund sondern Gai'-
mund heifst, ist von keinem Gewicht, da beide Namensformen
sich durch die bei Nennius voi-kommende Zwischenform Guar-
mund leicht vermitteln lassen: da übrigens v. 461 Gara ci/nn,
wie dort die Alliteration zeigt, geradezu für Vara cynn ver-
schrieben ist, so könnte ein ähnlicher Schreibfehler auch an
unserer Stelle einfach vorliegen. ^) Völlig übereinstimmend
1) Dafs Eouiier im Liede als Enkel des Garmund erscheint, wäh-
rend er nach der Sachsenchronik der Urenkel des Wärmund war,
Die historischen Verhältnisse des Beowiilfliedes. 281
mit obiger Stammtafel aber ist die von König Penda Pybba's
Sohn in der Sachsenchronik unter dem Jahr 626, nur dafs hier
Penda und nicht wie in der andern Edva, der Urgrofsvater
Thingferös , als Sohn des Pybba erscheint, worin kein Wider-
spruch liegt, da wir uns unter Edva als dem Staramherrn
eines Grafengeschlechtes nur einen jüngeren Sohn des Pybba
zu denken haben. In dieser zweiten Stammtafel ist Offa Wär-
munds Sohn ebenso wie in der andern von Pybba an auf-
wärts der achte der Ahnen. Beide Ahnentafeln führen uns daher,
wenn wir mit P. E. Müller vier Generationen zu 130 Jahren
annehmen, für den älteren Offa etwa in die Mitte des 4.
Jahrhunderts , während Hygeldk\ wie wir bereits früher sahen,
zu Anfang des 6. Jahrhunderts lebte. Hygd kann also un-
möglich Gemahlin beider Könige gewesen sein, sodafs an der
erwähnten Stelle unseres Liedes wirklich von zwei verschie-
denen Frauen die Rede sein mufs. Ist dies aber der Fall, so
erwartet man natürlich, dafs die zweite dieser Frauen, die
Gemahlin des Offa, auch mit Namen genannt sei. Dieser
Name nun kann, wenn er wirklich im Texte steht, nirgends
anders gesucht werden als eben in jenem M6dl)ryöo^ womit
die ganze Episode beginnt, wie auch Gruudtvig neuerdings in
seiner Ausgabe des Beowulfliedes richtig erkannte: nur dürfen
wir nicht mit ihm trennen Mod Pri/do rüg (Hochmuth oder
Jähzorn hegte ThryCo), weil dann der Name Thryöo aufser-
halb der Alliteration stehen würde, was hier um so weniger
zulässig ist, da derselbe geradezu im schroffsten Gegensatz
zu dem der jungen Geatenkönigin Hygd genannt wird. Nein!
Mödthrydo selbst, d. h. die zorngemuthe Thryc'o, ist der ge-
suchte Name und bezeichnet in seiner Zusammensetzung gerade
aufs treffendste die hier geschilderte unweibliche Natur der
Jungfrau. ') An dem völlig unvermittelten Ueberspringen des
Dichters von der Königin Hygd auf die Mödthrydo , die nur
deshalb eingeführt wird, um der milden Weiblichkeit der jun-
gen Geatenkönigin durch ihren Gegensatz zur Folie zu dienen,
dürfen wir um so weniger Anstofs nehmen, da auch an einer
andern Stelle des Liedes (v. 901), nachdem von den Tiiatcti
dürfte sich Iciclit dadurch eiklären, dals von seinem Vater Ani^eltlieov
die S^g^' nichts mehr zu erzählen wufste und daher den Eoniier un-
mittelbar an Offa rüci<te.
') Männer- und Frauennanien mit Maut- /.usammengesetzt linden
sich auch im Althochdeutschen.
282 <^'«i'n
und dem Ruhme des Wiilsings Sif/emund die Rede gewesen,
ganz in derselben unvermittelten AVeise plötzlich auf Ilereinod
übergesprungen ■\Anrd, um durch dessen unrühmliches Ende den
Ruhm des Sigemund in um so glänzenderem Lichte hervortre-
ten zu lassen. i)
Die Hauptstütze für unsre Modthryöo liefert uns aber,
denke ich, Matthaeus Farisiensis. Dieser berichtet uns nämlich,
wie eine Jungfrau Namens Ihida von wunderbarer Schönheit
aber unweiblicher Gesinnung wegen eines schmachvollen Ver-
brechens in der Heimath zum Tode verurtheilt, aber begnadigt
und einsam mit nur dürftigen Lebensmitteln versehen auf einem
unbemannten Schiffe ausgesetzt Wind und Wellen preisgegeben
ward. Nach langer Fahrt abgezehrt durch Hunger und Kum-
mer wird sie an die Küste des Landes getrieben, in welchem
König Offa herrschte. Vor den König geführt erzählt sie diesem,
durch die Grausamkeit einiger Unedlen, deren Bewerbung um
ihre Hand sie als unter ihrem Stande zurückgewiesen, sei sie
solchen Gefahren auf den Fluthen des Meeres ausgesetzt wor-
den. Bewegt von ihrem Geschicke, von ihrer jungfräulichen
Anmuth und von der Eleganz ihrer Rede übergiebt sie der
König seiner eigenen Mutter zur Pflege , wo sie binnen weniger
Tage von den Folgen der unseligen Fahrt sich erholte, nun
wieder strahlend im vollen Glänze ihrer früheren Schönheit,
sodafs sie für die schönste aller Frauen galt. Aber damit
kehrte zugleich auch die volle Unbändigkeit ihres Gemüthes
zurück und nur zu bald beginnt sie nach ihrer früheren hei-
mathlichen Gewohnheit die liebevolle Sorgfalt ihrer Pflegerin
mit stolzen und übermüthigen Worten zu vergelten. Als aber
der König, der hiervon nichts erfährt, die Jungfrau zu trösten
kommt, wird er so von ihrer wunderbaren Schönheit ergriffen,
dafs er in heifser Liebe zu ihr entbrennt und sie alsbald zu
seiner Gemahlin erhebt.
Dafs der Verfasser diese Drida zur Gemahlin des jüngern
statt des älteren Offa und zu einer Zeitgenossin und Verwand-
ten des Frankenkönigs Karl macht, mül'sen wir unbedingt als
eine Verwirrung bezeichnen: denn der Kern der obigen Er-
zählung hat bei aller Abweichung in einzelnen Punkten doch
zu unverkennbare Aehnlichkeit mit dem , was unser Dichter von
-) Vgl. V. 1709, wo nur die Antithese durch die \yorte ne vearc
Hcrimüd svü . ... vermittelt ist. ' -'
Die historisclien Verhältnisse des Beowulfliedes. 283
der unweiblichen Natur vor ihrer Vermählung luit Offa erzählt,
als dafs wir nicht von der Identität beider Jungfrauen über-
zeugt sein sollten, und der Name jener Drida ist offenbar
nichts anderes als Thrybo (ahd. Druda, altn. Thruör)^ der
zweite Theil des Namens unsrer Mödthrydo: eine Frankentochter
mag dieselbe immerhin gewesen sein. Ebensowenig ist auf
den Umstand Gewicht zu legen, dafs bei Matthaeus die Drida
auch nach ihrer Vermählung mit Offa ihre frühere Grausam-
keit beibehalten habe, während der Dichter sagt, ihr Gemahl
habe ihr dieselbe bald vertrieben und sie sei fortan untadelhaft
gewesen. Bei dieser neuen Verwirrung des gelehrten Mönchs
ist wol nicht aufser Acht zu lafsen, dafs er ausdrücklich sagt,
nach ihrer Vermählung habe Drida den Namen Cvendrida er-
halten: so mag vielleicht wirklich die Gemahlin des jüngeren
Offa geheifsen haben und durch die Aehnlichkeit beider Namen
kann eben gerade der Verfafser veranlafst worden sein, das,
was die Sage von der Jugend der Gemahlin des älteren Ofta
berichtete, auf die Gemahlin des jüngeren zu übertragen.
Dafs übrigens, um nach dieser Abschweifung wieder zu
unserm Liede selbst zurückzukehren, alles, was hier von der
unweiblichen und hochmüthigen Natur der Mödthryöo erzählt
wird, wirklich nur auf ihre Jungfrauenzeit bezogen werden
kann, das geht aus dem ganzen Zusammenhange doch wol
klar genug hervor, und wenn es gleichwol heifst 'kein Mann
wenn nicht der Eheherr, wagte sie anzustarren', so ist der
hierin liegende Widerspruch wie mir dünkt nur ein schein-
barer: es soll damit wol nur allgemein gesagt sein, dafs Kei-
ner, der nicht ihr Gemahl war, sie ansehen durfte, worin
noch keineswegs nothwendig zu liegen braucht, dafs sie wirk-
lich sclion vermählt war. Nicht umhin kann ich hierbei auf
die grosse Aehnlichkeit dieser Sage mit dem Anfang eines böh-
mischen Märchens ^ ) hinzudeuten , wo gleichfalls von einer
wunderschönen aber grausamen Prinzessin erzählt wird, dafs
sie jeden hinrichten liefs , der sie anzulächeln oder scharf an-
zusehen wagte. Denn dafs unsere Erzählung von der Jugend
der Modthryf'^o ein rein mythisch sagenhafter Zug, ein Stück
unheimlicher AValkürennatur sei, überti-agen auf die Gemahlin
des Königs Offa, das braucht wol kaum ausdrücklich hervor-
gehoben zu werden, wie denn auch wirklich im Altnordischen
') Benfcy's Oricnf mi'l Ocri.leiir I, \-2\\.
284 Grein.
eine Thrudr, die Tochter des Gottes Thor, unter den Walküren
Ouins erscheint.
Wenn man aber in den Worten unseres Dichters liat
finden wollen, die Königin habe ihren eigenen Gemahl ums
Leben gebracht, so gesteheich offen, nicht begreifen zu kön-
nen, wie man dies rechfertigen will. Und ebenso wenig kann
ich zugeben, dafs erzählt werde, Eomcer habe seine Mutter
gescholten, worauf Bachlechner ^) seine Anknüpfung an die
Hamletsage gründet. Denn das geht aus dem ganzen Zusammen-
hange unzweideutig hervor, dafs der Ausdruck Heiuinges ina;//,
Hemings Verw^andter, an der ersten Stelle (v. 1944) nicht
wie am Ende der Episode den Eomcer, sondern nur den Offa
bezeichnen kann: dieser machte der früheren un weiblichen Sitte
seiner Gemahlin bald nach der Vermählung ein Ende, sei es
nun, dafs man die Worte J)üt on höh snöd Heminges mcBg bei-
zubehalten oder wirklich /jw< onhohsnode zu ändern habe. Den
Einwand, dafs der Ausdruck Hemings Verwandter nur dann
den Hörern verständlich gewesen sein könne , wenn er als
hergebrachte Formel an beiden Stellen dieselbe Person d. h.
den Eommr bezeichnete , kann ich nicht gelten lassen ; denn es
genügte vollkommen, dafs überhaupt nur Ileming mit seinen
Verwandtschaftsbeziehungen den Hörern bekannt war, um so-
fort an der ersten Stelle aus den unmittelbar folgenden Worten
des Dichters zu wifsen, welcher Heminges mceg hier gemeint
sei: xoir freilich wifsen jetzt durchaus nicht mehr, wer jener
Heming war, da uns sonst keine Nachricht über ihn erhalten ist.
Dafs übrigens sowohl bei Saxo Grammaticus als auch in
dänischen Stammtafeln ^VQrrnund und sein Sohn Uffo in der
Reihe der Dänenkönige und zwar nach Hrolf Kraki und R'örik
(Hrööulf und Hreörik) auftreten, ist mir wol bekannt. Allein
ich erkläre dies einfach für eine der vielen Verwirrungen , die
sich auch sonst dort nicht verkennen lassen, und schreibe un-
bedenklich gegenüber diesen Nachrichten den Stammtafeln der
Sachsenchronik eine gröfsere Autorität zu, da sie nicht blofs
älter sind, sondern offenbar auch auf der Familientradition
der Nachkommen eben jener Angeln selbst beruhen, über
welche Ojj'a auch nach dem Vidsiöliede herschte.
Nachdem wir so die wichtigsten historischen Ereignisse
des Beowulfliedes in ihrem Zusammenhange kennen gelernt
') Pfeiffers Germania I, 298 ft',
Die historischen Verhältnisse des Beowulfiiedes. 285
haben, bliebe nun eigentlich noch die hohe kulturgeschichtliche
Bedeutung des Liedes , welche in der Schilderung der deutschen
Lebensverhältnisse einer so frühen Zeit liegt, zu besprechen
übrig. Allein ich verzichte für diesmal, auch noch auf diesen
Punkt einzugehen.
C. W. M. Grein.
2gG Orlaudini
Antonio degli Albizzi/)
Aus der Ehe des florentinischeu Patrieiers Luea
degli Albizzi mit einem Edelfräiilein aus dem Geschlecht
der Acciajoli^) deren Name nicht auf uns gekommen ist,
wurde am 25- November 1047 Antonio in einem unfern
von Florenz gelegenen Landhause seines Vaters geboren^),
nach welchem sich seine Vorfahren wegen der politischen
Unruhen in ihrer Vaterstadt gegen Ende des vorherge-
henden Jahrhunderts zurückgezogen hatten. liier brachte
er unter den Augen der Mutter, und durch ihr Beispiel
zur Tugend angeleitet, die Jahre der Kindheit zu. Um
das Jahr 1553 aber war ganz Toscana wegen des Krie-
ges gegen die Republik Siena voll Waffen und Soldaten,
und das Leben auf dem Lande in Folge dessen unsicher;
da auch Antonio's Vater um diese Zeit von Venedig,
wo er sich als Kaufmann aufzuhalten pflegte , nach Flo-
renz zurückgekehrt war, übersiedelten auf seinen Wunsch
auch seine Gattin und seine Kinder, ein erwachsenes
Mädchen und zwei lüiaben, deren erstgeborener Antonio
•) Als Gewährsmännern folgen wir dem Grafen Mazzucchelli (Scrit-
tori d'Italia, t. 1 , p. 1 , S. 337 ffg.) , dem Canonicus Salvino Salvini
( Fasti Consulari), vornehmlich aber dem anonymen Verfasser der Le-
bensbeschreibung unseres Antonio, die des letzteren Werke: Principum
christianontm stemmata (Argentorati , aere et typis Christophori ab Hen-
den, 1627) vorangeht, da diese Biographie aus autographen Denkwür-
digkeiten und andern glaubwürdigen Berichten zusammengetragen ist.
Wer der Verfasser derselben gewesen sei, haben wir nicht zu ent-
decken vermocht.
2) Mazzucchelli nennt sie Ginevra, Tochter des Pier Francesco del
Benino , aber wir folgen auch hier der oben erwähnten Biographie
Antonio's, um so mehr, da ihre Behauptung von P. Giulio Negri in
seiner Storia degli scrittori fiorentini (Ferrara, 1722) bestätigt wird.
") Mazzucchelli nennt als seinen Geburtsort Venedig.
Antonio degli Albizzi. 287
war, ebeu dahin. Antonio wurde nun einem nicht näher
bekannten Cleriker übergeben, um von ihm in den An-
fangsgründen der Grammatik und Musik unterrichtet zu
werden. Nach einiger Zeit jedoch wurde er von dem
Vater, dem dieser Lehrer nicht genügte, nach Venedig
gebracht, imi da einen bessern Unterricht zu empfangen,
den er auch in der That erhielt und fjehörio; benutzte;
denn unter der Leitung des Carlo Sigonio machte er so
tüchtige Fortschritte im Lateinischen und Griechischen,
dals er in weniger als drei Jahren die nöthijj^e Vorbilduno-
zu den höhern Studien erlangte. Um 15(31 wurde Sigonio
an die Universität Padua berufen; Antonio folgte ihm
nach, nahm seine Wohnung im Hause des geliebten
Lehrers ' ) und widmete sich länger als ein Triennium
unter den berühmten Professoren Bottoni, Giambattista
Montagnani, Tiberio Deciani und Guido Panciroli dem
Studium der Philosophie und Kechtsgelehrsamkeit. — So
hatte Antonio sein achtzehntes Jahr erreicht, als er gewisser
Streitigkeiten wiegen, die an der Universität Padua aus
Anlafs der Kectorswahl entstanden waren, nach Bologna
ging, um sich daselbst in dem Studium der Rechtswis-
senschaften zu vervollkommnen.-) — Um jene Zeit hatte
aber das Glück und der Stolz der Despoten aus dem
Hause Medici eine solche Höhe erreicht, dafs sie nicht
mehr damit zufrieden waren, die natürlichen Töchter der
Könige als Gattinnen heimzuführen; so wurden in der
Hauptstadt des unterjochten Toscana jetzt glänzende Feste
veranstaltet, um das Beilager der Erzherzogin Johanna,
Tochter des Kaisers Ferdinand I., zu feiern, die mit dem
Prinzen Francesco, dem Erben des toscanischcn Throns,
vermählt worden war. Dem Messer Luca, der schon
unter Cosimo I. Senator (einer der Achtundvierzig) gewor-
den war, schien die Gelegenheit günstig seinen Sohn
kommen zu lassen, um die Verwandten, die nach ihm
') Er verlebte blofs das erste Jabr im Hause des Sigonio.
'^) In Bologna hörte er ilie Vurlesimgen des berübnitcn Recbtsge-
lelirten Giambattista P:ipi.
288 Urlaiulini
verlangten, wiederzusehen und sich an den Hof festen zu
ergötzen. Antonio war es zufrieden und verliefs Bologna,
nachdem noch kein Jahr verflossen war, seit er dahin
gekommen. Er entrifs sich aber bald wieder den Freu-
den des väterlichen Hauses und zoi»; um den Beginn des
Jahres l^GG nach Pisa, wo er neben Vollendvmg seiner
juridischen Studien noch Vorlesungen über Physik')
hörte; nach 18 Monaten kehrte er nach Florenz zurück.
Auch hier versäiuute er keinen Augenblick seinen Geist
mit nützlichen Kenntnissen zu bereichern und studirte
mit unermiidlichem Eifer Ethik unter Pier Vettori und
Physik unter Angelo Segni. — Bei den öffentlichen
Uebungen und in den Versammlungen der Gelehrten legte
er solche Proben seines Werthes ab und erlangte einen
so grofsen Ruf der Gelehrsamkeit und des Verstandes'-^),
dals sechs junge florentinische Edelleute, an deren Spitze
Tommaso del Nero stand, sich an ihn um Rath und An-
leitung wandten, als sie eine literarische Akademie —
ein kühnes Unternehmen unter einer despotischen Herr-
schaft — stiften wollten. So entstand 1567 ^) die nicht un-
bekannte Accademia degli Alter ati^ was soviel sagen wollte,
als der Trunkenen^ welcher Name uns lächerlich klingt,
der aber vielleicht im Sinne dessen, der ihn erfand, in-
dem er auf eine Zeit des Schmerzes und der Schwäche
anspielt, nicht ganz unpassend war. In dieser Akademie
nahm Antonio den Namen Vario an, und war später ihr
') In der Rechtswissenschaft hatte er Ciofi zum Lehrer, in der
Physik Francesco Bnonamici.
^) Der Römer Antonio Mario Colonna sagt, dafs man in Floren:
Niemand finden konnte, der verständiger und einsichtsvoller gewesen wäre,
als unser Antonio. Dies bestätigt Cieco Strozzi.
2) Eine am Hause des Tommaso del Nero befindliche Inschrift
trägt deutlich die Zahl 1568, worauf sich Manni, Tiraboschi und La-
stri stützen, aber diese Zahl bezieht sich wahrscheinlich auf die Zeit,
in der die Akademie ihren Sitz in diesem Hause hatte, und, so zu
sagen, zum zweiten Male gegründet wurde. Quadrio verlegt die Stif-
tung der Accademia degli Alterati offenbar irrig, wenn anders der
Irrthum nicht Verschuldung des Druckers ist, in das Jahr 1570.
Antonio degli Albizzi. ' 289
vierter Regent. — Um dieselbe Zeit verfafste er das erste
Werk, von dem vdr Kenntnils haben, die ^^Difesa di
Dante" ^) gegen eine Abhandlung des Ridolfo Castrovilla,
welches Werk er, wenn wir dem Jüngern Luigi Alamanni
Glauben schenken dürfen, gemeinschaftlich mit seinem
Freunde Filippo Sassetti ausarbeitete. Er versuchte sich
auch in der Dichtkunst, und schrieb nach dem Zeugnisse
des Giorgio Bartoli^) einige Yerse für ein in Florenz
gefeiertes Maskenfest, das zum Gegenstande das Ver-
gnügen und die Reue hatte und 4000 Scudi (23520,00 Fr.)
kostete. Die Poesie verschmähte den albernen Stoff',
und Antonio stand auch wahrscheinlich mehr in dem
Rufe, ein Dichter zu sein, als dafs er wirklich dichterische
Begabung besessen hätte.
In demselben Jahre folgte er dem Vater, der zum
Commissario in Pisa ernannt worden war, in diese Stadt,
und wurde Viceregent einer daselbst gegründeten Colonie
der Accademia degli Alterati. Im folgenden Jahre kehrte
er nach Florenz zurück, wurde im noch jugendlichen Alter
von 27 Jahren ^) zum Consul der berühmten Accademia
Fiorentina gewählt (er war der 47.) und trat diese Würde
am 25. März an. Siebenundzwanzig Tage später starb
der Grofsherzog Cosimo I., und Antonio gab, wozu ilm
sein Amt verpflichtete, dem Akademiker Baccio Baldini
'•) Der Canonicus Salvini gibt diesem Werke einen andern Titel,
er nennt es: Avvertimenti contro alcune annotazioni dei forestieri sopra
la pnefica.
') Brief des Bartoli vom 27. Februar 1573 an Antonio Giaco-
mini. Dem obenerwähnten Maskenfest war ein anderes vorangegangiMi,
dessen Inhalt die Leidenschaften gewesen waren.
2) Nach dem anonymen Biographen, dem wir bei unserer Dar-
stellung hauptsächlich folgten, zählte Antonio, als er Consolo der Ac-
cademia Fiorentina wurde, erst 2-i Jahre. Er fügt sogar noch hinzu,
dafs Antonio, da er noch nicht das von dem akademischen Statut für
diese Würde vorgeschriebene Alter besafs, durch Hescript des Fürsten
zu derselben fähig erklärt wurde. Wir halten aber diese Angabe ge-
stützt auf das, was Salviui darüber in den Fdsti connolnri schreibt,
für irrig.
Jahrb. f. loiii. ii. ongl. Lit. IV. 3. 20
290 Orlaiuliiii
den Auftrag, seine Leichenrede zu halten.*) Da dieser
furchtbare Intrigant, der jeden liest von Freiheit zerstört
hatte, nun nicht mein- unter den Lebenden wandelte, hielt
Antonio es an der Zeit und fiir unbedenklich , die greisen
Thaten und noch gröfseren Unglücksfälle des letzten
Freiheitskämpfers zu erzählen, und so schrieb er löTö
das Leben des Piero Strozzi. Er war aber damals aus
Gründen, die wir gleich angeben werden, auf dem Punkte
nach Deutschland zu reisen, und legte daher seine Schrift
in die Hände des Giambattista Strozzi, des Blinden, nie-
der, welcher ausgezeichnete Gelehrte ihn zu dieser Arbeit
aufgefordert und bei derselben unterstützt hatte. Obwohl
dieser gelehrte Mann nicht anstand, sie als hella, veritiera
e pura zu bezeichnen, so dünkte sie dem Verfasser selbst
doch keineswegs vollendet , so dafs er die Absicht hatte,
sie bei Gelegenheit auszubessern und zu vervollständigen-),
wozvi er aber, wie Strozzi selbst bezeugt, nie mehr kam.
Die wohlmeinenden Bemühungen seines Vetters, Ca-
millo degli Albizzi, und, wie es scheint, ein edles Mit-
gefühl mit den häuslichen Leiden der Grofsherzogin
Johanna^) bewogen Antonio, die Stelle eines Mundschen-
ken an ihrem Hofe anzunehmen. Diese Fürstin, die seine
literarischen Verdienste zu würdigen verstand, enthob ihn
der gewöhnlichen Verpflichtungen des Hofdienstes und
oab ihm den Auftrag, die Rhetorik des Aristoteles nach
der von Annibal Caro unlängst besorgten Uebersetzung
zu commentiren. Wahrscheinlich gebrach es ihm aber an
Zeit, eine solche Arbeit zu beginnen, denn bald darauf
wurde er auf Betrieb der Grofsherzogin als Gesandter
') Baldini war Leibarzt des Grofsherzogs Cosimo I. Seine Rede
wurde im nämlichen Jahr gedruckt.
^) Strozzi sagt in dem oben citirten Briefe : „Lasciu a me la defta
Vita con dirml che io ne dessi Icttura a qualcxino e copia a nessuno, pen-
sando egji di migliorarla cd sito rimpatriarsi qui, dove e stato non man-
co desiderato che asjjettaio." Wir wissen nicht, woher Mazzucclielli
die Notiz genommen hat, dafs Antonio das Leben des Piero Strozzi
dem Cardinal Andreas von Oesterreich gewidmet habe.
^) Francesco I. war auf das Heftigste in Bianca Capello verliebt.
Antoniü degli Albizzi. 291
ZU Kaiser Maximilian II. geschickt, und begab sich, noch
nicht dreifsig Jahre alt, nach Innsbruck und von da zum
Reichstage nach Regensburg. — Nachdem Maximilian II.
daselbst uuvermuthet gestorben war (12. October 1570),
kehrte Antonio nach Innsbruck zurück, wo er auf die
Empfehlungen Johanna's das ansehnliche Amt eines Fiih-
rers des jungen Erzherzogs und Cardinais Andreas, ihres
Neffen, erhielt luid sich mit ihm nach Rom begab.
Zu wiederholten Malen wurden ihm von diesem Car-
dinal und dessen Vater, dem Erzherzog Ferdinand, sehr
wichtige Gesandtschaftsposten übertragen, so an Kaiser
Rudolf II. ^), an mehrere Päpste, von denen einer, Cle-
mens VIII. Aldobrandini, sein Verwandter war, an den
Grofsherzog von Toscana, an die Herzoge von Mantua
und Ferrara und mehrere deutsche Fiirsten; er verdiente
sich dabei durch die Besorgung vieler wichtiger und ver-
trauter Aufträge grofses Lob und gewann die Achtung
und Gnade hochstehender Personen. Die Mufsestunden,
die ihm diese Geschäfte liefseu, widmete er, indem ihm
die mannichfaltigen Kenntnisse, die er sich bei dem Be-
suche so vieler Länder und Höfe erworben hatte, treff-
lich zu Statten kamen — mit Hülfe des Archives und
der Bibliothek vom Schlosse Ambras bei Innsbruck 2) der
Ausarbeitung seines lateinischen Werkes „ Principum chri-
stianorum stem7nata"^ das er dann mit ausgezeichneten
Kupferstichen ausgestattet in Augsburg erscheinen liefs. ^)
Diesen gelehrten Arbeiten entzogen ihn aber damals
die obengenannten Fürsten, die ihm zum Zeichen der
huldvollen Gesinnung und des Vertrauens, das sie ver-
dientermafsen in ihn setzten, zuerst den Posten eines
Gouverneurs von Clausen, einer wichtigen Stadt und Fe-
stung in Tirol, dann zu verschiedenen Zeiten die Stelle
') Man behauptet, dafs dieser Monarch Antonio als Rath in seine
Dienste nelimen wollte.
*) Diese Bibliothek wurde 1745 der Universität von Innsbruck
geschenkt.
^) Dieses Werk erlebte vier Auflagen bei Lebzeiten des Verfas-
sers , und eine fünfte erschien ein .Jahr nach seinem Tode.
20*
292 Orlandini
eines Gouverneurs von Mersburg, Veldcs und andern
Plätzen übertrugen. Endlich kam er 1595 als Anführer
einer Deputation nach Krain, die beauftragt war, sehr
schwere Milshelligkeiten beizulegen, die zwischen den
Bewohnern dieser Provinz und dem Präsidenten dersel-
l)en, Sigismund Turriano, ausgebrochen waren; binnen
Kurzem wurden die andern Mitglieder der Deputation
zurückberufen und er allein blieb als Statthalter zurück.
Im Jahre 1(>(M) starb der Cardinal Andreas'), imd bald
darauf kehrte Antonio nach Innsbruck zurück, nachdem
er seine durch fünf Jahre in Krain bekleidete Würde in
die Hände des Barons Spaur niedergelegt hatte. Obwohl
es an documentirten Nachrichten darüber gebricht , so
können wir doch aus dem, was später geschah, entneh-
men, dal's der Neid, Vantica meretrice delle corti^ auch
sein Leben zu verbittern suchte. Seine ganze Verwal-
tuns: der ihm anvertrauten Provinz wurde einer sehr streu-
gen Prüfung unterzogen, das Resultat war aber für ihn
so günstig, dafs er (ein äufserst seltener Uuhm!) von einem
ihm nicht wohlgesinnten Fürsten einige Jahre später
dafür ein sehr lobendes Decret erhielt'-^), womit das auf-
richtige und schönere Lob des von ihm regierten Volkes
übereinstimmte.
1) Er starb in Korn, kaum aus Flandeiu zurückgekehrt, wo er
Statthalter des Königs von Spanien gewesen war. (S. Muratori und
Bentivoglio, Storia delle guerre di Fiandra.)
-) Der durchlauchtigste Markgraf Carl von Burgau , Landgraf von
Nellemburg, Graf und Herr von Hohenberg, Feldkirch, Bregenz und
Hohenegg sagt in einem Schreiben d. d. Ambras, I.September 1G05:
„Testamur his litteris nostris et aiinexo sigillo nobilem et fidelem nosirum
Antoniiim Albitium frafri nostro reverendissimo D. D. Ändreae Archi-
dtici et CardinuU Ejjiscopo Constantiensi et Brixiensi sacrae memoriae
per i'iginti et quatuor integros annos , donec ad ipsitis dicti fratris nostri
obitum, primo quideni ut Cubicularium i7iser risse, deinde vero Dicasterii
praesidem a consilüs intlmioribus f wisse , gravissimas quasque commissiones
et negotia nonnunqitam Cancellarii vices summo fructu et fide substinuisse,
et talem se praestifisse vt Rererendiss: Cardinalis singulari amore et
dementia eum fuerit prosecutus, Albitiumque ob eruditionevi et in rebus
gerendis felicifafem et candorem maxima laude, qua dignissimiis erat,
rommendarit."
Antonio degli Albizzi. 293
Von allen Fesseln des Fürstendienstes also befreit
wollte Antonio sich auch von andern Banden unabhängig
machen. Mazzucchelli schreibt, er kenne die Grinide
nicht aus welchen er ein Anhänger des Protestantismus
geworden sei; diese Worte müfsten Jeden zum Lachen
reizen, der nicht bedächte, in welcher Zeit und unter
welchen Einfliissen der gute Gelehrte schrieb. Wir sagen
dagegen, dafs Antonio schon 1585 begonnen hatte, die
Lehren der Keformation zu prüfen, dal's er aber, bevor
er sich zu einem Glaabenswechsel entschied, theologische
Studien trieb, die er dann in Clausen und in Krain fort-
setzte. Als er sich über alle Zweifel vollständig beruhigt
fühlte, ging er nach Florenz, wo er, da der Schein der
Scheiterhaufen des Carnesecchi und Aonio Paleario die
Hauptstadt der Mediceer noch immer blutig färbte, seine
Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen sich be-
eilte, und einen Theil seiner Güter unter der Bedingung ver-
kaufte , dafs der Preis ihm durch Vermittlung der venetiani-
schen Bank in Lmsbruck ratenweise ausbezahlt würde. —
Während er sich aber zu diesem Zweck in Italien aufhielt,
schloi's er mit einem adeligen Landsmanne Freundschaft,
der gleichfalls den religiösen Neuei'ungen zugethan war,
vmd kam dadurch in die grölste Gefahr. Beide wurden
durch aufgefangene Briefe der Inquisition verdächtig, der
Freund ins Gefängnil's geworfen, und er selbst entkam
nur mit genauer Noth nach Innsbruck. — Nachdem er
aber wahrgenommen, dafs der neue liegent Tirols und
Vorderösterreichs, Erzherzog Maximilian, den Reformirteii
abgeneigt sei, begab sich Antonio zwei Jahre später in
die freie Iveichsstadt Augsburg, wozu ihn alte Freund-
schaft mit Marcus Welser, dem Bürgermeister jener
Stadt, und der Wiuisch bewog, sein schon angefiihrtes
Werk über die Wappen zu veröffentlichen. Da ihm aber
schien, dals die alte Freundschaft Weiseres durch den
Argwohn seiner Religionsänderung erschüttert worden
sei, so zog er sieben Monate später nach Kempten in
Schwaben, wo er am 12. April KjOO in der IloHhung an-
kam, dafs seine florentinischen Anveiwandten ihm wenig-
294 Oikiiidiiii
stens einen Theil seines väterlichen Vermögens würden
zukommen lassen. Aber Aberglaube und Fanatismus
hatten ihr Her/ gegen jedes Gefühl der Gerechtigkeit
und Menschlichkeit verhärtet; Antonio, in seinen Hofi-
nungen getäuscht, ergab sich in seine Armuth mit hohem
und starkem Geiste, und verlebte so in würdevoller
Dürftigkeit, einsam, ruhig und mit seinen Studien be-
schäftigt bei Johann Greiter 17 Jahre, den Rest seiner
Tage aber bei Joseph König, Bibliothekar und Professor
in obengenannter Stadt. Er ergab sich während dieser
ganzen Zeit fast auschliefslich dem Studium der Theologie
und schrieb auf Anmahnen des Johannes Cappelius An-
merkungen zu den theologischen Werken des Luther,
Brentius und Ilunnius, so wie eine lateinische Abhand-
lung: ,-)Dß principiis religionis christianae"^ welche Ar-
beiten er IGIO und 1617 veröffentlichte. ^) Er war nicht
zu bewegen, in den Dienst anderer, selbst protestantischer,
Fürsten zu treten, um nicht in den Verdacht zu kommen,
dafs er, sei es aus Rache oder aus Gewinnsucht, fähig
sei, an irgend Jemand die vielen und wichtigen Geheim-
nisse zu verrathen, die ihm über das Haus Oesterreich
zur Kenntnifs gekommen v/aren. Er war in diesem Punkte
so zartfühlend oder strenge, dafs er kurze Zeit vor sei-
nem Tode eine grofse Anzahl von Briefen und andern
Schriften, die sich auf wichtige Geschäfte bezogen, bei
denen er betheiligt gewiesen war, den Flammen übergab
und so viele für die Geschichte sehr bedeutende Docu-
mente vernichtete, damit seine früheren Herren nichts
') Mazzucchelli behauptet, dafs das Werk, „De principiis religionin
fhristiaiiue" 1612 erschienen sei. — Derselbe führt im Verzeichnifs
der Werke des Antonio nocli „Sermones in Matthaeum" Augiistae, 1C09.
8^*. an. — Einige wollten dem Antonio auch das berühmte Werk:
.,Squif/iino ilel/d Li/jcrtä Vene/a" zuschreiben, für dessen Verfasser An-
dere den M. Welser halten , nach Mazzucchelli rührt es aber von Al-
fonso della Cueva her. — Der Jesuit Negri hält Antonio auch für den
Verfasser der Lebensbeschreibung des l'iero degli Albizzi, die als
Manuscript von Jacopo Gaddi citirt wird, es scheint aber, dafs sie
von dem blinden Strozzi nach Quellen , die er von unserm Antonio
erhielt , zusammengetragen wurde.
Antonio degli Albizzi. 295
Anderes ihm gegenüber bereuen müfsten, als dals sie
seine Dienste so schlecht belohnt hätten.
So war nunmehr das Jahr 1G2(J herangekommen. Bis
jetzt hatte ihn seine Beständigkeit davor bewahrt, den
Liebkosungen, Drohungen und Quälereien seiner erzürn-
ten Verwandten nachzugeben, die alles Mögliche airfbo-
ten, um ihn zimi alten Glauben zurückzuführen; zur
rechten Zeit befreite ihn nun der Tod von schwereren
Drangsalen. Am 4. Juni des genannten Jahres wurde
unter bewaffneter Bedeckung au die Thore des Klosters
von Kempten eine Vorladung der Inquisition angeschla-
gen, in welcher Antonio aufgefordert wurde, sich binnen
drei Monaten in Rom- zu stellen, um sich über seine re-
ligiösen Ansichten zu verantworten. Er war aber schon
seit sechs Tagen tödtlich erkrankt und erfuhr nichts
mehr davon : fast sein ganzes kleines Vermögen vermachte
er der Schule von St. Anna in Kempten und starb
treu den Grundsätzen der Augsburgischen Confession
am 17. Juli im Alter von 78 Jahren, (3 Monaten und 22
Tascen. Am folgenden Tage wurde er auf dem Kirch-
hofe von Kempten begraben, seiner Leiche folgten der
Rath und die angesehensten Bürger dieser Stadt, so wie
alle Lehrer und Schüler der oben erwähnten Schule.
Der Stadtpfarrer Jacob Zermann hielt ihm die Leichen-
predigt. ')
Antonio war ein Mann von grofsem Verstände und
in den AVelthändeln sehr erfahren, zugleich von hohem
und edlem Geiste, der sich nie zu etwas Gemeinem er-
niedrigte. Er besafs bis zuletzt ein aulserordentlich gu-
tes und sicheres Gedächtnifs , und auserlesene und man-
nichfaltige gelehrte Kenntnisse. Aulser der Muttersprache
verstand er Griechisch, Lateinisch, Spanisch, Deutsch
und Vandalisch.2") Au<-h Musik liebte und tricl» er in
') Diese Lt-iclii-nredo scheint nie vuUständi}^ verölVentliclii wor-
den zn sein.
'-) Vdiulalicu! walirsclieinlicli ist Wendisch oder Sloveniseh ge-
meint, da er längere Zeit in Krain Statthalter war. Anm. d. Ueh^.
29G ürlandini. Aiitouiu dt-gli Albi/.zi.
ausgezeichneter Weise, eine Kunst, die damals eine Zierde
und ein Trost, heutzutage häufig nur ein Aergernils und
eine Modethorheit ist. Er sah wohlwollend aus , aber zu-
gleich würdevoll und hcldenmäisig. ^) Arm verliels er
seine Aemter, ehrlich die Höfe.
1) Ein schönes Porträt von ihm befindet sich in dem mehr er-
wähnten Werke: Principum etc. Es stellt ihn im Alter von beiläiilig
00 Jahren dar, in bürgerlicher Kleidung, kahl mit langem, dichtem
Barte, und hat folgende Umschrift: Antonius Albitius nobilis Floren-
tinus -{■. Unter dem Bilde befindet sich nachstehender Lobspriich auf
ihn, der unterschrieben ist: J. P. Crusius P. L. C.
Ingemite o Reges, Procerumque illustria corda:
Desiit hie vestrum continuare geiAs.
Quaerite nunc alium. Sed pol! mirabor in aevum
Albitio similis si super orbe datur.
Orlandini.
Florenz, am 25. September 1801.
(Aus der italienischen Handschrift übertragen.)
Lemcke. Die traditionellen schottischen Balladen. 297
Ueber eimVebei der Kritik der traditionellen
schottischen Balladen zu beobachtende
Grundsätze.
(Schlufs.)
Wenden wir die obigen allgemeinen Betrachtungen
auf die epische Volksdichtung Schottlands an , so läl'st
sich die romantische oder aristokratische Periode derselben
mit ziemlicher Sicherheit abgrenzen. Sie beginnt etwa
o-leichzeitior mit den ersten Denkmälern der Kunstdichtung
und endet mit dem Verfall der feudal-ritterlichen Institu-
tionen, die sich bekanntlich in Schottland etwas länger
erhielten, als in den übrigen westeuropäischen Ländern.
Man wird wohl so ziemlich das Richtige treffen, wenn
man die Einführung der Reformation als die äufserste
Grenze bezeichnet , bis zu welcher eine Volksdichtung
im Sinne der zweiten natürlichen Periode in Schottland
noch möglich war.
Hier drängt sich nun aber unabweislich eine ernste
Frage auf. Bekanntlich nämlich werden insgemein die
brittischen Balladen, speciell die schottischen, als Erzeug-
nisse eines besondern, professionellen Sängerstandes, der
sogenannten Minstrels^ betrachtet, einer Menschenklasse,
deren Existenz historisch erwiesen, deren gesellschaft-
liche Stellung und poetische Wii-ksamkeit jedoch in Folge
von groben Verwechselungen und ungehörigen Verglei-
chungen mit ähnlichen Klassen anderer Perioden und Na-
tionalitäten, seit hundert Jahren zu einer auch heutzutage
noch nicht völlig entschiedenen Streitfrage geworden ist.
Eine Erörterung derselben in ihrem ganzen Umfange
liegt aufserhalb der Grenzen unserer Aufgabe. Es fragt
sich hier nur, wie die Annahme, dafs die Balladen insge-
mein Producte solcher Minstrels seien, mit dem, auf einem
literarhistorischen Gesetze beruhenden Ursprünge der ro-
mantischen Balladen in den höhern Kreisen der Gesell-
schaft, in Einklang zu bringen ist, mit andern Worten,
298 Lenicke
was für Leute wir uns unter den schottischen Minstrels
dieser Periode der Volksdichtung zu denken haben.
Denn auch über diese Minstrels, namentlich über ihre
sociale Stellung, lauten die historischen Nachrichten so
widersprechend, dals daraus sehr verschiedene, wo nicht
entgegengesetzte Schlüsse bezüglich ihres Antheils au der
Balladendichtung gezogen werden können und auch wirk-
lich gezogen worden sind. Die deutsche Forschung, fest-
haltend an der ursprünglichen Bedeutung des Wortes
(ministerialis) sieht nämlich auch in diesen Minstrels aus-
schliefslich Dienstmannen der Edlen, deren Obliegenheit
in dem Vortrage von Gesängen mit Instrumentalbegleitung
bestand, also die directen Nachfolger der normannischen
menetriers. Der Minstrel dagegen , welchem die englischen
und schottischen Literarhistoriker die Balladen zuschrei-
ben, erscheint in ihrer Schilderung lediglich als ein pro-
fessioneller fahrender Sänger , der von Ort zu Ort ziehend
seine Kunst als Mittel zum Broderwerb übte. Beide An-
sichten können, wie gesagt, mit gleicher Leichtigkeit
aus den spärlichen historischen Nachrichten über die
Minstrels dieser Periode gewonnen werden. Die erstere
würde dem Ursprünge der romantischen Balladen in den
aristokratischen Kreisen nur zur Bestätigung dienen, wie
denn F. Wolf) auch der Meinung ist, ,,dars diese Er-
zeugnisse edler Ritter und adliger Frauen von ihren
Dienstmannen (Minstrels) in den Hallen der Burgen und
Schlösser gesungen wurden", und diese Minstrels gleich
darauf ausdrücklich den fahrenden Sängern entgegenstellt.
Die englische Ansicht dagegen Heise sich niitjenem Ur-
sprünge nur vereinigen, wenn man sich auch diese wandern-
den Minstrels als Männer von ritterlicher Herkunft denken
dürfte, wozu jedoch die Nachrichten keineswegs berech-
tigen, oder aber wenn man den Antheil der herrschenden
Klassen an der Volksdichtung dieser Periode auf das
bescheidene Maal's einer blofsen Pflege und Begünstigung
') In welchen Kreisen etc. S. XVII. Vgl. auch, was A. WoH' in
der Anzeige von Aytoun's Ballads of Scotland in diesem Jahrb. Bd. II.
S. 213 über dessen Ansiebt von den verschiedenen Versionen der
Balladen sagt.
Die traditionellen schottischen Balladen. 209
derselben, wodurch sie ihren Charakter und ihre Färbung
erhalten, zurückführen könnte.
Wie lassen sich diese Widersprüche mit einander
reimen ?
Es scheint mir, als sei auch bei dieser Untersuchung,
wie bei manchen ähnlichen, der Irrthum im Spiele gewe-
sen, die Verhältnisse unseres modernen, winkelrecht zu-
geschnittenen und einfarbigen Lebens in das vielgestal-
tige, färben- und nuancenreiche des Mittelalters zu über-
tragen. Man glaubt unter dem Namen Minstrel eine be-
stimmt abgegrenzte, genau zu charakterisirende Menschen-
klasse verstehen und ihr daher auch eine bestimmte, entwe-
der hohe oder niedrige, Stellung, eine bestimmte, ehren-
volle oder verachtete Wirksamkeit beilegen zu müssen.
Man vergifst dabei, dafs die Nuancen der mittelalterlichen
Verhältnisse viel zu zahlreich waren, als dafs die Sprache
ihnen immer hätte folgen können und dafs daher ein und
derselbe Ausdruck eine grolse Mannichfaltigkeit von Ver-
hältnissen bezeichnen kann. Nach den vorhandenen Nach-
richten über die Minstrels kann ich mich nun nicht iiber-
zeugen, daCs dieses Wort in der Periode, von welcher
hier die Rede ist, in Schottland irgend etwas Anderes
bezeichnet habe, als einen volksthümlichen Sänger im
Allgemeinen und ohne Rücksicht auf irgend ein dienst-
liches Verhältnifs. Die Erinnerung an den Ursprung des
Wortes, das Gefühl seiner ursprünglichen Bedeutung,
war, wenn nicht vollständig geschwunden, doch im raschen
Schwinden begrifien. Der Name Minstrel scheint somit
keinen Schlufs auf ein dienstliches Verhältnifs mehr zu
rechtfertigen. Dagegen lassen die nicht selten sehr von ein-
ander abweichenden Andeutungen der gesellschaftlichen
Stellung der Minstrels auch dieser Periode, schlieCsen,
dafs der Name die generelle Bezeichnung für mehrere,
mehr oder weniger geachtete Klassen von Sängern war,
nämlich die eigentlichen Minstrels, welche in dienstlic^lien
Vcrliiiltnissen zu den Etilen standen und wenigstens zum
Theil ritterlicher Abkunft gewesen sein mögen, und die
ivandernden Minstrels, die frei von Ort zu Ort ziehend,
ihre Kunst als Brotcrwerl) trieben. Diese letzteren waren
3(X) Lcincke
wohl duich<5ängig auch schon in dieser Periode Männer
aus dem Volke, zerfielen aber wahrscheinlich wieder in
eine höhere Gattung, welche vorzugsweise, wenn nicht
ausschlielslich, die Burgen der Edlen frequentirte und in
eine niedere, welche die Kunst vor dem gemeinen Volke
übte. Ich zweifle nicht, daCs die in den Zeugnissen häufig
neben einander vorkommenden Bezeichnungen menestrel
und haiyer sich auf" diesen Unterschied beziehen, daJs
sie aber gewifs auch oft promiscue gebraucht wurden.
Diese fast unzweifelhafte Herkunft der wandei-nden
Minstrels aus dem niederen Volke, so wie ihr ganz berufs-
mäfsiges Verfahren scheinen vorzugsweise Grund zu sein,
dafs die aufserenglische Kritik sich scheut, ihnen einen
productiven Antheil an der Volksdichtung dieser Periode,
speciell an den romantischen Balladen, zuzuerkennen und
sie höchstens als Absinger und Verbreiter derselben gel-
ten lassen will. Dieses Bedenken scheint jedoch nicht
gerechtfertigt. Denn in dieser Periode war ja der Adel
noch durchaus volksthümlich , er galt noch als die Nation
par excellence , seine Dichtung war Nationaldichtung. Ein
vollständiger Gegensatz zwischen ihm und dem Gliederen
Volke bestand in der Dichtung nur für diejenigen Gat-
tungen, welche bereits Kunstformen angenommen hatten.
Das gemeine Volk nahm an den Geschicken der höheren
Klassen kaum geringeren Antheil als diese selbst. Es
freute sich nicht minder der poetischen Darstellung sol-
cher Thaten und Ereignisse, deren Helden jenen Klassen
angehörten, es war nicht minder befähigt dieselben poe-
tisch aufzufassen, und in der Färbung welche die ganze
Gesellschaft trug, darzustellen. Die Volksdichtung der gan-
zen Periode trug daher, auch wenn sie von Männern aus
dem niederen Volke geübt wurde, ganz natiirlich das
Costüm derjenigen Schicht, welche das Volk par excel-
lence war. Erst nachdem das organische Band zwischen
beiden Schichten vollständig zerrissen war, als jede der-
selben sich ausschlielslich in ihrem eigenen Kreise von
Ideen und Anschauungen bewegte , erst da trat für beide
die Unmöglichkeit ein, in der objectiven Darstellung des
Lebens diese Kreise zu verlassen, erst da wurden Her-
Die traditionellen schottischen Balladen. 301
kunft und Lebensstellung des Sängers entscheidend für
den Charakter seiner Erzeugnisse, erst da konnte ein
Minstrel aus dem niederen Volke keine aristokratische
Ballade mehr schaöen.
Es scheint daher den überlieferten Thatsachen so-
Avohl wie der Natur der Dinge entsj^rechend , nicht einer
einzigen der genannten Klassen von Volkssängern, son-
dern allen diesen Klassen einen productiven Antheil an
der Balladendichtung dieser Periode zuzuschreiben, ''so
zwar, dafs dieselben sich in deren Pflege ablösten. Kann
man also nach den natürlichen Gesetzen der Volksdich-
tung nicht umhin, sich Männer aus dem Kreise der Ed-
len selbst als die ers-ten Sänger romantischer Balladen,
gewissermalsen als die Schöpfer der Gattung, vorzustellen,
so darf auch ohne Bedenken angenommen werden, dafs
von ihnen diese Dichtung zuerst auf ihre Hausminstrels
und von diesen auf die wandernden Sänger, gleichviel
welcher Herkimft, überging, so dafs die beiden letzteren
Klassen aus blofs vortraf/enden Sängern, die sie anfangs
waren, successiv zu selbst producirenden Sängern wurden.
Dieses Bild des Vorganges löst nicht nur den schein-
baren Widerspruch der geschichtlichen Thatsachen unter
sich und mit den natürlichen Gesetzen der Volksdichtuno-,
sondern es scheint gerade dem, wie wir gesehen haben,
abwärts steigenden Laufe der letzteren vollkommen zu
entsprechen. In dem Maafse, wie die gesellschaftliche
Entwickelung ihren Fortgang nahm, wurde der anfimgs
productive Antheil der Edlen an dem volksthümlichen
Gesänge zu einem blofs passiven Wohlgefallen, einer
blofsen Protection, und war "vielleicht schon zu Ende der
Periode zu einer reinen Dulduno" herab<resunkcn.
Wenn nun aber auch, wie wir oben gesehen, der
allgemeine Charakter der romantischen Ballade, wie er
Folge ihres ersten Ursprungs und des allgemeinen Cha-
rakters der Periode ist, durch den oben angedeuteten
Gang nicht alterirt wurde, so konnte letzterer doch im
Einzelnen, sowohl was den Inhalt, wie die Form der
Balladen betrifft, nicht ganz ohne Einfluls bleiben. Ein
gewisses Gepräge muCste die Balhulf von dem bestiimuten
302 Lemcke
Sängerkreise in welchem sie entstand erhalten. Es ist
nun kein(>ni Zweifel untcrworlen, dals ein groi'scr Theil
der Verschiedenheiten in Stoü' und Form, welche wir in
den romantischen Balladen wahrnehmen, sich auf jenen
Entwickelungsgang zurückfiihrcn lälst und hiermit ist,
wie mir scheint, ein sichererer Anhaltspunkt für die
Kritik gewonnen, als die bisherige Annahme ihn darbot.
Eine auf die obigen Voraussetzungen gestützte Ein
zelkritik durch den ganzen Balladenschatz durchführen
zu wollen, würde nun, wo nicht ganz unmöglich sein,
doch jedenfalls die Kräfte eines Einzelnen, auch wenn
er der Aufgabe einen guten Theil seines Lebens widmen
könnte, übersteigen. Indessen zwischen einem solchen
Ideal einer Kritik und der in vagen Conjecturen herum-
tappenden bisherigen Kritik der Engländer liegen noch
mehrere Stufen der Vollkommenheit, welche zu erreichen
nicht mühsamer, wohl aber verdienstlicher ist, als das
sogenannte Collationiren. Obige auf die Geschichte und
die Natur der Dinge gestützten Voraussetzungen sollen
daher nur als im Allgemeinen mafsgebend und wegweisend
bei der ungefähren Bestimmung des Alters und bei der
Erklärung der verschiedenen Formen, in welchen die Bal-
laden uns erhalten sind, empfohlen werden, anstatt der
bisherigen weder durch geschichtliche Thatsachen noch
durch Vernunftgründe gestützten Vernuithungen, zu wel
chen die englische Kritik durch die Annahme einer Min-
strelklasse, über deren eigentliche Stellung sie gar nicht
vollkommen klar war, fast unausbleiblich geführt werden
mufste.
Mit Rücksicht auf unsere Aimahmen hat nun die
wissenschaftliche Kritik zunächst die Aufgabe, bei der
Bestimmung des Alters einer Ballade nicht, wie bisher
vorzugsweise geschehen, die Form^ in welcher sie erhal-
ten ist, sondern auch den Stof zu berücksichtigen. Unter
dem Stoffe aber verstehen wir hier nur den Charakter
der erzählten Begebenheit im Allgemeinen und ohne
Rücksicht auf einzelne Züge. Dieser Stoif ist nämlich
l)is jetzt bei den romantischen Balladen, auch selbst in
denjenigen Sammlungen, welche schwache Versuche zur
Die traditionellen schottischen Balladen. 303
chronologischen Anordnung gemacht haben, fast gar nicht
heran gezogen worden. In den meisten Sammkmgen
stehen die Balladen bunt durch einander und nur Child
hat einen nicht sehr glücklichen Versuch gemacht, sie
unter gewisse Kategorien zu bringen, welche jedoch für
den hier in Rede stellenden Zweck ganz bedeutungs-
los sind.
Wie alt eine Ballade ihrem Stof nach ist, d. h. auf
welche Zeit der Charakter der erzählten Begebenheit hin-
weist, ob daher die, wenn auch relativ alte Form, in
welcher sie vorliegt, wirklich die älteste ist und nicht
vielmehr auf eine noch ältere schliefsen lä(st, das sind
Fragen, welche sich die bisherige englische Balladenkritik
selten oder nie vorgelegt hat. Trägt eine Ballade über-
haupt nur das feudal -ritterliche Costüm, ist sie einiger-
maCsen frei von augenscheinlichen modernen Interpola-
tionen und besitzt sie vor allen Dingen „ merit", so meint
der Kritiker nichts weiter mit ihr zu thun zu haben. Sie
kommt mit andern von denen sich ein o;leiches Saiden
läfst auf gleiche Linie zu stehen. Kein Wunder daher,
wenn wir in den Sammlungen Stücke dicht neben
einander gestellt finden oder doch als gleichwerthig
behandelt sehen, zwischen welchen wissenschaftlich be-
trachtet, eine weite Kluft besteht, weil ihre erste Ent-
stehung zu einer und derselben Zeit eine absolute Un-
möglichkeit ist, wenn sie überhaupt noch als ächte Volks-
dichtung^ d. h. als rein objective poetische Darstellungen
des Lebens gelten sollen. Keinem einigermafsen aufmerk-
samen Beobachter kann es entgehen, daCs ein Theil
der vorhandenen Balladen, dem Charakter der erzählten
Begebenheit nach, in der ältesten Zeit der Periode,
wahrscheinlich also in den ritterlichen Kreisen selbst, hat
entstehen müssen, während andere wiederum schon durch
den Stoft' vermuthen lassen, daCs sie erst in den Kreisen
der wandernden Minstrcls ihren Ursprung genommen
haben. Das Alter des Stoftes und das Alter der Form
sind also zwei stets von einander getrennt zu haltende
Dinge. Dafs freilich eine Scheidung der Balladen , welche
von den Minstrels nur nachgesungen und ül)erarl)eitet
304 Lenicke
wurden, von denen, als deren erste Bearbeiter sie gelten
können, zu den allerschwierigsten Operationen gehört,
die nicht allein das feinste Gefühl des Kritikers, sondern
auch in grofsem Mafse die Zuhiilfenahme der Kulturge-
schichte erfordern, liegl auf der Iland.
Würde nun eine solche Scheidung, wenn ihre Durch-
führung durch den ganzen Balladenschatz möglich wäre,
vuizweifelhaft einen sehr grofscn Theil der romantischen
Balladen, ihrem ersten Ursprünge nach auf die ritterlichen
Kreise selbst zurückführen, so mufs dagegen leider auch
anerkannt werden, dafs wir nur einen sehr kleinen Theil
der Balladen, ich will nicht einmal sagen in ihrer aller-
ersten Gestalt, sondern nur in einer der allerersten nahe
kommenden Gestalt besitzen. Diese letzteren herauszu-
finden ist schon für ein einigermafsen geübtes Ohr durch-
aus nicht so schwierig und die englischen Kritiker sind
daher in diesem Punkte noch am glücklichsten gewesen,
obwohl auch hier derjenige am sichersten zu gehen
scheint, der sich der natürlichen Gründe der Erscheinung
bewufst ist.
Als unmittelbare Nachfolgerin des alten historischen
Liedes hatte die romantische Ballade unstreitig zu An-
fang ganz den Charakter desselben, d. h. sie war die
rein ohjective poetische Darstellung eines das Gemüth des
Volkes ergreifenden Ereignisses, welches sich von dem
dem historischen Liede zum Grunde liegenden durch
nichts als durch seine, so zu sagen mehr jjn'vaiö Natur
unterschied. Sie wendete sich daher zunächst und ur-
spriinglich an solche Hörer, die mit dem Ereignisse selbst,
gleich viel ob ein wirkliches oder eine gangbare Tradi-
tion, der Haui^tsache nach bereits bekannt waren. Der
Sänger will nichts weiter, als das Geschehene vor der
Phantasie seiner Hörer wiederholt lebendig voriiberfiihren.
Er bedarf daher keiner detaillirten Darstellung, er kann
manche Einzelheiten als bekannt voraussetzen , ihm genügt
es, die schlagendsten Züge, diejenigen, welchen die gröfste
poetische Wirksamkeit inne wohnt, zum Bewulstsein zu
bringen, während er alles Unwesentliche, Selbstverständ-
liche oder weniger Wirksame verschweigt. Ihm genügen
Die traditionellen schottischen Balladen. 3Q5
die stärkeren Linien, deren Anschauung er es überläfst,
die feineren Umrisse und Schattirungen im Gemüthe des
Hörers sofort hervorzuzaubern und so das ausgeführte
Bild des Vorganges wieder vor ihre Seele zu fi'ihren.
Daher jene treffende Kürze, jene scharfen Uebergäno-e,
jene dramatische Lebendigkeit, welche, im Verein mit
einander, der ältesten Volksdichtung, für das gegenwär-
tige Geschlecht, nicht selten den Charakter des Prao-^
mentarischen geben, einen Charakter, der zuweilen so
stark hervortritt, dafs schon manches ausgezeichnete
Stück von weniger gewiegten Herausgebern für ein Frao^-
ment gehalten worden ist. Bezüglich der schottischen
Balladen dieser älteren Form haben nun neuere Kritiker
die Hypothese aufgestellt, dafs der Sänger seinem Ge-
sänge eine erzählende Einleitung in Prosa voraufgeschickt
und auch zwischen den einzelnen Strophen solche Er-
gä,nzungen der Erzählung hinzugefügt habe. Li einigen
Gegenden der schottischen Tieflande soll dieser Gebrauch
noch heutzutage fortbestehen. Ich glaube nun aber kei-
neswegs , dafs derselbe uranfänglich war. Für. die älteste
Zeit der Balladendichtung erscheint die Hypothese, wenn
man das Wesen der Volkspoesie richtig fafst, mindestens
überflüssig. Aechte Volksdichtungen anderer Nationen,
beispielsweise die ältesten traditionellen Romanzen der
Spanier, fiir welche eine solche Annahme nicht zu-
lässig erscheint, zeigen einen ganz ähnlichen Charakter,
Freilich sprechen diejenigen, welche die Hypothese auf-
stellen, immer von professionellen Minstrels und dafs bei
diesen , wenigstens in vielen Fällen , ein solcher Gebrauch
schon früh geherrscht hat, mag angenommen werden.
Denn der wandernde Minstrel wandte sich mit seinem
Gesänge an Hörer, bei welchen er nur zum Theil und
in unvollkommenem Mafse, oder gar nicht, auf Kenntnifs
der vorzutragenden Geschichte rechnen konnte. Für
solche Hörer wäre daher schon in manchen Fällen der
Zusammenhang schwer verständlich gewesen, wenn der
Sänger ihn nicht zwischendurch erläutert hätte. Sehr
wahrscheinlich daher, dals die wandernden Minstrels
sich anfangs eines solchen Commentars in Prosa bedien-
Jalirl). f. rom. u. engl. Lit. IV. 3.
21
;](){] Lemcke
teil und vielleicht haben wir diese Form des Vortrages
als die erste jener Phasen des Balladengcsanges zu be-
trachten, welche im Laufe der Zeit solch einen Ein-
llufs auf die Gestalt dieser Dichtungen übten.
Als nun aber der Minstrel aus einem blofsen Balladen-
sänger allmälig zum selbst producirenden Dichter wurde
und seinen Bildungsgang ohne Zweifel mit der Bearbei-
tung und Zustutzung überkommener Balladen begann,
lag es ihm am nächsten, durch leichte Veränderungen
und Ziisätze, die Ballade auch fi\r einen ihrem Ursprünge
ferner stehenden Zuhörerkreis verständlich und so den
Prosacommentar iiberfliissig zu machen. So ging letzterer,
wenigstens in den Händen der begabteren Minstrels, in
der Ballade auf und es entstand die erste von der Ur-
form abweichende, jedoch derselben noch sehr nahe ste-
hende Fassung. Da aber mehrere dieser Minstrels gleich-
zeitig ein und dieselbe Ballade aus derselben Quelle er-
hielten und mit ihnen auf ähnliche Weise verfuhren, so
entstanden schon früh verschiedene solcher Redactionen,
welche sich von der Urform nur durch die nöthig gewor-
denen kleinen Erweiterungen unterschieden, daher im
literarhistorischen Sinne einander gleich stehen. Von dem
Gange, welchen von da an die Abweichungen von der
Urform in den Händen der Minstrels nahmen in dem
Mafse wie diese von Generation zu Generation willkiir-
licher mit den Balladen verfuhren, die mehr und mehr
ihr alleiniges Eigenthum wurden, wie sie aus Absicht,
Zufall oder Mifsverständnifs mehr und mehr von dem
Ihrigen hinzuthaten , wie sie Trümmerstück auf Trümmer-
stück älterer oder gleichzeitiger Traditionen in ihre Neu-
bauten einfügten, davon liegt die Geschichte vor in den
noch vorhandenen Versionen, welche, obwohl doch ge-
wifs nur ein dürftiger Ueberrest, durch ihre Anzahl und
Verschiedenheit den Balladenkritiker zur Verzweiflung
bringen.
Ich habe nur ein Weniijes hinzuzufüo-en über die
dritte natürliche Periode der Volksdichtung, welche für
Schottland mit dem Verfall der feudal-ritterlichen Institu-
tionen d. i. etwa mit der Zeit der Reformation eintrat.
Die traditionellen schottischen Balladen. 307
Jener Verfall bezeichnete, wie überall, das Aufhören des
organischen Zusammenhanges zwischen beiden socialen
Schichten der Nation. Das Gefühl der höheren Schicht,
die Nation par excellence zu sein, erlosch. Wie überall
hörten die Begriffe Volk und Nation mehr und mehr auf,
zusammengedacht zu werden, verlor das Wort „Volk"
mehr und mehr seine natiojiale Bedeutung und erhielt
eine vorherrschend sociale ., diejenige Schicht bezeichnend,
welche im Gegensatz zu den, ausländischen Sitten und
Mustern folgenden höheren Klassen, die alte National-
eigenthümlichkeit am treuesten bewahrt hatten, das nie-
dere Volk.
Im genauesten Zusammenhange mit diesem histori-
schen Processe stand in Schottland, wie überall, der
literarhistorische. Die Begriffe Volksdichtung und Na-
tionaldichtung scheiden sich vollständig. Die nationale
Dichtung tritt in allen Gattungen als Kunstdichtung auf,
der sich nunmehr die höheren Klassen ganz zuwenden,
während die Naturdichtung ausschliefsliches Eigenthum
des niederen Volkes bleibt, das Wort Volksdichtung
also gleichfalls eine vorwiegend sociale Bedeutunof erhält.
Dieser Uebersransf der Volksdichtung auf die niederen
Klassen ist von einer wichtigen Veränderung begleitet.
Nachdem das niedere Volk losgerissen ist aus seinem
Zusammenhange mit den höheren Ständen, mit welchen
es sich früher lebhaft bewufst gewesen war, wenigstens
im nationalen Sinne eins zu sein, nachdem es angefangen
hat, sich ausschliefslich in seinem eigenen Ideen- und
Anschauungskreise zu bewegen, treten in diesen Ideen
und Anschauungen, mithin auch in semer Poesie, zwei
eigenthümliche Ziige hervor, ein lyrischer Zug und ein
humoristischer Zug. Der erstere hat zur Folge, dafs in
der Poesie des niederen Volkes die epische Gattung weit
zurücktritt hinter die Lyrik, die nunmehr das eigent-
liche Gebiet seiner Naturdichtung wird. Der Rest von
epischer Productions- und Gestaltungskraft, der ihm ge-
blieben ist, tritt in Verbindung mit dem humoristischen
Zuge in Darstellungen aus seinem eigenen Lebenskreise
auf. Es entsteht, als letzte Form der epischen Volksr
21*
308 Lemcke
dichtung, tlie hvmor istische Ballade, die also immer der
dritten iiatiirlichen Periode angehört. Dafs ein grofser
Reiclithum an hnmoristischcn lialladen im Munde des
schottischen Volkes lebt, wird von allen Balladensamm-
lern bestätigt, leider aber ist das bis jetzt veröffentlichte
Material noch sehr dürftig, wie es scheint in Folge einer
übel angebrachten Prüderie der Sammler, welche mehr
für den Theetisch der Damen als für den Studirtisch
des Forschers gearbeitet haben.
Wenn aber auch die eigene Productionskraft des
Volkes in der epischen Gattung nur gering ist, so ist
es doch nicht seine Neigung für dieselbe. Es nährt
diese Neigung daher mit dem ihm jetzt als ausschliefs-
liches Eigenthum zugefallenen epischen Liedern der vori-
gen Periode. Die Ballade der romantischen Periode macht
im Munde des niedern Volkes eine letzte Formwandlung
durch, für deren richtige Erkenntnifs die beiden oben-
genannten Charakterzüge in Betracht kommen.
Der lyrische Zug zeigt sich in dem Hinüberziehen der
Ballade in das lyrische Gebiet, welches im besten Falle
sich auf eine blofse Veränderung des Tones beschränkt,
nicht selten jedoch bis zur förmlichen Verschmelzung
eines älteren epischen Liedes mit einem lyrischen gehen
kann. Für Kenner des Stoffes braucht man nur an die
Verbindvmg zu erinnern, welche das mit Recht hochbe-
riihmte Lied Waly ! Waly!^ eine der schönsten Perlen
der lyrischen Volksdichtung Schottlands, mit mehreren
romantischen Balladen eingegangen ist, eine Verbindung,
deren heterogene Natur manchen friiheren englischen Kri-
tikern nicht einmal aufgefallen ist. Dafs die Verbindung
erst in der dritten Periode Statt gefunden hat, leidet für
denjenigen, welcher die natürliche Entwickelung der
Volksdichtuno[ nicht aus den Augen verliert, gar keinen
Zweifel. Für andere, wenn auch weniger eclatante Bei-
spiele ist hier kein Raum.
Der humoristische Zug tritt hervor in dem Hiuabziehen
der Ballade aus den ursprünglichen höheren Kreisen in die
niederen, ja niedrigsten, bis zur völligen Verwandlung des
tragischen Charakters der ursprünglichen Ballade in den ho-
Die traditionellen schottischen Balladen. 309
mischen.^') Ein Theil der humoristischen Balladen sind
eben nichts anderes als solche Umwandlungen , in welchen
die Urballade oft nur dem scharfen Blicke erkennbar ist.
Wahrscheinlich ist die Zahl dieser Balladen sehr grofs und
sie verdienten als interessante Denkmäler des wahrhaft wun-
derbaren Metamorphosirungsprocesses der Volksdichtung
vor allen gesammelt und bekannt gemacht zu werden.
Vorzuo'sweise dieser Periode scheint endlich anzuofc-
hören die Verbindung mancher besonders populären Bal-
laden mit anderen, denen sie einigermafsen als Schluls
dienen können. So hat die Ballade Sweet William'' s Ghost
das Schicksal gehabt, mehreren mit dem Tode des Lie-
benden endigenden Balladen als Anhängsel beigegeben
zu werden und auch dabei hat das kritische Gewissen
mancher Herausgeber sich nicht weiter empört. Als
einen eclatanten Fall dieser Art kann ich nicht umhin
die Ballade The tioo brothers (Ohild II, 221) zu betrach-
ten, bei welcher Jamieson sich wohl seine Emendatiou
in der dritten Strophe, und seine Gegner den Zorn dar-
über erspart haben würden, wenn sie hätten bemerken
wollen, dafs die sechs letzten Strophen nichts sind als
die hochberühmte Ballade, welche mit dem Refrain Ed-
ward! Edward! zuerst von Percy bekannt gemacht, in
ihrer offenbar ältesten schottischen Form aber zuerst
von Motherwell (Minstrelsy, p. 339.) mitgetheilt wurde.
Der erste Theil des Gedichtes ist offenbar nur die (übri-
gens sehr schöne) poetische Darstellung einer wahren
Begebenheit, weist aber, ihrem Inhalte nach, dem der
eigentlich tragische Charakter fehlt, uns erst auf den Aus-
gang der zweiten Periode hin.
Wenn sich nun selbst aus dieser skizzenhaften Dar-
stellung des EntAvickelungsganges der epischen Volks-
dichtung Schottlands ergibt, dafs der Kritiker sich aller-
dings mit Recht gegen die Zumuthung wehren darf, in
das ganze chaotische Material eine streng systematische
Ordnung zu bringen, so glaube ich, ergiebt sich doch
auch daraus, dafs er nicht von der Verj)flichtung frei zu
') Kin hübsches Beispiel bei Wulf a. a. Orte S. XXXV.
310 Lemcke Die traditionellen schottischen Balladen.
sprechen ist, wenigstens dem deutlicher siebtbaren Faden
der Entwickeliing zu folgen, biernach immer das im
literarhiatorisclien Sinne Gleichartige und Gleichberech-
tigte mit sorgfältiger Auswahl des Charakteristischen und
strenger Achtung der ächten Ueberlieferung, zusammen-
zustellen, und so ein Balladenbuch zu schaffen, an wel-
chem der Kultur- wie der Literarhistoriker dieses Gebiet
fiir seine Zwecke studiren kann.
Ludwiy; Lemcke.
Paris Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienue. 311
Epitre farcie pour le jour de Saint -Etienne.
Dom Marlene, dans son grand ouvrage de antiquis
Ecclesiae ritibus, 1. I, c. ;>, art. 2, cite les premiers vers
d'ime epitre farcie de Saint-Etieune qu'il avait vue dans
im missel de Saint -Gatien de Tours. D'apres lui, ce
missel etait äge de six cents ans (a6 atmis circiter sex-
centis exarato), c'est-a-dire qn'il l'attribuait a la fin du
XT^ siecle ou au commencement du XII^ siecle, puis-
que le livre de D. Martene parut en 1700. Les conti-
uuateurs de Du Gange ont reproduit ces vers d'apres le
premier editeur, mais ont commis une singuliere erreur
sur le sens des paroles que je viens de citer: ils ont cru
que le savant benedictin faisait remonter le missel de
Tours au Vi'' siecle (a/mi circiter 600, Du Gange, s. v.
Frasici) ; ils ont du reste rendu plus fautif encore , s'il etait
possible, le texte donne par D. Martene. L'abbe Lebeuf,
dans un travail presente ä TAcademie des Inscriptions , et
qui se trouve au tome XVII de ses Memoires, a public
de nouveau ces memes vers (les treize premiers) avec
beaucoup plus de correction, et on peut les lire aussi,
tels ä peu pres que ci-dessous, ä la note 3 de la page
272 des Melanges Archeologiques et Litteraires de M.
S. du Meril. L'ensemble de ce texte n'avait Jamals ete
public, et il meritait cependant de Fetre sous plusieurs
rapports. J'en dois vuie copie a l'obligeance de M. Paul
Viollet, archiviste-paleographe, qui a retrouve dans la
bibliotheque du pctit Seminaire de Tours le missel qui
appartenait avant 1780 a Tabbaye de Saint- Gatien. Ge
missel lui parait etre du X'' siecle; mais Tepitre farcie
est posterieure au reste du volume, et date sans doute
du XIP; le fac-simile de quelques lignes que j'ai vu me
semble permettre de la rcporter aux premieres annees de
ce siecle : c'est aussi Tepoque approximative qu'indiquent
la langue et la forme. Ou peut voir sur los epitres far-
cies le livre deja cite de M. du Meril, p. 269-274; jo
nc m'attacherai pas ici a relever Tinteret de ces monu-
312 l'aris
inents, doiit quelques-uns tres-anciens sont encorc inedits.
On sait que la fete de Saint-Eticnne etait specialement ce-
lebree par des epitres farcies; aussi en reste-t-il un grand
nombre pour ce jour; il y cn a principalement ime, en
vers de huit syllabes, qui a ete tres-souvent publice,
entre autres dans FHistoire Litteraire, dans Fappendice
de TEssai sur la Vie et les Ouvrages du P. Daire par M.
de Cayrol (Amiens, 1838), et par M. ßandeville dans les
Memoires de TAcademie de Reims (1840). Elle debute
ainsi :
Entendes tuit a ehest sermon.
Et clerc et lay tout environ;
Conter vous veul la passion
De Saint Estene le baron;
Comment et par quel mesprison
Le lapiderent li felon
Pour Jhesucrist et pour son nom,
Ja l'orres bien en la leclion.
Cette epitre est evidemment posterieure a celle de
Dom Martene, bien qu'elle date encore du XII° siecle:
au reste eile en differe beaucoup.
L'epitre farcie que je publie se compose de douze
strophes de cinq vers, cbacune sur la meme assonance
(le ö" vers de la 7® stropbe manque). C'est la meme
forme que Celle de la Chanson de Saint- Alexis , qui d'a-
pres le prologue se lisait aussi dans l'Eglise le jour de
la fete du Saint. Le vers est le vers heroique de dix
pieds, tel qu'on le trouve dans Saint- Alexis , dans la
chanson de Roland et dans le poeme sur Boece; la 2" stroj)he
oifre seule trois vers qui sont irreguliers. Le scribe
etait tres-ignorant; son orthographe est souvent fautive,
et dans certains cas meme (p. ex. Jhesum pour Jhesus
dern. Strophe, v. 2) il peche contre les regles de la lan-
gue. Son ecriture est aussi defectueuse, et on verra
quelques ,mots qui n'ont pas donne ä la lecture un sens
satisfaisant. La langue est, comme je Tai dit, du com-
mencement du XII*^ siecle; eile est posterieure a celle du
Saint- Alexis, qui vaut mieux sous tous les rapports:
Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienae. 313
Celle de l'epitre de Saint-Etienne estlourde, embarrassee,
pleine de repetitions maladroites et de toiirnures genees.
Comme dialecte, je crois qu'on doit la rapporter a la Tou-
raine; eUe offre certaines particularites que je releverai
dans les observations qiü suivent. Voici le texte:
Leccio actuum apostolorum.
Par amor De vos prie , saignos barun ,
Seet vos tuit, escotet la leQun
De Saint Estevre lo glorius barun,
Qui a ce jor re^at la passiun :
Escotet la par banne entenciun.
In diehus Ulis Stephanus
Saint Estevres fut plains de grant bonte,
Emma tot cels qui creinent en Deu;
Feseit miracles o nom de Deu mende ;
As cuntrat e an ces, a tot dona sante;
P'or ce haierent autant li Jue.
Surrexeruut
Encontre lui s'esdrecerent trestui ,
Distrent ensenble mauveis mos (de) cetui:
„II a deable qui parole en lui;
Jocun ensenble por deputer o lui ,
Et si arrun la science de lui."
Et non poterant
Au deputer furent eil de Libie ,
E eil de Sire, e eil d'Alesandrie ,
E de la terre qu'est emme Celicie ,
Tuit 11 Juef 11 plus save d'Asye ;
S'il le concluent, ja 11 toldrunt la vie.
Audientes
Mes au barun nc pornmt contrester
Ne de cience ne de clergil mester;
II fut bons elercs, bien se sot deraisner,
Unques vers lui ne porent mot soner;
Entr'os porpensent con le porrunt danner.
Commoverunt
Molt sunt ire li Jue, li felun ,
Croisent les dent encontre lo barun,
Con fait li chiens encontre lo larun;
Molt volentiers dannassent le barun,
Se il en lui trovassent l'achisun.
314 I'aris
Ecce Video
Unques por eis ne se volt desmentir,
Por nule chose que ncgunt li deit;
Esgarde el cel, si (i) vit Jhesu Christ,
Pois as Jues, a feluns, si lor dit:
Exclamantes
Quant ce oi'rent cnsenble s'ecrierent;
Tarn dolent furunt, por por ne s'esragerent ;
Lo barun pristrent, ledement le baterent,
Fors de la vile ledement le giterent,
Pois le barun entr'os si lapiderent.
Et festes
Mes ce trovun que as piet d'un enfant
Mistrent lor dras eil qui le segueient;
Saul avot nom d'Adamassa la grant;
Pois fut apotres, si con trovun lesant
Saint Pol l'apellent la erestiane gent.
Lapidahant
Lo barun seguent molt graut torbe de gent,
Plaient lo for, lo scant vet espandant;
Li cours li faut, vait sei afebleant,
Dame De prie o ben cor docement:
,,Sire, fet il, mon esperite prent."
Positis autem
Quant volt fenir, si s'est ajenolet;
Notre Seignor derechief a prie :
„Sire, fet il, par la meie amite,
Perdone a cet qui ei m'unt lapie,
Que ja por mei ne perdent t'amiste. "
Et cum hoc dixisset
A icest mot li sen de(us) fu feni;
S'erme re^ut Jhesum que il a servi.
Oi est laste si cun avet o'i.
Priun li tuit, nos qui summes ici,
Que il prie Den que il ait de nos merci.
Leccio actmmi). Les rubriques latines et les vers fran^ais
sollt ecrits dans le ms. sans Interruption ni alinea. Le tout
lient 28 lignes.
Par amor De). On a imprime jusqu'ici iJor amor De.
M. Viollet a lu Par.
Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienne. 315
Saignos). Sic. La suppression de Vr final est frequente
dans les dialectes de l'ouest de la France.
Seet). De meme plus loin escotet. Cette desinence en
et , au lieu de es ou ez, a la 3'^ pers. du pluriel m'est incon-
nue; eile pourrait servir d'un caractere important pour fixer
le dialecte auquel appartient ce texte.
Benne). On a imprime jusqu'ici bonne; mais la Substitu-
tion de Ve ä Vo se retrouve deux ou trois fois dans cette
epitre. — Le 4^ et le 5® vers sont intervertis dans le ms.
Saint Estevres). Ce vers et le suivant pechent contre la
mesure.
Emma). On a imprime jusqu'ici emmen. Aucune de ces
deux formes ne m'offre de sens; je crois que le mot est
altere.
Creinent en Deu). Creinent me semble etre un adoucisse-
ment de creident, credunt , plutot que la B^ pers. ind. piur.
de eraindre , qui n'admettrait pas la preposition en.
Feseit). Imparfait normand.
0 north de Deu mende). C. -ä-d. en invoquant le nom
de Dieu, m. ä. m. avec le nom de Dien invoque.
As cuntrat). Ce vers est un alexandrin au milieu de de-
casyllabes; il est Sans deute altere.
Haierent). Cf. Strophe 8, v. 3, baterent. Cette termi-
naison en erent des verbes de la 2® ou 3'' conjugaison est
aussi particuliere ä ce texte. — Ce vers est defectueux.
Mauveis mos de cetui). Le ms. porte mauveis nies cetui,
qui ne donne pas de sens; la correction de l'abbe Lebeuf,
mauveis m'est cetui., ne convient pas bien k la marche du dis-
cours et laisse le vers incomplet.
Jocun). Ce mot que je n'ai reneontre nulle part me pa-
rait douteux.
Furunt). Cf. Str. 5, v. 1, porrunt, str. 8, v. 2, furunt.
Cette orthographe se retrouve dans le Poeme sur Saint Leger :
Rei volunt fair estre so gred.
Ce n'est pas un vrai deplaccment de l'accent, mais une simple
diversite d'orthographe; en efFet notre texte donne aussi str. 5,
v. 4 porent., et au vers cite de la str. 8, la terininaison unt
est nmette:
Tarn dolent furunt, por poi ne s'esragerent.
Sire). C'est la plus ancienne forme du mot Si/rie; eile
31() Paris
est confornic ä raccentuatiou latine SjTia, taudis que Syrie
s'est fait sur Taccentuation grecque 2JvQia.
Emme). Je crois ce mot altere.
S'il le concluent). S'ils le reduisent au silence, s'ils
triomphent. Voy. Renart, t. III, p. 51.
ContresterJ. Le ms. porte contenttrester.
Negunt). La forme negun est attribuee li la Touraine
par M. Burgriy, t. I, p. 182.
Enfant). Ce mot traduit le latin adolescens, et c'est le
sens qu'il a le plus souvent au moyen-äge. En voiei un
exemple frappant:
Par le mien ensient, LX ans ay passe,
Et vous estes •!• enfes d'entour XXX ans d'ae.
Gaufrey, v. 5762.
Segueient) . Ce mot est tres-curieux en ce qu'il öftre un
deplacement de l'accent tonique dont il n'y a pas dautre
exemple. Ce deplacement provient k mon avis d'une assimi-
lation erronee de la 3® pers. du pluriel ä la premiere. On
disait nous segueiens, et on a dit de meme ils segueient au lieu
de ils segueient, qui est regulier. C'est par une confusion ana-
logue qu'on a dit fussient ou fussant au lieu de füssent (vo-
yez des exemples dans Burguy, t. I, p. 266) et que le peuple,
surtout dans les provinces du centre et de I'ouest, dit encore
ils marchont, ils voulont au lieu de ils marchent, ils veulent,
ä cause de nous marchons , nous voulons. — Les terminaisons
en iens ä Fimparfait sont propres au dialecte bourguignon
(Burguy, t. I, p. 224).
Saul). Le ms. porte Saulus , qui rendrait le vers
trop long.
Avot). Voilä un iinparfait bourguignon; l'imparfait nor-
mand est aveit. On remarque, dans toute cette piece le me-
lange des deux dialectes; il indique evidemment une province
ou ils se reucontraient; cette province doit etre la Touraine;
en efi"et les formes signalees plus haut qui ne sont ni norman-
des ni bourguignonnes se retrouvent dans des textes angevins
ou poitevins, ce qui designe une des provinces de I'ouest; la
forme negunt est particuliers a la Touraine; enfin le manuscrit
provient de Tours.
Ajenolet). Le ms. semble plutöt donner aionelet.
Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienne. 317
Li sen cleus). Le ms. porte li se de. On aura oublie
le signe de rabreviation au-dessus de de.
Jhesum). Le ms. porte ihm. II faudrait Jhesus.
Laste . Ce mot ne parait pas douteux; je ne sais ce
qu'il signifie. Le sens demanderait feste.
Je remarquerai encore quil faut probablement intervertir
les stances 5 ef 6, pour suivre Fordre des versets dont elles
sont le developpement et dont les premiers mots sont ecrits
au debut de chacune d'elles.
G a s 1 0 n Paris.
318 March
Jahresberichte.
II. Die Nationalliteratur der Vereinigten- Staaten? von
Nord -Amerika in den Jahren 1860 — 61.
Our summary of tlie national literatarc of the Uni-
ted States of America Ibr the years 1858 — 59 , seeking to
find the source of the peculiar features of the Htcratnre
of those years in the peculiar circumstauces of the nation-
al lifo, mentioned a general occupation of the public at-
tention in religious books. The great currents of thought
and feeling were setting towards a higher Christian life.
It cannot therefore be surprising to those who understand
our republican institutions to find the same spirit dis-
playing itself during the years ISGO — 61 in our political
life, and the nation struQ-glino; towards the ideal of a
Christian State. Nor could it surprise those intimately
acquainted with our literature, or even those who have
taken note of the character of our most successful works
of fiction, such as Uncle Tom's Cabin, that we should
have a battle about slavery. The people of the north,
writing and reading a literature which brands slavery as
a crime, when they pledged themselves to live a Christ-
ian life, would naturally refuse to sustain the slave Sys-
tem. On the other band it is worthy of note that the
churchly people of the south have more earnestly claim-
ed the protection of slavery on the ground of a religious
conviction of its divine sanction. The attempt to live up
to such dififerent Standards of right brought on civil war.
The history of the literature of ISGO — 61, so far as
it is an expression of the national life, has few books
to mention; there is too much action. Our summary will
contain little that had not been written before the tem-
pest arose.
Early in the year 1860 Hawthorne gave us a growth
of his European life in the Romance of Monte Beni. This
has been called even in England the romance of the
year. It has a distinctly two-fold merit. Some critics
Jahresberichte II. Nordamerikanischc Literatur 1860 — 61. 319
have justly looked at it as a descrij)tion of Italy and its
works of art. From this point of view it may be com-
pared with Corinne or Anderson's Improvisatore. „For
real instruction, not to sjDeak of pleasure, it is a
thoiisandfold preferable to classical-tours^ diaries, and
all such guide-book dulness." But thougb it contains
much delicate and snbtle remarks on art, and even con-
siderable note-worthy criticism on particular works of
art, and on the glorious external nature in whicli Italian
art lives and rejoices, and on tbe manners and spirit of
the people, yet, after all, it is from another point of
view that the book is most eminently a work of art. It
is a modern mythus, — a story of the Faun of Praxite-
les living in modern Italy, credible to modern thouf>-ht,
and working out the illustration of a religions idea. A
person is shown us not wholly man, but iuheritino" the
blood of the Arcadian forests. We are shown how he
is transformed into a wholly intelligent man by tlie com-
mission of a great crime and the working of a great love.
This character the critics declare to be ,,one of the
subtlest conceptions of modern genius." It is a work of
the same kind as the Greek poets did, when they wrouo-ht
the stories of their mythology from some unexplained sta-
tue or painting, or from some fancied etymology of the
name of a deity. But the peculiarity of Hawthorne's o-e-
nius dictates the whole, and it is just about as much a
product of New-England life and thought, as though the
story had been told of some New England lad whose
cars had grown among the peaks of the white mountains.
It has indeed been called a reproduction of „The scarlet
Letter". The disposition to brood over the workino- of
sin, to experience not only religion, but the subtlest theo-
ries of sin and redemption, and analyse them to the
finest über, descends duly in the puritan blood. It gives
rise to a profound philosophy in a man in whom reason
is predominant as in Jonathan Edwards, and to meta-
physical romances with one in whom the artistic imagi-
nation predominates as in Hawthorne. How the expe-
rience of sin can be part of the best possible sy&tem is
320 March
artistically depicted in tlie Marble Faun. „The story
of the fall of man", says Ilawthorne, „is it not repeated
in our romance of Monte Beni?" Tliis romance has a
solemn earnestness and rcality wliich give it a deeper
hold on all serious thinkers than any of its beautiful de-
corations. It has been described as „a poem in prose",
,,a fascinating story", „an art-novel"; „his style is dis-
tinguished for simplicity, purity and beauty". „Mclan-
choly — a quiet pensiveness like the faint light of an
autiimn afternoon is the atmosphere of Ilawthorne"; ,,he
is the Tennison of prose". ')
Hardly inferior to the Marble Faun in its success is
Elsie Venner '^^^ and they are somewhat similar. The he-
roine in Elsie Venner combines the nature of a snake
with that of a woman. But the lialo of imagination which
surrounds the hero of the Marble Faun, which robes him
in mystery and niakes a creature of romance, is wanting,
in Elise A'enner. She is presented rather as a physi-
cian's study — a problem in natural history, than a crea-
ture of mythic race. The mother of Elsie was bitten by
a rattlesnake not long before her birth, the poison „tainted
all her blood", and the nature of the reptile was trans-
mitted to the child. The story is so well told that an
air of credibility is given to it; but we hope we may
not be visited by a brood of heroiues of this unnatural
mixture of races. From another point of view Elsie Ven-
ner is a novel of social life; it gives a picture of a New
England village and its people, as they appear to the
eyes of Dr. Holmes, — the eyes of a city wit. The
picture is not flattering, and its accuracy has been stoutly
denied. Like almost all New England literature, it has
a marked religious element. Dr. Holmes is a ,, liberal
Christian", and makes his characters and story illustrate
1) The Marble Faun: or, The Romance of Monte Beni. By A'a-
thaniel Haicthorne. 2 vols. Boston, Ticknor & Fields. 1860 published
in London as ,, Transformation"; New Englander, May 1860, Christ-
ian Examiuer, May, 1860.
2) Elsie Venner: A Romance of Destiny. By Olivier Wendell
Holmes. Boston, Ticknor & Fields. 1861. Independent, March, 28, 1861.
Jahresberichte II. Nordamerikanische Literatur 18G0— 61. 321
the iuhumanity of puritan godliness. He adds a good
deal of direct preaching to the same purpose. We cha-
racterised liis style in our summary of 1858'- 59. — We
have another wierd romauce^), which might have beeii
written by some Faun, or other inhabitant of air or
flood not yet made wholly human, — a ghost story
with little story, au ocean of words, but a tropical
ocean glaring with the most splendid colors, and giving
glimpses of wonderful flowers and gems, and of indistinct
beautiful figures which may be living nymphs, or may
be rocking corpses, — a salt ocean on which one may
die of thirst for one trait of tenderness. The youug au-
thor is writiug with wonderful facility for the Monthhes,
and she attracts and deseryes admiration. No writer has
shown such a power of reporting in musical words those
most gorgeous sights with which nature and art allure,
dazzle, and intoxicate the eye. The lustre of gems, of
silks, ofvelvets, of flowers, of water, air, and fire glows
through her pages with a gleam that never was on sea or
land. It is the power of Ruskin used by an elfin ima-
gination reveling at will. — ,,The unquestionable ima-
ginative power evinced in the high-wrought romance of
the Household of Bouverie-) can scarcely be regarded
as a compensation for the incredible horrors which inter-
weave a tissue of poisoned and bloody threads throu<j-h
the whole texture of the narrative."
Theodore Winthrop, who met a glorious death at
Great Bethel fighting for his country, left literary re-
mains unpublished, which have attracted great attention.
Cecil Dreeme is one of these , and is certainly one of tho
most brilliant and charming stories of the year. ^)
') Sir Rohan's Ghost. A Romance. By Miss Harritt E. Presvott.
Boston, J. E. Tilton &. Co. Christian Examiner, May, 1860.
2) The Household of Bouverie; or, The Elixir of Gold. A Uoiuance
by a Southern Lady. New York, Derby & Jackson. 2 vols. IS{!0.
Harpers Monthly, November, 1860.
*) Cecil Dreeme. By Theodore Winthrop. Boston, Ticknor & Fields,
1861. The National Quarterly Review. Deceraber, 1861.
Jalirb. i. roia. u. engl. Lit. IV. i. 9^^
322 March
Mrs. Stowe has been contributing a story called the
Pearl of Orr's Island iu weekly uuiubers to the Inde-
pendeut, and anotber, Ac/nes of Sorrento, to the Atlantic
Mouthly, both of which will doubtless be ready for re-
view in book-fonn with the literature of 18(52.
We have mentioued Elsic Venner among our roman-
ces. It has some claim to the first place among novels
of Society , but we give the place to Trumps. * ) The au-
thor has long been a favorite. His sketches of eastern
travel, or rather his dreams in the East, as given us in
his Iloivadji, were füll of melancholy music, and fasci-
nated our young readers, as his face and tone have since
the thousands of hearers of his lectures on poetry art and
morals. Trumps is a story of life in New York. It
takes for its theme the career of a brilliant young man
starting in life with great advantages, and shows how a
want of moral purpose leads him at last to profligacy
and crime. It depends for its interest almost wholly on
the portraiture of churacter. It is thoroughly labored
both in matter and style. It has been criticised however
for its sameness of tone, its pervading sadness, and the
want of relief in the character of the hero. We cannot
help regretting most of all that Mr. Curtis seems so
much to have forgotten nature whose genial influences
nourished his youth, and lives so wholly in the Circean
air of cities and artificial society. But if the critics have
praised Curtis more, the people have read more a new
story by the Misses Warner.-) It is said that 30,000
copies of it were sold in England alone before it w^as
pubiished. The critics geuerally have passed over in
silence, or damned with faint praise the writings of these
authors; but the good boys and girls and their mothers
read them, and grow better for it. They are like the
1) Trumps. A Novel. By George William Curtis. Illustrated bv
A. Hoppin. New York, Harper & Bro., 1861. Independent, April 18,
1861.
2) Say and Seal. By the authors of „Wide Wide World" and
„Dollars and Cents". Philadelphia, G. B. Lippiacott &, Co., 1860.
Independent, April 19, 1860.
Jahresberichte. II. Nordamerikanische Literatur 1860 — 61. 323
Heir of Redclyffe ; they depict the world as it appears to
young ladies who think all wisdom, power aijd greatness
are embodied iu a studeiit of theology, just about to fall
in love and begiü to preach. Wise old critics smile con-
descendingly or contemptuously , but after all there is
no truer or wiser view of man than tbat taken by a pure
minded and cheerful young Christian; and it speaks well
for cur Gountry that whüe the knowing oües are sneer-
ing with Holmes or desponding with Curtis over our
American society, the great masses of our readers are
rejoicing or weeping with the good little girls and boys
who live happy Christian lives in our American country
towns. Say and Seal is a story of the eastern shore
of Connecticut, and gives a pleasing, minute and gener-
ally accurate picture of the people and the scenery.
Miss Cummins some years ago found herseif famous
from the wonderful sale of a not very wonderftil tale, the
Lamplighter ^ one of those pleasant stories which every
body read, since every body must read something, but
without being very much delighted or excited in any way.
She this year gives us a novel whose scenes are laid in
Syria. ^) Our critics say it will give her a higher place
than either of her previous volumes. Bedouins, Turks,
Missionaries and Monks are presented iu strong, clear and
distinct lines, with a power that cannot be questioned.
Lo88 and Gain gives us an opportunity to mention an-
other of those whom good-natured critics call „favorite
writers for the domestic circle^', we are pleased to learn
that „her high reputation will receive no diminution by
this fresh production of her jjen". -) The auonymous
author of Rutledge must also be meutioned among the
authoresses who have given us a new Sensation^). Dr.
') El Fureidis. By the Author of „The Lamplighter" and „M.i-
bel Vaughan". Boston, Ticknor &. Fields. Christian Examiner, July
1860.
*) Loss and Gain. By Mrs. Alice B. Baten. New York, D. Ap.-
pleton & Co. Harpers Magazine, November, 1860.
5) Rutledge. New York , Derby & Jaokson , 1860.
324 March
Holland presents us this year with a story. ') It sliows
thc: saiue hout'st j)iirpose, shrewd sense, and pithy specch
whicli we foiuid in his Essays of two ycars since. Turn-
inü' i'vom New Ens;land to New York we find a vivid
pieture oi the selfish and scnsual side of high life in
the great city.*) The author is a catholic priest, and
has been severely criticized as reveling in pictures of
physical beanty, of dress and carnal passions, and as
worshiping wealth, rank, show, cunning and snccess.
The book purports to be a religious novel. It is not
hüwever the expression of any religious life indigcnous
in American soil; but it niay serve to illustrate the tliink-
ing and feeling of a fraginent of our young men whom
love of the beautiful has driven away from puritan bare-
ness to seek an aesthetic religion. And now, since re-
ligious novels have fallen in the way, and since mon-
strosities may serve to illustrate the literary history of
the tinies, we record at the bottom of the page the title
of a Biblical Extravaganza which is part of a series said
to be intended to invest the Jews of the Bible with an
interest like that which belongs to the „Wandering Jew"
of Eugene Sue, and to present them to the reader's ima-
gination in the style of Lalla Rookh and the Arabian
Nights, — and which are said to seil aniong the Ame-
rican people. ^)
1) Miss Gilbert's Career. An American Story. By J. C. Holland.
(Timothy Titcomb.) New York, Charles Scribner.
2) Bosemary, or Life and Death. By J. Vincent Huntington., Au-
thor of „Lady Alice", „The Forest» etc. New York, D. & G. Sad-
lier. Christian Examiner, March 1861.
^) The Throne of David, from the Consecration of the Shepherd
t)f Bethlehem to the Rebellion of Piince Absalom. ßeing aa Illustra-
tion of the Splendor, Power and Dominion of the Reign of the War-
rior, Shepherd, Poet, King and Prophet, Ancestor and Type of Jesus:
in a series of Letters addressed by an Assyrian Ambassador, resident
at the Court of Saul and David , to hls Lord and King on the Throne
of Nineveh: wherein the Glory of Assyria, as well as the Magnificence
of Judea , is presented to the Reader by an Eye-witness. By the Rev.
J. H. Ingrahuin LL.D. , Author of ,, The Prince of the House of Da-
vid", and of „The Biliar of Fire ". Philadelphia, G. G. Evans, 1860.
Christian Examiner, Sept. 1860.
Jahresberichte II. Noi'damerikanische Literatur 18C0 — 61. 325
Pictures of social life in the slave states have been
favorites in our newspapers and periodicals. A few are
mentioned below not so much for their literary merit, as
expressions of the spirit of the times. ') Mr. Ohnstead's
is a book of great merit and of permanent vahie. The
Sable Cloud has been called „a libel on the instincts of
human heart, on the Scriptures, and on the spirit of
the Saviour".
The air of a Republic seems to be especially favor-
able to the writing of history. We mention some of the
historical works whose admirable literary merit seems to
bring them within our beat. Motley's History of the
Netherlands had the success of a novel. The New York
Mercantile Library took 250 copies of it, and Mudie's
Circulating Library in England 1500 copies. The critics
have not failed to recognize those merits of style which
charm the people, — the perspicuity, ease, and vivacity
which trip without flagging through the results of the
most laborious research, and the occasional highly wrought
passages descriptive of persons and scenes which deserve
a deliberate depth of infamy, or which the heart of the
World exalts over, — while the arrangement and deve-
lopment of the narrative make the history worthy a high
place among works of art.-) Not inferior in elaboration
of story, character, and manners, more elevated in style,
and hardly inferior in popularity is Bancroft's great
') A Journey in the Back Country. By Frederick Law Olmstead.
New York, Mason & Bro., 1860. — The Sunny South; or, The South-
enier at Home. Philadelphia, G. G. Evans, 1860. — The Ebouy
Idol. New York:"D. Appleton & Co., 1860. — The Sable Cloud. A
Southern Tale, with northcrn Comments. By the Author of „A south-
side view of Slavery". Boston, Ticknor & Fields , 1861. Christian
Examiner, May 1861. South and North; or, Impression received dur-
ing a Trip to Cuba and the South. By John S. C. Abholt. New
York, Abbey & Abbott, 1860, pp. 352. A Trip to Cuba. By Mrs.
Julia Ward Hotce. Boston, Ticknor & Fields, 1860, pp. 251.
^) HLstory of the United Netherlands. By J. L. Motley. New
York, Harper & Brothers. 2 vols. From the Assassination of William
the Silent to the Synod of Dort. New Englander, April 1860. North
American Review, April 1861.
■526 MarcU
prose-epic iu houor of Frecdoiu, in which he is too
slowly giving to the world tbe reaulta of tho labor of a
lifo,') A third of our well known authors is occupied
with tho history of New Kngland'^), and a fourth with
that of France. ^)
The number of Biographies of distinguished Americ-
ans is a märked feature of thesc two last years. The
Coming revolution is forebodcd by the study ofthetimes
iu which the Constitution was formed, and of its frainers
and defenderg. Parton's Life of Andrew Jackson is not
unworthy of comparison with Carlyle's Frederick the
Great. The original research is greater. The story has
more flow. The style combines simplicity and directness
with humor and a touch of quaiutness; and he depicts
the bero and th,e scenes in which he figured with a vi-
vacity in mmiy places worthy of Coöper. Those who
wish to learn the history and manners of the West should
read Parton.*) We have otber accounts of that wild and
adventurous region, such as the story of Adams •^), and
the more comprehensive book of Milburn'); the plans
and character of the secessioüists appear in the life of
John A, Quitman, one of their leaders''), while Washing-
^) History of the United States from the Discovery of the Ame-
rican Continent. By George Bancroft. Vol. VIII. Bostor>, Little,
Bi-owu & Co., 1S60. pp. 475. Nojrtb American Review. Qetober 1860.
2) History of New England. By John G. Palfrey. Vol. II, Boston,
Little, Brown & Co., 1860. pp. XX, 640. North American Review,
October 1860.
3) The History of France. By Parke Godwin. Vol. I. New York,
Harper & Brother, 1860. pp. 495. North American, July 1861.
*) Life of Andresw Jackson. 3 vols. By James Parton. New York,
Mason Brothers, 1860. New Engländer, May 1860, January 1861.
") The Adventures of James Capen Adams, Mountaineer and
Grizzly Bear Hunter of California.. By T. H. Hittell. Boston, Crosby,
Nicbols., Lee & Co., 1860.
'') The Pioneers, Preachers,, aüd PeopJQ of the Mississippi Valley.
By William Henry Milbiirn. New York, I>erby & Jackson, 1860.
") Life aod Correspondenee. of John A. Quitman, Major General
etc. etc. By J. F. ff. ClaiboKne. 2 vols. New York, Harper & BrotherSj
1660. New Englander, January 1861.
Jahresberichte II. Nordamerikaiiische Literatur 1860— Ol. 327
ton is celebrated anew in Recollections by Custis*), and
lives by Irving^) and Everett. ^)
We have had our usual number of books of travel
and adventure. Chaillu's lively account of bis adventures
in Africa has made most Sensation at home and abroad.*)
Others are more characteristically American , and of more
literary merit. Such are Mr. Noble's description of hunt-
ing Icebergs on the coast of Labrador with Mr. Church,
the painter of Niagara and the Andes-^), ■ — „a refreshing
book"; and the works on Italy and Switzerhmd which
we put below.'')
Ralph Waldo Emerson has shared the literary honors
of the time. Ilis last volume oi Essays'') has been prai-
sed and blamed with earnestness, if not extravagance at
home and abroad. „Wherever", says one of his admirers,
„within the ränge of the English tongue, there is sym-
pathy with profouud and original thought, with just views
of men and things, with absolute sincerity, with the poe-
try of a heart in vmison with nature, with delicate wit
1) Recollections and Private Memoirs of Washington. By his
adopted son George Washington Parke Ciistis, with a Memoir of the
Author etc. New York, Derby & Jackson, 1860.
2) Life of Washington. By Washington Irving. 5 vols. New York,
G. P. Putnam.
^ The Life of George Washington. By Edward Eoerett. Boston,
Gould & Lincoln, 1860.
*) Explorations and Adventures in Equatorial Africa. With Ac-
counts of the Manners and Customs of the People, and of the Chase
of the Gorilla, Crocodile, etc. etc. By Paul B. Du Chaillu, cor. mem-
ber of American Ethnological Society etc. etc. New York, Harper &
Brothers, 1861. pp. 531.
*) After Icebergs with a Painter. A Summer voyage to Labra-
dor and around Newfoundland. By Rev. Louis L. Noble ^ Author of
the ,,Life of Cole" etc. New York, Appleton & Co., 1861. pp. 336.
ß) Notes of Travel and Study in Italy. By Charles Eliot Norton.
Boston: Ticknor & Fields, 1860. The Cottages of the Alps. By the
author of „Peasant life in Germany". New York, Charles Scribner,
1860. Letters from Switzerland. By Samuel Irenaeus Prime. New
York, Sheldon & Co., 1860.
7) The Conduct of Life. By /{. W. Emerson. Boston, Ticknor &
Fields, 1860. Christian Examiner, January 1861. p. 149. New Englan-
der, April 1861. p. 496.
328 Marcli
and the highest style of litcrary art, these nine essays
will find cordial welcome". „That such a writer", says
another, „should mold the opinions and form the crced
of so many scores of thoughtful spirits , and be accepted
as one of the profoundest philosophers of America, exci-
tes both grief and shauie for our generation and our coun-
try. It argues either lack of knowledge , or lack of indi-
vidual independence, deficiency in moral earnestness, or
an excess of literary toadyism which is anything but hon-
orable to our couutrymen". — As to literary merit,
this last volume seems to us to lack much of the care-
ful finish of Ins early writing. The first volume of his
essays was wonderfully perspicuous so far as diction
and Syntax could make it so. He has been growing
more careless in his later books, and in this last there
is plenty of loose and broken talk through M'hich no easy
current of thought can flow. Our magazines teem as
usual with essays from our best writers; but less than
the usual number have arrived at the dignity of being
republished in book-form.
One populär book on philology deserves mention,
Marsh^s Lectures on the Englisli Languagc. ') All the lead-
ing papers and periodicals reviewed and praised it,
many of them in such a manner as to show scholarly in-
vestigation of the subject. It is a rieh fund of original
Observation, expressed in classic English, and adapted as
far as may be for populär reading.
The narrative poem which has perhaj^s received most
commendation during the period over which our survey
extends, is by Mrs. George R. Marsh.-) It recites the
fortunes of a youth, who leaves his home in one of the
Islands of the North sea, and is taken captive and be-
1) Lectures ön the Kiiglish Language. By George P. Marsh. New
York, Charles Scribner, 1860. pp. 697. Christian Examiner. July 1860.
North American, October 1860. New Englander, May 1860. The
American Theological Review, February 1860.
2) Wolfe of the Knolle, and other Poeras. By Mrs. George P.
Marsh. New York, Charles Scribner, 1860. pp. 327. New Englander,
May 1860.
Jahresberichte II. Nordanierikanische Literatur IS60 — 61. 329
comes the slave of the Bey of Tunis. The story is told
with simplicity: the meter varies with the subject; the
descriptions of both northern and sotithern character,
manners and scenery are eqnally just and striking. It
is an indication of growing familiarity with the lauguages
and legends of the north, that we have another story from
that abundant source, a love story of the earhest period
of the history of Iceland. ^) It is in blank verse, and
tries to catch and repeat the spirit of the old norse
Sagas. Coming home to America we have ballads of the
South ■•^), a poem of Virginia^), the story of Concord
fight^), and some grand ballads by Whittier. ^)
There is generally so little to be said of the drama
in the United States, that we must record the appearance
of a patriotic tragedy in the far West. It takes the coun-
try through a revolution which enthrones a monarch for
a time, but finally brings out the peoj)le triumphant. It
was written prophetically before the presidential election
and will bear study. ^)
The poems of Simms and Whittier before referred
to, contain many fine lyrics. The poetical works of the
Author of „The old Oaken Bücket" — a lyric known to
all Americans, have been collected tor the first time.')
With the outbreak of re\olution, there was an outpouring
of lyric poetry in all the papers and magazines. Sowell,
1) Kormak, an Icelaiulic Romance of the tenth Century. In six
Cantos. Boston, Walker, Wise & Co., 1860.
2) Areytos; er, Ballads and Songs of the South. By H^. Gil-
more Simms. Rüssel & Jones, 1861.
') Ida Randolph , of Virginia. A Poem in three Cantos. Phila-
delphia, Willis & Hazard, 1861. pp. 60.
4) Concord Fight. By S. R. Burtkü. Boston, A. Williams & Co.,
1861. pp. 32.
5) Ilome Ballads and Poems. By John Greenleaf Whittier. Boston,
Ticknor & Fields, 1860. pp. 236. New Englander, January 1861.
*) Amor Patriae, or, The Disruption and Fall of these States.
A Tragedy in live Acts. St. Louis, George Knapp & Co., 18B0. Na-
tional Review, Dec. 1860.
') The Poetical works of Samuel Woodworth. Edited by his son.
2 vols. New York, Charles Scribncr, 1861.
330 Marcli Jahicbberichte II. Nordanierikanische Literatur ISGO — Gl.
Whittier, Holmes, Bryant, Boker, and all the rest burst
forth i» song. But nothing seemed quite to satisfy us,
and sonie of the literati at last offered a prizc ot' 5<)0
dollars for the best national hynin. A committee of thir-
teen of the most weighty nanies for the purpose agrecd
to decide the merits of the competitors. Twelve hundred
came forward: the committee decided that no one was
entitled to the prize. National hyinns are not to l>e had
in this way. A good account of the affair may be found
in a neat little essay by one of the committee. *)
The writing still goes on. One may see something
of the rcsults in the „Rccord of llebellion"'^), which ga-
thers up for permanent preservation , the most remarkable
newspaper contributions of the day. After all perhaps
the historian may find that the critics of the day have
not seized the tridy characteristic productions of the time.
We hear that while our learncd Committee was weighing
elegant lyrics in New York parlours, the tramp of arm-
ed regiments of the sons of the puritans passed along
the streets keeping time to a stränge tune, and the con-
servative proprieties of the city were startled by their
rüde chant abovit an abolitionist Malefactor lately put to
death for exciting slaves to insurrection in the old com-
monwealth of Virginia.
„Old John Brown lies a mouldering
But his soul is marching on".
1) National Hymns. How tbey are written and how they are not
written. By Richard Grant White. New York, Rudd & Carleton, 1861.
2) The Rebellion Record: A Diary of Aniericaa Events. Edited
by Frank Aloare, Aiithor of „Diary of the American Revolution".
New York, G. P. Putnam. 8».
Easton Penn*.
F. A. March.
ICrit. Anz. : Mail. Milä y Fontanals , De los Trovadores en Espafla. 331
Kritische Anzeigen.
De los Trovadores en Espana. Estudio de lengua y poesia provenzal
por D. Manuel Mild y Fontanals, Catedrätico de la universidad de
Barcelona. Barcelona, Libren'a de Joaquin Verdaguer. 1861.
(Paris, C. "Reinwald, Rue de Saints-Peres 15.) 531 pp. 8.
In dem ersten der vier Abschnitte, in die das Buch des
um die catalanische Literatur mehrfach verdienten Verfassers
zerfällt, gibt derselbe zunächst eine kurze Geschichte der Bil-
dung der romanischen Sprachen überhaupt, dann insonderheit
des Pr-ovenzalischen, handelt von der geographischen Aus-
dehnung dieses Sprachzweiges sowie den verschiedenen Be-
nennungen im Mittelalter (j)roven:ol oder j'^^^^^''^^*^^-) lemozina,
hei Raimon Vidal von Bezaudun, wahrscheinlich im Hinblick
ättf die beiden berühmten Dichter Guiraut von Bornelh und
Bertran von Born, die beide aus Limousin stammten, cata-
kines, m einer Tenzone zwischen Albert von Sisteron und
einem Mönche, und endlich lengua cVoc im Gegensatz der
langue d'o'il, unter andern bei Dante); weiterhin über die äl-
teste provenzaliscbe Poesie und deren Charakter, der Avie bei
allen modernen Völkern aus naheliegenden Ursachen kirchlich
ist; denn wenn neben dieser geistlichen Dichtung, deren äl-
testes Denkmal bei den Provenzalen der Boethius ist, auch
ohne Zweifel eine epische Volksdichtung bestand, so hat sich
von derselben doch nichts erhalten. Wir sind daher bei den
epärlicheu Ueberresten epischer provenzalischer Poesie, die
auf uns gekommen sind, und die nur zum kleinern Theile den
finihesten Denkmälern derselben angehören , hauptsächlich auf
die Vergleichung der nordfranzösischen ungleich reichern Epik
hingewiesen. AVas die ursprüngliche Form des epischen Ver-
ses betrifft, so nimmt der Verfasser an, dafs derselbe aus
zwei Hemistichien, entweder von 5 und 7, oder 7 und 5 Sil-
ben bestanden habe; als eine jüngere Form betrachtet er den
Alexandriner , der aus 2 Hälften von je 7 Silben bestehe.
Diese Zählung ist doch aber nur richtig wenn wir weibliche
Cäsuren sowohl wie weibliche Reime annehmen, z. B. Girart
von Rossillon 1886:
lor escalas van joindre senes doptansa
oder: en domn' escarsa nos deuri' om entendre.
332 Kritische Anzeigen:
Da jedoch der weibliche Endreim niclit das ursprüngliche ist,
sondern vielmehr der einsilbige männliche stumpfe, und eben-
so die Cäsur metrisch gerechnet nach der vierten , nicht nach
der (überzähligen) fünften Silbe fällt, so ergibt sich, dafs jene
Zählung falsch und der epische Vers richtiger aus 4 + fi,
oder 6 + 4 (letzteres im Girart von Rossillon), der jüngere
Alexandriner aber aus 6 + 6 Silben besteht. Unter den
Stoffen, die historische Grundlage haben, auf Stamm- und Ge-
schleclitsüberlieferungen, auf geschichtlichen Ereignissen ruhen,
und das ist bei allen sogenannten Chansons de geste der Fall,
steht wegen ihrer Bedeutung für Südfrankreich die Rolands-
sage voran, die demnach auch wohl nicht zufällig von Guiraut
von Cabreira in seinem Lehrgedichte „Cabra juglar" an die
Spitze der epischen Stoffe gestellt wird, und demnächst Guil-
lem von Aquitanien (au court nez) , der bereits im 9. Jahr-
hundert Gegenstand der epischen Poesie geworden war. Wenn
nun auch der Verfasser beide Stoffe ihrem Ursprünge und
ihrer Entwickelung nach dem Süden Frankreichs zutheilt, so
behauptet er damit noch nicht, dafs es wirklich provenzalisch
geschriebene Gedichte, die uns verloren gegangen seien, über
diese Gegenstände gegeben habe. Vielmehr tritt er mit Recht
gegen Fauriel auf, der aus den zahlreichen Anspielungen
auf epische Stoffe in den Liedern der Troubadours auf das
Vorhandensein einer umfassenden und reichhaltigen provenza-
lischen Epik geschlossen hatte, und stützt sich dabei sowohl
auf das Zeugniss des Raimon Vidal , wie auf die Beschaf-
fenheit mehrerer in provenzalischer Sprache erhaltener epischer
Gedichte , von denen z. B. der Fierabras seinen französischen
Ursprung deutlich zur Schau trägt. Wie der Fierabras in die-
ser uns überlieferten Form in Südfrankreich mag vorgetragen
worden sein, in ihr allgemein verständlich war, ohne damit
ein provenzalisches Gedicht zu werden, so mögen auch andere
nordfranzösische Epen in ähnlicher Weise umgeschrieben wor-
den sein, wie wir umgekehrt den echt provenzalischen Girart
von Rossillon ins Französische übertragen finden (in der Hand-
schrift des Britischen Museums) und wie provenzalische lyri-
sche Gedichte in französische Liederbücher aufgenommen wur-
den und dabei eine Art Uebersetzung erfuhren (so in der
Pariser Handschrift 7222). Nicht nur an den grofsen Epen,
wie am Fierabras, läföt sich ein solcher nordfranzösischer
Einflufs wahrnehmen , sondern auch an den wenigen uns er-
Manuel Mila y Funtanal.s, De los Trovadores en Espafia. 3'].'5
haltenen provenzalischen kleineren Erzählungen, Novellen, ist
es merkwürdig zu beobachten wie sie französische Wort- und
Sprachformen ins Provenzaliscbe mischen, so dafs wir viel-
leicht auch hier zum Theil auf nordfranzösische Originale, die
wenn auch nicht übersetzt doch mitbenutzt wurden, hingewie-
sen werden. Die Form dieser erzählenden Poesie unterschei-
det sich von der altepischen Form des Verses durch Zahl der
Silben, durch Mangel an Cäsur, und durch die paarweise
Keimbindung statt der epischen Tirade auf einen Reim. Es
ist das die Form , die ein ganzer Kreis epischer Dichtungen,
die celtisch-bretonischen nämlich, hat; und es liegt daher nahe,
zu vermuthen, so einfach auch die Form der Reimpaare an sich
ist, dafs dieselben bei den Provenzalen erst durch Vermittelung
der Nordfranzosen eingeführt wurde. Dem Verse, der zu
den Reimpaaren verwendet wurde, legt der Verfasser wieder-
um 9 Silben bei, was wie bei dem altepischen aber nur bei
weiblichem Reime richtig ist; die ursprüngliche Silbenzahl ist
ohne Frage 8. Ueber die Entstehung dieser Versform spricht
der Verfasser (S. 25, Anm. 16) eine Vermuthung aus: er
habe ursprünglich aus zwei Ilemistichieri von je 5 Silben be-
standen, also diese Form gehabt:
was durch einige Beispiele wahrscheinlich zu machen gesucht
wird. An diese verschiedenen Gattungen epischer Poesie
schliefst sich noch die Reimchronik an, die bei den Proven-
zalen nur durch ein Werk, die Albigenserchronik von Guillem
von Tudela, vertreten ist, während wir von einem andern,
das den Gregor von Bechada (um 1400) zum Verfasser hatte
und wegen seines Alters von grofser Wichtigkeit wäre, nur
Nachricht, aber nichts übrig haben. Die lyrische Poesie, die
als Kunstdichtung nicht über den Beginn des 12. Jalu-hunderts
zurückgeht, bildet den eigentlichen Kern der provenzalischen
Poesie; der Verfasser gibt uns eine Schilderung des Charak-
ters der höfischen Lyrik, von der er drei Perioden annimmt,
1. vom Ende des 11. Jahrhunderts bis 1150, 2. 1150 — 1210,
3. 1210 — 1323. Die bedeutendsten Troubadours werden
namhaft gemacht, so wie die Dichtungsgattungen kurz be-
sprochen; unter ihnen wird der tresor, wohl mit Hinblick auf
den tezaur von Peire von Corbiac, mit Unrecht aufgeführt,
denn das ist nicht der Name einer Gattung, sondern eines
einzelnen Gedichtes und nur zufällig und aus der Aehn-
334 Kritische Anzeigen :
liclikeit des Gegenstandes erklärlich ist es, dafs mehrere Dich-
ter und Schriftsteller (aber liicht bei den Provenzalen ) Sam-
melwerken denselben Namen gegeben haben. Wo über die
Versmafse gesprochen wird, da linden wir wieder denselben
Irrthum in Bezug auf die Silbenzählung, 11 statt 10, 9 statt
8 u. s. w. Silben. — Mit 1323 beginnt die academische Dich-
terschule in Toulouse, die ihren ersten Wettkampf 1324 hielt,
wobei der erste Preis dem Meister Arnaut Vidal de Castelnou
Darri, fälschlieh mit dem ein Jahrhundert älteren Raimon Vi-
dal von Bezaudun verwechselt, zu Theil ward. Dafs diese
jüngere Kunstschule die älteren Troubadours nicht fleifsig
studirt habe, wie S. 45, Anm. 22, behauptet wird, ist kaum
glaublich, wenn auch die Belege in den Leys d'amors aus
alten Schriftstellern äufserst sj^arsam sind. Die üebereinstini-
mung in den poetischen Formen ist doch viel gröfser als der
Verfasser annimmt. Für die provenzalische Poesie ist diese
ganze academische Richtung bedeutungslos , es ist eine gelehrte
dem Leben entfremdete Dichtung, die in ihr vertreten wird;
dagegen hat sie für die spanische Lyrik eine grofse Bedeu-
tung, und darum hat sie ihre volle Berechtigung in einem
Werke, das sich zur Aufgabe gemacht hat, den Einflufs pro-
venzalischer Dichtung in Spanien nachzuweisen.
Die Berührungen provenzalischer Dichter mit Spanien,
den Aufenthalt derselben an den spanischen Höfen , die Be-
günstigung durch spanische Fürsten und Herren darzuthun ist
der Zweck des zweiten umfangreichen Abschnittes. Der Ver-
fasser geht dabei von der Chronologie der catalonischen und
aragonischen Herrscher aus und knüpft an die Regierungszeit
derselben diejenigen provenzalischen Dichter, die sich ent-
weder in Spanien aufhielten oder in ihrer Heimat mit den be-
treifenden Regenten in Berührung kamen. Die Vermählung
von Raimund Berengar HI., Grafen von Barcelona, mit Dulce,
der Erbin der Grafschaft Provence (1112), war der erste An-
lafs, die provenzalische Lyrik, die damals sich zu entwickeln
anfing, in unmittelbare Berühi-ung mit Spanien zu bringen.
Das älteste Denkmal solcher Beziehungen ist wohl die i-ida
de Santa Fe de Agen, die dem Beginne des 12. Jahrhunderts
angehört. Mit der Lyrik dagegen berührt sich der Sohn des
Genannten, Raimund Berengar IV, Graf von Barcelona und
Fürst von Aragon (1131—02), an dessen Hofe oder in
dessen Umgebung die Dichter Marcabrun, Peire von Auvergne
Manuel Milä y Fontanals, De los Trovadores en Espaßa. 335
und Raimbaut von Orange verweilten. Gleichzeitig mit Rai-
mund Berengar IV. wurde auch am Hofe von Alfons VII.
von Castilien (1126 — ^1157), der mit Raimund Berengars
Schwester, Berengueira, vermählt war, die provenzalische
Poesie begünstigt; seine Kämpfe mit den Mauren von Spanien
erregten auch in Südfrankreich die Theilnahme, wovon Mar-
cabrun's auf diesen Gegenstand bezügliches Lied Fax in no-
mine domini (S. 75) Zeugnifs ablegt, wenngleich der Erfolg
der darin enthaltenen Aufforderung zum Kreuzzuge gegen die
Mauren gering war. Aufser Marcabrun, der noch ein zwei-
tes Sirventes im Interesse des spanischen Kreuzzuges dichtete,
hielt sich auch Peire von Auvergne in Castilien auf. Wich-
tiger noch für die Entwickelung und den Einflufs der pro-
venzalischen Poesie in Spanien ist die Regierung Alfons II.
von Aragon (1162 — 96), der Sohn von Raimund Berengar IV.,
zugleich Graf von Provence, und selbst als provenzalischer
Dichter auftretend. Sein vielbewegtes und politisch in An-
spruch genommenes Leben brachte ihn mit den südfranzösi-
schen Fürsten und Herren, mithin auch mit den Dichtern, die
an deren Höfen lebten, in nahe Berührung, daher wir auch
eine ziemliche Anzahl von Troubadours finden, die seiner
theils lobend, theils tadelnd erwähnen. Hauptsächlich spielt
er in dem Leben und den Gedichten Bertrans von Born eine
grofse Rolle , auch Peii-e Vidal hatte vielfache Beziehungen
zu ihm. Nicht so bedeutend, und von provenzalischen Dich-
tern weniger aufgesucht, weil auch sein Leben ihn weniger
mit Frankreich in Berührung brachte , ist Alfons VIII. von Ca-
stilien (1158 — 1214), doch haben wir provenzalische Belege
für die Schlacht bei Alarcos gegen die Mauren in einem Ge-
dichte Folquets von Marseille [Hueimais noi conosc razo) 1195,
für den Tod seines Sohnes Ferdinand 1211, in einem Klage-
liede von Guiraut von Calanson; das Gedicht Gavaudans des
Alten (Senhors per los vostres pecatz) S. 129, welches der
Verfasser ins Jahr 1212 setzt, bezieht Diez (Leben und
Werke S. 524) auf die Schlacht bei Alarcos 1195. Aufsei
den erwähnten Dichtern lebte auch Peire Vidal (S. 131) zeit-
weise am castilischen Hofe. Wie sein Vater Alfons II. war
auch Peter II. von Aragon (1196 — 1213) ein Förderer der
provenzalischen Poesie und selbst Dichter wie jener. Die
auf ihn bezüglichen Stellen der poetischen Albigenserchronik,
namentlich den langen Bericht über seinen Fall bei Muret,
336 Kritische Anzeigen:
theilt der Verfasser mit, der im dritten Tbeile seines Buches
nochmals auf Peter II. zurückkommt. Die lange Regierung
Jacobs I. von Aragon (1213 — 7G), die schon dem beginnen-
den Verfall der provenzalischen Dichtkunst augehört, brachte
ebenfalls vielfache Beziehungen zu einzelnen Dichtern mit sich,
wiewohl Jacob nicht in dem Mafse wie seine Vorgänger ihnen
seine Neigung zuwandte. Charakteristisch ist, dafs er, wie
uns ausdrücklich bezeugt wird, dem Peire Cardinal, der un-
bestritten der erste Dichter in Bezug auf das moralische Straf-
lied ist, seine besondere Gunst zuwendete; doch fanden auch
andere Sänger bei ihm Unterhalt; auf seinen Tod dichtete
Mathäus von Quercy ein lobreiches Klagelied. Alfons X. von
Castilien (1252 — 84) nahm, wie schon aus der von Guiraut
Riquier an ihn gerichteten Supplik in Bezug auf den Unter-
schied zwischen Troubadours und Jongleurs und der Antwort
des Königs, die, wenn von ihm verfafst, ihn auch in die
Reihe der provenzalischen Dichter stellen würde, hervorgeht,
lebhaften Antheil an der ihrem Verfalle unaufhaltsam zueilen-
den Poesie. Besonders war Bonifaci Calvo, ein Italiener, eng
mit ihm verbunden, und eine Anzahl Gedichte geben Zeugnifs
von der Gunst, die er bei dem Könige genofs. Zahlreich sind
auch Alfons' Beziehungen zu Guiraut Riquier, dem ,, letzten
Troubadour", der aufser jener Bittschrift mehrere Gedichte an
ihn als seinen Gönner richtet. Alfons X. ist der letzte casti-
lische Fürst, der die Dichtkunst, die von den Fürsten mehr
und mehr vernachlässigt wui'de, noch wie seine Vorgänger
beschützte; in Aragonien war dies Peter III. (1276 — 85), der
selbst noch als Dichter auftrat. — Ein kurzer Abschnitt über
die Betheiligung Navarras an der provenzalischen Poesie be-
schäftigt sich hauptsächlich mit dem Verfasser der Albigenser-
chronik, "Guillem von Tudela, wahrscheinlich derselbe wie der
als Sirventesdichter bekannte Guillem Anelier von Toulouse.
Der dritte Abschnitt betrachtet nun im Einzelnen in chro-
nologischer Folge diejenigen provenzalisch schreibenden Dich-
ter, die geborne Spanier sind. Zuerst wird im Allgemeinen
von der Stellung der waadei-nden Sänger, von den Jongleurs,
gesprochen, in Bezug auf welche besonders ein Decret Al-
fons II. von Aragon aus dem Jahre 1180 wichtig ist (S. 258),
worin der König bestimmt, es sei in Zukunft niemand ver-
pflichtet, bei Hochzeiten einer ccvUatrix oder einem jocidator
etwas zu geben. Der älteste naclnveislich spanische Dichter,
Manuel Milä y Fontanals , De los Trovadores en Espaiia. 337
der provenzalisch dichtete, ist kein geringerer als Alfons II.
von Aragon; gleichzeitig mit ihm lebte Guiraut von Cabrera,
dem Geschlechte der Vizgrafen von Cabrera angehörend; er
ist nur durch das in meinen Denkmälern veröffentlichte Lehr-
gedicht für den Jongleur Cabra bekannt, welches der Ver-
fasser mit Bemerkungen über die darin aufgezählten epischen
Stoffe wiederholt. Des Dichters historischer Vorname ist
eigentlich Pons, indessen finden sich, wie der Verfasser Seite
266 bemerkt, beide Namen in dem Geschlecbte oft neben
einander, Pons Giraldus oder Giraldus Pons; das Gedicht
mufs um 1170 verfafst sein. Richtig hat der Verfasser Saine
(Denkm. 89, ^Q) durch die Beziehung auf die Chanson des
Saines d. h. Sachsen, Karl's Kämpfe mit Wittekind, gedeutet
Marcon 90, 1 ist doch' wohl Marcolf oder Morolf der deut-
schen Sage, von Avelchem Stoffe es vielleicht schon im 12.
Jahrhundert eine französische Bearbeitung gab ; eine solche
des dreizehnten hat K. Hofmann bekannt gemacht. Für Rat
90, 33 vermuthet der Verfasser Ä'ai, den bekannten Sene-
schall Arthur's, wogegen nur einzuwenden wäre, dafs diese
Form des Namens bei den Franzosen nicht üblich ist. Für
OUtia 91, 3 ist ohne Zweifel Oliva mit Ferd. Wolf zu le-
sen, und vielleicht hat auch die Handschrift, die ich nicht
selbst benutzen konnte, OUua. 92, 16 qvlestors de man de
Perizon für dejjerizon ist doch wohl nur Druckfehler und nicht
absichtliche Veränderung, die ich nicht verstehe. Caumus 92,
28 ist aber nicht Cadmus, sondern steht für Caunus d. h. der
Bruder der BibUs , die unmittelbar vorher genannt ist. Bai-
noal ab lo tival 93, 1, wo der Verfasser cfiival für tival le-
sen will, mit Bezug auf Reynald und sein Ross Bayard, ist
vielmehr, wie Paul Meyer in seiner dankenswerthen Recen-
sion meiner Denkmäler nachgewiesen hat, Raynouart au tinel
der im Guillaume au court nez eine Rolle spielt , daher ab lo
tinal zu lesen. 93, 26 Arselot erklärt der Verfasser wohl mit
Recht für Anseht = Lanselot. Noch immer bleiben in die-
sem literarisch wichtigen Gedichte wie in der Nachahmung
des Guiraut von Calanson eine Anzahl Anspielungen dunkel
und unerklärt. — Demnächst folgt Guillem von Berguedan,
über dessen Geschlecht der Verfasser Material fleifsig zusam-
mengetragen, sowie eine Anzahl Urkunden, in denen der
Dichter vorkommt, nachgewiesen hat. Nach der Zusammen-
stellung der historischen und biographischen Nachrichten und
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. IV. 3. O'-J
33g Kritische Anzeigen:
einer Inhaltsübersicht seiner Gedichte folgen diese selbst, Irei-
lich ohne für die Kritik der vielfach entstellten Texte wesent-
lich Neues zu bringen. Die Autorschaft des einen Gedichtes
ist noch zweifelhaft, nämlich des ersten: AI temps dCestiu quan
s^aletjron Vauzel, welches in zwei Handschriften anonym über-
liefert, in einer andern Daude vonPradas, und ebenfalls nur
in einer Guillem von Berguedan beigelegt wird. Es ist von
so allgemeinem Charakter, dafs man eher geneigt ist, es dem
wenig hervorti'etenden Daude, als dem originellen Guillem
zuzuschreiben. Ein paar fehlen: ein noch ungedrucktes Ar
volh un sirventes far in D, und Us trichaire, das schon bei
Keller steht, freilich ziemlich entstellt ist. — Hugo von Ma-
taplana, ebenfalls aus einem berühmten Geschlechte, über das
der Verfasser historische Daten beibringt, spielt in der Er-
zählung Raimon Vidal's : En aquel temps c'om era jais eine
Hauptrolle und erscheint darin als Gönner des genannten
Dichters, Seine eigenen Dichtungen beschränken sich auf ein
Sirventes gegen Raimon von Miraval, und eine Tenzone mit
Blacasset; möglich, ja wahrscheinlich ist sein Antheil auch
au einer andern Tenzone mit dem Jongleur Reculaire , die
der Verfasser ihm beilegt, wiewohl die Handschriften ihn nur
als N Uc bezeichnen. Der obenerwähnte Raimon Vidal, als
erzählender Dichter und als Grammatiker bekannt, gehört
ebenfalls Spanien an; beide gleichzeitig mit Peter II. von
Aragonien , der insofern auch unter die provenzalischen Dich-
ter gehört, als er zwei Tenzonen mitgedichtet hat, die eine
mit Guiraut von Bornelh, die andere mit einem aragonischen
Ritter. Er führt uns mitten in den unglücklichen Albigenser-
krieg hinein, in dem er selbst das Leben verlor und den
Guillem von Tudela, ebenfalls ein Spanier, als Augenzeuge
in einer poetischen Chronik beschrieb. Was die Identifizirung
dieses Dichters mit Guillem Anelier von Toulouse betrifft, von
der schon oben die Rede war, so sind dem Verfasser die
Bedenken nicht entgangen, die ihr entgegenstehen. Er ver-
sucht einen Vermittelungsweg einzuschlagen, indem er annimmt,
dafs Guillem ein herumziehender Troubadour war, aus ursprüng-
lich gascognischer , aber in Navarra (Tudela) ansässiger Fa-
milie, dafs er selbst in Toulouse lebte und dort sein Werk
schrieb, früher aber die spanischen Höfe öfter besucht hatte,
woraus sich seine Bekanntschaft und Vertrautheit mit spani-
schen Verhältnissen erklärt. Es ist dies aber freilich eine
Manuel Milä y Fontanals , De los Trovadores en Espaila. 339
Hypothese, die richtig sein kann, die aber für ihre Wahr-
scheinlichkeit ebenso wenig Gründe beibringen kann, als es
leicht ist sie zu widerlegen. Bei dem nun folgenden Arnaut
dem Catalanen , wie ihn die Handschriften ausdrücklich be-
zeichnen, sind die Ansprüche auf manche der ihm beigelegten
Gedichte zweifelhaft, wie der Verfasser selbst zugesteht; von
den dreien, die er unter seinem Namen gibt, sind zwei (2 — 3)
entschieden nicht von ihm, das dritte (1) wahrscheinlich auch
nicht, sondern von Geneys, einem sonst unbekannten Dichter.
Dagegen sind folgende Lieder dem Arnaut Catalas mit Sicher-
heit beizulegen:
Als entendens de chantar, in C.
Amors, rics fora sius vis, CE.
Anc per nul temps nom donet jai, O.
Dregz fora qui ben chantes, E.
Lan quan vinc en Lombardia, Oe.
so wie eine Tenzone mit Aimeric von Belenoi: Aimeric eil
queus fai aman languir. — Guillem von Cervera, Verfasser
eines von Paul Heyse aufgefundenen und herausgegebenen
Lehrgedichtes, gehört einem adeligen Geschlechte an, das
bereits im 11. Jahrhundert urkundlich nachweisbar ist; der
Vorname Guillem begegnet im 12. und 13. Jahrhundert nicht
weniger als fünfmal , so dafs es schwer wäre zu entscheiden,
in welchem wir den Dichter zu suchen haben, wenn nicht der
Inhalt und die Art und Weise seines Lehrgedichtes wahrschein-
lich machten, dafs er kein Dichter des 12., sondern erst aus
der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also wahrscheinlich
der 1269 nachgewiesene Guillem dieser Familie ist. Schon
der Verfallzeit der provenzalischen Poesie , die durch diese
didaktische Richtung ganz analog dem Entwicklungsgange der
deutschen Poesie bezeichnet wird, gehören Guillem de Mur
und Olivier der Templer an; jener stammt, wie der Verfasser
nachweist, aus einer catalanischen Familie, die einen Zweig
der Grafen von Pallars bildete, und ist ein Zeitgenosse und
Freund von Guiraut Riquier, mit dem er mehrere Tenzonen
dichtete; in der einen, die ich ihm auch beilegen möchte
(4, 243 Guiraut Riquier, pus qu'es sabens), wird er nur
Guillem genannt. Weniger sicher ist die spanische Herkunft
bei dem Templer Olivier; wahrscheinlich bei Serveri de Ge-
rona, der von einem späteren Schriftsteller als Catalane
23*
g^ Kritische Anzeigen :
bezeichnet wird, worauf in der That alle Namensbeziehungen
hinzuweisen scheinen. Auch er gehört der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts an, es haben sich von ihm 16 Gedichte
und das Fragment eines Lehrgedichtes erhalten, in welchem
letzteren (oder vielmehr in der Handschrift die es enthält)
schon eine Menge catalanischer Sprachformen vorkommen.
Im ersten Geleite des ersten Gedichtes (S. 374) ist offenbar
Sobrepretz statt Sejyrepretz zu lesen; es ist ein allegorischer
Name, der im Geleite fast aller Gedichte des Dichters vor-
kommt, ebenso wie ein anderer, den der Verfasser auch nicht
erkannt zu haben scheint, Cart:, gewöhnlich in der Verbindung
la don' als Cartz. Im fünften Gedichte sind die ganz kurzen
Zeilen als Binnenreime zu fassen und zu vereinigen:
Tans afans pezans e dans
tan grans d'amor;
oder man kann auch schreiben:
Tans afans pezans e dans tan grans d'amor,
mit der eigentlichen Cäsur nach der siebenten Silbe, ein Vers,
den wir bei dem ältesten provenzalischen Dichter, Guillem
von Poitiers, finden. — Es folgen Peter III. und Peire Sal-
vatge, mit einer Tenzone, an welcher auch der Graf von
Foix und Bernart von Auriac Antheil nehmen; so dann der
Lehrdichter Amanieu des Escas. So schreibt der Verfasser
übereinstimmend mit Raynouard, aber gegen die Handschrift
(vgl. zum Lesebuch 140, 71), und weist Escas als einen Ort
im Bisthum Urgel (Catalonien) nach. Ich will nach diesem
Nachweise auf meiner Deutung nicht bestehen, w^iewohl sie
die Handschrift für sich hat. Die Reime Escas: ofars oder
parlars können aber nicht beweisen, dafs die ursprüngliche
Namenform Escars gewesen, denn solche Reime, in denen
auf ein r nicht Rücksicht genommen wird , finden sich öfter
(Anm. zum Lesebuche 41 , 9). Eine adelige Familie — und
einer solchen scheint der Dichter nach der Schilderung, die
er von seinem Hausstand macht, anzugehören — dieses Na-
mens ist auch jetzt noch nicht nachgewiesen. Es reihen nun
noch einige unbedeutendere Dichter sich an , Friedrich von
Sicilien (1295 — 1338) und der Graf von Empurias, nämlich
Pons Hugo rv. Graf von Empurias, mit einer Tenzone; Pons
Barba, der den Catalanen ohne genügende Sicherheit beige-
zählt wird, hat noch ein zweites Gedicht Non a tan poder en se
Manuel Milä y Fontanals, De los Trovadores en Espafia. 341
verfafst, von dem Rayn. 5, 352 ein Fragment mittheilt. Mo-
leta der Catalane , den wir aus der Satire des Mönchs von
Montaüdon kennen , ist nach der Meinung des Verfassers der-
selbe wie Mola, von dem eine Tenzone erhalten ist. Einen
Anhang bilden die Troubadours der Grafschaft Roussillon, unter
denen als ältester Berengar von Palasol vorausgeht. Wenn
der von ihm erwähnte Graf Gottfried der dritte dieses
Namens ist (1113 — 63), wie der Verfasser glaubt, so ist er
allerdings der älteste spanische Troubadour, noch älter als
König Alfons II. Die Einfachheit seiner Strophenbildungen
scheint nicht dagegen zu sprechen ; aber dann kann in dem
vom Verfasser mitgetheilten Gedichte (S. 437) es nicht heifsen:
Aissi fenira ma canso, sondern fenirai. Das eine der ihm
beigelegten Gedichte Tot francamen , domna, venh denan vos
ist ihm nicht mit Sicherheit zuzusprechen , vielmehr scheint es
Peire von Barjac anzugehören; ein anderes Aissi com hom que
senher occaizona wird zwar auch andern beigelegt, aber doch
mit gröfserem Rechte Berengar von Palasol. In dem Ver-
zeichnifs das der Verfasser gibt, ist ein Gedicht Dovina la
fjenser qiCom veja doppelt aufgeführt, mithin ist die Zahl von
15 auf 13 zu beschränken. Aehnliche und wohl noch gröfsere
Unsicherheit in Bezug auf das literarische Eigenthum herrscht
bei einem berühmten Dichter, Guillem von Cabestanh, be-
rühmt durch die Zartheit seiner Lieder wie durch sein roman-
tisches Schicksal. Echt sind von ihm nur folgende Gedichte:
Aissi cum cel que laissal folh.
AI plus leu qu'eu sai far chansos.
Ancmais nom fo semblan.
Ar vei qu'em vengut als jorns loncs.
En pensamen mi fai estar amors.
Lo dous consire.
Lo jorn queus vi, domna, premeiramen.
Mout m'alegra doussa votz per boscatge.
Dagegen gehört ihm nicht das im dunklen Stil gehaltene Lied
Chanso den sol mot plan e lyrim, das vielmehr Arnaut Daniel
zum Verfasser hat; ferner die Canzone Mon cor e mi e mas
bonas chanaos, welche mit gröfserem Rechte Gaucelm Faidit
beigelegt wird, nur R, wo das Gedicht einmal mit dem rich-
tigen Namen steht, gibt das zweitemal es unter dem Namen
342 Kritische Anzeigen:
Guillems. Noch ein unechtes ist Assatz es dreitz pos jois 7iu)ii
pot venir, nach DLM allerdings von Guillem, dagegen in
CDOR Ozil von Cadarz, im Register von C aufserdeiii Pi-
stoleta beigelegt. Drei andere Dichter von Roussillon werden
kürzer behandelt, Pens d'Ortafas, von dem zwei Lieder übrig
sind; dagegen haben sich von Raimon Bistors von Roussillon
mehr erhalten als eine einzige Strophe, wie der Verfasser an-
gibt, nämlich die Lieder:
Aissi col fortz castels ben establitz.
Aissi com arditz entendens.
Ar agues eu, domna, vostras beutatz. j
A vos melhs de melh qu'om ve.
Qui vol vezer bei cors e benestan.
Die drei letzten stehen in F unter dem Namen Raimon Bi-
stors d'Arle, doch ist es wohl derselbe Dichter, und die
Handschrift ii-rte in der Bezeichnung der Heimat; das erste der
drei steht namenlos auch in P. Bei Gelegenheit des Fromit
von Perpignan , von dem sich ein Lied erhalten hat, theilt
der Verfasser eine von D. Juan Manuel aufbewahrte Nach-
richt über einen ungenannten Troubadour aus Perpignan mit,
die wahrscheinlich auf einer provenzalischen Lebensnachricht
beruht. Die Aufzählung schliefst mit dem Grafen von Pro-
vence, Raimund Berengar V (oder IV), der dem Hause der
Grafen von Barcelona entstammte (1209 — 1245) und von
Aimeric von Pegulhan in einem innigen Klageliede beklagt
wurde. Ich kenne die Gründe nicht, die den Verfasser be-
stimmen, in dem „Grafen von Provence", wie ihn die Hand-
schriften schlechtweg bezeichnen, gerade diesen Raimund Be-
rengar zu erblicken, da die betreffenden Gedichte keine histo-
rischen Beziehungen enthalten; doch habe ich auch keine
Gründe dem entgegenzusetzen. Nur bemerke ich, dafs die
Handschriften zum Theil auch den Grafen von Rodez als
Verfasser angeben (AB), so die Tenzone Amtes N Arnautz
cen domnas d'aut paratge. In dem für einen Dichter gehal-
tenen (z. B. von Raynouard, nicht von Diez) Garn et Ongla,
mit dem der Graf eine Tenzone gedichtet haben soll , erblickt
der Verfasser mit Recht nichts anderes als — des Grafen
Pferd (vgl. tan hon caval no sai ni tan espert). Eine andere
Tenzone mit Bertran von Alamon, der wirklich am Hofe
des Grafen Raimund Berengar lebte, beginnend Sevhor coms
Manuel Milä y Fontanals, De los Trovadores en Espafia. 343
ieus j/rec quem digatz, in H (Strophe 2 Bertran, be cre que
conoscatz) hat der Verfasser nicht gekannt.
Der letzte Abschnitt, der von dem provenzalischen Ein-
flufs in Spanien handelt, bespricht zuerst die Verschiedenhei-
ten der catalanischen und provenzalischen Sprache; in Bezug
auf letztere sind manche grammatische Unrichtigkeiten zu be-
merken, 80 die Pronominalformen ill, ellei (dellei ist nicht
d'ellei, sondern == de lei) , die in der That nicht existiren;
vingue S. 456 steht wohl dem provenzalischen vengui gleich.
Die orthographische Abweichung in Bezug auf yl = proven-
zalisch Ih ist nicht so grofs als sie aussieht, denn die meisten
provenzalischen Handschriften haben z7, iZ/, was jenem ?/Z ganz
nahe kommt; jjerillos z. B. wird auch in den meisten proven-
zalischen Handschriften ebenso geschrieben. Mehr abweichend
ist ny = provenzalisch nh , indess dem alten ni (z. B. im
Boethius) gleichkommend. Die Auswerfung des n in Wörtern
wie cove (convenit), iffan (infans) provenzalisch cove und effan
oder efan neben evfan, cossi :^ consi ist ebenso provenzalisch;
ferner ist ts statt tz am Schlufse von Worten im Provenzali-
schen das ursprüngliche, das erst im 13. Jahrhundert durch
tz verdrängt wurde; auch p für z ist in provenzalischen Hand-
schriften nicht ungewöhnlich, e für ey in manera, carrera etc.
ist auch im Provenzalischen nicht selten, in manchen Hand-
schriften sogar das Regelmäfsige , ohne dafs deswegen ange-
nommen werden dürfte , dieselben seien in Catalonien geschrie-
ben. Montesquiu ist auch die provenzalische Form (Montes-
quiu: senhoriu reimt Peire Vidal 14, 14), und Montesquieu
ist eine dem Schlufse des 13. Jahrhunderts angehörige. Dafs
die Substantiva in o im Provenzalischen gewöhnlich die En-
dung 011 hätten, ist unrichtig; vielmehr wechseln hierin die
Handschriften, ebenso in Bezug auf ä, e, z, m, z. B. certäii
und certä, ten und te, fin und //, brun und bru. Von ecclesia
lautet die gewöhnliche provenzalische Form nicht glezia^ son-
dern gleiza; das catalanische esgleia (wie es^iaa = provenza-
lisch espaza) steht also ganz nahe. — Nach diesem grammati-
schen Abschnitt kommt der Verfasser auf die catalanisch-lemo-
sinischen Troubadours, d. h. solche, die wirklich in catala-
nischer Sprache dichteten. Das älteste catalanische poetische
Denkmal ist ein Planctus S. Mariae virginis, aus einer Hand-
schrift, die wohl noch dem 12. Jahrhundert angehört; so dann
lo plant de sant Exteve aus dem 13. Jahrhundert, und ein
344 Kritische Anzeigen:
Marienlied aus einer Haadschrift des 14/15. Jahrhundert, das
aber nach des Verfassers Ansicht noch dem 13. angehört (das
dabei wegen seiner ähnlichen Form angeführte Marienlied
Dona dels angels regina ist aber nicht von Guiraut von Ca-
lanson, sondern von Pcire von Corbiac, vgl. mein provenza-
lisches Lesebuch 92, 20); endlich eine Marienklage 0 fjran
dolor cruzel ab mortal pena. Der älteste namhafte Dichter ist
Ramon Lull (1235 — 1315), dessen poetische Werke allerdings
hinter seinem prosaischen an Bedeutung zurückstellen. Der
Verfasser gibt ein vollständiges Verzeichniss der Gedichte und
theilt zwei derselben mit. Aufser einer Anzahl anderer Ge-
dichte des 14. Jahrhunderts, worunter eine Canzone, die der
Infant Pedro (1304 — 80) bei der Krönung seines Bruders
Alfons 1327 dichtete und die von Jongleurs gesungen wurde,
mehrere Gedichte Königs Pedro IV (1335—87), die Nach-
ahmung Petraca's verrathen, sind im 14. Jahrhundert eine
Reihe wissenschaftlicher Werke in poetischer Form zu nennen,
die sich an die toulousanische Dichterschule anreihen und sich
mit der Theorie der Dichtkunst beschäftigen, so eine cata-
lanische Bearbeitung der leys d'amors, ein Corapendium der-
selben von Joan Castellnou, eine Glosa desselben zum Doctri-
nal des Ramon de Cornet, die poetische Ausstellungen ent-
hält; von welcher Art, mögen folgende Verse beweisen:
Quar sabers m'o permet (veus frevol comensament, car a
lauzor de si , e no de Dieu comensa),
Yeu Ramons de Cornet,
Capelas ordonatz
De San Antoninatz ( veus aqui replicacio can dits ninats
e es grans vicis),
Faray un doctrinal
Ab rethorica tal
Que bo romans demostre (mal ditz, car rethorica non en-
senha bos romans parlar mas bei parlar).
Ferner Mirall de trobar von Berenguer de Noya; Reglas de
trovar von Ramon Vidal de Besalu, erklärt von Jofre Foxä;
Doctrina de cort de T. de Pisa; Comensamens de la doctrina
provincial vera e de rahonable locuciö y flors del gay sa-
ber de Guillermo Molinier; Erklärung des Gay Saber von
Luis de Aversö — alles Werke , die den Einflufs der provenza-
lischen Poesie auf die catalanische begünstigen mufsten. Von
Manuel Mila y Fontanals, De los Trovadores en Espafia. 345
der Beschäftigung mit dem Provenzalischen und der Anlehnung
der sich im 14. Jahrhundert entwickelnden catalanischen Li-
teratur an die provenzalische zeugen aufserdem eine Reihe von
Uebersetzungen, wie der Auzels cassadors von Daude von
Pradas , des Breviari d'amor u. s. w. Die Anzahl der lyri-
schen Dichter in catalanischer Sprache im 14. und 15. Jahr-
hundert ist bedeutend, wie die erhaltenen Liederbücher dar-
thun, aber der poetische Werth gering, die Anlehnung theils
an die italienische, theils an die provenzalische Poesie nicht
zu verkennen, worauf in diesem Jahrbuche von Ebert und mir
hingewiesen worden. Auf die Auszüge, die ich aus dem Pariser
Canyoner gegeben, bezieht sich auch was S. 485 if. gesagt ist,
und dafs irrthümlich das Lied Q,uan vei la lauzeta mover (S.486,
Anm. 20) Rambaut von Vaqueiras statt Bernart von Ven-
tadorn beigelegt wird. Auch von dem (geringen) französischen
Einflufs handelt der Verfasser, und gibt, um den Umfang der
in Catalonien getriebenen Studien anschaulich zu machen, das
Verzeichnifs zweier fürstlichen Bibliotheken des 15. Jahrhun-
derts. — Der Einflufs der Provenzalen auf Spanien ist aber mit
den catalanischen Dichtern nicht erschöpft, er läfst sich auch
an den galizisch- portugiesischen einerseits, an den castilischen
andererseits nachweisen. Die ältesten portugiesischen Trou-
badours reichen ins 13. Jahrhundert hinauf und gehören der
Regierung Alfons III. von Portugal (1245 — 79) an, der ein
Zeitgenosse des Königs Alfons X. von Castilien war. Diesen
haben wir als Beschützer provenzalischer Dichter schon ken-
nen gelernt, er dichtete aber auch, und zwar in galizischer
Mundart. Die castilische Dichtung wurde nicht unmittelbar
von dem Einflufse der provenzalischen berührt, wie man nach
den vielfachen Beziehungen provenzalischer Dichter zu Casti-
liens Hofe im 12. und 13. Jahrhundert hätte erwarten kön-
nen, sondern durch Vermittelung der portugiesischen. Seit
dem 16. Jahrhundert begann der Einflufs des Alterthums,
hauptsächlich durch Italien vermittelt, doch blieben nament-
lich in der Form manche Reste der alten provenzalischen
Poesie , wie der Gebrauch des Geleites und anderes. Und
auch im Geiste der castilischen Poesie erkennt der Verfasser
trotz alles antiken Einflufses auf die Bildung noch immer eine
Nachwirkung des höfischen Liebesdienstes wie ihn die Pro-
venzalen entwickelt hatten.
Wir schliefsen mit wohlmeinendem Danke für den werth-
346 Kritische Anzeigen :
vollen Beitrag zur Geschichte der provenzalischen Poesie.
Die zahlreichen mitgetheilten , noch ungedruckten Texte, na-
mentlich aber die urkundlichen und historischen Nachweise aus
Archiven seiner Heimat, tragen nicht wenig dazu bei, den
Werth zu erhöhen. Was die Texte anbelangt, so hiefse es
von einem literarhistorischen Werke zu viel verlangt, wenn
man kritische Bearbeitung derselben beanspruchen wollte; je-
doch mufs anerkannt werden, dafs der Verfasser zur Lesbar-
keit derselben manches beigetragen hat. Nur das möchten
wir bemerken, dafs eine so ausgedehnte Mittheilung von schon
bekannten Texten um so weniger nöthig gewesen wäre, als
der Verfasser fast immer vollständige Uebersetzungen gibt.
So werden uns von Amanieu des Escas nicht weniger als 20
Seiten Text nach einander gegeben, die alle schon bekanntes
enthalten, dazu kommen noch sechs Seiten Inhaltsangabe!
Das scheint in der That des Guten zu viel und dient nur da-
zu, das Buch unnöthig theuer zu machen.
Rostock, im Juni 1862.
Karl Bartsch.
Dante Alighieri's lyrische Gedichte und poetischer Briefwechsel. Text,
Uebersetzung und Erklärung. Von Karl Krafft. Regensburg, 1859.
(Verlag der Montag und Weifs'schen Buchhandlung.) 8°. (XII u.
521 S. 12.)
Wir besitzen von Dante's lyi'ischen Gedichten bereits eine
Uebersetzung von Witte und Kannegiefser. Von dieser ihrer
Vorgängerin unterscheidet sich die Kratft'sche zunächst in
zwei Punkten. Erstlich nämlich ist sie reimlos, ein Umstand,
der ihr vielleicht in manchen Augen von vorn herein zum
Nachtheil gereichen wird, obwohl, wie uns scheint, mit Un-
recht. Die Leichtigkeit, mit welcher sich unsere Sprache im
Allgemeinen fremden Formen anschliefst, hat bei uns die An-
forderungen an den Uebersetzer poetischer Werke, bezüglich
des genauen Festhaltens an der Form seines Originals, über-
trieben streng gemacht. Jene Schraiegsamkeit des Deutschen
mag vergleichsweise immerhin grofs sein, dennoch aber scheint
Krafft, Dante Alighieri's lyrische Gedichte u. poet. Briefwechsel. 347
sie uns in manchen Beziehungen überschätzt zu werden und
zwar ganz besonders, wo es sich um Uebertragungen poeti-
scher Werke der südlichen romanischen Literaturen handelt,
deren Formen dem Uebersetzer ganz besondere Schwierigkei-
ten in den Weg legen. Kein Unparteiischer wird läugnen
können , dafs selbst unsere mit Recht berühmtesten Ueber-
setzungen italienischer, spanischer und portugiesischer Dich-
terwerke der Form und ganz besonders dem Eeime nicht sel-
ten grofse und bedenkliche Opfer an Treue gegen ihr Original
wie an Klarheit und Reinheit des Ausdrucks haben bringen
müssen und wir möchten fast die Behauptung wagen , dafs
ohne jenen Umstand manche der südlichen Dichter bei uns
populärer sein würden, als sie es jetzt sind. Wir halten es daher
geradezu für einen Gewinn, wenn neben der strengeren Praxis
auch die mildere Platz greift und wenn neben denjenigen
Uebersetzungen , die sich streng an die Form ihres Originals
halten, auch solche auftauchen, welclie dieselbe um höherer
Rücksichten willen zum Theil über Bord werfen. Philalethes
hat zuerst durch seine Uebersetzung der Commedia des Dante
in ausgezeichneter Art den Beweis geliefert, wie viel durch
Aufopferung des Reims gewonnen werden kann und wie ge-
ring im Vergleich die Einbufse ist. In gleicher Weise hat
Herr von Schack durch sein ,, Spanisches Theater" gezeigt,
mit welchem Glücke für das spanische Drama (wenigstens für
das Genre der Comedia heröica) von unserm fünffüfsigen
Jambus, anstatt der assonirenden Romanzenform, Gebrauch
gemacht werden kann. Es wäre sehr wünschenswerth , dafs
diese Beispiele (natürlich mit steter tactvoller Rücksicht auf
den Charakter des Originals und gewissenhafter Berechnung
dessen, was von seiner Form geopfert werden kann) mehr
Nachahmung gefunden hätten, als bisher, und wir wür-
den es geradezu für eine Bereicherung unserer Literatur hal-
ten wenn z. B. für die romantischen Epiker Italiens einmal
anstatt der strengen Form der Octave die von Wieland bei
uns eingeführte und von ihm so meisterhaft behandelte freiere
gewählt würde. Dergleichen Bearbeitungen Avürden auch neben
den formgetreueren stets ihren besondern Werth behalten.
Nun ist allerdings nicht zu leugnen , dafs in der lyrinchen
Gattung der Verzicht auf den Reim mit Beibehaltung des
Rythmus einigermafsen bedenklich erscheint und nur in den
seltenen Fällen gerechtfertigt werden kann, wo der Werth
348 Kritische Anzeigen:
des ursprünglichen Gedankens und Ausdrucks im Vergleich
zum Werthe der Form so bedeutend ist, dafs letztere beinahe
als indifferent erscheint, wo aber auch zugleich ein Kreis von
Lesern vorausgesetzt werden darf, die dieses Werthverhältnifs
nicht blofs mit dem Verstände zu messen verstehen, sondern
unmittelbar mit dem Herzen empfinden. Dafs ein solcher
Fall vorliegt, wo es sich um eine Uebertragung von Dante's
lyrischen Gedichten handelt, scheint uns keinem Zweifel un-
terworfen und in so fern können wir es nur gutheifsen, wenn
Herr Krafft seinen Lesern lieber den Gleichklang vorenthielt,
um ihnen Gedanken und Ausdruck des Dichters desto treuer
wiedergeben zu können.
Er war aber hierzu um so mehr berechtigt, als er (und
dies ist der zweite Punkt, in welchem sich seine Uebersetzung
von der Witte-Kaunegiefser'schen unterscheidet) nur diejenigen
Gedichte Dante's, „welche durch das Urtheil bewährter Kunst-
richter als wirklich oder doch wahrscheinlich echt anerkannt
worden sind", in seine Sammlung aufgenommen, dagegen alle
von der bisherigen Kritik für apocryph erklärten, oder ihrer
Gehaltlosigkeit wegen einer Uebersetzung unwürdigen (mithin
auch die Rime spirituali) ausgeschlossen hat.
So zerfällt nun die Sammlung in vier Bücher, deren
erstes die Gedichte aus der Vita nuova, das zweite die Can-
zonen nach Witte's Anordnung, das dritte die Sonette nebst
einigen Gedichten von noch nicht ganz unbestrittener Echt-
heit und das vierte endlich den allerliebsten und für die Ge-
schichte der letzten Lebensjahre des Dichters wichtigen Brief-
wechsel (mit Giovanni di Virgilio), der hier zum ersten Male
im Vei'smafs des Originals erscheint, enthält. Das letzte Viertheil
des Bandes füllt der Commentar, für welchen der Verfasser
die vorhandenen Hülfsmittel gewissenhaft benutzt hat, ohne
sich gleichwolü in seinem selbstständigen Urtheile beirren
zu lassen. Ein Anhang von wenigen Seiten enthält einige
der vorzüglichsten Gedichte in deutschen und englischen ge-
reimten Uebersetzungen , unter ersteren auch einige recht ge-
lungene von Herrn Krafft selbst.
Auf die Uebertragung im Einzelnen einzugehen verbietet
der uns zugemessene Raum. Wir wollen daher nur bemerken,
dafs sie im Allgemeinen das Original sehr getreu wiedergibt.
Hin und wieder sind uns kleine Mängel im Ausdrucke aufge-
stofsen, die jedoch Niemand streng richten wird, der weifs,
Kraflft, Dante Alighieri's lyrische Gedichte u. poet. Briefwechsel. 349
welche ungemeinen Schwierigkeiten gerade die lyrischen Ge-
dichte Dante's in dieser Beziehung dem Uebersetzer in den
Weg legen. Wir brauchen nur an das von Dante so oft
gebrauchte ,, gentilezza" zu erinnern, welches Herr Krafft
durch „Adeligkeit" übersetzt, wobei er jedoch selbst aner-
kennt, dafs dieser Ausdruck den Begriff nur höchst unvoll-
kommen wiedergibt. In dem schönen 12. Sonette hätten wir
das „sosph-a" doch lieber wörtlich durch ,, seufze", als durch
das gar zu sehr an die Siegwartperiode erinnernde ,, schmachte"
wiedergegeben gesehen, wäre es auch nur, um den deutschen
Leser, der durch die Uebersetzung erst Bekanntschaft mit
dem Dichter machen will, auch nicht durch einen einzigen un-
vorsichtigen Ausdruck auf die falsche Idee zu bringen, Dante's
feurige, tiefe und echte Liebe habe auch nur die leiseste
Aehnlichkeit mit den krankhaften Empfindungen einer unge-
sunden Generation gehabt. Aus ähnlichen Gründen hätten
wir auch das Wort „Galanterie" für „leggiadria" (S. 185)
lieber vermieden gesehen. Weshalb Herr Krafft in der 2.
lateinischen Epistel (S. 343) „duris crustis" durch ,, harte
Krume'-'- anstatt wörtlich durch „harte ^inden'-^ übersetzt,
sehen wir um so weniger ein, da gerade der letztere Aus-
druck im Deutschen auch metaphorisch gebraucht wird. Ist
es blofs dem Wohlklange zu Liebe geschehen, so scheint uns
dies zu weit gegangen.
Dafs Herr Krafft die allegorische Deutung der Canzonen
in seinem Commentar ganz unberücksichtigt gelassen hat , können
wir nur billigen und stimmen im Allgemeinen vollkommen
mit dem überein, was er S. 488 ff. über diesen Gegenstand
sagt. Wir wünschten sehr, dafs seine Gründe etwas da-
zu beitragen möchten, dafs dieser Gegenstand endlich allge-
gemein von der Seite angesehen würde, auf welchen ein ge-
sunder Geschmack und eine unbefangene Prüfung aller Werke
des Dichters, wie uns scheint, gebieterisch hinweisen. Da-
gegen scheint uns Herr Krafft die Abneigung gegen alle alle-
gorische Deutung weiter zu treiben, als nöthig ist, wenn er
der hübschen Stelle der zweiten lateinischen Epistel
Est niecum quam noscis ovis gratissima, etc.
gegen den Scholiasten und Witte jeden allegorischen Sinn ab-
sprechen und dieselbe blofs für einen bucolischen Scherz hal-
ten will. Hierin können wir ihm nicht beipflichten ; nament-
lich scheinen uns die Worte
350 Miscellen.
Nulli juncta gregi, nullis assuetaque caulis
auf irgend einen versteckten Sinn zu deuten, wobei wir es
übrigens dahin gestellt sein lassen wollen, ob der Scholiast
und Witte die richtige Auslegung getroffen haben.
Alles in Allem genommen können wir unsere Ansicht
nur dahin aussprechen, dafs Herrn Krafft's Arbeit auch nach
der ausgezeichneten, aber in ihrer Tendenz verschiedenen
Witte-Kannegiefser'schen Uebersetzung ihr besonderes Verdienst
hat und schliefsen mit dem Wunsche , dafs sie dazu beitragen
möge, die richtige Kenntnifs des göttlichen Dichters auch in
weiteren Kreisen zu fördern.
Ludwig Lemcke.
Miscellen.
Ein neues Zeugniss für den historischen Cid.
Bekanntlich galt das Schweigen der gleichzeitigen Quellen-
schriftsteller über den Cid als ein Hauptgrund an seiner
historischen Existenz zu zweifeln. Seit Dozy vollgiltige ara-
bische Quellenberichte über den Campeador bekannt gemacht
hat, kann allerdings von solchen Zweifeln keine Rede mehr
sein. Aber die auffallend wenigen und dürftigen Nachrichten
über den spanischen Nationalhelden bei seinen christlichen
Landsleuten , die als quellenmäfsige Zeugnisse gelten können ^),
war es bis auf die neueste Zeit nicht gelungen zu ver-
mehren. Wir beeilen uns daher mitzutheilen , dafs nun ein
solches Zeugnifs aufgefunden und bekannt gemacht worden ist.*)
In der von Juan Tejada zu Madrid herausgegebenen
„Coleccion de cänones y concilios de la Iglesia de Espana
1) S. Aschbach, De Cidi historiae fontibus dissertatio. Bonnae,
1843. 40.; nnd Dozy, Recherches sur l'hist. et la litt, de l'Espagne pen-
dant le moyen-äge. 2^. ed. Leyde, 1860. Tome ü. p. 3.
2) Wir theilen die folgende Notiz nach einem in der Zeitschrift:
„La Andalucia" (1862, 23 März, Nr. 1,321) abgedruckten Artikel von
Juan de Quiroga mit, der uns von der Frau von Arrom (Fernan Ca-
ballero) gütigst zugesendet wurde.
Miscelleu. 351
y de America" finden sich in dem 1859 erschienenen fünften
Bande (p. 659) die Acten eines im Jahre der Aera 1198, d.
i. 1160, zu Hermedes, einem Flecken (villa) in der Diöcese
von Palencia, abgehahenen Concils nebst der päpstlichen Be-
stätigungsbulle vom Jahre 1162 zum ersten Male nach zwei
Handschriften der Madrider Nationalbibliothek abgedruckt.
Dieses Concil wurde gehalten zur Schlichtung der Streitigkei-
ten und Regelung der Prärogativen und Güter des Domca-
pitels von San Antonio und des Capitels von Santiago (capi-
tulo de los veinticuatro del colegio de Santiago) in Palencia.
Die Urkunde ist unterzeichnet von Alfons VIII. König von
CastUien und Toledo, vom Erzbischof- Primas von Spanien,
vom Bischof von Palencia und sechs anderen Prälaten , vom
Abt und Prior des Capitels von Santiago und mehreren an-
deren Aebten , deren Güter ebenda geregelt wurden , endlich
von sechs Grafen und einigen anderen Weltlichen, so Avie vom
Notar des Königs. In diesem Documente voll interessanter
Daten ist wohl eines der interessantesten folgende Stelle :
„Sexto. Quia Mirus episcopus fecit ecclesiam S. Michaelis,
divisitque decimas civitatis, et magnus Boyz Didaz, cogno-
mento Cith Camj^eator , fecit ecclesiam juxta fortalitium portae
de Burgis in fosso et pizzina ubi in peregrinatione et voto de
Sancto Jacobo cum aliis magnatibus invenit Sanctum Lazarum,
in forma pauperis lacerati, etc. etc." Hier haben wir ein
Zeugnifs über den Helden von Bivar aus dem 12. Jahrhundert,
61 Jahre nach dessen Tod , und zwar in einer so wichtigen
von den höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträgern
Spaniens beglaubigten Urkunde, das nicht nur seine Existenz
bestätigt, sondern auch, wiewohl seiner nur beiläufig erwähnt
wird , ein paar merkwürdige Anspielungea auf seine Lebens-
umstände enthält.
So wird Ruy Diaz darin als Rico home, magnus aufge-
führt, und als bekannt unter dem Beinamen: Cith Campeator
(nicht Campidoctus ,wie bei Späteren; s. darüber Dozy , 1. c.
p. 60 if.). So wird, was noch merkwürdiger, das Zusammen-
treffen des Cid mit einem Aussätzigen (gafo; — s. Dozij , 1.
c. p. 244 — 54) erwähnt, zwar auch schon mit legendenartiger
Färbung, aber doch so, dafs man darin das Factische der
Sage noch erkennen kann, wie nämlich der auf einer Wall-
fahrt nach Santiago begriffene und daher gewifs sehr wunder-
gläubig gestimmte Ritter durch dieses Zusammentreffen voran-
352 Miscellen.
lafst wurde, eine Kirche zum Andenken daran und zu Ehren
des heil. Lazarus zu stiften. ')
Wir wollen übrigens nicht verschweigen, duls in dieser
Urkunde, und besonders in der sie bestätigenden päpstlichen
Bulle Einiges vorkommt, was Bedenken erregt und an ihrer
Echtheit zweifeln machen könnte. In der Datirung beider
Documente ist nämlich auffallenderweise blofs das Jahr ange-
geben, Monat und Tag fehlen. In der Bulle ist der Jahrzahl
1162 beigefügt: dem ziceiten Papst Alexander's III., der aber
bekanntlich im Jahre 1159 zum Papste erwählt wurde. Ferner
ist die Bulle gerichtet an: ,,Ildefonsus imperator catholicus
Hispaniae"; nun nahm aber im Jahre 11G2 Alfons VIII.,
der minderjährige Sohn Sancho's el Deseado und Enkel Al-
fons' VII. den Thron von Castilien ein, der keineswegs, wie
sein im Jahre 1157 gestorbener Grofsvater, den Titel: Impe-
rator führte und noch ein Kind war, daher auch bei seinem
Namen nur ein Kreuzeszeichen steht. Auch wird in der
Bulle nur im Allgemeinen der Verdienste Spaniens um den
Katholicismus gedacht, ohne dem Monarchen besondere Lob-
sprüche zu zollen, wiewohl auch nichts vorkommt, was auf
dessen kindliches Alter Bezug hätte. Die Bulle beschäftigt
sich ausführlich mit den Ansprüchen und Rechten der genann-
ten geistlichen Körperschaften und schaltet den Inhalt der Ori-
ginalurkunde grofsentheils ein.
Allein gerade diese verdächtigen Umstände sind so in die
Augen fallend, dafs sie bei einer Fälschung gewifs vermieden
•worden wären; überdies sind die beiden Madrider Handschrif-
ten, welche diese Urkunden enthalten, nur spätere Abschrif-
ten*), und daher die erwähnten Auslassungen und Ungenauig-
keiten wohl schon dadurch erklärlich. Auf keinen Fall sind
diese Urkunden in Bezug auf den Cid erfunden worden, des-
sen sie nur nebenbei gedenken.
1) Diese Kirche besteht noch in Palencia unter demselben Namen.
Es ist auch beachtenswerth , dafs die Legende vom Cid dieser Stiftung
nicht erwähnt und daher nicht in deren Folge erfunden ward.
1) In dem uns vorliegenden Artikel wird nichts Näheres über diese
Handschriften angegeben und nur gesagt, dafs sie „traslados" sind. —
Das Werk von Tejada ist uns nicht zugänglich gewesen.
Ferd. Wolf.
Druck von F. A.. Brockhaus in Leipzig.
Paris. Jahresberi('lite III. Franzüsisihe Literatur IStJl. 353
Jahresberichte.
III. Die französische NufUwaJJltcratur im Jahre 1861.
Mousieur le Kedactcur. En verite je vouclrais bien
iie pas repeter tous les ans la meme chose en commen-
9ant cette revue et me dispenser de mes plaintes perio-
diques sur la sterilite de la moisson que j'ai k faire. Mais
Jen suis toujours tellement frappe au moment de la re-
colte que je ne puis m'einpecher de la deplorer et de
vous en prevenir a l'avance. Ce qui m'afflige surtout,
c'est de la trouver toujours croissante, c'est d'etre oblige
d"aggraver chaque fois mes accusations, c'est enfin de
devoir reconnaitre que cette annee est encore inferieure
k Celle qui l'a precedee.
La poesie surtout est vraiment dans un etat d'aban-
don qui semble donner raison, momentanement je Tes-
pere, a ceux qui annoncent sa fin complete dans un ave-
nir plus ou moins prochain. II en sera d'elle, dit-on,
comme de la philosophic. La philosophie en effet tend
evidemment k cesser d'etre une science independante;
toutes les autres deviennent de plus en plus philosophi-
ques, mais la metaphysique pure, malgre les louables
efibrts de quelques adorateurs perseverants, sVfface de
plus en plus et n'est en Allemagne raeme l'objet que
d'un culte bien festreiut. Le meme sort attend-il la
poesie? Doit-elle k la fin s'etendre davantage comme In-
spiration de toute oeuvre grande et perir comme art distinct?
Je suis loin de le pensor pour ma part et je crois la
poesie immortelle; mais il faut convenir qu'elle subit en
ce moment une eclipse pres(pie totale: puisse-t-elle en
sortir plus brillante!
Les poetes de cette annee qui ni(''rit<'nt une meution
vous ont presque tous ete nommes dans mes precedents
compte-rendus, et leurs nouvelles a-uvres ne sont pas
leurs plus importantes. Ainsi M. Edouard Grenier, dont
je vous ai signale le talent eleve (annee 1859), nous a
.lahrli. f. roiii. n. cii,;!. Lit. [V. i. 91
354 P^'i«
donne un volume intitule: Poemes dramatiques'^). Le mor-
ceau capital du recueil est le Promethee delivre dont j'ai
dejä parle ^); les autres pieces sont moins importantes et
comme diraensions et comme merite. 11 y a toutefois,
outre les deux beaux sonnets qui ouvrent et fermeut le
livre , des pieces qui sont a la hauteur des meilleures pro-
ductions de ce poete distingue: on en rencontre suitout
de reraarquables dans le gracieux poeme qui a pour titre:
Le premier jour de VEden.
Je vous ai indique aussi les qualites et les defauts
de M. Autran dans la premiere de ces rapides revues^);
son nouveau volume, les EpUres rustiques'^) merite
a peu pres la meme appreciation, en faisant nean-
moins une part plus large ä l'eloge. II y a des tira-
des entieres auxquelles on ne peut rien reprocher, et
qui montrent de la vigueur et de la vraie poesie; mais
il est regrettable /[u'en general le style soit neglige et
qu'un ton trop academique ait valu ä cet ecrivain esti-
mable le renom d'ecrivain ennuyeux. Le nom de Lacaus-
sade ne vous est pas nouveau non plus; et je dois vous
signaler son recueil intitule Epaves^') comme l'une des
moins faibles productions de nos poetes de second ordre.
Parmi les noms nouveaux, il en est un que la mort
seule de celui qui le portait a fait connaitre, au moins
comme celui d'un poete. M. Edouard Arnould, profes-
seur de litterature etrangere a la Sorbonne, n'avait pas
laisse soup^onner durant sa vie qu'il düt laisser ä ses
amis un recueil de vers ä publier. Dans ce recueil,
Sonnets et poemes^), on a trouve avec plaisir l'image
sympathique et poetique quelquefois d'un esprit delicat
et d'un noble cceur; les vers de M. Arnould jettent sur
sa memoire un doux reflet qui lui survivra quelque
temps. C'est une tout autre Impression que produit le
recueil, posthume aussi, des vers d'un ecrivain connu de-
puis longtemps, Henri Mürger. L'auteur est une des
figures originales de notre epoque, et il en represente
1) 1 vol. in-18, Hetzel. -) Jahrbuch III, p. 13.
3]Annee 1858 (I, p. 397). On a imprime par erreur, ainsi que
dans la table, Anteau. *) 1 vol. in-18, Michel Levy.
S) 1 vol. in-18, Dentii. ') 1 vol. in-18, Charpentier.
Jahresberichte III. Französisclie Literatur 1861 355
bien qiielques-uns des meilleurs et des plus mauvais c6-
tes. L'absence de priucipes s'est fait vivement sentir
dans sa conduite comme dans sa carriere littertiire et a
nni a la fois ä son bonheur et au talent quUl posse-
dait. Son premier ouvrage, la Vie de Boheme^ roman
essentiellement parisien, plein d'entrain et de jeunesse,
eut un succes ä la hauteur duquel Mürger ne sut pas se
maintenir. A mesure que son goüt s'epurait et que son
style s'ameliorait, il semblait perdre la verve et Vkumem^
qui caracterisaient ses premiers ecrits, et ses ouvrages,
de meme que sa vie, allaient s'assombrissant de plus en
plus. Quand il niourut, en proie a une maladie morale
autant que physique, il preparait l'edition de ses poesies,
les Nuits d'Hiver, qui parurent peu de tenips apres. ^)
Kien de plus triste que ce livre, oü tout parle de desen-
chantement et de niort, depuis le Requiem jusqu'a la
Ballade du DesesperL Parmi tous ces accords poignants,
qui rappellent parfois les plus lamentables Lieder d'Henri
Heine, il y en a qui vont au coeur, mais la forme s'eleve
rarement a la perfection. Le meiileur morceau du volume
est certainement un petit conte en prose, les Amours d'un
Grillon et dhine Etincelle. On sent un peu de l'origine
allemande de Mürger, bien que sous une forme tres-fran-
9aise, dans cette charmante fantaisie, digne de prendre
place non loin des Confes d'Alfred de Musset.
Je ne veux pas manquer l'occasion si rare de citer un
debutant qui donne quelques esperances en oubliant la
Flute de Pan'^)^ recueil de poesies presque toutes dans
le goüt antique, par M. Andre Lefevre. Le genre choisi
par le jeune auteur a besoin d'une perfection de forme
qu'il n'a pas cncore atteinte et d'nne sobriete dans l'em-
ploi de la couleur locale dont Andre Clienier seul a pos-
sede completement le secret. II y a toutefois dans ce
volume assez de talent pour qu'on puisse encouragcr M.
Lefevre ä ne pas abandonner la poesie et a travailler a
se perfectionner. Je crois d'ailieurs qu'il ferait bien de
suivre le conseil de son maitrc Chenier, et, au lii'u de
') 1 vol. in- 18, Michel J.evy. ^ ^ ^"l- i"-!'*^, Deiitu.
24*
350 Paris
faire des vers nouveaux siir des pensers antiques, d'essayer
de faire „des vers antiques sur des pensers nouveaux".
J'en -ai fini avec la poesie, et je passe au roiunn,
qui ne ra'arretera pas bien longtemps non plus. Madanic
Sand ne s'est pas maintenue , dans son ronian de l^al-
vi'dre^), a la liauteur de Jean de la Roche et du Marquis
de Villeiner: on comnience a craindre que la renaissance
de talent qu'anuonpaient ces deux romans n'ait ete passa-
gere. M. Edmond About, pour sa pari, ne va plus
qu'a reculons. II depense son style et son esprit ä nous
conter de billevesees qui seraient amüsantes en dix pa-
ges et qu'il delaie en deux cents. J'anticipe sur Fannee
1862 povir grouper ses trois derniers romans, VHomme
ä VOreille cassee, le Nez d^un Notaire et le Gas de M.
Guerin'^'). C'est une serie d'etudes de medecins fanta-
stique oü une physiologie parfois aussi peu agreable que
Celle de M. Michelet est egayee par des plaisanteries
souvent bien froides. Les lauriers d'Edgar Poe, le ce-
lebre hallucine americain, ont tente M. About; mais son
esprit positif et railleur n'a pas la profondeur et Teton-
nante logique qui donnent une si singuliere puissance
aux Ilistoires extraordinaires. On deplore de voir si mal
employer un des talents les plus francs de ce temps-ci;
malheureusement ces romans se vendent et se lisent, et
la trop grande facilite du succes maintieudra peut-etre
M. About daus cette facheuse voie jusqu'au moment oü
il sera trop tard pour rentrer dans celle qu'il pourrait
si bien suivre.
Parmi les romanciers que vous connaissez deja, nous
retrouvons cette annee M. Francis Wey. Son nouveau
livre , Gildas ^) est con^u dans le meme esprit que Chri-
stian (voy. annee 185'.))- M. Wey veut toujours ,,exploi-
ter des idees et non des sensations". Mais en se preoc-
cupant exclusivement des idees, il en vient peut-etre a
se soucier trop peu de la realite des faits, et en soignant
trop son style il lui enleve du naturel; Gildas n'en est
1) 1 To). in- 18, Michel Levy.
2) 3 Yols. in- 18, Hachette et Michel Levy.
=*) 1 vol. in -18, Hachette.
Jahresberichte III. Fi'anzösische Literatur 1861. 357
pas moins un des livres de cette annee qui meriteiit
d'etre lus; on doit y louer Tetude curieux des caracteres
et la justesse de plusieurs observations ; il offre aussi plus
d'une page dont la forme est completement i-eussie. Le
roman de M. Assollant, Marcomir^) est une de ses meil-
leures productions; il y a deploye en liberte son esprit
de saillies, sa verve un peu aventureuse et son style net
et franc. Des restrictions peu justifiees que le pouvoir a
apportees ä la publicite de ce livre lui ont procure plus
de lecteurs qu'il n'en aurait eu sans doute et ont jilus
servi que nui a M. Assollant, comme presque toutes les
inesures de ce genre. M. Eugene Müller, Tauteur de la
Mionette (voy. annee 1858), a public cette annee Madame
Claude'^)., oü les defauts de sa maniere, qui sont la pre-
tention et la lourdeur, se fönt jour plus vivement et doi-
vent etre releves avec plus de severite qu'ä son debut.
M. Ernest Feydeau , dans son roman de Sylvie ^) , a acheve
de desabuser ceux qui comme moi avaient vii dans Fanny
(voy. annee 1858) la promesse d'un talent remarquable.
jyfmes Charles Reybaud et Louis Figuier ont maintenu
par leurs livres de cette annee, Deux ä Deux^") et les
Sa;iirs de lait^) la reputatiou de talent honnete et deli-
cat qu'elles se sont toutes deux acquise.
Uu seul nom nouveau se recommande ä mon atten-
tion, et ce n'est pas par le talent, mais bien par la haute
Position de celui qui le porte. Jessie^')^ roman de M.
Mocquard, secretaire intime de l'Empereur, ne justifie
guere la reputation d'esprit que s'est faite ce personnage
important. C'est une histoire peu interessante racontee
avec une na'ivete pas trop denoue d'art dans un style
mediocre. Je ne vovis en parle que pour vous expliquer
par la Situation de son auteur la notoriete qu'il a ob-
tenue.
Ce nV'st qu'au theätre cette annee que nous trouveroiis
un ouvragc vraiment digne de nous arreter quelque tcmj)s.
') 1 vol. in-18, Hachette -) 1 vol. in- 18, Het/.el.
•^) 1 vol. in-18, Dentii. ') 1 vol. in-18, Hachette.
•'*) 1 vol. iu-18, Haehett '■) 1 vol. in-18, Dontii.
358 l'aiis
C'est aussi lu que s'est refugie cette activite litteraire
qui s'est retiree peu h peii des autres domaines qu'elle
fecondait il y a treute ans. Elle n'y est j^as tout-a-fait
sterile, et sans noiis j^laindre outre mesure du nombre
des essais manques, nous devons etre beureux, surtout
dans Tetat actuel de notre litterature, de pouvoir nomraer
au moins un poete qui doive faire dans Tavenir quelque
bonneur ä notre epoque. Vous devinez que je parle de
M. Emile Augier, dont je vous ai deja Signale dans nies
precedentes revues les succes merites. La piece des
Efrontes'^) qu'il nous a donnee cette annee, est une
jjreuve de plus de la vigueur et de la francbise de son
talent. Accueillie d'abord avec une certaine froideur,
qu'expliquaient sans la justifier les defauts dont je devrai
vous entretenir tout-a-riieure , eile n'a pas tarde a se re-
lever dans l'estime du public et ä prendre le premier
rang parmi les productious dramatiques de cette annee.
Cependant la presse cpii s'etait montree des le lendemain
ä peu pres unanime ä blämer et meme severement cette
comedie, ne parait pas encore, d' apres de recents articles,
etre revenue de ses ressentiments. On a droit de s'en
etonner; car les journalistes qu'a fletris M. Augier sont
des modeles de bassesse, d'impudence et de venalite
assez acbeves pour que les gens merae ä demi bonnetes
aient pu sans mensonge ne pas se reconnaitre a ces por-
traits. On a reprocbe a l'auteur d'avoir vilipende la
presse dans un moment oü eile a besoin au contraire
d'etre defendue et louee; celle qu'il a attaquee n'est janiais
bonne ä encourager, et malbeureusement eile ne manque
pas plus aujourd'hui qu'en un autre temps. D'ailleurs
l'auteur a place aupres de ses deux condottieri de la
j^lume un journaliste lionnete, loyal et digne, ei ce n'est
certes pas insulter la presse que d'y reconnaitre des gens
comnie Sergine.
Le sujet de la comedie de M. Augier est celui-ci:
d'un cöte stigmatiser ces liommes, qui ayant fait fortune
par de bonteuses speculations, arrivent a force d'eflronterie
1) Repr. le 10 janvier, au 'rheatre-Frant-ais.
Jahresberichte III. Französische Literatur 1861. 359
et d'audace ä usurper meme le rang et la consideration
appai-ente que la societe devrait leur refuser; de l'autre
a faire toucher une des plaies vives de notre epoque,
la creation, grace a Tegalite des droits et a Fextension
de Feducation, d'une classe entiere de declasses, si Ton
peut ainsi dire, de gens qui, etant trop iutelligents et
trop instruits pour rester dans le peuple oü ils sont nes,
n'ayant ni assez de talent ni surtout assez de conduite
et d'energie morale pour conquerir leur place dans les
rangs eleves de la societe, restent entre deux, au Ser-
vice de qui les paie, domines par la paresse et les vices
auxquels ils demandent l'oubli, employant leur esprit a
des paradoxes dangereux et endurcissant leur coeur contre
tous les bons sentiments, meprises de tout le monde et
se meprisant eux-memes encore plus. Tel est Giboyer,
le factotum de Vernouillet, de Teffronte capitaliste qui a
achete le Journal la Coiiscience publique. Voici le triste
tableau de sa vie, tel qu'il le trace lui-meme en abrege:
„Tour a tour courtier d'assurances , commis voyageur en
librairie, secretaire d'un depute du centre dont je faisais
les discours, d'un duc ecrivassier dont je bällais les
ouvrages, preparateur au baccalaureat, redacteur en chef
de la Bamhoche^ Journal hebdomadaire, vivant d'expe-
dients, empruntant Taumöne, laissant une Illusion et un
prejuge ä chaque piece de cent sous, je suis arrive a
Tage de quarante ans, le gousset vide et le corps use
jusqu'a Fäme." ^) Ce caractere est, a mon sens, le
mieux con^u et le plus fortement execute de la piece,
dont il ne forme d'ailleurs qu'un personnage episodique.
Le plus bei eflFort de M. Augier, c'est d'avoir fait sentir
encore sous cette abjection la grandeur de TintelHgence,
ie sens au moins tlieorique du beau et meme du bon,
resiiltats de Feducation moderne; ce boheme qui ferait
des vilenies pour vingt francs a une foi vive dans Fave-
nement plus ou moins procliain du regne de Fesprit et
de la verite; ce miserable que ceux qui Fecoutent mepri-
sent avec raison les domine tout-a-coup de toute sa hau-
'") Les Kfl'tontcti. acte IIl, scene 4.
360 l'nis
teur eil leiii' tiniiüiuuiut, daus uii nioinent d'entbousiasnie,
ce qu'il entrevoit et ce qii'il devine dans lavenir. Puis,
pour completer cc portrait si cruellement exact, Fauteur
lui fait aj outer, apres cet acte de foi: „Au reste, vous
savez? tout ^'a m'est bien egal!" De pareilies scenes in-
diquent plus qu'un liomme de taleiit, elles permettent de
saluer dans Emile Augier le preinier auteur comique de
notre temps, le second peut-etre qiie nous ayons eu de-
puis Moliere.
Tout ee qui touclie aux caracteres et aux mocurs est
digne d'eloges dans Us Efrontes. Le jeune homme est
bien de son temps, trop indifferent a tout, sans autres
prineipes que riionneur, mais en portant tres-loiii le sen-
timent, spirituel d'ailleurs, brave, et en somme sympa-
tliique. La Marquise est le portrait, plutöt esquisse
qu'etudie, d\ine femme du monde fragile, coupable meine;
mais qui a garde duns les sentiments de la delicatesse,
et de Televation dans l'esprit. Son mari est un type ori-
ginal, trop original peut-etre, ä notre epoque surtout,
oü Ton iie rencontre plus guere de partisans aussi entiers
de rancien regime, oü ceux meme qui le regrettent ue
voudraient pas le voir renaitre absoliunent comme il etait
et s'efforcent d'accouimoder leurs souhaits aux exigences
de notre societe. A part cet anachronisnie, le caractere
de ce vieux gentilliomme, qui est Ibonneur incarne, et
qui se gaudit de toutes les infamies quil observe, iDarce
qu'elles vengent Fancien ordre de cboses, est finement
comjjris et spirituellement dessine. Les personnages se-
condaires sout en general bien poses. Tels sont le jour-
naliste Sergine, le banquier Cbarrier, le vicomte dTsigny,
candidat jieiyetucl ä V Academie fran^aise , etc.
Si des caracteres nous passons a la conduite de la
pieee, nous serons obliges de faire succeder ä Feloge la
critique, et parfois une critique severe. Les invraisem-
blances y sont nombreuses et quelques-unes choquantes ^);
^) II y en a une que je ne jiuis m'empeeher de relever, parce
qu'elle contient une singuliere exageration. La marquise d'Auberive,
separee de son mari, a depuis cinq ans pour amant le joiirnaliste Ser-
Jaliresborii'lite III. Französische Literatur 1S61. 361
mais on pourrait encore pardouner ce defaiit, s'il servait
ä payer iin peu dinieret et d'admiratiou. Malheur euse-
ment il n'en est pas ainsi: aucun des personnages ne
captive notre Sympathie, aucune des situations u'excite
vivement notre curiosite. On regardait autrefois une
piece comme essentiellement composee de trois parties:
l'exposition, le noeud et le denouement: a celle-ci il man-
que la principale , le noeitd. II n"y a pour ainsi dire pas
d'action; les conservations brillantes ou profondes sont
le seul element dinteret, et il ne faut pas trop setonner
si le public des premiers jours a temoigne peu d'enthou-
siasme pour cette belle satire dialoguee, qui a regagne
largement panni les lecteurs les suti'rages que lui refu-
saient d'abord les spectateurs.
Apres M. Emile Augier, l'auteur dramatique qui a
eu le plus grand succes de cette annee est ]\I. Victorien
Sardou, dont les trois pieces nouvelles, Piccolino^)^ les
Feynmes Fortes-') et Nos Intimes^) ont toutefois rencontre
uu accueil inegal. La premierc, qui n'etait qu'une fan-
taisie spirituelle et gaie, a ete bien re^ue, mais sans
pouvoir, par sa nature meme, etre l'occasion d'un
triomphe; la seconde a ete froidement accueillie; enfiu ia
troisieme a excite un tel enthousiasme qu'on u'a pas
craint dans le premier moment de rappeler a son occasion
les noms les plus glorieux de notre passe theätral. Je
vous ai deja'*) fait part de mon opinion sur la valeur
reelle de M. Sardou, et cette appreciation me dispeuse
de m'etendre aujourd"hui sur le meme sujet. Sa deruiere
gine; le monde, oü eile va, le sait, lui tieiit compte des menagements
qu'elle garde, et la re^oit toujours. Farce que Vernouillet public daus
dans son Journal un article oü, sous des noms volles, on croit recon-
naitre une allusion mordante a cette Situation, toute la haute societe
de Paris renic la marquise, et quand eile entre dans un salon, tout le
monde s'ecarte sur son passage. Les anecdotes des journaux meprises
n'ont lieureusement pas encore cette puissance, et je m'etonne que M.
Augier n'Cut pas pu se priver de ce ressort viainieut trof) uiauvais.
') Kepr. au Gyninase, le 6 juillet.
-) llepr. au Vaudeville, le 16 novembre.
•*) Kepr. au theätre de lOdeon, le 12 decenilire.
') Vov. Ia Revue de 18Ü0.
;-562 Paris
cotnedie a presente, comme succes, Tinverse de l'histoire
des Eßrontes: eile a commence par Fenthousiasrae et
a continue avec moins d'eclat, bien qu'avec beaucoup
de profit, le cours de ses representations nombreuses.
Le public a meme semble un nionient vouloir prendre
une trop forte revanche, et on a refnse tonte espece de
qualite a cette piece dont on avait i'ait nn chef-d'a*uvre.
Le jngement beauconp trop severe s'expliqne par la dis-
position d'esprit oü des eloges exageres avaient mis les
spectatenrs, qni entendaient, an lieu d'nne oenvre magi-
strale qn'on lenr avait promise, une comedie tournant
un peu an vaudeville, bien menee, spiritnellement com-
pliquee, et ofFrant des caricatnres amüsantes ä cöte de
types bien renssis. En somme, une critique impartiale
doit rendre justice au talent de Tauteur de Nos Intimes^
tont en continuant ä le maintenir parmi les auteurs de
second ordre et les ecrivains de troisieme.
L'annee derniere deja j'avais eu occasion de vous
nomnier M. Pailleron, l'anteur du Parasite: ce jeune
poete a decidement conquis la reputation cette annee par
sa comedie du Mur Mitogen '^'), qui a remporte un des
vrais succes de la saison. Des caracteres orimnaux et
rendus avec verve qui se meuvent dans une action simple
et cependant interessante, de la gaiete, de l'esprit, du
sentiment et de tres-jolis vers le justifient et fönt esperer
que M. Edouard Pailleron pourra joindre par la suite les
qualites de l'auteur dramatique ä Celles de l'ecrivain et
du poete.
C'est aussi une esperance que nous donne M. Ame-
dee Rolland, qui, un peu avant M. Pailleron, afaitjouer
au meme theätre que lui les Vacances du Docteur-')^ drame
en quatre actes et en vers. La poesie y est mieux represen-
tee peut-etre que l'art dramatique, et, malgre la passion,
l'ardeur et la vie que M. Rolland a jetees dans son oeuvre,
eile laisse bien ä desirer, surtout a la lecture, sous le
rapport des caracteres, des situations et du dialogue.
Somme toute, ce n'est peut-etre pas une bonne piece,
•) Repr. au theätre de l'Odeon , le 12 decembre.
'■') Repr. a l'Odeon, le 18 octobre.
Jahresberichte III. Französische Literatur 1861. 36o
mais ce n'est pas a coiip sür Toeuvre d'un homme sans
talent et sans style. ')
Si je n'etais oblige dans cette revue de me restreiudre
a ce qvie chaque genre oöre de meilleur, j'aurais encore
un assez grand nombre de pieces ä vous citer, mais je
crois vous avoir indique les plus dignes d'attention, et
je puls passer ä l'examen des oeuvres qui ne sont pas
purement litteraires, apres avoir toutefois rendu compte
d\ine de ces oeuvres mixtes comme M. Michelet a pro-
duit depuis quelques annees, la Mer.-^
On retrouve dans ce nouveau livre , sous une autre
forme, les brillants defauts que je vous ai signales dans
les precedents: c'est Iß meme patbos, la meme seusiblei'ie,
le meme style bizarre et heurte, les memes puerilites
didee et d'expression. Sous pretexte de decrire et d'admi-
rer les beautes de tous genres qu'ofire FOcean soit par
lui-meme, soit par ses nombreux habitants, l'auteur de
VAmour epancbe encore, mais cette fois sur la nature
entiere, au lieu de la restreindre ä la femme, cet eiivie de
tendresse que son coeur ne peut contenir. Les amours des
limaces, des huitres et des zoophytes le penetrent d'une
poetique emotion; la mort cruelle et prematuree des balei-
nes, qu'on fait souvent perir, helas! avant quelles aient
aime, lui arrache des pleurs. „Gräce pour les ampliibies!
pitie pour les poissoiis!" s'ecrie-t-il en gemissant. De pa-
reilles fantaisies provoquent malheureusement plutöt le
rire que les larmes. Je dois toutefois ajouter, comme je
Tai deja fait en parlant de VAmour^ qu'il y a de fort
bellcs pages ä cote de ces plaisanteries d'un goüt dou-
teux; les descriptions sont souvent admirablement reus-
') Outre ces pieces representees sur les differents theätres , je dois
mentionner le tres-spirit\iel volume public par M. Edouard About sous
le noni de Theätre impossible. C'est un recueil de comedies non jouees,
a l'exception de Giiilleri/, qui essuya uu terrible eöhec il y a quelques
annees, et non jouables. L'Educution d'un Fritice et GuUlenj se fönt
reraarquer par la verve , Tentrain et le style qui n'abandonnent jamais
l'auteur; mais aucune <1'' ces pieces n'offre dv qualites dramatiquos
serieuses.
■^) 1 vol. in- 18, Ha.hette.
364 l'aris
sies; je citerai entrc auties la peinture criiue tempete, qiii
est de tout point magniüque. L'emotion de Fauteur, quand
eile n'est pas placee a faux, est faciJement commnnicative,
et le style atteiiit parfois Teffet quil eherche toujours.
Piiisque les oiivrages qui ne soiit j)as du pur ressort
de Part ne doiveiit rentrer dans le cadre de cette revuc qiu',
s'ils se sont neanmoins preocciq^es du cote litteraire,
s'ils ont aspire a etre des auvres d^irt en nieme temps
que des ecrits historiques ou didactiques, il reste peu
d'ecrivains a vous citer cette annee. Je crois devoir par-
ier avec plus de detail de deux livres qui traiteut le
meme sujet, Tun, dont le dernier volume, paru en 1861,
me permct de Tapprecier dans son ensemble, l'autre qui,
deja ancien dans une premiere edition, a reparu cette
annee tellement augmente et modifie qu'on jjeut consi-
derer cette seconde forme comme une a'uvre nouvelle: ce
sont les deux liistoires de la Lttterature fran^aise de MM.
Desire Nisard et Eugene Geruzez.
Les quatre volumes de M. Nisard^), membre de
FAcademie fran^aise, embrassent toute notre litterature
depuis les origines jusqu'ä la Revolution; je devrais dire
ont la pretention d'cmbrasser, car tout ce qui touche au
moyen-äge est d\ine teile insuffisance qu'on peut le con-
siderer comme n'existant pas, et que M. Nisard aurait
certainement mieux fait de le supprimer. Vous serez sans
doute etonne, Monsieur, vous qui connaissez a fond notre
riebe passe litteraire, vous qui savez qu'entre autres
branches de la poesie, l'epopee fran^aise a efface au
moyen-äge en renommee comme en originalite Celles de
tous les autres peuples et qu'elle a feconde autour d'elle
presque toutes les litteratures europeennes, vous serez
etonne qu'a notre epoque un homme aussi celebre que
M. Nisard ecrivant Tbistoire de la litterature fran^aise
traite toute la poesie epique du moyen-äge en deux pa-
ges, dont tous les mots presque sont des erieurs, et qui
se terminent dignement par ces lignes, oü sont mentionnes
les seuls poemes connus de Tauteur: .,Le geni'e le plus
') Didut, 1854 et 1861, in -8.
Jahvesbericlite III. Französische Literatur 1861. 365
populaire etait celui des romaus. L'erudition estime le
roman de Berthe aux longs pieds^ par Adenes, et Pav-
thenopex de Blois^ dont l'auteur est inconnu. Les tours
que joue maitre Renard a son compere le Loup, daus
le roman de Renard, ont anuise nos peres. Les peiutres
en tiraient leurs sujets." ^)
Ce dedain digne des plus beaux temps du classicisme
officiel n'est pas seulement le fruit de l'ignorance oü M.
Nisard est reste sur le moyen-äge; il tient ä tout uu
Systeme qu'il nous expose lui-meme. L'esprit franpais,
suivant lui, s'etant reconnu ä certaius ouvrages, il est
inutile de connaitre les autres; la condamnation dont les
a f'rappes la conscience du pays est juste, sans qu'il soit
besoin de verifier ä nouveau le fait; toute rehabilitation
est insensee et impossible; M. Nisard s'en rapporte ä la
France; il accepte sa liste, ne rehabilitant personue et
laissant les morts dans le repos de leiir tonibe.-) C'est-ä-
dire que les ecrivains qui ne sont pas connus, au milieu
du XIX® siecle, de la masse du public, doiveut etre
rayes de Tbistoire litteraire. Ce procede est assurement
commode pour s'eviter la peine de se faire ä soi-meme
une liste ; mais M. Nisard est-il sür qu'en 1750 on lui
aurait soumis la meme, et croit-il qn'en 1950 on n'aura
pas modifie la sienne? Et a qui donc appartient-il d'e-
clairer la conscience d'une nation sur son passe, si ce
n'est ä l'histoire et a la critique?
Je n'ai pas le temps ici de refuter en detail l'ecba-
faudage de sophismes dont M. Nisard a fait un Systeme
auquel il a sü donner un certain air de grandeur; je ne
m'attacberai qu'ä la pierre angulnire de ledifice, a la de-
finition de Fart et de Tesprit fran^^ais. Pour M. Nisard
Fesprit fran^ais est le type le plus pure et le plus par-
fait de Fesprit bumain; les cbefs-d'anivre de la France sont
les monuments les plus acbeves de Fart; les grauds
bommes de la France sont les vrais corypbees de Fbu-
manite. Je ne veux pas attaquer des couvictions si pa-
triotiques; mais cberchous sur quoi M. Nisard les fonde.
') T. I, li. IOC. •-') T. 1, ],. A^).
366 P«ris
Qu'est-ce d'abord que l'artV „L'art est l'expression de
verites generales dans un langage parfait, c'est-ä-dire
parfaitement conforme au genie du pays qui le parle et
ä l'esprit buniain."^) A merveille! si bien que le geo-
metre qui dit : Deux et denx fönt quatre , atteint la per-
fection de l'art; car je defie M. Kisard de me dire en quoi
cette verite generale exprimee dans un excellent fran^ais ne
remplit pas completement sa formnle. Quant a Fesprit
fran^ais, c'est „Fesprit pratique par exoellence." -) Tou-
jours deux et deux fönt quatre: voila ä quoi doit se bor-
ner notre litterature. Enfin, quel est le caraetere de nos
grands hommes? Sont-ce de ces puissantes originalites
qvii, joignant ä une riebe imagination une sensibilite pro-
foude et une raison elevee, savent rendre visibles pour
tous, sous une forme esthetiquement belle, les types sous
lesquels le vrai se presente ä leur esprit? Nullement-
„Les hommes de genie, dans notre pays, sont ceux aux-
quels le plus de gens ressemblent."^) Retouruez la
phrase; les hommes de genie sont ceux qui ressemblent
le plus a tout le monde. Ce n'est vraiment pas la peine
d'etre un homme de genie! J'aurais cru que cette defi-
nition etait la plus exacte qui se put donner de Thomme
mediocre. Dans cette maniere de concevoir l'art et le
genie litteraire, M. Nisard n'oublie que ce qui les con-
stitue esscntiellement tous les deux: le sentiment et la
reproduction, non~seiüement du vrai, mais du beaxt^ mot
qui parait etranger a la langue de M. Nisard, et dont
rabsence se fait sentir dans toutes ses definitions. De
meme, en voulant caracteriser Fesprit franyais, il n'a rien
indiqvie de ce qu'il est dans la litterature; car ,, Fesprit
pratique par excellence", c'est Fexclusion de l'art et de
tout ce qui est inutile a la vie pratique. II y a plus et
mieux que cela dans Fesprit fran^ais, et s'il ne depassait
pas la formnle qu'en donne M. iSJisard, il meriterait peu
le culte dont il est Fobjet de la part de cet auteur et
Finfluence singuliere quil exerce depuis bien des siecles
sur le monde civilise.
') T. I, p. 5. 2) T. I, p. lö. •^) T. T, p. 15.
Jahresberichte III. Französische Literatur 1861. 367
Tels sont cependant les piüncipes auxquels M. Nisard
est reste fidele dans le coiirs de tout son ouvi-age et qui
dominent et dirigent toutes ses appreciations particulieres.
Voici comment, dans repilogue, il caracterise sacritique:
„Elle s'est fait un ideal de Tesprit humain dans les livres ;
eile s'en est fait un du genie particiilier de la France,
un autre de sa langue: eile met cbaque auteur et cliaque
livre en regard de ce triple ideal. Elle note ce qui s'en
rapproche: voila le bon: ce qui s'en eloigne: voila le
mauvais." ^) En sorte que si M. Nisard s'est trouipe
seulement d'une ligne (et nous avons vu qu'il s'etait
trompe bien davantage) dans la confectiou de ce triple
ideal, voila tous ses j-ugements frappes du ineme coup
d'iniquite. II est evident que si sou triple ideal n'est
pas exactement le bon, il se trorapera toutes les fois qu'il
dira en en rapprocbant un ouvrage : voila le bo?i, voila
Je mauvais. Au reste, cette metliode est bien pedantesque;
il semble voir un professeur de quatrieme notant les
fautes d'un tbeme en le comparant au Corrige qu'il a sous
les yeux; le malheureux ecolier attend en tremblant le
Tres-bien ou le Pensum que lui infligera le magister inexo-
rable. Ainsi passent sous la docte ferule tous nos chefs-
d'oeuvre, tous nos ecrivains, les uns couronnes et em-
brasses par AI. Nisard, les autres renvoyes avec une se-
vere reprimaude. A d'autres moments, il confond Ihi-
stoire litteraire avec un grand-livre de commerce, et
releve scrupuleusement pendant un siecle le compte des
projits et pertes.'^) Eufin, comme les quelques citations
que j'ai crues necessaires pour motiver mon opinion
vous Tont deja demontre eans doute, M. Nisard est d'un
bout a l'autre de son livre exclusif, etroit et raide.
II u'est pas du moins banal, et c'est un eloge qu"il
n'est pas facile de meriter en traitant un sujet comme
celui-lä, quand on ne veut pas le rajeunir par une eru-
dition solide et une critique large et independante. 8'il
consacre toutes les admirations re^ues, il donne toujours
') T. IV, p. 570.
'') Voyez les soirmiaircs «les chapitres 4. — 11 du tome IV.
368 l'ai-is
ä ses jugemeuts des motifs tres-personnels, souveut justes
et neufs; habile ä faire ressortir les beautes ou les de-
ümts (ju'il coustate, il nous fait souvcnt saisir avec iinessc
la vraie raison du succes inegal des divers ecrivains; 11
sait niettre en relief avec art des faces souveut pcu con-
nues du talent des niaitres qu'il venere. Ajoutons que
la rigidite meme de ses theories leur donne une graudeur
qui n'est pas toujours bornee ä Tapparence, et entin que
son style tres-etudie, trop souvent lourd et compasse , a
quelquefois une fermete, une sobriete et une vigueur des
plus remarquables.
Mais si ce livre contient d'excellentes pages, il est
utile de repeter que ce n'est pas un bon livre. Ce n'est
pas ainsi qu'il convient d'ecrire l'histoire des lettres a une
epoque comme la nötre; il faut renoncer a ces abstrac-
tions Sans fondement, ä ces partis pris d'admiration exa-
geree, a ces dedains systematiques, a cette niethode
hautaine et superficielle. Peut-etre , comme l'a dit un cri-
tique^), Touvrage de M. Nisard manquerait - il ä la litte-
rature fran9aise, s'il n'existait pas; mais a coup sür il ne
peut pretendre ä etre autre chose qu'une ocuvre incom-
plete et partiale; il ne peut aspirer ä passer pour uue
veritable Histoire de notre Litterature.
Les etroites limites que s'est imposees M. Geruzez
ne lui permettent pas non plus de pretendre a cet hon-
neur. Son livre '■^) n'est qu'un abrege, une sorte de plan
de ce que pourrait etre une vraie histoire de notre litte-
rature; lui -meme le sent et regrette de n'avoir pas ose"
entreprendre le inonument qu'il conput. II aurait sans
doute ete capable de l'executer, ä eu juger par plus d'un
chapitre de son livre , et nous devons regretter qu'il se soit
trop mefie de ses forces. Tel qu'il est, l'ouvrage de M.
Geruzez est encore le meilleur que nous possedions sur
Tensemble de notre histoire litteraire; il compreud le
meme espace de temps que celui de M. Nisard, mais il
a mieux rempli le cadre qu'il s'etait trace : le moyen-äge
') M. J. J. Weiss, dans le Journal des Debats (septembre 1862).
2) 2 Yols. in- 8, Di(iier.
Jahresberiolite III. Französische Literatur 1861. 369
a trouve en lui uu juge impartial, aiiquel il a peut-etre
manque, pour prouoncer la sentence definitive, une con-
naissance un peu plus approfondie de la cause. Cest le
seul reproche que je doive adresser ä M. Geruzez: dans
tout le reste , il a parfaitement atteint le but qu'il se pro-
posait: resumer, sous une forme ä la fois concise et in-
teressante , les notious que nous possedons et les appre-
ciations les plus certaines sur le developpement de la
litterature fran^aise et ses principales productions. Sans
jamais recourir, pour rendre attrayants des sujets en
apparence uses, a des paradoxes qui auraieut ete dans
ce livre moins a leur place que partout ailleurs, il a su
conserver Foriginalite .de son goüt et de ses jugements
en restant fidele aux traditions confirmees par le temps
et Tapprobation publique. Sans se bätir comme M. Ni-
sard Uli Systeme oü l'amour exagere du vrai aboutit aux
resultats les plus faux, il se laisse guider par cette con-
science litteraire qui, dans un homme comme lui, est
toujours d'accord avec le goüt, comme la conscience de
l'honnete homme est d'accord avec la morale. II nous a
raconte avec esprit, dans un style fin, net et plein de
gräces discretes, l'histoire de nos ecrivains celebres et de
leurs meilleurs ouvrages, en les appreciant avec une in-
dulgente justice d'apres les regles simples que fournis-
sait a son intelligence et a son äme le sentiment exquis
du beau et du bon. Son ouvrage ne nous empeclie pas
d'attendre encore FHistoire de la Litterature Franpaise,
mais il nous fait patienter.
Je ne puis donner qu'une mention ä trois ou quatre ecri-
vains que je me reprocherais d'oubliev, et qui meriteraient
davantage: tels sont M. Victor de Laprade, dout les
Questions cVart et de moi^ale i) honorent le talent eleve et
le noble caractere; Jules Simon, qui par son beau livre
de rOuvrüre-)^ oü il signale la plus cruelle plaie de
notre temps et en cherche courageusement le remede, a
merite mieux que des eloges litteraires ; J. Mace, qui a
obtenu un grand succes bien au dela du public auquel
1) 1 vol. in- 8, Didier. «) 1 vol. in- 18, Ilachette.
Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. IV. 4. oe
370 l'^'i'^
il s'adressait avec un livrc d'enfants, VlJistoire dune bou-
chee de pain ') ; Moitinier-Ternaux cnfiu , qui a commence
avec autaiit de talent quo de conscience im ouvrage bien
utile et qui, refait cent fois, restait encore ä faire, Vlli-
stoire de la Terreur. '^')
Je crois devoir imiter M. Vapereau, Tauteur d'un ex-
celleiit voluinc periodique, VAnnee Litter aire^ en rappe-
lant a la fin de cette revue les pertes les plus cruelles
que cette annee nous a causees. La mort des ecrivains
celebres, en ramenant Fattention de leur cöte, donue bien
souvent aussi le signal d'un jugement inipartial sur leur
personne et leurs a-uvres, jugement fausse de leur vivant
parfois par Tenvie et bien plus frequemment par Fexces-
sive indulgence de la critique. Je vous ai deja nomme
M. Arnould et Henry Mürger; je u'ai plus a vous par-
ier que de deux morts, tous deux illustres a differents
titres, Eugene Scribe et le Pere Lacordaire.
La critique n'a pas attendu le dernier jour de Scribe
pour s'accorder ä peu pres sur son compte et confirmer
le jugement porte il y a longtemps dejä par le severe
Gustave Planche. Scribe ne fut ni un auteur comique ni
un ecrivain de premier ordre: il n'eut aucune des qualites
de fond ou de forme qui fönt vivre un uom dans la poste-
rite. Sans profondeur d'observation, sans conception
j)uissante des caracteres, surtout sans style, il n'a jamais
fait une oeuvre vraiment litteraire. En revanche, il a
merveilleusement saisi le moyen d'amuser les liommes de
son epoque; et cette intelligence du goüt present, servie
par beaucoup d'esprit et une grande fertilite jointe ä une
prodigieuse entente des effets et des combinations sce-
niques, ont suffi pour lui assurer pendant trente ans une
reputation europecnne et le sceptre de la litterature facile
et lucrative. Chaque generation ä son tour produit un
liomme comme Scribe , qu'oublie bien vite la generation
suivante; mais il en est peu qui seront arrives a ce
comble de renommee et de bonheur; il en est peu aussi,
il faut le dirc , qui auront eu autant de talent et d'habilite.
') 1 vol. inlS, Hely.el. 2) ijj.g ^ Midiel Levy.
Jaliresbericlite III. Französische Literatur 1861. 371
Le P. Lacordaire est une perte autrement sensible;
c'etait iin des liommes superieiirs de notre epoque, im
de ces nobles caracteres comme un pays a besoin d'en
posseder toujours. Son eloquence brülante n'etait que
l'expression natmelle de ses pensees genereuses et en-
thousiastes, de ses sentiments ardents, de son amoiir
exclusif ponr la beante morale, la verite et la liberte.
Ses Leftres^) le fönt cncorc phis admirer et clierir:
toute son äme respire dans ces admirables pages exemp-
tes des defauts justement reproches a sa maniere ora-
toire. 11 est impossible de voir un esprit plus eleve,
un coeur plus cliaud et plus ouvert a toutes ies aspi-
rations sublimes, qvi'il confondait avec sa foi vive dans
le catholicisme comme il le comprenait. Malgre Ies
tristes defaites essuyees depuis dix ans par tout ce qu'il
aimait, malgre Ies desillusions sans nombre qu'il avait
subies, malgre Ies dementis que semblaient recevoir ses
plus oberes convictions, il n'a jamais renonce a ses es-
perances; il n'a jamais laisse le decouragement s'emparer
de lui, et, quelques difierences qui puissent le separer
de nous, il nous est-reste, au milieu des lüttes que nous
devons livrer sans cesse pour nos divinites communes,
un exemple et une consolation.
1) M. de Montalembert en a doiiiie des fraguieiits dans son ou-
vrage sur le P. Lacordaire (Paris, Daniiol , 1862); on en annonce une
cdition.
Paris, octobre 1802.
Gaston Paris.
25-
372 (iriizuiaclier
Die waldensisclie Bibel.
Die Thatsache der ersten Uebertragung des lateinischen
Neuen Testaments (nebst Theilen des Alten) in romanische
Vulgärsprache knüpft sich an den Namen des Petrus Waldus.
Zeitgenossen bezeugen, dafs in seinem Beisein die Waldenser
auf dem Lateranensischen Concil von 1179 dem Papste
Alexander III. ein Exemplar dieser Uebersetzung überreicht
haben, und der Umstand, dafs J199 Innocenz III. bei dem
Bischof von Metz nähere Erkundigungen über die Beschaffen-
heit dieser Uebersetzung einzog, so wie dafs das Concil von
Toulouse 1229 den Gebrauch derselben untersagte, beweist,
dafs diese Uebersetzung nicht nur vorhanden, sondern auch
verbreitet und in Gebrauch gewesen ist. Ja Stephan von
Bourbon erzählt sogar, er habe die Personen gekannt mit deren
Hülfe Waldus die Uebersetzung angefertigt, und gibt die
näheren Umstände die dabei obgewaltet haben mit solcher
Genauigkeit an , dafs an der Richtigkeit der Thatsache nicht
gezweifelt werden kann.
Stephen Gilly in Norham ist es der diesem Gegenstande
zuerst eine gründliche Untersuchung gewidmet hat. Derselbe
berichtet in der Einleitung seines sogleich zu erwähnenden
Buches weiter, dafs von dieser waldensischen Bibel noch sechs
Handschriften vorhanden sind, von denen sich je eine in
Dublin, Zürich, Grenoble, Lyon und zwei in Paris befinden,
und theilt von jeder Handschrift das erste Capitel des Johan-
nes vollständig mit. Aus diesen Texten ergibt sich jedoch,
dafs nur die drei erstgenannten Handschriften, welche unter
sich im Wesentlichen übereinstimmen, in sprachlichem Sinne
waldensische genannt werden können; denn nur diese zeigen
diejenige Sprachform, welche uns in den bisher bekannt ge-
wesenen Documenten der waldensischen Sprache, den poetischen
Stücken , die schon Raynouard mittheilt, und den religiösen
Tractaten, die neuerdings Hahn (Geschichte der Ketzer im
Mittelalter, Bd. 2) und Herzog (Die romanischen Waldenser)
aus den Geschichtsschreibern der Secte besonders Loger aus-
gezogen haben, entgegentritt, während die Lyoner imd die
eine Pariser Version eine entschieden provenzalische, die
Die waldensisehe Bibel. 373
andere aber eine nordfranzösische Färbung trägt. Auch Gilly
ist wol dieser Ansicht gewesen; denn nach der Dubliner
Handschrift hat er, mit Gegenüberstellung des französischen
Textes, London 1848 das Evangelium Johannis vollständig
herausgegeben unter dem Titel: The Romaunt Version of the
Gospel according to St. John etc., gewifs ein um so schätzens-
wertherer Beitrag für die Kenntnifs der älteren romanischen
Literatur , wenn wir darin jene älteste romanische Version der
Vulgata besitzen, deren die ältesten Vorläufer unserer Refor-
mation sich bedient haben.
Vor einigen Jahren hat nun der oben genannte Herzog
von derselben Dubliner Handschrift, aus welcher Gilly das
Evangelium Johannis herausgegeben, eine vollständige Ab-
schrift des Neuen Testaments genommen und auf der Kgl.
Bibliothek in Berlin niedergelegt, wo ich dieselbe einer ge-
naueren Betrachtung unterzogen habe. Da das Buch von
Gilly nicht Jedem zur Hand sein dürfte, so sei mir erlaubt
durch Mittheilung der Fabel vom verlorenen Sohne (Lucas
XV, 11 — .32) die Zahl der norditalischen Versionen dieses
Capitels, Avelche Biondelli in seinem Saggio sui dialetti gallo-
italici zusammenstellt, um eine allerdings ältere zu vermehren.
Un home havia duy filh ; e lo plus jove dis al payre:
0 payre , dona a mi la partia de la substancia que se coven
a mi. E departic a lor la substancia. E enapres non moti
dia lo plus jove filh, ajosta totas cosas, anne en pelegrinage
en lognana region, e degaste aqui la soa substancia vivent
luxuriosament. E pois qu'el hac cunsumä totas cosas, grant
fam fo faita en aquella region, e el comence [a] haver besogna.
E anne e s'ajoste a un citadin d'aquella region, e trames luy
en la soa villa, qu'el pagues li porc. E cubitava cunplir lo
seo ventre de las silicas que manian li porc, e alcun non do-
nava a luy. Mas retornä en si dis : Quanti mercenar habun-
dian de pans en la meison del meo payre, mas yo periso
aici de fam. Yo me levarey e annarey al meo payre e direv
a luy: o payre, yo pecchey al cel e devant tu, e ja non soy
degne esser appella lo teo filh, fay a mi enaynia a un de li
teo mercenar. E levant venc al seo paire; mas cum el fos
encara de long, lo seo payre vec luy, e fo mogü de miseri-
cordia, e corrent cagic sobre lo coi de luy e bayse luy. E
lo filh dis a hiy: O payre, yo pecchey al eel e devant tu;
ja non soy degne esser appella lo teo filh. Mas lo paire dis
374 Grüzmacher
a li seo serf: Viaczanienl porlii la j)rumit'ra vestimeiita e viste
luy, e dona aiiel en la man de luy e cauczamentas en li pe;
e aiiieiia vcdel gras e lo aucie e maiigen e alegren; car
aqiicst nieo lilh era uiort e es rcviscolä, cl era perdü e es
Irobä. E c'onienczeron a nianiar. Mas lo filh de luy plus
velh era al camp; e cum el vengues e s'apropies a la meison,
auvic la calamella e la cumpagnia, e appelle un de li serf c
demande quäl fossan aquestas cosas. E el dis a luy : Lo teo
frayre venc, e lo teo payre aucis vedel gras, e el receop
luy salf. Mas el fo endegnii e non volha ^) intrar; mas lo
payre de luy issi comencze a pregar luy. E el respondent dis
al seo paire: Vete , yo servo a tu per tanti an, e unca non
trappassey lo teo comandament; e non donies unca a ml cabri
que yo manies cum li meo amic. Mas poys que aquest teo
lilh, loqual devore la soa substancia cum las meretricz, es
vengü, tu aucisies a luy vedel gras. Mas el dis a luy: O
filh , tu sies tota via cum mi , e totas las mias cosas son toas.
Mas la coventa maniar e alegrar; car aquest teo frayre era
mort e reviscole, era perdü e es atrobä.
So ähnlich diese Sprachform auf den ersten Blick derje-
nigen zu sein scheint, in welcher die oben bezeichneten wal-
densischen Schriften abgefafst sind, so bietet und belohnt doch
ihre nähere Untersuchung mehr als Ein Interesse. Zunächst
läfst sich die Darstellung der waldensischen Sprache, welche
ich zuerst in Herrig's Archiv, Bd. XVI, S. 369 — 407 aus den
genannten Quellen gegeben habe, erst aus dieser ursprüng-
lichsten, reichsten und durchsichtigsten zu einem vollständigen
grammatischen Bilde abrunden. Andrerseits aber bietet sich
die Aussicht, dafs vielleicht die Erforschung der verhältnifs-
mäfsig ältesten Form der Sprache selbst einiges Licht über
die bis jetzt weder von theologischem noch von historischem
Standpunkte genügend gelöste Frage nach Alter und Ursprung
der Bibel , der Sprache und ihrer ganzen Literatur verbreiten
werde. Zu diesem Zwecke dürfen wir die etwas trockenen
Untersuchungen nicht scheuen, die ich im Folgenden möglichst
kurz zusammenfassen Averde, indem ich zuerst die Lautver-
hältnisse in Betracht ziehe.
Im Auslaute hat sich als besonders charakteristisch gezeigt
1) so V. a. Lolia 1 dessen Accent sich verschoben hat, eine Schrei-
img, die in den ältesten portugiesischen Texten häufig begegnet.
Die waldensische Bibel. 375
die Abwerfung des t, wie in trinita , eretä , amistä. Weitere
Beispiele dafür sind: scu (scutum), par'e (paries), ni (nidus),
cahfi (wie frz.), principä (principatus) , vescoä (episcopatns).
Wo vor dem t ein a steht, ist natürlich wie im Particip
(donä) das F'emininum vom Masculin nicht zu unterscheiden;
ich halte daher für Feminina mit dem Ton auf der letzten
Silbe: contra Job. IV, 44 (pr. contrada), gautä XVIII, 24
(pr. gautada Backenstreich, von gauta), colä Mc. XIV, 5
(pr. colada Schlag), embaysä Luc. XIV, 32 (pr. ambaissada).
Doch bleibt das t erstens in unbetonter Silbe: sperit, debit,
Iiabit; und zweitens, wie in der Dauphinee (Diez Gr. I, S. 111),
überall statt des prov. </ oder cJi : dit, fait. trait, agait, streit,
teit, |?e«V, dreit, voit, eissuit (Prol. ad Rom., nicht eissiut, wie
in der Abschrift steht, pr. eissiig, it. asciutto). Tz wird ebenfalls
abgeworfen in der 2. Flur, aller Verba, so wie in der 3. Sg. und
dem Imperativ vieler starken Verba, die aber zum Ersatz dem
Vocal häufig ein i anhängen: di, pö, scr) , fay , jay ^ l^lay,
chay, ley, j^oy , so wie in asey (satis). Sonst steht für tz cz :
bracz (hrachium) , ^acc (latus) , precz, vicz, recz, pocz; dasselbe
auch für lat. c: lucz, voucz, crocz , vicz, ^jac^;, faucz (falx),
meretricz, incheiricz u. s. w. , nie aber für s: ras, jires, pertus,
OS, auch 7nas (nicht ?ho). Zu domesti Matth. X, 25 stellen
sich noch porti (porticus) Joh. V, 1 Stoma 1. Tim. V, 23,
und vesco (episcopus). Die Beibehaltung des n ist durch-
gängige Regel: san, can, man, pa7i, don, lin, jin, fen (foenum),
sen (sinus), plen u. s. w. ; auch entsteht es aus dem Flexions-Wi
(nos deren)', nur in unbetonter Silbe (wo t beibehalten wird)
fällt es regelmäfsig ab: or/e (orphanus), jove (juvenis), terme
(terminus), orde (ordo), ase (asinus), hoine (homo), diaque
(diaconus), Steve (Stephanus). Auch nt bleibt durchgängig:
rjent, cent , point, rent (reddit u. redde), ve7it u. s. w., und so
andere Doppelconsonanten, deren erster Liquida oder s ist;
andernfalls wird der zweite abgeworfen, wie in temp, corp,
fruc, sot (pr. sotz), us (ostium). Für nh steht in der Mitte
des Wortes gn, am Ende aber ng: sträng, long, ong . gang,
leng, stang, peng , was unmöglich wie gn oder nh ausgospio-
chen worden sein kann. Man könnte an den Nascnihuit
denken, den auch die nrdfrz. Dialekte anfangs mit ?/// l)ezcicli-
neten, besonders wenn man sich der Wechselwirkung erinnert,
die zwi.'icheu inlautendem gn und auslautendem Nasal statt-
iindet (Diez (rr. I, S. 439); aber allerdings ist der Laut vc
376 Grüzmacher
glaublicher, zumal da auch statt long lonc und statt sanc sang
gefunden wird.
Ebenso wie der Auslaut zeigt auch der Inlaut eine grö-
fsere "Weichheit der Consonanz, zunächst in häufiger Elision
oder Assimilation des einen Consonanten. So heifst es citä
(oder ctj^iä, civitas) , malatia (pr. malaptia oder malautia),
ratilias (reptilia), 5e?a(secta), dramc (drachma), noczas (nup-
tiae), .spala (pr, espatla), forment (pr. fortmen), son (somnus),
penre, j^ropio , mot , fenna, veva u. dgl. Daher bleiben auch
die Formen crepia, sapia, apropiar , repropiar und repropi,
prov. crepcha u. s. w. Daher ist ferner in den Verben die
prov. auf -jar , frz. -ger, it. -giare ausgehen, die regelmäfsige
Form noch -iar: vendiar, maniar, straniar, meczotiiar, fameiar,
seteiar u. s. w., ebenso iorn, meie (medicus), viaie , peaie, co-
raie und Aehnliche; — dafs wirklich i gesprochen worden ist,
beweist der Plural von iolh, H olh Mtth. XIII, 25, 26, 36
statt li iolh', — doch befindet sich das i hier schon auf dem
Uebergange zum Palatallaute, da namentlich in dem späteren
Theile des Neuen Testaments, und zwar besonders vor e,
häufig die Schreibung meje, viage, corage , testimonige u. s. w.
begegnet. Die Entwicklung zeigt aber, dafs dieser Palatal-
laut nicht aus di sondern aus blofsem i enstanden und also
nicht wie das ital. gi sondern wie das frz. j zu sprechen ist,
worin sich eine bedeutende Abweichung vom Provenzalischen
und Annäherung an das Nordfranzösische kund gibt. — Der
zweite häufige Fall von Consonanzvereinfachung ist die Auf-
lösung des ersten Consonanten in einen Yocal , und zwar des
c. t, s in 2, des l in u. So löst sich c vor t auf in fait, leit,
teit , noit , jeitar u. dgl., plaint, point, teint , steint, ceint, fraint
(nicht cenit und franit, wie geschrieben steht), u. A.; t vor r
in payre, preyre , reyre . oyre (uter Mtth. IX, 17), eayre
(quadrum Ap. XXI, 16) und in der Endung -eiricz (-atrix);
s vor s in laisar . naiser, deisendre, eisautar (exaltare), eydu-
livi (pr. esdiluvi), und andere Compositen mit ex und dis
(diese Silben scheinen durch ei- und dei- in die Formen e- und
de- übergegangen, welche in den späteren Tractaten die ge-
wöhnlichen sind, im Neuen Testamente aber erst zweimal
vorkommen, efforczar Luc. XIII, 24 und depolhar 2. Cor.
IV, 16); aufserdem vor m in meseyme , proyme, enayma (wohl
einer Superlativbildung aus en aysi, was Mtth. XX, 26 und
Joh. XXI, 1 vorkommt), judayme (Judaismus Gal. I, 13),
Die waldeiisische Bibel. 377
ayn^a (ätvfia Marc. XIV, 1), u. A., denen das ohne Zweifel
aus almoina (Diez Gr. I , S. 223) entstandene almona (pr. al-
mosna) anzureihen ist. Endlich steht statt It ut in tout^ vout
(vultus, volutus), voutar, sautar , ontra (ultra), mout, aut, caut
(calidus), saudar (it. saldare), gastaut (gastaldus i. e. villicus,
s. Du Gange) nebst gastaudeiar und gastaudaria u. A. Alle
diese Erweichungen finden sich auch im Proven^alischen, aber
keine so durchgängig, da für et auch ch steht und s und l
häufig bewahrt werden. — Der dritte Fall ist die Unbestän-
digkeit der Muten zwischen Vocalen. Und zwar ist hier das
Herabsteigen der Tenuis zur Media weniger häufig (man fin-
det soffogar, offogar^ iiersegucion, fornigacion, dominigal, se-
gret und se dementigar) als der Wegfall besonders der Media,
der zahlreiche neue Beispiele bietet. So gueina (vagina), siyia
(pr. espiga), fia (pr. figa), dion, dia u. s. w. , joo (jugum),
dee (digitus), maisträ (magistratus), fua7i (fugiant Mc. XIII, 14),
poreia (porrigebat Luc. XXIV, 30), wiial (unicalis i. e. uni-
cus Luc. VII, 12, IX, 38), wozu die Verben auf -iar kom-
men, von denen oben die Rede war; in einigen Fällen ist
das c in i erweicht, wie vor einem Consonanten, nämlich in
loiar (pr. logar, locare), co iar (collocare, durch die Zwischen-
formen colgar, coogar, cogar) und 7ioiü (nicht noui A. A.
XXV, 10 und Phil. 28, aus nogü von noyre). Ferner: monea
(moneta), roa (rota), fea Q)r. feda), 2'>'''^(i' (praeda), sea (seta),
glay ^ goy, mey (medium), reicz (radix), beneide und maleicic
(benedixit, maledixit) j^^'^^''^^^ (?!'• pezonier, pedes) , gravia,
candia, poestä, guiar, fiar , reguiardonar, lampea (lampas),
aurar (ador.), eyrar (adir.), creyre, seyre u. A. nebst allen
Part. Pass. Fem., wie donä, teisua, cumplia, und den Sub-
stantiven derselben Endung, wie contra (s. ot)en), rendua oder
rendoa (it. rendita), culhia (collectio), partia; Erweichung des
d (t) in s findet sich in seser , creser, caner , lausor , mesitar,
possesir , exaucir (Luc. I, 13, frz. exaucer 1. Conj.), tarcza
und tarczar ^ ferner meseyme (pr. meteisme) und frecza (it.
fretta). Endlich mit Labialen: taulier (tabularium? Mtth.
IX, 9), faula (fabula), scri(v)o, u(v)a.. Zur Tilgung des durch
die Elision entstandenen Hiatus findet sich nach o und u ein v
eingeschoben in avouteri (adulterium) und avoutrar , auvir,
laicvar, sotjoval (subjugalis Mtth. XXI, 3), clauve (dauditis
XXIII, 13). Ebenso steht nach e und i ein / (welches all-
mählich den Palatallaut angenommen hat. s. oben) in den
378 Griizmacher
Verbalbildungen auf -eiar und -iiar, fameiar , seteiar, fahreiar^
scandaleiar ^ bapteiar , segnoriiar u. s. w., von denen unten noch
die Rede sein wird. Analog ist cagir (cadere) nebst. Fut. ca-
gire, Imper. cage, Prs. cnjon, Cj. caju, Perf. cagic , Part.
cagent und cagi^ das ich schon früher in diesem Sinne erklärt
habe. Andere Consonanzverhältnisse beruhen freilich auf
blofser Verdrehung und Verunstaltung, die aber in einem
Volksdialekte nichts Auffallendes hat und auch eine gcM'isse
Analogie nicht verkennen läfst. So liest man hie und da:
babron (baro) , empocrit (hypocrit) , esgalecza (pr. engaleza),
resitciptar oder rexueitar , ciptä, scripvia, primpci (st. princi),
sompn, domptiar, troment, entrepetrar, trempancza (temperantia),
iidolar (ululare), ancolla (ancora) ') , nomble (umbilicus) , cun-
vili (convivium), lectras (litterae), roctas (ruptae) , vestre (ves-
per), eumpliclian st. cump)lissan , cadieron st. casseron u. dgl.
Am wichtigsten ist hier die häufige Vertauschung des ca mit
cha in pechä, secchar , superchh, spanchar , chamba. (frz. jambe),
chelgues (caluisset), blancha , cheitio , chascun, chaupessan
(capuissent i. e. cepissent), charc, cheyson, cäoZ (caulis), esser
cheuta (cecidisse Ap. IX, 1, wohl eher durch capitata als
durch caduta zu erklären, also cheuta)^ weil sich hierin eine
abermalige starke Hinneigung zu den nordfranzösischen For-
men verräth.
Was die inlautenden Vocalc betriift, so ist bereits klar
geworden, dafs unter diesen die Diphthonge einen gi-öfsern
Raum einnehmen als im Provenzalischen, aber weniger die
welche aus einzelnen Vocalen entstanden den Ton auf den
zweiten Buchstaben nehmen (von denen- ich als neue Beispiele
aufser huehre und cuehre fuoc, luoc und muor [moritur], ieys
[exit], viest. rieston, fier, fiera [ferire], maniera und cadiera
[cathedra] gefunden habe), als diejenigen, deren zweiter Vo-
cal durch Auflösung eines Consonanten oder durch Anticipa-
tion entstanden ist, wie sich bereits mehrfach bei ei und o?/
gezeigt hat. Das ei entsteht nun auch häufig durch Schwächung
des a in ^ , welche , schon im Neuen Testamente, sowohl vor
der Tonsilbe als in den Endungen sehr weit um sich gegrif-
fen hat: eital^ eilay , eiczo, eici u. dgl., meison, peiron^ jeitar.
eirar, teiser u. s. w^ , ja sogar fey^ facit und rey vadit Joli.
1) So ist vielleicht auch enpelmua vesenda mutuam vicem 1. Tim.
V, 4 mit impermutatam zu erklären und also enpelmua zu betonen.
Die waldensische Bibel. ' 379
XIV, 10 uud Mtth. XVIII, 12; ebenso durch Anticipation
eines ursprünglichen i (nicht eines erweichten -wie bei oins
u. dgl.): vieisson, queison, preisen w. s. w., wie soyme (som-
nium) und Utit (toti). Häufig aber tritt es auch besonders im
Anlaut aus blofsem e hervor: eilevar, eihit , eimagena (imago),
eitä, eigal u. dgl., wie oysel pr. auzel; wenn nicht, wie be-
sonders vor r geschieht, das e zu a gesteigert worden, z. B.
in marcä (mercatus), aram (aeramen) , ensarrar (pr. encerrar),
darier, arror, marci , spavantar u. A., ebenso in den Futuren
der 2. Conj. (temarey) und den Substantivbildungen auf -clor
und -ment [acreysador , premament). In dieser Bevorzugung
des ei, welche sich auch im Delphinatischen findet, ist wie-
derum ein Zug zum Nordfranzösischen, besonders dem Bur-
gundischen, nicht zu verkennen. — Weniger üblich sind die
Diphthonge auf w, da von den provenzalischen hier nur au
und ou vorkommen, statt eu und in aber eo und io eintreten,
welche sehr häufig begegnen: meo, teo, seo , greo, hreo. leo-
gier, heore, neo , receop. rio, viore , Bio, liorar, tardio , chei-
tio u. s. w., auch trao, nao, noo, buo , vaoc^ wie wohl für
trav, nav u. s. w., wie meistens geschrieben steht, überall zu
lesen sein dürfte. Umgekehrt wird o vor der Tonsilbe meist
in u vergröbert: cumpenre, cunfessar, cumpagiiia, cumplir.
cunselh , ctim (quoniodo i. e. com), furbir, fimdar u. s. w., und
das u beibehalten in umbra, unda, numbrar ; ja sogar e und /
verdumpfen sich dergestalt in ubriart (ebriosus) , prumler (al.
primier') ^ umpUr (implere), urern (hibernum i. e. hiems). So
tritt denn auch oii zum öftern für au und o ein; man
findet voiicz (vox), pouczar (aber ^)oc~ puteus), oudor, ourient,
ourar , oucios , lousor, oucire neben occii-e und aucire in allen
Formen u. dgl., so dafs das ou unter den dumpfen Diph-
thongen ungefähr dieselbe Stelle einnimmt, wie ei unter den
hellen. Ucbrigens sind die Vocale besonders in unbetonter
Silbe fast noch schwankender als die Consonanten; nicht ohne
Analogie sind cinu (coena), aci (acetum, nicht acidum, wie
Raynouard will), marci (wie nordfrz.), ganz willkürlich aber
soayvecza, soyvecza und soevecza (suavitas), -stabussir (stupes-
cere, pr. estobezir), eydulivi (esdiluvi), muniment (monumen-
tum), ubriota (ebrietas), riotor (volutare) und viele andere.
Dies geht so Aveit, dafs verwandte Wortstänunc sich ver-
mischen; so circumdare mit circuire in circnmliant circuiens
AA. XIII, 11, sV-mbrivar (von brio. Kraft) mit irruere in
380 Grüzmacher
embruieron irruerunt u. dgl. Mtth. VII, 25; VIII, 32; Luc. I,
12; VI, 48; Mc. V, 13; recointar (non cognitus), mit recon-
tar (von computare), dessen Bedeutung 'es angenommen hat
(sogar die ursprüngliche: non sia recoytä a lor ne iis impu-
tetur 2. Tim. IV, 16); frz. repos und repas in repaus, das
gewöhnlich für das erstere, Mc. XIV, 14, und Lucas XI, 43
aber für das letztere steht; ebenso somnus und somnium
Rom. XIII, 11, sit und sedeat 2. Thess. I, 4, exaltare und
exsultare Luc. I, 41.
Endlich im Anlaut findet sich Nichts weiter zu bemerken
als das s impurum, welches nicht nur geduldet {ßioirar , scarnir,
Stella u. dgl.), sondern durch Apokope erzeugt wird: scampar,
scusa, sclarcir , stendre, stier, sterior, stremetä, sträng (extra-
neus), steint, sponre, spirar (exspir. Mc. XV, 37), speitar,
sfaczar, squivar, slegir, sootar (auscultare), scuro , stimar,
stenir (abstinere); ja es erscheint sogar ganz überflüssiger
Weise zugesetzt in scomoc (coramovit), scunjurar Mc. V, 7,
sperjurar Mtth. V, 33. Nur statt des Vocals des Artikels
steht e: Vestreita porta, Vestang , l'estella, Vescii u. s. f., was
mit den oben erwähnten Formen eita u. s. w. übereinstimmt.
Ein unetymologisches h wie in ha (ad), hi (ibi, oder hie?),
horde (ordo), hoins (unxit) ist wenig auffallend.
So viel über die Lautverhältnisse im Allgemeinen. Was
die Flexion zunächst des Nomens betrifft, so ist auch hier in
meiner früheren Darstellung Mehreres zu berichtigen. Die-
selbe hat sich nämlich in Vergleich zum Provenzalischen
aufserordentlich vereinfacht: nicht nur dafs die Unterscheidung
der Casus fast ganz aufgegeben worden (nur die Nom. nomz,
und lai7-e statt lairon finden sich, andere Spuren in den Ge-
dichten), sondern es ist auch in Folge dessen eine fast voll-
ständige Verschmelzung der 2. und 3. Declination eingetreten.
Die Feminina der 3. aber haben sich meistens durch An-
nahme von a zur 1. geschlagen: fiora (febris), vergena, ser-
venta , imagena, lampea, calomella u. s. w., zu denen noch
durch Motion fantina, sogra (socrus), u. dgl. treten, so dafs man
mit ziemlicher Genauigkeit eine weibliche und eine männliche De-
clination unterscheiden kann. Der Plural des Feminins nimmt
s an, der des Masculins nicht, wie beim Artikel (lo, la —
li, las; del, al); nur bei fehlendem Artikel bedarf auch das
Masculinum des Zahlabzeichens. Also sagt man : un de li
desciple , li Judio . li rostre olh , auch eine pav , nquilh
Die waldensische Bibel. 381
home u. s. \v. , aber receopron rams de palmas , paures aur'e
tota via cum vos u. dgl. ; dagegen immer cent lioras, motas
vertucz, motas gencz , las mans e li pe (Job. XI, 44). —
Ganz äbnlich verbält sieb" das Adjectiv und Particip. Auch
hier nimmt das Femininum fast immer die Endung a an, gleich-
viel ob der männlichen Endung ein -us zu Grunde liegt oder
nicht: salf salva, viecz mecza, veray veraya, degne degna —
trist trista, piaure, paura und so sterila, fidela, nobla, amabla,
fortament u. dgl. ^j, mit fast alleiniger Ausnahme der Compara-
tive auf or; melhor , pejor , maior, plusor, sterior (die Adverbia
sind melh Job. IV, 52, peys Mc. V, 26, mencz Luc. VII, 47,
aber maiormeni, mehr), der Positive auf -ivol, von denen
später , und der vom Lateinischen auf -ns stammenden, ob-
wohl sich die Adverbien" semilhantament , scientament , patien-
tament finden. Das männliche Particip und Adjectiv unter-
scheidet nun ebenfalls die Numeri nicht, das weibliche aber
bezeichnet, wie das Substantiv, den Plural durch ein s: de-
ciple ajostä, aber portas clausas, plusors ensegnas u. dgl.;
daher acertas {sc. raczones? , oder acerta, später acer, gewifs),
en blancas (sc. vestimentas^ und Aehnliches. Ausnahmen er-
klären sich meist aus besonderen Gründen.
Das Personalpronomen lautet in der absoluten Form:
Siug. Plur.
Subj. Obj. Subj. Obj.
1. yo >ni nos 7tos
2. tu tu vos POS
M. el lutj ilh lor
F. ilh ley elas lor
Die Präpositionen verbinden sich natürlich mit der Form des
Objects: de mi, a mi, cum tu u. s. w. Die conjunctiven For-
men lauten: 1. Sg. we? PI. «oä? 2. Sg. te7 PI. vos; 3. Sg.
Dat. li (luy), Acc. lo, la, PI. Dat. lor, Acc. li, las. Dazu
kommt en, ne, das an einigen Stellen begegnet (quäl marci
v!aure Mtth. V, 46, que yo en gagneso plusors 1. Cor. IX, 20,
ilh en son degne Ap. III, 4). Die absolute Form des Re-
flexivs ist ,s«, die conjunctive se. — Die possessiven Pronomina
sind meo viia, teo toa, seo soa, nostre nostra , vostre vostra,
lor, mit vorangehendem Artikel; die verkürzte Form findet
sich noch nicht. — Als Demonstrativa sind fast nur Zusammen-
') Wie im Churwälschen.
332 (Jriizmac-her
Setzungen üblich: aquest (aqui.st) -a, PI. aquisti -as; aquel -a,
PI. aquilh -elas; in neutralem Sinne czo oder aiczo; das ein-
fache (7>)o (hoc) wird als Neutrum des dritten Personalprono-
mens gebraucht. Die Casus werden mit de und a gebildet,
wobei nicht nur der Vocal des de wegfällt {daquest u. s. w.),
sondern häufig auch das a , so dafs aquest oder aquilh als
Dativ betrachtet werden mufs (Joh. XIII, 24; Luc. XIV, 31;
Job. IV, 28; VI, 13; VIII, 31 und sonst), wie man auch liest
es amar st. es et amar Joh. VII, 35; Luc. XIV, 31, encontra
Vespos St. encontra a Ves}). Mtth. XXV , 1 u. dgl. — Das In-
terrogativum lautet immer qual^ das Relativum loqual (del-
qual u. s. \v.); für das letztere findet sich qne nach dem De-
monstrativum , qui als substantives Fragepronomen einige Mal,
que in perque. — Die übrigen Pronomina, aufser taut und
quant, sind ebenfalls Composita: alcun {neun Mc. Y, 43; Luc.
XI, 46?) und non- alcun, alquant, ajjtant? , (un) aijtal, (un)
chascun, qualquequal (quicunque) ; die substantivischen Neutra
meist Umschreibungen mit cosa: alcuna cosa, qualquequal
cosa u. s. w. — Die Pluralendung /, welche sich, aufser beim
Artikel Z/ , auch in aquisti, tanti, quantl , alquanti und moti
(multi) findet, ist aus dem Lateinischen beibehalten worden,
um das sprachlich unmögliche tz zu vermeiden , welches , wie
wir oben gesehen haben, auch in andern Fällen auf ähnliche
Weise ersetzt wurde. Eine starke Annäherung an das Italie-
nische ist gleichwohl hierin nicht zu verkennen.
Das Verbum liegt im Neuen Testamente in Aveit vollstän-
diger Form vor als in den spätem Gedichten und Tractaten, so
dafs sich eine ziemlich ausreichende Darstellung desselben geben
läfst. Die Endungen sind allerdings bereits nicht minder abge-
stumpft: das t der 3. Sg. und PI. ist abgeworfen, ebenso die
Silben tis und te der 2. PI., und wni^ der 1. PI. zu ?? zusam-
mengeschmolzen; da indefs das o als Zeichen der 1. Sg. vom
Präsens auch auf die andern Zeiten (aufser Perfect und Fu-
tur) übertragen worden , so sind die Endungen zur Unterschei-
dung der Personen immer noch hinreichend: o, as, a, en,
a, an u. s. w. In der 1. PI. ist bisweilen ??«, in der 2. v bei-
behalten (annar'em Joh. VI, 68, non volhäs annar Luc. XXI, 8,
sapiäs öfterj; ja das n der 1. findet sich einige Mal in der 2.
(vos errän Mc. XII, 27, vos diren Luc. IV, 23); ein allerdings
etwas grobes Zeichen des Volksdialekts. Der Vocal der 3.
Sg., der in der 1. Conj. beibehalten wird, bleibt in den
Die waldeusische Bibel. 383
andern Conjugationeu nur nach mehreren Consonanteu (wie in
umple u. dgl., doch auch rccehe Mc. IX , 36 und sonst). Grö-
fsere Einbufse hat das Perfect erlitten, wo nach Ausstofsung
des V und Abwerfung des t die Unterscheidung der 1. Sg. von
der 3. Sg. , und der 2. Sg. von der 2. PI. nur dadurch hat
gerettet werden können dafs das i am Schlufse bewahrt (im
zweiten Falle mit Anticipation , wie in tuif)^ das i aber, dem
noch ein Consonant folgt, mit demselben abgeworfen wurde:
ey, ies, e^), en, es, eron. Doch werden die Endungen ies
und es der 2. Person häufig verwechselt. In der Conjugation
ist die Endung der 2. Sg. is (doch findet sich inenties A. A.
V, 4, defalhies Ap. II, 3, eagies 5), die der 1. und 3. t'c,
aus dem lateinischen it (vgl. lectras u. dgl. oben), das sich
selbst noch einige Mal findet (luczit Joh. I, 5, in der Gre-
uobler Handschi-ift hiczic ^ vgl. unten ubert , vent , ceint); die
3. PI. geht auf iron aus, wofür sich, dem ic entsprechend,
nicht selten igron findet {cagigron Mtth. XIII, 7, auvigron 17,
perigron XV, 24 Prol. ad Rom., vestigron Mc. XV, 20, issi-
gron Hebr. XI, 15, cumpligron A. A. XIV, 25). Im Futurum
endlich ist die durchgängige Abschwächung des a zu e be-
merkenswerth : areg , ares, are, aren, are, aren. Das üebiüge
weicht vom Provenzalischen nicht ab, aufser soweit die allge-
meinen Lautgesetze es fordern.
Wenn so die Persoualflexion zwar mangelhafter als im
Provenzalischen war, aber doch im Ganzen noch hinreichend,
wenn nur die betonten Endsilben nicht übersehen werden
(deren Bezeichnung bei einer Ausgabe des Neuen Testaments
nicht zu versäumen Aväre) , so hat ein viel gröfserer Verlust
die Conjugationen betroffen, deren Unterschiede bereits deut-
lich ihrem Verschwindeu entgegengehen. Nur die Infinitive
nämlich und die passiven Participien der drei Conjugationeu
sind noch vollständig getrennt; in den übrigen Modis sind
bereits zwei oder schon alle drei zu Einer Form zusammen-
geschmolzen. Da eine vollständige Tabelle der Conjugationen
folgt, so kann ich mich der Aufzählung der betreffenden Ver-
änderungen überheben; der Grund derselben ist überall die
schon oben erörterte Unbeständigkeit der Vocale. namentlich
') Die Endung i'e ist nicht anzunehmen, da die Infinitive der da-
für angeführten Beispiele, abweichend vom Provenzalischen, aboiiJiar
und despreciar lauten.
384
Grüzmacher
des «, aber auch des •<, welche vielfach, wie in französischen
Dialekten, in e übergegangen sind und dadurch die Conjuga-
tionsunterschiede verwischt haben. Umgekehrt ist im Futurum
durch die Steigerung des unbetonten e, besonders vor ?•, zu a,
von der ebenfalls oben die Rede war, in vielen Fällen der
Unterschied zwischen der 1. und 2., durch die Ausstofsung
des t der dritten Conjugation nach r aber in andern Fällen
der Unterschied zwischen der 2. und 3. Conjugation aufge-
hoben worden. Ebenso entsteht dadurch dafs die Endung en
der 3. PI. Präs. 2. Conjugation den volleren Laut on ange-
nommen hat, eine Vermischung mit der 3. und mehr derglei-
chen, was sich aus der Tabelle selbst ergibt. Eine kleine
Unterstützung haben zwar die alten Conjugationsunterschiede
durch die Inchoativform der 3. Conjugation erfahren, welche
auch possesir, leglr, roubir, exaucir , luczir u. A. ganz oder
theilweis, eine viel gröfsere Zahl von Verben aber später an-
genommen haben. Für die feineren Unterschiede ist aber, wie
bei einem ungebildeten Volke nicht Wunder nehmen kann,
wenig Gefühl vorhanden gewesen; ja wenn man liest: que li
oysel del cel vegnan e liahitan Mtth. XIII, 32, voles que nos
annän e colhän 28, non entende ni vos recorde XVI, 9, teisis
e amutis Mc. IV, 39, und Unzähliges der Art, so mufs man
sogar sagen, dafs das Bestreben vorhanden gewesen ist diese
Unterschiede auszugleichen, was ja wohl auch der naturge-
mäfse Gang in der Entwickelung aller Sprachen ist.
Das Schema der schAvachen Conjugation ist nun folgendes:
II.
III.
Ind. Präs.
Couj.
Ind. Impf.
gardo
perdo
parto periso
gardus
perdes
partes perises
gar da
pert
pari perls
gar den
per den
p arten
gar da
per de
parte
gardan
perdon
parton perison
gar de
per da
parta perisa''!
gar des
perdas
partas perisas
garde
per da
parta perisa
gard'en
perdän
p)artan perisan
garde
per da
parta perisa'^!
gardon
perdan
partan perisan
gardavo
perdio
partio
gardavas
perdias
partius?
gardava
per diu
partia
gardavän
perdian
partiän ?
gardava
perdiä
partia
gardavän (on)
perdian
partian
Die waldensisohe Bibel.
385
In<l. Perf.
Conj. Prät.
Fiit.
Fiit. impf.
Imperat.
Infin.
(jardey
fjardi'es
garde
(/arden
gardes
garderon
gardes {so)
gardessas
gardesi (so A A.
XI, 26)
gurdesshn
gardessä
gardesf^fin
gardareg
(gardereg)
gnrdaren
gardare
gardaren
gardare
gardaren
gar dar in"^
{yarder.)
gardarias
gardaria
gardariän?
gardaria
gardarian
gar da
gar da
gardar
perdey
parlic
perdies
partis
perde
jjartic
perden
parthn
perdes
partes
perderon
partiron
perdesso ?
parfesso ?
perdessasf
partessas
perdes
partes
perdessan 'i
partessan?
perdessä ?
parte ssa
perdessan
partessan
ptrdrey
partirey
(temarey)
(morrey)
perdres
partires
perdre
partir'e
perdr'en
partir'en
perdre
partire
perdre n
partiren
perdrio?
jHirtirio? ')
(temar.)
(morr.)
2)erdrias ?
partirias ?
perdria
jtartiria
perdrian f
partiriän ?
perdriä
partirid ?
perdrian
jKirtirian
perl
part , peris
perde
parte
perdre
partir
{temer)
perdent
partent
perdu, na
parti, ia
Partie, gardant
gardä
Spuren des andern , vom Perfect abgeleiteten , Futuri impf,
sind amera Job. XV, 19, manieran , hegran AA. XXIII, 12,
degrä Hebr. 5, 12, pogra Job. IX, .33, Mtth. XXII, 9 (auch
Job. XI, 37 statt poyra zu lesen, wie statt heijran, begron
1. Cor. X, 4), nebst foro und agro von esser und avor,
die des 1. Fut. impf, fast vollständig entbehren.
Die einzelnen Abweichungen sind gröfstentheils den pro-
ven^aliscben entsprechend. In der 1. Conjugation ist annar
mit vadere gemischt: Prs. vauc, vas, vay, annen, annä, van;
Imper. vay, annä^ Impf, annavo u. s. w. In der 2. schwan-
ken einige Verba zwischen -er und -re, je nachdem das vor-
hergehende d entweder erweicht oder ausgefallen ist: creser
und creyre, fieser und seyre. Von jenem findet sich das Fut.
creirey u. s. w. (2. PI. cresere Job. V, 38), Imper. cre, crese.,
•) Die Endung ist beim starken Verb naebweisbar.
Jahrl). f. roni. u. Piigl. Lit. IV. 4. Oß
386 Giiizmacher
Part, cresent, cresu , Prs. creo , eres (^creses Joh. I, 50 nach
der Züriclicr Ihindschrift), cre, cresen, crese (eres Joh. XIV,
10, 11 wie oben voUias und saj^iä.^', creon^ Conj. crea, creas,
crea, cre(f<)an, cre(s)ä, crean ., 2. Impf. cre(s)ias u. s. f., Pf. cre-
sey , cresiea u. s. w. , 2. PI. Conj. cresessä u. s. w. Von seser
oder seyre: Fut. seirey u. s. f. , Imper. se, ficfti', Part, -le.vent.
3. Präs. See oder ap, seon, Conj. ,o. Sg. fr'<7, 2. PI. .«f?.«"«?,
3. Impf. se(s)ia^ sesiari , ?,. Pf. sesic ^ PI. seserov , 3. Conj. ,sr.sr.<r.
Verblieben ist in dieser Conjugation sef/re (sequi), prov. seguir.
Das Perfectum auf -/c, wie in der dritten Conjugation, begeg-
net aulser sesic auch in temic, 3. PI. iemimv {temigron Mtlh.
XVII, G), und ieisiron; ebenso der Iniinitiv auf -ir in taissir
(und taisshrn), appreviir (und apprenüsson), jyermanir und ?r-
manir; von rr/Ä^r oder C(rr//r ist schon oben die Rede gewesen.
Dazu kommt noch von Jiaisser die 3. Pf. nasque, Conj. nas-
qnes, Part, nä; von viore: Pf. visquey (3. rer.isque Rom. VII, 9),
Conj. visques., Part. r/«e«, und von rompi'e, rescondre, respondre
die Participien ro^ (auch ropf, roct), rescos in en rescos (clam),
respost. Die starken Participien der 3. Conj. sind dieselben
wie im Provenzalischen; statt Intberc, das einmal vorkommt,
steht dreimal Imbert. Die Inehoativform ist schon erörtert.
Die Hülfsverben, welche zur Bildung der zusammenge
setzten Zeiten dienen , haben folgende Flexion.
Esser:
Präs. soy , sies, es, sen, se, süju
Conj. sia, Sias, sia u. s. w.
Impf, ero, eras, era u. s. w.
Perf. fuy, fossies, fo, fossen , foss'es , fornv.
Conj. Prät. fos(so) , fossas, fos(sa) , fossan . (fossessän
Rom. V, 6), fossä, fossan.
Fut. serey u. s. w.
Fut. impf, foro , foras, forn u. s. w. (Vom andern kommen
serias, seria und seriän vor.)
Inf. esser. Part, istä (v. istar) oder agü ( ! ) ^)
(HJaver:
Präs. (Ii)^y } 00'^^ i (h)(f } (h)aven, (Ji)ave , fhjan.
Conj. (h)aya, (h)ayas, (h)aya u. s. w.
1) Nämlich mit dem Auxiliar essen l'ome loqual era agu cee Joh.
IX, 24; si tu fossas agh aici XI, 32; alqual algun non era encara agu
pcnifta XIX, 41 und so mizähhge Mal.
Die waklensisclie Bibel. 387
Impf, avio , avias, ovia u. s. w.
Perf. hac, aguies, Jiac, aguen, agues , agron.
Conj. Prät. agues(so) , aguessas, agues(sa) u. s. w.
Fut. 2. PI. aure.
Fnt. impf, agro , agras , agra^ agrän, agrä, agran.
Inf. 'h^aver. Part, (h)avent, agü.
Die starke Conjugation, zu welcher diese beiden Verben
schon gehören , bildet das Perfectum entweder ohne Conso-
nanten, oder mit .<?, oder mit c. Von den drei provenzalischen
Perfecten der 1. Klasse sind hier fvy und fi geblieben; veser
hat sich zur 3. geschlagen; es müssen aber saup und ccmp
mit ihren Compositen hinzugerechnet werden, da der Bildungs-
buchstabe dieser Perfecta das von dem vorhergehenden Vocal
angezogene u ist. Von der zweiten Klasse sind einige Verba
mit Ausnahme des Particips zur schwachen Flexion überge-
gangen, nämlich rescondre und respondre^ vielleicht auch
destrüire, cegner u. a. , deren Perfecta zweifelhaft sind; temer
schwankt. Diejenigen Verba, welche von lateinischen auf -ngere
stammen , behalten ihr n nach nordfranzösischer Weise auch
im Perfect und Particip: ogner , oins ^ oint u. s. w. , was sich
•aus dem oben über den Buchstaben n Gesagten zur Genüge
erklärt. Der Conjunctiv Präteriti und selbst der Indicativ Pf.
gehen zuweilen in die schwache Conjugation über: man findet
ognies , ognesan; cegnles; destrues ^ destruesan; auciesan ; que-
ressan; trametes, faczes , ubres, decorreron und sogar remagne-
sas, remagnesan ^ obwohl das Präsens das c, welches jenem
g zu Grunde liegt, verloren hat. Auch aus der Conjugation
in c, zu der wir der Kürze wegen alle Verba rechnen, deren
Perfectum auf c ausgeht, sind einige verschwunden, ca>ier oder
cagir und seser; aber hinzugekommen ist veser. Nanientlicli
in dieser letzteren Conjugation kommt es einige Mal vor, dais
sich die Personalllexion, die sonst nichts Eigenthümliches bietet,
auch auf den Stammvocal erstreckt, indem dieser bei fort-
schreitendem Accent sich abschwächt: vinc , vengules; tinc,
tenguies ; vic, veguie-s ; ß , fecies; conoc, conegtiies (vgl. correr);
ein Gebrauch, der wegen des Wechsels zwischen / und e
mehr an das Französische als an das Italienische erinnert. —
In den Infinitiven, soweit wir sie kennc'n, verursacht die üb-
liche Elision der Muten oft starke Contrüction : far, dire, an-
dre. devire , scrire , reimer; eine noch gröl'serc bisweilen im
Futurum das Fortschreiten des Acccnts: placer plaircy , veser
^-{g^ Cri'itzma(^lier
reircij, pner poirrij. Auch im Perfect und den abgeleiteten
Zeiten finden sich einzehio Zusammenziehungen als Nebeu-
formen bei fai-, aucire, penre , reimer. In der 3. Sg. Präs.
und dem Imperativ fällt mit dem Vocal auch der Consonant
ab in di , pb , ve , scri , auc), oder weicht einem i in faij, play.
ja//, trai/, vay, ley (licet), fuy (fugit), noy , ruy (rugit). Die
2. Sg. Präs. schwankt: fos faces^ dis dices ^ sas sahes. eres
creses, res, po.«; die 1. bewahrt die Endung o in veno^ teno?^
ivano , reo , wirft sie aber zu Gunsten des vorhergehenden e
oder i ab in ^;o/// , say , ay, der Conjunctiv bewahrt beide.s:
vol/ia, oya, veyna , tegna , maqiia, am reinsten in .^apia und
recejria, decepia und vereinzelt in auvian (audiant Rom. XI, 8)
und havla (habeat AA. XXV, 16). Denn je seltener eine
Form gebraucht wird, desto unversehrter pflegt sie sich zu
erhalten.
Die im Neuen Testamente vorkommenden Formen der
starken Verba sind nun folgende.
a) Perf. oline Consoitant.
Caher ^ recehre concehre decebre. Präs. receho u. s. w. Conj.
recepia decepia u. s. w\ Impf. 3. PI. rec.ehian. Perf. receop con-
ceop, receopi'es , receop^ receopen, receopes , reeeopron. Conj. 2.
receopessas u. s. w., 3. PI. chaupessan Mc. II, 2. Fut. rece-
brey u. s. w. Part, recehent, receopu conceopu.
Esser s. oben.
Far. Präs. fauc {perfac Luc. XIII, 32), fas (faces)^ fay,
facen, face, fan. Conj. facza u. s. w. 2. Impf, facias u. s. w.
Perf. ,// {fey AA. XXV, 11), fecies oder feces, fey, fecen
Cfac'ev), fec'es (faces), feron. Conj. 3. feces (/es), fecessan (fa-
cesson , fessan). Fut. farey u. s. w. ß. faire Mtth. XVIII, 35).
Imper. fay (fac),face. Part, facent, fait.
Saher. Präs. say , sahes {sas Ap. VII, 14), sap , sa-
hen u. s. w. Conj. sapia. Impf, sabio , sabias u. s. w. Pf 3. saup^
saupron. 2. Conj. saupesas, saiipi^s u. s. w. Fut. sabrey u. s. w.
Part, sabent, saitpii.
b) Perf. auf s.
Aucire ( oder oncire, occire, in allen Formen), circoncir
AA. XXI, 21. Präs. 2. aucies , 3. auc), aucion. Conj. au-
cia u. s. w. Perf. ccucis?, aiicisies, aticis, aucisen, aucises, au-
ciseron. Conj. 3. PI. aucisesan {aucissan AA. IX, 24, aticiesan
XXVII, 42). Fut. oucirey u. s. w. Part, chicient , aucis cir-
cancis.
Die waldeiidische Bibel. 389
Cegner. Imp. cetiß. 2. Pf. cegni'es Joh. XXI, 18, 3. ceint
(nicht ceiiit, wie im Manuscripte steht) statt celns (s. oben).
Part, ceiut. Fut 3. cegnare u. s. w.
Claure. Präs. 2. PI. clauv'e. Part, clauvent. Perf. 3. PI.
clauseron. Part, clan.s.
Desträire. Perf. 1. und 3. de-struis. (Conj. 3. destrue.s, de-
struesaii). Part, destrüit. Fut. destraireij u. s. w.
Z)/r«. Präs. die (diczo^ dis), dis (dlces), dt (di,^) ^ con-
tradi, dicen, dice ^ dioii (diczon). Conj. di^czja u. s. w. Impf.
dicio, dicias u. s. w. Imper. cH, dice. Perf. dis, dissies , dis,
dissenl , disses, disseron. Conj. 3. diss'es, dissessan. Fut. direg
ibeneiciregj u. s. w. Part, dicent (heneicent)^ dit dicta oder dita
(beneAt\
Devire (dividere). Part, devis dici.s.
(Ex.stinguere.) Perf. 3. PI. estenseron Rüni. XI, 34. Part.
steint.
Fivgere.) Perf. 3. enfeins. Part, enfeint.
Fragner. Perf. 3. frains (nicht franis). Part, fraint (nicht
franit) cov/raint.
Metre. Präs. meto u. s. w. Perf. trames, »lesies, ines^ ira-
mesen^ meses, meseron. Conj. 3. somes'es Hebr. II, 8 (trajnetes
Mo. III, 14). Fut. metreg u. s. w. Part. Perf. mes comes
trames.
Ogner. Perf. 2. tinsi'es AA. IV, 2 {ogni'es Luc. VII, 46),
3. oins. Conj. 3. PI. ognesan (nicht oguesan Mc. XVf, 1).
Part. Perf. oint.
Penre (prehendere). Präs. iireno u. s. w. Perf. pres, pre-
sies^ pres, pres'en, pres'es , preseron. Conj. 3. jtrcses, presesan
(jjressan Mtth. XXII, 1.'^). Fut. penng u. s. w. Part. Perf. pres
empres.
Permanre, remanre (penmaiir, reiiKutir!. fräs. 2>ei'>iiano u.s. w.
Conj. peninigna u. .s. \v. Pei'f. permus , 3. pennas reiiias, per-
ma(7ijsen, 'd. perma[nseroH. Conj. (2. remagnesas 1. Tim. I, 3).
3. permafnjses (3. PI. remagnesan Joh. XIX, di-, permmiesa»
AA. XIII, 43). 3. Fut. permanre u. s. w. Part. Perf. pennas.
Plaguer. Impf. 3. PI. plagniaii. Perf. 2. PI. p/aiises j\ltth.
XI, 17. Fut. phtgnareg u. s. \v.
ß'unere.) Perf. 3. compos. Prol. ad Ilebr.
Pungere. Perf. 3. PI. ponserou Ap. I, 7.
Querre , eiiquerre. Präs. quero u. s. w. Perf. 3. (jnes 2. Tim.
1, 13, qiiesen (uiclit que s'cn AA. XVI, 10), 3. (iiqueseruii
390 Grützmacher
1. Petr. I, 10. (Conj. 3. PI. queressan.) Fut. qxierreij u. s. w.
Part. Perf. qnist enquist requist.
(Rädere.) Präs. Conj. 3. PI. reian AA. XXI, 24.
Reimer (redimere). Perf. 2. rensies Ap. V, 0; 3. rens
Gal. III, 13. Conj, 3. renses Tit. II, 14. Part, re'tment (reimu
1. Petr. I, 18).
Scrire {scripre Phil. III, 1). Präs. scri v'o, 3. scr), scriren.
Conj. scriva. Perf. 1. und 3. scri^pjs^ scrishi , scrip.ses, scr'ip-
seron. Fut. scrirey u. s. w. (ftcriprey Hebr. X, 16). Part.
Perf. ficript.
Secodre. Part. Perf. Fem. secosa AA. XIII, 51.
(Solvere.) Part. Perf^ asoot AA. XVIII, 39.
(Spargere.) Perf. 3. ftpars. Part. Perf. spjars.
(Stringere.) Präs. 2. costregnes, costreng u. s. w. Conj.
costregna. Impf, co.stregnio ^ 3. PI. stregnian. Perf. 3. streins
costreins (nicht strenis costrenis AA. XVI. 15, 24), (3. PI. costre-
xeron Luc. XXIV, 29.) Part. Perf. streit costreit.
(Tangere.) Präs. 3. taug (nicht taug) 1. Cor. XI, 13.
Temer. Perf. 3. PI. temseron oder tenseron; sonst schwach.
j Tinguere.> Präs. 3. ^er?^. Part, ^«i/wf (nicht tenit) Joh.
XIII. 26.
Traire. Präs. 3. '^öy, detraion. Conj. 2. PI. sostrayä
2. Thess. III, 16. Impf. 3. sostrayä (statt sostraia, mit ver-
rücktem Accent). Perf. 1. sostrais AA. XX, 20, 3. PI. trai-
seron XIX, 33. Imp. tray. Fut. trairey u. s. w. Part.. Pass. (rait.
(Volvere.' Part. Perf. vout voot.
c) P^r/. fl«/ c.
(Aparescere, apparere). Präs. apareyso u. s. w. Perf. 1.
und 3. aparec, 3. PI. aparegroii.
Aver s. oben.
i>eore (bibere). Präs. bevo, beves, beo u. s. w. Conj.
beva u. s. w. Imp. beo, beve. Perf. 3. hec, begron. Fut. be-
orey u. s. w. F'ut. impf. II. 3. PI. begran.
Caler. Conj. Prät. 3. chelgxCes (wie statt chelg'es Joh.
XII, 6 zu schreiben sein dürfte.)
Colre. Perf. 3. PI. colgron Rom. I, 25.
Conoyser. Präs. conoyso u. s. w. Perf. conoc , coneguies
[conog.] ., conoc, coneguen [Conog.\ conegiCes ^conog. , conogron.
Conj. 2. coneguesas. Fut. conoyserey u. s. w. Part, conegii.
Correr. Perf. 1. und 3. corroc, 3. PI. corrogron (decorre-
ron Hebr. IV, 6). Conj. corregues. Part, corregii.
Di(j waldoiibischo Uibcl. 391
Creiser, acreiser. Präs. crei/s acreij^ u. s. w. Pf. 3. crec,
cre(jron. Part. Perf. cregü acregit.
Derer (AA. XV, 38). Präs. devo^ deces, deo u. s. w.
(Conj. 2. PI. deä Rom. XIII, 8, dean.) Perf. 1. PI. deguen.
Fut. impf. 2. PI. rfeorm 1. Cor. V, 10 und degrä Hebr. V, 12.
Jaczer. Präs. 3. jay. Impf. 3. jacia. Part, jacent. Perf.
2. FL jo gutes Rom. prol. ( ;= jauguies, genauer als pr. jac).
Conj. 3. jogues AA. XXVIII, 8.
(Licere.) Präs. 3. leg, hon (1. Cor. VI, 11).
ilifoüre, scomovre. Präs. scumovo, 3. scomoo. Perf. scomoc^
scomoguies, moc sconioc^ 3. PI. mogron scomogron. Part, wo^/i
Noire. Präs. 3. «o?/, 2. PI. Mo//e, noion. Conj. 3. no/w.
Perf. 1. und 3. «oc. Fut. 3. «oi/-e. Part. Perf. Jioiu (s. oben,
oder schwach?).
Paiser. Präs. 3- ^jö?/^. Conj. 3. PI. itaisan. Perf. 1. PI.
'paguen. Conj. 3. pagues.
Placer. Präs. -placzo, 3- j^^^Ui plac^on. Conj. 3. placza.
Perf. 1. und 3. j?^ac, 3. PI. plagron. Conj. 1. und 3. plagues.
Fut. 3. plagre. Part. Pass. plagü.
(Pluere.) Präs. pZoi/. Conj. plova. Perf. j^^oc. Conj. j>Zo-
guessa.
Poer. Präs. poi« {l)og^ , 2'^os^ })b, poen^ V^^ i P^''^ {poyon
Hebr. IX, 9). Conj. poisa u, s. w. Impf. 3. poia u. s. w. Perf.
I. und 3. poc ^ poguen, j)egues, pogron. Conj. 1. u. 3. pogties,
poguessän, ^. poguessan. Fut. impf. 3. por/?-a. ¥ui. poirey ü.s.w.
(poeren Mtth. XVI, 18).
Tenir. Präs. sosteno (2. Tim. II, 10), tenes^ teil u. s. w.
Conj. 3. tegria, te(g}nän, steg'nä (abstineatis), stegnan. Impf. 3.
sostenia. Perf. tinc (2. Tim. III, 11), sostenguies (Ap. II, 3),
tenc (teni) sostenc, sostenguen, iengueft (ftostenguies Hebr. X, 32),
tengron sostengron. Conj. 3. tcngnes., tenguesav. Fut. teiireg u. s.w.
Fut. impf. 1. sostenria. Part, iengü sostengu.
Tolre. Präs. 3. toi. Conj. Prät. 3. tolgues. V\it.toireg u. s. \v.
Part. Perf. tolgii.
Venir. Präs. veno u. s. w. Conj. vegna u. s. w. Perf. vinc
oder venc, vcvguieSy vinc oder vevc devend, vengaen., revgues.,
vengron. Conj. vevgues-, venguessas u. s. \\. Fut. veinry u. s. w.
Part. Perf. vengh.
Veser. Pias, reo [Vey\ ves, re, rcsr», rte , ccon. Conj.
re(i)(' u. s.w. Impf. 3. ceia u. s. w. l'art. rcscvt Inip. (mit Pron.)
392 Grüzmacher
vete^ revos. Perf. r/c, veyuies, vic oder vec . veguen^ vegues,
vhjron oder vegroti. Conj. reguhs u. s. w. Fat. veirey u. s. w.
Part. Perf. vist.
Voler. Präs. rolh., voles , vol u. s. w. Conj. rolfia. linpf.
foZiy, voUas u. s. w. Perf. volc, volguies, rolc, volguen ^ vol-
gues^ volgron. Conj. 3. volgues(sa'. Fut. rolrey u. s. w. Fut.
impf, colrio n. s. w. Part. Perf. volgu.
Auch c^c Wortbildung bietet einige eigenthümliche Züge,
Was zunächst die Ableitung betrifft, so werden weibliche Sub-
stantiva durch Anfügung eines a an den Verbalstamm in ge-
ringerer Anzahl, häufiger aus dem Plural von Neutren ge-
wonnen: pensa^ nsa, torca (res torta, en torcas de cavelh
1. Tiiu. II, 9, pr. torcha) ; cauczamenta^ restimenta, iwlatUhas,
similacrn^ scripta., do7m, laria, vela (aber männlich semeiicz
und respost) ; weibliche Abstracta aus Adjectiven durch -^o,
-ecza., -uro, aus Verben durch -ancza (-encza und -adura, wie
convenihk'tä , qiieytivetä, noveletä, simpletä^ peironeta; matecza
(stultitia), solecza , sobeyranecza (altitudo); tortura (injuria),
fortura (de vent Mc. IV, .37, nicht fortuna); parloncza , nome-
naticza , recordcmcza, dementigancza , amonestancza , castigancza,
recoint ancza, speitancza, abastancza, 2'^^<^~<^^*^"'^^~^- (partici-
patio; so auch, wo perczojteianeza geschrieben ist), mescre-
sencza, requerencza , departencza, longavesencza u. a.; mescla-
dura , ßcadnra , scarczadura , faczadwa; mit andern Endungen
enfantilliania (infantia) Mc. IX, 20, placentaria (adulatio)
1. Thess. II, .5, dereirta (en la d., in reliquo) 2. Tim. IV, 8,
mavjaria (crapula) Rom. XIII, 13. Die meisten Abstracta
aber werden von Verben durch das Suffix -ment gebildet, wo-
bei die Steigerung des e der 2. Conjugation zu a zu bemer-
ken ist: comenczomeiit , irament , calament, moratnent , stregna-
ment, vesamenti premament , encreisament , delsendament , contra-
diczament , destruiment , auviment , dormiment, apremiment, sta-
busiment und viele andere. Concreta männlichen sowohl als
weiblichen Geschlechts entstehen aus Substantiven durch die
Diminutivendungen -et, -eta, -da: fayxet (fascis), ßlholet, lei-
tet (lectulus), asenet (auch alcantet aliquantulum Hebr. X, 37);
naveta , caseta, mes'oneta, faisela (fax); die Endung )nus lin-
det sich in polhen (pullus Mtth. XXI, 2 und sonst), iceus in
■savicza (sepes ib. 33 und sonst). Zur Bezeichnung handeln-
der Personen dient die Endung -ador , in der sich lat. -tor
und -turus gemischt haben: calomellador (non ralomella cala-
Die waldcnsitjche Bibt-l. 393
uius iMtth. IX, 23), departador (divisor), renemilhador (imita-
tor 1. Cor. IV, 16), aucisador , acreysador^ reymador (v. rey-
nier, redemptor, nicht reyniador AA. VII, 35) und die meisten
andern sind natürlich Substantiva, .siä recordador de (memores
este Luc. XVII, 32) vielleicht auch noch; aber vos ser'e auvi-
dor batalhas (audituri estis Mtth. XXIV, 6), suffradors tribu-
lacions (passuri 1. Thess. III, 4), avenador (futurus Mc. X, 30,
Luc. XVIII, 30) sind deutliche Participien Futuri, welche
sunst mit esser a, wie passivisch mit exaer de umschrieben
werden. Das Femininum von -ador ist -eiricz (atrix), wie /;e-
cheiricz^ coutiveiric: , (imoneaielric: , perfecelricz. An Nominal-
stämme fügt sich zu ähnlichem Zwecke -ier: nauloiüei\ por-
tonier ^ fiomecidier, golencier (rubus, v. caulis colis s. Diez
Gr. I, S. 158; Mc. XII; 26 und sonst); perczonier (particeps,
V. portio, Rom. XV, 27; 1. Cor. IX, 12), megencier (medius,
mediator, v. medians, Joh. VII, 14 und sonst), viacier (vivax
Rom. II, 15); ebenso -an: maritiman ., proyniian, foran (exter-
nus Mtth. XXII, 13), logiiaii , uncian; ebenso -evc, das bei
Substantiven die Nationalität, bei Adjectiven den Stoff be-
zeichnet: Jsraelitienc , Sadomienc e Gamorienc^ Ciriidejic u. s. w.',
awienc , argentienc , j^'^^P^^^^'^^ (purpureus), p)eirievc (lapideus),
ordienc (hoxdaceus), .spinienc (ex Spina factus), tericnc (tictilis),
foguienc (igneus), reirienc (vitreus), sogar diablenc (Jac. III, 15).
Sonst ist bei Ableitung der Adjectiva von Substantiven die
Endung -05, wie im Provenzalischen, bei Ableitung von Ver-
ben aber -ivol (-ibilis) üblich, das sich in cnsegnivol^ perdo-
idcol , recebirol, rcprendivol^ cojivevivol, perfeitivol, abundlvol-
ment (barona-olmcnit' und vielen andern, weit häutiger aber,
wie bereits auseinandergesetzt, in der spätem Sprache findet.
Zur Derivation von Verben endlich wird fast ausschliefslich
-icare gebraucht, welches am deutlichsten in nutrigar vorliegt,
meist aber nach Ausstofsung des c , wie in abundiar, zur Auf-
hebung des Hiatus ein / eingeschoben hat, das später in den
Palatallaut übergeht (s. oben). Der Art sind fameiar , seteiar,
febreJar ^ ■scandaleiar, bopteiar , jirup/ieteiar , citareiur^ caitiveior
(captivare), cavalareiar (militare), perczoneiar (participare),
fZüpeiar (claudicare), gd.staudciar Cgastaldum esse), tresorii(ii\
segnoriUtr ^ cicioriiar und zahlreiche andere. Von andern Ab-
leitungen habe ich keine Beispiele gefunden als reviavolar
(revivisccrt- Luc. XV, 24) und d"ruii//uir (obdormiscere Mtth.
XXV, 5).
394 (irützinai'lii'i-
Zusammensetzung geschieht überhaupt nur durch Partikehi.
Bei Nominen ist an die Stolle des lat. in- durchgängig iwn
getreten: la non sapiencza (insipientia), non jmticia, non nmn-
dicia, non cresencza, non savi.^ las non vesihlas cosas u. dgl.
Zur Zusammensetzung von Vorben dienen seltener Präposi-
tionen, als Adverbia: sehr häufig sind Bildungen wie fora
menar , dinire portar , reire oppellar , contra oHer contre correr^
cerque oder encerque istar^ sotintrar ( sot ser/it, subsecutus),
sobre paiisar^ sus regardar, outra menar, ensemp afegurar u. dgl.,
wovon dann wieder Substantiva abgeleitet werden wie devant
appareUiament (Eph. VI, 15), devant finiment (pracfinitio II, 21),
entrelaisament (Rom. I, 10), sotmeiament (Gal. init. ), ensemp
obrler e ensemp cavaUer (Phil. II, 25). Neue Zusammen-
setzungen mit lateinischen Präpositionen sind nur s''emhrivar
(prov. abrivar, von brio, s. oben), eiigrandecir , s''encesprecir,
recointar (prov. accointar, s. oben), s'acoitar (festinare, Luc.
VIII, 1, XIX, 3, prov. coitar), agravar, abeorar und viel-
leicht noch einige andere mit ad. Dagegen ist die Anwen-
dung der Präpositionen zur Zusammensetzung von Adverbien
so gewöhnlich, dafs einfache Adverbien überhaupt nur sehr
wenige vorkommen. Die vorhandenen Präpositionen sind:
de , <7 , en (dies fast durch a verdrängt) , cum (au , das später
an dessen Stelle getreten ist, nur 2. Cor. XI, 3 und Ap.
II, 16; 0 Rom. XII, 21), par oder per (per), per (pro, auch
in Zusammensetzungen perpansar, proponere u. dgl.), entre,
sobi-e , josta, sencza, segont, contre, outra; sot, devant, apres,
fora, stier; encontra, encerque, enapres, pres a, entro a. Von
Ortsadverbien weist das Neue Testament auf: sus, de sus, de
sot, de sobre, de josta, en sus, en sobre, de dincz , de fora-,
de contra, ensemp; ayci , aqui oder efjlay, dayci, daqui, czay,
Iciy (Imc, illuc), de czay, de lay , out, dont. Von Zeitadver-
bien: quant, cora, deyci enant , daqui enant , depois , entre
tanto, entro cora, donca, adonca, ara (nunc), encara (adhuc),
ja, jaczay (jam olini 2. Petr. II, 3), encoy , unca oder unquam,
a la via (aliquando), tota via (semper), en aquella via (tunc), per
una via (semel). Die übrigen Orts- und Zeitadverbien werden mit
luoc und temp umschrieben, wie die Pronomina mit cosa. Zur Be-
jahung und Verneinung, wie zur Vergleichung dienen: s), non,
acerta, enaysi, cnayma (sie, quoiuodo, quasi, aus dem Superlativ
des vorhergehenden s. oben ; oder aus dem pr. en aysi conia ? ),
neis, tant solament , si mni que non (saltem \A. V, 15 und sonst).
Die waldensischc Bibel. 395
Dazu kommen noch präpositionale Casusadveibien wie de ma-
tin, de parti {de part'^ Joh. XX, 7), de lon(j (procul), de gra
(i. e. gratis), derecb (rursus pr. de rescap), a pari, al postot
{a mit dem Superlativ von tut ^ totus, omnino , non al pjostot
minime), en aviron, en dereire, en rescos (clam), en pales (pa-
lam), en calament (nicht encalament, wie gewöhnlich geschrie-
ben steht, silentio), en eterna, per aventura und viele andere.
Die üblichen Conjanctionen endlich sind : e, o, ni (nee), mas,
donca, emperczo; car (quia, quod, ut) , que besonders in Zu-
sammensetzungen wie devant que, premlerawent que, p)ois que,
dementre que, entro que, o sia que — o sia que u. a. , so-
dann si nebst si von und si non que und cu7n (quum).
Syntaktische Eigenthümlichkeiten , von denen schon in
der spätem Sprache wenig zu bemerken war, werden hier
um so weniger anzuführen sein , als wir nicht aus Original-
schriften sondern aus einer Üebersetzung schöpfen, und zwar
aus einer, bei der ein möglichst enger Anschlufs an den Text
geboten war. In der That ist was in syntaktischer Beziehung
am auffallendsten hervortritt , die Beibehaltung lateinischer
Wendungen, welche sonst in den romanischen Sprachen meist
aufgegeben worden sind. Dahin gehört die Auslassung des
unbestimmten Artikels (vic home cec Joh. IX, 2; appel-
lant petit Mtth. XVIII, 2; el a socz sperit Mc. III, 31), aufser
vor dem Pronomen {un aytal , un chascunj , oder im Sinne
von quidam; der Genitiv nach dem Comparativ als Ersatz für
den lateinischen Ablativ {maior obras daquestas, plusor de li
prumier u. dgl.); das absolute Personalpronomen beim Verbum,
so dafs das conjunctive fast nur in reflexivem Sinne gebraucht
wird (Jtoqual trames mi, qucmt veguen nos tu famelant e non
paguen tu, quel üores lug a lor u, s. w.); der Accusativ mit
dem Infinitiv in Fällen wo ihn keine andere romanische
Sprache setzen Avürde (ilh auviron lug haver fait aquesta en-
segna Joh. XII, 18; plus legieret cosa es lo camel trapassar
Mtth. XIX, 24; pejisavan sl reser sperit Luc. XXIV, 37 und
so fast überall wo er im Lateinischen steht); das absolute
Particip ebenfalls fast in allen lateinischen Fällen {ensemp
ajostä tiüt li princi demandava Mtth. II, 4, apellä ä savi
en rescos empres de lor 7, hubert li lor tresor presenteron a
luy 11, receopii respost retorneron lor issi vecos presenteron
a lui IX, 32 u. s. w.); der Conjunctiv nach cum {cum el agues-
sa fait Jlagels Joh. II, 1,^); cum el Jos en Jerusalem 23; cum
el aya appclUi Koni. prol. und so iinnin); der ('(nijiuu-liv nach
39Ö Grüzmacher
qiie {comence a predicar la parolla enaijma quel non pogues
intrar en la citä, ita ut Mc. I, 45, quäl pechä [a] aquest
(pCel nasques cec , ut nasceretur Joh. IX, 2; devientre que
ellas aimessan Vespos veno Mtth. XXV, JO u. s. w.), und eine
Menge anderei- Latinismen, wie tuit avian Joan enaymi pro-
pheta habebant J. sicut pr. Mtth. XXI, 26 ; cerconde a ley sa-
vicza sepera circumdedit ei 3o, alcun. ß an-sä ausus fuit
XXII, 46, portar non dec/nament (nicht deguamant) indigne
ferre Mc. X, 14; XIV, 4; nias el pres sänne lug apprehensuni
sanavit Luc. XIV, 4; l(i parolla del Segnor fo faita sobre
Johan Poncz Filath j^i'ocvraiü Juden ^ mus Ilerode quart
princi de Galilea, procurante etc. Luc. III, 1; en cant el co-
mandava a Ivr, en?j tant majorment plus predicavan quanto eis
praecipiebat, tanto magis plus predicabant Mc. VII, 37, remanir
Athenas Athenis 1. Thess. III, 1, siän visti las urmaduras de la
lucz induamur arma lucis Rom. XIII, 12; ensemp pogro7i de Cen-
fermetä convaluerunt 1 Ilebr. XI, 34 u. dgl.; in solcher Fülle,
dafs, wollte man Alles aufzählen, fast das ganze Neue Testament
abzuschreiben sein würde. Bei einer so sclavischen Uebersetzung
kann von einer freien Entwickelung des Satzbaues natürlich
keine Rede sein. Zu erwähnen wäre in dieser Beziehung,
aufser dem was schon gelegentlich bemerkt ist, nur noch die
Vertretung eines fehlenden Subjects durch /o, /o, wie im
Deutschen durch „es"' (/o es lo Segnor^ lo es diu, la covenla
aquestas cosas esser faitas, la non es hon penre lo pan de li
füll u. s. w.) , so dafs lo sich meist auf ein folgendes Substan-
tivuni, auf das Verbum aber la bezieht, was daher aus illä
im Sinne von ibi, pr. i, entstanden zu sein scheint. Ferner
der transitive Gebrauch von egrar (odisse) , retornar (reducere),
ploure Rom. prol. , envanecir 1. Cor. XIII, 11, der intransi-
tive von levar (surgere) und rexucitar (resurgere), plombar
(mergi) Luc. V, 7; sobre versar (redundare) VI, 38; alegrar
XIX, 6; circundar (circuire, mit dem es sich mischt), u. a.
hin und wieder. Statt des verneinten Imperativs im Singular
findet sich nach italienischer und auch provenzalischer Weise der
Infinitiv in 7ion te meravilhar Joh. III, 7 ; non nos menar en tenta-
cion Mtth. VI, 13; non las requerre Luc. VI, 30 und sonst, doch
seltener als der Imperativ. Manche Redensarten, welche von dem
Gemein-Provenzalischen abweichen, sind theils nicht durchgängig
beobachtet, iheils sind sie als blofse Fehler der Volkssprache zu
betrachten, so dafs wir hier von ihrer Aufzählung absehen können.
Die waldensisehe Bibel. ,'}97
Fassen wir nun die ganze Besonderheit unsers Dialekts,
Avie sie im Vorstehenden dargelegt worden ist, in Ein Bild
zusammen, so werden wir einen Augenblick im Zweifel sein
können, ob das was vom Gemein -Provenzalischen abweicht,
mehr auf Nordfrankreich hinweist oder sich mehr den italieni-
schen Mundarten zuneigt. Bei näherer Betrachtung wird sich
indefs dieser Zweifel vollständig lösen. Mehr französisch als
italienisch waren nämlich hauptsächlich die Vocalverhältnisse,
namentlich die gewöhnliche Abschwächung des a in e, das
Ueberwiegen der Diphthonge ei und o/, die Verdumpfung des
au und o zu ou; ferner die Einfachheit und häufige Elision
der Consonanten, die nicht seltene Anwendung des cÄ , die
Entstehung des .;' aus blofsem i, des it aus et; endlich beim
starken Verbum gewisse Vocalwechsel und ns ^ rii statt pr. 5, t.
Mehr italienisch als französisch war in den Lautverhältnissen
nichts weiter als ebenfalls gewisse Vereinfachungen der Con-
sonanz, die häufigeren vocalischen Ausgänge besonders der
Feminina (auch tortora^ passera, wie im Italienischen), und
die Zulassung des « impurum im Anlaut; aufserdem aber
die Umschreibung durch rosa, die Adjectivendung -irol, das
Diminutivum alcaiitct, und lo und la bei unpersönlichen Ver-
ben (ein piemontesischer Gebrauch). Dazu kommt ferner
eine grofse Anzahl nicht provenzalischer Worte, die das Wal-
densisclie nicht mit dem Französisclien, wohl aber mit Italie-
nischen gemein hat: czop, socz und soczar, istar und tstage {nie
est.), scampar, scalqneiar , soperchar, via st. vecz^ facia , Dio,
sencza, encreyser (taedere) nebst encreisit^ol und encreisament, em-
pprczo que und ja ,sia czo que^ scarczar (it. squarciare), gilh (giglio
pr. lili) und jolh (gioglio pr, juelh), deme)itii/ar (dimenticarsi), cii-
hilar (pr. cobeitar), .vf^rcor« Luc. XIII, 8; Vestraqueta (vgl. it.
straccare, fatigare) 1. Thess. II, 9, vexcncla (vicenda) I.Tini. V, 4;
naudar (saldare) AA. III, 7; -lerroJcza (cerevogia) Luc. I, 15;
])ii))a (mannna, piemont. ebenso, wohl nicht von pupa, puella,
sondern von pulpa, caro, abzuleiten) und piij)ar XI, 27; fmra
(pr. bera) VII, 14; rauiola (tinea, piemont. ebenso) Jac. V, 2,
Mtth. VI. 19; encloNtre (inchiostro) 2. Joh. 12 oder enrostre
'S., 1,3 (wie venetianisch) u.a., deren Menge, wie die spätem
Schriften zeigen, noch in stetem Wachsen begi'iffen ist, wäli-
rend sich von französischer Seite derselben nichts gegen-
überstellen läfst, als etwa spanchar (epancher), chamba (jambe,
pr. gamba), marci (merci, pr. merce), nautovier und ciliar
398 Giü/.macher.
(enter, insororo) Rom. XI, 17- Wenn wir nun das \v<is un-
sorm Dialekte mit jeder von Ijeiden Sprachen gemeinsam ist
mit einander vergleichen , so fällt in die Augen , dal's Alles
w^as auf Noi-dfrankreich hinweist, die Laute selbst, die Grund-
lage der Sprache, betriff't, was an. das Italienische erinnert,
sich auf einzelne Formen, Wendungen und Wörter bezieht.
Die gröfsere Anzahl und weniger veränderte Gestalt, in der
diese letzteren in den spätem Schriften vorliegen, hat mir schon
in meinem frühern Aufsatze das Ilesultat ergeben, das aus
dem Neuen Testament schwerer zu gewinnen sein würde, dafs
dieses italienische Element piemontesisch ist, und dafs aufser
Formen und Wörtern auch sogar die den Piemontesen als
Bergvolk eigenthümliche harte und kurze Aussprache auf das
Waldensische übergegangen ist, worauf ich mich hier zu ver-
weisen begnügen mufs. Andrerseits aber geht aus den halb
französischen Lautverhältnissen unwidersprechlich hervor, dafs
die Heimat der Sprache ein an Nordfrankreich grenzender
Theil der Provence sein mufs, und zwar ein in der Gegend
der Dauphinee und Burgunds gelegener, an deren Laute wir
den gröfsten Anklang gefunden haben; diese bereits fertige,
halb provenzalische , halb nordfranzösische Sprache mufs dann
erst italienischem, und zwar piemontesischem Einflüsse ausge-
setzt worden sein , welcher allmählich immer mehr auf sie ein-
gewirkt und ihr zuletzt sogar den Stempel der eignen Natur-
verhältnisse aufgedrückt hat. Kein Theil der Provence hat
aber diese sowohl dem Norden benachbarte, als nach Piemont
offene Lage, als Lyonnais, das wir daher mit Zuversicht als
die Heimat der waldensischen Sprache werden betrachten dür-
fen. Herzog sagt, wo er von der Herkunft der Sprache
redet, ohne weiteren Beweis, an Lyon und Umgegend sei
nicht zu denken; für uns steht im Gegentheil die Thatsache
der lyonesischen Herkunft schon aus sprachlichen Gründen
so unzweifelhaft fest, dafs wir kaum der Bestätigungen bedür-
fen, die in den Umständen liegen, dafs Waldus ein Kaufmann
in Lyon gewesen sein und auch dort seine Uebersetzung an-
gefertigt haben soll, dafs die Waldenser selbst sich i^au-
2^eres da Luyduno genannt und aus Lyon vertrieben in die
piemontesischeo Thäler gekommeu sein wollen. Die walden-
sische Sprache ist der Dialekt von Lyon, wie er zur Zeit des
Waldus, also gegen Ende des 12. Jahrhunderts, geredet wor-
den ist, umgestaltet durch piemontesischen Einflufs , welcher
Die waldensisclic Bil)el. 399
das ursprüngliche Element im Laufe der Zeit immer mehr
überwuchert, aber selbst bis heute noch nicht so vollständig
unterdrückt hat, dafs sich nicht noch in einzelnen Zügen (wie
z. B. dem Futurum auf -ei) der ausländische Ursprung vcrriethe.
Auch über die Zeit, in welche unser Dialekt zu setzen
sein möchte, wird uns dieser selbst nicht ohne allen Aufschlufs
lassen, und hier sind es besonders die Flexionen und die
Wortbildung, welche uns darauf einen ziemlich sichern Schlufs
erlauben. Wenn wir diese abgestumpften Formen, den Ver-
lust der Casus, die Beschränkung auf zwei Declinationen, den
nur noch in geringem Grade festgehaltenen Conjugationsunter-
schied, die Vermischung und VerNvilderung aller Formen, die
Weitschweifigkeiten und Ungeschicktheit fast aller Ableitungen
und Zusammensetzungen,' kurz die Gesammtheit der oben dar-
gelegten Bcugungs- und Bildlingsverhältnisse uns vergegenwär-
tigen, so werden wir keinen Augenblick darüber in Zweifel
sein, dafs dieselbe einer Zeit angehören mufs, die bedeutend
hinter der Blüthezeit der provenzalischen Sprache liegt. Ein
strenger Beweis ist hier freilich nicht zu führen; auch müssen
wir erwägen, dafs wir es mit einer Volkssprache und dafs
wir es mit einer Mischsprache zu tbun haben, von denen bei-
den ein Festhalten der Formen nicht zu erwarten ist. Be-
denken wir indefs , dafs die waldensischen Tractate, wie Her-
zog nachweist, ihres Inhalts wegen zum Theil nicht vor der
Hussitenbewegung entstanden sein können, zum Theil ersicht-
lich noch späteren Ursprungs sind, dafs aber die Sprache des
Neuen Testamentes eine nur wenig ältere Form ^) aufweist
(wobei noch in Anschlag zu bringen ist, dafs man dieselbe
gewifs verhältnifsmäföig rein und würdig, also archaistischer
zu halten suchte), während sich das Waldensische seit jener
Zeit dergestalt verändert hat, dafs nur noch wenige von den
ursprünglichen Zügen darin zu entdecken sind, so werden wir
nicht umliin können, uns die Zeit der Abfassung des Neuen
Testaments als der der Tractate möglichst nahe liegend zu
denken, zumal die Gilly, wie es scheint, ganz unverständlich
gewesene Zahl 1522 am Schlüsse des einen der drei gleich-
lautenden Manuscripte zwar nicht beweist, dafs die Ueber-
') Ztinial in ihren späteren Theilen , wo sich schon rein italienische
Formen und Schreibungen, wie diache (diaconus), modo, t'icü, ja so-
«ar die Präposition dn lindet {aqtiilh qne son da la fh Gal. III, 7).
400 (iriizaiaolier
Setzung erst im Jahre 1522 angefertigt, wohl aber dafs sie in
diesem Jahre noch verstanden und gebraucht wurde. Wenn
sich also auch die Frage welcher Zeit die Entstehung unsrer
Uebersetzung zuzuweisen sei, nicht mit vollständiger (Genauig-
keit beantworten läfst, so leitet doch das keinen Zweifel, dafs
sie dem 12. Jahrhundert nicht angehören, also auch nicht die-
jenige sein kann, welche der Stifter der waldensischen Secte
veranstaltet haben soll. Auch sind die Gründe, welche Gilly
(p. XCV sqq.) zur Unterstützung seiner Ansicht, dafs es in der
That diese sei, anführt, mit Leichtigkeit zu widerlegen. AYal-
dus, sagt er, habe, wie Stephan von Bourbon berichte, auch
auctorit (tieft Sanctorum, per titidos congregata-s^ quas sententias
appellabcmt , in der Volkssprache gesammelt, welche noch vor-
handen und in derselben Sprache abgefafst seien wie das
Neue Testament. Es liegt aber auf der Hand, dafs die Trac-
tate, die er damit meint, eine noch jüngere Sprachform auf-
weisen und noch weniger aus dem 12. Jahrhundert herrühren
können als die Bibel; auch ist durch Nichts bewiesen, dafs
nicht Waldus ähnliche Tractate abgefafst haben könne, die
dann, als sie der Sprache wegen unverständlich geworden
waren , übersetzt oder umgearbeitet wurden. Ferner, sagt er,
trage unsere Uebersetzung Spuren der von der Vulgata des
Hieronymus hie und da abweichenden versio Itala, wefshalb
anzunehmen sei dafs sie unter Mitwirkung italienischer Ge-
lehrter entstanden sein möge; nun erwähne aber Stephan von
Bourbon , dafs Waldus bei seiner Arbeit italienische Gehülfen
gehabt; daraus ergebe sich ebenfalls die Identität beider. Es
liegt aber wiederum am Tage, dafs darum unser Text sehr
wohl eine Uebersetzung des von Waldus gelieferten sein könne.
Ganz am Schlüsse seiner Abhandlung (p. CT) fühlt endlich
Gilly selbst sowohl das Naheliegende dieser Einwände als die
sprachlichen Bedenken und sagt: ,,The dialect is less purely
Proven^al than that of the Paris and Lyons copies, and par-
takes more of the Italian than of the Gallic Romaunt ....
The Paris Ms. 8086 is not improbably a transcript of the
earliest copy produced by Waldo .... The Dublin, Zürich,
and Grenoble Mss. display, in my opinion, marks of a re-
vised and improved edition, which .... may have been put
forth alter Waldo's journey to Italy , and when he mixed, as
Stephen of Borbon teils us he did , with the Lombard sepa-
ratists from Rome" etc., womit er freilich der Wahrheit noch
Die waldensi^tlie Bibel. 401
nicht viel näher rückt. Nicht einmal soviel kann zugegeben
werden, dafs unser waldensischer Text eine neue Ausgabe
oder sprachliche Umschrift des allerdings wohl älteren Pari-
ser oder Lyoner sei , wenn er auch vielleicht von diesem
durch eben so viele Jahrhunderte geschieden wäre, als nach
Gilly's Meinung Jahre oder Jahrzehnte zwischen ihnen liegen.
Vielmehr reicht schon eine flüchtige Vergleichung des 1. Cap.
Johannes in den beiden Versionen hin zu beweisen , dafs die
waldensische nicht auf einer der beiden andern beruht, sondern
von Neuem aus der Vulgata geschöpft ist; und mehr noch als
die zahlreichen Verbesserungen einer oder beider, deren Aus-
einandersetzung hier zu weit führen würde, beweisen die in den
älteren Versionen vermiedenen , in der waldensischen aber be-
gangenen Fehler (wie V. 1. Lo filh etc. Aiczo era^ nämlich
Verbum ; 5. la Incz luczit oder luczic, statt lucz; 12. creseron
statt crezoti u. dgl.), beweisen ferner die unaufhörlichen Ab-
weichungen in unbedeutenden Einzelheiten, die zu verändern
gar nicht nöthig gewesen wäre , dafs die älteren Versionen
bei Abfassung der waldensischen gar nicht einmal zu Rathe
gezogen, wenigstens nicht benutzt worden sind. Es bleibt
eben Nichts übrig, als unsere waldensische Üebersetzung von
allen uns bekannten früheren vollständig zu trennen und sie
als eine zu betrachten , die unmittelbar nach dem lateinischen
Original, zum Gebrauche der piemontesischen Waldenser, ge-
gen Ende des Mittelalters verfafst worden ist.
Was aber die Üebersetzung betrifft, welche auf dein La-
teranensischen Concil von 1179 dem Papste vorgelegt worden
ist und welche den Berichten der Geschichtsschreiber nach
den Petrus Waldus zum Verfasser haben soll, so kann es zu-
nächst für ausgemacht gelten, dafs dieselbe gar nicht in wal-
densischer Sprache abgefafst gewesen ist. Was wir walden-
sische Sprache nennen, hat ja zu jener Zeit noch gar nicht
existirt, sondern sich erst nach dem Uebergange der Wal-
denser nach Italien und ihrer Verbindung mit den Piemonte-
sen allmählich entwickelt. Wollen wir aber das damalige
Lyonesisch, welches allerdings, wie wir gesehen haben, die
Grundlage des Waldensischen ist, mit diesem Namen bezeich-
nen, so ist es weit weniger glaublich, dafs Waldus, um die
heilige Schrift den Laien zugänglich zu machen, sich dieses
wenig bekannten , eng bt^grenzten und wahrscheinlich ganz
J.ilirb. f. loiii. u. cii;.'!. Ml. IV. 4. 97
402 Grüzmacher. Die waldensische Bibel.
rohen ^) Volksdialekts bedient habe, als vielmehr der reichen,
schönen und literarisch ausgebildeten provenzalischen Sprache,
welche gerade damals auf der Höhe ihrer Entwicklung stand
und nicht allein in Südfrankreich von Hoch und Niedrig, son-
dern weit über ihre Heimat allgemein verstanden wurde. Die
Sprache Bertran's de Born konnte hier allenfalls die lateinische
vertreten; die Anwendung des lyonesischen Patois wäre eine
Entweihung der Bibel gewesen. Anders verhielt sich die
Sache einige Jahrhunderte später, wo das Provenzalische un-
tergegangen war, das Waldensische dagegen unter der Secte
durch fortwährenden, wohl auch literarischen, Gebrauch an
Autorität gewonnen hatte, und eine Uebersetzung nur für ihre
eigenen Zwecke berechnet sein konnte, nicht wie damals für
das Yerständnife des Volks überhaupt ; diese Uebersetzung
konnte natürlich nur in waldensischer Sprache abgefafst wer-
den, jene erste aber war provenzalisch. Ob diese erste Ueber-
setzung uns noch in einer der beiden provenzalischen Ver-
sionen, der Pariser Handschrift 8086 und der Lyoner 60,
erhalten sein möge, ist eine Frage, die sich aus dem Abdruck
je eines Capitels nicht wohl beantworten lälst. Jedenfalls
würde es nicht die Pariser sondern die Lyoner sein, deren
Sprache älter und im Ganzen so beschaffen ist, dafs sie dem
Ende des 12. Jahrhunderts zugewiesen werden könnte, obwohl
sie in einzelnen Punkten von dem klassischen Provenzahsch
abweicht. Dafs diese die in der unsrigen vermuihete L'eber-
setzung enthalten möge , ist sehr glaublich . und um so mehr
zu wünschen, dals sich lur dieselbe bald ein Herausgeber fin-
den möge, als sie in diesem Falle zugleich eine der ergiebig-
sten und zuverläfsigsteu Quellen für die weitere Erforschung
der provenzalischen Sprache eröffnen würde.
') Es isr mir aller angewandten Mühe ongeachtet nicht gelungen,
eine Spur von literarischer Ausbildung dieser Mundart, ja auch nur
eine nähere Nachricht über ihre Beschaffenheit aufzufinden.
Berlin.
Gr ii z m acher.
Caniljouliu. Konians snr l'ei)iprisoniiment du priiice de Viane. 403
Romans (Elegie) .snr remprisoiinement
du princc de Viane — tire du Ms. 7699 de la bibl.
imp. intitule Can^oner d'obras enamoradas.
La piece qu'on va lire se rapporte a la longue et
sanglante iiisurrection qui eclata en Catalogne contre le
roi Jean II (14ul) et dont la mort du prince de Viana
fut la principale cause. Issu d'un premier marlage de
Jean II avec Blanche de Navarre, fille et heritiere de
Charles le Noble, ce mallieureux jeune homme, ä qui sa
mere avait legue en mourant ses droits ä la couronne
sous la reserve de n'en user qu'avec le consentement de
son pere, se vit contraint plusieurs fois de prendre les
armes pour se defendre contre les intrigues de sa belle-
mere, la hlle de l'amirante de Castille. Jeune, belle, am-
bitieuse, cette princesse s'etait d'abord emparee de l'es-
prit de son mari qu'elle avait anime d'un ressentiment
implacable pour le fils de Blanche. Battu en plusieurs
rencontres celui-ci s'etait retire en Italic, ä la cour de
son oncle Alphonse V, emportant dans son exil les vi-
ves sympathies de la nation et surtout des Catalans dont
il etait Tidole. En montant sur le tröne d' Aragon,
Jean II craignit que son tils ne fut tente d'abuser de la
popularite dont il jouissait. II l'invita en consequence a
venir se fixer ä Majorque alin d'etre ä portee de surveiller
ses deniarches. Le jiriuce quitta ritalie et vint debarquer
non pas a Majorque, mais ä Barcelone, oü il n'aurait
tenu qu'a lui de faire une entree triomphale. Irrite de
cet acte de desobeissance, le roi qui etait alors ä Lerida,
manda le jeune homrae aupres de lui. Celui-ci eut l'im-
prudence d'obeir. A peine arrive, il fut arrete, jete en
prison, mis sur le champ en jugement et declare cou-
pable de complot. C'est la que commence notre Romans.
A part la figure allegorique qui porte brode sur sa robe
«je m'appi'lle la renommee » et qui jctte un peu de froideur
sur le debut, on ne saurait peindre en traits plus vifs
rc'inotion profonde que cet evencnient causa dans tout le
27*
404 Cainlxniliii
pays. Puis vient le lecit d'une ambassade envoyee par
Barcelone et beaucoup d'autres villes (universitats) vers
le roi Jeau pour reclainor la liberte du princc Je trouve
chez plusieurs historiens inoderues au sujet de cette am-
bassade que le roi se montra tout d'abord inflexible et
que les deputes s'en retournerent sans avoir rien obtenu.
Notre Romans indiqiie iine niarche un peii difierente et
plus conforme a la Situation des personnages. En premier
lieu ce n'est pas de Ijerida, que le roi avait deja sans
doute quitte, mais de Hitona que les deputes expedient
leur premier courrier a Barcelone (fou rebut un correu —
prest e volant despatxat en Hitona). Puis les nouvelles
que ce courrier apporte ne sont rien nioins qu'alarnian-
tes. Le prince se porte bien; Tambassade a ete accueil-
lie avec une grande bienveillance (no niostrada rigor)
par le roi et la reine qui Tont ajournee a la mesfre ciu-
tut ^ a la capitale. La reine a meme offert genereusenient
aux deputes ses bons offices. Ce nVst qu'a Saragosse
que les choses changent de face. C'est la que le roi
ayant autour le lui tot so/i estut^ et se sentant d'ailleurs
hors de la portee des Catalans, declare sans detour que
son lils est un grand coupable, qu'il nierite dcshonneur^
et quMl ne doit point esperer de pardou. Les Catalans
se retirent pleins d'indignation, et le poete, qui pressent
quelque catastrophe, termine par des voeux ardents ä
Notre dame.
Cette tin indique claireinent que la pieee, bien que
datee de Bruxelles, est contemporaine de l'evenenient.
Du reste, je n'ai pu me procurer aucun renseignenient
sur Tauteur, et je ne saurais dire s'il residait ä Bruxel-
les ou s'il s'y trouvait par hasard en ce moment. Quant
aux suites de Taffaire, on aait que la Catalogne se sovi-
leva tout entiere avec un entrainenient inoui; que le voi
contraint de ceder relächa son prisonnier et se reconci-
lia avec lui; niais que le jeune prince etant mort subite-
ment trois jours apres, les Catalans, qui, a tort ou a rai-
son, accuserent la reine de Tavoir fiiit empoisonner,
reprirent les armes pour le venger et lutterent en deses-
peres pendant plus de dix ans.
Romans snr l'eniprisonnenient du prince de Viane. 405
Fogassot etait contemporain d'Ausias March; sa langue,
a part quelques incertitudes d'orthographe que nous avons
cru devoir reproduire, est celle du celebre poete, c'est-
a-dire le vrai et pur catalan de la belle epoque. Le
Manuscrit se lit tres courammeut. Nous n'avons ete ar-
retes que par le dernier vers de la neuvieme Strophe qui
est evidemment corrompu et auquel il nous parait bien
difficile de donner un sens.
Romans fet per Johan Fogassot, Notari, sobre la
preso e detencio del illustrissim senyor don Karies
princep de Viana e "primogenit d'Arago, loqiial fou
fet en la vila de Bruxelles, de! ducat de Brabaiit
en lo mes de fabrer any 1461.
Ab gcmechs grans , plors e sospirs mortals
senti las gents dolres per las carreres,
plasses, cantons, en diverses maneres,
los ulls prostrats, estan com bestials.
Dones d' estat viu esser desfressades,
lagremeiant e batense los pits;
los infants pochs eriden a cruels crits,
vehents estar llurs mares alterades.
O trist de mi! Quin fet pot ser aquest?
De quant en(;a estaxi Barsalona?
L'arm' ab lo cors de cascu se rahona;
acte semblan no crech may sia lest.
Car de llurs ulls diluvi gran despara
d'aygua tan fort que per terra 'Is decau.
Ay! Ques axo, germans, dir me vullau!
Tots estan muts e guardan me 'n la cara.
Creix ma dolor per tal capteniment,
e de plorar los flu prest companya.
Molts esfor^ats perden la honienia,
e cascu diu gemegant e planyent :
0 ras omnes qui transitis per riam , lütenditc et i-ideit si est
dolur siciit dolor meus.
Eötant axi ab desitg molt extrem
d' esser fet ccrt d' una feyna axi trista,
una galant ab iinimosa vista,
lo pas cnytat, per lo Ixuii veinr vcm.
406 Canibouliu
L' abit seu es una corta merlota
cusida mal d' uii negre drap e gros ;
de bells cabells per espatUus e cos
tots escampats portava molt grau flota.
Del drap ja dit per son habillament
sens null perfil portava la gonella
hon brodat viu: «Lo mon Fama m' apella/.
de fil tenat ab Uetres , rudament.
Sonaba fort una soberga trompa
que de molt lluny sc podia scoltar,
pronunciant ^o qu'ella deya dar,
cridant, plorant: «A part, a part, la pompa!
pöble devot de gran fidelitat,
pres es aquell qui feye per empresa
llebrers humils apartats d'altivesa
ab lo sant mot qui tant es divulgat:
qui se humiliabit, exaltabltur. »
Hoyt a<jo , perdi lo sentiment
per mes espay que dir un pare nostre,
puys digui los : « del princep ho diu nostre
tant desi^at per infinides gents.»
Apres pensi que no era possible
scmblant senyor esser desllibertat.
Mas esser ver per tots ra' es affirmat,
dihent que molts n' an avis infallible
per alguns seus afiectats curials
qui narren com en Lleyda feu la prcsa
lo senyor rey ab furor molt encesa
qui certament es informat de fals;
e que no te lo princep esperan^a
sino en Deu e 'n lo gran principat,
en r excellent Barsalona ciutat
per fer tornar la tempesta boiian^a;
e qu' axi ells , deserts e desviats ,
van despergits e cerquen mediciua
ans que lo cors l'arma lexe mesqiüna
coma perduts e del tot desperats,
quo/iiam, relicto illu , omnes fugerunt.
E per sentir lo fet com es passat
sobres dolor mon espirit s'enflama,
e, congoxos, segui la dita Fama
coses dihent d'extrema pietat:
Com al exint de Lleyda a certa liora
molt fort guardat lo princep dessus dit
nol es permes s' acost gran ne petit
sens esperans' ab la Reyna senyora ;
Romans sur remprisoiinemeut du prince de Viane. 407
mas entrels peus de mules e rossins
molts servidors , ab voluntats excesses ,
lexen, planyent, de plors fetes gran messes, «
alterats tots conia perduts mesquins;
als quals voltat, dix: «servidors e frares,
fet es de mi!» degotants los uUs seus.
«James nous puch mantenir, devots meus;
tornau vos ne a case vostres pares. »
Don ploren tots, homes, doues , infants;
nes' te cruel, si 'n raho comunica, •
per tal parlar qui breu vida 1' indica,
no li rompes lo cor vists los cridants :
Domine, die nobis qui sequuti sumus te quid nobis erit?
Ah! quin novell a tots los servidors
ffoix lo donar axi 'margua licencia!
Pensau ab quäl trist gest e contiuen^a
se parten d' eil, los faels serguidors!
Uns d' una part, altres d' altre s' en tornen,
plurant, planyent llur princep e senyor,
molt consternats, plens d'extreme dolor,
que sol un punt no folguen ne sojornen.
Esta pensant cascu incessantment
lo cas cruel, congoxos, molt orrible,
la gran furor, rigorosa, terrible
ab que era fet tal apresonament;
hon ja tot hom lleva balan^a e suuui
qu' el dit senyor es molt prop de la mort.
Defall lo seny, lo saber e conort,
dira lo foch per totes parts tal fuma.
Mas nol lexa en tots aquests aöers
lo tant privat et volgut Vilarassa,
que per carrers , plassas , camins e casa
semprel segui, cullint tot lo proces.
lUe autem »equebatur etim a longe.
De continent rebut aquest avis
lo principat fael de Cathalunya,
qui satisfer al degiit may se Uunya,
hach provehit promptament. Sens divis,
al senyor Rey tramet grans ambaxades
per subvenir a tal necessitat;
e semblant fa cada Universität.
Cavalquen prest, tiren a grans jornada."
los reverents, cgregis , magnifichs
ambaxadors nobles e honorables
de tots estats hon van molt ooncordabb's .
<r esforv viril no nio.'-transe 'noinichs.
408 Cambouliii
Hoyren donchs a una von lo pöble
plorant cridar: ((No niuyr' el bon senyor;
no y plangani res, conegua nostre anior!»
axo dihent ab cor devot, immoble.
uSupplicau ne la Real Majestät,
offcrint vos estar ne a la sniena.
Purguem ho tots e non' port eil la pena
se de null fet pot esser inculpat.
Hie enim est salus et resurrectio nostra per quem sn/rati et
liberati sumus.»
Dir so constret un tan extrem voler
ences en tots habitants de la terra
vers dit senyor (e no crecli que m' en erra)
divinal do esser molt vertader.
Los monastirs e las esgleyes totes
ffan professons molt be devotament,
lagrameian, deu pregan humilment
que les presons del princep sien rotes.
Homes d' onor e tot lo populär,
dames galants e les altres comunes,
qui 'n aquest fet se mostren totes unes,
lexen a part 1' uflanos habillar;
cessen tots jochs, cessen les alegries,
cessen danpars, cessen tots los delits;
de planys e plors tots estam molt fornits ,
deu suplicants , dihents grans litanies.
Semblant tristor nos viu en negun tenips:
encortinats veig estar los retaules.
O mala sort! E quin jocb nos entaules?
Tristor e dol han vuy favor ensenips.
Et ex illa hora tenebro' fact(v sunt suprr (inirersam (erram.
No passa molt fou rebut un correu
prest e volant, despatxat en Hitona
dels legats dits, remes a Barsalona
als deputats — don fem Hahors a deu
Uetres portant ab lasquals avis feren :
«Viu e despos es dit princep senyor,
e que molt be, no mostrada rigor,
lo senyor Rey e 'a Reyna als reberen ,
e qu' era ver. Apres fonch supplicat
per ells del fet a la real presen^a ;
los fou respost ab plasent continen(^a,
remetent los a la mestre ciutat:
Romans sur riiuprisonncüient du prince de Viane. 409
e, mes anant, com la senyora reyna
molt decentment ha pres lo llur veiiir
offerint se de bon cor subvenir
ab ells essenis a la predita feyna:
e visitat per ells lo princep dit,
confortants lo en manera deguda,
mes s' en llurs mans, demanant Hur ajuda,
cascu li diu aqui en son espirit:
Etiamsi opportuerlt me mori lecum, tion te negnbo.
Apres que l'ou lo rey ab son cstat
junt en la gran ciutat de Saragossa ,
los Cathalans fan llur deguda cossa
per obtenir del princep llibertat,
supplicant ne la real Excellenpa,
com se pertany cle bons e fels vassalls,
molt humilment de paraules, ab talls
apuntats be , composts en pr(>viden<;'a;
deduhints hi l'escampanient de sanch
gran e soberch per la gent cathalana
seguint los reys per tota part mundana
fet, no duptant morir ab cor molt franch.
Houen respost de 1' alta senyoria,
com lo seu fiU es trobat en error
molt gran e fort, den mereix desonor,
e qu' a merce pendre ia nol poria.
Repliquen li, supplicant virilment:
per gran que fos la liiial ofensa,
maior es molt l'alta reyal clemencja.
(De quens fas vot se diu palesament)
In omnem terram exivit sonus eorum et in fiiies orbis terrae
verba eorum.
Recors a nostra dona.
Uecorregani donchs ab devocio
a la gran fönt de pietat e smena.
Prech son fill car presthara fi la pena
que soportam de la stranya preso.
E (jue no guard la nostra gran somada
de pccats lleigs comesos en passat,
Merce, merce olamam e pietat,
Reyna dels cels , pus sou nostra avocada
e per nos trists vos pres per mare Deu.
Girau, ^'irau vostr' amorosa vista,
mirau dulur de pöble axi trista,
dau nos soc«rs, vorgc , nous sia lircul
410 CambouHu Romans sur l'imprisonnement de Prince de Viane.
No permitan perir talment la terra
qu' esta sperant 1' excellent presoner;
sera senyor de pau, justicier;
Santa dels sants, tal dan nous fassa giierra
Ffeu haiam prest de goig un tal novell
quäl esperani verge de vos Maria,
c puxam dir ab solemne alegria
lo cantich sant, molt singular e bell:
H<KC est dies quam fecit dominus, exultemus et lasteviur in ea.
FINIS.
F. R. Cambouliii.
Le bestiaire d'amour p. ß. de Fournival, publ. p. Hippeau. 411
Kritische Anzeigen.
1. Le bestiaire d'amour par Richard de Fournival, suivi de la repoiise
de la dame, enrichi de 48 dessins graves sur bois , publies pour la
premiere fois d'apres le manuscrit de la bibliotheque imperiale
par C. Hippeau. Paris, Auguste Aubry. 18G0. 8". (XLIII, 159.)
2. Le bei inconnu ou Giglain fils de messire Gauvain et de la fee aux
blanches maiiis , poeme de la table ronde par Rcnauld de Beaujeu
poete du XIII siecle, public d'apres le manuscrit unique de Lon-
dres avec une introductiou et un glossaire par C. Hippeau. Paris,
Auguste Aubry, 1860. 8". (XXXIX, 330.)
Bekanntlich hat es Hr. C. Hippeau . Pi-ofessor zu Caen,
seit einigen Jahren unternommen, eine Sammhmg von Werken
der altfranzösischen Literatur in schön ausgestatteten Bänden
herauszugeben. Die erste Veröffentlichung ,,la vie de Saint
Thomas" hat im Jahrbuche schon eine Besprechung gefunden;
ich will hier über die zwei anderen, die oben angezeichneten,
einiges bemerken,
1. Der von Paulin Paris (Hist. litt. 23, 73.3) ausgedrückte
Wunsch ist nun zum Theile schon erfüllt worden, denn wenn
auch nicht alle AVerke Richard de Fournival's zum Abdrucke
gelangten, so ist uns doch dasjenige zugänglich gemacht
worden, welches, nach der Zahl der Handschriften zu ur-
theilen, sich bei den Zeitgenossen einer besonderen Beliebtheit
zu erfreuen hatte; ich meine nämlich den ,, Bestiaire d'amour."
Acht Handschriften fand davon P. Paris in der grofsen Pariser
Bibliothek, und zwei beschrieb er mit ziemlicher Ausführlich-
keit; 7019^, die von Hippeau benützte (H), im 4. Bande der
Mss. fran^. (S. 20 — 30) und La Vall. 81 im obenerwähnten
Aufsatze der Hist. litteraire. Er führt auch einige Stellen aus
beiden, und zwar fast durchgehends dieselben, an: der Ver-
gleich zeigt manche, wenn auch kaum bedeutende, Abwcicliungen
im Ausdrucke. Ueber die anderen Handschriften erfahren wir
von Hrn. Hippeau nichts weiter, ein Versäumnifs, welches be-
dauernswerth erscheint. Bei Veröffentlichungen, wie die vor-
liegende, sollte man nie aufser Acht lassen, dafs eine neue
Herausgabe weder leicht zu erwarten noch überhaupt zu wün-
schen ist; man nmfs also den Gegenstand, welchen man auf-
nimmt, erschöpfend bearbeiten, um die Nothwendigkeit einer
neuen Untersucliuiig zu beseitigen. Es gibt noch zu viel zu
thun auf dem Gebiete der mittelalterlichen Literatur und die
Bearbeiter derselben sind eine zu geringe Anzahl, als dafs
412 Kritische Anzeigen:
iiiclit joder trachten sollte, seiner gestellten Aufgabe voll-
ständig gerecht zu werden. Mit dem Abdrucke einer einzigen
Handschrift, und wäre sie auch die beste, wird aber dieser
Zweck nicht erreicht. Keinem Herausgeber kann daher die
Pflicht erlassen werden, alles bezügliche Material zu erforschen,
dasselbe, so weit es ihm zugänglich ist, zu prüfen und den
Gang oder wenigstens die Ergebnisse seiner Untersuchung dem
Leser möglichst vollständig mitzutheilen. In unserem Falle
aber wäre diese Vergleichung um so gebotener gewesen, als
der Bestiaire d'amour zu jenen Werken zu gehören scheint,
welche durch ihre Popularität mannichfache Bearbeitungen zu
erleiden hatten. AVenigstens bietet die Handschrift der Wiener
k. k. Ilofbibliothek No. 2609 (Pergament, fol., 13. Jahrhun-
dert mit Miniaturen) 1) eine Redaction, Avelche von dem ge-
druckten Texte sehr bedeutend abweicht. Dieselben Gedan-
ken werden mit grofser, häufig ermüdender, Ausführlichkeit
breitgeschlagen; es finden sich auch hie und da manche um-
fangreiche Zusätze. Ich will, Fournival zur Ehre, gerne glau-
ben, dafs der Text von H das Original und nicht der Auszug
eines verständigen Epitomators sei; vollkommen aufgeklärt
kann aber das Verhältnifs nur durch die Vergleichung aller
Handschriften werden. Vielleicht trägt Hr. Hippeau diese Ar-
beit nach , oder es entschliefst sich irgend einer der Pariser
Mitarbeiter des Jahrbuchs dazu. Selbst in dem sehr wahr-
scheinlichen Falle, dafs diese Vergleichung die Wahl der Hand-
schrift II vollständig rechtfertigt, so wird die Benützung
der anderen doch die Emendation des Textes wesentlich
fördern. Denn es gibt im vorliegenden Drucke Manches, was
nothwendig der Berichtigung bedarf. Und zwar trägt nicht
immer die einzige gebrauchte Handschrift daran Schuld, son-
dern hie und da auch Mangel an der nöthigen Aufmerksamkeit.
So findet sich gleich auf der ersten Seite eine sinnstörende
Auslassung: ,,Et par ce que nus ne puet tot savoir, ja seit
ce que chascune chose puist estre seue, [si convient qe chas-
cuns sace aueune chose] et ce que li un ne seit qe li autres
le sace'- etc. Die eingeklammerten Wörter fehlen im Drucke,
stehen aber nach Mss. fry. 4, 21 in H.
^) ]''iner umständlichen Beschreibung enthalte ich mich mit Ab-
sicht, da eine solche recht bald von anderer Seite wird veröffentlicht
■werden.
Le bestiaire d'ainour p. R. de Fournival, publ. p. Hippeau. 413
Ich will nun hier zur Bequemlichkeit derjenigen, welche
nur den Druck benutzen können, einige der Stellen anführen,
welche sieh mit Hilfe der Wiener Handschrift (V) verbessern
lassen. Darunter nehme ich ein paar auf, bei welchen die
irrige Interpunction das Yerständnifs mehr oder weniger er-
schwert.
S. 2. Dex qi taut aime honie qu'il le riiit porveoir; lies
viut. V voh.
Ibid. Et jou de cui memoire vous ne poes issir, que la
trace de Tamor que j'ai en vous empire adies. V ni perie
(lat. pareat) ,. ihr könnet aus meinem Gedächtnisse nicht so
weichen , dafs nicht immerwährend eine Spur davon dort er-
scheine". Die folgenden Worte: jou n'en porroie estre si garris
que du mains ii'i parust la sorsaneure de la plaie bestätigen so-
Avol die Lesart als die Interpretation.
S. 3. - Der Verfasser will sagen, dafs in der Schrift
Wort und Malerei (Laut und Zeichen) auf gleiche Weise ent-
halten sind. Das Wort, denn wenn man das Geschriebene
liest, so hört man den Laut; die Malerei, pour ce que li let-
tre n'est mie ■lon , 7ie le paint. Die ganz unverständliche Stelle
erhält Licht, sobald man ,,mie, s'on ne le paint'' schreibt:
,,der Buchstab ist nicht vorhanden, wenn man ihn nicht malt."'
S. 3 — A. Die Stelle über den Hahn ist etwas verderbt.
Im Anfange ist wol statt plus pies de la jornee mit V de la
viespree et de la jornee zu lesen. In der Stelle ,,LavesprL'e
et la jornee, qui a nature de jor et de nuit est melle (Y mel-
lee) ensemble. Si seneiie Taniür etc.'' ist das Wort e.st,
welches bei V fehlt, gewils zu streichen, und an die Stelle
des Schlufspunktes nach ensemble ein Comma zu setzen. Wei-
ter unten ,,et quant je ?<'ai (V oc) aucune esperance, si sui
(V fui) aussi com ii vespree, si chante (V cantai) plus efforcie-
ment'* ist feii zu schreiben. [Die Perfecta bei V passen auch
dem Sinne nach weit besser als die Präsentia bei IL] Endlich
vermuthe ich in ejj'orciemerit, welches sich übrigens auch in V
iindet, einen Schreibfehler statt souvent^ denn letzteres W^ort
Avird von dem Zusannuenhange mit dem Vorhergehenden gefordert.
S. 6. Et puis que je fui premeraiiis renu-^-. — V rcns-.
S. 7. laissai-je le chanter ii cest arriere i)an faire et le
vous envoiai en maniere de cmitre escrit. — V eovte.
S. 10. La nouvele acointance si est comparee ii Tome
(iiu et l'amor.s confi-emee a riiome| vestu. Die eingeklammcr-
414 Kritische Anzeigen:
ten Worte sind aus V. Die Stelle, wie sie im Druck vor-
liegt, steht im offenem Widerspruche mit demVorangehenden
und Nachfolgenden.
S. 11. nen est il pris — ne n' est.
S. 13. ceste nature prueve que cs'autre nature — Z'autre.
S. 21. en totes les choses n'a si parfaite ordenance com-
me en chant ne s'i esquise — si.
Ibid. Li anciens avoient uns chans propres a chanter,
por ce que nus ne les oist qui ne fust entalantez de les oir''
et uns autres ä chanter as Services des morz , qui estoit si
piteus que nus ne les o'i'st qui se tenist de plorer. V bietet
„a chanter a noces'-'- und ,, entalantez de juer et de lui esjoir."
H hat wahrscheinlich fesioir = s' esjoir und f wurde für 1,
wie auch anderswo, verlesen.
S. 22. mes atant vos en soffisse ore solonc nostre na-
ture. Das Wort pafst nicht hieher. Besser mit V matere.
Ibid. ains fu voiz de la plus bele riens que je onqucs
eusse ouu. Die Form des letzteren Wortes — statt ou oder
besser oue — Hesse sich als Schreibfehler hinnehmen; der
Zusammenhang scheint mir aber nicht „gehört" sondern „ge-
sehen " zu erfordern. Der Verfasser erzählt wie er von der
Liebe überwältigt wurde : „mich besiegte die Stimme und noch
dazu jene des schönsten Wesens." M'aida dont la veue ä
prendre? oil. — V hat in der That veue.
S. 25. quant grues vont ensamble adies , en veille une
quant les autres dorment. Der Beistrich gehört vor adies.
S. 33. merci crie que, se ce ne me deust valoir, vos
coste fut pie^a overs. Die sinnstörende Negation fehlt in V.
Ibid. Coument en porroie-jou estre vengiez? Je ne sai
se ele amait aussi qui que soit qui de li n'eust eure. Ich
zöge vor nach sai ein Comma und vor aimait die von V ge-
botene Negations- Partikel n' zu setzen: „ich weifs nicht, es
sei denn dafs sie einen Undankbaren lieben sollte." Vgl. S. 35
je ne sai, se ce n'estoit por 90U etc.
Zwischen S. 37 und 38 iindet sich eine Lücke. Es ist
die Kede von der Hydra, welcher für jeden Kopf, den man
ihr abhaut, mehrere nachwachsen, ähnlich denen, die ein-
mal betrogen, dafür sieben betrügen. Und so verhält es sich
mit der Aeffin, welche den geliebten Sohn preisgibt, den ge-
hafsten dagegen rettet. Man fühlt sogleich den Mangel an
Le bestiaire d'amour p. R. de Fournival, publ. p. Hippeau. 415
Zusammenhang. Es fehlt in der That ein Zwischenglied, das
ich, zugleich als Probe von V , hieher setzen will.
f^. 26 b. De cest ydre me doute je niolt et niolt vau-
roie que me dame s'en gardast. Et nomeement de ceus qui
plus li fönt humeliance ^) et qui plus se fönt creables. Car
eil qui plus li dira „dame aidies moi a valoir" et qui dira
„dame souffres que je soie vos cuers vostre cevaliers u vostre
clers" c'est eil de cui il li couvient plus garder s'ele veut celer
sen covine. Car il ne quidera mie iestre ses cuers se il ne
le souhaide a ses cauces lacer et a s'en aler jouster voiant
tant de gent que qui ke soit li redie ne ne quidera'^) mie
k'ele li ait aidiet a valoir s'elle ne li crie au ferir des espou-
rons si que tout l'oient. Mais ce ke pis est il li samble que
il li couviengne avoir un menestrel qui crie ce a la breteske
que (26 c) ses sires ne fait ne prouece ne larguece fors pour
Tamour a celle belle dame ke tous li mens doit amer et hou-
nerer. De cest maniere de gens vauroie molt que uia dame
se gardast car miex ne li feroient il mie que la wivre fait a
ceaus de cui eile naist et vous dirai coument. •*)
Voirs est que la wivre est de tele nature qu'ele ne naist
onques devant cou k'elle ait ocit sa mere et maisment son
pere. Car li fumielle le concoit par le bouce de le tieste dou
malle, en tel maniere que li malles li beute sa tieste en la
bouce et eile le mort et trescaupe tout as dens de la grant
caleur de li et l'englout et le mangue et de cou concoit eile
et li malles denieure mors. Et quant ce vient a Fenfanter si
faoune par le coste en tel maniere qu'il le couvient crever et
morir.
Pour cou di jou que ceste maniere de gens doi jou par
droit apieler wivre. Car ausi come la wivre aucois qu'ele
soit parnee ocist ceaus dont eile naist ausi di je bielle et (26 d)
tres douce amee que eil ne pueent a celle valour qu'il dient
parvenir fors de poi plaire (?) Celles qui les aident a valoir
et d'autre part qui (qu'il ?) les fönt crever se point i a de va-
lour cou les aide a valoir. De ceste wivre nie doute je
molt et vauroie molt volontiers que ma dame s'en gardast.
^) Miniatur. La nature de rydre a pluisors tiestes.
2) Miniatur. Li maistres parlans a genous en humeliant a la dame.
^) Miniatur. La nature de la wivre qui mangue la tieste de sa
iiiore pour concoivre.
41() Kritbflic Anzeigen:
Et si ne sai je niic a droit li quol sunt wivre niais qui k"il
soioiit se nia ilaiiH? en a iiiil aquelli jou vauroie qii'il li ave-
nist de uioi et de lui aussi conie il avient de la siiigesse et
de ses faons. Car la singesse etc.
S. 38. Quant ele a taut fui qu'ele est lassee d'aller h
deus pies et qu'il li covient k force aler k un piez — iiij.
S. 40. Si tost come la nef le trespasse, ne tant ne
quant si met jus ses eles. Der Beistrich ist nach quant zu
setzen.
Ibid. Mes encor ne [nie] tiegniez vos niie. Das Prono-
men scheint unentbehrlich.
Auch S. 42 verniil'st man den Zusammenhang zwischen
den zwei auf einander folgenden Abschnitten. Die Liebe wird
mit dem Legen und Ausbrüten der Eier verglichen: li prendre
est le ponres et li retenir est li Covers. Eben so wie es der
Straufs zu thun pflegt, der um die gelegten Eier sich nicht
kümmert und die Sorge des Ausbrütens der Sonne überläfst.
\Vie verbinden sich nun diese zwei Gedanken? Ich werde
auch hier das Fehlende ergänzen.
28 0. Et pour cou di jou que puisque vous m'avez pris
c'est a dire puisqu'il n'est fenie s'ele me couvoit c'est a dire
retenist k'elle ne nie perdist au eri de ma vraie mere et cjue
jou tous jours ne vous sivisse quel part que je vous saroie.
Pour quoi jou di bielle et tres douce amee que puisque je ne
vous lairoie por autre et que je ne laisseroie vo cors pour
nul autre et que je lairoie toutes autres pour vous car je me
tieng a vous encore ne me tingnies vous mie et me sanle que
jou soie li singes que vous aves giete derriere vos espaules
et que vous ne me poes perdre. ^)
28 d. Et pour cou ma tres douce eiere amee selonc les
raizons desus dites ai jou encore aucune espei-ance com pau
que ce soit que je [a] vous demorrai en la fin. Mais la de-
moree si fait a douter car li oes que vous aves puns puet
bien tant demorer a iestre couves qu'il n'ara jamais mestier.
Car sacies de voir encore ai jou dit que aucune pietris emble
les oes a Tautre et les keuve si ne trouveroie je qui cest oef
couvast non por quant ne di je mie que jou le vausisse tro-
ver ains le di pour cou que j'ai aucune fois trouvet qui m'a
dit „folle seroit ore la ferne qui en vous meteroit son euer
') Miniatur. Des pietrizos d'aniours qui sivent lor vraie mere.
Le bei inconnu p. Renauld de Beaujeu publ. p. Hippeau. 417
et s'amor car vous iestes pris aillors de si vraie [amor?] que
eile perderoit quanques eile meteroit en vous." Et par aven-
ture ceste parolle u ausi sam[b]lable bielle et tres douce amee
m'ont dit molt de vaillans dames et me retenissent volentiers
se elles ne quidaissent que jou les deusse deguerpir a la vois
de ma vraie mere. Mais puisqu'ensi est que vous ne autres ne
voles cest oef couver il puest bien iestre perdus por longe
demoree. Et pierdu fust il pieca se ne fust un poi de resto-
rement de solas et de jolivetet de corage qui de nature de euer
me vient en quoi jou me reconforte ensi qu'il avient de l'oef
a l'ostrisse etc.
S. 45 teil se fönt molt loial qui niordent en trai'sson . . .
tieus n'a talent de raisson faire qui etc. — 1. traisson V.
S. 49. Es wird unterschieden zwischen denen, welche zum
Heere ziehen, um sich die Zeit zu vertreiben, und denen, die
hinziehen , um ihrem Herrn zu dienen : nur letztere sind als
treue Freunde zu bezeichnen. So auch in der Liebe. Ich
meinestheils (sagt der Verfasser) gehöre zu den letzteren: je
vous sui por la besoigne de trCaide faire. Es ist daraus kein
Sinn zu entnehmen. V hat por le besoingne ma dame faire.
Dem Werke Fournival's fügte H. Hippeau die ,, Response
de la dame" hinzu, über deren Verfasser man im Zweifel
sein kann. Von den acht Pariser Handschriften des Bestiaire
ist sie nur in den zwei oben angeführten enthalten. Sie fin-
det sich auch in V. V und H stimmen hier mit einander,
und wo sie abweichen, findet sich das umgekehrte Verhältnifs
wie beim Bestiaire : H ist nämlich etwas ausführlicher. Emen-
dationen liefsen sich in ziemlich grofser Anzahl auch für die-
sen zweiten Theil des Buches vorschlagen: ich glaube indes-
sen, dafs die bisher probeweise angeführten dem Zwecke voll-
kommen genügen werden, die Nothwendigkeit einer gründlichen
Revision des uns gebotenen Textes darzulegen.
2. Dafs Giglain, der Sohn des Herrn Gawain, auch
„der schöne Unbekannte" genannt, ein Held, dessen Namen
in den Gedichten der Tafelrunde häufig wiederkehrt (so z. B.
im Perceval, bei Holland, Chr. de Tr. S. 203 und Rochat,
über Perch. S. .34 und 136) auch in eigenen französi-
schen Dichtungen besungen worden sei, konnte man nicht
blofs vermuthen, sondern mit ziemlicher Bestimmtheit anneh-
men: dafür sprachen ausser dem deutschen offenbar aus fran-
zösischer Quelle geflossenen Wigalois noch das englische
.lahrli. f. roiii. ii. fiip;!. Lit. IV. 4. OQ
418 Kritische Anzeigen:
Gedicht Ly beau desconu, bei Ilitson (Metrical romances, Bd. 2)
abgedruckt, und der angeblich aus dem Spanischen übersetzte
Prosaroman Histoire de Giglan. Das französische Gedicht
selbst zu finden, war jedoch nicht gelungen, bis ein glücklicher
Zufall Herrn Hippeau dasselbe in einer dem Herzoge von Au-
male gehörenden Handschrift entdecken liefs. Man mufs ihm
zu wahrem Danke verpflichtet sein für die schnelle Mitthei-
lung seines wichtigen Fundes. Wir lernen darin eine sehr an-
ziehende Dichtung kennen , welche, vom Inhalte abgesehen, in
formeller Hinsicht durch manche Vorzüge glänzt. Feinheit der
Charakterisirung, Wahrheit der Schilderung, Lebhaftigkeit der
Sprache, besonders im Dialoge, sichern der neuentdeckten
Dichtung einen ehrenvollen Platz unter den besten ihrer
(Tattung.
Im Inhalte stimmt sie genau mit der englischen Redac-
tion ^) überin: nur ist die Reihenfolge der Abenteuer, welche
Giglain während seines Zuges nach der cite gaste zu bestehen
hat, etwas verschieden und am Ende enthält das französische
Gedicht eine Episode , welche im englischen fehlt. Denn wäh-
rend im letzteren Giglain das vom Zauber befreite Mädchen
sogleich heirathet, trennt er sich im ersteren von demselben:
das Mädchen begibt sich an Artus Hof, und Giglain kehrt
zur Dame mit den weifsen Händen zurück, von welcher er
nach langem Flehen und Leiden Verzeihung und Gewährung
seiner Wünsche erhält. Nach einiger Zeit aber sehnt er sich
nach seinen Gefährten, nach Ritterübungen und Turnieren: er
verspricht zwar bald zurückzukommen, die Fee aber weifs nur
zu gut was sie von solchen Vorsätzen zu halten hat; sie fügt
sich in ihr Schicksal und läfst ihn ziehen. Giglain erhält im
Turniere den Siegespreis, gibt sich zu erkennen und heirathet
das von ihm befreite Mädchen. Zur Feststellung des Verhält-
nifses des Gedichtes Wirnt's zu seiner Quelle bietet also, wie
man sieht, diese Veröffentlichung keine neuen Anhaltspunkte:
indessen wollen wir mit Spannung der Untersuchung über den
Gegenstand entgegensehen, welche uns das Jahrbuch ver-
spricht. Hier nur noch einige wenige Bemerkungen über die
Arbeit des Herrn Herausgebers.
Ueber den Verfasser, welcher sich selbst am Ende Renals
1) Und folglich auch mit dem Prosaromane , da dieser nach Bc-
neke (Wigal. S. XXVII) mit dem englischen Gedichte übereinstimmt.
Le bei inconnu p. Renaukl de Beaujeu publ. p. Hippeaii. 419
de Biauju nennt, wird nichts näheres mitgetheilt; er wird blofs
auf dem Titelblatte als poete du treizihiie siede bezeichnet,
ohne dafs irgend ein Grund für diese übrigens sehr vage Zeit-
bestimmung angegeben wird. Auch ist die Beschreibung der
Handschrift keineswegs so vollständig, wie man sie gerade von
solchen wünscht, die, weil im Privatbesitze , nicht leicht zugäng-
lich sind: wir erfahren nicht einmal welcher Zeit sie angehört.
Der Mangel an Genauigkeit gibt sich schon in dem Umstände
kund, dafs in der Angabe der Stücke, welche die Handschrift
enthält (S. XXX) es vom Beau Desconneus heifst, das Gedicht
bestehe aus 5958 Versen, während der Abdruck in der
That 6122 aufweist. Aber selbst letztere Angabe ist unrich-
tig, denn es ist sehr häufig schlecht gezählt worden. Das
erste Versehen findet sich bei Vs. 820 (richtig 819j, so dafs
von hier an alle Citate als ungenau zu bezeichnen sind. Frei-
lich ein Uebelstand von sehr geringem Belange, welcher viel-
leicht nur dem Corrector zur Last fällt; aber eben deshalb
wäre er sehr leicht zu vermeiden gewesen. Nur an zwei
Stellen (V. 2216, 4664), wo zwischen Reimpaaren ein ein-
zelner Vers vorkommt, nimmt der Herr Herausgeber eine
Lücke an; das Gleiche findet sich aber auch V. 2553, 2917,
2944, 3323, 3704, 3773, 4140, 4649, 4664, 5141, 5154:
dazu kommen die Fälle , wo derselbe Reim in einer ungeraden
Zahl von Versen (3, 5) wiederkehrt: V. 1567 — 9, 1921 — 3,
2074-6, 2716-8; 1716—20. Soll man hier überall Nach-
lässigkeiten des Abschreibers oder des Dichters selbst anneh-
men? Glaubwürdiger ist das erste.
Es begegnen manche Inconsequenzen in der Abtheilung
der Wörter: sen 1351 gegen s'en 1385; 746 la feru statt l'a
feru; 2415 not für n'ot; 4951 cest für c'est: ne 1' vor Con-
sonante oder n'es ^) ( = non illos z. B. 1049 ) scheint mir
durchaus nicht gestattet.
Die Interpunctionszeichen sind jedenfalls zu zahlreich,
nicht selten unrichtig: z. B. 153 ensemble ii, aloit un nain;
713—4 faisoit, covnr le feu; nach 1582, 1940 ist der Schlufs-
punkt zu tilgen u. s. w.
An mehr als einer Stelle entstehen Zweifel über die Rich-
tigkeit der gebotenen Lesart: hier nur einige mit allem Rück-
halte vorgeschlagene Conjecturen.
') Bekker schlug in der Vie St. Thomas (z. B. * 1 , 22, 24) einen
Mittelwcfi; ein und schrieb nes.
28*
420 Kritisclie Anzeigen :
ir)ll - 12. Encontre ont une pucele <?w^o?' voie - eu lor.
1854 ff. Or nienoit autre lien tirant
Del Bei Desconnen dirai
L'istoire etc.
Der Sinn des ersten Verses ist wol der, dafs der Dichter von
einem Gegenstande zum anderen übergehen will. Daher scheint
menoit in me roil (oder nach dem Gebrauche der Ilandsclisrift
vait) und lien in Heu zu ändern.
1989 mufs vij in v gebessert werden.
2319 Le ceval mais atornera — main (mane).
2,548 Les Jus qui en la vile sont — fjens.
2592 — 3 La sale en bas vers terre estoit
Que lonc qn'ele moult porprendoit.
Vielleicht que lonc que le ., sowol in der Länge als in der
Breite".
3927 Por ricn que vos ainoieft diro — or nfoies.
4680 Onques cuis hom plus bei ne vit — mis.
Wg\. 4791 onques nus hom n'ot sa parelle.
4845 ff- Que les vij mos me fist aprendre
Tant que totes les soc entendre
Arimetiche, dyometrie etc. — ars^ im afr. natür-
lich fem., vgl. Phil. Mouskes 9700.
5219. Artus läfst das Turnier ankündigen ,,par les niar-
ces et par VEjnre'-'', Etwa empire?
5373 s'armoit soi- ij arbres grans. — Wol sos.
Der Mangel an Bekanntschaft mit der Literatur des her-
ausgegebenen Gedichtes (der Wigalois wird z. B. mit keiner
Silbe erwähnt) spielte Herrn Hippeau einen unangenehmen
Streich. Er unterzog sich nämlich der gewifs nicht erfreulichen
Mühe , das englische Gedicht aus der Handschrift im Britti-
schen Museum, also aus der nämlichen, die schon von Ritson
benutzt worden war*), vollständig abzuschreiben, und verwen-
dete gegen hundert Seiten seines Buches zum Abdrucke des-
selben. In der Vorrede heifst es dann : les savants anglais
. . . ne nous en voudront pas de les avoir devances dans la
publication etc. ^)
1) Eine andere, etwas abweichende, Handschrift findet sich in der
k. Bibliothek in Neapel. Vgl. Wright and Halliwell, Reliquiae antiquae
2, 65-67.
'^) Dieses Versäumnifs ist übrigens um so leichter zu entschul-
digen, wenn man bedenkt, dafs eine englische Anzeige in The reader
Le bieviari damor de Matfre Ermengaud. 421
Das Glossar kann in keiner Hinsicht befriedigen. Manche
Wörter fehlen, die man gerne verzeichnet fände, und viele
sind vorhanden , welche selbst ein Anfänger nicht nachschlagen
wird. Die Etymologien zeigen nur zu deutlich, Avie schwer
es den Resultaten gewissenhafter Forschung wird, überall die
verdiente Geltung zu erlangen.
Wien.
Adolf Mussafia.
Le Breviari d'Amor de Matfre Ermengaud suivi de sa lettre k sa soeur
publie par la Societe Archeologique, Scientifique et Litteraire de
Beziers. Tome Premier, prämiere livraison. Beziers (1862). Paris,
A. Franck. Gr. 8°. XX, 176 p.
Aus der Einleitung erfahren wir, dafs die archäologische
Gesellschaft zu Beziers schon mehrere provenzalische Dichter
und Dichtungen herausgegeben hat, die dem Bezirke ange-
hören, auf welchen die Gesellschaft ihre Thätigkeit beschränkt,
nämlich die Lieder von Raimond Gaucelm, Bernard d'Auriac,
Jean Esteve , Guillem dem Mönche , Azalais de Porcairagues
(Bulletin, Tome 1% deuxieme livraison de la seconde Serie,
1859), Publicationen, die in Deutschland noch wenig oder
gar nicht bekannt zu sein scheinen, dem Unterzeichneten we-
nigstens nicht zu Gesichte gekommen sind. Auch das einzige
uns erhaltene Lied von Matfre Ermengau, beginneud Dregz
de natura comanda, ist in dieser Sammlung gedruckt, der
schon früher (1856) von mir veranstaltete Abdruck desselben
in meinen provenzalischen Denkmälern 79, 22 — 81, 10
scheint demnach nicht bekannt gewesen zu sein, da bemerkt
wird, dafs jener Druck der- erste vollständige sei. Aufser dem
Breviari und diesem Liede besitzen wir noch den auf dem
a review of current literature, January 3, 1863, uuterschrieben F. J.
F(urnivar:') ebenfalls von Ritson's Abdrucke nichts weifs und der
Verfasser sich demnach veranlafst findet zu sagen: ,,It is . . . a reproach
to English mcn of letters tliat we should have to wait for a French profes-
sor, to print for thc first time, and that in Paris, an English M.S.
from the British Museum, relating to oiir great national hcro; but s<>
it is."
422 Kritische Anzeigen :
Titel bezeichneten Brief Matfre's an seine Schwester, in zehn-
silbigen Reimpaaren, gedruckt nach zwei Hands(?hriften in
meinen Denkmälern 81, 11 — 85, 17; dieser soll am Schlufs
des Breviari beigefügt werden.
Eine vollständige kritische Ausgabe des Breviari d'amor
mufs im Interesse des Inhaltes sowohl wie der provenzalischen
Grammatik und Lexicographie als ein erwünschtes Unterneh-
men bezeichnet werden, und wir haben alle Ursache, der ar-
chäologischen Gesellschaft zu danken, dafs sie auf diese Weise
das sehr umfängliche Werk der gelehrten Welt zugänglich
macht. Die Beliebtheit desselben im Mittelalter geht schon
aus den zahlreichen Handschriften hervor, die sich davon er-
halten haben; kein provenzalisches Werk, wenn wir die Lie-
derhandschriften ausnehmen, ist in so vielen Manuscripten auf
uns gekommen. Bis jetzt sind über zwölf bekannt, die S. X ff.
aufgezählt und besprochen werden. Davon fünf in Paris, zwei
in London, zwei in Wien, je eine in Sanct Petersburg, Lyon
und Carpentras. Nicht erwähnt ist eine dreizehnte Handschrift
in der Bibliothek des Escorial (S. I, 3), vgl. Ebert, oben
Seite 54; und so mögen vielleicht in Spanien (Catalonien
namentlich) noch ein paar Handschriften stecken. Mit A be-
zeichnet die Aufzählung, die nach S. IX von dem Marquis de
Seguins-Vassieux herrührt, die Pariser Handschrift, fonds fran-
^ais 857 (sonst 7226. 3. 3.), die auch den Brief Matfre's ent-
hält. Sie hat ein paar Lücken; die erste umfafst Vers 529 — GIO;
in der Anmerkung auf S. 23 ist bemerkt, dafs statt dieses
Abschnittes leerer Raum in A sei; es sind 80 Verse die feh-
len, in B und D sind die betreffenden Blätter ausgerissen, so
dafs der Abschnitt nur nach C gegeben werden konnte. Es
fehlte also, was dem Herausgeber entgangen zu sein scheint,
ein Blatt der Vorlage von A , welches 80 Verse umfafste, denn
ebenso grofs ist die Lücke 3576 — 3656, wiederum 80 Verse;
nach 3961 fehlten zwei Blätter der "Vorlage (Vers 3962 — 4124),
was der Schreiber von A hier und wohl auch bei der zwei-
ten Lücke nicht bemerkte, sondern ruhig im Texte fortfuhr.
Wenigstens mufs man dies aus der Bemerkung zu 3962
schliefsen: tout ce passage jusqu'au vers 4125 est omis dans
A. Aeufserlich also ist die Handschrift vollständig; sie hat
aber aufser diesen drei gröfseren Lücken eine Menge kleinerer,
namentlich indem der Schreiber oft, durch gleichen Reim
verleitet, ein paar Verse überspringt. Wenn dies nun auch
Le breviari d'amor de Matfre Ermengaud. 423
auf besondere Sorgfalt nicht schliefsen läfst, so ist nach der
Ansicht des Herausgebers der Text von A doch der relativ
beste und darum bei der Ausgabe zu Grunde gelegt worden.
Wo die Ausgabe von A abweicht ist in den Noten unter dem
Texte bemerkt, wie auch daselbst die abweichenden Lesarten
von drei andern Pariser Handschriften (B, C, D) angegeben
sind. Mit A stimmt ziemlich genau überein B, die Pariser
Handschrift Supplement fran^ais 2001 , die noch lückenhafter
ist als A, aber durch Fehlen vieler BLätter (Bl. 1 u. 2, 5 — 22,
29 — 32); aufserdem mangelt der Schlufs. Beide Handschrif-
ten A und B lassen zuweilen dieselben Verse aus, so dafs die
Vermuthung des Herausgebers Avahrscheinlich wird, dafs sie
aus derselben Quelle stammen, die schon diese Auslassungen
hatte. Unrichtig ist die von Sachs (Herrig's Archiv 25, 415)
ausgesprochene Behauptung, dafs B Abschrift von A sei, da,
wie die Lesarten ausweisen, B viele Fehler vermeidet, die
sich in A finden. C, die Pariser Handschrift fonds frangais
858 (früher 7227), ist die einzig vollständige Handschrift, die
aber einen sehr verderbten Text enthält. Sie mufste auschliefs-
lich zu Grunde gelegt werden bei der Lücke in A (529 — 610),
da auch B und D durch Ausreifsen von Blättern hier nicht
halfen. Freilich hätte hier der Gleichmäfsigkeit wegen die in
dem übrigen Texte herrschende Schreibart statt der Jüngern
und rohern in C durchgeführt werden sollen. Die Eigen-
thümlichkeit von D, fonds fran9ais IGOl (sonst 7619), den
Versen mit weiblichem Reime in der üblichen Weise neun
Silben zu geben , während sie bei Matfre nur acht haben, wird
S. XIV fg. hervorgehoben, wo auch auf die Anmerkung in
meinem Lesebuche (zu 151, 36) verwiesen ist, in der ich
diese Eigenheit zuerst aussprach. Ihre Erklärung durch den
Herausgeber ,, Matfre donne une valeur i-eelle aux finales a et
e, comme aux autres; autreraent dit, il n'y a pas dans son
texte des rimes feminines", scheint mir nicht ganz das Rich-
tige zu treffen. Vielmehr verfährt hier Matfre nach Analogie
der Lyriker, denn der Vers mit weiblichem Reime, der in
der Lyrik dem achtsilbigen mit männlichem Reime entspricht,
ist der achtsilbige, nicht wie in der Epik der neunsilbige. Der
neunsilbige ist in der Lyrik selten. Vgl. Pfeiffer's Germania
2, 274 — 275. Dem Texte von D folgte, wie der Heraus-
geber S. XV bemerkt, Sachs in seineu Auszügen mit Unrecht.
Die fünfte Pariser Handschrift (8. Gormain, fran^ais nr. 137)
424 Kritische Anzeigen:
enthält eine prosaische Auflösung, hat daher für die Textkri-
tik keinen Werth. Diese Prosa ist aber nicht provenzalisch,
sondern altcatalanisch, wie auch der in derselben Handschrift
enthaltene Liber consolationis et consilii von Albertanus de
Brescia (vom Jahre 1246), den der Herausgeber (S. XV) mit
Unrecht als provenzalisch bezeichnet. Nachricht von der
Lyoner Handschrift (S. XVII I) findet sich auch im Scrapeum
von Naumann 3, 122.
Bruchstücke des Breviari d'amor waren bisher mehrfach
bekannt gemacht j zuerst von Raynouard im ersten Bande des
Lexiqae Roman, von Mahn in seinen Gedichten der Trouba-
dours (Band I), von mir im provenzalischen Lesebuche, und
von Sachs theils in Herrig's Archiv 25, 413—426, 26, 49—70,
theils in dieser Zeitschrift 2, 325 — 357. Letzterer scheint
mit einer vollständigen Ausgabe des Werkes umgegangen zu
sein, die nun freilich wohl unterbleiben wird, um so mehr als
wir nicht nur die Veröffentlichung des Ganzen an sich , son-
dern auch die Art und Weise derselben zu rühmen haben.
Zur Beförderung des Verständnisses wird am Schlüsse eii.
Glossar, die weniger üblichen Worte umfassend, beigefügt
werden. Unerwähnt wollen wir endlich auch nicht lassen, dafs
eine Anzahl der in den Manuscripten enthaltenen Miniaturbilder
veröffentlicht werden wird, die nicht nur manches interessante
Detail enthalten , wie Referent aus Anschauung der Pariser
und Londoner Manuscripte weifs, sondern auch für die Er-
leichterung des Verständnifses wesentlich sind. So namentlich
die Abbildung des Baumes der Liebe (albre d'amor), auf welche
der Dichter in der folgenden Beschreibung und Auslegung sich
oft bezieht (ansdrücklich penchura oder figura), und ohne die
in der That manches unklar bleibt.
Schon in der Bezeichnung seines Werkes, das er im Mai
1288 begann, durch Breviari d'Amor gibt der Dichter den
Standpunkt zu erkennen , von welchem aus er die Welt be-
trachtet. Dem Inhalte nach stimmt sein Werk zu andern en-
cyclopädischen des Mittelalters ; deren der Herausgeber auf
S. VH mehrere erwähnt; und doch steht es eigenthümlich da
durch die zu Grunde liegende Anschauung. Der Dichter
knüpft durch dieselbe an die höfische Liebespoesie der Pro-
venzalen an , die zu seiner Zeit ihre letzten Blüthen trieb. Den
„Baum der Liebe" zu erklären und zu deuten bezeichnet er
selbst als den Zweck seines umfangreichen Gedichtes: dieser
Le breviari d'amor de Matfre Ermengaud. 425
Baum umfafst aber nicht weniger als das ganze Weltall. Die
göttliche Liebe ist der Ursprung alles Erschaffenen, und von
ihr ist die menschliche Liebe nur der irdische Wiederschein.
Von ähnlicher Anschauung, die die Liebe zum Mittelpunkt des
Weltalls macht, alles auf sie bezieht, alles von ihr herleitet,
gehen auch die Verfasser der Leys d'amors aus, die sogar
ihrem rein wissenschaftlichen Werke den Namen von der
Liebe entlehnten. Zu Nutz und Frommen der treu liebenden
Herzen will der Dichter seinen Gegenstand in romanischer,
nicht in lateinischer Sprache, behandeln, wiewohl ihm, bemerkt
er, letzteres leichter sein würde; und er hat damit nicht Un-
recht. Denn für die scholastische Art und Weise seiner Be-
weisführung war der Ausdruck der mittelalterlichen Latinität
geübter und ausgebildeter als die Volkssprachen, und von die-
ser Seite her ist Matfre's Verdienst nicht gering anzuschlagen,
indem er der erste Provenzale war, der streng wissenschaft-
lichen Stoff in provenzalischer Sprache behandelte. Er hat
also zur Bereicherung der Sprache nicht wenig beigetragen,
indem er die philosophischen Kunstausdrücke in sie einführte,
freilich kein so schwieriges Unternehmen, weil er bei dem
Verhältnifs des Lateinischen zum Provenzalischen meist nur
die Endung zu romanisiren brauchte. Die vorliegende erste
Lieferung umfafst V. 1 — 5205 seines Gedichtes.
Nach einer allgemeinen Einleitung über die Veranlassung
seines Werkes und über seine eigene Unzulänglichkeit betrach-
tet der Dichter das Wesen der Liebe, deren doppelte Art,
und gibt folgende Definition von ihr (294 — 285):
amors es bona voluntatz ,
plazers, affectios de be.
Diese Definition wird, nachdem er von dem Baum der Liebe
im allgemeinen gehandelt und eine prosaische Deutung dessel-
ben im Anschlufs an die Abbildung (die also von dem Dich-
ter selbst herrührte) gegeben hat, näher erläutert und begrün-
det (573 ff.). Dann folgt die Erläuterung des Baumes, auf
dessen Spitze eine weibliche Gestalt steht, die als die Perso-
nification der Liebe gedeutet wird (G14 ff.). Auf ihrem
Haupte trägt sie die Krone der Gottes- und Nächstenliebe ;
auf dem Herzen die Liebe zu den Kindern; und am einen
Fufse die Liebe zwischen Mann und Weib, die (ieschlechts-
liebe. Damit bezeichnet der Dichter in richtiger Weise sym-
bolisch die Abstufungen von der höchsten und edelsten Liebe
426 Kritische Anzeigen:
zu der immer mehr und mehr irdischen und sinnlichen. Am
andern Fufse endlich die Liebe zu irdischen und zeitlichen
Gütern. Dieser allgemeinen Eintheilung folgt die breitere Er-
klärung der einzelnen Arten von Liebe. Der Dichter beginnt
mit dem AVesen Gottes, dem Gehcimnifs der Dreieinigkeit, die er
unter Beziehung auf die heilige Schrift und Kirchenväter dem
Laien durch mehrere auch sonst im Mittelalter übliche liilder
und Vergleiche begreiflich und -deutlich zu machen sucht.
Dann von den Eigenschaften Gottes; bei Gelegenheit der All-
wissenheit wird die Prädestination behandelt, die er durch die
Allwissenheit zu rechtfertigen sucht, indem er diejenigen wider-
legt, die in der Prädestination einen Anstofs ei^Dlicken, nach
Willkür und ohne Rücksicht auf Sitte und Gesetz zu handeln,
da sie, wenn zur Seligkeit bestimmt, doch selig, und wenn
von Anfang an verdammt, doch der Verdammung niclit ent-
rinnen würden. Die Güte Gottes führt auf den Begriff von
Böse und Gut; der Verfasser erklärt, in v,äefern auch das
Böse von Gott, der doch der Quell alles Guten ist, ausgehen
könne. Gottes Allmacht leitet zu der Schöpfung hinüber.
Unter den geschaffenen Wesen betrachtet er zuerst die Engel
(2804 S.) , deren er nach der allgemeinen mittelalterlichen
Tradition neun Orden oder Klassen unterscheidet (2888 ff.).
Sie sind ihrem Namen nach (car angel vol dir messatgier 2998)
Boten- Gottes, deren Wirkungskreis und Thätigkeit näher be-
leuchtet wird (.3068 ff.). Jeder erwählte, zur Seligkeit be-
stimmte Mensch kommt nach seinem Tode in einen der neun
Engelchöre (3153 ff.); wie beschajffen der Mensch sein müfse,
um in den einen oder den andern Chor aufgenommen zu wer-
den, weifs der Verfasser genau anzugeben. Den Engeln gegen-
über stehen die Teufel (3283 ff.), die verschiedene Namen,
Diables, Satans, Belials, haben (3308) und ursprünglich auch
Engel waren f3330 ff.), die der Hochmuth zu Falle brachte.
Nachdem auch die Wirksamkeit des Teufels näher bezeichnet
worden, und noch die Frage erörtert ist, warum Gott den
Teufel überhaupt zulasse, geht Matfre auf die Beschreibung
des Himmels und der Welt über (3576 ff.); die Entfernung des
Himmels von der Erde wird unter Berufung auf verschiedene
Gelehrte (Aristoteles, der wohl unter dem Philosophos 3629
gemeint ist, Ptolemäus, Alniagest u. s. w.) angegeben (3622 ff.),
dann die zwölf Himmelszeichen erst im allgemeinen ('3656 ff.)
und dann jedes im besondern betrachtet (3714 ff.)- Hierauf
Le breviari d'amor de Matfre Ermengaud. 427
folgen die Sterne (3944 ff.), und insbesondere die sieben Pla-
neten, nämlich Sonne, Mond, Mars, Mercur, Jupiter, Venus,
Saturn (3998 ff.). Der Einflufs auf Kinder, welche unter jedem
dieser Planeten geboren sind, wird eingehend nach mittelalter-
licher Weise erörtert. Mit diesem Einflufse hängt zusammen
der Abschnitt über ,, Stern und Unstern" (d'astre et de desastre
5109 ff.), mit welchem diese Lieferung abschliefst. Der gün-
stige oder ungünstige Stand der Gestirne bei der Geburt übt
allerdings einen bestimmten Einflufs auf die Naturanlage des
Menschen; allein dieser Einflufs ist nicht so stark, dafs ihn
der Mensch nicht besiegen könnte. Daher ist für den Men-
schen, der Böses thut, keine Entschuldigung, wenn er sagt,
er sei unter dem Einflufs eines bösen Gestirns geboren.
Ich habe diesen freilich nur das bedeutendste berühren-
den Auszug aus dem reichen Inhalt hier einzufügen für nütz-
lich geachtet, um dadurch die Aufmerksamkeit auch derjenigen,
die die provenzalische Sprache und Literatur nicht zum Gegen-
stande besonderer Forschung machen, auf Matfre's Werk hin-
zulenken. Für das Verständnifs mittelalterlicher Geistesbildung
und Cultur sind solche Werke wie das Breviari d'amor eine
ergiebige und wichtige Quelle.
Der Art und Weise der Veröffentlichung haben wir schon
oben das gebühi-ende Lob zu Theil werden lassen. Die Ge-
staltung des Textes rührt, wie A\ir aus Andeutungen der Vor-
rede zu entnehmen glauben , hauptsächlich von Paul Meyer
her, der sich cils tüchtigen wissenschaftlich gebildeten Philo-
logen schon durch mehrere Arbeiten bewährt hat. Was
grammatische und orthographische Einzelheiten betrifft, so ist
zunächst die Behandlung der Affixe zu erwähnen. Mit Recht
ist der Herausgeber nicht der Weise von Raynouard gefolgt,
der sich in Deutschland bis jetzt die meisten Herausgeber
(Mahn, K. Hofmann, Keller, Sachs) angeschlossen haben,
die Affixe, die doch meist einzelne Buchstaben, Consonanten
ohne Vocal, sind, getrennt zu schreiben (aissi m , no 1 u. s. w.),
was offenbar der Natur des Wortes und der Silbe widerspricht.
Einen Mittelweg schlug Diez ein, indem er das Affix mit dem
vorhergehenden Worte durch einen Bindestrich verband (aissi-ni,
no-l),welcher Weise ich in meinem Lesebuche auch folgte. In
den Denkmälern und im Peire Vidal aber lührte ich die allein
richtige Verbindung durch, und dieses Verfahren hat auch der
Herausgeber des Breviari angenommen. Die Apostrophe hat
428 Kritische Anzeigen:
er beibehalten, hierin dem allgemeinen modernen Gebrauche
folgend. Nur in einem Punkte weicht er von der in meinen
Ausgaben beobachteten Schreibweise ab, nämlich in ai ei
oi u. s. w. vor folgendem Vocale , wo ich aj ej oj u. s. w.
schreibe. Bekanntlich war der erste, der die Schreibung mit
j durchführte, Kochegude im Parnasse Occitanien; Raynouard's
Vorgang, der sich für i entschied, hat auch hier auf alle
nachfolgenden Herausgeber eingewirkt. Immanuel Bokker
schreibt beides ohne festen Grundsatz, aja und aia, auiatz und
aujatz u. s. w. Während Diez in der ersten Ausgabe der
Grammatik (1, 102) sich mehr für i entscheidet, neigt er in
der zweiten (1, 402) zu j , läfst jedoch unentschieden, was
das definitiv richtige sei. Die Vergleichung mit u und v, die
in jeder Hinsicht i und j parallel stehen, weist ganz entschie-
den auf j. Ich kann mich auf diesen Gegenstand hier nicht
weiter einlassen, und mufs ihn einer Darstellung der proven-
zalischen Grammatik aufbehalten. Im Üebrigen ist der Her-
ausgeber der Schreibweise der Handschriften gefolgt, die im
allgemeinen wohl die des Dichters ist. Eine sorgfältige Be-
trachtung der Reime müfste ausweisen, ob nicht jedoch man-
ches auf Rechnung der Schreiber kommt. Das Nominativ-s
scheint Matfre noch ziemlich genau zu setzen, mir ist wenig-
stens aus dem jetzt gedruckten Theile kein Reim aufgefallen,
der das Gegentheil bewiese. Die Substantiva in aire bildet
er jedoch schon in ors, so steht Creators als Nom, sing. (280,
1672) im Reime auf amors, majors, ebenfalls nomin. für ma-
jer. Im Einzelnen hätte ich von den ersten 2000 Versen, die
ich bis jetzt näher betrachtet habe , noch etwa Folgendes zu
bemerken.
16. LXXXVIII ses may ses mens; A hat ses may e, ses
mens ; e ist nicht zu streichen , denn löst man die Zahl in
Worte auf, so ergibt sich uchant' ueit ses may e ses mens ; uchant'
et ueit ist nicht uöthig. — 31. lies a riqueza gran; der Her-
ausgeber schreibt a riqueza, gran, ich weifs nicht warum ; denn
gran ist auch Femininum. — 61. zu qu'ieu fehlt das Verbum;
ich vermuthe
qu'ieu de lur dubitacio,
ab vera declaracio,
do doctrina vertadieira;
der Text de doctrina. — 97 en ver amor; ebenso steht d'est
amor77, pur amors 775, dagegen est' amors, mit dem sonst
Le breviari d'amor de Matfre Ermengaud. 429
immer gesetzten Apostrophe. Sollte der Herausgeber an den
bemerkten Stellen amors als Masculinura genommen haben? —
155. Das Komma nach mi ist zu tilgen, und so häufig, vgl.
209, 335, 433, 645, 766, 784, 888. — 163. don sapchatz
que, ieu se die be, aquo ven de dieu , non de me; der Sinn
ist ,,wenn ich etwas gutes sage, so kommt es von Gott, nicht
von mir"; daher wohl si ieu die be; allerdings steht si ieu
165 einsilbig, aber daraus folgt nicht, dafs es nicht auch für
zwei Silben gelten könnte. — 189. et en s'amor nos avia
(: abriva); C aviva, und so ist des Reimes wegen zu lesen,
wenngleich ungenaue Reime bei Matfre vorkommen. — 213. la
gran bontat sua (: envia); offenbar gebrauchte der Dichter
die Nebenform sia, die auch 228 im Reime steht, sia: mia. —
296. sius cove „wenn" es euch pafst"; A hat nach der An-
merkung siens oder sieus, wohl das letztere und dies ist das
richtige: B C schreiben sius. Beide Worte verwachsen zu
einem, dessen Vocal iu wie ein ursprünglicher behandelt wird.
Nun hat Matfre kein iu mehr, sondern ieu. Das beweisen die
Reime ieu: vieu (= ieu: vieu) 495, brieu : vieu 1401. Auch
schreiben die Handschriften sonst immer ieu, vgl. escrieu 231,
estieu: vieu 413, rieus: brieus 1223. Dieselbe Aussprache
und Schreibung hat Amanieu des Escas (Anm. zu meinem
Lesebuche 147, 14). — 297- hier und 301 schreibt der Her-
ausgeber d'on für don, während sonst immer letzteres, und dies
mit Recht, denn ein de on kommt nicht vor. — 353. triar
deu quasqus persona; auffallend ist persona als mascul. ge-
braucht, die Handschriften scheinen übereinzustimmen. Viel-
leicht ist triar einsilbig gebraucht, und dann wäre quascuna
erlaubt. Den Laut ia, den ältere Dichter zweisilbig sprachen,
braucht Matfre bald ein- bald zweisilbig, vgl. prenian (zwei-
silbig) 424. mermaria (viersilbig) 426, ebenso remanria (427);
poyria (zweisilbig) 877, vielleicht pogra zu' schreiben; sia (ein-
silbig) 885, 1121, 1274; dagegen zweisilbig 1146; poyria
(dreisilbig) 1240; avia (zweisilbig) 1392 u. s. w. — 363. reimt
amic: vi (ich sah): vielleicht ist vic zu schreiben; oder ami:
vi; über erstere Form vergleiche Anm. zum Lesebuche 132,
39. — 502. est albres, quar devas un latz der Herausgeber;
A hat quar daus la un latz; C daus latz; B und D fehlt die
Stelle. Die Lesart von A ist nicht anzutasten, weder la un
noch die zweisilbige Aussprache ist auffallend; im Non)in. la
US que l'autre de totz tres 274, wo auch auf la iis zwei
430 Kritische Anzeigen:
Silben kommen. Vgl. auch mein Lesebuch 179, 24. — 509
(jiiom mais y a de culhidors; lies qu'om niais; om steht
durch Assimilation für on, wie noni für non bei Matfre u. a. ;
auf on mais im Vordersätze ,,je mehr", folgt im Nachsatze
mais ,, desto mehr', vgl. 511; Lesebuch G8, 49 on mais —
pieitz, „je mehr — desto schlimmer". — 561. quar desus la
vos ay tocada; um eine Silbe zu lang, daher laus ay tocada.
— 5G3. der Punkt nach aver ist zu tilgen. — 578. lies per
son cabal; allerdings hat C und andere Handschriften des
Breviari oft die Form pe. — 583. lies bona per que?
yeu o diray; der Sinn : „warum ich sie gut nannte? ich will
es euch sagen." — 603. um eine Silbe zu kurz; es fehlt
einmal gaug, also quez om d'autrui gaug gaug aja, ,,dass man
Freude an des andern Freude habe." — 605. e si a son vezi
mal atray asalh (wozu in der Anmerkung steht: A asalh;
aber in A fehlt ja die Stelle) zu lang; der Schreiber verschrieb
sich, und vergass dann atray auszustreichen, das zu tilgen
ist. — 620. sius avetz entendut „wenn ihr es verstanden, dar-
auf geachtet habt"; die Handschriften haben sus oder [C] si o
für sius; die Hinzufügung des Dativ, commodi bei entendut ist
auffallend. Ich möchte die Lesart von C vorziehen. — 668.
warum nicht estay en dieu e dieus en luy; der Text setzt für
en beidemal ab; C hat am, diese Form zu entfernen war nicht
nöthig, sie steht auch sonst, z. B. 1666- — 860. aiss'ieu trop
„so finde ich" darf man nicht schreiben, denn der Schlufsvo-
cal von aissi kann nicht elidiert werden; vielmehr aissieu in
einem Worte, was sich mit sieus (zu 296) vergleicht. — 890.
memoria viersilbig gebraucht ist gewifs unrichtig, denn schon
die altern Dichter gebrauchen es dreisilbig, weil i nicht be-
tont ist; daher ist wohl der Vers um eine Silbe zu kurz;
vgl. 885. — 920. per tant nois devo Ihi veray filh, um eine
Silbe zu lang, daher zu lesen Ihi ver filh. — 937. tilge den
Punkt nach sabria. — 998. ligian wäre Präteritum ; der Con-
juuct. Präs. wird erfordert, daher wohl lejan. — 1013. li pair
elh filh el s. esperitz; es mufs die Nebenform espritz ange-
nommen werden, die auch 1119 (doch wohl nach den Hand-
schriften?) wirklich steht. Ebenso ist der ganz gleichlautende
Vers 1195 zu bessern. — 1101. reimt signitica: lia; offenbar
ist signifia zu lesen ; die Form signifiar führt das Lex. Rom. 5,
232 aus dem Breviari d'amor an. — 1213. autres mit dem
Ton auf der ersten Silbe, reimt auf res ; ebenso commensen :
Le breviari d'amor de Matfre Ermengaud. 431
yssamen 1840; über solche Verschiebung des Tones siehe die
Anmerkung zu meinen Denkmälern 1, 2. — 1307. que Thu-
manals entendemens , gegen die Handschriften; A hat que lunhs
h., C que lunhs humana; beide also lunhs, was zu entfernen
ungut war. Lies que lunhs humas entendemens. — 1336.
mala Ventura schreibt der Herausgeber; ebenso per nulha
Ventura 1474; wenn auch die Handschriften so abtheilen, was
ich nicht bezweifeln will , so folgt aus der häufig vorkommen-
den Auseinanderreifsung auch bei andern Wörtern nicht, dafs
es ein provenz. Ventura gibt. Daher lese man mal' aventura
oder malaveutura, und nulh' aventura. — 1399. entr' eis quals
,, unter welchen"; schreibe entrels quals, denn einen Artikel
eis gibt es nicht; er steht für entre los quals. — 1405. sol
dieus es doncx veramen, um eine Silbe zu kurz, auch dem
Sinne nach unvollständig; beidem wird abgeholfen, wenn man
schreibt sol dieus es doncx dieus veramen. — 1428. que dei-
tatz pura der Text nach C; A hat quel deitatz; die ange-
lehnte Pronominalform des Femininums kann auch 1 lauten,
daher A nicht unrichtig. — 1555. e pren semblan del diable
A; dann ist diable nach älterer Mefsung dreisilbig; C sem-
blansa, dann nur mit zwei Silben. Die jüngere Mefsung hat
Matfre 1403 que non es vieures dels diables. Vielleicht
schwankt der Dichter auch hier wie bei ia überhaupt (vg\. zu
353). — 1590-91. quez uei non es creatura ni eria ni es
estada; offenbar ist für eria zu lesen er ja ,,wird niemals
sein". — 1597. ayssi qu'o sab; besser ayssi quo sab. —
1G16. no creet malvestat dieus ni folias ni peccat; C hat fo-
lia, die richige Lesart, denn es ist der Begriff „Thorheit"
gemeint. — 16G1. si non Fama d'aquel (1. aquel') amor qu'om
deu amar son creator; besser c^uom deu. — 1753. reimt
moltz (viele) auf motz ,, Worte"; daraus geht hervor, dafs
Matfre mot schrieb und sprach; die sonst vorkommenden
(älteren) Formen molt und mout sind daher zu beseitigen,
auch wenn sie sich in den Handschriften finden. — 1909. plus
que dieus sal certanamen; lies pus que; die Handschriften
mögen plus haben, zu Matfre's Zeit schrieb man wohl schon
pus für plus (wie z. B. die Handschrift la Valliere 14 meist
hat) , daher hielten die Schreiber dies pus und das andere
(für pois pueis stehende) für gleichbedeutend und verwechseln
es wie hier.
Zu eingehender Erwägung mancher Stellen würden wir
432 Kritisclie Anzeigen: Lo hroviari iVamor de Matfre Ermengaud.
uns nicht veranhifst gesehen haben, wenn die Ausgabe mit
weniger Sorgfalt und kritischem Bestreben gemacht wäre.
Der Herausgeber möge daher in diesen Bemerkungen gerade
ein Zeugnifs freudiger Anerkennung über die schöne und ver-
dienstliche Arbeit erblicken. Dürften wir ihm schliefslich
einen Rath geben, so wäre es der, auf den wir schon oben
hinwiesen , den Reimgebrauch bei Matfre einer sorgfältigen
Untersuchung zu unterziehen. Nicht mit Unrecht betrachtet
man in der deutschen Philologie die Reime der mittelhoch-
deutschen Dichter als ein werthvolles Kriterium. Zu ähnlich
sichern Resultaten mufs auch die Untersuchung der nicht
minder genau reimenden provenzalischen Dichter führen.
Rostock, im December 1862.
Karl Bartsch.
Bibliographie. Zur französischen Literaturgeschichte. 433
Bibliographie des Jahres 1861.
I. Zur französischen Literaturgeschichte.
A.
1. Annuaire du bibliophile, du bibliothecaire et de l'ar-
chiviste, pour l'annee 1861, public par L. Lacour. 2® annee.
18°. 299 p. 3 Fr.
Enthält u. a. folgende Artikel: F. Denis, Notice sur la biblioth.
d'Evora; P. Malassis, sur la l^ ed. des poesies de Marguer. de Na-
varre; Berty , Recherches sur la demeure des principaux imprinieurs
et libraires de Paris au 16^ s.; Souvenirs de l'ann. 1859 — 1860, worin
die interessantesten die Bibliotheken betreffenden Facta aufgezeich-
net sind.
2. Bibliographie Gantoise. Recherches etc. par F. Van
der Haeghen. [s. J. 60, Nr. 3b.] Partie III. 482 p. 8 Fr.
S. darüber ferner Serapeum, Nr. 17.
3. Bibliographie du Perigord. Seizieme siecle. Par le
comte E. de Malletille. 8". 65 p. 4 Fr.
In 100 Expl.
4. Etudes bibliographiques sur les periodiques publies a
Dijon, depuis leur origine jusqu'au 31 decembre 1860. Jour-
naux politiques, litteraires, scientifiques, de jurisprudence et
d'administration; almanachs et annuaires, memoires de I'Aca-
demie et de la Commission des antiquites, par P. M. Dijon.
8^ 92 p.
In 100 Expl.
5. Marques typographiques , ou Recueil des monogram-
mes etc. [s. J. 59, Nr. 6.] 10^ et 11*^ livr.
6. Histoire du livre en France depuis les temps les plus
recules jusqu'en 1789, par Edm. Werdet, ancien libraire-edi-
teur. V^ Partie. Origines du livre manuscrit. 1275 — 1470.
2<= Partie. Transformation du livre. 1470—1789. 18". XXI,
372 p.; XXXII, 376 p. 10 Fr.
7. Histoire de rimprimerie imperiale de France, suivie des
spccimens des types etrangers et fran^ais de cet etablissemeut;
par F. A. Duprat. 8". IV, 584 p. (Mit einer Tafel.) 12 Fr.
Das Buch zerfällt in drei Abtheilungen, deren erste der Geschichte
der Buchdruckerkunst im Allgemeinen, die zweite erst der Geschichte
der kaiserlichen Druckerei gewidmet ist, während die dritte die Kämpfe,
welche dies Etablissement gegen Neider und Concurrenten zu bestehen
hatte, besonders behandelt. Da der Verfasser ,,chef du service de l'ad-
ministration" der kaiserlichen Druckerei ist, so läfst sich schon erwar-
ten, dafs manches Neue von Interesse in den beiden letzten Abthei-
Jahrl). f. roiii. u. ciij;!. I-it. IV. i. 29
434 * Bibliographie.
langen dargeboten wird. Im übrigen urtheilt das Bull, du bibliopk.
belije, Avril , über das Werk nngünstig; vgl. dagegen Journ. des Sui\,
Mars.
8. Recherches historiques sur rimprimerie et la librairie
k Amiens, avec une description de livres divers imprimes dans
cette ville; par F. Pouy. Amiens. 8". VII, 205 p.
Ein von dem Bullet, du biblioph. beige, Aout, recht empfohlenes
Buch. Der Verfasser weist u. a. nach, dafs das älteste typographische
Denkmal Amiens' v. J. 1507 ist, obgleich von da an bis 1591 eine
vollkommene Lücke wieder eintritt. — In der zweiten Abtheilung wer-
den 600 Werke und periodische Schriften in chronologischer Ordnung
aufgeführt, wobei der Verfasser solche auswählte, welche das meiste
Interesse darboten, oder selten geworden sind.
9. Histoire de la litterature fran^aise depuis ses origines
jusqu'a ]a revolution; par E. Geruzez. Noiiv. ed. 2 Vol. 8".
496, 508 p. 14 Fr. (Auch in 18, 2 Vol. l^j.-^ Fr.)
Die vorstehende Ausgabe ist nach Vapereau , Ann. Uff. p. 280 ff.,
eine vollständig umgearbeitete, die Gleichmäfsigkeit der Behandlung
sowie die Unbefangenheit des Urtheils wird besonders gerühmt. Diese
Aiisgabe erhielt auch den Preis Gobert. Vgl. auch den franz. Jahres-
bericht oben p. 368 ff.
10. Histoire de la litterature fran9äise; par D. Nisard.
Tome IV (dernier). 8°. VII, 584 p. 7^^ Fr.
S. den franz. Jahresbericht oben p. 364 ff., und Vapereau , Ann.
Uff. p. 264 ff.
11. Notices litteraires sur le dix-septieme siecle; par
L. Aubineau. 8".
12. Le dix-huitieme siecle ä Telranger, histoire de la
litterature fran^aise dans les divers pays de l'Europe, depuis
la mort de Louis XIV jusqu'a la revolution fran9aise; par
A. SayQus. 2 Vol. 8°. VIII, 1008 p. 15 Fr.
Dieses Werk ist die Fortsetzung des bekannten desselben Verfassers
über das 17. Jahrhundert, welches auch in zwei Bänden erschien. Es
werden auch in dem vorliegenden sowohl die Werke von Franzosen
die im Ausland lebten, als von Ausländern die sich der französischen
Sprache bedienten, behandelt. Das erste Buch ist der französischen
Literatur in England, Holland und der Schweiz von 1715 bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts, namentlich Rousseau und Voltaire gewidmet, das
ganze dritte Buch aber Friedrieh dem Grofsen , das vierte und letzte
endlich den Schriftstellern der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Ausführlich besprochen ist dies rühmliche Werk in einem längeren
Aufsatze von A. de Circourt in der Bibl. univ. de Genepe, Aout.
13. Zur Geschichte und Literatur der französischen Re-
volution von 1791 — 93. Aus einer Handschrift des Olden-
burgischen Archivs von Tycho Mommsen. Progr. der höhern
Töchterschule von Oldenburg. Oldenburg. 8". 49 p.
Nachrieht und Proben von einer auf dem Oldenburgischen Archiv
befindlichen Handschrift aus dem Nachlasse des Herzogs Peter Friedr.
Ludwig, welche monatliche Berichte aus den angegebenen Jahren ent-
Zur franzüsiseheu Literaturgeschichte. 435
hält, über Theater, Bücher etc.; zugleich Anekdoten, Gedichte, Auf-
sätze mittheilt; letztere haben verschiedene Verfasser und kamen, zum
Theil wenigstens, erst später im Druck heraus , so dafs das ganze Un-
ternehmen als eine für hohe Personen bestimmte handschriftliche Zeit-
schrift erscheint. Die Proben sind interessant, u. a. ein Bericht über
die französische Bearbeitung der Räuber Schiller's (,, Robert, chef des
brigands") und ihre Aufführung.
14. Etudes sur la litterature du second empire fran9ais
depuis le coup d'etat du 2 decembre; par W. Re)jmond. Ber-
'lin. 8". VIII, 227 p. 1 Thlr.
Resume einer Reihe in Berlin gehaltener Vorlesungen.
15. L'annee litteraire et dramatique etc.; par G. Vqpe-
reau [s. J. 60, Nr. 18]. Troisieme annee, 1860. 18". 537 p.
3V2 Fr.
16. De los trovadpres en Espana. Estudio de lengua y
poesia provenzal, por Ma7i. Mild y Fontanals. Barcelona.
Gr. 8°. IV, 5.31 p. 44 r.
In 320 Exemplaren. S. oben p. 331 ff. die Anzeige von Bartsch.
17. Les Italiens prosateurs franfais, etude sur les emi-
grations italiennes depuis Brünette Latini jusqu'ä nos jours;
par Jos. Arnmid. Milan (Salvi). 8°. 131 p.
18. Histoire du Velay. Ecrivains, poetes et artistes,
etudes litteraires , par F. Mandet. Le Puy. Gr. 18°. 488 p-
2V, Fr.
Tome 7 der Histoire du Velay.
19. Tournay litteraire ou recherches sur la vie et les tra-
vaux d'ecrivains appartenant par leur naissance ou leur se-
jour a l'ancienne province de Tournai-Tournesis, par F. F.
J. Lecouvet. Partie I. Gand. 8". VI, 384 p.
In diesem, nur in 100 Exemplaren gedruckten Werke, vereinigt
der Verfasser eine Reihe von Artikeln , welche in dem Messager des
Sciences historiques von Gent einzeln erschienen sind, und nach dem
Bullet, du hiblloph. behje^ Ocf. sowohl durch die Ausdehnung der Un-
tersuchungen, als durch Gründlichkeit des Urtheils sich auszeichnen.
Namentlich sei die bibliographische Partie mit minutiöser Sorgfalt aus-
gearbeitet. Der vorliegende Band umfafst 10 Nofices, den folgenden
Schriftstellern gewidmet: Louis des Masures (geb. um 1515, bekannt
als Dramatiker); L. F. J. de la Barre; J. Rosier; P. et M. Brisseau;
P. Stellart; P. du Chastel (Grofsalmosenier von Frankreich 1547, über
welchen manche unbekannte Details hier mitgetheilt sind — ein Ar-
tikel von besonderm Interesse zugleich für die Kulturgeschichte der
Epoche Franz I., vgl. J. 59, Nr. 49); C. d'Ausque; J. Boucher; F.
d' Etinetieres ; L. lAindtmeter.
20. Etudes Listoriques et litteraires sur les ancietines so-
cietes academiques de la ville d'Aniiens; par Ferd. Pouij.
Amiens. 8". 43 p.
99*
436 Bibliographie.
Auf einen Gerde ^ f^enannt Cabinet des lettres, (1702 — 40) folgte
in Amiens 1746 eine „Societe litterairo", welche 1750 durch lettres
patentes des Königs in eine „Acadeniie des sciences , des belles-lettres
et des arts d' Amiens" sieb verwandelte. Der Verfasser verbreitet sich
nicht über die Arbeiten dieser Akademie , vielmehr beschränkt er sich
auf die Erzählung ihrer Gründung, und namentlich der Kämpfe, welche
in ihr die octroyirte Präsidentschaft des bekannten Dichters Gresset
erregte, und die erst dessen Entsetzung beendigte. Bullet, du öiölioph.
Oelye, Janv. 1862.
21. Charlemagne li Constantinople et k Jerusalem; par
L. Moland.
In: Revue arclu'oL, Janv.
22. Le roman de Renart le contrefait (nach der Hand-
schrift der k. k. Ilofbibliotliek Nr. 2562, früher Ilohendorf;
Fol. 39.), von Fercl Wolf. Wien. 4°. 16 p. 9 Sgr.
Ans den Denkschriften der phil. bist. Klasse der Wiener Akad.
Bd. XII. Der Verfasser weist nach, dafs die Wiener Handschrift der
erste Theil oder Band der Handschrift 6985 — 3 fonds de Lancelot der
Pariser Bibl. ist, indem beide Handschriften sogar zu demselben P^xem-
plar gehörten; ferner, was nicht minder wichtig, dafs beide genannte
Handschriften nur eine Bearbeitung der Pariser 7630 — 4 fonds de la
Marc und zwar durch denselben Autor sind. Manche interessante Aus-
züge werden zugleich hier mitgetheilt.
23. Note sur la metrique du chant de Sainte Eulalie;
par P. Meyer.
In : Biblioth. de FEcole des Charles, Janv. et Fevr.
Der Verfasser bekämpft hier vornehmlich die von Littre in seiner
Etüde du chant d'Eulalie (s. J. 58, Nr. 337 und J. 59, Nr. 325) auf-
gestellte Ansicht und dessen daran sich schliefsende Textänderungen,
indem er — gleich Ferd. Wolf in den Lais — das Versmafs als eine
Art Prose auffassen möchte, und darzulegen sucht, dafs das Lied aus
Couplets von je 2 Versen, die im Mafs wie der Assonanz überein-
stimmen, besteht.
24. Notes pour l'histoire de la Chanson; par T^. Lesjjy.
Pau. 8". 115 p. 3 Fr.
25. Note sur le Cabinet des Muses (1619); par Ed. T.
In: Bull, du biblioph. et du biblioth. p. 192 ff.
Trotz des Datums enthält die Sammlung mit wenigen Ausnahmen
nur Werke von Dichtern der Zeit Heinrich's IV.; ist daher für die
Geschichte der Poesie dieser Zeit von besonderm Interesse. Einige
Auszüge sowie die Namen der Dichter werden hier mitgetheilt.
26. La poesie franpaise en 1861; par Arm. de Pontmartiv.
In: Revue des deux Mondes, Aoüt.
Zur französischen Literaturgeschichte. 437
27. La sätira provenzal; por Jose Coli ij Vehi, (Doctor-
dissert.) Madrid. 4°. 200 p. 10 r.
28. Corneille, Racine et Moliere par Eug. Rambert.
Lausanne. 8°.
Der Verfasser gibt in dieser Schrift das Resume von an der poly-
technischen Schule in Zürich gehaltenen Vorträgen, worin er die drei
Dichter namentlich gegen die strengen Urtheile der älteren deutschen
Kritik vertheidigt. Revue des deux Mondes. Fevr. 1862.
29. La Comedie fran^aise au 19'^ siede, par /. A. Vereitere.
In: Bibl. univ. de Geneve, Juni und Juillet.
Der erste Artikel ist ScriOe, der zweite den heutigen Lustspiel-
dichtern, Dumas, Ponsard, Feuillet etc. gewidmet.
30. Le Roman et les Romanciei-s de l'annee 1861; par
A. de Pontmartin.
In: Revue des deux Mondes, Dec.
31. La litterature nouvelle. Des caracteres du nouveau
Roman; par E. Montegut.
In: Revue des deux Mondes, Avi'il.
Bezieht sich insbesondere auf H. liun'ere's l'ierrot et Cain , und
Erckmann Ghatrians Contes fantastiques.
32. Histoire politique et litteraire de la Fresse en
France etc.; par Exig. Hatin [s. J. 60, Nr. 31]. Tom. VI — VIII.
550, 606, 644 p. 18 Fr.
33. French women of letters, biographical sketches by
Julia Kavanagh. London. 8". 2 Vol. 21 s.
Folgende Schriftstellerinnen werden nach dem Athen. Nov. darin
behandelt: Mlle de Gournay , Mlle de Sender i/, Mad. de Genlis , Mad.
de Charriere , Mad. de Krüdener, Mad. de Sta'el. — Die Verfasserin ist
die bekannte Romanschriftstellerin.
34. Le realisme et la fantaisie dans la litterature, par
F. Merlet. 18". 430 p. 37^ Fr.
„C'est une suite d'etudes qui ont paru pour la plupart , sinou
toutes, dans la Revue europeenne , et qui, a propos de quelques ouvra-
ges particulicrs, s'elevent ä la consideration generale de nutre mouve-
ment litteraire. M. G. Merlet prend un certain nombre d'autcurs comme
representant les deux tendances qui lui seniblent le plus funestes de
nos jours." Als die Vertreter des Realisme werden Champjleuri/, Ftau-
bert, Feijdeau und Munjer behandelt, als die der Fantaisie auf Gebieten
die iiir fremd bleiben sollten: der Geschichte, der Philosophie, der
Moral, Arsenc Iluussai/e und Capeß(ju(\ iliiv Fere Enfantin und Miehelet.
Diese Etudes zeigen zugleich den Höhepunkt der Publicationen jener
Nebenbuhlerin der Revue des deux Mondes an. — Vopcn-att, L'ann.
litt. p. 22-i iV.
35. Litte ratin '■ et n)orale. i)ar /'.'. L'er.<int. 18". .^73 p.
3% Fr.
438 Bibliographie.
Zwölf, gröfstentheils im Jotirnnl des Debats veröffentlichte FJudes
über sehr manichfaltige Gegenstände: so die Correspondenz Voltalre's
und die Beranger's, den Realismua, den P. Ventura, den Abbe Bautn'm,
Renan und Michelet. ,,Ce livre est de nature a nous reconcilier avec
les recueils de fragments. Tout y est choisi avec ce goüt qai prefere
la qualite a la qnantite des ecrits." Vapereau, L'ann. litt. p. '228 ft".
36. Bdranger. — Beranger litterateur et critique, d'aprcs
sa correspondance; par J. Travers. Caen. %^. 72 p. 1 Fr.
Auszug aus den Memoiren der Acadeniie von Caen.
37. Brizeuz. — Auguste Brizeuz; par //. Blauvalet.
In; Biblioth. univ. de Geneve, Sept.
Buffon. — S. weiter unten Nr. 47.
38. Charles d'Orläans. — Etüde sur la vie et les poesies
de Charles d'Orleans ; par Covst. Beaufds. 8*^. 242 p. 3 Fr.
Eine Doctor-Dissertation. Die Biblioth. de VEc. des Charles^ Nov.
und Dec, urtheilt darüber nicht sehr günstig; neue Thatsachen habe
der Verfasser nicht niitgetheilt; er habe sich auf die Beurtheiluug be-
schränkt, seinen Helden aber idealisirt.
Cochon. — S. weiter unten Nr. 41.
39. CoUetet. — Un Gazetier au 17® siecle. Franpois
CoUetet. Par E. Hat in.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 609 ff.
Fr. CoUetet, eine der Zielscheiben ßoileau's, unternahm 1676 die
Veröffentlichung eines ,, Journal de la ville de Paris, contenant ce qui
se passe de plus memorable pour la curiosite et avantage du public."
Ueber dasselbe, oder vielmehr seine Fortsetzung, das Journal des aris
et affaires de Paris gibt der Verfasser, seine Geschichte der Presse er-
gänzend, hier nähere Auskunft.
40. Corneille. — Le grand Corneille historien ; par E. Des-
jardins. 8°. 356 p. 6 Fr.
Der Verfasser, ■welcher mit dieser Schrift dem Empire eine Hul-
digung bringen zu wollen scheint, betrachtet die historischen Tragö-
dien Corueille's als Geschichtswerke, um zu finden , dafs sie eine Ver-
herrlichung des Kaiserthums auf Kosten der Republik enthielten. Siehe
Journ. d. Sar., Avril, und Journ. d. deux Mond., Fevr.
41. Cousinot. — Chronique de la Pucelle ou Chronique
de Cousinot suivi de la Chronique normande de F. Cochon,
ed. de Vall. de Viriville [s. J. 59, Nr. 97]: Artikel darüber
von E. Littre im Journ. d. Sav., Dec.
Der Verfasser tritt den Ansichten des Herausgebers rücksichtlich
des Cousinot beigelegten Werkes entgegen. — Auch von der Chronik
Cochon' s handelt der Verfasser, insbesondere von der Sprache, wobei
einzelne Stellen des Textes verbessert werden.
42. Du Lorens. — Les satires de Du Lorens; par le
Marquis de Ga'dlon.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 413 ff.
Zur französischen Literaturgeschichte. 439
Dieser Artikel untersucht namentlich das Verhältnifs der Satiren-
sammlung V. J. 1624 zu der v. J. 1646; und kommt zu dem Resultat,
dafs die letztere keine neue Auflage der ersteren, wie man gewöhn-
lich annahm , sondern in der Tiiat mit wenigen Ausnahmen eine neue
Sammlung ist.
43. Fauriel. — Notice historique sur la vie et les tra-
vaux de C. Fauriel, lue dans la seance publique annuelle de
rAcademie des inscriptions et heiles - lettres le 9 aoüt 1861,
par Guigniaut.
In: L'Institut, Sept.
44. Gudrin. — Portraits poetiques. Maurice de Guerin;
par E. de Moritegut.
In: Revue des deux Mondes, Mars.
Veranlafst durch die „Reliquiae de G. publ. p. Trebutien, avec une
etude biogr. et litter. p. Sainte-Beuve, Paris 1861." Guerin, der 1839
starb , hat blofse Fragmente hinterlassen, die fast alle gar nicht für die
Oeffentlichkeit bestimmt waren, in welchen er sich aber namentlich als
Landschaftsmaler in Prosa sehr auszeichnet. Auf ihn hatte schon 1840
ein Artikel der Sand in der Rev. d. deux Mond., Mai aufmerksam
gemacht. — Vgl. auch Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 46 ff.
45. Henri de Valenciennes. — Henri de Valenciennes,
precurseur de Froissart, par //. Ilelbig. Liege. 8°. 15 p. (Aus
dem Annuaire de la Societe libre d'emulation de Liege.)
46. La Fontaine. — La Fontaine et ses devanciers, ou
histoire de l'apologue jusqu'k La Fontaine inclusivement, par
P. SoulUL Angers. S*». XV, 334 p. 3 Fr.
Doctordissertation.
47. La Fontaine. — La Fontaine et BuiFon; par Damas-
Hinard. 12". 143 p. 2 Fr.
,,Sous le poete incomparable, sous l'artiste merveilleux, je voudrais
faire voir le philosophe au regard etendu et penetrant, l'observateur de
la nature humaine, et, en particulier, Tobservateur des animaux." So
hezeichnet der Verfasser selbst im Eingange die Aufgabe seines Buchs.
Hervorzuheben ist die ausführliche Besprechung des Discours ä Mme de
la Sahliere , worin La Fontaine das System des Descartes über die
„betes-7nachines" bekämpft. Nur scheint der Verfasser seine Bewun-
derung La Fontaine's mitunter zu weit getrieben zu haben. Journ. d.
Sav., Hai.
48. La Mure, J. M. de. — Notes pour servir a la bio-
grapliie de Jean Marie de la Mure, historien du Forez, sui-
vies de son testanient et de deux lettres ä sa famille, le tout
inedit; par A. Chaverondier. Roanne. 8'. 32 p.
In 100 Exemplaren.
49. L'Hospital. — Nouvellcs rechcrches historiques sur
la vie et les ouvrages du cliancelier de l'IIospital; par A. II.
Taillandier. 8". IV, 368 p. (Mit Portrait.)
Der Verfasser, Rath am Cassationshofe, hat auf (.iruud neuer sehr
gewissenhafter Quellenforschungen, die Folge der Lebensereignissc des
berühmten Mannes zuerst genau und j^iclicr festgestellt, Mehrere un-
440 Bibliographie.
cdirte Briefe L'llospitars sind zugleich mitgetheilt. S. Her. d. deux
Mund., Nor. und Journ. d. Sdr., />l'c.
50. Marguärite d'Angoulöme. — Les femmes de la Re-
forme. — Marguerite d'Angoulc'me ; par Taxile Delord.
In: Revue nationale et etrangere, Fevr. und Mars.
51. Moliöre. — A propos d'un exemplaire du Tartuffe
de Moliere; par P. L. Jacoh , bibliophile.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 95 ff.
Es ist ein Exemplar der Originalausgabe, v. J. 16G9, Paris 12",
Jean Ribou; einige Verglcichungen in Betreff der iiidications du jeu et.
de la jyanf.omime des acteurs zeigen, wie viele, und unpassende Verän-
derungen darin die spätem Herausgeber vorgenommen haben.
52. Murger. — Un jeune ecrivain; etude morale. Henri
Murger et ses oeuvres. Par A. de Pontmartin.
In: Revue d. deux Mondes, Oct.
Aus Anlafs der hinterlassenen Nulls d'hiver (s. darüber den fran-
zösischen Jahresbericht oben p. 355) gibt der Verfasser eiue Charak-
teristik des Dichters, vornehmlich von dem moralischen Standpunkt,
wozu das Leben und Ende Murger 's freilich die Auiforderung gab. Ein-
zeln werden die Werke nur wenig ins Auge gefafst.
53. Musset. — Alfred de Musset, ses oeuvres poetiques;
par E. Poitou.
In: Revue nationale et etrangere, Fevr.
54. Nostredarae. — Etudes sur Nostradamus; par F.
Buuet.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. 1860 u. 1861.
Eine sehr umfangreiche Arbeit mit vielen Auszügen aus N's, theil-
vveise auch noch unedirten, Werken.
*55. Pontus de Tyard. — Pontus de Tyard, seigneur de
Bissy, depuis eveque de Chalon; par /. P. Abel Jeandet. Lyon.
1860. 8°. 240 p.
Den Verfasser leitete das heimathliehe Interesse , den Antheil der
Bourgogne an der Renaissance darzulegen; sein Buch wurde von der
Academie von Mäcon gedruckt, erhielt aber auch eine „mention hono-
rable" vom Institut. Der Verfasser sucht u. a. nachzuweisen, dafs
Pontus zuerst unter den Dichtern der Plejade das Sonett cultivirte.
56. Eabelais. — Catalogue de la bibliotheque de l'ab-
baye de Saint- Victor au seizieme siecle, redige par Fran^ois
Rabelais , commente par le bibliophile Jacob et suivi d'un Essai
sur les bibliotheques iraaginaires, par Gustave Brunei. 8^.
XVI, 411 p. 71/2 Fr.
Der Verfasser ist davon ausgegangen , dafs Rabelais in seiner Be-
schreibung der Bibliothek von St. Victor (II, c. 7) bei den von ihm
aufgeführten Büchertiteln die Titel zeitgenössischer Werke vor Augen
oder in Gedanken hatte, die er denn hier travestirte — eine Ansicht die
durchaus zu billigen ist und hier mit vieler bibliographischen Gelehrsam-
keit begründet wird. — Herr Lacroix macht zugleich ausführliche Mit-
theilungen über die Sammlung von Manuscripten und Büchern, welche
die Abtei von St. Victor zu Paris in der That besafs, auf Gruod der
noch erhaltenen Kataloge. Vgl. Bullet, du biblioph. beUje, Janv. u. Mar.s
Zur franzüsischeu Literaturgeschichte. 441
1862. — Das interessante Essai von Brunet, worin eine Uebersicht der
livres imacjinairps der französ. Literatur vom 16. bis zum 19. Jahrhun-
dert gegeben wird , hat von Herrn Lacroi.K eine Ergänzung erhalten in
dem Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 6-15 ff.
57. Rabelais. — Les aventures drolatiques de Gargantua,
Panurge et Pantagruel, mises en vers par Th. Frafjonard et
J. de Lamarque. Avec une notice sur Rabelais, par P. Rol-
let. 12°.
58. Reybaud. — Romanciers et ecrivains contemporains.
Mme. Ch. Reybaud; par E. Montegut.
In : Revue des deux Mondes, Oct.
59. Somaize. — Somaize. Von G. Büchmann.
In: Herrig's Arcbiv f. d. Stud. d. neueren Spr. XXIX, 1.
Der Verfasser des grand dictionnaire des precieuses wird hier als
literarischer Freibeuter namentlich gegen iloliere , charakterisirt, aus
dessen berühmter Komödie er einen grolsen Theil seines Dictionnaire ge-
schöpft habe. Bei dieser G&legenheit gibt der Verfasser reichliche Bei-
spiele der preciösen Sprache.
60. Tocqueville, Alexis de. — Remains of Alexis de
Tocqueville.
In: Edinburgh Review, April.
Eine Lebensskizze Tocqueville's namentlich auf Grund des von
G. de Beaumont herausgegebenen Werks (s. unten Nr. 84.), so* wie der
Akademischen Reden Lacordaire's, Tocqueville's Nachfolgers, und Gut-
zofs des Directors der Academie franpaise (beide Paris 1861). Doch
hat der Verfasser auch noch unedirte an einen englischen Freund Toc-
queville's gerichtete Briefe benutzt.
B.
61. Les Poetes fran^ais, recueil des chefs - d'oeuvre de
la poesie fran9aise depuis les origines jusqu'a nos jours avec
une notice litteraire sur chaque poete par M. M. Asselineau,
Babou etc. etc., precede d'une introduction par Sainte-Beuve;
publie sous la direction de Eug. Crepet. Gr. 8°. Tom. I-II.
XXXIX, 682; 779 p. Der Band 7 V2 Fr-
Auf diese interessante Anthologie werden wir im Jahrbuch zu-
rückkommen, da die literarischen Notizen, namentlich über die Dich-
ter des 15. und 16. Jahrhunderts von besonderm Werth, eine eingehen-
dere Besprechung verdienen.
62. Roland , poeme heroique de Theroulde, trouvere du
onzieme sieclc, traduit en vers fran^ais par F. Jönain, sur
le texte et la version en prose de F. Genin. Bordeaux. 12".
XIV, 89 p. 2 Fr.
6,3. Das Rolandslicd. Das älteste französische Epos,
übersetzt von IT. Hertz. Stuttgart. 8". XIV, 163 p. 28 Sgr.
.S. die Anzeige von A. Ho//' oben p. '201) ff.
64. Les Anciens Poetes de la France [s. J. 60, Nr. 64].
Aye d'Avignon, chanson de geste , publice pour ki premiere Ibis
442 Bibliographie.
d'apres le raanuscrit unique de Paris, par F. Guessard et P. Meyer.
LXXV, 140 p. 5 Fr. — Gui de Nanteuil, chanson de geste,
publice pour la premiere fois d'apres les deux manuscrits de
Montpellier et de Venise, par F. Meyer. LXVIII, 107 p. 5 Fr.
65. Le Roman des quatre lils Aymon, princes des Ar-
dennes. Reims. 8". XXIV, 137 p. 8 Fr. (Collect, d. poetes de
Champagne anter. au 11*^ s.) 8 Fr.
66. Les Aventures de maitre Renart et d'Ysengrin son
compere, mises en nouveau langage, racontees dans un nou-
vel ordre et suivies de nouvelles recherches sur le ronian de
Renart, par Paulin Paris. Gr. 18". XI, 376 p. 4 Fr.
Vgl. J. 60, Nr. 23. — Die vorstehende Bearbeitung des Romans
ist natürlich für das grofse Publikum bestimmt. S. darüber Bullet, du
biblioph. et du biblioth. p. 449 ff.
67. Le Mystere de Saint-Clement, public par Ch. übel
d'apres un manuscrit de la bibliotheque de Metz. Metz. 4" ä
2 col. XXYII, 192 p. 15 Fr.
In 136 Exemplaren.
68. Lo libre de Ester la reyna com fe desliurar de
mort los Juzieus, publ. par J. W.
In : Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXX,
1. u. 2. Hft.
Aus Ms. 8086. 3. f. 309r— 317^. der kais. Bibl. in Paris. (Vgl. J.
60, Nr. 63.) Dieses Stück einer (Jebersetzung des alten Testaments ist
zum Theil ziemlich frei übertragen. Der Herausgeber hat den Text
an einigen Stelleu gebessert, alsdann aber die Lesart der Handschrift
in einer Anmerkung beigefügt.
69. Gresset. — Vers inedits de J. B. L. Gresset; publ.
par C. Eaelens.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth., p. 333 ff.
Eine Epttre sur la paresse , handschriftlich aus der Bibliothek des
Grafen von Hompesch.
70. Guiot de Provins. — Des Guiot von Provins bis
jetzt bekannte Dichtungen, altfranzösisch und in deutscher
metrischer Uebersetzung mit Einleitung, Anmerkungen und
vollständigem erklärenden Wörterbuche herausgegeben von
J. F. Wolfart und San-Marte. (Parcivalstudien von San-Marte.
1. Heft.) Halle. Gr. 8°. XII, 402 p. 3 Thlr.
Die Bible und die Guiot beigelegten Lieder — der Text der er-
steren auf Meon's Ausgabe in dessen Fabliaux et contes gegründet.
Einen Haupttheil bildet das Wörterbuch, verfafst von Wolfart, welches
nur zu weitschweifig angelegt ist. In der Einleitung werden Leben und
Zeit des Dichters, sowie verwandte Dichtungen besprochen. S. Liferar.
Gentralblatt, Nr. 27.
Zur französischen Literaturgeschichte. 443
71. Lambert le Court. — Alexandriade, ou ehanson de
geste d' Alexandre le Grand, epopee romane du XIP siecle,
de Lambert le Court et Alexandre de Bernay, publice pour
la premiere fois en France par F. Le Court de la Villethas-
setz et Eug. Talbot. 12°. XXII. 528 p. 5 Fr.
Nach dem Joiirn. d. Sav., Aout, haben die Herausgeber zur Grund-
lage ihrer Arbeit die Ausgabe Michelant's genommen , welcher zuerst
die Dichtung 1846 in den Publicationen des literarischen Vereins von
Stuttgart vollständig veröflentlichte. Die Herausgeber haben aber den
Text anders geordnet und zahlreiche Ausscheidungen vorgenommen.
Was die Ordnung (classement) der verschiedenen Theile angeht, so sind
die Herausgeber dem Gang des Pseudo-Callisthenes gefolgt, von wel-
chem die Alexandriade nur eine versificirte Nachahmung ist. — Eine
Einleitung, ein Glossaire, und Anmerkungen über die Namen der Orte
und Personen — welche meist der Bretagne angehören — erhöhen den
Werth der Ausgabe.
72. Le Koy. — Traitte de la venerie , par feu M. Bude,
conseiller du Roy Fran9ois I", et maistre des requestes ordi-
naires de son hostel. Traduit du latin en fran^ois par Loys
Le Roy dict Regius, suyvant le comniandement qui lui en a
este faict ä Blois par le Roy Charles IX; public pour la pre-
miere fois, d'apres Ic manuscrit de l'Institut, par H. Chevreul.
Kl. 8°. XXXII, 48 p. 5 Fr.
In 230 Exemplaren. — Die Schrift des Bude bildet das zweite
Buch seines Werks: De philologia ; und behandelt hauptsächlich die
Hirschjagd in der Form eines Dialogs zwischen dem Verfasser und
Franz I. Der "üebersetzer, der auch ein Leben Bude's herausgab (1540),
gehört zu den besten Prosaikern seiner Zeit; er wurde mit der Ueber-
setzung 1572 beauftragt, als Karl IX. die Abfassung seines Jagdwerks
vorbereitete (vgl. J. 59, Nr. 94). Die Publication hat daher als Sprach-
denkmal Interesse. In der Einleitung hat der Herausgeber interessante
Einzelheiten über das Leben und die Schriften Biide's wie Le Roy's
mitgetheilt. Jouni. d. Sav., Oct.
73. Monstrelet. — Chronique [s. J. 60, Nr. 86]. Tome
V. IX, 494 p. 9 Fr,
Dieser Band umfafst die Jahre 1431—40.
74. Piron. — Oeuvres de Piron, precedees d'une notice
d'apres des documents nouveaux par E. Fournier. 18". CIV,
327 p. 2V2 Fr.
Enthält: La Metromanie; Arlequin Deucalion; Epitres; Ödes;
Contes; Fables ; Poesies diverses; Cantates; Chansons; Epigrammes;
Esprit de Piron.
75. Ronsard. — Oeuvres completes [s. J. 58, Nr. 137 1.
Tome IV, 412 p. 5 Fr.
76. Rousseau. — Oeuvres et correspondance inedites de
J. J. Rousseau, publiees par G. Streckeisen-Moultou. 8 '. XX,
484 p. 7V2 Fr.
Der Band enthält die folgenden Stücke: Projet de Constitution
pour la Corse; Lcttres snr la vertu et le bonheur; Morceau sur la re-
velation; Traite de sphere; Fragment d'un Essai sur les langues; Frag-
444 Bibliographie.
uients dos Institiitions politiques ; Kecueil de pcnsees diverses; Lcs a-
nioiirs de Ciaire et de Marcelliu ; La vie de Claude Nuyer (noiivelle
iiiaclievee) ; Mon portrait; Preface d'une lettre ä M. Bordes; AUocution
ecrite potir la lecture des Confessions ; Divers autres fragments ou va-
riantes d'ouvrages conniis de Rousseau ; 70 Icttres inedites. Am wich-
tigsten sind nach Vaperau, L'attn. litt., p. 293 ff. die drei ersten Stücke,
sowie j1/o/i portrait; die Novellen sind nur Skizzen in der Art der Er-
zählungen Diderot's. Der Herausgeber ist Enkel und Sohn der beiden
Rlonltou, welche die Confessions herausgaben; der Grofsvater war einer
der besten Freunde Rousseau's. — Vgl. über diese Publieation den Ar-
tikel Taillandier's in der Revue des deux Mondes, Mars iS62: „La
Suisse chretienne et le 18'" siecle. Pages inedites de Voltaire et de
Rousseau."
77._ Rousseau, J. B. — Oeuvres lyriques de J. B. Rous-
seau. Ed. classique, precedee d'une iiotice par F. Estienne.
18^ XVI, 182 p. 80 C.
78. Saint-Pavin. — Recueil complet des poesies de Saint-
Pavin, comprenaut toutes les pieces jusqu'a present connues
et un plus grand nombre de pieces inedites, les unes revues
sur les editions precedentes, les autres publiees pour la pre-
niiere fois d'apres les manuscrits conteiuporains, par Paulin
Paris. 8". 123 p. 4 Fr.
Die Sammlung enthält Sonette, Madrigale, Stanzen , Chansons des
vornehmlich als Sonettisten bekannten Dichters des Zeitalters Ludwig's
XIV. Erklärende Anmerkungen fehlen leider der Ausgabe. S. Bullet,
du biblioph. et du biblioth. , p. 631 ff.
79. Sevigne, Mme de. — Lettres de Mme de Sevigne,
de sa famille et de ses amis, recueillies et annotees par Mon-
•merque. Nouv. ed.., revue sur les autographes, les copies les
plus authentiques et les plus anciennes impressious, et aug-
mentees de lettres inedites, d'une nouvelle notice, d'un lexique
des mots et des locutious remarquables , de portraits , vues et
facsiniile. Tomes I u. IL 8°. XXIV, 568, 554 p. 77^ Fr.
Wird 12 Bände bilden, und macht einen Theil der „Collection des
grands ecrivains de la France, nouvelles editions publ. sous la dir. de
M. A. Regnier'-'- aus. — In seiner ersten Ausgabe (1818) hatte sich Mon-
merqne noch an den Text von Perrin (Ausg. v. 173-1 imd 1754) gehalten,
welcher die von ihm benutzten Originalbriefe vernichtet hatte; aber man
besafs noch einzelne von solchen, sowie auch authentische Kopien, auf
Grund derselben ist nun so viel als möglich in vorliegender Ausgabe
zuerst die ursprüngliche Physionomie der Briefe hergestellt, so dafs das
Journ. d. Sav., Dec, dieselbe ein wahres literarisches Ereignifs nennt.
Die biographische Notice, verfafst von Mesnard, wird dort auch sehr
gerühmt , indem sie in alle Geheimnisse der Correspondenz einführe.
80. Sevigne, Mme de. — Lettres de Marie de Rabutin-
Chantal a sa famille et a ses amis. Ed. revue et publiee par
ü. Silvestre de Sacj. Tomes I— IV. Gr. 18^ 2016 p. 20 Fr.
81. Sylvain de Flandre. — Oeuvres choisies d' Alexandre
Sylvain de Flandre, poete ä la cour de Charles IX et de
Henri III, precedees d'une etude sur l'auteur et ses oeuvres,
par //. Ilelbiff, et aecompagnees d'une notice inedite par G. Col-
letet. Liege. Gr. 18°. LXXXI, 121 p.
Ziir englischen Literaturgeschichte. 445
Der Herausgeber hat sich in seiner Auswahl der Gedichte nach
der vom Dichter selbst getroffenen, welche er am Ende seiner Cent
histoires tragiques 1581 veröffentlichte, gerichtet. Dieser Auswahl hat
er 2 Proben der Enigmes franfoises v. J. 1582, und ein paar der Cent
hist. beigefügt. Bullet, du biblioph. beige, Oct. — Die Etüde ist auch
selbstständig erschienen: „Alex. Sylvain de Flandre, sa vie et ses oeu-
vres." Sie ist namentlich durch eine sorgfältige Bibliographie von Werth.
82. Tallemant des Reaux. — Les Historiettes de Talle-
mant des Reaux. 3^ ed., entierement revue sur le manuscrit
original , et dispose dans un nouvel ordre par Monmerque et
Paulin Paris. 8°. Tom. YIII-IX. CCCXLIII, 800 p. 71/2 Fr.
83. Theophile. — Le Parnasse satyrique du sieur Theo-
phile, avec le recueil des plus excellents vers de ce temps.
Nouv. edition complete, revue et corrigee. Avec glossaire,
notices bibliographiques etc. Gand, 12°. 2 Vol. 448 p. (Theil
der Nouv. biblioth. curieuse.)
84. Tocqueville, Alexis de. — Oeuvres et correspoii-
dance inedites d'Alexis de Tocqueville, publiees et precedees
d'nne notice par G. de Beaumont. 8°. 2 Vol. III, 986 p. 15 Fr.
IL Zur eno^lischen Literatiimeschichte.
A.
85. The Bibliographer's Manual of English Literatiire etc.
By W. Th. Loicndes. New ed. [s. J. 60, Nr. 97]. Vol. IV,
parts 1 u. 2. p. 1757 — 2400. 7 s.
86. A Catalogue of the Manuscripts preserved in the
Library of the üniversity of Cambridge [s. J. 58 , Nr. 145].
Vol. IV. 20 s.
87. Collectanea Anglo-Poetica; or a bibliographical and
descriptive Catalogue of a portion of a Collection of early
English poetry , with occasional Extracts and Remarks bio^
graphical and critical ; by Th. Corser. Part I. (Printed for the
Chetham Society.)
Nach dem Athenaeum, March, zu weitschweifig ausgeführt. Der vor-
liegende Theil umfafst blofs A und B bis Bas.
88. The Registers of the Stationers' Company; by J.
Payne Collier.
In : Notes and Queries, Vol. XII, p. 3, 22, 62 etc etc.
Fortsetzung der für die Shakespeare Society 18-18 und 49 heraus-
gegebenen Extracts from the Registers of the Stationers' Company, welche
dort bis Juli 158" von Collier gegeben waren. Die neuen Auszüge be-
ginnen mit dem 7. Aug. 1587. Der Herausgeber bevorwortet: „As be-
fore, I shall generally confine myself to productions in the lighter de-
partments, not prctending to touch , excepting orcasionally and briefly,
446 Bibliogi-aphie.
works üf mere science, or those devoted to questions of polemical di-
vinity."
89. The Life and Typography of William Caxton, Eng-
land's iirst Printer, with evidence of bis typographical con-
nexion willi Colard Mansion. Conipiled from original sources
by W. Blades. Vol. I. 4". XVI, 298 p.
Ein Werk selbständiger Untersuchung enthält es manche neue
Tliatsaehen und Ansichten. Der Verfasser ist selbst Buchdrucker. Nach
ihm wurde Caxton 1422 oder 23 geboren, und zwar, wie Caxton selbst
sagt, in ,,the Weald of Kent". 1438 trat er als Lehrling in das an-
gesehene Handlungshaus von Robert Large in London. Drei Jahre
später ging C. nach Brügge, wo er zu grofsem Ansehen gelangend seit
1464 an der Spitze der Company of Merchant Adventurers stand.
Seine erste literarische Arbeit war eine Uebersetzung des Recueil des
hifitoires de Troye von Raoul Le Fevre, 14G9 — 71 von Caxton verfafst
und seiner Gönnerin Margarethe, Gemahlin Karl's des Kühnen, gewid-
met. Dieses Buch bequemer weiter verbreiten, namentlich es Freun-
den und Gönnern geben zu können, liefs Caxton es drucken und zwar
von Colard Mansion in Brügge, wie der Verfasser der herkömmlichen
Ansicht entgegen nachweist. Bei ihm lernte Caxton selbst diese Kunst
dann. Fünf Jahre später, 1476 — 77, erscheint Caxton in England
und zwar in Westminster als der erste Eigenthümer und Arbeiter der
ersten Buchdruckerpresse. Das erste Buch, das dort von ihm gedruckt
ward, war: The Dicfes or Sai/enf/is of the Philosophers 1417, von Lord
Anton Earl of Rivers aus dem Französischen übersetzt (denn nach dem
Verfasser wurde ,,The Game and Playe of the Chesse-' in Brügge ge-
druckt). Caxton starb 1491, nachdem er 18000 Folioseiten gedruckt
hatte, wovon 4500 Uebersetzungen von ihm selbst verfafst. — Athe-
naeum , Aug.; Liter. Gaz., Aug.
90. A compeudious History of English Literature and
of the English Language , from the Norman Conquest. With
numerous Specimens. By G. L. Craik. 2 Vol. 8". 1200 p. 24 s.
Das Athenaeum, Nor. urtheilt darüber sehr günstig; u. a. : „Dr. Craik
has already written on this subject in a smaller work known to many
of our readers. This augmented eflbrt will be , we doubt not, receiv-
ed with decided approbation by those who are entitled to judge, and
studied with much profit by those who want to learn." Das bier er-
wähnte kürzere Werk sind offenbar die Sketches of the Hist. of Litera-
ture and Learning in England, 1844 — 45 erschienen; von ihnen ist das
neue Werk eine Umarbeitung und Erweiterung. In den ,, Specimens"
sind namentlich die heute weniger allgemein gelesenen Schriftsteller
reichlich bedacht, als Spenser, Swift etc. Notes Sf Q., XII, p. 360.
91. History of English Literature in a series of bio-
graphical sketches, by W. F. Collier. 8". 540 p. 3 s. 6 d.
92. The Literary Women of England; including a bio-
graphical Epitome of all the most eminent to the year 1700,
and Sketches of the Poetesses to the year 1850; with Extracts
of their works and critical Remarks; by Jane Williams.
8°. 570 p. 18 s.
Die Verfasserin geht bis auf die ältesten Zeiten zurück. Das biogra-
phische Moment ist besser als das ästhetische behandelt nach der Liter.
Gaz., Aug.
Zur englischen Literaturgeschichte. 447
93. Die Räthsel des Exeterbuchs, von E. Müller. (Pro-
gramm des Gymnasiums zu Köthen).
94. Euphuism.
In: Quarterly Review, April.
Veranlafst durch Fairholt's Ausgabe von Lilly's Werken (s. J. 58,
Nr. 193). Der Verfasser geht davon aus, dafs Lilly, statt den Ge-
schmack seiner Zeit bestimmt zu liaben, vielmehr von ihm bestimmt
wurde, als er seinen Euphues schrieb, der eben deshalb alsbald eine
solche Popularität gewann. Der Ursprung des „Euphuismus'- sei viel-
mehr in Italien zu suchen, und zwar bei den Commentatoren sowie
den Nachahmern Petrarca's. Der Einfliifs Italiens auf die englische
Literatur und Bildung wird hier eingehend erörtert. — Lilly's Euphues
wird darauf ausführlicli behandelt, und namentlich eine genaue Inhalts-
analyse gegeben. Motiv und Titel des Werks soll Lilly, wenn nicht
direct aus Plato's Bepublik, aus Ascham's Sc/ioolmaster geschöpft haben,
der 8 Jahre früher, 1571 erschien.
95. English Puritanism and its Leaders: Cromwell, Mil-
ton, Baxter, Bunyan; by /. Tulloch. 8°. 490 p. 7 s. 6 d.
Dies Buch wird vom Athenaeum, May sehr gerühmt. Von dem
Artikel über Bunyan speciell sagt der Ref. : ,,We have never met with
auy notice of the celestial dreamer which so completely satisiied us :
it is quite the best treatise upon bis life and works we have ever
seen." — Der Baxter gewidmete Abschnitt erntet dasselbe Lob, wäh-
rend Milton's Charakteristik am wenigsten glücklich ausgefallen erscheint.
96. Les moeurs et les lettres ä la fin du 18" siecle en
Angleterre. 11. Le Roman et les Romanciers. Par //. Taine.
In: Revue des deux Mondes, Dec.
97. The History of Scottish Poetry, by David Irving;
edited by J. Aitkin Carlyle; with a Memoir and Glossary.
Edinburgh. 8". 650 p. 16 s.
Wird hier demnächst ausführlich besprochen werden.
98. James the fifth, or the Gudeman of Ballangeich,
bis Poetry and Adventures, by /• Paterson. Edinburgh. 8°.
310 p. 3 s. 6 d.
„His (James') most intimate friends were literary men or men who
loved literature. He was snrronnded by poets and known to sweep
the lyre himself. An acceptable tradition points to him as the au-
thor of that lively May-day ode ,,Christ's Kirk on the Green", the
character song of ,,The Gaberlunzie Man" , and the comic but not too
delicate bailad „The JoUy Beggar". Though this last falls short of
the merit assigned to it l)y Scott, it might very well have been writ-
ten by a gallant monarch, very much addicted to transgress in his
duty towards his neighbour by falling in love with his neighbour's
wife. " Athenaeum, Sept. Die drei Gedichte sind zugleich hier niit-
getheilt.
99. Athenae Cantabrigienses , by Ch. 11. Cooper and
Thompson Cooper. Vol. I u. II. 1858 — 61. S*". Der Bd. 18 s.
Enthält die Biographien der Mitglieder dieser Iniverf^ität , zu-
448 Bibliographie.
gleich allonial mit einem Verzeichniss der von denselben verfassten
Schrifteii. iJer erste Band gelit bis zum Jahre 1585, der zweite bis
1609. Der lleichthura des gesammelten Materials, die Sorgfalt der
Ausführung sowie die genauen Quellenangaben werden besonders ge-
rühmt. S. Liter. Gaz., Murch und Noteü c^ Q. XI, p. 140.
100. The Ilistory of Harvard University, by Jos. iluincy.
2 Vol. Boston. 8". 36 s.
101. Growth of English Poetry.
In: Quarterly Review, Oct.
Veranlafst durch Bell's Annotated Series of British Poets. Blofs
die Lyriker indessen werden hier ins Auge gefafst, luid namentlich
des 16., sowie des Anfangs des 17. Jahrhunderts. Der Artikel enthält
manche gute Bemerkungen, von reichlichen Citaten begleitet.
102. Footsteps of Shakspere; or, a ramble Avith the early
Dramatists , containing new and interesting Information respect-
ing Shakspeare, Lyly, Marlowe, Greene and others. 8*^. 190 p.
5 s. 6 d.
103. English Translators of Virgil.
In: Quarterly Review, July.
Zum grofsen Theil eine L'ebersicht der alteren Uebersetzungen von
der von Caxton verfafsten an.
104. Essays on English Literature, by Th. Mac NicolL
12°. 350 p. 7 s.
Zehn zuerst in dem Quarterly Review veröffentlichte Essays er-
scheinen hier vom Verfasser gesammelt, nämlich: Autobioyraphies;
Sacred Poetry, Milton and Pollok; Tl^e Writhiys of Mr. Carlyle; Ten-
dencies of modern Poetry; Populär Criiicism; Alfred Tennyson; Noetes
Ambrosianae ; New Poems of Broioning and Lander; Boswelfs Letters;
The terror of Bagdad. S. darüber Liter. Gaz., March.
105. Essays from the Quarterly Review, by /. Hannay.
8°. 390 p. 14 s.
Die Liter. Gaz., April bezeichnet die Originalität des Verfassers
mit den Worten: ,,He is a happy combination of two opposite quali-
ties : he is as fond of curious research and of original sources of In-
formation as the dryest and most pedantic of antiquarians, and yet he.
is as lively and humorous as the most frivolous of dinner-wags." Zu
den interessantesten der vorliegenden Essays gehört das ,, On English
Pülitical Satires".
106. Bacon. — Life of Francis Bacon, Viscount of St.
Albans. 8". 568 p. 14 s.
Dieses Werk ist gegen das von Dixou [s. J. 60, Nr. 107] gerichtet.
Die Liter. Gaz., Oct. fällt darüber ein sehr ungünstiges Vrtheil. Wir
merken hier an, dafs über Dixon's Buch ein eingehender Artikel im
Edinburgh Review, April, erschien.
Baxter. — S. oben Nr. 95
107. Browning, Elizabeth Ba,rrett. — The Works of
Elizabeth Barrett Browning.
In: Edinburgh Review, Oct.
Zur englischen Literaturgeschichte. 449
Bunyan. — S. oben Nr. 95.
108. Chaucer. — Le Pelerinage de Canterbury, 1328-1400;
par E. J. Delecluze. Paris. 8°. 41 p.
Dieser Aufsatz, zuerst in der Revue fran^aise 1838 publicirt, er-
scheint hier, beträchtlich erweitert, von Neuem.
109. Cowper. — The Life, Genius and Poetry of Wil-
Jiam Cowper; by J. M. Pollock. 8'. 1 s.
110. De öuincey. — Thomas de Quincey.
In: Quarterly Review, July.
Eine kurze Üebersicht seiner Lebensgeschichte und Schriften; nicht
von besonderer Bedeutung.
111. Eliot. — De la verite dans le Roman moderne. —
Silas Marner nouveau roman de G. Eliot, par C. Clarigny.
In: Revue des deux Mondes, Sept.
Eliot wird hier mit Crabbe verglichen, was dieser unter den Poe-
ten, sei Eliot unter den Romanschriftstellern.
Lilly. — S. oben Nr. 102.
112. Macaulay. — Macaulay's History of England
(Fifth Volume).
In: Edinburgh Review, Oct.
Dieser Artikel ist unter besondrer Berücksichtigung der folgenden
Schrift abgefafst: „The New Examen, or an Enquiry into the Evi-
dence relating to certain Passages in Lord Macaulay's History ; bv
J. Paget. Edinburgh 1861."
113. Milton. — La jeunesse de Milton; par A. Mezieres,
In: Revue nation. et etrang., Fevr.
Auf Grund der Werke von Masson und Keightley [s. J. 58, Nr.
169 und J. 59, Nr. 154].
114. Milton. — Ramblings in the Elucidation of the
Autograph of Milton, by S. Leigh Sothehy. 4°. XXVIII, 293 p.
4 £4 s.
115. Montgomery, James. — James Montgomery; a
lecture; by J. Kirk. Sheffield. 12". 1 s.
116. Roger. — Leben und Schriften Samuel Roger's. Ein
Beitrag zur Geschichte der englischen Literatur von //. Joloicicz.
In : Herrig's Archiv f d. Stud. d. neuern Spr. XXIX, 4. Hft.
117. Skakespeare. — Shakespeare, ses oeuvres et ses
eritiques, par xilfr. Mezieres. Paris. 8°. XV, 511 p. 6 Pr.
Erhielt einen Preis von der Academie fran(,-aise.
118. Shakespeare. — Shakespere, a critical Biography,
and an Estimate of the Facts , Fancies, Forgeries and Fabri-
cations, regarding his Life and Works, which have appeared
in remote and recent literature; by Sam. Neil. 8°. 1 s. 6 d.
Nicht von Bedeutung.
119. Shakespeare. — Complete View of the Shakspere
Controversy, concerning the Authenticity and Genuineness of
Manuscript Matter affecting the works and biography of Shaks-
.lahrb. f. mm. ii. r-ngl. I,it. IV. 4. QQ
450 Bibliographie.
pere, published by Mr. J. Payne Collier as the fruits of bis
researches; by C. M. Ingleby. 8". 15 s.
Shakespeare. — S. oben Nr. 102.
120. Shakespeare. — Notes on Shakespeare, by J. Ni-
cholls. 8". 1 8.
„This littie tract exhibits alike critieal ingenuity and admiration
and appreciation of Shakespeare." Sutcts if Q., XII, p. 340.
121. Shakespeare, — Shakspeariana.
In: Notes & Queries, Vol. XI u. XII.
*122. Shakespeare. — Zu Richard II. ; Shakespeare und
Holinshed, von Riechelmann. (Programm des Gymnasiums von
Plauen). Plauen. 1860.
Das Verhältnifs in welchem Handlung und Charakter des Dramas
zu der Chronik stehen, sucht der Verfasser durch eine sehr sorgfältige
Vergleichung, die von Scene zu Scene fortgeführt wird, darzulegen.
123. Shakespeare. — Shakespeare's Hamlet, von F. Th.
Vischer.
In: Kritische Gänge von F. Th. Vischer. Neue Folge. 2 Heft.
Stuttgart. 8°.
Eine werthvoUe Arbeit des berühmten Aesthetikers. — In demsel-
ben Heft befindet sich auch ein Wiederabdruck des 1844 in Prutz' lite-
rarhistorischem Taschenbuche erschienenen Aufsatzes : ,, Shakespeare
in seinem Verhältnisse zur deutschen Poesie, insbesondere zur po-
litischen."
124. Shakespeare. — Shakespeare's Tenures. Homage,
Knight's Service, Tenure in Capite. By TT:, L. Rushton [vgl.
J. 60, Nr. 141].
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neuern Spr. XXIX, 2.
u. 3. Hft.
Zur Erklärung der Ausdrücke heben wir folgende Stellen aus :
Homage is the most honourable Service and uiost humble service of re-
verence, that a frank tenant may do to his lord. — — Tenure by ho-
mage, fealty, and escuage is to hold by knight service and it draweth
to it ward , marriage and relief. — — Where the tenure was of the
sovereign immediately, it was said to be in capite, er in chief.
125. Shakespeare. — Schlüssel zu Shakspeare's Sonnet-
ten, von D. Barnstorff. Bremen. 8 . 179 p. 28 Sgr.
„William Shakspeare widmet die Sonnette dem W. H. , und dafs
dies nichts anders als William Himself heifsen soll, können wir zwar
nicht beweisen, seheint uns aber aus dem 135. und 136. Sonett höchst
wahrscheinlich." Das ,,Mr." vor „W. H." in der Widmung hat der
Verfasser leider übersehen! — Das Buch ist von Interesse insofern es
zeigt bis wie weit die Shakespeare -Uebersehwenglichkeit auch heute
noch in Deutschland sich verirren kann.
126. Shelley. — Shelley's Life.
In: Quarterly Review, Oct.
Auf Grund der neuesten Publicationen über Shelley, nämlich der
J. 58, Nr. 178 und 179; und J. 59, Nr. 171 von uns aufgeführten, so-
wie der von Mrs. Shelley 1854 publicirten Ausgabe der Werke und end-
lich im Hinblick auf Nr. 342 und 361 von Fraser's Magazine.
Zur englischen Literaturgeschichte. 451
127. Swift. — Some Account of the Life, Writings and
Character of Dr. Swift.
In: Notes & Queries, Vol. XI, 1 ff.
Aus den Spence Mss. des Herzogs von Newcastle mitgetheilt. Der
Verfasser schöpfte zum Tlieil aus Mittheiiungen intimer Freunde Swift'.s.
B.
128. Alt- und Angelsächsisches Lesebuch nebst altfrie-
sischen Stücken, von M. Rieqer. Mit einem Wörterbuche. Lex.-
8°. Giefsen. XXVIII, 353 p. 22/3 Thlr.
Dies AVerk wird im Literarischen .Centralblatt sehr gerühmt. Es
enthält auch Proben des nordhumbrischen Dialekts. — In der Text-
kritik hat der Verfasser manches Selbstständige geleistet. Das Wör-
terbuch ist mit grofser Sorgfalt und Gründlichkeit ausgearbeitet.
129. Bibliothek der angelsächsischen Poesie, herausge-
geben von C. W. M. Grein [s. J. 58, Nr. 182]. Bd. IIL VIII,
538 p. 42/3 Thlr.
Erschien auch selbständig unter dem Titel : Sprachschatz der an-
gelsächsischen Dichter. Bd. I. „Dieser Titel rechtfertigt sich völlig
durch die Anlage dieses gründlichen Werks, wonach es für jeden Ar-
tikel alle Belege aus den poetischen Quellen gibt, die gedruckt sind;
— — und so kann dies Werk zugleich für eine Concordanz der poe-
tischen Sprache der Angelsachsen gelten, die um so werth voller ist,
da die Stellen nicht blofs genannt, sondern, wo immer es angemessen
war , vollständig satzweise ausgehoben sind. — — Ein weiterer Vor-
zug der Arbeit ist, dafs sie nicht aus blofs überlieferungsmäfsigen, mehr
oder weniger verwilderten Quellen geschöpft ist, sondern aus sorgfäl-
tig gereinigten Texten." Literar. CentralbL, Nov.
130. The Anglo-Saxon Chronicle, according to the se-
veral original authorities ; edited with a translation by B. Thorpe.
8 . 2 Vol. XXII, 415 u. 323 p. 17 s.
Bildet einen Theil der Rerum britannic. medii aevi script. (s. da-
rüber J. 58, Nr. 189).
131. Anglo-Saxon Narratiunculae anglice conscriptae;
from the Mss. by 0. Cockayne. 8°. 5 s.
1. Epistoia Alexandri ad Aristotelem; 2. De Rebus in Oriente Mi-
rabilibus; 3. Passio Sanctae Margaretae Virginis. Aus Mss. der ,,Cot-
tonian Collection". Die Stücke waren bisher nicht veröflentlicht. Nur
in 250 Exemplaren. — Notes If Q. XII, p. 340.
132. The Legendary and Roraantic Ballads ofScotland;
edited by Ch. Mackay. 12°. 360 p. G s.
133. Schottische Volkslieder der Vorzeit. Im Vei-smafs
des Originals übertragen von Bosa Warrens. Hamburg. 8".
XII, 212 p. 1 Thlr. 7'/.^ Sgr.
39 schottische Balladen, von denen manche indefs einer spätem
Zeit angehören, sind hier mit grofser Gewandtheit von der bereits be-
währten Uebersetzerin übertragen, so dafs der cigenthümliche Geist
30*
452 Bihlingraiiliie.
dieser Volksdichtuiijj; lebendig liervortritt. Lehrreiche Erläuteniiigeii
begleiten die UebersetzAing, ia vvelclien namentlich die Hinweisung auf
ähnliche Dichtungen andrer germanischer Nationen werthvoll ist.
Herriffs Archiv f. d. neuern Spr. XXIX, Hft. 2 u. 3.
134. Songs and Ballads, with other Poems, chiefly
of the reign of Philip and Mary; edited by Th. Wright. (Print-
ed for the Roxburghe Club.) 8".
Die Liter. Gaz., Murck bcriclitet über diese interessante Publication:
,,lt consists of a selection of short poems on various subjects, and with
considerable variety of metres, which have been written down by tlie
copier, who has chosen theni from what of the literature of the day
appeared to hini most worthy of preservation." Die Gedichte sind
theils Liebesgedichte, theils didactisch, theils erzählend, oder satirisch.
Und zwar sind die letztern entschieden antikatholisch. Die didacti-
schen sind oft noch in der mittelalterlichen Form einer Vision, wäh-
rend die Liebesgedichte den italienischen Mode-Einflufs offenbaren.
Unter den erzählenden findet sich auch die Ballade „Chevy Chase", —
„of which a version is here given differing in some respects of lan-
guagc from that ordinarily received, bat we are inclined to believc
that the one here given is the original poem , and that it is the com-
position of the Richard Sheale for whoni it is claimed in the present
volume." — Der Compilator war, wie er selbst sagt, ein ,,retainer"
des Earl of Derby und wohnte in d&r Stadt Tamworth.
135. Byron. — Le pelerinage de Child Harold, traduc-
tion en vers franyais, par E. Cluiertan. Paris. 8°. 4 Fr.
136. Byron. — Manfrede, poema dramätico de Lord
Byron, traducido en verso direetamente del ingles al castella-
no por Jose Alcalä Gallano y Fernandez de las Penas. Ma-
drid. Gr. 8°. XIV, 86 p. 8 r.
137. Chamberlain. — Letters written by John Cham-
berlain during the reign of Queen Elizabeth; edit. from the ori-
ginal by Sarah Williams. (Printed for the Camden Society.)
Diese Ausgabe wird von dem Athen., Sept. sehr gerühmt. „The
Information supplied in illustration of Chamberlain's text is copious,
well derived and lucid. — — The introduction for the first time esta-
blishes our knowledge of who and what Chamberlain was, on a sure
footing." — Briefe Chamberlain's aus der Zeit Jacob I. waren schon
früher veröffentlicht. — Vgl. auch Notes 4- Q., XII, p. 19, das ebenso
günstig nrtheilt.
138. Greene. — The Dranmtic and Poetical Works of
Robert Gi'eene and George Peele; with Memoirs of the Au-
thors and Notes, by Alex. Dyce. 8°. 16 s.
Wir hoffen von dieser wichtigen Publication eine „Anzeige" brin-
gen zu können.
139. Hemans. — Poems of Felicia Hemans. Neto ed..,
chrouologically arranged, with illustrative Notes and a selec-
tion of contemporary Criticisms. 8°. 12 s. 6 d.
140. Longfellow. — Hiawatha, poeme indo-americain de
Longfellow. Traduction avec notes par H. Gomont. Nancy.
8^ 140 p. 2 Vi Fr.
Enthält zugleich einen guten Commentar. Rec. d. deux Mond., Oci.
Zur englischen Literaturgeschichte. 453
141. Macaulay. — Correspondence between the Bishop
of Exeter and T. B. Macaulay, on certain Statements respect-
ing the church of England. 8°.
,,This interesting correspondence, which took place in 1849, is in-
dispensable to the couipletion of Lord Macaulay "s History." Notes ^•
(lueries , XI, p. 40.
142. Macpherson. — Poems of Ossian, in English Verse.
Fingal by Holl; Carthon, the Death of Cuchullin etc. by
Wodrow; Cairbar and Oscar, by Burke. 12". 460 p. 3 s. 6 d.
143. Milton. — Milton's Poetieal Works, with a Me-
moir and Critical Remarks on his Genius and Writings by
James Montgomery. lUust. JSIew ed. With an Index to Paradise
Lost; Todd''s verbal Index to all the Poems; and a Variorum
selection of explanatory Notes by H. G. Bohn. 2 Vol. 12". 10 s.
Wir führen diese Ausgabe hauptsächlich deshalb hier auf, weil
sie Todd's Index enthält, der seit 1809 in keiner andern wieder pu-
blicirt ward. Die Illustrationen sind die von Harvey. S. Bookseller, June.
144. Milton. — La Perte d'Eden. Paradis perdu. Tra-
duction lineaire metaphrase et litterale, par Jean-de- Dieu Cou-
rant. Texte en regard. Liv. 1 — 4. Gr. 8°. Die Liefg. 1 Fr. 25 c.
145. Montagu. — The Letters and Works of Lady Mary
Wortley Montagu ; edited by her grandson , Lord ^MlarncUffe.
Third. ed.., with Additions and Corrections derived from the
original Manuscripts , illustrative Notes and a new Memoir by
Tr. Moy Thomas. 8". 2 Vol. 18 s.
Mr. Thomas hat in seinem Memoir eine Menge von „slander" zu
entfernen vermocht, der namentlich aus einem Mifsverständnifs Pope'-
scher Anspielungen entstanden war. Das Zerwürfnifs der Lady mit
letzterem wird von ihm aufgeklärt. Ein besonderes Verdienst beruht
noch in der chronologischen Ordnung der undatirten Briefe. Andrer-
seits sind auch in dieser Ausgabe wieder Briefe und Werke, deren
Authenticität mehr als zweifelhaft ist, abgedruckt, wahrscheinlich blofs
weil sie in den früheren sich befanden. Atkenaeum^ Apr. n. Oct.
146. Occleve. — De Regimine Principum; a Poem by
Thomas Occleve. Edited by Th. Wright. (Printed for the Rox-
burghe Club.) 8°.
Der Dichter, welcher eine Pension von Heinrich IV. empfing, wollte
durch dieses für den Prinz von Wales abgefafste Werk seinen Dank ab-
statten. Es ist nach der Lit. Gaz. , March namentlich von kulturge-
schichtl. Interesse.
Peele. — S. oben Nr. 138.
147. Shakespeare. — Oeuvres compl., traduites par
Fr. V. Hugo [s. J. 60, Nr. 167]. Vol. VIIL 504 p. 3V2 Fr.
„Lcs Amis" (Die beiden Edelleute von Verona; Der Kaufmann
von Venedig; Wie es euch gefällt).
148. Shakespeare. — Oeuvres compl.; traduction de
Guizot. Nouv. cd. [.s. J. 60, Nr. 169]. Vol. II— VIII. 35 Fr.
149. Shakespeare. — Shakespeare's Gedichte; deutsch
von W. Jordan. Berlin. 8". LV, 422 p. l^/g Thlr.
Begreift aufser den Sonetten auch die epischen Gedichte. Die
454 Bibliographie.
Uebersetzung gehört zvi den vorzüglichsten, namentlich was Leichtigkeit
und Wohllaut der Verse betrifft. Vgl. Liter. Centralhl. , 1862, Mai.
150. Thomas, — The Pilgrim; a Dialogue on the lit'e
and actions of King Henry the Eighth; by William T/iornas,
Clerk of the Council to Edward VI. Edited with Notes from
the Archives at Paris and Brüssels, by J. A. Fronde. 8".
180 p. 6 s. 6 d.
151. Walpole. — Letters of Horace Walpole j edited by
P. Cunninyham., now first chronologically arranged. 8°. 9 Vol. 81 s.
TU. Zur italienischen Literaturgeschichte.
A.
152. Le opere volgari a stampa dei secoli XIII e
XIV, ed altre a' medesimi referibili descritte per J^r. Zamhrini,
Presidente della commissione pe' testi di lingua. Bologna
(Romagnoli). Gr. 8«. XVI, 372 p. (a 2 col.) 7 Lire.
Nur in 250 Exempl. Ein ausgezeichnetes Buch, Jedem unent-
behrlich, der sieh mit älterer Italien. Literatur beschäftigt. Mussafia.
153. Die Bibliotheken und Archive zu Florenz; von
Neigebaur.
In: Petzholdt's Neuer Anzeiger für Bibliogr. 6. Hft.
154. Les poetes florentins au XIII'' siecle; par Arm.
Rimere.
In : Revue nation. et etrang.
Guido Cavalcauti, Guittone d'Arezzo u. A.
155. Vicende della tragedia in Italia, di Fulvio. Napoli
(Rondinella). 16°. 2 Lire.
156. Notice sur un poeme Italien d'une extreme rarete,
par G. Brunei.
In: Serapeum , Nr. 9.
lieber eine Satire gegen die Frauen, ein Gedicht in Terzinen und
13 Capitoli: 11 Mangnmllo betitelt, aus der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts, welches 1860 in Paris republicirt Avard in 100 numerir-
ten Exemplaren.
157. Boccaccio. — Difese d'un illustre, studio di A. Mus-
safia. Wien. 8°. 36 p.
Nur in 150 numerirten Exemplaren. Auszugsweise Uebertragung
des letzten Buchs der Genealogia Deoruni in das Italienische, in wel-
chem Buche Boccaccio sein Werk gegen die Angriffe böswilliger Gegner
vertheidigt.
158. Compagni, Dino. — Dino Compagni; etude histo-
rique et litteraire sur l'epoque de Dante, par K. Hildebrand.
(Doctordiss.) Paris. 8°. XVI, 439 p.
Zur italienischen Literaturgeschichte. 455
Diese Arbeit, welche zugleich die Geschichte von Florenz selbst
vom Jahre 1282 — 1378 behandelt, wird vom Journ. des Sacants, Mars
1S62 sehr gerühmt.
159. Dante. — Storia della vita di Dante Alighieri com-
pilata da P. FraticelU sui documenti in parte raccolti da Gius.
Pelli, in parte inediti. Firenze (Barbera). 12". VII, 371 p.
4 Lii-e.
160. Dante. — Intorno le conoscenze biologiche e me-
diche di Dante Alighieri, di Michelangelo Asson. Venezia. 8°.
27 p. 1 Lira.
161. Dante. — Saggio di osservazioni sopra gli studi
biblici di Dante Alighieri, di Ces. Cavedoni.
In: Opusc. religiosi, letter. e mor, di Modena T. X.
162. Dante. — Dante und die italienischen Fragen. Ein
Vortrag gehalten im März 1861 von K. Wüte. Halle. 8°.
47 p. 8 Sgr.
163. Dante. — Dante Alighieri. Sechs Vorträge über
Dante. — Dante , ein Romanzenkranz. Von F. Notier. Stutt-
gart. 8°. XVI, 336 p. 173 Thlr.
164. Dante. — De Bartolo a Saxoferrato, Dantis AUi-
gherii studioso, commentatiuncula Caroli Witte. Halle. Gr. 8°.
12 p. 5 Sgr.
165. Dante. — Versuch einer blos philol. Erklärung,
von Blayic. [s. J. 60, Nr. 191.] I. Die Hölle. 2. Heft, Gesang
XVIII— XXXIV. 155 p. 20 Sgr.
166. Dante. — Metodo di commentare la Commedia di
Dante Alighieri proposto da Giambattista Giuliani. Firenze
(Le Monnier). 12°. VI, 557 p. 4 Lire.
167. Dante. — Itinerario astronomico di Dante Alighieri
per l'inferno e pel purgatorio narratoci da lui stesso co' suoi
versi per Francesco Longhena. Milano (Boniardi Fogliani).
8°. 31 p. 75 Cent.
168. Dante. — Sopra un verso della Divina Commedia
Aon inteso dalla commune degl' interpreti, lettera di Alb. Bus-
caini Campe. Palermo (Pedone). 16°. 27 p.
169. D'Azeglio, Massimo. — Massimo d'Azeglio, Bio-
grafia di Fug. Catuerini. (Mit Portr.) Torino (Pomba). 16°.
24 p. 50 Cent.
170. Foscolo. — Ugo Foscolo e Italia, da C. Cattaneo.
Milano. 8°. 1 Lira.
171. Galilei. — Galileo Galilei, sa vie, ses proces et
ses contemporains d'apres les documents originaux ; par Phil.
Chaslen. Paris. 8°. VIII, 294 p. SVz Fr.
172. Guicciardini. — Un politique Italien de la rcnais-
sance. Guichardin et ses oeuvres inedites. Par A. Goffroij.
456 Bibliographie.
In: Revue des deux Mondes, Aoüt.
Die 3 ersten Bände der Opere inedite werden liier besprochen.
173. Leopardi. — Les souffrances d'un penseur italien.
Leopardi et sa correspondance ; par Ch. de Mazade.
In: Revue des deux Mondes, Avril.
Knüpft an das in Florenz erschienene Epistolario Leopardi's an.
174. Metastasio. — Aus Metastasio's Hofleben; ein Vor-
trag gehalten in der feierlichen Sitzung der k. Akademie der
Wissenschaften von Th. G. von Karajan. 27 p.
In: Ahnanach der-k. Akad. der Wissensch. Wien.
Erschien auch in Separatabdnick. In den Anmerkungen linden
sich Stellen aus unedirten auf der k. k. ITofbibliothek aufbewahrten
Briefen Metastasio's.
175- Metastasio. — Marcus Atilius Regulus, Trauerspiel
von Collin und Oper von Metastasio ; von K. L. Kannegiefser.
In: Herrig's Archiv für d. Stud. d. neuern Spr.
XXIX, 2. u. 3. Hft.
Beide Stücke werden in Bezug auf ihren ästhet. Charakter be-
trachtet und verglichen , und Metastasio der Preis zuerkannt. Die letzte
Scene seiner Oper wird in einer Uebersetzung in Versen mitgetheilt.
176. Monti. — Vincenzo Monti; per Ces, Cantu. Torino.
16". 120 p. (Mit Portr.) 50 Cent.
Bildet einen Theil von: I Contemporanei italiani; Galleria nazion.
del sec. XIX.
177. Niccolini. — Giov. Battista Niccolini; per N. Giotti.
Torino. 16°. (Mit Portr.) 50 Cent.
Bildet einen Theil von : I Contemp. ital.
178. Pellico, Silvio. — Silvio Pellico; per G. Briano.
Torino. 16°. 79 p. (Mit Portr.) 50 Cent.
Bildet einen Theil von: I Contemp. ital.
179. Petrarca. — La canzone di Petrarca in lode della
Vergine, illustrata co' riscontri delle sacre scritture de' santi
padri e della litturgia della Chiesa, da Cavedoni.
In: Opusc. relig. etc. di Modena X.
180. Savonarola. — La storia di Gir. Savonarola etc. da
P. Villari [s. J. 60, Nr. 266]. Vol. IL 224, CDXXVII p.
4 Lire.
Tasso. — S. unten Nr. 193.
181. Uberti, Fazio degli. — Intorno alla famiglia e al-
la vita di Fazio degli Uberti, autore del Dittamondo, disqui-
sizione di G. Grion. 8°. 38 p.
Die Absicht dieser gründlichen Arbeit spricht der Verfasser selbst
mit den Worten aus: ,,Pressoch(? tutte le scarse notizie, che corrono
incerte per la biografia di Fazio, risultano cavate dalle opere di lui:
eppercio non sark disutile col medesimo mezzo di raffermarne alcune,
e a queste di aggiungervi altre , trascurando quelle a cui mancano gli
appoggi per sostenerle o gli argomenti per discrederle."
Zur italienischen Literaturgeschichte. 45'i
*182. Italienisches Liederbuch, von Paul Heyse. Berlin,
1860. 16°. LI, 292 p. 1 Thlr. 24 Sgr.
Eine Sammlung italienischer Volkslieder in vortrefflichen Ueber-
setzungen: Rispetti, Vilote, Ritornelle, Voceros u. a. , welche Ueber-
setzungen aber zum Theil schon einzeln in Journalen u. s. w. veröf-
fentlicht waren (vgl. J. 58, Nr. 244 u. J. 59, Nr. 211).
183. The early Italian poets from Ciullo d'Alcamo to
Dante Alighieri, (1100, 1200, 1300) in the original metres,
together with Dante's Vita nuova, translated by D. G. Eos-
setti. London. 8°. 496 p. 12 s.
Der Uebersetzer ist ein Sohn des bekannten Dantisten. Im Ganzen
sind 60 Gedichte übertragen, Canzouen, Ballaten, Sonette, wovon 29
allein dem Guido Cavalcanti angehören. Die Uebersetzung der Vita nuova
scheint, nach dem Aihenaeum, Febr. weniger gelungen als die andern.
184. Tre cantici spirituali del beato Ugo Panziera da
Prato. Prato (Guasti). 8°. 16 p.
185. La Compagnia del Mantellaccio , componimento del
sec. XV citato dagli accademici della Crusca. Riproduzione
a fac-simile della prima stampa con il catalogo delle edizioni
conosciute. Firenze (Cecchi). 8°. 34 p.
Ein Gedicht (Capitolo) in Terzinen, von Quadrio dem Lorenzo de'
Medici zugeschrieben. Der älteste Druck ist von 1489 ; es folgten an-
dere 12 Ausgaben; die letzte in der Raccolta di rime antiche toscane,
Palermo, 1817. — In 204 Expl. Mussafia.
186. Miscellanee di opuscoli inediti o rari dei secoli
XIV e XV. Prose. Vol. I. Torino. 8°. 302 p. 3 Lire.
.Es bildet den ersten Band einer: Collezione di opere inedite o
rare dei primi tre, secoli della lingua, pubblicata per cura della R. com-
missione dei testi di lingua. Diese Commission hat ihren Sitz in Bo-
logna; Präsident ist Franc. Zambrini. Sie bezweckt die Herausgabe
von älteren Denkmälern , die in Bezug auf Sprache und Literatur von
einiger Wichtigkeit sind. Dieser Band enthält: Giovanni di Procida
e il vespro siciliano — Viaggio a Gerusalemme di Nicolö da Este
(1413) descritto da Luchino dal Gampo — Leggenda del viaggio di
tre monaci al paradiso terrestre — Piramo e Tisbe — Leggenda di S.
Petronio (in bolognesischer Mundart) Scala che mandö S. Francesco a
frate Bernardo — Sentenze di Profeti, Evangelist! etc. — Epistole di
Seneca a S. Paolo e di S. Paolo a Seneca. — — Ueber die weitere
Thätigkeit dieser Commission gibt eine Schrift F. L. PolidorVs Nach-
richt, welche in Bologna erschien unter dem Titel: „ Proposta per la
pubblicazione degli statuti scritti in volgare nei secoli 13 e 14, che si
trovano nel R. archivio di Stato in Siena, fatta alla Commissione dei
testi di lingua." Wir erfahren hier, dafs eine grofse Anzahl Publi-
cationen vorbereitet werden, von denen wir hervorheben: la Favola
Ritonda, il liinaldo da Montalhano; Aiolfo (etwa -^to/?); Störte Narbo-
nesi (Guillaume d'Orange) ; Aspramonte und Uvali di Francia nach einer
bisher unbekannten Handschrift. (Die zwei zuletzt erwähnten Stücke
werden als besondere Werke, womit einzelne Herausgeber jetzt be-
schäftigt sind , angeführt : macht aber Aspramonte nicht das siebente,
noch ungedruckte Buch der Reali aus?) Andere in Aussicht gestellte
458 Bibliographie.
Drucke sind: Conimenfariu di Vcspasiano Bisticci sulla vita del Maitetti,
ßandi Lucchesi ( beide schon erschienen ) , Cronache Siciliane de' secoli
13. e 14., 64 Lovelle morali di /rate Filij)j)o da Siena, zahlreiche
Uebersetzuiigeii ascetisoher Werke ii. s. w. — Darauf folgt noch ein
Verzeichnifs der Statute mit ergieln^en Auszügen, welche die Sprache
hinreichend beurtheilen lassen. Musaafia.
*187. Due Novelle antiche anterior! al Decamerone del
Boccaccio. Genova. 18G0. 8 •
188. Novelle d' incei-ti autori del secolo XIV. Bologna
(Roniagnoli). 8". 98 p.
Nur in 102 Exemplaren. Ks sind 2 Novellen. — Bildet einen
Theil der unter der Leitung Zambrini's herausgegebenen: Scelfa di cu-
riositä letterurie inedite o rare dal secolo XI/I al XIX.
189. Due Novelle morali d'autore anonimo del sec. XIV.
Bologna (Romagnoli). 8°. 24 p.
In 52 Exemplaren. Bildet einen Theil von Zambrini's Scelta di
cur. lett.
190. Storia d'Apollonio di Tiro , romanzo greco dal la-
tino ridotto in volgare italiano nel secolo XIV. Testo di
lingua or per la prima volta pubblicato con un saggio di al-
tro volgarizzamento dello stesso secolo. Lucca (Canovetti). 8°.
XL VIII, 106 p. 4 Lire.
Nur in 123 Exemplaren. — Diese Publication, sowie einige weiter
unten aufgeführte gehn von einer Gesellschaft Gelehrter Lucca's aus,
worunter Salvatore Bongi und Leone dal Prete, welche theils unedirte,
theils nur in seltenen Drucken erschienene alte Novellen und Schwanke
zu ediren beabsichtigen. Wir werden auf das vorstehende AVerk im
Jahrbuch zurückkommen. 71/.
*191. La elezione di Corrado quarto figlio dell' impera-
tore Federigo in re de' Roraani. Firenze (Ant. Cecchi), 1860.
8<'. 14 p.
In 124 Exemplaren. Ein Facsimile nach dem Cod. Magl. Pale.
IV Cod. 110. Dieses Schriftstück wurde als Testo di lingua von der
Crusca theils unter Left. Fed. See., theils unter Lib. Dicer. oder Tav.
Dicer. angeführt. In den Deliciae Eruditorum von Lami S. 235 — 239
findet es sich abgedruckt nach dem Cod. Rice, der jetzt die Zahl 153S
trägt. Eine Ausgabe veranstaltet B. Sorio. M.
192. Scrittura lombarda del secolo XIV, per cura di
Michiele Melga. Napoli. 8°. 19 p.
193. Lettere inedite di Santi, Papi, Principi, illustri guer-
rieri e letterati, con note ed illustrazioni di L. Cibrario. To-
rino (Botta). 12 '. 567 p. 10 Lire.
Es befinden sich darin Briefe von Bojardo, Ariost, G. Guicciar-
dini, T. Tasso, Eleonora d'Este, Lucrezia Bendidio, G. Baretti, Meta-
stasio, Alfieri, Botta, Gioberti. — Daraus erschien selbständig mit dem
Separattitel: Dcijli amori e della priyionia di T. Tusso, discorso fondafo
."u documenti inediti dell' archivio Estense (86 p.).
Zur italienischen Literaturgeschichte. 459
194. Acciajuoli. — Istoria fiorentina di Leonard! Aretino
tradotta in volgare da Donato Acciajuoli, premessovi uii discorso
per C. Monzani. Firenze (Le Moniiier). 12°. LI, 611 p. 4 Lire.
195. Adriani, Marcello. — Le vite parallele di Plu-
tarco etc. [s. J. 59, Nr. 239]. Vol. II u. III.
196. Alfieri. — Vita, giornali, lettere di Vittorio Al-
fieri. Ediz. ordinata e corretta sugli autografi, per cura di
E. Teza. Firenze. 12°. 591 p. 4 Lire.
197. Aretino, Pietro. — Sept petites iiouvelles concer-
nant le jeu et les joueurs de Pierre Aretin, traduites en fran-
^ais pour la premiere fois et precedees d'une etude sur l'auteur
et sur divers conteurs italiens; par PInlomneste Junior. Paris.
24°. 95 p. (Mit Portr.) 4 Fr.
198. Bartolommeo , Fra. — Gli ammaestramenti degli
antichi raccolti e volgarizzati per Fra Bartolommeo da S. Concor-
dio Domenicano. Firenze (Barbera). 64*^. XI, 174 p. 2 Y^ Lire.
199. Berchet. — Poesie di Giovanni Berchet. Unica
ediz. completa, con altre poesie originali italiane. Napoli. 12°.
167 p. 2 Lire.
200. Boccaccio. — II Decamerone di Giovanni Boccac-
cio. Firenze (Barbera). 32". 3 Vol. XX, 1677 p. (C. D.) 6 Lire
75 Cent.
201. Bossi. — Poesie edite ed inedite del conte Carlo
Aurelio Bossi. Firenze. 12°. 2 Vol. 909 p. 6 Lire.
202. Busini, Giovambattista. — Lettere di Giovambat-
tista Busini a Benedetto Varchi sopra 1' assedio di Firenze,
corrette ed accresciute di alcune altre inedite, per cura di Gae-
tano Milanesi. Firenze (Le Monnier). 12°. 3 Lire.
203. Dante. — La vita nuova, i trattati De Vulgari
Eloquio, De Monarchia e la questione de Aqua et Terra di
Dante Aligbieri con traduzione italiana delle opere scritte la-
tinamente, con note e illustrazioni di Pietro Fraticelli. Firenze
(Barbera). 12°. 4 Lire.
204. Dante. — The Vita nuova of Dante; translate, dwith
an Introduction and Notes by Th. Martin. 8°. 160 p. 7 s. 6 d.
205. Dante. — II Canzoniere di Dante, annotato e il-
lustrato da P. Fraticelli, aggiuntovi le Rime sacre e le Poesie.
2^ ed. Firenze (Barbera). 12°. 449 p. 4 Lire.
206. Dante. — L'Enfer de Dante, traduction de P. A.
Fiorentijio, accorapagnee du texte italien, avec les dessins de
Gustave Dore. Paris. 4°. IV, 198 p. 100 Fr.
S. darüber: Une interpretation pittorcsque de Dante, par E. Mon-
tegut in der Rev. d. deux Mond., Niw. Es sind 75, von verschiedenen
Künstlern in Holz geschnittene Zeichnungen , von welchen aber ein
Drittel nur indirect mit dem Gegenstand zusannuenhängen. Die Zeich.
460 Bibliographie.
Illingen werden in nmncher Beziehung sehr gerühmt; und die Ueber-
setzung für die einzige französische erklärt, welche in solchem Grade
Klarheit mit Treue vereinigte. Vgl. auch Athenaeum, Sept.
207. Deciani. — Novelle ed altri scritti di Francesco De-
ciaui, raccolti ed annotati da Frosjwro Antonini. Firenze (Le
Monnier). 12''. 420 p. 4 Lire.
208. Doni. — II terremoto contro Pietro Aretino, di
Ant. Francesco Doni, secondo la copia del 1556. Lucca (Ca-
novetti). 8".
In 50 Exemplaren. Wiederabdruck eines sehr seltenen Buches,
wovon ein Exemplar in der Vaticana, ein anderes in der Marcusbiblio-
thek zu Venedig vorhanden ist.
209. Doni. — La stufajolo, commedia in prosa, di Ant.
Francesco Doni. Lucca (Canovetti). 8*^. 64 p.
Nur in 100 Exemplaren.
210. Filippo, Frate, da Siena. — Martirio d' una fan-
ciulla Faentina narrato per Frate Filippo da Siena iiel sec.
XIV. Bologna (Romagnoli). 8". 16 p.
Nur in 52 Exemplaren. Bildet einen Theil von Zambrini's Scelta
di cur. lett.
211. Filippo, Frate, da Siena. — Novella di una donna
che fu lasciata dal diavolo, scritta da Frate Filippo do Siena
nel buon secolo della lingua. Lucca (Canovetti). 8°. 16 p.
1% Lire.
212. Gioberti. — Pensieri [s. J. 59, Nr. 253]. Vol. II.
(VL des Nachlasses.) 730 p.
213. Gioberti. — ßicordi [s. J. 60, Nr. 228]. Vol. II.
(IX. der Op. ined.) 758 p.
214. Gravina. — Prose di Vincenzio Gravina, pubbli-
cate per cura di P. EmiUani-Giudici. Firenze (Barbera). 12°.
4 Lire.
215. Jacopone da Todi. — Cantici di Fra Jacopone da
Todi , corretti ed illustrati da Bartolommeo Sorio.
In: Opuscoli religiosi, letter. e mor. di Modena.
Tome IX— X.
Vgl. J. 59, Nr. 257. — Es sind Cant. 3, 17; 1,5; 3, 12 ed.
Tresatti.
216. Latini. — Libro settimo del Tesoro di Brunetto
Latini, testo originale francese e traduzione toscana ridotta
alla lezione vera del concetto originale con note critiche ad
ogni passo emendato da B. Sorio.
In: Opusc. relig. etc. di Modena IX — X.
217. Lippi, Lorenzo. — II Malmantile racquistato di
Perlone Zipoli. Firenze (Barbera). 16°. X, 439 p. (C. D.)
218. Monti. — L' Iliade tradotta da Vincenzo Monti.
Firenze (Le Monnier). Gr. 12°. 526 p- 4 Lire,
Zur spanischen Literaturgescliichte. 461
219. Niccolini. — Nabucbodonosoi-, tragedie de Nicco-
lini traduite en fran9ais par le prince Pierre Napoleon Bona-
parte. Paris. 4°.
220. Rosa. — Satire, odi e lettere di Salvatore Rosa,
illustrate da G. Carchicci. Firenze (Barbera). 16°. (C. D.)
2V4 Lire.
221. Segni. — Le istorie Fiorentine dall' anno 1527
all' anno 1555, di Bernardo Segni, ridotte a miglior lezione,
coli' ajuto di im manosci-itto di Scipione Ammirato , per cura di
G. Gargani. Firenze (Barbera). 12°. 4 Lire.
222. Vico. — Opere di Gianibattista Vico affidate alla
cura di Gabriele di Stefano. Napoli (Morano). Vol. I^ — IV.
Der Bd. 6 Lire.
IV. Zur spanischen Literaturgeschichte.
A.
223. Diccionario general de bibliografia espanola, por
Dionisio Hidalgo. Madrid. Entrega I. 8°. 4 r.
224. Etüde bibliographique sur les romans de cbevalerie
espagnols, par G. Brunei.
In: Bullet, du biblioph. et du biblioth. p. 199, 269, 327.
Auf Grund des Catälogo razonado von Gayangos in der Biblioteca
de aut. esp. T. XL, indem einige neue Nachweisungen hier und du
hinzugefügt sind.
225. Lista de las obras nuevas que se han puesto en
escena en los teatros de Madrid desde 15 de setiembre de
1860 hasta ei 25 de junio de 1861.
In: Boletin bibliograf. esp., Nr. 14.
*226. La imprenta cn Zaragoza, con noticias preleminares
sobre la imprenta en general, par Gerön. Borao. Zaragoza
1860. Gr. 8°. 98 p. (Bibliot. de El Saldubense.) 5 r.
227. Historia cn'tica de la literatura espanola, por Jose
Amador de los Bios. Tomo I. Madrid. Gr. 8°. CXIV, 528 p. 36 r.
Wird demnächst angezeigt; ingleichen das folgende Werk.
228. Les vieux auteurs castillans, par M. le conate Th.
de Puymaigre. 2 Vol. Metz. 8°. XIV, 490; 494.
Auch eine wohlfeilere Ausgabe in 12".
229. Discursos leidos en las recepciones püblicas que
ha celebrado desde 1847 la real Academia espanola. Tomos
I— III. Madrid 1860—61. 4°. 428, 459 p.
T. I. Olivaii, Variedad en el uso del pronombre e/ , eU<i , ello , en
462 Bibliographie.
los casos oblicuos; — Hurtzenbusch, Caräcter por que se distinguen las
obras de Alarcon; — Quinta, Condiciones actuales, genio y caräcter
que hoy distinguen el idioma esp. ; — Fermin de la Pitente y Apecechea,
Caräcter de los poetas andaluces; — Carf</a, La poesi'a castellana con ■
siderada como elemento de la historia; — Ferrar del Rio, Resefia de
lo que fue la oratoria sagrada esp. en el siglo XVIII. — T. II. Baralt,
Juicio crit. del marqnes Valdegamas. — Fernandez Guerra y Orbe, De-
mostracion de quo Franc, de la Torre fue una persona real y verda-
dera. — Leop. Aug. de Cveto, Juicio cri't. de Quintana; — Manuel Ca-
nefe, Paralelo de Garcilaso, Fr. Luis de Leon y Rioja; — Monlau,
Idea general del origen y formacion del castellano; — Nocedal, Obser-
vaciones sobre la novela. — '!'. III. Cutanda, VA epigrama en general,
y en especial el espaflol (in der Contestacion von Hartzenbusch ist eine
Abhandlung über den Grafen von Villamediana, worin all die über
ihn verbreiteten Fabeln von seiner Liebe zur Gemahlin Philipp IV. und
von seiner deshalb erfolgten Ermordung widerlegt werden). —
230- Calderon. — Der standhafte Prinz, Trauerspiel
von Calderon ; von K. L. Kannegie/ser.
In: Archiv f. d. Stud. der neuern Spr. XXIX, 1. Hft.
Analyse und Kritik, mit stellenweiser Uebersetzung.
231. Cervantes. — La Estafeta de Urganda, ö aviso
de Cid Asam-ouzad Benenjeli sobre el desencanto del Quijote,
por Nie, Diaz de Benjumea. London. 12'^*.
232. Fernan Caballero. — The Novels of Fernan
Caballero.
In: Edinburgh Review, July.
* 233. Florez. — Noticias sobre la vida, escritos y viajes
del Rmo. P. Maestro Fr. Enrique Florez, de la örden de S.
Augustin, etc. y primer escritor de La Esjmna Sagrada. 2^
ed. que con notas y adiciones publica la real Academia de
la historia. Madrid. 1860. 4°. XX, 446 p. (Mit Portr.) 14 r.
Die erste Ausgabe erschien in Madrid 1780.
B.
*234. Memorias de D. Fernando IV de Castilla. 2 Vol.
Madrid 1860. 4". CXXII, 700; IV, 914 p.
Der erste Band enthält die Chronik, nach einem Codex der Na-
tional-Bibliothek, mit Anmerkungen und Erläuterungen von Ant. Bena-
indes, Mitglied der Akademie der Geschichte. Der zweite Band ent-
hält die Urkunden-Sammlung.
235. Documents relatifs ä l'histoire du Cid ; par //. Lucas.
Lagny. 12«. 215 p.
*236. Arolas. — Poesias religiosas, caballerescas y orien-
tales de D. Juan Arolas. Edic. que contiene las no publica
das hasta el dia, y varias no impresas en otras colecciones.
Valencia 1860. 3 Vol. 4°. 404, 428, 397 p. (Mit Portr.) 72 r.
Die Ausstattung ist schön.
Zur spanischen Literaturgeschichte. 463
237. Calderon. — Bien vengas mal, si vienes solo, co-
media de D. P. Calderon de la Barca, refundida y acomodada
ä la escena raoderna, en 4 actos, por A. M. Dacarrete., re-
presentada por primera vez en el teatro del Principe en la
noche del 17 de enero de 1861. Madrid. Gr. 8°. 78 p. 8 r.
238. Calderon. — Love the greatest Enchantment; The
Sorceries of Sin; The Devotion of the Gross. From the
Spanish of Calderon. Attempted strictly in English assonante
and other imitative verse; by D. FL Mac Carthy. With an
Introduction to each drama and Notes by the Translator, and
the spanish text from the editions of Hartzenbusch, Keil and
Apontes. London. 4°. 15 s.
Schon 1853 hat der Uebersetzer 6 Stücke Calderon's übertragen
publicirt. Die vorliegende Uebersetzung erscheint, nach der Liter. Ga-
zette, Dec, noch gelungener. Merkwürdig ist der Versuch der Nach-
bildung der spanischen A&sonanz , die im Englischen aber sich noch
weniger als im Deutschen wirksam zeigt.
239. Cervantes. — Theätre de Michel Cervantes , traduit
pour la premiere fois par yl//;Ä. Boy er. Paris. 12°. 427 p. 3 Fr.
4 Stücke und 8 Zwischenspiele sind hier vollständig übertragen,
von den andern einzelne Stellen im Geleit einer Analyse.
240. Mendoza, Diego Hurtado de. — ■ Aventures et
espiegleries de Lazarille de Tormes, traduites de l'espagnol
par H. Pelletier. Paris. 32°. 1 Fr.
Eine befriedigende französische Uebersetzung dieses Werks gab
es bisher nicht, lieber die vorliegende äufsert sich die Rev. des deiix
Mond., Bullet, bibliogr., sehr günstig, indem sie u. a. von dem Ueber-
setzer sagt: ,,Ecartant les textes mutiles par l'inquisition aussi bien
que les interpolations maladroites, il a fidelement suivi le Mscr. ori-
ginal. Nous avons ainsi dans sa forme primitive et degagee de tout
Clement parasite une des oeuvres les plus charmantes de la litterature
espagnole."
241. Rojas Zorrilla. — Comedias escogidas de D. Fran-
cesco de Rojas Zorrilla, ordenadas en coleccion por Ramon
de Mesonero Bomanof^. Madrid. 4". XXIV , G04 p. (Bibl. de
aut. esp. T. LIV.) 50 r.
Enthält: Apuntes biogräücos, bibliogräticos y criticos. Comedias.
Del rey abajo etc.; Garcia del Castanar; Entre bobos etc.; D. Lucas;
Progne y Fi).; Obligad. y ofend. ; Gorron de S. ; No hay amigo etc.;
Casarse etc.; Abre el ojo; Donde hay agravios etc.; El nias impropio
verdugo etc.; Lo que son mujeres; 1). Diego; la traicion busca el
castigü ; Santa Isabel; El Cain etc.; Sin honra etc.; Lo que queria ver
el marq. de Villena; Peligrar en los remedios; Los bandos de Verona;
No hay scr padre etc. ; Ei desafio de Carlos V. ; Los äspides de Cleo-
patra; Primero es la honra etc.; La hermosura etc.; N. Sefiora de
Atocha; La esnieralda de amor; Lamas hidalga hermosura; D. P. Mi-
ago; Los 3 blasones; El catal. Serrallonga; Tambien la afrenta es
veneno.
242. Teresa, Santa. — Escritos de Santa Teresa, aiia-
didos e ilustrados por ^'icente de la Fuente. Madrid. Tonio I.
4°. XL, 584 p. (Bibl. de aut. esp. T. LIII.) 50 r.
464 Bibliographie.
Enthält: Prcliminares. — Vida de Santa Teresa. — Libro de las
relaciones. — Libro de las fundaciones. — Libro de las constituciones.
— Avisos. — Modo de visitar los convientos de religiosas. — Camino
de perfeccion. — Conceptos del amor de Dios. — Las Moradas. —
Esclamaciones del alma ä su Dios. — Poesias. — Escritos breves. —
Escritos sueltos. — Obras atribuidas ä Santa Teresa. — Dociimentos
relatives ä Santa Teresa y sus obras.
V. Zur portugiesischen Literaturgeschichte.
A.
243. Diccionario bibliographico portuguez. Estudos de
J. F. da Silva [s. J. GO, Nr. 254]. Tomo V. 487 p.
244. Magalhaens. — Ueber Domingos Jose Gon9alves
de Magalhaens. Ein Beitrag zur Geschichte der brasilischen
Literatur, von Ferd. Wolf. Wien. 8°. 40 p.
B.
245. CoUeccäo de monumentos ineditos para a historia
das conquistas etc. [s. J. 60, Nr. 256]. Lendas da India, por
G. Correa. Tomo II, Parte 2. 504 p.
246. Azevedo. — Obras de Manoel Antonio Alvares de
Azevedo, precedidas de um discurso biographico e acompa-
nhadas de notas pelo Sr. Dr. Jacy Monteiro. Seffunda ed. ac-
crescentada com as obras ineditas , e um appendice contendo
discursos, poesias e artigos feitos a occasiäo da morte do
autor. 3 Vol. Paris. 8°. VI, 1060 p.
VI. Zur allgemeinen Literaturgeschichte,
nebst Werken, die mehrere Literaturen zugleich betreffen.
247- Tresor des livres rares et precieux etc. par J. G.
Th. Grässe [s. J. 60, Nr. 258]. Li\Tais. 13—15.
248. Manuel du libraire et de l'amateur de livres, par
Jac. Brunei, h" ed. [s. J. 60, Nr. 259.] Tome IL VIII,
1848 Sp.
Zusätze gibt unter dem Titel: ,, Quelques notes bibliographiques
au sujet du Manuel du libraire" Gustave Brunei im Bullet, du biblioph.
belye, Juin.
249. Bibliographie des principaux ouvrages relatifs ä
l'amour, aux femmes, au mariage, indiquant les auteurs de
ces om^rages, leurs editions, leur valeur et les prohibitions ou
Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 465
les condamnations dont certains d'entre eux ont etc l'objet;
par le c. dV*** Paris. 8°. VIII, 150 p. 6 Fr.
Nur in 300 Exemplaren. Nach einer Anzeige G. Brunet's im Se-
rapeum, Nr. 7, ist dies pseudonyme Werk die Arbeit verschiedener Pa-
riser Bibliophilen. Zu vielen Büchertiteln sind Anmerkungen und zu-
weilen auch Citate beigefügt.
250. Catalogue des livres manuscrits et imprimes, com-
posant la bibliotheque de M. Armand Cigongne; precede d'une
notice bibliographique par Leroux de Lincij. Paris. 8°. XLII,
555 p. 10 Fr.
Eine sehr schöne Sammlung, welche in den Besitz des Herzogs
von Anmale übergegangen ist; reich an Eitterromanen, Mysterien,
„Chansons historiques" und Noels, worunter viel Seltenes und selbst
Unica. Die Notice gibt auch Nachricht über den Sammler, der Wech-
selagent und zugleich ein leidenschaftlicher Bibliophile war. S. Bullet,
du bibl. beige, Juillet.
251. Catalogue de la portion mathematique, bibliogra-
phique et historique de la celebre bibliotheque de M. Libri,
vendue publiquement a Londres. Londres. 8°.
S. darüber G. Brunei im Serapeurn, Nr. 14 u. Nr. 17.
252. Histoire de l'ornementation des manuscrits , par
F. Denis. Paris. 8°. 142 p. (Mit Holzschn.)
253. Les miniatures des manuscrits de la bibliotheque
de Cambrai, avec catalogue des volumes ä vignettes et un
album de 18 planches contenant plus de 100 dessins (au trait
fac-simile) par A. Durieux. Cambrai. 8". 127 p.
254. History of general literature viewed politically and
historically, by B. Blakey. 2 Vol. (in 1). London. 8°. 8 s.
255. Histoire du roman et de ses rapports avec l'histoire
dans l'antiquite grecque et latine, par A. Chassang. Paris. 8".
IV, 476 p. 8 Fr.
256. Ricerche della imitazione tragica presso gli anlichi
e presso i moderni, di Bozzelli. 2 Vol. Firenze. 12°. 506,
510 p. 8 Lire.
257. Singularites historiques et litteraircs, par B. Ilau-
riau. Paris. 18°. HI, 325 p. 3 Fr.
Der Titel ist dem eines Werkes von J. Liron entlehnt, welcher
unter demsellien 1734 eine Anzahl Dissertationen herausgab; hier soll
Singularites nur soviel als ,,Mouographies" bedeuten. Es sind deren 10,
nämlich: über die Sc/iulen Irlanih\ über Theodulj\ Bischof von Orleans;
Smaragd, Abt von Cartellion; Odo von Cluny; den Peripatetiker An-
selm; Gaunilon von Montigny; neue Urkunden über Roacelin von Com-
piegne; Guillaume von Conches; ein Artikel: Idees-imnges; und über
Aymo7i, einen Abbe des 18. Jahrhunderts. Von der letzten Abhand-
lung abgesehen, betreflV-n alle andern die Literaturgeschichte des Mittel-
.I.-ilirl). f. nun. ii. Piij^l. I.it. IV. 4. Ol
4Gß Bibliographie.
alters, und bringen nach dem Journ. des Sai\, Avril, eine Menge neuer
Einzelheiten.
258. Giraldi Cambronsis opera , edited by .7. .S'. Breirer.
Vol. 1. London. 8. XCIX, 435 p- 8 s. G d.
Bildet einen Theil der „Herum britann. medii aevi scriptores".
Nach der Liier. Oaz., Aiiy. umfafst der Band ,,the three existing books
of the treatise entitled: De Rebus n se gestis, which gives an account
of the author's life, frcxui Ins cradle to the commencement of the thir-
teenth Century; the fifth and sixth books of the Inveetioninn libellus,
for the discovery of which we are indebted to the editor himself ; and
the Symbolum Eleciorum , containiiig the letters, poems, prefaces, and
Speeches of Giraldus."
259. Roger Bacon, sa vie, ses ouvrages, ses doctrines,
d'apres des textes inedits; par E. Charles. Bordeaux. 8°.
XV, 416 p. 5 Fr.
S. darüber den Aufsatz von E. Saisset in Rei\ d. deux Mondes,
Juillet.
260. La vieille, ou les derniercs amours d'Ovide, poenie
fran9ais du 14® siecle; traduit du ]atin de Richard de Four-
nival par Jean Lefevre ., publie pour la pi-emiere fois. Paris.
8". LIV, 300 p.
261. Philobiblon , a treatise on the love of books by
Richard de Bury. First american edition, with the literal
english translation of J. B. Inglis; collated and corrected with
notes , by »SV««. Hand. Albany. 12". 14 s.
262. Der Tannhäuser und Ewige Jude, Zwei deutsehe
Sagen in ihrer Entstehung und Entwickelung historisch, my-
thologisch und bibliographisch verfolgt und erklärt von /. G.
Th. Grässe. Zweite vielfach verbesserte Auflage. Dresden. 8".
VI, 130 p. 20 Sgr.
Die beiden Abhandlungen erschienen zuerst die eine 1846, die an-
dere 1844. — S. die Anzeigen im Serajjeum, Nr. 42 und in Pfeiffers
Germania ., p. 251, in welchen beiden zugleich mannichfache bibliograph.
Nachträge gegeben sind.
263. Myrdhinn, ou l'Enchanteur Merlin, son histoire,
ses Oeuvres, son influence; par le vic. Hersart de la Yille-
marque. Paris. 8°. XI, 435 p. 7 Fr.
264. Merlin, von F. Liebrec/it, nebst einem Nachtrag
von Benfey.
In : Benfey's Orient und Occident, I, Heft 2.
265. lieber den Ritter Kei, Truchsefs des Königs Ar-
tus; von C. Sachs. Berlin. 8". 20 p.
(Auch in: Herrig's Archiv f d. Stud. d. neuern
Spr. XXIX, 2. u. 3. Heft.)
Nach dem Urtheile Pfeiffer's in der Germania, p. 117, hat der
Verfasser zur richtigen Würdigung dieser eigenthümlichen und bisher
fast räthselhaften Gestalt durch seine sorgfältige Untersuchung Wesent-
Zur allgemeinen Literaturgeschichte. 467
liches beigetragen und uns das Verständnifs Kei's eigentlich erst er-
schlossen.
266. Ueber das Religiöse in den Werken Wolframs von
Eschenbach und die Bedeutung des heiligen Grals in dessen
.,Parcival", von San-Marte. (Parcival-Studien. Zweites Heft.)
Halle. Gr. 8". XVI, 278 p. 2 Thlr.
S. darüber Pfeiffer's Germania, p. 235 ff-, u. Liier. Centralbl., Juli.
267. Ueber Karlmeinet. Ein Beitrag zur Kavlssage von
K. Bartsch. Nürnberg. 8°. VIH, 391 p. 2% Thlr.
Bei Untersuchung der Quellen dieses deutschen Gedichts, welches
eine blofse, aber sehr umfängliche Compilation ist, wird auf die roma-
nischen Dichtungen desselben Sagenkreises gründlich eingegangen. —
S. darüber die ausführliche Anzeige des Liter. Centralbl., Febr.
268. Zum Karlmeinet, von K. Bartsch.
In: Pfeiflfer's Germania p. 28 ff.
Ueber das Verhältnifs jenes Gedichts zu den jüngeren französischen
Bearbeitungen des Rolandslieds, auf Grund der Venezianer Handschrift
Nr. VII mit reichlichen Auszügen daraus.
269. Artikel von Magnin über „Drames liturgiques etc.
p. Coussemaker" [s. J. 60, Nr. 270].
In: Journ. des Savants, Aoüt.
Es ist der 3. Artikel, Noel et son octave überschrieben : die beiden
ersten haben wir a. a. O. angemerkt. Diese Artikel sind sehr werthvoU.
270. Political Poems and Songs relating to english
history etc., edit. by Th. Wright [s. J. 59, Nr. 317]. Vol. II.
S. Athenaeum. Sept.
*271. Ancient Danish Ballads, translated from the Origi-
nals by R. C. Alex. Prior. 3 Vol. London 1860. 8°. LX,
400; VIII, 468; IX, 500 p. 31 s. 6 d.
Eine Auswahl von 173 dänischen Folkviser in englischer Ueber-
setzung, ein jedes mit Einleitung und Anmerkungen. Indem der
Verfasser, die Verwandtschaft nachzuweisen, zunächst die englischen
und schottischen Balladen , dann aber nicht blofs die übrigen des ger-
manischen Nordens, sondern auch die romanischen heranzieht, hat er
seinem Werke noch einen besondern wissenschaftlichen Werth ver-
liehen. Liter. Centralbl., Jan.
272. Anthologie neugriechischer Volkslieder. Im Origi-
nal mit deutscher Uebersetzung herausgegeben von Th. Kind.
Leipzig. 16". XXXVI, 232 p. 1 Tlilr.
Im Vorwort ist die allgemeine Verwandtschaft der Volkspoesie
gebührend berücksichtigt und als Belege sind besonders treffende Pa-
raHelen zu einzelnen der mitgetheilten Gedichte in den Anmerkungen
gegeben. G"'ttin(j. Gelehrte Anz., 1SG2, 12 Stück.
31*
468 Bibliographie.
VII. Philologie.
273. Encyclopädie des philologischen Studiums der
neueren Sprachen, von B. Schmit:. 2. Supplement. Greifswald.
8". VlIJ, 119 p. 25 Sgr.
Vgl. J. 60, Nr. 282. Dieses Supplement enthält zugleich ein al-
phabetisches Wort- , Sachen- und Namenregister zu der Encyclopädie
selbst wie den beiden Supplementen.
274. Etymologische Untersuchungen etc. von C. A. F.
Mahn [s. J. 58, Nr. 333]. Specim. 13—15.
Behandelt die Worte: pts/o/e, palante, arna, bttffet, alcohol, blase,
ananas, ramarro , camus; ahri, hlague, nino , bretesche , f audio , cahier,
zanni, cohue, ademari, amapola, qidntal, camphre, ardilla, ancjaro, ascua
(Die Artikel : blague und blase finden sich auch in Herriy's Arch. f. d.
Stud. der neuern Spr. XXIX.)
275. Etymologisches Wörterbuch der romanischen Spra-
chen, von Fr. Diez. Ziveite verbesserte und vermehrte Auflage,
Bonn. 1861—62. Gr. 8". 2 Thlr.
Wir denken auf diese sehr erweiterte Auflage des berühmten Wer-
kes im Jahrbuch zurückzukommen.
276. Origenes europaeae. Die alten Völker Europas
mit ihren Sippen und Nachbarn. Studien von Lor. Diefenbach.
Frankfurt a. M. 8°. III, 451 p. SVa Thlr.
Dies Werk ist eine neue Bearbeitung des von dem Verfasser in
den Celtica 1839 — 40 bearbeiteten Stoffs. Die Kelten und ihre Sprache
sind der Mittelpunkt der Untersuchung, die sowohl auf dem ethnologi-
schen als lexicalischen Gebiete geführt wird. Die Nachbarstämme und
ihre Verwandten sind jedoch in der Art hereingezogen, dafs sich der
allgemeinere Titel rechtfertigt. Literar. Centralbl., Aug.
277. Monuments des anciens idiomes gaulois ; par IL
Monin. Textes. Linguistique. Paris. 8". VI, 310 p. 6 Fr.
Der Verfasser versucht u, a. den Einflufs des Keltischen auf das
Lateinische Galliens zu constatiren. Ein Verzeichnifs keltischer Worte,
die französischen zu Grunde liegen, wird auch von ihm gegeben. Mit
grofsem Fleifse ist die Sammlung von Inschriften, Münzen, Zeugnissen
der alten Schriftsteller, geographisch geordnet, ausgeführt und von Er-
klärungen begleitet. S. Neue Jahrb. für FhiloL, 1862. 83 Bd. Hft. 11 — 12;
und Zeifschr. f. vergl. Sprachforschung XII.
*278. De rinfluence des idiomes gotho-germains et scan-
dinaves sur la formation de la langue franyaise et des traces
qu'on en retrouve encore dans la langue actuelle. Etüde de
Philologie comparee et historique, par E. M. Olde. V^ Partie.
Lund. 1859. 4". XL p.
279. Ueber Sprache und Grammatik Clement Marot's,
mit Berücksichtigung einiger andrer Schriftsteller des 16. Jahrb.,
von H. Eck er dt.
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neueren Spr. XXIX,
2. u. 3. Hft.
Nach den einzelnen Redetheilen geordnet, werden die Wörter auf-
Philologie. 469
geführt, die heute nicht mehr in Gebrauch sind, oder anders gebraucht
werden ; auch der Abweichungen in der Flexion , Syntax und Ortho-
graphie vom heutigen Sprachgebrauch wird gedacht. Der Verfasser
läfst eine genauere Kenntnifs des Altfranzösischen zwar vermissen, doch
ist diese Sammlung immer beachtenswerth,
280. Sur le style de Rabelais et sur les particularites
de sa syntaxe; par //. Eckerdt. (Gymnasialprogr.) Marienburg.
Der Stil ist aus den drei Gesichtspunkten, des Neologismus , Pleo-
nasmus und Cyjiismus des Ausdrucks untersucht. S. Herrig's Archiv,
XXX, 2.
281. De la langue de Corneille, par Marty-Laveaux.
In: Journ. de l'Ec. des Chartes, Janv. — Fevr. u. Mai — Juin.
Erschien auch in Separatabdruck, Paris. 8". 52 p. — Diese Arbeit
beruht auf den gründlichsten Studien, indem der Autor ein „Lexique
de Corneille" verfafst hat, welches 1859 den Preis der Acad. franc;.
erhielt und als Anhang zu der neuen Ausgabe Corneille's die bei Ha-
chette herauskommt, erscheinen wird. Der Verfasser betrachtet den
Wortschatz, die Grammatik, die Aussprache und Orthographie. Sehr
interessant sind die Beobachtungen über die Veränderungen des Wort-
und Sprachgebrauchs während der langen dramatischen Laufbahn Cor-
neille's (1629 — 74), in welcher Zeit die französische Sprache gerade
sich in so mancher Beziehung fixirte. Der Raum erlaubt uns nicht in
Einzelheiten hier einzugehen; wir beschränken uns darauf, die sehr
werthvolle Schrift angelegentlieh zu empfehlen.
282. La langue du droit dans le theätre de Moliere; par
Eug. Paringault. Beauvais. 8°. l^/.y, Fr-
283. Les excentricites du langage fran^ais, par Larchey.
Paris. 2« edit. 12°. XVI, 298 p. 4 Fr.
284. Dialectisches, von Sachs.
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neneren Spr. XXX,
1. u. 2. Hft.
Knüpft an einen frühern Artikel von Wollenberg [s. J. 60, Nr. 287]
an, indem aus derselben Quelle noch einige anonyme burgundische No-
cls gegeben werden, mit Anmerkungen. Daran werden einige neupro-
venzalische angereiht aus der Sammlung: Li Noue de Saboly, Peyrol
e J. Roumanille etc. Avignon 1852. 8°. (Saboly lebte 1614; — 75, Peyrol
um 1750). Eins der mitgetheilten Noue zeigt die Art dieser Weih-
nachtsfeier.
285. Souvenirs de la langue d'Auvergne; essai sur les
idiotismes du departement de Puy -de-Donie, par Fr. M'ege.
Paris. 12°. 260 p. ^% Fr.
286. De quelques glossaires de la langue fran^-aise.
In: Bullet, du biblioph. beige, Juin.
Aus dem Bullet, de la Societe de l'Hist. de France, 2'^' ser., t. III,
p. 21 — 29 wird eine Correspondenz aus den Jahren 1789 und 1793
mitgetheilt, welche über das von La Curne de Sainte - Palaye beabsich-
tigte historische Glossaire de la langue fran(;aise interessante Aufschlüsse
gibt, luid zugleich einen Beitrag zu der Lebensgeschichte jenes ver-
dienten Gelehrten liefert.
287. Dictionnairc d'etymologic franyaise etc., par A.
Scheler [s. J. 60, Nr. 288]. Livr. 5—11 (dern.) 1862. Voll-
ständig: IV, 340 p.
Ein sehr werthvolles AV\'rk , das bei umfast^en'lcr und krititchor
470 Bibliographie.
Benutzung der bisherigen Forschungen Anderer auch eigene selbstän-
dige von Werth darbietet. S. darüber namentlich L. Die/enbach in
der Zeitschrift f. vergl. Sprachwiss., Bd. XII.
288. Dictionnaire etymologique de la langue fraiiyaise,
represeutaiit pai- familles de mots et par ordre alpbabetique,
confornieinent au premier plan du Dictionnaire de l'Academie
(1691), l'origine et Fhistoire de tous les mots, leurs etymolo-
gies, leurs radicaux et leurs derives; par il/orawrf. Livr. 1 — 3.
Paris. 8°. Die Livr. 35 c.
Erscheint in 120 Lieferungen.
289. Etudcs etyniologiques, historiques et comparatives
sur les noms des villes, bourgs et villages du departcment du
Nord, par E. Mannier. Paris. 8°. XXXVI, 399 p.
290. Dictionnaire univ. des synonymes etc. par Guizot
[s. J. 59, Nr. 330]. 2*= partie. p. 381 -841. 6 Fr. 50 c.
291. Glossaire erotique de la langue fran9aise, depuis
son origiue, jusqu'ä nos jours, contenaut rexplication de tous
les mots consacres ä l'auiour, par L. de Landes. Bruxelles.
8^ XII, 396 p. 5 Fr.
292. Dictionnaire des spots ou proverbes vvallons, par
Jos. Dejardin. Ouvrage couronne par la Societe liegeoise de
la litterature wallonne. Contenant integral ement, outre le me-
moire qui a obtenu le prix extraordinaire , les travaux de
Defrecheux .(prix ordin.), Delarge (accessit) et Alexandre (ment.
bonor.). Gr. 8°. 624 p.
In: Bulletin de la Societe lieg. Ann. IV, livr. 2 — 4.
Eine ebenso werthvolle als interessante Publication. Die einzelnen
Sprichwörter, die nach den Schlagwörtern alphabetisch geordnet er-
scheinen, sind mit einer wörtlichen französischen Uebersetzung, sach-
lich erklärenden Anmerkungen, Citaten, und dem entsprechenden fran-
zösischen Sprichwort, wo ein solches vorhanden, versehen. Indices
erhöhen den Werth der Sammlung , welcher ein in Sprichwörtern ver-
fafstes Gedicht: Li p'tit corti aux Proverbes wallons von A. J. Alexandre
mit wörtlicher französischer Uebersetzung sich anschliefst.
293. Vocabulaire du patois lillois, par L. Vermesse.
Lille. 12°. XI, 217 p.
294. Glossaire du patois rochelais, suivi d'une liste des ex-
pressions vicieuses usitees a La Rocbelle, recueillie en 1780,
par ilf*** Montpellier. 4«. 8 p. 2^/^ Fr.
295. Della lingua e dello stile italiano , di Amiearelli.
Napoli (Morano). 2 Vol. 16°. 11 Lire.
296. Studj critici, di G. J. Ascoli. Gorizia (Paternolli).
8°. 142 p.
Bildet das dritte Heft der Studj orieutali e linguistici des Verfas-
sers. Es kündigt sich die Schrift nur als eine Recension der Studj
linguistici Biondelli's an , kann aber mit vollem Recht als eine selbst-
ständige, recht schätzbare Arbeit bezeichnet werden. Sie enthält:
Cenni suW origiue delle forme ijrammaticali ; Saggi di dialettologia ita-
Philologie. 471
liana; Colonie atraniere in Italia (besonders interessaut ist hier der
Abschnitt über die Rumänen Istriens) ; Framinenti albanesi; Gerylii.
Mussafia.
297. Deir origine della voce Gioja, lettera di B. Veratti.
In: Opuscoli relig., letter. e morali di Modena, T. X.
298. Dizionario della lingua italiana nuovamente com-
pilato dai signori Niccolb Tomma.seo e Bernardo Bellini con
oltre 100,000 giunte ai precedenti dizionarj, raccolte da N.
Tommaseo , Gius. Campt, Gins, Meini, P. Fanfani e da molti
altri distinti filologi e scienziati, corredato di un discorso pre-
liminare dallo stesso N. Tommaseo. Torino (Soc. tipogr.).
Gr. 4°. Disp. 1-4. Die Disp. 2 Lire.
Wird 4 Bände bilden in ungefähr 120 Disp. Es ist dies Werk
an die Stelle des früher von Tommaseo allein beabsichtigten, welches
letztere ein Probeheft 1858 [s. J. 58, Nr. 351] ankündigte, getreten.
Bellini gilt für einen tüchtigen Sprachkenner. Das Werk ist sehr um-
fänglich ; die Seiten sind- dreispaltig.
299. Saggio del parlare degli artigiani in Firenze. Dia-
loghi. Beccajo, Conciatore, Cuojajo, Colorista di pelli, Pellic-
ciajo. Firenze (Tofani). 8°. 94 p. (Mit Holzschn.) 27.^ Lire.
300. Glossaire des mots espagnols et portugais derives de
l'arabe, par TF. H. Engelmarin. Leyde. 8^ XXXVIII, 107 p. 1 Tblr.
Ueber dies Werk hat der bekannte Orientalist J. Müller in Mün-
chen in der k. bayr. Akad. der Wiss. einen Vortrag gehalten (Sitzungs-
berichte 1861, II. Heft 2, p. 95 ff.), worin es im Eingang heifst: ,,Der
Verfasser steht auf dem allein richtigen Standpunkt der neueren histor.
Sprachvergleichung, die vor allem auf Begründung sicherer Gesetze
ausgeht, und ist ausgerüstet mit einer umfassenden Kenntnifs des Ara-
bischen , vorzüglich des späteren und speciell des auf der iberischen
Halbinsel geltenden Sprachgebrauchs, sodafs seine Resultate im grofsen
Ganzen nur die Billigung der Kenner finden werden. Ich erlaube mir
nur in einigen wenigen Punkten von dem Verfasser abzuweichen, und
bei den von ihm nicht behandelten spanischen Wörtern meine Vermu-
thungen anzuführen." Es folgt nun eine gröfsere Anzahl Wörter, deren
Etymologie Müller untersucht (p. 96 — 115).
301. Coleccion de adagios 6 refranes espanoles con una
sucinta esplicacion de cada uno de ellos en su verdadero sen-
tido para su mejor inteligencia; dispuesto por el perito agri-
mensor D. Ramon Abancens. Arense. 4".
Enthält 95 Sprichwörter.
302. Eine catalanische Dialectprobe ; von C. M. Sauer.
In: Herrig's Archiv f. d. Stud. d. neueren Spr. XXX,
1. u. 2. llft.
Ein Gedicht, das im October 1860 im Teatro principal von Bar-
celona, bei Gelegenheit eines Besuchs der Königin und des Kronprin-
zen gesprochen wurde, nach der Gaceta de Barcelona mitgetheilt.
303. Die slavischen Elemente im Rumunischen , von
Franz Miklosich.
In: Denksclnirten der kais. AJjad, der Wisbon.'icli. XII.
472 Bibliographie.
Auch selbständig danach erschienen 70 p., 4'^'. — Der Verf. ver-
breitet sich über Namen und Herkunft der Walachen; zeigt, wie ge-
wisse Eigentliümlichkciten der albanes., runiun. , neugriech. , bulgar. u.
serb. Sprachen auf Eine nachwirkende alte Sprache deuten; und weist
den grofsen Einflufs des Slawischen auf das llumunische im ]">inzelnen
nach. Anhangsweise l)espricht er die istrinchen Rumunen und gibt Proben
ihrer Mundarten. S. Diefenhach in der Zeitsch/-. f. vergl. Sprachw. XI.
304. The English tongue a new speech; an address de-
livered before the Society of the alumni of Amherst College
at the commencement of 1860, by Francis A. March. New-
York. 8°. 20 p.
Diese geistvolle, glänzend geschriebene Rede, welche mit grofsem
Beifall aufgenommen wurde, sucht nachzuweisen, dafs die englische
Sprache ein eigenthümlicher neuer Sprachorganismus ist, der sich von
den Primitiv- wie von den Tochtersprachen als eine besondere Schöpfung
unterscheidet, ja über sie erhebt.
305. Study of the english language an essential part of
a University Course. An Extension of a lecture delivered at
the royal Institution. By Alex. DU^rsey. (Mit gemalten Spracli-
karten.) Cambridge. 8". 72 p. 2 s. 6 d.
306. Traite des racines saxonnes; decades comprenant:
1° les racines; 2*' tous les derives traduits et expliques; 3° une
foule de mots saxons qui ne fönt point partie de l'anglais
moderne etc. Par T. Vallat. Paris. Gr. 32°. 400 p. 2V2 Fr.
307. Tiro; or a view of the roots and stems of the english
as a teutonic tongue; by W. Barnes. London. 12°. 350 p. 5 s.
308. Formation of teutonic words in the english language,
by Jos. Gibbs. Newhaven. 12°. 4 s.
309. Spoon and Sparrow , ^mvöuv and t^a^ , Fondere
and Passer ; or english roots in the greek , latin and hebrew,
being a consideration of the aftinities of the old english anglo-
saxon or teutonic portion of our tongue to the latin and greek;
with a ievf pages on the relation of the hebrew to the european
languages; by Osw. Cockayne. London. 8°. 360 p. 10 s. 6 d.
310. "Wissenschaftliche Grammatik der englischen Sprache
von Ed. Fiedler und C. Sachs. 2 Bde. Leipzig. 8". XIX, 313 p.;
XVI, 412 p. 3 Thlr. 10 Sgr.
Der erste Band, die Geschichte der englischen Sprache, die Laut-
lehre, Wortbildung und Formenlehre begreifend, von E. Fiedler ver-
fasst, ist bereits 1850 erschienen, und wird hier unverändert nur mit
neuem Titel wieder herausgegeben, im Verein mit dem von Hrn. Dr.
Sachs verfafsten, die Syntax und Verslehre enthaltenden zweiten Bande.
Der erste Band hat seiner Zeit mit Recht viele Anerkennung gefunden
und hat seinen Werth in vieler Beziehung noch immer. Auf den 2.
Band, der sich durch eine Masse von Beispielen aus Autoren der ver-
schiedensten Zeiten auszeichnet, die aber zu wenig gesichtet erscheinen,
wird das Jahrbuch später zurückkommen.
311. Die Wycliff'sche Bibelübersetzung in Vergleich mit
Kulturgeschichte. 473
der recipirten englischen aus dem Anfang des 17. Jahrb.; von
M. Maa/s.
In: Herrig's Arch. f. d. Stud. d. neuern Spr. XXIX, 2. u. 3. Hit.
Die Vergleichung ist auf Grund des Evangeliums Johannis (nach
der Ausgabe des Tauchnitzschen Jubelbandes) gegeben, indem zuerst
die grammatischen Unterschiede, dann die lexicalischen, nach den ver-
schiedenen Redetheilen geordnet, aufgeführt werden.
312. Beiträge zur englischen Lexicographie; von .4. Hoppe.
In : Herrig's Arch. f. d. Stud. d. neuern Spr. XXVIII u. XXX.
313. The Proverbs of Scotland, collected and arranged,
with notes explanatory and illustr., and a Glossary, by Alex.
Ilislojj, Glasgow. 8".
VIII. . Kulturgeschichte.
314. Beiträge zur christlichen Typologie aus Bilderhand-
schriften des Mittelalters, von G. Heider. Mit 8 Tafeln, dar-
gestellt von A. Camesina. Wien. Gr. 4°. 128 p.
Wir gedenken auf diese interessante Publication eingehender im
Jahrbuch zurückzukommen. Vorläufig sei der Inhalt wenigstens ange-
deutet; die Schrift zerfällt in 4 Abtheilungen: 1. Aelteste Quellen für
die typologische Auffassung; 2. Die typologischen Bilderkreise des
Mittelalters: A. Altaraufsatz im Stifte Klosterneuburg, B. Biblia pau-
perum, C. Speculum hum. salvat. , D. Concordantia caritatis, E. Bibl.
picturata; 3. Zusammenstellung der typologischen Reihen und ihrer Er-
klärungen aus den angeführten Handschriften; 4. Summarische Zu-
sammenstellung der typologischen Reihen in Handschriften des 16. Jahrh.
315. Essai sur fhistoire de la civilisation en Italic; par
Aug. Boullier. V^ partie. Les Barbares. Tom. I — II. Paris. 8°.
634 p. 10 Fr.
Die beiden Bände erstrecken sich über den ersten Zeitraum des
Mittelalters, vom 5. bis 10. Jahrhundei-t. Die Rev. d. deux. Mond.
sagt darüber in ihrem Bullet, bibl. : „C'est a l'aide de documents tres
precis que l'auteur a elucide cette periode obscure en cherchant sur-
tout a degager les Clements civils et economiques. M. B. termine ces
deux volumes par un tableau anime et precis des arts, des lettres, des
ecoles et de la langue en Italic du V*' au X'" siecle." Auch ist die
Entstehung der italienischen Sprache da behandelt. Die Auysb. Allgevi.
Zeitung, Febr. 1S63 äufsert sich auch sehr günstig über das Werk.
316. La libre pensee au moyen-äge. Travaux recents
sur Abelard. Par St.-R. Taillandier.
In : Rev. des deux Mond., Aoüt.
Dieser Darstellung liegt zu Grunde: Henke und Lindenkohl's Aus-
gabe von Sic et JS'on , Luigi Tosti's Storia di Abelardo e dei suoi
tcmpi, imd die Gesammtausgabe der Werke Abälards von Cousin,
Paris 1848 — 59.
317. Das Theatralische in Art und Kunst der Franzosen,
von //. r. Blomberg.
In: Zeitschrift für Völkerpsychologie H, 1.
474 Bibliographie.
318. De Fancienne chevaleric de Lorraine. Documents
inedits, de la coUection de Lorraine, a la Bihliotheque impe-
riale, accompagnes de 60 blasons. Par V. Bouton. Paris.
Gr. 18°. 119 p. 5 Fr.
319. Missel de Jacques Juvenal des Ursins, cede k la
ville de Paris, le 3 mai 1861 par Amhr. Firmin Didot. Paris.
8". 56 p.
„Cet ecrit est consacre a la description d'uu des plus beaux chefs
d'oeuvre de l'art fraii^ais au milieu du 15*^ s. II s'agit d'uii missel ou
plutöt d'un poiitifical, execute de 1449 a 1457, pour Juvenal (Jouvenel)
des Ursins , archeveque de Reims. Ce magnifique volume , graud in
fol. de 227 feuillets, est orne de miniatures, au nombre de 140; 138
s'encadrent dans de grandes lettres liistoriees, richement peintes, et 2
sont a pleine page. — M. Didot observe avec raison qu'on peut con-
siderer ce manuscrit comme une encyclopedie des monuments, des cos-
tumes, des meubles, des armes, des Instruments de toute espece de
l'epoque. On y voit figurer la societe dans ses diverses conditions" etc.
Bullet, du biblioph. beige, Oct.
320. Moeurs champenoises. Du roman et de ses rap-
ports avec les moeurs en France. Par H. Roux-Ferrand. Paris.
12°. 252 p. iVaFr.
321. History of civilisation in England , by IL Th. Buckle.
London. 1857—61. 8°. Vol. I— IL 860, 610 p. 37 s.
322. History of domestic manners and sentiments in
England during the middle ages; by Th. Wright. With Illu-
stratious from the illuminations in contemporary manuscripts
and other sources, drawn and engraved by F. W. Fairholt.
London. 8°. 510 p. 21 s.
323. Munimenta Gildhallae Londoniensis; edited by //.
T. Riley. Vol. II. [s. J. 59, Nr. 362]. Liber Custumarum,
compiled in the early part of the fourteenth Century, with
Extracts from the Cottonian Ms. Claudius D. IL Parts I. u. II.
„The historian of social progress will also find abundance of In-
formation in these volumes, as will also the lover of literature and
of the arts; for we have satirical leonine verses for the one, and in
the account of the Feste de Pui that which will greatly interest the
latter. This account of the Feste de Pui certainly furnishes one of
the most curious pictures of the mingled festivity, charity and love of
song, which distinguished a guild of that time, that it is possible to
conceive." Glossarien des Altfranzösischeu und Mittellateinischen be-
gleiten die Ausgabe. Notes ^ Q. XI, Nr. 269.
324. Calendar of State Papers. Domestic series of thereign
of Charles I, 1629—31. Edit by /. Bruce. London. 8°. 15 s.
Vgl. J. 60, Nr. 325.
325. Calendar of State Papers. Domestic series of the
reign of Charles II, 1661 — 62. Edit. by Mary Anne Everett
Green. London. 8°. 15 s.
326. Autobiography , Letters and Literary Remains of
Mrs. Pioz/i (Thrale). Edited with Notes and an introductory
Kulturgeschichte. 475
Account of her life and writings by A. Hai/ward. 2 Vol. Lon-
don. 8°. 750 p. 24 s.
Mrs. Piozzi war die Freundin Johnson's und Mittelpunkt des be-
deutendsten literarischen Kreises Londons damals. S. Athenaeum, Jan.
327. Essai d'une bibliographie generale du theätre ou
catalogue raisonne de la bibliotheque d'r.n amateur completant
le catalogue Soleinne. Paris. 8°.
In 200 Exemplaren. ,,Un aperen de ce qui a ete public depuis
la renaissance sur les arts du theätre chez les diverses nations de
l'Europe. Le catalogue de la bibliotheque dramatique de M. Soleinne,
dont la redaction fait tant d'honneur a M. Paul Lacroix (bibliophile
Jacob), et qui a vu le jour de 1S43 a 1845, est, sans doute, assez com-
plet pour sufiire aux etudes les plus etendues sur la litterature dra-
matique, mais plusieurs classes etaient a peine indiquees, et l'indica-
tion des ouvrages, qui ont paru depuis une vingtaine d'annees, ne pou-
vait etre que fort utile. — ■ M. de Filippi n'a point catalogue de pieces
dramatiques ; il s'est contente d'enregistrer ce qui concerne l'architec-
ture theätrale, les decorations, la description de Paris dans ses rap-
ports avec le theätre, la biographie des auteurs dramatiques et des co-
mediens." Die Bibliographie umfafst 1947 Nummern, worunter eine
gute Anzahl von kurzen Anmerkungen begleitet ist. S. Bullet, du bi-
blioph. beige, Juin.
328. Feste e spettacoli di Roma dal IX a tutto il XVI
secolo, specialmente nel carnevale e nel maggio; per Montani
Fahl. Roma (Tipogr. Forense). Pubblicato col nome Arcadico.
327. L'Angleterre et la vie anglaise. — Les theätres de
Londres et le drame ; par A. Esqxdros.
In: Rev. des deux Mond., Mai.
Zuerst werden die 3 grofsen, bis 1832 privilegirten Theater, Drvry-
Lane, Covent- Garden und Haymarket betrachtet, und ein kurzer Ab-
rifs ihrer Geschichte gegeben; dann von den minor theätres Sadlers-
Wells, Astley's Royal Amphitheutre, New-Adelphi u. a. Im Ganzen sind
der regelmäfsigen Theater London's 25. — Ein anziehender und lehr-
reicher Aufsatz.
330. Informe sobre la influencia del teatro en las cos-
tumbres publicas y la proteccion que en consecuencia debe
dispensarle el Estado, por Franc, de Cardenas.
In: Memorias de la Acad. de cienc. mor. y pol., T. I. P. 1.
A . E b e r t.
476
Register
About, Edm., 356. 363.
Accademia degli Alterati 288 f.; —
Fiorentina 289.
Aegidius Romanus 57. 6-1.
Aesthetik, span., 191.
Aguilera, Vent. Ruiz de, Lyr. 181.
Aimeric v. Belenoi, Troub., 230.
339.
Alarcon, P. Ant. de, 184 f.
Albericus Trium Fontium 239.
Albizzi, Ant. degli, Leben 286 ff.,
Schriften 289 ff. , Bekenner des
Protestantism. 293.
Alfons II. V. Aragon, Troub., 335.
337.
Allegorische Poesie 88 f. 102. 425 f.
Alvarez, Mig. de los Santos, 186.
Amanieu des Escas, Troub., 339.
ApoUonius 32.
Architrenius 102.
Arguijo, J. de, 189.
Aribau 207.
Ariost, Nachahmung der Alten im
Orl. für. 16 ff.
Aristoteles 67. 68.
Arnao, Ant., 183.
Arnaut der Catal., Troub., 339.
Arnaut Daniel, Troub., 341.
Arnaut Vidal 334.
Arnould, Ed., 354.
AssoUant, Rom. 357.
Augier, Em., Les Effrontes 358 ff.
Antran 354.
Ayala, Lopez de, 58.
Ayton, Fr., 65.
Aytoun 10. 13 f. 143.
Balladen , schottische, Sammlungen
1 ff. (englische 5), Fälschungen 5,
erste Versuche krit. Scheidung
10, Art der bisher, literarhist. Kri-
tik 11 f., Collationiruug 12 ff.,
Altersbestimmung 143 ff". , 303,
stoffliche Eintheilung 145 f. ; Ent-
wickelungsgang der schott. Bal-
ladendichtung im Zusammenhang
mit dem der Volkspoesie über-
haupt 148 ff., histor. Periode 149 ff.,
romant. 154 ff., 297 ff., humorist.
308-, Waly-Waly2>0%, Sweet Will.
309, TJie twv hrothers ib.
Bancroft 325.
Baralt 206.
Barbour 15L
Barrois, J., 220.
Bataechi, Nov. 244.
Bekker, Imm., 213. 419. 428.
Benezra 57.
Benoit de Ste More 89 ff".
Beovvulflied, die histor. Verhältnisse
dess. 260 ff. ; geogr. Verhältnisse
der Dänen 261 f. , der Geäten
262; Geschichte der Dänen: My-
thus von Skild 263, sein histor.
Gehalt 264, Grendelsage 266 f.,
Ingcld 268, Ueberfall in Finns-
burg 269 ff'. ; Gesch. der Geaten
271 ff., Beowulf 272 ff., Hyge-
läk's Zug gegen die Friesen 273,
Heardred's Untergang 274 f., Beo-
wulf s Abkunft 276, Leben 277,
Grab 278, Episode von König
Offa 278 ff".
Berchet 244.
Berengar v. Palasol, Troub., 341.
Bernardi, Beatrice, 115. 118.
Bertran de Born 335.
Beziers, Societe archeol. de, ihre
Publicationen provenz. Dichter
421.
Bibel, übers, ins Span. 69 ; — die
waldensische 372 ff., Mss. 372,
Dubliner 373, Parabel v. verlorn.
Sohn daraus mitgeth. 373 f.,
Sprache 374 ff'., Abfassungszeit
dieses Ms. 399 ff. , Verhältniss
zu den andern Versionen 401.
Biondelli 373.
Blanc , Erklärung der göttl. Com.
kritisirt 70 ff.
Blind Harry 151.
Bocados de oro 66.
Boccaccio, Decameron, Ms. des Esco-
rial50, 106; Steinhöwel's Uebers.
106 ff. ; Quellen u. verwandte Er-
zähl. 107 ff. ; — De casib. vir.
übers, ins Span. Ms. 65; — Fiam-
metta desgl. ib.; — Filocopo 106;
— Filostrato 89 ff., 102; — Te-
selde 95 ff., ihre Quelle 97.
Boethius 74 f. 158.
Bofarull, A. de, 207.
Bonifaces, P. de, Troub., 79. 80.
Bonifaci, Calvo, Troub., 336.
Bonnet, Hon., 54. 65.
Register.
477
Botta 244.
Bourdillon 211. 214 f.
Breton de los Herreros 182.
Breviari d'amor 54. 78. 345. Neue
Ausg. augez. 421 ff., Mss. 422,
Vers 423, frühere Publicat. 424,
Titel u. Inhalt 424 ff. , Orthogra-
phie des Herausg. 427 f., Sprache
425. 428, Kritik des Textes 428 ff.
Buehan, P., 9.
Burtlett, S. R., 329.
Canals, Ant. de, 56.
Cartagena , Alf. de, 64 f.
Catalanische Literatur 207 f. 343 S.
424, Inedit. s. Fogassot.
Catalanische Sprache, Unterschied
vom Provenz. 343.
Cervino, Joaq. Jose, 183,
Chambers, R., 10. 13.
Chanson de Roland, Mss. u. Ausg.
210 ff., Abfassungszeit 216 ff.,
Art der Entstehung 209. 218 f.,
Idee u. Charakter 221 ff., ältere
deutsche üebersetzungen 224,
Uebers. v. Hertz 225 ff., 332.
Chanson de St. Alexis 313.
Chartier, Mss. 52 f.
Chaucer, Leben 86 f., Dichterchar.
87, Uebers. des Ro7n. v. der Hose
88, Troilus 89 ff. , Knightes teile
94 ff., Coitrt qf Love 102, Assemble
of Foules 103 , Dreame 103, Book
of Duch. ib., Floure ö^ Leafe 103 f.,
Complaint 104, Kuckuk, ABC ib„
Canterb. tales 104 f.
Chenier, Andre, 355.
Child 10. 303.
Cicero 64.
Cid, ZeugniTs für seine historische
Existenz 350 ff.
Claiborne, J. F. H. , 326.
Colonna, Guido de, 90 f.
Commines 65.
Conybeare 211.
Coronel, Luis, 158 ff.
Cummins, Miss, Rom. 323.
Curtis, G. W., Rom. 322.
Curtius 51. 64.
Custis, G. W. Parke, Gesch. 327.
Uaiiiel, Pscudon. v. p^duarda Garcia
35 , deren Romane Lucia 36 ff.,
u. El Medico de S. Luis 38 ff.
Dante, Einflufs auf Boccaccio 94.
289; Dicina Conim. 32, Mss. 49,
catal. Uebers. 56, zur Textkritik
u. Erklärung 70 i\. 176 iV. ; lyr.
Gedichte, Uebers. v. Krafft 347 f..
Reimlosigkeit ib. ; poet. Brief-
wechsel übers. 348.
Dares u. Dictys 65. 89 f.
Daude v. Pradas, Troub., 338. 345.
Della Lucia, Giov., 166 f.
Deschamps , Eust., 103.
Dozy 350.
Du Chaillu, Reis. 327.
Dugdale, Baron, of Engl. 110 f.
Dumas, Sohn, 196.
Dunlop, Zusätze z.Liebrecht'sUeber-
setzung 107 ff.
Eguilaz, Luis de, La cruz del ma-
trimonio 199 f.
Emerson, R. W., 327 f.
Englische Redensarten erklärt 118 ff.
Epitre farcie pour le jour de St.
Etienne, zum Theil ined. 311 ff.,
Bibliographisches 311, Alter ib.,
Vers u. Sprache 312, mitgetheilt
313 ff.
Erasmus, Enchiridionins Span. übers.
158, Anfechtungen des Buchs in
Spanien 159 f., Jahr der 1. Ausg.
der Uebers. 163, span. Uebers.
andrer Werke des Erasmus 164,
des Index prohibitor. 165.
Escorial, seine roman. u. engl. Mss.
46 ff., Beschreibung d. Catal. 46 ff.,
frühere Arbeiten darüber 48 f.;
Mss. der Italien. Literatur 49 ff.,
Üebersetzungen ins Italien. 51 f. ;
der französ. Lit. 52 ff.; der provem.
54 f.; der cafalan. 55 f., Uebers.
ins Catalan. 56 ; derspan. Lit. 57 ff'.,
Uebers. ins Span. 63 ff., aus dem
Latein. 64, aus dem Italien. 65,
aus dem Franz., Catal., Portug. 66,
aus andern Sprachen 66 ff.; der
portug. Lit. 69 ; der engl. Lit. ib.
Evans, Th., 4.
Everett, Edw., 327.
Febrer 56.
Fernan Caballero 185 f., 190 f. Las
deudas pagadas 193.
Fernandez, Alf., 158, Brief über
Erasm.Enchirid. mitgetheilt 159 f.
Fernandez y Gonzalez, Man., Rom.
La dama de noche 191 ff., Dram.
192.
Feydeau, E. , 357.
Figuier, L. Mad. , Rom. 357.
Firenzuola 167.
Flores, Ant., 182.
Fogassot, Johan, sein Romans über
die Gefangcnnahnu' des Prinzen
von Viana, ined. 403 ff,. Gegen-
478
Register.
stand 403, Abfassungszeit 404,
Sprache 405 , niitgeth. 405 Ü'.
Folquet V. Marseille, Troub., 335.
Französische Natioualliteratur 1. J.
18G1 353 fl"., Poesie 353 ff., Ro-
man 356 ff., Drama 357 ff'., Lite-
raturgesch. 3fi4 ff., Necrol. 370 f.
Froissart 103 f.
Frugoni 243.
Garcia, Eduarda, s. Daniel.
Gaucelm Faidit, Troub., 341.
Gavaudan der Alte, Troub., 335.
Geneys, Troub., 339.
Genin 212 f. 214 f. 216. 210 f.
Gerundio , Histor. d. Fr., 63.
Geruzez, Eug. , 368 f.
Gilles de Rome 54.
Gilly, Stephen, 372 f. 399 f.
Giuliani, Sul vivente linguaggio
della Toscana angez. 113.
Giusti der Satirendichter 241 ff.,
die ältere Satire der Ital. 241,
Unterschied von der Giusti's 242,
Leben dess. 243 f., Dichterchar.,
Schöpfer der polit. Satire 244 f.,
einzelne Satiren 247 ff".
Godwin, Parke, 326.
Goldsmith, Vicar of Wake/., 38.
Gongora 62.
Gower 69.
Gregor v. Bechada 333.
Gregor der heil. 64.
Grenier, Ed., 353.
Grundtvig 262. 265. 272 f. 281.
Guillaume de Guilleville 104.
Guillaume de Lorris 88 f.
Guillem Anelier v. Toulouse, Troub.,
336. 338.
Guillem V. Berguedan, Troub., 337 f.
Guillem v. Cabestanh. Troub., 341 f.
Guillem v. Cervera , Troub. , 339.
Guillem v. Mur, Ti-oub. , 339.
Guillem v. Tudela, Albigenserchr.
333, 335 f. 338.
Guiraut v. Cabrera, Troub., 332.
337.
Guiraut v. Calanson , Troub., 335.
337. 344.
Guiraut Riquier, Troub., 336. 339.
Gutierrez , Ant. Garcia, Un dnelo
195.
Gutierrez , J. M., 44.
Guyot des Herbiers 211.
Hartzenbusch , J. Eng., Cuentos y
fdb. 188 f., El mal apösiol 194.
Haven, Alice B., Rom. 323.
Hawthorne, Monte Beni 318 f.
Herd 4.
Herr er a 184.
Hertz, Uebers. d. Rolandslieds angez.
209 ff., V. Marie de France 227 ff".
Herzog 372 f. 398.
Heyse , Paul , 259.
Higden, Kanulph , 217.
Hippeau s. Richard de Fourn. u.
Renauld de Beaujeu.
Hittel, T. H., 326.
Holland, J. C, Rom. 324.
Holmes, O. W., Rom. 320. 33U.
Homer 24. 26. 32. 34.
Huber 156 f.
Hugo V. Mataplana, Troub., 338.
Huntington, J. Vinc, Rom. 324.
Jamieson, R. J., 309.
•Jauregui 63.
Jean de Conde 102.
Jean de Meuu 88.
Image du monde 230.
Ingraham 324.
Joan Castellnou 344.
Johnson , J., 6.
Irving, Wash., 327.
Italienisch s. Toscaniseh.
Kaempe-Viser 143. 156.
Kaliiah und Dimnah 67. 167.
Kannegiefser 346. 348. 350.
Katharina, die heil., Dialoge ins
Catal. übers. 57.
Keller, A. v., 213. 224.
Kinloch 8.
Konrad, Üer Pfaffe, 224.
Krafft 259, Dante's lyr. Gedichte
u. poet. Briefwechsel übers, n.
erklärt, angez. 346 ff".
Lacaussade 354.
Lacordaire 371.
Lafuente, Mod., 202.
Lapidaire, provenzal., ined. 79,
Auszüge mitgeth. 80 f.
La Porte du Theil 79 f.
Laprade, Vict. de, 369.
Latini, Brunetto , 230.
Lefevre , Andre, Lyr. 355.
Legenda aurea 57. 64.
Leopardi 242. 245.
Lessing, EmilieGalotti im Span. 194.
Livius 64.
Lopez deAyala, Ed., El tanto por
ciento 196" fi'.
Lucan 65.
Mace, J. , 369.
Macedo, Joaq. Man. de, Leben u.
Schriften 121 ; A Nebulosa, Ana-
lyse 122 ff., Kritik 138 ff'.
Register.
479
Machault 103 f.
Madrazo, P., 182.
Magnin 212. 216. 218.
Maidmeut 8.
Malnisbury, Wilh. v., 217.
Manzoni 207.
Marbod , provenz. Uebers. seines
Liber de gemmis 81, Inhalt 82,
Auszüge 82 ff.
Marcabrun, Troub., 334 f.
Marco, Jose de, El sol de invierno
199.
Marie de France 103, Erzählungen
übers. 227 fi'.
Marsh, G. P., Philol. 328.
Marsh, Mrs., 328.
Martene 311 f.
Martinez, Alf., s. Talavera.
Martinez de la Rosa, Leben und
Schriften 204 f.
Martinus Polonus 57.
Maskenfeste, ital., 289.
Matfre Ermengan, Schriften 421 f.,
u. s. Breviari d'am.
Matthaeus Parisiensis 280. 282.
Matthaens v. Querey 336.
Melendez 181.
Mendive, Raf. , Lyr. 181.
Mendoza, Hurt, de, 68.
Meyer, Paul, Herausg. des Breviari
d'am. 427.
Michel, Fr., 210 f. 215.
Michelet, La Mer 363.
Mila y Fontanals, De los trovadores
en Espana angez. 331 ff.
Milburn, W. H., 326.
Minstrels 297 ff. 305 f.
Mocquard, Rom. 357.
Moleta der Catalane, Troub., 341.
Möllns, Marq. de, 182.
Monin 211.
Monroy, Lyr. 181.
Monti 71 ff.
Mortinier-Ternaux 370.
Motherwell, W., 8. 11 f. 13. 142 f.
309.
Motley 325.
Müller, P^ug., Rom. 357.
Müller, Th., 215.
Mürger , H., 354 f.
Muritaner 55. 65 f.
Musset, Louis de, 211.
IVegation in den roman. Spra(;hen72f.
Nisard 364 ff.
Noble, L. L., Reis. 327.
Nordamerikanische liiter. 1860 —61,
Roman 318 ft. , Religiöse Rom.
324, Reisen 325. 327, Geschichte
325 f., Biographien 326 f., Essavs
327, Philologie 328, Erzählende
Poesie 328 f., Ballade 329, Lyrik
ib., Nationalhymne 330.
Norton, Ch. , Reis. 327.
Olivier der Templer, Troub., 339.
Olmstead 325.
Ovid, Metam. 17 ff.
Pailleron, Ed., Dram. 362.
Palfrey, J. G., Gesch. 326.
Pantschatanira 107 ff.
Paris, Paulin, 219 f. 411.
Parton , J., Gesch. 326.
Pauli 87.
Peire v. Auvergne, Troub., 334.
Peire v. Barjac, Troub., 341.
Peire Cardinal, Troub., 336.
Peire v. Corbiac, Tezaur, Ausg. v.
Sachs angez. 229 ff., Leben 230,
Kritik der Mss. 231, Textver-
besserungen 231 ff.; — 344.
Peire Yidal, Troub., 335.
Percy, Relicks 3 f. 5.
Peter IT. v. Aragon, Troub., 338.
Peter III. v. Aragon, Troub., 340.
Petrarca, Ms. 49.
Pey 90.
Pinkerton 5.
Planche, Gust., 370.
Plinius 52.
Plutarch 52.
Poe, Edg., 356.
Poliziano , Stanze 94.
Polo , Marco , 65.
Ponsard 196.
Pons Barba, Troub., 340.
Prescott, Harriet E., 321.
Principe, Mig. Aug., 184. 187.
Provenzalische Poesie , Silbenzäh-
lung 331 f., Epik 332, Novelle
333, Lyrik 333 f., Beziehungen
d. Troubadours zu Spanien 334 ff.,
die in Spanien gebornen Trou-
badours 336 ff., Jongleurs 336,
Troubadours der Grafsch. Rous-
siUon 341 f.
Provenzalische Sprache, Benennung
331; Dialektisches 83; Unter-
schied vom Catalan. 343; u. s.
Waiden!-. Dial.
Raimbant v. Orange, Troub., 335.
Raimon Borengar, Troub., .342.
Raimon Bistors v. Ronssillon 342.
Rainion Yidal 331 f. 338. 344.
Ramsay, Allan . 1 IV.
Ranke' 16.
480
Register.
Renanld v. Bcaujeu, Lc f/el inconnu,
Ausg. V. Hippeau angez. 411.
417 if., Verhältnifs zu den an-
dern Redactionen, namentlich der
engl. 418, Kritik des Textes 419 ff.
Resende 05.
Reybaud, Ch. Mad., Rom. 357.
Richard de Fournival, Bestiaire
d'amour^ Ausg. v. Hippeau angez.
411 ff-, Ms. "411 f., Kritik des
Textes u. Ergänzungen aus dem
Wiener Ms. 413 ff., Jtesponse de
la dame, Ausg. v. Hippeau, 417.
Rios, Amador de los, 182. 202.
Ritson 5. 418. 421.
Roberti 243.
Rolland, Amed., Dram. 362.
Roman v. Giron le Courtois 17.
Roman v. Lyon de Bourges 53 f.
Roman v. der Rose 88. 100 ff. 105.
Romanos, Mesonero, 182.
Rosell, Cayet., 182.
Rubio 207.
Rue, de la, 210 f.
Sachs, Ausg. V. P. de Corbiac
229 ff.
Sagen von Bienenkörben 239 f. ; —
vom Fuhrmann 109 ff. ; — Hamlet
284.; — Juandelostiempos238f. ;
— Mantelfahrten 1 10 ff.; — Schwa-
nenritter 2G3.; — Seth's Sendung
in das Paradies 237.
Salust 64. 09.
Samaniego 187.
Sand, George, 356.
Sandras, Etüde sur Chaucer angez.
85 ff.
Sardou, Vict., Dram. 361 f.
Sassetti, Fil., 289.
Saxo Grammaticus 268. 278. 280.
284.
Schack 347.
Scott, Walter, 6 f. 12.
Scribe, Eng., 370.
Seneca 64 f.
Server! r. Gerona , Troub., 339 f.
Sharpe 8.
Sieben weise Meister, ital. Versionen,
Erasto 166. 168; eine neu aufge-
fundene 106 ff., Sprache 168, In-
halt 169 ff., Tabelle über Zahl
und Anordnung der Erzählungen
in den verschiedenen Versionen
des Abendlandes 173 f.
Sierra 189.
Smims, W. G., Lyr. 329.
Simon, Jul., 369.
Spanisch - Amerikanische Romane
37 ff., Lyrik 181.
Spanische Handschriften s. Escorial.
Spanische Nationalliter. 1860 — 61
180 ft"., Lyrik 180 f. (Bomariceros
des afrikan. Kriegs 182), Preis-
gedichte 183 , Pros. Erzählung
184 f. 190 f.; Fabel u. Erzähl,
in Versen 186 ff"., Roman 191 ff'.,
Drama 193 ff"., Geschichtschreib.
202 f., Beredtsamkeit 204 ff'., Aka-
dem. Abbandlungen 206.
Spanische Poesie, Einflufs der pro-
venz. 345; — Romanzen 147. 152.
156 f. 182. 305.
Spanische Sprache 63.
Statins 26 ff. 100.
Steinhöwers Uebers. des Decame-
ron, Ausg. v. Keller angez. 106 ff.
Stowe, Mrs., 322.
Sueton 69.
Swift 118 ff.
Talavera, Erzpriester von, 60 f.
Tasso , Gcrasalemme 18. 26.
Tejada, J. Gonzalez de, Lyr. 181.
Thomas v. Aquino 64.
Tigri 114 f.
Tirso de Molina 194.
Tomich 55.
Toreno 206.
Toscanische Volkspoesie 114 f. ;
— Volkssprache 114. 117; —
Sprichwörter 116.
Trueba, Cuentos 189.
Tyrwhitt 210.
Valdes , J. , Didlogo de la lenc/ua
02. 158.
Valerius Flacciis 32.
Valerius Maximus 56. 64.
Vegecius 64.
Villegas 181.
Villon, Ballade de l'honneur fran^:,
Textverbesserung 238.
Villoslada, Rom. 191.
Virgil 17 ff.
Vitruvius 51.
Wace 216 f.
Waldensischer Dialect, Laufverhält-
nisse 374 ff"., Auslaut 374 f., In-
laut 370 ff"., Ai\\&\it380 ;— Flexioi)
des Nomen 380 f. , Pronomen
381 f., Hülfszeitwörter 386, starke
Conj. 387 ff"., einzelne Verba ders.
388 ff".; — Wortbildtmg, Ableit-
ung 392 f., Zusammensetzung 394,
Präpositionen394, Adverbia 3941'.,
Conjunctionen 395 f.; — AUge-
Verbesserungen.
481
meiner Charakter 397 f., Verhält-
nifs zum Französ. u. Italien. 397 f. ;
— Heimath des Dialects 398.
Waldus, Petr., Bibelüber.s. 372.
401 f.; _ Tractate 400.
Warner, Misses, 322.
Weber, H. , 7,
Wey, Francis, 356.
Whitelaw 10.
Whittier, J. Greenleaf, Lvr. 329.
Wiflfen, Benj. B., 164.
Wigalois 417.
Winthrop, Th., Rom. 321.
Wolf, Ferd., 147 f. 156 f. 298.
Woodworth, Sam. , Lyr. 329.
Wyntoun 151.
Ximenes, Verf. des Crestia, 55. 56.
Zambrini, Franc., 167.
Verbesserungen.
Seite 56 Zeile 12 lies Werk statt Wort.
81 - 35 - salis statt salus.
98 - 33 - latitante statt latitaute.
260 - 24 - einiger statt einer.
- 260 - 35 ergänze 1862.
311 - 34 lies on statt ou.
Nachzutragen: Band III. Seite 410 Zeile 27 1. Anordnung st. Anwendung
Druck von F. .\. Brockhaus in I^fliprig.
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